Ausgabe 
17.6.1931
 
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Tagung des Kn'egerbundesHassia"

Moskauer Stellen verbreitet wird, daß dritte Staaten, oder deren Interessen direkt oder indirekt davon unter keinen Umständen betroffen werden sollen, ja, daß der Berliner Vertrag zum Muster für die Verhandlungen mit Frankreich genommen werden wird, so muß die Eindringlichkeit dieser Unterstreichungen doch große Sorge Wecken. War­um betont Moskau so ostentativ, daß Deutschland nichts zu fürchten hat von diesen Besprechungen, warum wird so deutlich unterstrichen, daß etwa eine Garantie der polnischen Grenze nicht beabsichtigt sei? 3ft das etwa von Frank­reich gefordert, oder gar als Voraussetzung für den Beginn der Aussprache gewünscht worden? Berlin wir gut tun, sich diesen Verhandlungen mit aller Aufmerksamkeit zu widmen. Wiesen die Iswestija doch noch am 31. Mai in einer Be­sprechung über die Lage nach Genf darauf hin, daß Frankreich, das in den Besprechungen in Genf über die deutsch-österreichische Zollunioneinen rein negativen Sieg errungen habe", wohl sehr bald die Initiative ergreifen und das Gesetz des Handelns bestimmen werde. Und die Erwähnung der Konferenz von Chequers als einer Schlappe für Frankreich und das Bestreben, sich die fran­zösische Argumentation von einerdeutsch-engli­schen Front "zu eigen zu machen, kann nur als eine Mahnung an die Pariser Adresse aufgefaßt wer­den, sich nunmehr anderwärts nach geeigneten Ver­bündeten umzusehen.

Es erscheint zwar vorzeitig, von einer fran­zösisch-russischen Gefahr für Deutsch­land zu sprechen. Es ist aber sehr Wohl ange­bracht, auf diese neue Entwicklung hinzuweisen. Hat man übrigens in der Wilhelmstraße die Ver­handlungen über die Verlängerung des Berliner Vertrages (über die erschreckend wenig zu hören ist) genügend und richtig vorbereitet?

sische Geschäft stecken, ohne sich Sicherungen hinsichtlich der Schulden geben zu lassen. Diese Frage wird überhaupt das schwierigste Problem der ganzen Verhandlungen sein. Man weiß, wie hartleibig Moskau in der Schuldenfrage ist, und trotz seiner umfangreichen Verpflichtungen gegen­über allen ehemals alliierten Ländern ist es bis heute noch nicht einem von ihnen gelungen, auch nur eine teilweise Anerkennung der Dorkriegs­schulden zu erzielen.

Deutschland kann aus der Tatsache dieser Verhandlungen wieder einmal die bittere Erfah­rung über den Wert russischer Versprechungen und russischerAussichten" machen. Während die erste große Lieferung deutscher Maschinen auf Grund des neuesten Vertrages an der Moskauer Intransigenz und den taktischen Winkelzügen der bolschewistischen Außerchandelpolitiker sich zer­schlagen ha", scheint nunmehr ein bisheriger Auhen- feiter das Rennen zu machen. Zwar ist hierin unsere Position keineswegs hoffnungslos, und be­sonders wegen der Schuldenfrage brauchen wir uns keine grauen Haare wachsen zu lassen, da Deutschland in dem Rapalla - Ver­trag auf seine Ansprüche nur ver­zichtet hat,vorausgesetzt, daß die Sowjet-Regierung auchähnlicheAn- sprüche dritter Staaten nicht befrie- d i g t". Außerdem haben aber alle bisherigen Er­fahrungen gelehrt, daß auch die französischen Bäume in Moskau nicht in den Himmel wachsen dürften, wie es die englischen und amerikanischen nicht vermocht haben.

Aber der Pariser Zusatz in dem Bericht über die Verhandlungsaufnahme stimmt dennoch be­denklich. In ihm heißt es, daß auch über einen politischen Richtangriffspakt verhandelt wer­den solle. Wenn auch bisher von ben amtlichen

WSR. Michelstadt (Odenwald), 16. Juni. Am Sonntag wurde hier die Tagung des Krie­gerbundesHassia" abgehalten, die aus allen Tei­len Hessens stark besucht war. Am Samstagabend fand eine Begrüßungsfeier statt, an der auch der ehemalige Großherzog mit dem Erbgroßherzog Donatus teilnahm.

