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Stehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 165 Swettes Blatt
greitaa J7. )uli 195|
AichlZastatton, sondern Sefiation!
Don Dr. (SoreniuS, Äerlin.
Die derzeitige starke Devisennachfrage ist be. fanutlid) in erster Linie auf di« erheblichen Ät<» ditabziehungen de« Auslände» zurück- zuführen. Hier ist es vor allem Frankreich, das direkt auf dem Wege über die Schwaz und Holland einen politischen Druck auf Deutschland ausübt und in grohem Umsang zu den Devisen- ab? chungen beigetragen hat. Wie jedoch die önt- wicklung der einzelnen Devisenkurse zeigt, sind die Abzüge durchaus nicht allein auf Frankreich zu- rückzuführen, sondern, was zunächst überraschen dürfte - hat gerade Amerika schon seit April laufend in grohem Umfang Kredite au» Deutschland zurückgezogen. Ferner aber hat unzweifelhaft in den letzten Wochen in erheblichem Umfang eine Kapitalflucht ou-Deutsch- l a n d Vorgelegen. Zur Kapitalflucht rechnet k>- wohl die Legung gröberer Vermögens teile in» Ausland, sei e» nun durch Erwerb ausländischer festverzinslicher Papiere, ausländischer Aktien oder Beteiligung an ausländischen Descllfchaften. wie das Hamstern von Noten, d. h. der Verkauf von Clllart gegen den Ankauf fremder Sorten. Beide» hat in den letzten Wochen in nennenswertem Umfang Vorgelegen und beide» ist die Folge einer Wahnvorstellung, von der weite De- völwrung» kreise befallen sind. Es ist die Furcht vor einer neuenInflation. Um es gleich vorweg zu sagen, es liegt hier eine gewaltige Täuschung der Massen vor, denn in Wirklichkeit droht unS nicht die Gefahr einer Inflation Inflation heißt Kreditausweitung Hneinpumpung n uer Zahlungsmittel in den Verkehr mit dem Er'olg. daß einem vermehrten ZahlungS- mittelumlauf eine g le ichg ebliebene Gütermenge gegenüberfteht und nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage daher d i e Preise der Güter steigen müssen, oder, ander» ausgesprochen, sich der Geldwert vermindert. Nach dem herrschenden Vankgesetz ist jedoch in Deutschland eine Inflation ausgeschlossen. Vielmehr liegt die Gefahr stärksterKre- ditbeschränkung vor. d. h. eine Schmälerung deS Notenumlaufs. GS wird also einer verringerten Geldmenge eine aleichblei- bende Gütermenge gegenüber stehen und, wieder nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, ein Druck auf diePreisederGü- t c r ausgehen, sich also die Kaufkraft der Mark heben: nicht Inflation, sondern Deflation also!
Die Gerüchte über eine neue Inflation haben in breiten DevölkerungSkreisen durch den Schalterschiust der Darmstädter und Nationalbank und die Einlegung der Dankfeiertage neue Nahrung gefunden. GS hat ein Nun auf die Depositen bei den Danken und Sparkassen eingesetzt, daS Volk glaubt seine Ersparnisse gefährdet. Gin solcher Nun löst natürlich auf der anderen Seite die Notwen- digkeit au», da st die Danken ihrerseits die von ihnen anSgeliehenen Kredite mit allen Mitteln einzutreiben suchen, also Kreditkündigungen in großem Umfang vornehmen. Der Erfolg ist der, daß die Unternehmer, benen nunmehr der Dankkredit entzogen ist. sich die für Lohn- zal,langen ulw. notwendigen Mittel auf andere Art und Weife beschaffen müssen, d. h. durch Abstoßung ihrer Destände an Wertpapieren und Gütervorräten.
Die deutsche Wirtschaft ist auf einen Notenumlauf von rund 4,25 Milliarden (im Minimum) eingestellt. Wenn nun durch Entzug von Reichs- banfbemfen d.eser Notenumlauf in Verfolg der geltenden Währungsgesetze zwangsweise gedrosselt wird, so werden, vulgär ausgedrückt, Zahlungsmittel rar. Das heißt aber, daß die Kaufkraft der Zahlunsmittel steigt die Preise der Güter also sinken. Wenn mm die Reichs dank die gesetzlich vvrgeschriebene Dek - kungSgrenze des Notenumlaufs (dieser muß zu 40 Prozent durch Gold und Devisen gedeckt fein) unterschreitet, so muh sie nach § 29 des Dankgesetzes eine ft a r f e Erhöhung ih
res Diskontsatzes, also eine weitere Kredit- Verteuerung, vornehmen, wie es ja soeben geschehen ist. Jede Steigerung des Diskonts bei gleichzeitiger Kreditbe'chränkung führt aber zwangsläufig zu einer Verringerung deS Notenumlaufs. Die Unternehmen können sich eben nicht durch Wechfeleinreichungen bei der NeichSbank finanzieren, sie müssen vielmehr ihre la senden-Kre. i: bdellen un sich durch Abstoßen ihrer Destände fir.a gieren. Al v n icht Kredit- auSweitung sondern eine noch nie gekannte K re d i t be ich r ä n k u n g steht uns bevor beim die nur noch geringen Devisenreserven bet Reichs bank zwingen diese zu einer tfgorofen
Krediteinschränkung, also einer starken Drosselung des Notenumlaufs.
