Aus der Provinzialhauptffadt.
©teßen, den 16.Dezember 1931.
Christrose.
Die Christrose blüht unter dem Schnee, — so kann man in Botanikbüchern lesen, und ich wußte es wohl. Welch ein Unterschied ist aber zwischen Wissen und Erleben! Als ich an einem herrlichen Adventstage des vorigen Winters in unserem Garten durch den knietiefen Schnee watete und endlich vor der Stelle stand, wo «unsere Christrose geblüht hatte (nun war nichts mehr von ihr zu sehen), da konnte ich es doch kaum glauben, daß tief unter der kalten, weichen Decke Blumen, lebendige Blumen blühen sollten. Borsichtig fegte ich den Schnee bei Seite, erwartungsvoll und auch mit einem kleinen Schauder, wie man ihn empfindet, wenn man etwas lebendig Begrabenes ans Licht bringen will.
Und richtig: da waren siel Ich starrte sie an wie ein Wunderi So muß es dem kleinen Mädchen im Märchen zu Mute gewesen fein, als es auf Befehl der Haulemännerchen den Schnee hinter dem Haus weggefegt hatte, und siehe, — da standen frisch, rot und reif die ersehnten Erdbeeren I So hoben sich hier frisch, zart und weihrosa aus der weißen Schneefülle die Knospen, demütig noch den Blick zur Erde gewendet, Schnee glitzerte an ihren Blütenblättern, Schnee hing an den starken Stengeln, die wie auf gebogenen Schwanenhälsen die Knospen trugen, und Schnee bedeckte auch halb die dunkelgrünen, wundervoll geformten, lederfesten Blätter. Aichts schien diesen lebendig Begrabenen gemangelt zu haben, fest und gesund wie immer sahen die geliebten Blüten aus, und ich brach mit erstarrten Fingern eine Anzahl, große und kleine, und trug sie nach Hause, froh, daß wir auch diesmal im Advent unseren Blumenschmuck nicht entbehren mutzten.
Dann standen sie auf unserem Tisch. -Zögernd hatten sie der milderen Luft ihre Kelche geöffnet und zeigten ihre goldenen Herzen, das dicke Bündel goldgelber Staubgefäße. Ein ganz zarter Duft, kaum wahrnehmbar, ging von ihnen aus und erinnerte an irgend etwas, vielleicht aus dev Kindheit? Aber wie man sich auch besann, man konnte es nicht fassen. —
Du schöne und seltsame Blume, — so oft ich dich ansehe, muß ich über dein fremdartiges Wesen grübeln: was treibt dich wohl, da doch alle freundlicheren Jahreszeiten dir ollen stehen, wie anderen Blumen auch, was treibt dich, gerade in Schnee und Eis zu blühen? Törichtes Fragen! Könntest du sprechen, so würdest du vielleicht an* Worten: „Es gefällt mir besser im Winter! Ich liebe Schnee und Eis!" And ich wäre so klug und so dumm wie zuvor. Denn warum liebst du Schnee und Eis? And wie kommt es, daß du sie ertragen kannst, während eine einzige der vielen Winternächte, die über dich hingehen, allen deinen andern Blumenschwestern den Tod brächte? Du aber blühst und atmest unterm Schnee, — was ihnen Tod bringt, ist deine Lust! —
Immer schöner und sinnvoller geht mir dein Name auf, Christrose! — Du heißt so, nicht nur weil du in der Christnacht blühst, du heißest so auch deshalb, weil du dem gleichst, der in der Christnacht geboren ward. Aus Nacht und Elend und Kälte blüht das Wunder dieses einzigen Lebens empor, und geht unbeirrbar seinen Weg. Er könnte leben wie die andern, glücklich und traurig sein nach aller Menschen Art, — aber er wählt das andere, wählt wieder Aacht und Verlassenheit und Tod. Warum? — Weil er wollte, weil er muhte, weil der Wille seines Baiers im Himmel ihm süßer war als alles, was die Welt bieten kann. And damit wir in Aacht und Verlassenheit und Tod nicht allein sind, sondern den Anblick seines Leidens, seiner Liebe haben! —
And so sprichst auch du, kleine Christrose, alle Jahre vor mir auf dem Tisch von ewiger Hoffnung auch in Schnee und Eis, — von ewiger Liebe! —
Ernste Mahnworie an die Verbraucherschaff.