Die geschäftliche Tagung am Sonntag wurde vom ersten Präsidenten der Kriegerkame­radschaftHassia", Generalleutnant a. D. von Oidtmann, eröffnet. Kreisdirektor v. W e r - n e r überbrachte im Ramen des hessischen In­nenministeriums die besten Grüße zur Tagung. Bürgermeister Reff, Michelstadt, wünschte eben­falls der Tagung einen ersprießlichen Verlauf. Der erste Präsident erstattete sodann den Ge­schäftsbericht, aus dem besonders zu erwähnen ist, daß es gelungen ist, im abgelaufenen Verbands­jahre die Iugendgruppen und Schießabteilun­gen wesentlich zu vermehren. Er wies noch be­sonders darauf hin, daß es notwendig sei, sich noch mehr als dies seither schon geschehen ist. der Jugend anzunehmen. Weiter gab er noch be­achtenswerte Winke in bezug auf die Kassenfüh­rung der einzelnen Bezirke. Lieber die Kassen- verhältnisfe der Hassia gab sodann der Schatz­meister, Oberapotheker Pfannmüller. die notwendigen Erklärungen. An Unterstützungen wurde im abgelaufenen Geschäftsjahre allein der Betrag von 19113 Mk. ausgegeben. Die Summe der Gesamtausgaben beträgt 209 184,16 Mk., im Voranschlag waren eingesetzt: 186 489,26 Mk.,- die Summe der Gesamteinnahmen beträgt 208 294,90 Mark (Voranschlag 186 720 Mk.). Die Entlastung des Schatzmeisters wurde ohne weitere Debatte erteilt. Der zweite Präsident der Hassia, Ober- regierungsrat Linden st ruth, berichtete so­dann über die mit den einzelnen Versicherungs­gesellschaften abgeschlossenen Verträge.

Sodann beschäftigte man sich mit dem Thema Kriegsbeschädigtenfürsorge".

Das Referat hierzu hatte Oberleutnant a. D. Krömmelbein übernommen. Gegen die über­aus harten Bestimmungen der Rotverordnung habe sich der Ktzffhäuserbund bereits mit einer Kundgebung geäußert. Die Kriegerkameradschaft Hassia werde üjre ganze Kraft emsetzen, um die Rotstände zu beseitigen und durch unermüdliche Tätigkeit in kameradschaftlicher Treue und Dank­barkeit alles tun, die berechtigten Wünsche derer erfüllen zu helfen, die für die Verteidigung im* seres Vaterlandes die größten Opfer gebracht haben.

Im weiteren Verlauf der Tagung erstattete der Referent für Kleinkaliberschießen Bericht über diesen Zweig des Verbandes. Im ganzen sind nun 191 derartige Abteilungen angemeldet. Kauf­mann Freund, Mainz, der Leiter der Hassia- Iugend, gab dann eine kurze Erläuterung über den Stand dieser Abteilung der Hassia. Er konnte mitteilen, daß bis jetzt

in 136 Abteilungen fast 2000 hassia-Jungens zusammengeschlossen feien, die sich rege ihren Auf­gaben widmen.

Die Vorstandswahl hatte folgendes Er­gebnis: Laut Satzungen scheiden aus: Schmitz, Alzeh: Scriba. Schotten: Röder, Reichels­heim i. Odenw., und P v r t h , Offenbach. Die drei ersteren wurden durch schriftliche Abstim­mung wiedergewählt: für P o r t h , Offenbach, wurde Muhl, Fürth i. Odenwald neu gewählt. Vorth wurde in Anerkennung seines jahrzehnte­langen Wirkens im Präsidium zum Ehren­mitglied des Präsidiums ernannt. Als Ort für den nächsten Verbandstag wurde Alzeh bestimmt.

Am Rachmittag bewegte sich ein stattlicher Fest­ig durch die Straßen der Stadt nach dem Sta­dion, voran acht Berittene in den Uniformen der alten Armee. Im Stadion angekommen, schritt Generalleutnant von Oidtmann die Front der

Rochdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Moskau, im Juni.

