Ausgabe 
16.6.1931
 
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Nr. 138 Erstes Blatt

181 Zahrgang

jiensiag, 16. Juni 1931

Erich, in i laglich.avtzer Sonntags und Feierlag»

Beilagen

Die Illustriert, Etetzene, FamilienblLNer ßeimal im Bild Di» Scholle Monat».Bezugspreis.

2.20 Reichsmarb und 30 Reichsptenntg für Trägev lohn, auch bei Nichter- scheinen einzeinerNummern infolge höherer (BttoaH .^ernsprechanfchlüsse

anterSammelnummer2251 Anschrift für Drahtnach­richten Anzeiger Liehen, povscheckkonlo:

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Ümd und Verlag: Vrühl'iche Unwersitäl5-Vuch- unO Stemörudcret L Lange in Stehen. Schnstiettung und Seschästrstelle: Zchulftrahe 7.

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Chefredakteur

Dr Frtedr Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (Biegen.

Keine frühere Einberufung des Reichstagsplenums.

Wird nun der Haushaltsausschuß einberufen? Oer Reichskanzler lehnt auch diese Forderung ab.

Brünings erster Sieg.

(Lehle Nachricht.)

Berlin, 16. Juni. (DIB. Eigene Draht­meldung.) Der Aeltestenrak des Reichs­tages hat heute mittag die vorzeitige Einberufung des Reichstags Plenums gegen die Stimmen der Rationalsozialisten, Deutschnationalen. Dirkschaflspartei, Londoolk- partei und Kommunisten a b g e l e h n t, da die Dandatszahl dieser Parteien nicht die Hälfte der Reichstagssihe, nämlich 289, erreichte. Die Entscheidung über die Einberufung des h a u s- h a l t s a u s f ch u f f e s ist auf 18 Uhr vertagt worden. Die Sozialdemokraten treten zu einer letzten Beschlußfassung um 15 Uhr nochmals zusammen. Inzwischen wird Dr. B r e i t s ch e i d über Mittag noch einmal mit dem Reichskanzler verhandeln.

©er Stand von heute früh.

Berlin, 16. Juni. (ERB. Funkspruch. Eigene Meldung.) 3m Reichstag herrschte schon zu früher Morgenstunde reges Leben, da die Landoolkpartei bereits um 8 Uhr, die DBP. und die Sozialdemo­kraten schon um 9 Uhr zusammengetreten waren, um die Haltung zu bestimmen, die sie heute mittag im Melteftenrat einnehmen wollen, wie die Abstim­mung im Belteftenrat ausfällf, ist heute früh noch unsicher. Sehr viel Wahrscheinlichkeit spricht dafür, baß die Einberufung des Reichstages selbst nicht mehr in Frage kommt, da es jetzt vielmehr darum gehl, ob sich im Aellestenrak eine Mehrheit für den Zusammentritt des haus- haltsausfchusfes findet. Die Sozialde­mokraten haben den Kanzler wissen lassen, dah sie auf diese Forderungen nicht verzichten könnten. Dr. Brüning hat ihnen keine Zweifel dar­über gelassen, dah nach seiner Ueberzeugung auch eine Tagung des h a u s h a l t s a u s s ch u s- fes dazu angetan sein würde, die notwendige Be­ruhigung auf dem Devisenmarkt zu verhindern und er deshalb aus der Einberu­fung dieses Ausschusses dieselben Konse­quenzen ziehen werde, die er für den Fall der Reichstagseinberufung angedroht hat.

Rach Auffassung gut unterrichteter Kreise ist es noch keineswegs sicher, dah alle Fraktionen, die für die Einberufung des Reichstags find, nun auch für den Haushaltsausschuh eintreten. Das ist offenbar die Chance, auf d i e man jetzt rechnet.

©er Verlauf

des gestrigen Tages.