Die Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels wendet sich mit folgender Erklärung, die zur Beachtung dringend empfohlen sei, an die deutsche Verbraucherschaft:
Die Aotverordnung hat in der Bevölkerung Mißverständnisse wachgerufen, zu deren Beseitigung sich der Einzelhandel sowohl im Interesse der Verbraucher, als auch des Weihnachtsgeschäfts veranlaßt sieht.
1. Die Preissenkungsvorschriften der Aotverordnung richten sich nur gegen solche Preise, die infolge der vorhandenen Bindungen bisher nicht der allgemeinen Abwärtsentwicklung gefolgt sind.
2. Die weitaus meisten Einzelhandelspreise sind nicht gebunden und unter dem Druck ständig sinkender Kaufkraft und verschärfter Konkurrenz feit 2 Jahren stark zurückgegangen (Ernährungskosten um 20,7 Prozent, Bekleidungskosten um 22 Prozent im Oktober dieses Jahres niedriger als Mitte 1929).
3. Ein weiterer erheblicher Preisrückgang bei vielen Waren, insbesondere aus der Textil- und Schuhbranche könnte, wie der Reichskommissar für Preisüberwachung betont hat, zur Folge haben, daß diese Waren vom Markte verschwinden.
4. Die Verbraucherschaft erwartet Preissenkungen, weil die Regierung diese angekündigt hat, und weil große Devölkerungsteile neuerdings in ihrem Einkommen empfindlich geschmälert worden sind. Aeber die außerordentlich niedrige Preislage des Weihnachtsangebots hinaus ist eine weitere Senkung nur bei den Preisen der gebundenen Markenartikel zu erwarten. Der Einzelhandel ist bemüht, hier die Preisermäßigung entsprechend der Aotverordnung so schnell durchzuführen, daß sie noch vor Weihnachten wirksam wird. Er bitter, zu berücksichtigen, daß er die Senkung der gebundenen Mar
kenpreise nicht allein, sondern nur gemeinsam mit Industrie und Großhandel durchführen kann, wodurch die Preissenkung mitunter ein wenig verzögert werden kann.
5. Bei der Beurteilung des Preisniveaus bittet der Einzelhandel zu berücksichtigen, datz die neue Aotverordnung ihm nicht nur Ankostensenkungen, sondern auch erhebliche Aeubelastungen durch die rigorose Erhöhung der jetzt nicht abwälzbaren Am- satzsteuer und durch andere Steuererhöhungen gebracht hat.
6. Wer seine Weihnachtseinkaufe trotz des günstigen Angebots a u f s ch i e b t, obwohl er jetzt kaufen kann, schädigt nicht nur die Wirtschaft, sondern er bringt viele Angestellte und Arbeiter in Gefahr, arbeitslos zu werden. Kaufen schafft Arbeit, Arbeit gibt Brot.
Achtung Bürgersteuer!
Die Bürgermeisterei Gießen veröffentlicht in der heutigen Aummer eine Bekanntmachung betr. die Erhebung der Bürger ft euer in der Stadt Gießen. Da die Bestimmungen außerordentlich wichtig sind, empfehlen wir dringend, die Bekanntmachung genauestens durchzulefen.
Gtraßentumuli in Gießen.
