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Nr. 269 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, |7. November syZs

Oie spanische Iran tritt in die Politik.

Don unserem v. Oss.-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Madrid, Oktober 1931.

Dei der Beratung über die Gleichstel­lung der Frau mit dem Mann in der Politik hatte die spanische Nationalversammlung heiße Kämpfe zu bestehen. Hart stießen die Mei­nungen aufeinander, und nicht einmal die beiden einzigen weiblichen Abgeordneten, die Sih und Stimme in der Versammlung haben, Clara Cam­po a m o r und Viktoria Kent, konnten sich einig werden. Während die erstere mit warmem Herzen die Gleichberechtigung der Frau forderte, und in stundenlangen Ausführungen klarzumachen ver­suchte, welche Vorteile die junge Republik davon haben würde, stellte sich die letztere genau auf den gegenteiligen Standpunkt, obwohl sie selbst nicht nur Deputierte, sondern außerdem noch General­direktor des gesamten spanischen Gefängnis- wesens ist. Ohne Furcht vor der Rache ihrer Ge- schlechtsgenossinnen erklärte sie in harten und dür­ren Worten, die spanische Frau sei noch in f ei­ne t Weise reif für ihre politische Mission und müsse erst von der Republik er­zogen und geschult werden. Die Parteien aber betrachteten die ganze Angelegenheit einzig und allein von dem Standpunkt aus, ob sie sich von der Gleichstellung der Frau einenStimmen- z u w a ch s erwarten könnten oder nicht. 3e nach Schätzung fiel ihre Stellungnahme aus. Blüten aus der Begründung von Ablehnungen waren ge­nug zu hören, sie lauteten mehr oder weniger alle wie folgt:Wir sind dagegen, weil das Frauenstimmrecht nur dazu beitragen wird, die R e a k t i o n zu stärken", oderSolange die Frauen an den Beicht st uhl laufen, kommt ihre po­litische Gleichberechtigung mit dem Manne über­haupt nicht in Betracht" u. a. m. Vergeblich aber wartete man darauf, daß wenigstens einmal je­mand aufstehen würde, um vorurteilslos das Grundproblem der ganzen Frage vorzutragen, und das Für und Wider von einer höheren Warte aus zu beleuchten. So war denn auch das Ergebnis der Abstimmung eine reine Zufallssache und die spanischen Frauen haben die nunmehr gesehgewor- dene Gleichberechtigung mit dem Mann in der Hauptsache nur dem Umstand zu verdanken, daß ein Dutzend Abgeordneter sich gerade während der Abstimmung bemühte, die vom Schreien heisere Kehle im Restaurant wieder einzuölen.

Tatsache ist also, das; die spanische Frau nach Vollendung des dreiundzwanzigsten Lebensjahres ebenso wie der Mann gleichen Alters aktiv und passiv wahlberechtigt ist. Dieses Novum aber bedeutet nicht mehr und nicht weni­ger, als dah die politische Zukunft Spaniens mit einem undurchsichtigen Schleier verhängt worden ist. Wer Spanien wirklich kennt, der weih, dah die spanische Frau im Innersten ihres Herzens immer radikal war und ist. Kompromisse aller Art sind ihr unsympathisch und wesens­fremd, sie unterscheidet sich darin ganz wesent­lich von den Frauen anderer europäischer Länder. Die Spanierin bleibt entweder unschuldig oder sie schlägt über alle Stränge, sie wahrt als Frau die eheliche Treue mehr als irgendeine andere oder sie läuft ihrem Mann über Nacht davon, um sich nie mehr sehen zu lassen. Zwischendinge kennt sie nicht. Dieser Radikalismus wird sich natürlich auch auf die Politik übertragen, und man kann heute schon prophezeien, dah die Spa­nierin entweder ausgesprochen rechts mit religiöser Tendenz oder extrem links wählen wird. 3n welchem Verhältnis dies aber geschieht, das läht sich nicht Voraussagen. Einen Vorgeschmack allerdings gaben schon die Ereig­nisse der letzten Wochen. Während in Nord­spanien die Frauen jede klerikale und konservative Bestrebung mit allen Mitteln förderten, sich aktiv an Demonstrationen beteiligten und Prozessionen arrangierten, erklärten die Mädchen und Frauen verschiedener andalusischer Dörfer die freie Liebe und marschierten mit den Kommunisten in Reih und Glied.

