Ausgabe 
17.6.1931
 
Einzelbild herunterladen

Mittwoch, 17. Juni 1931

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Ür. 139 Zweites Blatt

Lugend und Hochschule.

Die Schallplatte als Bildungsmittel.

Don Professor Or. Johannes Wolf, Universität Berlin.

Erfüllt von der Bedeutung der Schallplatte für den Unterricht hatte der Leiter der Kultur­abteilung des Lindströmkonzerns, Ludwig Koch, im Einvernehmen mit der Volkshochschule Mann­heim und dem Ausschuß sür Dolksmusikpflege vor einiger Zeit zu einer Schallplattentagung in Mannheim eingeladen, die dank intensiver Mit­arbeit von Vertretern der Wissenschaft, Kunst und Technik sowie reger Anteilnahme von selten der Musiker und Lehrerschaft durchaus positiv verlief.

Es mutzte einmal daraus hingewiesen werden, was die Schallplatte für den Unterricht bedeutet und was von ihr zu erwarten ist. Gewitz weiß ein jeder, der mit der Platte operiert, daß sie noch Mängel besitzt, aber ebenso gewitz. welche unendlichen Vorteile sie bereits heute bietet, und datz die Technik in Erkenntnis der Fehler- quellen" nicht ruhen wird, an der Vervollkomm­nung von Ausnahme und Wiedergabe zu arbeiten.

Die Sprechplatte ist.schon in umsassende- rem Matze in den Unterricht eingeschaltet worden. Es gibt keinen geduldigeren Sprachlehrer als sie. die. so oft es gewünscht wird, mit der gleichen Vollkommenheit und Klangtreue des ausgenomme­nen Inhalts das in Frage stehende Idiom wiedergibt. Aber sie ist auch Etudienobjekt zu­gleich, dient zur Erforschung der Sprache und ihrer Mundarten, bewahrt über Iahrhunderie hinaus den Stimmklang und kann zur Trägerin bedeutender Literaturen, vorgetragen von hervor­ragenden Interpreten, gemacht werden.

Die M u s i k p l a t t e schafft keinen geringeren Nutzen. Macht sie sich mit den Offenbarungen hoher und niederer Kunst überall heimisch, so gebührt ihr auch eine nicht unwesentliche Stellung in Schule. Konservatorium, Hochschule und Uni­versität. Das haben die Vorträge der Mann­heimer Tagung einwandfrei gezeigt, mochte der Lehrer, der Vibliothekar. der Musiker oder der Musikwissenschaftler zu ihr Stellung nehmen.

In der Schule bildet die Musik in fast allen Disziplinen einen nicht unwesentlichen Einschlag, unbeschadet ihres Eigenwerts im Musikunterricht. 'Heben dem Sprachlaute als solchen sind die Literaturen aller Völker mit ihr verknüpft. Heute kann die Schallplatte den individuellen Sprachklang sesthalten. Was gäben wir darum, wenn wir Luther in seinen Flugschriften oder seinen kraftvollen Tischreden selbst hörten, was, wenn Abraham ä Santa Clara seine mit Humor gewürzten Bußpredigten selbst halten könnte, was, wenn Goethe und Schiller selbst zu uns sprächen oder Fichtes Veden an die deutsche 'Kation aus seinem eigenen Munde vernommen würden?

In die Geschichte klingt die Musik nicht nur mit Fanfaren. Signalen. Schlachtmusiken. Mär­schen und Friedenshhmnen hinein; große Ereig­nisse finden in historischen Liedern ihren Nieder­schlag. Man greife nur zu R. v. LilieNerons Historischen Volksliedern der Deutschen" und ähnlichen Veröffentlichungen anderer Nationen, um zu erkennen, wie bedeutungsvolles historisches Geschehen Musik auslöste. Selbst Geographie und Naturwissenschaft können an der Schallplatte nicht vorbei, die Naturgewalten, das Nauschen des Wasserfalls, das Tosen des Meeres, das Don­nern der Lawine, das Stürmen des Föhns, die Stimmen der Tiere, die Gesänge exotischer Völker,

Die deutsche Studentin in Prag.