Das Moskauer Außenkommissariat hat sich olle Methoden derverruch!en Geheimdiplomatie der imperialistischen Westmächte" zu eigen gemacht. Als Litwinow nach Genf abreiste, verlautete in Moskau nichts über die besonderen Hoffnungen, die man im Kreml hinsichtlich der Genfer Zu­sammenkunft hegte. Die Moskauer Presse war an- gefüllt mit ellenlangen Berichten über jede einzelne Phase der Verhandlungen vor dem Europa-Aus­schuß, und man gab sich den Anschein, als nehme man diese Aussprache außerordentlich ernst. Daß Sowjetruhland aber die Reise nach Genf nicht unternahm, um den Gedanken der paneuropäischen Union zu stärken, oder auch nur zur Beseitigung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in den kapi­talistischen Ländern beizutragen, konnte klar sein. Herr Litwinow wollte die Genfer Pazifisten mit ihren eigenen Waffen schlagen, er wollte den Friedensapostel mimen, um im Falle der Ableh­nung seines Vorschlages eines wirtschaftli­chen Richtangriffspaktes festzustellen, das sei der Beweis für die sowjetfeindlichen Gen­fer Machenschaften, für die Vorbereitung eines Krieges gegen die Sowjetunion. Aber in Genf hatte man ihn durchchaut. Man hat seinen Vor­schlag nicht abgelehnt, hat ihm nicht den Gefallen getan, ihm eine neue Parole zu liefern, und die Ueberweisung des russischen Vorschlages an die Unterkommission ist in der Schlußbetrachtung des gleichen sowjetamtlichen Blat es als ein wesent­licher Erfolg Litwinows bezeichnet worden. Der Außenkommissar selbst hat sich aber mit diesem Erfolg" nicht begnügt. Er hatte sich ein weiteres Ziel gesteckt, er wollte den Weg nach Paris gehen. Deshalb schmeichelte er D r i a n d, als dem Hauptmanager Paneuropas, deshalb patzte er sichtrotz der verschiedenartigen Wirtschafts­systeme ganz der Genfer Atrnosvhäre an, um über d ie pazifistische Land st ratze desDöl- k e r b un d e s de n schm a l e n P f a d zu dem Beutel Frankreichs zu finden. Und er scheint Erfolg zu haben.

Es ist überaus kennzeichnend für die Moskauer Geheimdiploma ie, datz die sowje'.russ sche Oefsent- lichkeit die erste Rachrick'^ über bi' 'n Genf Zwi­schen Litwinow und D r i a n d getro fgne Ver­einbarung über vie Aufnahme von - e^ andlungen in Paris aus der französischen Presse erfuhr. Und erst als das Außenkommisfariat von den Ver­tretern der auswärtigen Presse bestürmt wurde, bequeme man sich, zuzugeben, daß diese Derhand- lurtge; i. erster Lini: tt irtscha ilichm Fragen, dann aber auch cem Bestreuen gel.en, einen poli­tischen Richtangriffspakt ab'uschlietzen. Eine fast vier Jahre andauernde Periode schärf­ster Spannung neigt sich damit ihrem Ende ent­gegen. Rach dem ergebnislosen Abbruch der Ver­handlungen über die Schuldenfrage Ende 1927 be­standen zwischen Moskau und Paris so ungeheure Schwierigkeiten, datz die diplomatischen Beziehun­gen sich eigentlich nur noch in dem Austausch von Protestnoten und schwersten Angriffen erschöpf­ten. Der französische Botschafter Herbette spielte dabei in Mo i. au eine wenig beneidenswerte Rolle. Persönlich ist er für eine Annäherung zwi­schen beiden Ländern, aber er konnte weder die Moskauer haßerfüllten Aeuherungen gegen den französischen Imperialismus abwenden. in dem Moskau den Inbegriff aller Sowjetfeindlichk.it er­blickt, noch seine eigenen Landsleu.e zu einer Mä­ßigung bewegen.

