Nr. U5 Zweit« Blatt Stehen« Anzeiger (Seneral-Aazetger für Gberhcsscn)-anirtag, |(i. Mai 195t
Mittelstand in Front.
Von Or. Gart Gustav Bittner.
Kürzlich hat Reichsfinanzminister Dietrich im Berliner „Kartell dos selbständigen Mittel- stanbeS" eine bemerkenswerte Rede gehalten. Er betonte darin, daß der westeuropäisch« Kapitalismus sich gegendenBolsche- wismus nicht dadurch halten könne, daß er ständig größere Kapitalkonzentrativnen schafft, sondern nur dadurch, daß neben dem Troß- kapital eine breite Mitte mittlerer und kleinerer Existenzen erhalten und neu geschaffen wird. Dieser Mittelstand, gestützt auf ein mehr oder weniger beträchtliches Vermögen, sei ein ausschlaggebender Faktor im Kampf gegen die Dolschewisierung.
Es berührt etwas eigenartig, wenn jetzt auf einmal der „westeuropäische Kapitalismus" den Mittelstand zum Kampf gegen den Bolschewismus aufrust. Bisher sah es doch so aus, als wären Kapitalismus und Bolschewismus b i e beiden Mühlsteine, zwischen denen der Mittelstand zerrieben würde! Denn auch dem Hochkapitalismus ist der Mittelstand ein Dorn im Auge. Jenem internationalen Kapitalismus, der zu Anrecht „westeuropäisch" genannt wird, denn^er hat seinen Sitz in der Wallstreet in Reuhork. Das internationale Kapital liebt es nicht, mit großen Investitionen kleine Geschäfte zu machen. And sein Hauptgeschäft be> steht darin, alle Kapitalquevlen der Erde mit dem großen Reuyorker Sammelbecken zu verbinden. Dies gelingt naturgemäß leichter in einem Land, dessen Wirtschaftsform soweit „fortgeschritten" ist, daß die Kapitalien in wenigen großen Zentren aufgespeichert sind. In nationalen Wirtschaftsformen, die auf der Basis eines breiten Mittelstandes organisiert sind, kostet die „Kontrolle", wie man die Verbindung mit dem großen Sammelbecken nennt, unverhältnismäßig viel Investitionskapital, Arbeit und Zeit. Darum muh der internationalen Hochfinanz notwendig daran gelegen sein, mittelständisch fundierte Wirtschaftsorganisationen durch kapitalistische zu ersetzen.
Hier aber trifft das kapitalistische Interesse mit dertz bolschewistischen zusammen. Denn auch derDolschewismus, gestützt auf die Krisentheorie von Karl Marx, ist an der Konzentration des Kapitals in wenigen Händen interessiert. Dis zur Vernichtung des Mittelstandes müssen also Kapitalismus und Bolschewismus notwendig Hand in Hand arbeiten. Danin aber scheiden sich die Wege. Der Kapitalismus wird in diesem Augenbli<k„reaktionär", d. h. am Destehenbleiben des gegenwärtigen Zustandes interessiert, während für den Bolschewismus der Endpunkt der eigentlichen Revolution, „Expropriation der Expropriateure", jetzt e r st g e k o m m e n ist.
Es scheint, daß die Zeit der großen Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus imi) Bolschewismus gekommen ist. Richt nur in Deutschland haben Inflation und Wirtschaftskrise den Mittelstand vernichtet. — And nun besinnt sich der Kapitalismus seinerseits, daß an der marxistischen Krisentheorie etwas Wahres sein könnte, und es bemüht sich, wenigstens in Deutschland, dem naturgegebenen Schlachtfeld der kommenden Auseinandersetzung, ein Bollwerk gegen den Bolschewismus aufzurichten. Die Einsicht ist da: dieses Bollwerk kann nur der deutsche Mittelstand sein. So kommt es, daß man sich heute — angesichts des Russenvertrags, des Fünfjahrsplanes, der russischen Industriespionage — darauf besinnt, die spärlichen Reste des Mittelstandes zu kräftigen und durch Steuerfreiheit für Vermögen bis 20 Ö00
Der Kirchen st urm in Madrid: Die Menge vor dem brennenden Jesuitenkloster.