Beriin, 15. 3uni. (WTB.) Reichskanzler Dr. Brüning empfing am heutigen Nachmittag und Abend in der Reichskanzlei im Beifein der Reichs­minister teils in gemeinsamen, teils in getrennten Besprechungen die Fraktionsoor stände der Zentrumspartei, der Deutschen Bolfsparlei, der Wirtschaftspartei, des Christlich-Sozialen Bolks- dienstes und der Konservativen Bolkspartei, des Landvolkes, der Bayrischen Bolkspartei, der Staats­partei, der Sozialdemokratischen Partei, der Deutsch- nationalen Bolkspartei und der NSDAP. An samt- lichen Besprechungen nahmen auch Reichsbankpräsi­dent Dr. Luther und, mit Ausnahme der Emp­fänge der beiden letztgenannten Borstande, auch Reichstagspräsident Löbe mit den Bizepräfidenten <5f f er und von ft ar borff und der preuhifche Ministerpräsident Dr. Braun mit Innenminister S e o e r i n g teil.

In sämtlichen Besprechungen betonte Reichskanz- ler Dr. Brüning mit Nachdruck, dah die Rsichs- rcgierung an alle geladenen politischen Gruppen des Reichstags den vaterländischen Appell richten müsse, in der morgigen Dienstagssihung den Antrag auf vorzeitige Einberufung des Reichstages abzulehnen. In eingehender vertraulicher Aussprache wurden alle Gründe, die für die Reichsregierung und Reichsbankpräfident Dr. Luther entscheidend sind, bargelegt unb erörtert. Beschlüsse mürben naturgemäß nicht gefafjt; bie Fraktionsvorstänbe übernahmen es, bie amtlichen Darlegungen zur Kenntnis ihrer Fraktionen zu bringen.

Was tut die SP©?

Berlin, 15.Sunt (END.) Der Kampf zwi­schen dem Kanzler unb be,i Parteien um die Einberufung ober Nichteinberufung des Reichstages scheint in den späten Abendstunden seinen Höhepunkt gefunden zu haben. Das Bild hat den Tag über unb selbst im Laufe des Abends noch mehrfach gewechselt, und selbst eine Stunde

vor Mitternacht läßt sich noch nicht sagen, wie die Entscheidung fallen wird. Der Kernpunkt der Situation liegt jetzt darin, dah ftch bei den Sozialdemokraten eine außerordent- l i ch st arke Mißstimmung bemerkbar macht, die damit begründet wird, dah der Kanzler ihren Bertretcrn nicht d i e erwünschten Zu­geständnisse gemacht hat. Der sozialdemo­kratische Fraktionsvorstand hat bis in die späten Abendstunden hinein getagt, unb ist nun zu bem Ergebnis gekommen, bah der Fraktion, bie morgen früh zusammentritt, nur Bericht er­stattet wird unb ihr die Entscheidung überlassen werden soll. Das bedeutet nach der Auffassung parlamentarischer Kreise eine wei­tere Verschärfung der Situation.

Bon führender sozialdemokratischer Seite wird erklärt, dah es vollkommen ungewih fei, welchen Beschluß die Fraktion fassen wird. Man neigt in sozialdemokratischen Kreisen aber mehr der Auffassung zu, daß die Fraktion sich für die Einberufung des Reichstags entscheidet.

Angesichts dieser Situation hat der Kanzler dann in später Abendstunde einen neuen Be r - s u ch unternommen, doch noch mit der Sozial­demokratie zu einer Verständigung zu gelangen, und es scheint, baß er auch bie Führer des rechten Flügels der hinter ihm stehenden Parteien zu­gezogen hat. Gegen 11 ilfj.r ist der sozialdemo­kratische Fraktionssührer Breit scheid noch zu ihm gekommen. Die Sozialdemokraten legen den

allergrößten Wert darauf, namentlich die Her­ausnahme derjugendlichen Arbeits­losen aus der Fürsorge zu verhin­dern. Wie weit sich dazu Möglichkeiten bieten, ob etwa auf die Weise, daß ein Teil der Krisen­steuer für derartige Zwecke abgezweigt wird, läßt sich im Augenblick noch nicht sagen.