Erfahrungen

einer auslandsdeutschen Akademikerin.

Unter dem TitelDie deutsche Studentin in Prag" veröffentlicht eine Prager Hochschülerin imFrouendienst". dem Nachrichtenblatt der Frauengruppen desVereins für das Deutsch­tum im Ausland" einen Bericht über das be­rufliche und soziale Leben der deutschen Stu­dentinnen an den drei deutschen Hochschulen der Tschechoslowakei, vor allem der Prager. Cs heißt in den interessanten Ausführungen, die uns ein anschauliches Bild dieses auslanddeutschen Frauenlebens vermitteln, u. a.:

Erst mit dem Umstürze im Iahre 1918, also bedeutend später als in Deutschland, wurde die Frau als vollberechtigte Hörerin an den Hoch­schulen der Tschechoslowakei zugelassen, und seit dieser Zeit ist das Frauenstudium bei uns in stetem Wachstum begriffen.

Es gibt in der tschechoslowakischen Nevublik mit ihren 3.5 Millionen deutschen Einwohnern drei deutsche Hochschulen, die infolge der wirt- schafttichen wie auch staatlichen Lage, welche ein Auslandsstudium äußerst erschwert, einen sehr starken Besuch aufweisen. Es sind dies die Deutsche Universität in Prag und die Deutsche Technik in Brünn. An der Prager Universität studierten im vorigen Studienjahr bei einer Gesamtzahl von 4714 Hörem 605 Frauen.

Davon entfallen auf die medizinische Fakultät 234 inskribierte Hörerinnen, aus die philosophische 152, auf die naturwissenschaftliche 123, aus die juridische 96 und auf die theologische (kath.) Fa­kultät 0 (Frauen nicht zugelassen) inskribierte Hörerinnen. An der Deutschen Technischen Hoch­schule in Prag studierten 60. an der in Brünn 32 Frauen.

Da das Frauenstudium in der Tschechoslowakei noch verhältnismäßig jung ist, so sind auch die Fürsorgeeinrichtungen für Hochschülerinnen so gut wie gar nicht ausgebaut. Dis in jüngster Zeit war die Studenttn ausschließlich auf Privat­quartiere angewiesen. Als im Oktober vorigen Jahres vom Verein für Studentensürsorge unter unendlichen Mühen und Opfern geschaffen das neue deutsche Studentenheim eröffnet wurde, wurden auch gegen vierzig Studentinnen (von Universttät. Technik und Konservatorium) dort untergebracht. Die anderen freilich müssen sich nach wie vor mit mehr oder minder unzuläng­lichen meist tschechischen Privatquartieren begnügen. Daß das Wohnen in der völlig tsche­chischen Umgebung nicht dazu beitragen farm, Volksbewußtsein und Stammesgefühl in der Aka­demikerin zu wecken und zu erhalten, die doch einmal gestaltend in das sudetendeutsche geistige Leben eingreifen soll, liegt klar zutage.

alles kann festgehalten und zur Belebung des Unterrichts herangezogen werden.

Und wie reich sind nicht die Beziehungen zur Religion? Wir wissen ja. wie von jeher die Musik mit dem Neligionsunterricht der Schule aufs engste verknüpft war. Gibt es ein bequeme­res Hilfsmittel als die Schallplatte, um in die kirchlichen Gebräuche der verschiedenen Äonfeffio- nen einxuführen? Wir können den Eynagogen- gefang lebendig werden lassen, der Muezzin kann von dem Turm der Moschee zum Gebet einladen, der Meßgesang der römischen Kirche vor uns er­stehen und dabei die Liturgie wie der Chor in seinen Funktionen belauscht werden, der Choral der evangelischen Kirche vermag in seiner schlichten Schönheit als Gemeindegesang und in allen Phasen künstlerischer Gestaltung als Chorgesang zu er­stehen. Die ganze unendliche Schönheit evangeli­scher und katholischer Kirchenmusik aller Zetten, gelungen von den berühmtesten Chören, kann in ihrer Beziehung zum Gottesdienst vor dem Schüler Leben gewinnen.