Reichsmark einen neuen Mittelstand zu schaffen. Ob es der in Aussicht gestellten Mittelstands- politik gelingen wird, ihr Ziel zu erreichen, ist eine Frage der Zukunft. Bestehen bleibt die Tatsache, daß angesichts der drohenden russischen Gefahr der Mittelstand wieder ein Faktor geworden ist, an dessen Existenz nicht nur er selbst interessiert ist.
So erfreulich diese Tatsache an sich ist — es bleibt ein peinliches Gefühl zurück bei dem Ge
danken, daß der deutsche Mittelstand seine Existenz dem „westeuropäischen Kapitalismus" danken soll. Peinlich nicht nur für den Mittelstand selbst, der fühlen muh, daß sein Bundesgenosse ihn fallen lassen wird, sobald die bolschewistische Gefahr gebannt ist. Peinlich auch aus nationalen Gründen. Denn — man darf das nicht vergessen — Deutschland ist nicht Westeuropa. Deutschland ist Mitteleuropa. And die typische Wirtschaftsform Mitteleuropas
muh auf mittelständischcr Grundlage ruhen, wenn sie eigenständig sein will. Ein kapitalistisches Deutschland ist nur als Spiclball der Westmächte denkbar, ein bolschewistisches gerät unrettbar unter den Einfluß Moskaus und seine ..Autonomie" würde nicht größer sein, als die der Wolgadeutschen Republik. Cs kann gar nicht anders sein. Denn keinem Volk taugt eine Staatsoder Wirtschaftsform, die seinem Wesen nicht entspricht. Der Westeuropäer, zumal aber der Amerikaner, ist seinem Wesen nach Individualist, der Russe Kollektivist. wie alle Asiaten. Daher muh der kapitalistische Individualismus zur Welthegemonie Amerikas, der bolschewistische Kollektivismus zu einer Asiatisierung der Erde führen. D e u t s ch l a n d ist geographisch und psychologisch dicDrückczwischcnOstenundWcsten. Verliert es seine geistige oder wirtschaftliche, Eigenständigkett, dann wird es zum Schlachtfeld einer kommenden ost-westlichen Auseinandersetzung.
Der „westeuropäische Kapitalismus" beruht auf der absoluten Ellbogenfreiheit des Cinzelindi- viduums. Der Erfolgreichste ist Repräsentant des Ganzen. Amgekehrt kennt der Osten kein Cinzel- ich. Bedingungslose Unterordnung, ja Aufopferung des einzelnen zugunsten der Gemeinschaft ist selbstverständliche Grundvoraussetzung asiatischer Geistigkeit, asiatischen Staats- und Wirtschaftsdenkens. Dazwischen steht der deutsche Mensch als Wegbereiter einer kommenden Zeit, die ihre Wurzeln schoü im deutschen Mittelalter hat: Dem deutschen Weltgefühl erscheint eine Ordnung nur dann sinnvoll, wenn in ihr der einzelne Gelegenheit hat, seine Persönlichkeit voll zu entfalten, diese Persönlichkeit aber auch in den Dien st eines größeren Ganzen stellen kann. So auch bodenständige deutsche Wirtschaft: Eine mannigfaltige Fülle von Einzelpersönlichketten, die im Dienste der Gesanttwirtschaft Sinn und Lohn ihres Wirkens finden. Rur auf dieser Grundlage ist eine dauernde W i edera ck f rich1ung des deutschen Mittelstandes möglich, eines bodenständigen Mittelstandes als Gewähr- leister deutscher Freiheit und Anabhängigkeit nach Osten und Westen.
Kanada will deutsche Bauern.