. Wo liegt der Ursprung dieser Verhandlungen, welche Zwecke verfolgen sie und wie sind ihre Äus- ? sichten? Im Mai schrieb ins wirtschaftsamtliche " Moskauer Blatt, dieEkonomitscheskaia Schisn", 7 im Anschluß an den deutsch-russischen Lieferungs­

vertrag in einemEuropäische Gespräche und eu­ropäische Tatsachen" betitelten Aufsatz fast allzu deutlich, datz es zwar sehr erfreulich sei, wenn Deutschland und Italien eingesehen hätten, daß es notwendig sei, Rußland Kredite zu ge­währen. Beide Länder verfügten aber leider nicht über große Ueberschüsse freien Kapitals, und es werde sich erst zeigen, ob auch andere Länder,die über größere Kapitalien verfügen", ebenfalls mit Moskau geregelte Handelsbeziehungen anzuknüp- ten wünschten. Um die gleiche Zeit veröffentlichte das Autzenhandelskommissariat die Handelsbilanz, aus der hervorging, daß der russische Außenhandel andauernd p a s s i v ist. Der Ausfuhr im ersten Quartal von nur 196 Millio­nen steht eine Einfuhr von 251 Mill. Rubel gegen­über. Beide Tatsachen sprechen für sich und stoßen die Moskauer Regierung auf den Weg, der ihr die größten und billig st en Kredite ver­spricht. Der Kreml braucht zur Anschaffung der für die Durchführung des Fünfjahresplans not­wendigen Maschinen Devisen, die er sich nur auf dem Wege der Kredite, oder durch verschärfte Aus­fuhr lebensnotwendiger Waren, die er dem eige­nen Volke entziehen mutz, beschaffen kann. Gegen­über der russischen Ausfuhr verhalten sich alle europäischen Länder im eigenen Interesse sehr zu­rückhaltend, ja ablehnend, und die Kreditfrage hat weder in dem deutschen, noch in dem italienischen Lieferungsvertrag eine im Sowjetsinne günstige Regelung erfahren. Ein gerüttelt Maß Schuld dar­an trägt allerdings die Moskauer Taktik selbst, die es auch heute noch nicht lassen fanrt, das eine Land in der übelsten Weise gegen das andere auszuspielen. Jedenfalls gingen die stillen Wünsche der Müskauer Macht­haber schon lange in der Richtung auf eine Ver­ständigung mit dem kapitalkräftigsten Land in Eu­ropa in der Hoffnung, durch eine günstige Lösung der schwebenden Streitfragen in den Besitz grö­ßerer Kredite zu gelangen. Die Vorarbeiten hier­für sind seit langem im Gange. Rach dem Besuch der deutschen Industriellen hat derselbe Her - bette, trotz all seiner schlimmen Erfahrungen, immer wieder den Gedanken einer französi­schen Wirtschaftsdelegation f ür Rußland zur Debatte gestellt. Auf seine An­regung und als Ergebnis der Moskauer Propa­ganda wurde dort eine französisch-russische Kam- mergruppe gebildet, die sich eine wirtschaftliche Annäherung zum Ziel setzte. Als deren Exponent hat noch in oiesem Frühjahr der ehemalige Mi­nister de Mvnzie in Moskau einen Besuch ab- geffattet und hier die Voraussetzungen für die Aufnahme von neuen Verhandlungen zu klären versucht. Der Boden war also genügend vorbe­reitet, um in Genf die abschließenden Besprechun­gen mit Briand über das Programm und das Datum der französisch-russisch'"' Konferenz zu füh­ren. Daß die europäische (und auch russische) Oes- fentlichkeit damit vor ei.te vollzogene Tatsache ge­stellt wurden, ist nur darauf zurückzuführen, daß die Schwierigkeiten überschätzt und die bestehende Spannung als zu groß angesehen wurde.

Gleichwohl ist nicht mit einem schnellen und rei­bungslosen Verlauf und einem baldigen Abschluß der Verhandlungen zu rechnen. Die von Paris verfügten Einschränkungen der sowjetrussischen Einfuhr und die der Pariser Handelsvertretungi auferlegten Bedingungen für ihre Tätigkeit in Frankreich werden noch vielleicht die kleinsten SchwieriÄeilen darstellen. Dahinter erheben sich aber drohend die Ansprüche der französischen Rentenbesitzer und die russischenKre- di t w ü ns ch e, die die größten Hemmnisse für eine schnelle Einigung sind. Paris wird das in den Kellern der Bank von Frankreich angehäufte Gold wohl kaum leichtfertig in das risikoreiche ruf-

Moskaus Weg nach Paris

Von unserem dl.-DeriHterstakter.