Zusammenfassend kann man sagen, dah die Nationalversammlung eine schwere Verantwor­tung mit dieser Entscheidung auf sich genommen hat. Zum leichteren Verständnis dieser Behaup­tung vergegenwärtige man sich den Werdegang der Spanierin. Jahrhundertelange Tradition, aufgebaut auf muselmanischen Sitten und Ge­bräuchen, hat die Spanierin von den Stürmen und Wirren des öffentlichen Lebens ferngehalten und sie ausschliehlich auf rein frauliches Wirken beschränkt. Unter der Führung des Mannes, nicht selten unter seiner Diktatur, verlief ihr Leben im Hause zum Wohle der Familie als Rückhalt und Stützpunkt der Gemeinschaft. Nun soll sie

Oie Pokalspiele der Gruppe Lahn.

Am vergangenen Sonntag wurden in der Gruppe Sahn Pokalspiele ausgetragen, die folgende Ergeb­nisse zeitigten. Die Spielvereinigung 1900 Gießen blieb gegen den Sportklub Wetzlar-Niedergirmes mit 1:0 Sieger. Der Sportverein Wetzlar entschied das Spiel gegen die 1. Mannschaft des VfR. Butzbach mit 4:1 für sich, Dillenburg gewann auf eigenem Platze gegen Hartenrod hoch mit 7:0 Toren und Wallau unterlag überraschend gegen die Botten­horner auf deren Platz mit 3:2. Sportklub Wetzlar, Hartenrod, Butzbach und Wallau scheiden dem System entsprechend aus den Pokalspielen aus.

In der zweiten Pokalspielrunde der Gruppe Lahn treffen am Sonntag, 29. November nunmehr fol­gende Mannschaften aufeinander: Die Spielvereini­gung 1900 hat auf eigenem Platz die Dillenburger zu Gast, Bottenhorn spielt in Wetzlar gegen Wetz­lar-Niedergirmes und Ehringshausen (Kreis Wetz­lar) tritt gegen Wiesenbach zum Pokalspiel an. Das einzige Punktspiel des vergangenen Sonntags, das <5piei Frohnhausen (Dillkreis) gegen Wiesen­bach, endete unentschieden 2:2.

Gpielvereinigung 1900 Gießen.

Der vergangene Sonntag brachte auf dem Sport­platz an der Liebigshöhe ein interessantes Pokal­spiel. Die ersten Mannschaften der Spielvereini­gung 1900 und des Sportelubs Wetzlar-Nieder­girmes standen sich gegenüber. Das Tressen endete mit einem Sieg der 1900er, der allerdings nicht knapper ausfallen konnte, als er aussiel. Man erwartete eigentlich einen höheren Sieg der Blau­weißen als jenes 1:0, das immer wieder die Ver­mutung zuläßt, daß der Gegner nicht viel weni­ger auszuweisen hatte, als der Sieger. In diesen-, Spiele war es auch tatsächlich so. Zwar reichten die Gäste nicht ganz an das technische Können der Einheimischen heran, sie waren im Spielauf­bau nicht so durchgebildet als die 1900er, aber sie ersetzten dieses Manko durch erhöhten Eifer, der auch dieses für sie ehrenvolle Ergebnis zustande kommen ließ. Das Treffen konnte aber auch sehr gut unentschieden enden, denn die Wetzlarer liefen besonders in der zweiten Halbzeit zu besserer Form auf, die verschiedentlich gefährliche Situationen im Gefolge hatte.