Und Mathematik? Sahen die Neupythagoräer die Musik nicht als klingende Zahl an? Selbst der Zeichenunterricht bringt Parallelen über Paralle­len, aber meist von einem Boden, der der Schall­platte fcmliegt.

Herrscherin ist sie dagegen im Bereiche des Musikunterrichts. Wer will die Möglich­keiten alle aufführen, die sich der Schallplatte vom Elementarunterricht iii der Schule über den Konservatorien- und Hochschul-Unterricht bis zur Verwendung innerhalb der musikwissenschaftlichen Vorlesungen der Universität barbieten? Sie ver­mittelt die Kenntnis der Klangfarben der Instru­

mente und ihrer Mischungen, veranschaulicht me­lodische und harmonische Klangverbindungen, un­terstützt die Untersuchung des formalen Aufbaus, hält'Ausführungspraktiken fest, zaubert im Augen­blick Tonstücke von dem einfachsten, leicht hin- geträllerten Liedchen bis zum kompliziertesten Orchestergebilde herbei, vermittell die Literatur- kenntnis der Kunst aller Zeiten und VöUev» kann durch Fixierung des Dorttages der Desten Vorbild für künstlerische Leistungen, durch den Vergleich der Lehrmeisterin der Dorttagskunst fein, deckt als getreues Abbild der Dorlas» Fehlerquellen auf, kurz ist unentbehrlich.

Gewitz ist es köstlich, sich den Desitz eines Kunstwerkes zu erarbeiten, und beileibe darf die intensive Praxis durch die mechanische Wieder­gabe nicht verdrängt werden. Aber der durch die Schallplatte gewonnene Zeitgewinn ist nicht zu unterschätzen. Wie lange dauert es. bis selbst ein gebildeter Chor ein Kunstwerk so hinstellt, datz man die Absicht des Komponisten ganz er­saht? Und wo sind die Sänger. Spieler, Chöre. Orchester und Dirigenten zu finden, die den Werken aller Zeiten und den Sttlrichtungen aller Perioden gerecht werden? Die Schallplatte kann die Auslese vom Desten geben, und natürlich dürfen für Schule und Unterricht nur die ge­lungenen Aufnahmen in Frage kommen.

Der erfahrene Fachmann: Willenschaftier, Praktiker und Techniker, mutz die Entscheidung in der Hand haben. Dann aber ist die Schall­platte ein Segen für alle und gewinnt Bedeutung als hervorragendes Erziehungsmittel zur Kunst überhaupt.

ZwerguniversMen.

Altdorf, Oillingen, Helmstedt...

Don Dr. Stephan Kekule von Stradonih.

(Nachdruck verboten!)

Das gelobte Land derZwerguniversitäten" ist heute noch Italien. In diesen aus so vielen ver­schiedenartigen Staatsgebieten im 19. Jahrhundert zusammengeschweihten Königreiche gibt es in man­chen kleinen Städten noch, teilweise sehr alle, Uni­versitäten, von denen im italienischen Dolksmundr die Nede gebt,sie hätten beinahe ebenso viele Dozenten, wie Studenten". Das ist nun natürlich übertrieben, aber Tatsache ist doch, datz bei diesen italienischen Zwerguniversitäten die Lehrkörper ganz unverhältnismäßig groß im Derb.ältnisse zu der Gesamtzahl der Studenten sind. Don solchen sehr fleinen Hochschulen sind Macerata, Lassari und Siena: staatliche; Camerino, Ferrara und Ur­bino:freie.

