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Wessen Kind bin ich?
Vornan von Fr. Lehne.
(Urheberschutz durch C. Qldcrmann, Romanzentrale Stuttgart.)
5. Fortsetzung Nachdruck verboten.
©in dumpfes Schuldgefühl erfüllte die Frieda; hatte sie der Lotte nicht das häßliche Schimpfwort zugerufen, würde die vielleicht gar nicht daran gedacht haben, es an Ebba heimzuzahlen, an Ebba, die sie alle so gern hatten.
2lber die Lotte hatte ihre Geduld auf die äußerste Probe gestellt. ..Dumme Bauerntram- pel" lieh sie sich nicht schimpfen — am allerwenigsten von einer, die gar nichts war und gar nichts hatte, nicht mal einen richtigen Vater — und sie, Frieda, würde mal den großen Hof kriegen — —
Ebba riß ihre Hand aus der Friedas. „Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahrl Das ist nicht wahr", schrie iie, auf Lotte zustürzend.
„Wohl ist es wahr, du Findelkind! Brauchst wirklich nicht so eingebildet zu sein! Frage doch deinen Pflegevater! Er und der Pfarrer sind doch auch bei meinen Großeltern gewesen und haben gesagt, sie sollen nicht darüber sprechen, daß du bloß ein Findelkind bist. Die Großmutter hat es mir selber erzählt."
Da brach Ebba in heißes, verzweifeltes Wernen aus. Was sie erfahren, war zu schrecklich, als daß sie es überhaupt schon richtig fassen konnte.
Frieda Heitmann konnte ihren Liebling nicht weinen sehen; das große kräftige Mädchen stürzte . auf Lotte Mähler zu und gab ihr ein paar derbe Ohrfeigen. Lotte schrie laut, wehrte sich aber und schlug wieder.
Durch den Lärm herbeigerufen, kam der Lehret. -der in der Küche bei seiner Frau das Frühstück eingenommen. Mit einem Blick erfaßte er, daß sich etwas Außergewöhnliches zugetragen haben mußte — seine Ebba in Tränen, ganz verändert das liebliche Kindergesichtchen, wie er es nie gesehen. Schreck erfaßte ihn.
Auf seine Frage, was vorgefallen, schwiegen die Kinder, eines zum andern sehend, ob das nicht sprechen wolle. Sein Auge fiel auf Lotte Mähler, die in verbissenem Trotz dastand; ah, sie war sicher, wie gewöhnlich, die Anstifterin des Streites gewesen. Er wandte sich an sie. „Was war? Gib Antwort!"
Lotte zuckte die Achseln.
„Frieda Heitmann ist schuld. Sie hat mich .Bankert' geschimpft, und dann hat sie mich noch geschlagen."
„Frieda, wie .kannst du —
Der vorwurfsvolle und zugleich schmerzliche
Ton des verehrten Lehrers beschämte Frieda, die dunkelrot wurde.
„Herr Lehrer, die Lotte hat mich zuerst geschimpft. Sie hat gesagt, ,du dummer Dauerntrampel', und dann, dann habe ich sie geschlagen, weil, weil--“ Frieda konnte nicht weiter
sprechen; bitterlich schluchzte sie auf."
— weil —? Warum vollendest du nicht, Frieda? Und warum weinst du, Ebba? Hast du gar nicht mitgestritten?"
„Rein, Ebba hat nicht gestritten; sie ist ganz unschuldig", riefen die Kinder, „aber die Lotte hat zu Ebba etwas sehr Häßliches gesagt, und darum hat die Frieda sie geschlagen —"
„Was hat sie zu Ebba gesagt? — Run, Ebba —? War es gar so schlimm?"
Liebevoll wollte er das Töchterchen umfassen; doch mit einer zuckenden Bewegung entwand sich Ebba ihm.
Da sagte Lotte Mähler trotzig, kreidebleich und mit funkelnden Augen: „Ich habe gesagt, daß die Ebba ein Findling ist — also auch gar nichts Besseres als ich —"
„Mein Himmel!" stöhnte da der Lehrer.
Er legte die Hand an die Stirn und war bis ins Innerste getroffen. Daran hatte er wirklich niemals gedacht, daß ein unbedachter gehässiger Kindermund das Geheimnis, das Ebba nie erfahren durfte, in so brutaler Weise enthüllte.
Seine arme Frau und das noch bedauernswertere Kind, dessen mimosenhaftes Zartgefühl er ja so gut kannte!
In kalter Wut hätte er sich auf die Lotte Mähler stürzen können, die ein Unglüd an- gerichtet, das ja nie wieder gutgemacht werden konnte. Ach, Kinder sind doch die grausamsten Geschöpfe.