Erleichterung der Einwanderungsbestimmungen. — Rückgang der Einwanderung aus England. — Deutsche Bauern
Im August vorigen Jahres hat die neue kanadische Regierung als eine ihrer ersten Amtshandlungen ein Verbot gegen jebe Einwanderung erlassen. Erst jetzt ist dieses Verbot gemildert worden, so dah für deutsche Landwirte, die sich in Kanada ansiedeln wollen und über ein Kapital von min- destens 1 000 Dollar verfügen, die Einwanderung wieder möglich ist.
Als das strenge Einwanderungsverbot erlassen wurde, begründete die neue konservative Regierung ihren Schritt mit der wachsenden Arbeitslosigkeit; die Zahl der Arbeitslosen betrug damals etwa 150 000 bis 200 000 und das Cinwanderungsverbot sollte solange gelten, bis die Arbeitslosigkeit behoben ist. Es hat sich aber in den sieben Monaten, die das Verbot in dieser strengen Form bestand, gezeigt, dah zwischen Einwanderung und Arbeitslosigkeit nicht der Zusammenhang bestand, der das Verbot überhaupt erst rechtfertigen sollte.
Die in den industriellen Provinzen im O st en Kanadas wachsende Arbeitslosigkeit kann durch
gesucht. — Keine tlebereilung.
ein E nwanderungsverbot, das jede Einwanderung unterbindet, weder aufgehalten noch beseitigt werden. Am hier Abhilfe zu schaffen, genügt ein Einwanderungsverbot für indu- strielle Arbeiter, das ja auch jetzt noch weiterbesteht.
Ganz anders aber steht es mit der Einwanderung von Landwirten und auch mit der von Landarbeitern uni) Landarbeiterinnen. Das letzte strenge Verbot hatte darum auch von vornherein für den Saisonbedarf an landwirtschaftlichen Hilfskräften für die Ackerbaudistrikte im W est e n Kanadas eine Sonderbestimmung erhalten, nach der im Rahmen der Anforderungen der einzelnen Provinzen brittsche Qanbar6eitcr zur Einwanderung zugelassen werden sollten, aber auch nur dann, wenn sie genügend Kapital besahen, um sich für einen „angemessenen Zeittaum" selbst zu erhalten. Diese Bestimmung, die man kaum eine Begünstigung britischer Einwanderer nennen kann, hatte zur Folge, dah die britische Einwanderung sehr stark nachlieh.
In den kanadischen Ackerbaudistrikten ist auch das Verlangen nach landwirtschaftlichen Arbeitern aus England nicht sehr groß, denn erfahrungsgemäß eignen sich Einwanderer aus anderen Ländern, ganz besonders aus Deutschland, weit besser zur Landarbeit als gerade die britischen Landarbeiter, die noch Kanada kommen. Durch den Passus, daß Die britischen Landarbeiter über genügend Kapital verfügen müssen, um sich eine angemessene Zeit lang selbst zu erhalten, hat sich die kanadische Regierung in jeder Weise gesichert. Cs ist nämlich eine alte Erfahrung, daß gerade die britischen Landarbeiter, di« nach Kanada einwandern, immer sehr bald, nachdem sie kurze Zeit in den Westprovinzen gearbeitet haben, versuchen, in der Industrie der Ostprovinzen unterzukommen; sie betrachten die harte und schwere Landarbeit nur als ein Heber« gangsstadium, und gerade sie sind cs, die für den industriellen Arbeitsmarkt Ostkanadas eine schwere Gefahr bedeuten.
Auf Grund der zwischen England und Kanada bestehenden Einwanderungsverträge konnte Ka-
Das Schttsa»
das letzte Wort
Roman von I. Schneider-Foerstl.
Arheber-Rechtschuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa.
20. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Morgensonne küßte die Wipfel im Park von Langenbach, als der Wagen, den'Gerd selbst steuerte, vor dem Tore hielt. Das schwere Gitter war verschlossen. Tauperlen glänzten auf der verrosteten Klinke, die wie eine Faust ins Leere ragte. Die Akazien hatten sich eines Teiles ißrer weißen Sterne entledigt und den Rasen mit Schnee übersprenkelt.
Zögernd setzte Hedwig den Fuß über das Tintt- brett und machte einen Schritt nach der Türe hm.
Als wären dreißig Jahr« ein Richts, so flutete die Vergangenheit über sie herein. Hier, durch die kleine gebüschüberwucherte Pforte, war sie geschlüpft, als sie in der Rächt vor der Hochzeit ein letztesmal in die Arme des Iugendgeliebten geflüchtet war. Eie hatten beide geglaubt, es nicht überleben zu können, daß Herz von Herz sich trennen mußte. Aber es hatte keine andere Möglichkeit gegeben. Der Vater stand vor dem Bankerott. Zuchthaus und Entehrung drohten. Er hatte mit Mündelgeldern spekuliert. Da war Lutz Setterholm gekommen und hatte seine Anterstühung angeboten, hatte vvrgeschlagen, das Bankhaus Toppard zu sanieren, wenn...
Ach, dieses Wenn! Sie war der Preis gewesen.
Ihre Hand, die bereits auf der Klinke gelegen hatte, fiel wieder herab. „Ich kann nicht!" dachte sie. „Es ist unmöglich, daß ich das farm!“ Gegen den Steinpfeiler gelehnt, drückte sie den Kopf dagegen.
Ein Hühnerhund kam in weitem Bogen gesprungen und kläffte scheltend auf. Aus einem der Laubgänge löst« sich eine gedrungene Gestalt in grauem Iagdrock und hohen Schaftstiefeln und kam auf das Tor zu. Dann verhielt der Schritt plötzlich, als wäre es Spuk, was die Augen faßen. Das hatte Sekunden gedauert. Im nächsten Augenblick tat sich die Keine Türe auf.
„Ich nehme an, daß Eie zu mir wollen, gnädige Frau!"
Hedwigs Haupt senkte sich. Den Hund abwehrend, wartete er, bis sie eingetreten war, und ging dann an ihrer Seite die Auffahrt entlang. Malven standen wie schwarze Wächter. Rotdorn neigte blutbesprenkeltes Gezweig. Wucherblumen schimmerten wie Sterne auf dem gemähten Rasen.
Vor Hedwigs Augen floß alles zusammen und wurde zu einer verschwimmenb endlosen Fläche. Es ging nicht mehr.
„Wo ist meine Tochter?"
Ihre Hände tasteten und griffen in das Laub einer Thujenhecke. „Was ich Ihnen auch an öeib bringen mußte, lassen Sie es mein Kind nicht entgelten, Graf Egon!"
In seinem Gesicht war nichts als Staunen. „Ich verstehe nicht, gnädige Frau!"
„Meine Tochter ist bei Ihrem Sohn!
Run war es nicht mehr Staunen, sondern Zorn, der ihm die Frage von den Lippen riß: „Wer sagt das?"
„Seien Sie gut!“ Ihre Hande lösten sich aus der Hecke und falteten sich ihm entgegen. „Seien Sie gut! Ich suche sie seit zwei Ahr nachts. Ber allen Freunden und Bekannten habe ich ange- klopft. And nirgends fand ich sie. Sie kann nur bei Ihrem Sohne fein.“
„Wissen Eie, wo mein Sohn ist?“ So brüsk hatte das geklungen, daß sie etwas von ihm weg auf den Rasen trat, dessen Tau ihr die Schuhe netzte.
Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. „Ich vermutete ihn auf Langenbach.“
In seinem Gesicht war keinerlei Ausdruck des Zornes mehr, als er erwiderte: „Er wollte mich gestern abend besuchen, ist aber nicht eingetroffen. Sie müssen sich fassen, gnädige Frau", bat er, als sie in Weinen ausbrach. „Mein Bub ist doch kein Strauchdieb, der ein Weib schändet."