Ein Tumult ereignete sich gestern nachmittag im Seltersweg und auf dem Kreuzplatz. Anscheinend veranlaßt durch einen kommunistischen Winterhilfeantrag in der gestrigen Sitzung des Stadtrates fan- den sich schon in den frühen Nachmittagsstunden eine Anzahl Erwerbslose vor dem Stadthaus und in dessen Umgebung ein, wobei die Ansammlungen immer größer wurden, so daß sich die Polizei schließlich zum Einschreiten gezwungen sah. Die herum- stehenden Leute entfernten sich von dort, es kam ledoch an verschiedenen Stellen der Innenstadt immer wieder zu Menschenansammlungen, bis schließlich im Handumdrehen ein Demonstrations- öug durch die Stadtmitte marschierte, an dessen Spitze nach der polizeilichen Feststellung der kommunistische Landtagsabgeordnete Lenz - Wieseck schritt. Trotz volizeilicher Verwarnung marschierte der Zug geschlossen weiter, so daß die Polizei, als die Menschenmasse im Seltersweg und auf dem Kreuzplatz auftrat, zu energischem Vorgehen ge- zwungen war, da bekanntlich Demonstrationszüge durch die Notverordnung der Reichsregierung verboten sind. Da vorher schon gütlicher Zuspruch nichts genutzt hatte, mußten die Polizeimannschaften vom Gummiknüppel Gebrauch machen, unter dessen Einwirkung die Menschenmenge sich rasch auflöste, jedoch gleich darauf wieder ansehnliche Gruppen herumstehender Leute in Erscheinung traten so daß sich die Polizei genötigt sah, für kurze Zeit den Seltersweg und den Kreuzplatz teilweise abzusperren. Eine Frau und zwei Männer wurden in Hast genommen, nach den erforderlichen Feststellungen jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt.
Da der ganze Vorgang sich überraschend schnell entwickelte, kamen zahlreiche harmlose Straßenpassanten, die zum Teil aus Neugier stehengeblieben waren, plötzlich mit ins Gedränge. Zum Teil suchten sie in richtiger Erkenntnis der Dinge schnell Zuflucht in benachbarten Häusln, zum Teil ver- blieben sie aber in der Menschenmenge. Wenn unter solchen Umständen völlig unbeteiligte Personen in Ungelegenheiten kommen, so haben sie es sich selbst zuzuschreiben. Das Publikum wird in solchen Fällen immer gut tun, sich schleunigst vom Schauplatz der Vorgänge zu entfernen, da ein Verweilen bei derartigen Ereignissen die schwersten Konflikte mit dem Strafgesetzbuch mit sich bringen kann. Erfreulicherweise ist es gestern zu derart unerwünschten Folgen nicht gekommen, da die Pp- lizeibeamten bei aller Energie ihres Vorgehens doch Besonnenheit walten ließen.
Taten für Mittwoch, 16 Tnember.
Sonnenaufgang 8.25 Uhr, Sonnenuntergang 16.16 Uhr. — Mondaufgang 12.40 Uhr, Monduntergang 0.04 Uhr.
1742: Gebhard Leberecht Fürst Blücher von Wahlstatt In Rostock geboren; — 1770: Ludwig van Beethoven in Bonn geboren.
Vornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch: Stadttheater Gießen, „Marguerite: 3", 19.30 bis 22 Ahr. — Oberhess. Kunstverein, Künstlerhilfe, Turmhaus am Drandplatz, 15 bis 17 Ahr. — MTV., 17 Ahr, Turnhalle, Oberrealschule, Niko- lausfeier. — DAD., 20.30 Ahr, Hindenburg, Zusammenkunft mit Damen. — Lichtspielhaus, Dahn- hosstraße: „Der Fall des Generalstabsoberst Redl".
— Oberhefsifcher Geschichtsverein. Man schreibt uns: Den 2. Vortrag dieses Winters hat Universitäts-Professor D. Bornkamm übernommen. Er wird am 17. Dezember über „Luther und Meister Eckhart" sprechen. Die Frage nach dem Verhältnis Luthers zur deutschen Mystik ich durch die Wiederbelebung Meister Eckharts in der Gegenwart, vor allem in dem weltanschaulichen Schrifttum des deutschen Nationalismus, erneut und mit einer über den fachwissenschaftlichen Bereich hinausgehenden Bedeutung gestellt worden. Der Vortrag will versuchen, das geistesgeschichtliche Verhältnis der beiden größten Deuter der Religion, die der deutsche Geist hervorgebracht hat, zu klären und an ihrem Beispiel in die Auseinandersetzung zwischen den beiden großen Religionstypen, der Mystik und dem protestantischen Christentum einzuführen. (Vgl. die Anzeige vom Montag.)
Gtrafkammer Gießen.