Und er konnte die Missetäterin gar nicht einmal strafen. Er ballte die Hände zu Fäusten. preßte die Zähne aufeinander, um sich zu beherrschen. Er sah die Lotte nur an, aber mit einem Blid, vor dem das ziemlich unempfindliche Geschöpf doch die Augen niederschlug.
„Komm, mein liebes Kind!" wandte er sich dann an Ebba, ihre Hand fassend.
Das Wasser stand ihm in den Augen, als er in das totenblasse Kindergesichtchen blidte.
„Ich bin euer Kind doch nicht!" sagte sie voller Verzweiflung.
„Du bist unser einzig geliebtes Kind! Der Himmel hat dich uns geschenkt, wie er uns deinen Bruder, den Christel, geschenkt hat. Frage auch die Mutterl"
Er ging mit Ebba zu seiner Frau.
Gemieden stand die Lotte da, gemieden von allen Kindern, die sich dicht zusammengedrängt hatten und mit feindseligen Bliden die boshafte Mitschülerin musterten. Und bitter empfand Lotte die Verachtung der anderen.
Als die Schulstunde wieder begann, fehlte Ebba. Lehrer Lenz hatte sie bei seiner Frau gelassen. .
Es wäre ihm unmöglich gewesen, das olasse, todtraurige Kindergesichtchen vor Augen zu haben; seine ganze Kraft hätte es ihm genommen.
Er mußte sowieso schon alles aufbieten, um bei der Sache zu bleiben; denn seine Gedanken waren immer bei seiner Frau, der er das Dor- gefallene doch hatte sagen müssen." „Christian!"
Schreckensbleich hatte sie ihn angestarrt, dann mit einem wehen Aufschluchzen das Kind in die Arme gerissen.
„Das ist nicht wahr, was die Lotte gesagt; sie hat sich das nur ausgedacht, dich zu ärgern! Du bist unser geliebtes Kind."
„Sie hat gesagt, meine Eltern seien Seiltänzer oder Zigeuner gewesen, die hätten mich ausgesetzt."
Frau Lenz versuchte ein Lachen. „Kleines Dummchen! Zigeuner setzen keine Kinder aus, die stehlen welche! Du bist doch kein Zigeuner- kind, die sind doch schwarz, so wie die Lotte, die könnte eins sein! Frage doch auch den Herrn Pfarrer."
Alles mögliche brachte Frau Lenz vor, um Ebba zu beruhigen; doch den Unglauben und die Verzweiflung, die sich so deutlich auf Ebbas Gesichtchen ausprägten, die konnte sie nicht zum Schwinden bringen; zu tief hatten sich die boshaften Worte Lotte Mählers in ihrem Innern festgehakt, immer mutzte sie von neuem darüber nachgrübeln.
Seit diesem Tage war das unbefangene fröhliche Kind ein anderes, ernst und verschlossen, mit einem traurigen Ausdruck in den Blauaugen; selbst die verdoppelte Liebe und Zärtlichkeit der Eltern vermochte nicht, ihre Fröhlichkeit wieder zu toeden.
Der Pfarrer war empört, als er erfuhr, was Lotte Mähler angerichtet. Er ftefite sie zur Rede. Ohne Erfolg. Denn sobald sie Ebba sah, höhnte sie: „Du Findelkind! Es ich wohl wahr, du bist doch eins!" Und sie kostete voll den Triumph aus, die beneidete und gehatzte Mitschülerin so ge- demütigt zu haben. , ,
Wie ein Peitschenhieb sah dieses böse Wort; es nagte und fratz an Ebba. Ein Findelkind, das war doch etwas Schredliches, Verächtliches; sie wagte sich kaum noch unter die anderen Kinder. Auf das Schloß tootlte sie auch nicht mehr gehen. Sie schämte sich, kam sich unehrlich vor, weil ihre Eltern sie verstoßen hatten.
Inga weinte um die Spielgefährtin; sie wollte ohne Ebba nicht mehr lernen!
Der Pfarrer hatte auf dem Schlosse erzählt, was sich zugetragen. .....
„Frau Lenz leidet unbeschreiblich; fte ist mit I ihren Verven beinahe wieder so weit wie damals
nach dem Tode ihres Töchterchens; mir tut die Familie so leid!" sagte der Pfarrer bekümmert.
„Dem wollen wir bald abhelfen I Wir holen uns einfach die Ebba, nicht wahr, Inga?" meint« die Gräfin.
„O du Herzensmama!" Jubelnd fiel ihr 3nga um den Hals, und sie drängte, daß man bald 8X nächsten Rachmittag ging die Gräfin mit Inga ins Dorf. Selten, daß man die Dame dort sah, daher war heute die Reugierde groß. Ah, man hatte es sich gedacht: sie war im Schulhause verschwunden.