Ihr Gesicht war entstellt. Eie mußte nur immer denken, wenn es nur zu Ende wäre, so gräßlich war das Elend, das über sie hereinbrach. Die Bäume wuchsen plötzlich bis zum Himmel und trugen güldene Spitzen. Hoch oben, wo sie den Aether berührten, zerstoben sie wie Feuerwerk, und tausend und abertausend sprühende Funken tanzten auf sie Hemieder.
„Wohin soll ich noch suchen gehen? toemte ihre Stimme.
„Ich weiß es nicht!" Sie zuckte verschüchtert zusammen, so hart hatten seine Worte geklungen. „Vielleicht ist Ihre Tochter bei ihm in seiner Stadtwohnung. Soll ich anrufen?“
„Richt!“ Eine Scham, so ungeheuer groß, wie sie nur je über eine Mutter kommen konnte, brach über sie herein. „Was ist, wenn — v Gott! Graf, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß et sie — heiratet I“
„Er wird es wohl tun!“ sagte Lippstädt. „Er liebt sie ja!“
„Older Sie, Graf — Sie hassen mein Kind!'
„SBer sagt das, Hedwig?"
Ton und Harne, wie in den Tagen ihrer großen, allergrößten Liebe, trafen sie, so daß er rasch den Arm um sie legte, um sie vor dem Sturz auf den Olafen zu bewahren. Dicht an ihrem Ohr horte sie jetzt feine schmerzdurchzitterte Stimme: „Was und beiden nicht gegönnt war, Hedwig, das wird nun unseren Kindern! Freut cs dich? 3a, geliebte Frau?“
„Wie gut du bist!" In bitterlichem Weinen barg sie das Gesicht an seiner Schulter.
„Wir wollen telephonieren“, sagte er tröstend. „Die Kinder wissen vielleicht (jar nimmer aus und ein in ihrer großen Rot. Sie sollen kommen. Richt wahr, Hedwig, wir wollen ihnen sagen, daß unsere Arme offen für sie find, daß sie nichts zu fürchten brauchen. Gar nichts! Man kann nicht wissen, was junge Menschen in solchem Leid sich antun.“
Eie hastete neben ihm her. Fast atemlos kamen sie beide in der Halle an. Lex, der die Flügeltüre offen hielt, verneigte sich fast bis zur Erde. Frau Hedwigs Seidenschal streifte ihn und ließ einen süßen Duft von Tuberosen zurück. Er sog ihn ein und ließ die Lider zur Hälfte über die Augen fallen. War es möglich, daß der Vergangenheit ein Auferstehen wurde?
In Viktors Stadtwohnung meldete sich der Bursche. „Der Herr Graf sind feit gestern nachmittag nicht mehr zurückgekehrt, haben auch keinerlei Botschaft geschickt.“
„Mensch", brüllte Lippstadt, „wenn du mich belügst!"
„Es ist so, wie ich gesagt habe, Herr Graf. Ich bin bis drei Ahr aufgesessen, aber der Herr Hauptmann sind nicht nach Hause gekommen."
„And hat auch keine Rachricht gegeben?“
„Richts, Herr Graf. Qlber...“
„Was aber?“ Die Membrane surrte, so dröhnte es aus Lippstädts Mund in sie hinein.
„Ich — weiß ja nicht, ob...“ Die Stimme brach ab und erhob sich erst nach merklichem Zögern wieder. „Wie ich so gegen neun Ahr an der Villa Setterholm vorbei kam, flieg das Fräulein Dloem mit einem Herrn, der den Mantelkragen hochgestülpt hatte, in ein Auto, dessen Lichter abgeblendet waren. Sie stellten einen Koffer in den Fond, und ich hörte das gnädige Fräulein sagen: Wie weit glaubst du, daß wir heute noch kommen werden?“
„Schluß I" schrie Lippstädt in das Sprachrohr und warf den Hörer so kräftig auf die Gabel, baß er wieder heraussprang und, von der Schnur gehalten, zwischen Kante und Boden baumelte.