Brandung deslebens

Vornan von Käte Lindner.

(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)

14. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Die Engländerin schüttelte verneinend den Kopf, während er mit einer Verbeugung an ihr vor­über durch die Halle stürmte und den List bestieg.

Oben prallte er beinahe mit Mih Galvestone zusammen, die eben den Korridor herunterkam und ihn fragte, ob er Signore Petrowitsch gesehen habe. Er f drittelte bedauernd den Kopf, er könne leider keine Auskunft geben, sagte er im Weiter» stürmen.

Verwundert schaute sie ihm nach. Was hatte heute der sonst so gehaltene Direktor? Mih Gal­vestone stieg die Treppe hinunter, durchschritt die Halle, den Speisesaal, die Bibliothek. Rirgends war eine Spur von Petrowitsch zu entdecken. Schon wollte sie den beabsichtigten Spaziergang allein antreten als sie den Gesuchten draußen auf der Terrasse, halb verborgen von einem Magno­liengebüsch, entdeckte.

Er satz auf einer Dank, mit dem Rücken dem Hause zugewandt und starrte unentwegt hinaus auf den glänzenden Spiegel des Sees, wandte sich Nicht einmal um, als er die herannahenden Schritte hörte.

Mih Galvestone lieh sich ohne Umstände an seiner Seite nieder. Mit herrischen Augen sah sie in sein Gesicht, wollte fragen: Signove Petrowitsch, warum weichen Sie mir aus, warum verbergen Sie sich immer da, wo Sie niemand finden kann? Aber die zurechtgelegte Rede erstarb auf ihren Lippen.

Verstörte, tief in den dunkel umrandeten Höhlen liegende Augen sahen sie an. Bleich und ver­fallen war sein Gesicht, und die Augen flackerten wie die eines Irren, ©eine Hände fuhren nervös hin und her, er sah Mih Galvestone an, als wäre sie ihm ganz fremd.

Da nahm sie die beiden unruhig zuckenden Hände in die ihren und fragte beschwörend:

Signore Petrowitsch, sind Sie krank? Ihr Aussehen erschreckt mich, was fehlt Ihnen, tat Ihnen jemand ein Leid an? Reden Sie doch, haben Sie Vertrauen zu mir.

Da lachte er. Ein verstörtes, heiseres Lachen. Seine Fäuste ballten sich, er stieh sie vor sich in die Luft, als wolle er einen Gegner damit nieder- schlagen. Dann rang es sich von seinen Lippen:

Gehen Sie, Mih Galvestone, gehen Sie. Lassen Sie mich allein mit meinen finsteren Gedanken, ich muh mich sammeln, muh scharf nachdenken... 2ch, keiner wird mir glauben hier im fremden

Land, keiner mir zu meinem Recht verhelfen. Ich..."

Ich glaube an Sie, Kyrill... Mih Galve­stone legte ihre große, schön geformte Hand auf seine Schulter und brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seine.Ich glaube an Sie, denn ich liebe Sie, Kyrill."

Liebe", sagte er nur und lachte bitter.Liebe schenken Sie Ihre Liebe einem anderen, Wür­digeren als ich es bin, Miß Galvestone. Meine ©eele ist tot, sie kann nicht mehr an Liebe glau­ben, kann keine Liebe geben. Rur ein Sinn ist noch lebendig in mir: Rache will ich nehmen an meinen Feinden. Sie stahlen mir alles. Meinen Ramen, Tatiana, meine Ehre und meinen Besitz. Rache... Aber keiner wird mir glauben, daß...