Ebba hatte niemanden kommen sehen; sie sah ganz nerftedt im Garten und machte Handarbeiten.
„Ebba--Ebba--!"
Sie lauschte auf, als sie ihren Ramen hörte. Das war doch Ingas Stimme?
Sie wagte sich nicht zu rühren, als das Rufen näher kam. — „Ebba —, Ebba —
Und dann stand Inga vor ihr, sie vorwurfsvoll fragend: „Warum bist du nicht gekommen? Ich habe immer auf dich gewartet! Run wollen wir dich aber holen, Mama und ich! Sie ist drinn bei deiner Mutter!"
„Mutter? ich kenne meine Mutter nicht! stietz Ebba schmerzerfüllt hervor, „ich bin doch bloß ein Findelkind, mit dem du gewih nicht mehr spielen darfst."
Inga tippte bezeichnend mit dem Finger gegen ihre Stirn. ., , „ ,. _
„Quatsch!" sagte sie derb, „wäre ich sonst hier? Ein Findelkind bist du nicht, sagt Papa, unt> 6 er muh es doch wissen, Papa weiß alles. Die Mahler hat gelogen — — und das glaubst du
Ach, es war etwas in Ebba, das der Lotte Mähler glaubte, obwohl es doch eine Unmöglichkeit war. Die Lotte war ja so boshaft und schlecht und log das Blaue Dom Himmel herunter; aber dieses hier, das hätte sie sich doch nicht ausdenken können, nein! Ein instinktives Gefühl sagte dem Kinde, daß die Lotte diesmal ausnahmsweise nicht gelogen hatte, denn sonst wäre der Vater ganz anders gegen die Lügnerin aufgetreten. Em Geheimnis muhte über ihrer Geburt walten, da mochten alle sagen, was sie wollten.
Ebba muhte Ingas Drängen folgen und mit ihr ins Haus gehen. Sie grüßte in ihrer zierlichen, anmutsvollen Weise die Gräfin, die sie in den Arm nahm und ihr einen Kuh auf Stim und Wangen örüdte. t t
Weißt du auch, kleine Ebba, dah du Inga sehr betrübt hast, weil du nicht mehr zum Lernen und Spielen gekommen bist?"
„Mama, Ebba hat gedacht, ich darf nicht mehr mit ihr spielen!" rief Inga.
Aber kleine dumme Ebba, tote kommst du nur darauf? Im Gegenteil, Ebba! Deine Freundin hat so viel Sehnsucht nach dir. dah wir dich unbedingt gleich mitnehmen." (Fortsetzung folgt.)
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Der Gerichtsvollzieher Balthasar Dem in Gießen ist am 1. November 1931 auf Grund des Gesetzes über die Altersgrenze der Staatsbeamten vom 2. Juli und 19. De. zember 1923 in der Fassung des Gesetzes vom 8. Oktober 1925 in den Ruhestand getreten und steht die Rückgabe der von ihm geleisteten Dienstkaution in Frage. Es ergeht daher die Aufforderung, etwaige Ansprüche aus dem Dienstverhältnis des genannten Gerichtsvollziehers in einer Frist von 3 Monaten bei dem Amtsgericht Gie- ßen schriftlich ober zu Protokoll des Urkundsbeamten anzumelden, widrigenfalls sonst die Dienstkaution zurückgegeben wird.
Gießen ben 11. November 1931.
Der oienstaufsichtführenbe Richter ____________bes Amtsgerichts. 78000
Lagd-Verpachtung -er Gemeinde Atzbach.
Am Mittwoch, bem 25. November 1931, nachmittags 2 Uhr, wirb die Jagd der Gemeinde Atzbach in der Gastwirtschaft Weber, Atzbach, laufend vom Verpachtunys- tage bis zum 31. März 1940 öffentlich meistbietend verpachtet.
Der Jagdbezirk umfaßt 814 Hektar, davon 243 Hektar Wald. Das Revier hat einen sehr guten Reh- und Hasenbestand, daneben gute Hühnerjagd, Fasanen und Enten. Das Re- vier liegt an der Bahnstatton Atzbach der Strecke Wetzlar—Lollar, ober Station Dutenhofen — 20 Minuten entfernt —, bet Strecke Frankfurt—Gießen—Köln—Kobl- b^Verpachtungsbebingungen können bei bem Unterzeichneten eingefehen ober gegen vor- fieriae Einfenbung von 2 RM. bezogen werden. 7782D
Atzbach, ben 14. November 1931.
Der Jagbvorsteher: Brückmann.