Hedwig hielt den zweiten Hörer noch immer in der Hand und vermochte kein Glied zu rühren.
Lippstädts heiseres Lachen vibrierte in ihrem Ohr: „Sie packen es klüger an, als wir es seinerzeit getan haben. Die Generation von heute nimmt sich ihr Recht, ob mit ober ohne Segen von uns Onten. Die lieben einfach! Basta! Aber ich hätt's dem Jungen nicht zugetraut. Ich hätt es ihm nicht zugetraut, dem Viktor!“
Hebwig glaubte, vor Scham über ihr Kinb versinken zu müssen. — Was einem Manne als Mut angerechnet würbe, für bas Weib blieb es immer Schanbe, Entehrung, Schmach
Ihr Kinb hatte ihr alles für feine Liebe geopfert. Es blieb nichts mehr als bas Hoffen, baß ber junge Lippstädt später des Fehltrittes seines jungen Weibes vergaß und ihre Kinder nie davon erfuhren.
Denn toerm die Welt auch zu vergeben und zu vergessen gewillt war — — die Jugendsünde einer Frau vergab sie und vergaß sie nie.
In Alla Setterholms Wohnung herrschte die Ruhe eines Grabes. Aschi wagte kaum den Kopf zur Küchentüre herauszustrecken. Die ganze Rächt war sie auf den Knien gelegen und hatte gewimmert und geweint und war vor lauter Selbstanklage so krank geworden, baß sie sich kaum mehr auf ben Füßen hielt.
Die Herrin toürbigte sie noch immer keines Blickes. Richt einmal Wasser, ober was es sonst für kleine Dienste zu leisten gab, durfte sie nach dem Schlafzimmer tragen, in dessen breites Messingbett man Viktor Lippstädt gelegt hatte. Zuweilen schlürfte sie verstohlen an die weiße Tür und legte bas Ohr bagegen. Aber bahinter herrschte nichts als unheimliche Ruhe. Dann hastete sie toieber in ihre Küche zurück unb machte bie toeiße Schürze mit ihren Tränen naß.
War bas eine Rächt gewesen! Seit bamals, als ber junge Dilbhauer, ben die Künstlerin so über Maß unb Vernunft geliebt hatte, gestorben war, hatte sie feine so schreckliche Rächt mehr erlebt.
Die Wohnung war auf einmal voll Menschen gewesen. Das Fräulein Hetterfielb, bie Professorin waren da, unb ein altes häßliches Frauenzimmer hatte aufgekreischt unb sich am Doben gewunden unb Worte geschrien, bie fein Mensch verstaub. Dann waren Menschen in weißen Kitteln burch ben Gang gelaufen. Geruch von Lysol, Kampfer unb was dergleichen Betäubungsmittel mehr find, hatte die ganzen Räume erfüllt.
Das Fräulein Hetterfield hatte bann im Atelier gesessen unb bitterlich gemeint, unb bie alte Häßliche taufenb Worte verschwenbet, sie zu trotten. Die Frau Professor war hin unb her- geirrt unb hatte nur immer bie Hänbe gegen die Schläfen gepreßt. Qlber kein Ton war aus ihrem Munde gekommen.
Einmal hatte Aschi versucht, einen Blick von ihr zu erhaschen. Aber bie Herrin hatte sich nur umgedreht unb ihr ben Rücken getoanbt. Da war sie toieber davongeschkchen.
Gegen elf Ahr nachts erschienen bie brei toeißea Kittel toieber im Korribor. Sie waren blutbe- spriht, unb bie Gesichter, bie sich baraus hervor- ijoben, waren grau unb abgespannt.
(Fortsetzung folgt.)