Heber den Spielverlauf ist nicht allzuviel zu sagen. Der Ball ging flott hin und her. Das Spiel behielt'stets das Tempo bei, das zu Beginn vorgelegt wurde. Die 1900er gingen zuerst in Füh­rung. Zeiler gab in der 8. Minute sehr geschickt zu Heilmann: Heilmann gab uneigennützig an Wilhelmi weiter, der, ohne daß auch nur ein Verteidiger des Gegners den Versuch zur Be­hinderung machen konnte, an dem verdutzten Tor­mann vorbei zum ersten und einzigen Tor des Spieles einschoß. Die Wetzlarer liehen sich durch diesen Erfolg der Gastgeber nicht beeinflussen, spielten unverdrossen weiter und drängten stets aus den Ausgleich, der ihnen versagt sein sollte. Wäh-

plohlich aus ihrem häuslichen Frieden heraus­gerissen werden und gleichbcrech.igt mit dem Mann Politik machen. Fürwahr ein gewagtes Unterfangen!

Dazu kommt als weitere Erschütterung des weiblichen Seelenlebens die nunmehr auch be­schlossene Einführung der Scheidung. Obwohl der ursprüngliche Entwurf des Schei­dungsartikels, der sogar ein Vorrecht der Frau dem Manne gegenüber einführen wollte, in der endgültigen Fassung abgeschwächt wurde, bleibt die Tatsache der Ehescheidungsmöglichkeit auf Grund beiderseitigen Einverständnisses oder An­trags einer Partei immer noch (für Spanien) re­volutionär genug. Es ist abzuwarten, welche Folgen diese Neuerung auf das spanische Fa­milienleben haben wird und wie sich die spanische Durchschnittsfrau damit abfindet.

rend auf der Seite der 1900er die Verteidigung immer wieder den Gästen den Erfolg verwehrte, (der Sturm der Gäste war nicht sehr gut besetzt), ließ der Sturm der Platzbesiher kurz hintereinan­der einige zwingende Torchancen aus. Der Ball gind etliche Male hoch über die Latte, auch da­neben, aber nur nicht in das Tor. Der Tormann der Wetzlarer war übrigens nicht schlecht und eine Anzahl von Bällen hielt er durchaus zuverlässig. Schmidt im Tor der 1900er war seiner Mannschaft wieder ein starker Rückhalt. Eine sehr gute Figur machte der junge Schmidt auf Linksaußen. Er gab so verständnisvoll die Bälle im rechten Augenblick nach innen, so daß der gegnerische, rechte Vertei­diger ziemlich kaltgestellt war. Heilmann war gut, Wilhelmi ließ etwas an Klarheit zu wünschen übrig, war auch im Torschuß unsicherer denn sonst: die übrige Mannschaft tat schlecht und recht ihre Pflicht. Etwa 600 Zuschauer folgten aufmerksam dem Kamps'oerlauf. Schiedsrichter S P u r k (Butz­bach) war dem Spiel ein sicherer und gerechter Leiter.

Skifahrten in der blauen Silvretta."

Das Institut für Leibesübungen an der Uni­versität veranstaltet heute um 20 Uhr in Ver­bindung mit dem Skiklub Gießen in der Neuen Aula einen Lichtbildervortrag, der alle Freunde des schönen Skisports lebhaft interessieren dürste. Redner ist d r bekannte Alpinist Hauptmann a. D. Freund (Galtür/Tirol), der von seinen Ski­fahrten in der winterlichen Pracht der blauen Silvretta sprechen wird. Der Vortrag wird be­lebt durch eine Reihe von Lichtbildern, die der Redner selbst aufgenommen hat. Näheres ist aus der gestrigen Anzeige ersichtlich.

Siegerehrung

des Männerturnvereins Gießen.

Arn Samstagabend vereinigte der Männerturn­verein Gießen seine erwachsenen Mitglieder und eine Anzahl eingeladener Gäste zu einem Winter­fest, mit dem gleichzeitig die Ehrung der siegreichen Turner und Turnerinnen verbunden war. Schnei­dige Musik leitete den Abend ein und füllte die Pausen. Das Programm brachte in der Haupt­sache eine Reihe interessanter turnerischer Vorfüh­rungen, die allgemein starken Beifall fanden. Die Turnerinnen zeigten zunächst am Barren ihre Kunst und bewiesen gute Schule. Die Turner war­teten am Niederreck mit sehr diszipliniert durch- geführten Hebungen auf, dann unterhielt eine luftige Tanzeinlage die Gäste. 2m weiteren Ver­lauf des Abends wurden von Turnern und Turne­rinnen gemcinfam Stabübungen durchgeführt, die großen Anklang fanden. Sehr interessant waren sodann die Darbietungen im Volksturnen, die in der Form von Ausschnitten aus der Uebungs- stunde gegeben wurden und durch einige schön ge­stellte Pyramiden ihren Abschluß sanden. Turne­rinnen am Pferd und Turner am Barren be­schlossen den turnerischen Teil des Programms.