In Kreisen der Reicbsregierung wird jedenfalls aur Kennzeichnung der Lage Wert auf bie Fest­stellung gelegt, daß die Verhandlungen weitergehen und damit durchaus noch Möglichkeiten zu einer Verständi­gung vorhanden sind. Ob diese Auffassung sich verwirklicht, indem die Parteien ihrerseits die Hand zu einer Verständigung bieten, das wird sich schließlich erst am Dienstag zeigen. Die Landvolkpartei, deren Führer heute abend spät noch beim Kanzler gewesen ist, tritt bereits um 8 Tlhr zu einer Sitzung zusammen, die De u t- sche Dolkspartei um 8.30 ilfjr sie hat heute abend noch eine Zusammenkunft in gesell­schaftlichem Nahmen und um 9 Ußr folgt dann die Sitzung der Sozialdemokraten, von der die wichttgste Entschließung abhängt. In parlamentarischen Kreisen konnte man heute abend noch die Vermutung hören, daß

bie Enkscheibung im Aelkeskenral unter 21m- ffänben noch einmal um acht Tage verschoben wirb.

Maßgebende Kreise wünschen jedoch schon mit Rücksicht auf die Situation unserer Wirtschaft, toenn irgendmöglich bereits am Dienstag zu

einem Ende der hin- unb herschwankenden Ver­handlungen zu kommen.

einfiommentar desVorwärts"

Berlin. 16. Juni. (ERB.) DerVor­wärts" schreibt zu den gestrigen Parteiführer­besprechungen mit dem Reichskan ler. Alle Parteien sind darin einig, bie Notverord­nung in verschieben en Tellen und im garv/m unerträglich zu finden. Aber leider die Bildung einer Mehrheit, die bie Notverordnung durch etwas besseres ersetzt, ist einstwellen nicht sichtbar. Für die Bildung einer solchen Mehrheit die wirklich gegen die Notverordnung etwas ausrichten kann kommen Nationalsozialisten, Kommunisten und Deutschnationale nicht in Be­tracht. Rechtsradikale und Kommunisten wollen, baß die Sozialdemokraten mit ihnen die Aus­hebung der Notverordnung beschließen, sie wollen aber nicht den normalen Gang der Gesehgebungs- maschine, sondern sie wollen selb.-r diktatorisch mit Notverordnungen regieren.

Die Sozialbemokrakie kann wenn alle Wege versperrt werben schließlich baju kommen, mit ben Rechtsrabikalen unb ben Kommunisten für bie Aufhebung ber Notverorbnung zu stimmen. Sie muß aber jetzt schon sagen, baß sie nicht ben Staatsbankerott unb nicht den Bürger­krieg will, fonbern baß sie geeignete Maß­nahmen sucht, um eine solche Katastrophe bem arbeitenben Bolte fernzuhalten.

©ie Schiffskaiastrophe bei Si. Nazaire.

S t. N a 3 a i r e, 15. Juni. (WTB.) lieber bas gestrig^ Schiffsunglück berichtete der Leucht­turmwächter von St. Gildas noch folgende Einzelheiten: Das Schiff suchte mühsam in die Loire- Mündung zu kommen und hatte beinahe schon den Felsvorsprung von St. Gildas passiert, wo das Meer um diese Zeit etwa zehn Meter tief ist, als

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Karte der Unglücksstätte und der Route des Unglücks­dampfers. 60 Passagiere desSt. Philibert" hatten es vorgezogen, den Rückweg von Noirmoutier über den oben eingezeichnetenUebergang bei Ebbe" zu Fuß anzutreten.

plötzlich besonders hohe Sturzwellen ein« setzten und das Schiff hin und her warfen.

Die seekrank gewordenen Passagiere hatten sich auf bie winbgeschühte Seite begeben, wodurch bas Gleichgewicht gestört würbe. Die erste Sturz­welle hatte bas Schiff nur erschüttert, aber bann würbe ber Dampfer in bie Tiefe gerissen.