Das durch seine schone Frauen und die Arti­schocken seiner Umgebung berühmte Städtlein Ma­cerata liegt in Mittelitalien und hat nach der letz­ten Zählung etwas über 12 000 Einwohner. Die Universität, 1290 gegründet, 1540 erneuert, ist neuerdings zu einer juristischen Fakultät mit rund hundert Studierenden zusammengeschrumpft und hat deshalb keinen so sehr großen Lehrkörper mehr. Lassari liegt auf Sardinien, hat eine 1556 ge­gründete, 1766 erneuerte Universität mit zwei Fa­kultäten. der juristischen und der medizinischen, und etwas über 200 Studenten. Seine Einwohnerzahl beträgt über 36 000. Das alsKunststätte" und namentlich durch seinen Marmvrdvm im gotischen

Stil so berühmte Siena mit seinen rund 33 000 Einwohnern, hat eine im 13. Iahrhundert gegrün­dete Universität. Auch hier nur eine juristische und eine medizinische Fakultät, mit zusammen 450 und fünfhundert Studenten. Camerino, in der glei­chen Gegend Italiens, wie Macerata gelegen, ist wohl die an Einwohnerzahl Heinfte Universitäts­stadt der Welt: sie hat rund 5000 Einwohner. Ihre zweisakultätige (wie oben) Universität, 1727 ge­gründet, hat rund 250 Studenten. Das durch Goethe, Tasso, den Dichter Ariost und viele Kunst­bauten, darunter derPalazzo dei Diamanti, be­merkenswerte Ferrara hat an die 40 000 Einwoh­ner. Seine schon von Kaiser Friedrich I. gestiftete Universität wurde 1402 erneuert. Obwohl sie einen prachtvollen Palast, (Dau des 14. Jahrhunderts, 1587 umgebaut), als Sitz hat, wurde sie in der Franzvsenzeit ausgehoben, dann aber 1824 wieder eröffnet und hat drei Fakultäten (Medizin. Rechts- Wissenschaft, Naturwissenschaften). Iehige Stu- dentenzahi: über 300. Urbino endlich, in Umbrien gelegen, überall bekannt als Geburtsort Nasfaels, einst Nesidenz der Montefeltro und mit deren prachtvollem Paläste, dann der della Rovere als Herzöge von Urbino", hat eine 1506 gegründete Universität. Die Stadt hat rund 6300 Einwohner, die Universität rund 850 Studenten, gehört also eigentlich schon nicht mehr zu denZwerguniver­sitäten".

Der Prorellor der Deutschen Universität in Prag. Dr. August Nägle. äutzerte sich jüngst: Wenn ich das ganze Studentenwesen an den Prager deutschen Hochschulen überblicke, so tut am kneiften not die Sammlung dcr nach den verschiedensten Nichtungen hin schwer geschädigten weiblichen Studierenden, die noch sehr, ja alles zu wünschen übrig läßt. Eine ideelle und finan­zielle Unterstützung dieser unbedingt notwendigen Destrebungen würde ich außerordentlich be­grüßen."

Mit Beginn des Wintersemesters hat deshalb dieAkademia", der Nede- und Leseverband christlich-deutscher Hochschüler, einenStuden­tinnendienst" (nach Breslauer Beispiel) ins Le­ben gerufen, der sich die Sammlung der Hoch­schülerinnen zur Weiterbildung und Geselligkeit zum Ziel gesetzt hat. sie in Aussprache-Zirkeln für Dolksbildungsarbeit und Grenzlandfragen schulen und ihnen durch tatkräftige soziale Mithilfe das Gefühl der Zugehörigkeit zum Dolksganzen ge­ben will.

An sonstigen Studentinnenvereinigungen be­steht in Prag nur noch der Kreis katholisch- deutscher HochschülerinnenStafselstein". An­fangs waren es nur einige wenige, jetzt ist es schon eine ganz ansehnliche Zahl, die sich darin zusammengeschlossen hat.

In den Ferien trägt dann die Staffel stein- Hochschülerin das, was sie sich erarbeitet hat. hinaus ins praktische Leben. Man schätzt sie als Lehrmeisterin für Volkslied und Tanz, als Lei­terin von Aussprachekreisen, bei Volksbildungs- Wochen; dcr deutsche Kulturverband schickt sie als Wanderlehrerin in die Slowakei und ind bedrängte Sprachgebiet, damit sie dort Helse. Treue zum Vätergut und Liebe zur Mutter­sprache zu erwecken.