* Gießen, 15. Dez. Am 15. Mai waren vier junge Leute aus Bad-Nauheim (Kommunisten) als Angeklagte bzw. beugen vor der Strafkammer. Aach Schluß der Sitzung machten sie eine Bierreise durch verschiedene Wirtschaften. Hier trafen sie mehrfach mit zwei jungen Leuten aus Gießen, ebenfalls Kommunisten, zusammen. Gegen 20 Ahr bekamen zwei der Aauheimer, die von ihren Freunden abgekommen waren, Streit mit Nationalsozialisten (den sie nach deren beschworener Aussage angefangen hatten) und tour-
1 den verhauen. Als man sich dann schließlich am Bahnhof traf, war der Zug weg, und man beschloß, in der Zeit bis zur Abfahrt des nächsten Zuges noch einen zu trinken. Zwei Aauheimer gingen in die Wirtschaft von Soldan, Seltersweg, die beiden anderen und die beiden Gießener, die sich zufällig vor dem Lokal getroffen hatten, folgten in Abständen. Vorher war aber einer der beiden letzteren in den „Ahu" gelaufen, um Verstärkung zu holen. Auf dem Rückweg fing er noch Streit mit einem -Nationalsozialisten an und trat diesen in den Leib. Als dieser Gießener als letzter die Wirtschaft Soldan betrat, rief er: „Rot Front, Genossen!", die anderen erwiderten entsprechend. Der Wirt bat höflich, sein Lokal zu verlassen. Da warf einer der Nauheimer ihm sein Glas vor die Füße, und nun flogen Stühle, Gläser und was sonst durch die Luft. Das W'.rtschastsmobiliar wurde zertrümmert, mehrere Gäste wurden verletzt. Als einer von diesen einen
werden durch sorgfältige, wirksame Satzausstattung
MLMLW
wenn Sie sie frühzeitig genug aufgeben
Schuß aus einer Schreckpistole ab gab, flüchteten die Angreifer.
Wegen Landfriedensbruchs, bei dem einen Angeklagten außerdem wegen Körperverletzung, hatte das Schöffengericht auf Strafen von 3 bis 10 Monaten und 2 Wochen Gefängnis erkannt.
Die Strafkammer als Berufungsinstanz setzte die Strafe eines nicht vorbestraften Angeklagten auf 3 Monate Gefängnis herab und bestätigte im übrigen das Urteil der ersten Instanz.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
* Birklar, 15. Dez. In diesen Tagen feierte Heinrich Krausch als ältester Einwohner unserer Gemeinde seinen 9 0. Geburtstag In großer geistiger und körperlicher Frische.
0 Holzhelm, 15. Dez. Nachdem in unserer Gemeinde die Sier ft euer bereits eingeführt wurde, wird nun für das Rechnungsjahr 1931 auch die Bürger st euer in Höhe von 100 v. H. des Landessatzes erhoben. — Als der Landwirt und Schuhmachermeister M. von hier eine Kuh anspan- nen wollte, glitt er, sowie auch das Tier bei der tiefen entleerten Miststätte aus und stürzten zu- lammen in die Grube. Dabei kam M. so unglücklich unter das Tier zu liegen, daß er einen Armbruch erlitt.
wo. Weickartshain, 15.Dez. Dieser Tage wurde eine n e u e G l o ck e für die im Kriegsjahr 1918 abgelieferte Glocke von der Gemeindebehörde auf unserer Bahnstation in Empfang genommen und in das im Rohbau fertiggestellte neue Gotteshaus eingebracht. Die neue Glocke trägt am oberen Teil ringförmig die Inschrift: „Ein feste Burg ist unser Gott", am unteren Teil auf einer Seite „Gewidmet Heinrich Heble und Frau und Heinrich O p p e r und Frau aus Bad- Nauheim". Am vorigen Sonntag wurde die Glocke von Pfarrer Diehl (F.eienseen) eingeweiht. Die neue Glocke soll voraussichtlich zu Weihnachten das erste Mal läuten.
Kreis Friedberg.