Nach den ersten Darbietungen hielt Rektor Kling, der Vorsitzende des Männerturnvereins, eine Änsprache, begrüßte die Mitglieder und die Gäste, wies auf die Bedeutung der Tumsache für unser deutsches Volk hin und gedachte sodann in einfachen Worten der Siege, die die Turner und Turnerinnen des Mtv. in der vergangenen Saison zu erringen vermochten. Nicht weniger als ins­gesamt 266 Siege hefteten die Mtver an ihre Farben. Unter diesen 266 Siegen sind 90 erste Siege, 39 zweite, 35 dritte und 32 Mannschafts- Siege. Der Name des Mtv. ist auf den verschie­denen Veranstaltungen würdig vertreten worden. In weiteren Ausführungen dankte der Redner den Vorturnern und Turnwarten für ihre aufopfernde Arbeit. Zum Scy^ ernannte Rektor Kling unter der Heberreichung der Ehrenurkunde den langjährigen 2. Gauvertreter Konr. Schneider (Butzbach) zum Ehrenmitglied des Vereins, und würdigte dessen Verdienste um die deutsche Tur­nersache. Gauvertreter Schneider dankte für die ihm zuteil gewordene Ehrung und betonte, daß er nach wie vor bestrebt fei, der deutschen Tum­sache in alter Treue zu dienen. Sodann erinnerte Gauspielwart Pfeiffer (Wetzlar) an das zehn­jährige Bestehen der Spielabteilung im Gau und gedachte besonders der Handballspieler des Mw. und ihres Leiters, die sich um die Förderung des Handballspieles im Gau Hessen immer ein­gesetzt haben. Die Veranstaltung nahm einen schönen Verlauf.

Gerätewettkampf Kinzenbach LannSbach Rodheini.

Am Sonntag kam ein Gerätewettkampf zwischen den Turnvereinen von Kinzenbach, Launsbach und Rodheim (ADT.) in Rodheim zum Austrag. Den Kampf konnte der Turnverein Launsbach mit 577 Punkten für sich entscheiden. Kinzenbach folgte an zweiter Stelle mit 538 Punkten. Rodheim errang nur 520 Punkte. Es ist jedoch zu berücksichtigen, daß Rodheim den Kampf mit nur sieben Mann bestritt, da der achte Mann infolge einer Verletzung aus- scheiden mußte. Im einzelnen wurden sehr gute Lei­stungen gezeigt. Der Turner Bender (Rodheim) errang mit 107 Punkten die höchste Punktzahl. Im Gesamtdurchschnitt der Mannschaften führte Rodheim mit 711/? Punkten für den einzelnen Turner, Launs­bach 69% und Kinzenbach 64% Punkte. Viele Zu­schauer folgten dem Kampf mit großem Interesse.

Arbeiter-Turn- und Sportbund.

Marburg I Gießen komb. 2:2.

Gießen war zu einem Freundschaftsspiel am Sonntag in Marburg zu Gast. Die Gastgeber lie­ferten der aus Spielern der 1. und 2. Mannschaft zusammengestellten Gästeelf ein gleichwertiges Spiel. Ganz besonders konnte das Schlußtrio der Einheimischen gefallen, das in feiner sicheren Ab­wehr für den Gießener Sturm ein schweres Hinder­nis bedeutete. So mußte sich Gießen bis Schluß mit einem Unentschieden zufrieden geben. Vorher stan­den sich die zweiten Mannschaften beider Vereine gegenüber. Hier konnten die Gießener einen 4:2- Sieg buchen. Im Sviel der Schülermannschaften konnten die flinken Gastgeber die Gäste mit einem 4:0-Sieg abfertigen.