Deutschland wird dann gezwungen sein, seine Waren um jeden Preis auf dem Weltmarkt z u verschleudern. Hierdurch wird die deutsche Klemme zu einer internationale n Klemme und das Ausland wird sehr bald einsehen. daß es gegen fein eigenes Interesse handelt, wenn es Deutschland nicht neue Kredite zur Ueberwindung der gegenwärtigen Schwierigkeiten xur Verfügung stellt. In dem Maste, wie neue Auslandkredite nach Deutsch- । land fließen, kann der Deflationsdruck gemildert | werden.
Zwischen Deutschland und Frankreich.
Sin Elsässer zu dem gleichnamigen Buch Fritz Jaffas.
Deim Lesen des Buche» „Z w i s ch e n De u t s ch- land und Frankreich" von Fritz Jasse (Verlag I. G. Lotta Nachs., Stuttgart, Preis >2 Ml. [200]) kann sich ein Elsässer wohl kaum des Gciuhlcs erwehren, das ein Kranker hat. dem ein Arzt eine genaue Definition seines Krankheitsfalles gibt.
Die auf den Tatsachen der Geschichte aufgebaute These ist trotz aller Kompliziertheit der Wechsel- sälle wohltuend klar: Politik kontra Kultur, dieses Schmerzensthema unseres Gcenzlandes hat seinen Historiker in Wackernagel gefunden, seinen Dichter in S ch i ck e l e, seinen Philosophen, wenn auch in ganz abstrakter Form, in Albert Schweitzer. Iasfö hat diese drei Eigenschaften als Mensch in sich vereinigt, und nur so war es ihm möglich, ein Werk von solchem Ausmaß und besonders von solcher Lückenlosigkeit zu schaffen.
Daß gerade ein Nichtelsäffer bestimmt war. solche Worte der Erklärung, wenn auch nicht der Klärung, aus der müden Stimmung des Elsasses herauszuholen, ist nicht überraschend, wohl aber für unseren Eigenstolz betrübend. Wir liegen im Danne der Ereignisse, mehr als wir ahnen, wir sind abgekämpfter, mehr als wir einzugestehen wagen. Im tollen Kreiselspiel verliert man den Orientierungspol. Iafsö aber behält trotz seiner großen Anteilnahme immer die Richtung Deine objektive Deobachtung läßt sich, so groß die Versuchung auch ist, nicht durch par
teiische Begeisterung aus dem Gleichgewicht bringen. Daß indeh aus jedem Worte der Herzschlag eines liebenden Menschen zu vernehmen ist, dessen Vitalität eben doch Stellung nimmt und Wunsch und Sehnsucht aus so vornehme Art äußert bringt uns fein Duch menschlich nahe. Menschlich nahe ist uns Iasfö, seelen-HerzenS- verwandt. Solche Leute haben unter uns gelebt vor 1914! und damals konnte dennoch die rechte Stimmung nicht geschaffen werden. Mit Kummer benfen wir an das Kapitel der Unterlaffung»- fünben. Was würbe damals nicht alle» nicht getan! was für unmögliche Gelegenheiten find aber heule für die französische Negierung gut genug, um Propaganda zu schinden und zu beweisen. was nicht ist! Iasfö hat nyr zu recht mit seiner bitteren Feststellung, daß die deutsche Dauhütte einmal mehr versagt bat; die wohl- begründete Entschuldigung, daß Deutschland zu jung, die Zeit zu kurz, die Entwicklung zu überstürzt waren, ändert leider nichts an den Folgen, die wir heute tragen. Wir wollen uns hierbei nicht beschönigen und zugeben, daß auch von un». von unserer „noblessc", auf die sich die deutsche Regierung in Verkennung bet Sachlage stützte, nichts unterlassen wurde, der Annäherungspolitik die des Hemmschuhs entgegenzusetzen. Negierung und eingeborene Schicht der Notabein versagten, wo das Volk zäh und geradlinig um seine natürliche Entwicklung rang, die man damals noch
Am Nationalfeiertag fand in Paris eine französische Truppenparade statt, an der auch farbige Abteilungen, wie sie Frankreich während des Weltkrieges gegen Deutschland einsetzte, teilnahmen. Unser Bild zeigt eine Abteilung Singhalesen aus den französischen Kolonien in Zndo-China.