* Butzbach, 15. Dez. Am Sonntag statteten die Leib-Dragoner des Kreises Gießen ihren hiesigen Kameraden einen Besuch ab. Es hatte sich eine stattliche Anzahl alter Leib- Dragoner von Gießen, Butzbach und Amgegend im Gasthaus „Gambrlnus" e'.ngefunden. Zunächst trug die Vereinskapelle Kehler den Parademarsch der hessischen Leib-Dragoner vor. Alte Leib-Dragonerherzen wurden frohgestimmt, als ihnen die bekannten Klänge zu Gehör kamen. Nach Erledigung der Tagesordnung f lgte ter gemütliche Teil. Leib-Dragonerlieder kamen zum Vortrag, die von der Musik stimmungsvoll begleitet wurden. Vor der Trennung ergriff der 1. Vorsitzende Eidmann nochmals das Wort. Er dan.te den Kameraden für ihr zahlreiches Erscheinen und bat sie, weiter treu zur Standarte zu halten, sowie sich öfters in der alten Garnisonstadt Butzbach zu treffen. Mit dem Deutschlandlied schloß die schön verlaufene Feier unter der Parole: „Kopf hoch wie beim Reiten, so auch in schweren Zeiten!".
Kreis Büdingen.
X N l d d a 15. Dez. Kaufmann Willi Schäfer von hier erwarb das in der Bahnhofstraße gelegene, früher der F'.rma Ferdinand Jost gehörige Geschäftshaus. Seither war das Anwesen z. T. schon als Ladenraum von dem neuen Besitzer gemietet und die übrigen Räume zum Betrieb einer Konditorei mit Cafs abgegeben. Der Käufer hat seine Geschäftsräume bere'ts bedeutend vergrößert.
y. E ch z e l l 15. Dez. Bei der in den Gemarkungen Echzell, Heuchelheim und Gettenau abgehaltenen Treibjagd wurden 112 Hasen und 1 Fuchs erlegt. Die Deute war gegen die früherer Jahre verhältnismäßig bescheiden.
Preußen.
Kreis Wetzlar.
I Hörnsheim, 14.Dez. Bel einem Kesseltreiben in der hiesigen Feldmark wurden 22
Hasen zur Strecke gebracht. Die Strecke ist wesentlich geringer als in den Vorjahren.
I Hochelheim, 14. Dez. Auf Antrag der Päcy- ter der hiesigen Gemeindejagd ist das Pachtgeld mit Rücksicht auf die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse vom laufenden Pachtjahre ab von jährlich 1150 Mark auf 950 Mark ermäßigt worden.
Zusammenstoß zwischen postauio und Eisenbahn.
I P o h l - G ö n s, 16. Dez. Das P o st a u t o der Linie Butzbach—Hochelheim, das gestern fahrplanmäßig 18.35 Ahr von Butzbach abfuhr und voll besetzt war, stieß am Bahnübergang dicht vor unserem Orte gegen den letzten Wagen des Zuges der Butzbach — Licher Eisenbahn, der sich in Fahrtrichtung nach Ebersgöns befand. Zwei Wagen des Zuges entgleisten, mehrere Personen erlitten leichtere Verletzungen. Menschenleben sind zum Glück nicht zu beklagen. Der Zug, wie auch der Postomnibus wurden so schwer beschädigt, daß beide die Fahrt nicht fortsehen konnten. Ein anderer Post- kraftwagen brachte die Fahrgäste des verunglückten Verkehrsmittels an ihre Fahrtziele.
Buntes Allerlei.
Oie Messung der Gchwerarbeii.