Wetzlar I Wißmar I 2:4.

Wißmars Erste war in Wetzlar zu Gast. Die - Gäste konnten zu Halbzeit mit 2:0 Toren die Füh­rung übernehmen. Nach dem Wechsel glich aber Wetzlar aus. Bis kurz vor Schluß sah man dann verteiltes Spiel. Wißmar gelangen dann zwei schnelle Durchbrüche, die mit zwei Toren abgeschlossen wur­den. Vorher standen sich Wetzlars Schüler und Heuchelheims Schüler gegenüber. Das Spiel endete unentschieden.

Launsbach I Mendorf (Lahn) I 3:4.

Mendorf war zum fälligen Serienfpiel in Launs­bach au Gast. Die Gäste übernahmen die Führung, der Ausgleich ließ aber nicht lange auf sich warten. Halbzeit 2:2. Nach dem Wechsel übernahm Launs­bach wieder die Führung, doch konnten Allendorf abermals den Ausgleich und kurz vor Schluß das Siegestor erzielen.

Gießener Konzertverein.

II. Konzert: Wendling-Quartett.

Eine Programmänderung, die anstelle von Verdis ki-Moll-Quartetk, für dessen Aufführung sich die Urhebergebühren angesichts der heutigen Verhält- nif|e zu hoch stellten, Haydns f-Dur-Quar- t e 11 (Dp. 77; 2) einfügte, brachte den Konzert- besuchern um so mehr zum Bewußtsein, welche un­ermeßlich hohen geistigen Güter wir in der Kam­mermusik unserer Klassiker besitzen; noch dazu, wo es sich in allen drei Fällen um Werke aus der Periode höchster Meisterschaft handelte; Beetho­vens f-Moll-Quartett kann als Eingang zu den letzten Quartetten gelten, bei Haydn handelt es sich um das vorletzte feiner 83 Quartette, bei Mozart um ein Werk aus den letzten Lebens­jahren.

Und doch, welche individuelle Verschiedenheit; bei dem einen ein persönliches Lebensbekenntnis, beim andern ein musikalisches Erleben im Hochgefühl künstlerischer Meisterschaft, beim dritten ein Flüch­ten in die Welt des Ideals, ein Geborgenfein vor dem, was das Leben schuldig blieb, ein Aufblick von gehobener Warte.

Beethovens f-Moll-Quartett (Dp.95) weift mit feinen ersten Skizzen in die Zeit, wo sich ein Heiratsplan mit Therese MalfaUi, der Tochter eines Arztes, der mit dem Meister befreundet war, zer­schlagen hatte. Die BezeichnungQuartett serioso in der ersten Handschrjf ließ er später bei der Druck­legung fallen, vielleicht ein Zeichen dafür, daß der Ausdruckserioso nur für seinen Freund Nik. Zmeskal von Domanovetz, dem das Werk gewidmet war, und dem auch die Pläne des Meisters sicherlich nicht unbekannt geblieben waren, bestimmt war. Dieses Schicksalserlebnis vermag den Weg zum Er­fassen des Quartetts zu weisen; das in seinem trotzi­gen Zerwühltsein, seinem Kämpfen und seinem Rückerinnern (2. Thema) des ersten Satzes zum Lebensdokument wird. Eine Selbsteinkehr in stiller Stunde, ein Versinken in Resignation, ein Durch­ringen zu neuem Hoffen mag der zweite Satz geben wollen; jedoch wieder bricht bitterer Sarkasmus im Scherzo durch, der auch einem Ansatz von Lebens­freude (im Trio) nicht voll Raum geben will. Nach einem kurzen Rückblick voll innerem Schmerz und voll Wehmut (Larghetto-Einleitung des Finale) er­wächst drängend, zuckend ein neuer Lebensmut und mit dem Lösen aus dem Moll der Coda ersteht ein neuer urkröftiger Lebenswille.