Die Rettungsboote der beiden nächstliegenden Damp- fer konnten infolge des hohen Seegangs nicht aus­laufen, und man mußte die Ankunft der Schlepper von St. Nazaire abwarten, die die wenigen Per­sonen, die noch gerettet werden konnten, an Bord nahmen. Die Besatzung desSt. Philibert" bestand aus sieben Mann, vier für die Maschinen und drei für die Navigation, einschließlich des Kapitäns. Der Kapitän ist ein alter Mittelamerika-Fahrer, der vor zwei Jahren in den Ruhestand getreten war unb von der Küstenschiffahrt-Gesellfchaft für das Korn- mando des Ausflugsdampfers angeworben worden war. Das Schiff war breit und seetüchtig. Die Zahl der Passagiere betrug bei der Ausfahrt 476, jedoch steht die Zahl der Personen, die die Rückfahrt mit­machten, noch nicht fest, da einige die Rückfahrt nicht mit dem Schiff angetreten hatten.

Ein (Bereiteter erzählte, das Schiff sei plötzlich umgeschlagen. Er habe an die Oberfläche gelangen können und das Schiff noch kurze Zell kieloben treibend gesehen.

Zahlreiche Passagiere hätten sich sestgeklammerk, plötzlich sei jedoch bas Schiff untergegangen.

Als guter Schwimmer habe er sich halten können, bis er sich an eines der Rettungsboote habe anklam- mern können, jedoch habe er erst nach Aufhören des Sturmes an Bord genommen werden können. Esn anderer berichtete, wie er in bem stundenlangen Kamps mit den Wellen seine Frau über Wasser gehalten habe: dann hätten seine Kräfte versagt,

und er habe seine Frau den Fluten überlassen müssen.

An der Llnglücksstätte.

Paris, 15. Juni. <WTB.) Drei Wasser­flugzeuge, die an die Stätte der Schiffskata- strvphe nach St. Nazaire abgeflogen waren, haben gemeldet, zahlreiche treibende Leichen ziemlich von der Unglücksstätte entfernt gesichtet zu haben.

Bisher 368 Todesopfer.

Paris, 16. Juni. (WTB. Funkfpruch.) Die Agentur haoas veröffentlicht jetzt eine ungefähre Liste der Opfer des Schiffsunglücks von Noirmoutier. Die Liste führt bie Namen von 3 6 8 Personen auf, häufig vier bis fünf Mifglieber einer Familie, die meist aus Nantes stammen. Die Lage bes gesunkenen Dampfers konnten bie Taucher bisher noch nicht feststellen. Für bie Hinterbliebenen ber Katastrophe soll in ganz Frankreich eine Sammlung veranstaltet werben.

Die Zahl der Opfer noch größer?

Poris, 15. 3unt (WTB.) Bisher sind 69 Leich en der bei dem Schiffbruch ertrunkenen Personen geborgen worden. Die Identifizie­rung bereitet große Schwierigkeiten. Das ge­samte leitende Personal der Genossenschaft, die den Ausflug veranstaltet hatte, befindet sich un­ter den Opfern. Da viele Kinder die Fahrt mitmachten, jedoch keine Fahrscheine benötigten, also auch nicht offiziell registriert worden sind, befürchtet man, daß die Zahl der Opfer größer sein wird, als man bisher an­nahm. Sämtliche in den Hafen von St. Na­zaire einsahrenden Fahrzeuge sind für die Ber­gungsarbeiten, die unermüdlich fortgesetzt wer­den, aufgeboten worden.

Das Beileid Deutschlands.

Paris, 15. Juni. (WTB.) Der deutsche Botschafter von Hoesch hat heute Minister B r i a n i> das Beileid der Reichsregie­rung zur Schiffskatastrophe von St. Nazaire zum Ausdruck gebracht.

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Oben: Die felsige Küste am Kap St. Gildas, in dessen unmittelbarer Nähe sich die Katastrophe abspielte Unten: Partie auf der Insel Noirmoutier.