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In Köln Deutz wurde für die Erfinder des ersten Gasmotors, Nikolaus August Otto und Eugen Langen, ein Denkmal errichtet Das Denkmal trägt am Sockel die Namen der Erfinder und stellt ein Modell des 1867 erbauten Motors dar.
elsässisch nannte, die aber eine deutsche war.
Jassir hat die ganze Tragik meisterhaft behandelt. Wir wissen mit ihm, daß dieser Kon- slikt in keinem Punkte Aehnlichkeit hat mit dem „malaise“ schon vor 1870, ba» nun seit 1919 eine immer grausamere Fortsetzung nimmt. Jene Konflikte zwischen Reich und Reichsland waren M i ß- verständnisse. Mißverständnisse aber erfordern zu ihrer Deseitigung nicht, baß man sich von einander trehnt. Der „malaise" von heute aber fußt nicht auf Mißverständnissen, sondern auf den fundamentalen Unterschieden, wie sie sich eben zwischen dem engstirnigen Zentralismus der Jakobiner und dem kulturell andersartigen. föderativ denkenden Elsaß ergeben. Da muß einer weichen. Die Zeit arbeitet in der Regel für den Stärkeren, und der ist Frankreich. Ein anderer Verbündeter der jakobinischen Verflachungspolitiker ist der grenzenlose Materialismus von heute, wie er in den Bannmeilen der Fabrikschlote zur Vollblüte gebracht wird. Dieser entfernt bas Volks von seinem Feiertag, von seinem Debet, seinem Gesang, seiner Kultur, Die WiberstandSkraft nimmt ab, wie der klare Blick.
Wir sind so müde in Europa, und jeder ist so mit sich selbst beschäftigt, mit seiner eigenen kranken Haut, daß der Tob beS Nachbarn keine außergewöhnliche Gemütsbewegung hervvrrr«. Und sollten die heutigen Zustände anbauern, bann besteht die Gefahr, baß unser Volkstum trotz aller frommen Wünsche fanft entschläft.
^luch Frankreich baut auf die Iugenb ...
Einstweilen allerdings sind wir noch ba und stark genug, um zu glauben, auch waS wir nicht sehen. Wir bleiben nicht am Karfreitag fleben; noch ist Psingstgeist unter unS. Auch wir tragen wie Jaffe ein Flärnmchen auf der Stirn; au» unserem lamentablen Rahmen heraus drängt mächtig da» Lied vom geistig freien geeinigten Europa, von seiner freien Burg am Rhein, von bunt wehenden Fahnen, von Männern getragen, die die Heeresstraben entlang ziehen, die Stirn im Himmel, die Hand auf dem Herren und den Frieden auf dem Panier. DaS sind keine Fantasien, sondern bittere Notwendigkeiten.
Iassö war zu logisch in seinem Ausbau, al» daß er vor dem legendären Graben stehen geblieben wäre, der Frankreich von Deutschland
Blumenfrau.
Don Inqe Kann Banks.
-(Alle Rechte im Rowohlt-Verlag, Berlin W 50.)
Ein junger Mann aus dem Omnibus reicht mix hilfsbereit die Hand, alS ich in letzter Minute aufspringe. „Ham sich woll ins Ieschäst verspätet", meint er gutmütig. „Nee, ick vatrete bloß Muttern bei die Blumen", antworte ich mit etwas künstlichem Mut. „Da komm ick aber un koof ma een Bukett!", grinst mich bet Jüngling an.
Die wenigen Passanten auf dem Kurfürstendamm hasten um diese morgendliche Stunde alle in die Bureaus. Unter dem Torbogen des großen neuen Wäscheladens wartet „Muttern" schon mit den Blumen auf mich. Ich notiere mir die einzelnen Preise, und sie gibt mir noch allerlei gute Ratschläge. Dann überläßt sie mir, im Grunde ihres Herzens doch ein wenig mißtrauisch. ihren Stand; sie wird heute einmal einlauf en gehen und ihre kranke Tochter besuchen können.