Alle Arbeit, die der Mensch leistet, beruht im Grunde auf der Oxydation der Nahrung, die wir zu uns nehmen, denn zu jeder Leistung ist ein Stoffverbrauch erforderlich, bei dem sich die Stoffe mit dem Sauerstoff der Luft verbinden. An der Menge der verbrauchten Stoffe kann man die Größe des Amsahes messen, wenn man seststellt, wieviel Sauerstoff der Mensch bei einer bestimmten Leistung in einer Minute aus der Luft entnimmt, die durch das Atmen in die Lunge gelangt Bei vollkommener Ruhelage entnimmt der Mensch ein Viertelliter Sauerstoff der Luft in einer Minute, und das ist die Einheit, die man bet der Bestimmung einer Arbeitsleistung zugrunde legt Wie Professor Dr. A. Pütter in der Leipziger „Jllustrlrten Zeitung'' ausführt, hat man auf Grund solcher Antersuchungen jetzt mit ziemlicher Sicherheit den Begriff der Schwerarbeit fcstgestellt Durch die Erfahrungen 5eS. Heeres wissen wir, daß eine Truppe auf guter Straße in kriegsmäßiger Ausrüstung stundenlang marschieren kann, wenn ein Kilometer in 11 bis 12 Minuten zurückgelegt wird; wird die Marschgeschwindigkeit auf zehn Minuten gesteigert, dann sind die Soldaten nach verhältnismäßig kurzer Zeit erschöpft. Die Grenze der Schwerarbeit ist also damit überschritten. Bei Bergsteigern hat man die Regel aufgestellt, daß der Tourist auf einem nicht allzu steilen Weg ohne Gepäck nicht mehr als 300 bis 350 Meter in einer Stunde steigen soll. Da man weiß, wie groß der Verbrauch an Nährstoffen und an Sauerstoff ist, wenn man ein Kilogramm einen Meter hoch hebt, oder wenn man auf ebener Straße ein Kilo einen Meter weit horizontal bewegt, so kann man ausrechnen, wieviel Sauerstoff in jeder Minute ausgenommen werden muh, um die angegebenen Grenzleistungen zu vollbringen. Dabei hat sich herausgestellt, daß der Soldat, der 11 Minuten mit Kriegsgepäck einen Kilometer weit marschiert, genau so viel Sauerstoff verbraucht, wie der Bergsteiger, der in einer Stunde 350 Meter emporklettert. In beiden Fällen beträgt der Sauerstoffverbrauch in einer Minute 1,42 Liter, d. h. 5,57mal so viel als bei völliger Muskelruhe. Ist nun mit dieser Bestimmung zweier Grenzleistungen die Schwerarbeit im allgemeinen bestimmt? Nach den Beobachtungen, die man bei der tierischen Arbeitsleistung gemacht hat, scheint es der Fall zu fein, denn für das Pferd Ite^t dann Schwerarbeit vor, wenn der Amsah an Nährstoff in der Minute 5,5mal so groß ist wie im Grund- umsah, und beim Rind, wenn er das 6,5fache des Grundumsatzes erreicht. Auch bei der Brieftaube erfordert die höchste Leistung fast das 6fache des Grundumsatzes. Danach scheint es also, daß eine in der Natur weit verbreitete Grenzleistung dann erreicht ist, wenn der Amsatz 5,5 bis 6mal so viel wie der Grundumsatz beträgt, und daß man solche Arbeit, die etwa 10 Stunden lang geleistet werden kann, allgemein als Schwerarbeit bezeichnen kann. Für kürzere Zeiten sind noch höhere Leistungen möglich, und zwar scheint die Höchstleistung für eine Viertelstunde bei mehr als dem 7sachen des Grundumsatzes zu liegen. Aus ©rund dieser Tatsachen läßt sich nun ungefähr angeben, wann eine Schwerarbeit vorliegt. Nach den Antersuchungen im Physiologischen Institut in Helsingsors erhöhte sich beim Holzsägen der Amsatz während der Arbeit auf das 6,4sache, beim Steineklopfen auf das 5,7sache. Die Arbeit des Schreiners erforderte das 3,2fache, die des Metallarbeiters das 3sache des Grundumsatzes. Die letzteren Leistungen kann man also als mittelschwer bezeichnen, und dem entsprechen Erfahrungen der Landwirtschaft, nach denen die mittlere Leistung des Pferdes das 3,3fache, die des Rindes das 3,5fache des Etoffverbrauches im Grundumsatz zeigt. Leichte Arbeiten wird man diejenigen Leistungen nennen können, die das 2- bis 2,5fache des Grundumsatzes erfordern. Solche Leistungen sind in den Versuchen beim Schuhmacher fest- gestellt worden, dessen Arbeit das 2,6sache, beim Buchbinder, dessen Arbeit das 2,3fache, und beim Schneider, dessen Arbeit das l,9fache des Grundumsatzes beträgt. Durch diese Forschungen, die freilich noch einer Vervollständigung bedürfen, ist also die Möglichkeit gegeben, auf exaltem Wege die Schwere jeder besonderen Arbeitsform zu ermitteln.
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