So bewahrt sich unsere Studentin durch die Berührung mit dem frischen, strömenden Leben vor der Gefahr der Einseitigkeit. Die gemeinsame Arbeit mit Werktätigen öffnet Auge und Herz für die große Not unseres sudentendeutschen Dolles und stellt sie schon als Studentin hinein in den Kreis, in dem sie sich gelobt hat. einmal nach besten Kräften zu wirken und zu schaffen.

Unser großes Interesse gilt der Frauenbewe­gung im Reich, die der unseren eine ganze Gene­ration voraus ist. Auf unseren Studienreisen nach Deutschland nehmen wir mit einem wahren Heißhunger alles neu aus, um es dann recht nutz- bringend bei uns einzubauen.

Aber ob nun diesseits der Grenze oder jen­seits, eins verbindet und eint uns: Der Glaube an Sendung und Aufgabe der deutschen Frau, der Wille zum ge­meinschaftlichen Dienst am deutschen Volk. In diesem Sinne grüßen die sudetendeutschen Hoch- schülerinneu.die deutschen Frauen im Reich und fühlen sich ihnen eng und tteu verbunden."

Oer Herr Lehrer atmet und gurgelt vor.

praktische Hygiene in der Volksschule.

Von Hans Brückner.

Die Idee stammt aus England. In den Londoner Volksschulen batte man im vergangenen Winter wahrend der Grippeepidemie Wahlstunden für prak­tische Hygiene eingeführt. Den Kleinen wurde ein Becher Wasser in die Hand gegeben, und sie mußten tüchtig gurgeln. Auch Schularbeiten hatten sie anzu­fertigen:How I gurgle daily. Plakate und Bro­schüren wurden unter die Kinder verteilt, alle den- selben Gegenstand betreffend: Die Vorbeugung gegen die Grippe. Die Stunde war allerdings an die Aktualität der Krankheit gebunden. Als die Epidemie aufhörte, wurden auch die Stunden wieder aus­gesetzt.

Die deutsche Pädagogik erkannte die große Trag­weite dieses Gedankens, griff ihn auf und führte ihn weiter. Die deutschen Pädagogen sagten sich: Die Gurgelstunde ist nicht nur in Zeiten der Gefahr am Platze, mehr noch in gesunden Tagen. Die Unter­weisung der Kleinen in dem Wie und Warum des täglichen Gurgelns soll ja der Vermeidung der Krankheiten gelten. Krankheiten können aber um so eher vermieden werden, je früher die Vorbeugungs­maßnahmen unterrichtet und angewöhnt werden.

Die Versuche wurden jetzt in einer der fortschritt­lichsten Volksschulen unter Leitung des bekannten Schulhygienikers Rektor Friedrich Lorentz ge­macht. Die Kinder werden hier in der praktischen Hygiene, d. h. in der täglichen Gesundheits­pflege, unterrichtet. Die Jungens und Mädels nennen diese StundeGurgelstunde", denn sie be­ginnt mit dem Gurgeln. Jedes Kind hat einen Alu­miniumbecher und feine eigene Zahnbürste. Der Lehrer macht es vor und die ganze Klasse gurgelt im Chor nach. Zn fortgeschritteneren Klassen sind sogar einige Schüler dazu bestimmt, vorzugurgeln. Auf einer großen Karte und auch an Wachsmodellen wird ein offener Rachen gezeigt mit Mandeln, Zunge, Gaumen. Den ganz Kleinen wird dann er­klärt, was für eine Bedeutung und was für einen Wert das tägliche Gurgeln hat. Wer sich das Gur­geln einmal richtig angewöhnt hat, der verhütet eine Menge von Krankheiten, Mandelentzündung, Erkältung, Magenbeschwerden usw. Es ist sehr wichtig, daß der Mund tüchtig ausgespült wird, denn zu Hause wird den Kindern die Kunst des richtigen Gurgelns sehr selten und auch dann nur oberflächlich beigebracht. Nach dem Gurgeln kommt das Zähne­putzen. Auch hier kommt es nicht nur darauf an, daß man mit der Zahnbürste die vorderen Zähne überfährt. Die Zähne müssen von unten nach oben, von oben nach unten, von innen und außen gründ­lich bearbeitet werden. Nur so hat der Mensch ein