Wie ganz anders Haydn! Hier ein Erwach­sen des Werkes aus der beglückenden Freude am Musizieren, erfüllt mit dem heiteren Frohsinn des Lebensgefiihls: alles in innerer Gelöstheit und Besinnlichkeit. Kein titanenhaftes Ringen, wohl aber innere Erhebung voll Wärme des Gefühls (Andante): kein Sarkasmus, wohl aber befreiender Humor (Menuette); heitere Lebens­bejahung im Finale.

Und nun Mozarts Klarinetten­quintett: eigentlich eine Gelegenheitskompo- sition für den Mozart befreundeten Klarinettisten Stadler. Hier galt es ein neues Problem: dem Streichkörper einen Bläser organisch zu vereinen. Und welch ein Wunderwerk voll apollinischer Beglücktheit erstand in der Loslösung vom Niederdrückenden desEwig-Gestrigen"! Welch eine Weihe, Entrücktheit, Innigkeit und erhabene Schlichtheit im Larghetto! dann welche natur- gebundene Frische im Menuett, dessen erstes Trio, nur den Streichern Vorbehalten, dunkleren Töne nachgeht, dessen zweites Trio aber ur­wüchsige Heiterkeit mit seinem Klarinettenthema ausstrachlt. Das Finale ein blühender Kranz von Variationen in seinem Wechsel der Farben und des Lichts; mit der eigenartigen Ausdruckskraft der Viola: noch ein klangliches Sichausbreiten im Adagio; dann aber ein Heberfchäumen in der Coda.

Es kann nicht genug darauf verwiesen werden, mit welcher sachlichen Hingegebenheit das Wend­ling-Quartett sich der Werke annahm. Es liegt eine vornehme und geistige Art in seinem Musizieren, ohne jede Gewoltthett und Ueberspitzt- heit. Hier hat man stets das Gefühl, so und nicht anders kann und darf es fein. So, in voller Natürlichkeit ersteht alles in der ihm zukommenden Ausdrucksgeftalt. Besonders aber fällt die über­aus gleichwertige Besetzung aller Stimmen ins Gewicht. Hier gibt es keinen zweiten Geiger im Nebensinne dieser Bezeichnung, hier einen sich die vier Instrumente zu einem organischen Klangkörper, in dem der einzelne aber nicht untergeht, sondern das Gepräge individueller Geistigkeit in seinem Aus­wirken offenbart. So wurden jedem der Meister sein volles Recht: bei Beethoven eine gänzlich andere Klanggabe als etwa bei Haydn. Hier besonders sei der Stelle im Andante gedacht, wo nach der Durch­führung durch das Cello sich die Geige quasi konzer­tierend erhebt und der Klang zu einer orchestralen Steigerung herauswuchs, die in ihrer Größe unbe­

grenzt erschien. Bei Mozart das feine klangliche Ge­hobenfein, die überaus klare Herausarbeitung des Thematischen bei der solistischen Führung der Stim­men; dann aber auch die starke Stimmungsgebun­denheit im Larghetto.

Nur in Verbindung mit einem solchen hervorragen­den Streichkörper konnte der eminente Eindruck möglich sein, den Pros. Dreisbach mit seinem Instrument vermittelte. Unter den Klarinettisten, die sich der Kammermusik widmen, gebührt ihm ohne Zweifel der allererste Platz. Man muß mit Recht er­staunt sein über die ungeahnten Wirkungen, die er seinem Instrument abzugewinnen vermag. Bei ihm gibt sich die Klarinette auf dem Untergründe der Streichinstrumente nicht wie ein Fremdkörper, son­dern sein Ton verschmilzt mit den übrigen zu einer homogenen Klangmasse, die stellenweise wie Orgel- ton den Raum durchzog. Sein Piano vermag in ätherischer Feinheit zu schweben; im duftigsten Pia- niffimo binden sich (eine Passagen zu allerfeinftem Klangfiligran. Und noch größer als das bestrickende instrumentale Können möchte die seelenvolle Musi­kalität erscheinen, mit der er seine Aufgabe erfüllte. Wie er das Larghetto blies, wie er es zu einem Augenblick höchster Weihe werden ließ, das gehört zu den stärksten Eindrücken, die einem je im musi­kalischen Leben beschieden sind! Dr. H.

Erste Hilfe für Ungeliebte.