Ich stelle das Tischchen, wie anbefohlen, unter einen Baum, nehme in jede Hand einen Eimer und laufe zur Pumpe. Es tst ein spaßiges Gefühl, mitten in Berlin den Pumpcnschwcngel zu ziehen. „Nanu", schreit da eine vergnügte Stimme plötzlich hinter mir. Ich drehe mich um. vor mir steht ein mir befreundeter Schauspieler. Sein berufsmäßig geschultes Auge hat mich trotz meiner Verkleidung erkannt, aber fein auf Improvi- fationen gefchu.ter Geist erfaßt auch sofort die Situation. Er ist in Begleitung einer Kollegin und sagt daher leutselig: „Na. Kleine, gib mir mal ein paar Rosen für die Dame." Ich darf sogar einen Zwanzigmarkschein wechseln, bekomme großzügig eine Mark Trinkgeld und buche besrie- b;gt meine erste Einnahme. Jetzt müssen die Blumen schnell ausgewickelt und sortiert toerberu Neugebündelt ordne ich sie übersichtlich in den Konservenbüchsen. Links die Dastsäden. rechts bas Seide npapier.
Da nähern sich energische Schritte. Der Schupo! Das Auge des Gesetzes hat bereits statt der alten Blumenfrau das fremde Mädchen erspäht. Streng herrscht et mich an: „Wo ist Ihr Gewerbeschein?" Ich werde nun doch etwas ängstlich. Aber er läßt mit sich reden. Die Ver
sicherung. daß ich diesen Beruf nur heute vertretungsweise aus übe, das Zauberwort: „Ich schreibe für Zeitungen", geben mir ausnahmsweise einen Freibrief vor dem Gesetz.
Unterdessen ist eine elegante Frau _ her angetreten, mit eingekniffenem Mund wühlt sie in den Blumen. „Was darf es denn fein, meine Dame?", frage ich nachdrücklich. „Sie haben jck nichts Rechtes, nicht mal Astern haben Sie", faucht sie mich an. „Die richtige 3?it für Astern kommt ja erst", bemerke ich höflich. „Was Sie nicht jagen", knurrt sie und mit einem empörten „Dumme Göre" segelt sie davon.
Ich betrachte meine verschmähten Blumen. Iris. Wicken. Lilien. Mohn und Veilchen. Erschrocken sehe ich. daß die ungeschickten Finger der Nörglerin eine schöne Libertyrose abgebrochen haben. Ich nehme mir vor, meine Blumen in Zukunft vor den Zugriffen unentschlofsener Käufer besser zu bewachen. Verstimmt binde ich Margeriten und Kornblumen mit Skabiosen und zarten Gräsern zu bunten Sträußen zusammen. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen.
Trotzdem belebt sich die Straße. Ich setze mich auf einen umgestülpten Eimer und lächele freundlich. Will keiner etwas kaufen —: Dte Kunden müllen ermuntert werden. — Also rufe ich lockend und unentwegt: „Prima Veilchen, der Herr!"
Endlich ersteht ein Gymnasiast für fünfzig Pfennig ein kleines Bund und läßt es hastig in seine Schulmappe verschwinden. Er hat mir Glück gebracht; eine Hausfrau wähl Margeriten. und ein fabelhafter Hispano-Suiza fährt vor. Eine alte Dame winkt mir aus dem Wagen zu. sie wünscht ein Dutzend La France-Rosen, recht knospig natürlich. Sie sucht in ihrer Handtasche nach Kleingeld. Es schien ihr fünfzehn Pfennig. Ob ich es nicht billiger machen kann. (Sonderbar, es hat sich mir an diesem Tage bestätigt: die Gröhe des Trinkgeldes scheint im genau umgekehrten Verhältnis zur Gröhe des Portemonnaies zu stehen; je reicher die Käufer waren, desto energischer versuchten sie, die Preise herunterzuhandeln.)
Das Geschäft blüht: Ein Major der Reichswehr in vollem Wichs kauft einen großen Strauß. Diefcr Glanz zieht zwei junge Mädels an, die sich kichernd einige Nelken erstehen. Eine Pensionsinhaberin kauft noch schnell ein paar Studentenblumen für den Mittagstisch. Der Japan-
Händler aus der Straße sucht sich mit Sorgsalt Feldblumen für seine chinesischen Keramiken aus. Eine zierliche Frau zupft ihren Begleiter am Aermel und bleibt stehen. Er überreicht ihr galant mehrere zartlila Iris. Gleich darauf wünscht ein junger Maler ein paar besonders schöne Exemplare davon für ein Stilleben: „Aber es darf nicht viel kosten."