Die deutschen wahren ..Zwerguniversitäten": Alidors. Dillinger Helmstedt. Ingolsiad unb Hin­teln gehören alle her Vergangenheit an. Alt­dorf ist dadurch merkwürdig, daß der Staat, der die dorttge Universität von 1623 bis 1806 unter­hielt. der Stadtstaat -Freie Reichsstadt Nürnberg" war. In Altdcr ha 159?. als die spatere .Univer­sität" nochGymnasium war, der große Wallen­stein studiert, wurde aber wegen toller Streiche von der Anstalt entfernt. Das altertümliche Städt­chen verdient noch heute einen Desuch, kein Frem­der geht aber hin, weil Nürnberg alle Reisenden gesessell hält.

D i l l i n g e n, Residenz der D-schöse von Augs­burg von 1488 ab, hatte 1549 bis 1804 eine vom dortigen Hochstift unterhaltene Universität. Dieses Städtlein wäre einmal beinahe der Schauplatz eines weltgeschichtlichen Ereignisses geworden, in­dem daselbst auf den, während seiner Verbannung in Deutschland zuerst dort, dann in Dlankenburg am Harze wohnenden nachmaligen König Lud­wig XVIII. von Frankreich ein Attentat gemacht wurde (19. Juli l c96), das aber fehlschlug.

Helmstedt, braunschweigische Universität von 1576 bis 1809 laufgehoben durch König Hierony­mus von Westfalen) verdient ein paar genauere Kennzeichnungen. DasIuleum" genannte, 1592 bis 1597 in edelster deutscher Renai sance erbaute Universitätsgebäude ist eine besondere bauliche Zierde der Heinen Stadt und lohnt noch heute einen Ausflug dorthin. Personalgeschichtlich ist Helmstedt dadurch bedeutsam, datz der Großvater der Mutter des Reichskanzlers Otto von D.s- marck, der Iurist Gottfried Ludwig Mencken (gestorben 1762) und der vielseitige Gelehrte und Sammler Gottsried Christoph Dei reis (gestor­ben 1809) daselbst Professoren gewesen sind, sowie datz Goethe mit seinem Sohne August diesen Wundermann und Sonderling im Iahre 1805 dort besucht hat. Goethe und sein Sohn waren damals wiederholt Tischgäste bei Deireis. Das alte Pa­trizierhaus, in dem dies geschehen ist, steht heute noch und ist mit einer Gedenllasel versehen. Es gehört der Helmstedter Freimaurerloge und ist in­folgedessen wohl erhalten.

Ingolstadt, schön an der Donau gelegen, war seit 1410 Universität. Diese wurde 1800 nach Landshut und 1826 nach München verlegt. Ingol­stadt ist in gewisser Beziehung dadurch merkwür­dig, datz hier der berühmte Stifter desIllu.ni- natcn-Orbenä Adam Weishaupt (gestorben 1830) geboren war, Student gewesen ist, die Dok­torwürde der Rechte erwarb und 1772 außeror­dentlicher, 1775 ordentlicher Prosessor der Rechte wurde. Diese Lehrstelle verlor er 1785. Ingolstadt ist Ende des 16. Jahrhunderts aber noch eine sehr große Universität mit rund 4000 Studenten ge­wesen.

Die 1621 gestiftete, ursprünglich reichsgräslich Schaumburgische (Holstein-Schauenburgische), seit 1640 mit Hessen-Kassel gemeinschaftliche, seit 1665 nur noch Hessen-Kasselische, 1809 auf gehobene Uni­versität Rinteln an der Weser ist vorzüglich dadurch merkwürdig, daß ihre Universitätsmatrikel gänzlich verloren ist. Vor einigen Jahren sollen ein paar Dlätter daraus bei einem Handwerker in Rinteln gesunden worden sein.