Der größte Theatererfolg der vorjährigen Lon­doner Saison war das Stück einer Verkäuferin Dodie Smith, die sich zum ersten Mal unter die Dramatiker wagte und mit ihrem WerkHerbst- Krokus" Ruhm und ein Vermögen erntete. Die Heldin ist eine Schullehrerin, die sich vergebens nach Liede sehnt und die Tragik des Lebens der alten Jungfer durchkostet. Die Verfasserin hat daraufhin, wie sie in einer englischen Wochenschrift erzählt, zahl­lose Briefe von Frauen aus allen Teilen Englands erhalten, die das gleiche Schicksal erleiden und von der jungen Dichterin einen Rat haben wollten. Die­sen erteilt nun Dodie Smith, in dem sie den Un­geliebtenerste Hilfe" bringen will.Ich bin über­zeugt", schreibt sie,daß Hunderttausende von den .überzähligen' Frauen Groß-Britanniens ihr Schick­sal nur sich selbst verdanken. Ich bin immer wieder erstaunt über die vielen Mädchen, die weder be­sondere äußere noch innere Vorzüge besitzen und die das Recht zu haben glauben, einen Halbgott zum Manne zu erlangen. Kein Wunder, daß sie sitzen

bleiben, denn die Halbgötter laufen nicht fo zahl­reich herum. Das erste, das jede Frau lernen muß, wenn sie vor dem Los des Alleinbleibens bewahrt werden will, ist schonungslose Selbsterkenntnis. Wenn sie häßlich ist oder langweilig, so darf sie sich nicht für eine Schönheit oder ein Genie halten. Anstatt darauf zu warten, daß bas Idol ihrer Träume sich ihr eines Tages liebeglühend zu Füßen werfe, muß sie unter den Männern ihrer Bekannt­schaft sorgfältig Umschau halten und an sie nicht höhere Maßstäbe anlegen, als sie an sich selbst an- legen kann. Wie sie bas machen soll? Nun, ich hörte einmal eine Unterhaltung zwischen zwei Mäbchen in einem Frauenklub. Die eine, bie keineswegs ver­führerisch war, klagte herüber, baß sich eine Be­kannte von ihr soeben glücklich verheiratet habe, und bie Freunbin riet ihr barauf hin, jebe Ein­labung anzunehmen, bie sie von irgenbeinem be­kannten Herrn erhalte. Die anbere folgte biefem Rat unb ging in ben nächsten Monaten mit allen möglichen Leuten aus, mit Männern in gesetztem Alter, mit unscheinbaren unb schüchternen Herren, mit solchen, die einen tödlich langweilen unb beim Tanzen auf bie Zehen treten. Aber burch biefe Be­ziehungen lernte sie roieber bie Bekannten ihrer Bekannten kennen unb fand schließlich den, den sie suchte unb mit dem sie glücklich würbe. Wenn eine solche .erste Hilfe' auch nicht in allen Fällen anzu­raten ist, fo bietet sie boch einen wichtigen Finger­zeig. Auch heute noch stehen viel zu viele Mäbchen im Schmollwinkel, heucheln eine Verachtung ber Männer, währenb sie in ihrem Herzen nichts mehr ersehnen als einen Mann, machen zu hohe An­sprüche unb bleiben infolgedessen ledig. Solche ro­mantischen Ideen von Liebe, wie sie noch immer in vielen Frauenköpfen spuken, sollten ausgerottet werben. Das Wichtigste ist, baß man einen Mann finbet, mit bem man eine gute Lebensgemeinschaft eingehen kann, alles anbere, auch die sogenannte Liebe, ergibt sich bann von selbst."

Hochschulnachrichten.

Der durch die Emeritierung des Geheimen Medi­zinalrats Professor A. Czerny an ber Universität Berlin erledigte Lehrstuhl der Kinderheilkunde ist dem ordentlichen Professor Dr. Georg B e s s a u in Leipzig angeboten worden. Bessau folgte 1920 einem Rufe als Extraordinarius der Kinderheilkunde nach Marburg. Dort wurde er bald darauf Ordina­rius und siedelte 1922 nach Leipzig als Nachfolger von Thimich über.