Der Zeitungshändler an der Ecke bringt mir die Zeitung und benutzt die Gelegenheit zu einem kleinen Schwatz. Ihm wäre es nicht unsympathisch, wenn ich „Muttern" täglich vertreten würde. Er hält mich für ihre Nichte und fragt mich teilnehmend nach meiner bisherigen Arbeitsstelle. Ich antworte munter draus los, bin stolz, dah mir das Berlinern so gut aus dem Mund geht und der „Mann aus dem Volk" mich für seinesgleichen hält. Ein Laufbursche bittet, eine Kiste bei mir abstellen zu dürfen. Als er zurückkommt, hält er mir eine Tüte Kirschen hin: „Na. nu nehm Se man ovch wat von de Knupper." Ich greife zu mit Hunger und Rührung. Flaute ün Geschäft, allgemeine Mittagspause. Ich packe meine „Stullen" aus „Mahlzeit!" Wieder steht ein Grüner vor mir: „Ihr Kollege da drüben lagt was von unlauterem Wettbewerb, zeigen Sie doch mal Ihren Gewerbeschein!" Meine Erklärungen beruhigen zwar den Schupo, aber nicht meinen Konkurrenten von der gegenüberliegenden Ecke; und et schickt wütende Blicke zu mir herüber. Zumal wieder neue Käufer auftauchen.
Ein junger Gent will eine rote Nelke für» Knopfloch Ein paar Frauen nehmen sich Sträuße mit. Ich beobachte, daß in dieser Branche auf ein Dutzend Käuferinnen immer nur ein männlicher Käufer kommt. (Bon den vielen vorüber- flanerenben Herren, beten farbenprächtige Krawatten meine Blumen zu übertrumpfen suchen, bekomme ich leider nur Blicke zugewvrsen. Dagegen beweist ein grauer Eutaway in hellgelben Schuhen e:n so fachliches Iritcrette für meine Ware, daß es zu einem geschäftlichen Abschluß kommt. Ein Dandy mit Menjourbärtchen möchte ein Bukett für feine Dame direkt ins Hotel geschickt wissen. Es gibt doch noch Kavaliere.
Der Regen wird heftiger. Ein richtiger Wolkenbruch platscht auf das Pflaster. Kein Käufer! Die Passanten beeilen sich, unter Dach zu kommen. Ich decke rasch ein Tuch über meine Blu
men und flüchte mich auch in einen schützenden Hauseingang. Ein junger Schupo, Ablösung Nr. 3, gefeilt sich mrr zu. ®r verlangt aber keinen Gewerbeschein. Er bandelt gleich mit mir an. Er macht das sehr reizend: „Ick hab' nämlich Sonntag frei", sagt er schlicht, „und noch gar feene Freundin." Ich mache ein Rendezvous mit ihm aus. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Eine Verkäuferin springt rasch vor Ladenschluß zu mir herüber und bittet mich, ihr einige billige Rosen zurückzulegen. Ich will schon den Rest Blumen zusammenpacken, da deutet ein rundlicher Neger mit seiner schwarzen Hand auf die letzten Veilchen. Ohne zu fragen, legt er mir fünf Mark dafür hin.
„Danke schön!"
Ich rechne ab.
Die Ware hat etwa 65 Mark gekostet. Ich habe über 80 Mark in der Kasse. Bilanz, so gut wie ausverkauft.
Dazu noch drei Mark Trinkgeld.
So ist es leider nicht immer. Nicht jeden Tag decken sich Einnahmen und Ausgaben. Die Blumen sind im Einkauf bereit» ziemlich teuer. Bleibt Ware übrig, so ist sie auch im günstigsten Falle am nächsten Tage nur weit unter Einkaufspreis loSzufchlagen. Der Umfah hängt von unberechenbaren Zufällen ab. Jahreszeit, Wetter und Politik beeinflussen den Straßenhandel weit mehr, als man denken sollte. Die Blumenfrau wüßte von vielen mühseligen und enttäuschenden Tagen zu erzählen. Seit fünfzehn Jahren holt sie sich jeden frühen Morgen ihre Blumen au» der großen Markthalle im Norden. Da kaufen auch die großen Luxusgeschäfte oft die einheimischen Blumen. Die Ware ist nämlich meisten» die gleiche. Der Unterschied besteht weit häufiger in Auswahl, Aufmachung und Preis, al» in der Qualität der Blumen. Der Straßen- händler kann billiger verkaufen, weil er geringere Unkosten hat; dafür verdirbt feine Ware aber auch schneller.
Seit fünfzehn Jahren steht die alte Blumenfrau täglich von 9 bis 7 Uhr an dieser Straßenkreuzung. D e Welt hat sich inzwischen um sie verändert. Nur sie ist immer dieselbe geblieben.
Mit immer freundlichem Gesicht lacht sie unter ihrer unverwüstlichen Strohschute hervor: „Was darf» denn fein, meine Dam??"