Alle diese kleinen und kleinsten unter den unter­gegangenen Universitäten Deutschlands haben übrigens, wie festgestellt werden muß, in den Zeitkäufen ihres Bestehens auch bedeutende Lehr­kräfte gehabt und zum Teil sogar Zierden der Wissenschaft hervorgebracht, so daß ihnen in der Geschichte der Wissenschaften ein ehrenvoller Platz julommt.

schönes Lachen und eine betriebsfähige Brotmühle, und nur so kann man Zahnschmerzen vermeiden. Der Lehrer zeigt einen großen hohlen Zahn. Er ist so groß wie ein Kinderkopf und nur aus Pappe. Aber in der Mitte hat er eine tiefe, schwarze Höh. hing, darin sitzt der Zahnteufel, der die schrecklichen Zahnschmerzen schaffen kann.

Die Stunde ist noch lang. Jetzt kommt Handpflege­unterricht. Man sollte glauben, das Maniküren der Nägel sei ein Luxus. Aber hier werden die Kleinen dazu angehalten, sich die Nägel ordentlich zu pflegen. Die Haut muß zurückgeschoben werden, damit keine Risse in die Ränder kommen und sich Krankheits- keime festsetzen. Die Nägel selbst müssen mit einer Bürste und einem weichen Holzstäbchen gereinigt werden. Also ein vollständiger Manikürunterricht.

Nachdem dann noch die allgemeine Sauberkeit gründlich untersucht worden ist, kommt die Atem- st u n d e, in der die Kunst des richtigen Atmens gelehrt wird. Man sollte glauben, daß das der Mensch schon von seiner ersten Lebensminute an kann. Sein ganzes Leben lang muß man doch schließ- lich atmen! Weit gefehlt! Nur wenige Menschen können ridjtig atmen, und die meisten liebel und Krankheiten entstehen durch falsche Atmung. Das ist eigentlich ein Kapitel für sich, ein neues Kapitel m der neuen Gesundheitsstunde, das auch Erwachsene beherzigen sollten. Aber die Erwachsenen haben es einmal falsch eingeführt, und bei ihnen würde die Sache schwieriger zu ändern sein als bei den Kleinen, die sich das Unrichtige noch rechtzeitig abgewöhnen und das Richtige angewöhnen können. In dieser Schule werden die ganz neuen Methoden der Atem- technik angewandt. Am offenen Fenster ober braußen im Hof wirb bei Ausbehnung bes ganzen Körpers durch die Nase eingeatmet, die Luft lange angehalten und dann langsam bei Entspannung bes ganzen Körpers ausgeatmet. Nach 20 bis 30 solcher Tief- atmungen fühlen sich die Kinder bedeutend lebhafter und frischer.

Die Kinder, die hier alle Gesundheitslehren prak- tisch mitmachen müssen, haben auch theoretisch über die Sache nachzudenken. Ihre Schularbeiten und ihre Zeichnungen müssen sie in diesem Sinne anfertigen.

Den ganz Kleinen wird die Sache witzig durch Kasperletheater beigebracht. Sie sitzen im Turnsaal und hören dem spaßigen Kasperle zu, das tausendundeinen Witz reißt über Gurgeln Zähne­putzen, faule Zähne, dicke Backen und Kamillen­beutel. Am Ende hat Kasperle selbst einen Becher in der Hand, der Becher ist dreimal so groß wie das kleine Kerlchen, und eine gewaltige Zahnbürste, die wie ein Besen in der Hand des kleinen Stoffmänn­chens aussieht. Er macht es vor, und Hunderte von Kindern gurgeln im Chor nach. Oder Kasperle dehnt sich, schöpft Atem, beugt sich, atmet ein, atmet aus. Und während man sich angeregt unterhält, hat man eine der nützlichsten Stunden, die Hygienestunde, hinter sich.