Sie sind krank, Kyrill, Sie reden wie ein Irrer", sagte sie, und kein Ton von Gekränktsein war in ihrer Stimme.Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, Kyrill, schon längst wollte ich es tun. Kommen Sie mit mir nach Amerika. Ich bin reich, unabhängig, große Werke warten drüben auf die führende Hand. Alles trage ich Ihnen an, Kyrill, ich, die Frau, mache Ihnen einen Heirats­antrag. Keiner, der Gllinor Galvestone kennt, würde es glauben, daß sie ihre Hand und ihr Herz einem entgegenträgt, der ihr nie von Liebe sprach. Aber ich trage mein Herz und meine Liebe in meinen Händen, ein königliches Geschenk. Stoßen Sie es nicht von sich, Kyrill, ich kann warten, werde mich bescheiden. Und eines Tages wird alles, was jetzt tot und begraben und ver­schüttet ist in Kyrill Petrowitschs Brust, zu neuem Leben erwachen. Auf diesen Tag wird Ellinor Galvestone warten, nie wird sie erbetteln, was ihr nicht freiwillig gegeben wird. So viel wird jetzt geredet und geschrieben von Kamerad­schaftsehe ... Auch die unsere würde eine solche fein, so lange es Kyrill Petrowitsch gefällt."

Wie aus weiter Ferne drangen ihre Worte an fein Ohr. War er sich bewußt, daß hier das Glück an seinem Wege faß, bereit, fein Lebensschiff in einen sicheren Hafen zu steuern? Sein Geist ist zer­rüttet, es kann nicht anders fein, dachte Miß Ellinor, und ihr Herz zog sich in Schwere zu­sammen.

Ihm aber kam plötzlich zum Bewußtsein, daß hier ein Mensch war, der seine besten Gefühle an einen Undankbaren verschwendete. Ein Mensch, der in die ungeheure Leere seines Lebens hinein Liebe und Wärme tragen wollte. Schuldbewußt neigte er sich über Miß Galveftones Hand und küßte sie. zum erstenmal mit einem wärmeren Gefühl ihr gegenüber.

Verzeihen Sie einem Unglücklichen, der Ihre Herzensgüte wohl zu schätzen weiß, Miß Galve­stone, verzeihen Sie mir.

Roch eine Verbeugung, und er war verschwun­den. Traurig sah sie der hohen Gestalt nach, die drunten am Quai foeben wieder im Menschen­

gewühl auf tauchte. Seine Augen waren so seltsam heute gewesen, seltsam sein ganzes Gebaren. Wie sollte sie sich dies alles deuten? Müde erhob sie sich und schritt dem Hause wieder zu. Sterbensweh war ihr zu Mute.

Petrowitsch ließ sich treiben von der Menge. Zum Postamt hatte er gehen wollen, eine Depesche auf geben an Ssvigne: Kommen Sie sofort, Ihre Hilfe dringend nötig. Aber nun unterließ er es doch, was hätte es genützt? Der einzige Freund, den er noch besaß, hatte sich vorige Woche in Genua eingeschifft, befand sich jetzt auf hoher See. Richt einmal den Ramen des Schiffes wußte er, hätte die Depesche nur an die Pariser Adresse Raouls richten können. Auf wieviel Umwegen wäre sie dann in die Hände des Freundes ge­langt. Er... er selbst mußte handeln, sofort, ehe der Vogel wieder ausflog und Graf und Gräfin Semjonow sich anderswo seßhaft machten. Aber wie, wie sollte er sich selbst $u seinem Recht ver­helfen? Für einen Irren würde man ihn halten, wenn er jetzt im Savoyhotel oder bei der Polizei hintreten und die Behauptung aufstellen würde: Ich bin Graf Alexander Semjonow, dieser da ist ein Betrüger. Rur Sevigne hätte ihn ausweisen können, er selbst hatte, verbittert und verblendet, nie einem Menschen in Paris oder hier von seinem Schicksal gesprochen. Miß Galvestone... warum hatte er ihr vorhin nicht seine verzweifelte Lage offenbart? Sie hätte ihm geglaubt, ihrer einflußreichen Persönlichkeit wäre es gelungen, seiner Sache einen Schein des Rechtes zu geben. Er selbst... ? bitter lachte er vor sich hin, ihn würde man als einen Irren sofort unschädlich machen.

Planlos irrte er weiter, befand sich plötzlich auf der Straße nach Salo. Reuschnee lag auf dem Gipfel des Monte S. Bartolomeo, es hatte in den letzten Tagen einen Wetterumschlag gegeben, kühl wehte es Petrowitsch ins Gesicht. Erst jetzt merkte er, daß er ohne Hut war und die Leute ihn ver­wundert angesehen hatten. Sein verstörtes Aus­sehen mußte wohl auffallen, er wollte um kehren, in der Einsamkeit seines Zimmers nachdenken, zu irgend einem Entschluß kommen.

Da sah er plötzlich hier, wo die Straße men­schenleer sich dehnte, eine Frau herankommen. Mit raschen Schritten ging sie, wie jemand, der in großer Eile sich befindet. Zu seiner großen Ueber- rafchung erkannte Kyrill dieContessa Sem­jonow, sie war mit größter Einfachheit gekleidet, wie er sie noch nie gesehen hatte, ging eilig, den Kopf tief gesenkt und hatte ihn augenscheinlich noch nicht gesehen.

Blitzschnell durchkreuzte ein Gedanke fein Hirn. Dies war ein Wink des Schicksals, die Frau Con­tessa würde zu überrumpeln sein, würde sich irgendwie verraten, wenn man ihr... aber was tat sie hier auf der einsamen Landstraße um diese Zeit, mutterseelenallein und in Eile, die nicht auf

einen harmlosen Spaziergang schließen ließ?... Merkwürdig, höchst merkwürdig... Und jetzt glaubte er sich auch zu erinnern, diese Contessa gestern nicht beim Tanz gesehen zu haben. Wo kam sie jetzt her? Von Salo, oder wo sonst? Und ohne den Gemahl?

Er trat hinter dem Baum vor, der ihn halb verdeckt hatte und trat in ihren Weg.

Ein tötliches Erschrecken ging über ihr Gesicht, unwillkürlich hob sie abwehrend die Hand ihm entgegen und flüsterte mit erlöschender Stimme: Signore Petrowitsch, Sie hier? Ich..."

Aber sie faßte sich sogleich und hatte sich toiebee in der Gewalt.

Welche Ueberraschung", sagte sie und zwang ein verbindliches Lächeln auf ihr erbleichtes Ge­sicht.Ich war nicht gefaßt darauf, hier auf meinem Spaziergang Bekannten zu begegnen. Um so mehr freut es mich, nun in Ihrer Gesellschaft zurückgehen zu können."

Unverwandt hasteten seine Augen auf ihrem Gesicht, forschend fragend. Sie standen sich gegen­über mitten auf der Landstraße, er sah, wie bleich ihr Gesicht unter der aufgelegten Schminke war, faß, daß ihre Augen angstvoll und ruhelos über ihn hinirrten, wie ein geängstetes Tier, mußte er denken. Was hatte sie? Warum dieses Erschrecken und das Bemühen, diesen ungewöhnlichen Weg hier als einen harmlosen Spaziergang hinzu­stellen?

Bemühen Sie sich nicht, ich glaube Ihnen nicht", sagte er mit rauher Stimme, jede Anrede vermeidend. Sie hatte jetzt mit einer energischen Bewegung des Kopfes ihren Weg fortgesetzt, schien wieder große Eile zu haben. Er blieb an ihrer Seite.Ich glaube Ihnen nicht", sagte er noch einmal drohend,irgend etwas haben Sie zu verbergen, was mit diesem Weg hier zusam­menhängt.

Da warf sie den Kopf zurück, und ihre Augen funkelten in sein Gesicht wie die einer Katze.

Welche Sprache für einen untergeordneten Angestellten des Hotels", sagte sie und bemühte sich, das Zittern ihrer Stimme zu verbergen. Was erlauben Sie sich der Gräfin Semjonow gegenüber, sofort werde ich Beschwerde führen über Sie bei der Direktion."

Sie sind nicht Gräfin Semjonow...

Er war plötzlich stehengeblieben, er faßte ihre Handgelenke mit eisernem Griff und hielt sie fest. Sein heißer Ottern wehte in ihr Gesicht, seine Augen glühten wie im Fieber.

Gestehen Sie... in wessen Auftrag stahl man dem echten Grafen Semjonow seine Papiere in den Kasematten von Moskau? Wer gab Ihnen das Recht, sich hier mit so viel Sicherheit unter einem gestohlenen Ramen..."

(Fortsetzung folgt.)