Nr. 63 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, 16. März 1931
SJL-tfpoit
Zußball der Gießener Mannschaften.
Der gestrige Sonntag brachte den beiden Liga- mannschaftcn leider wieder zwei Niederlagen. Auf dem VfB.-Platz weilte die Mannschaft des Sport, klubs „j)af ia" Dieburg zu Gast. Die Gäste aus Starkenburg führten ein rationelles, wenn auch technisch nicht ehr hochstehendes Spiel vor und siegten mit 7:1. Das Spiel der Ligarcserve gegen Nieder- weiscl gelangte nicht zum Austrag. Die 1. Schülermannschaft des VfB. wurde von der körperlich stark überlegenen Schülermannschaft des Sportvereins Garbenteich mit 6.0 geschlagen. — Die Ligamannschaft der Spielvereinigung 1900 kehrte von Alsfeld ebenfalls geschlagen zurück. Mit 4:0 behielten die Platzbesitzer die Oberhand. Zu berücksichtigen war allerdings, daß die 1900er den Stampf mit nur neun Mann bestreiten mußten, da zwei Spieler aus Nidda nicht auf dem Platz erschienen. Das Spiel der Ne- ferne gegen die Reserve von „Germania" Marburg wurde von Marburg aus abgesagt, da der Platz nicht in spielfähigem Zustande war. Die 3 Mannschaft verlor gegen die 1. von Wieseck mit 2:4, die 4 Mannschaft vermochte gegen die 2. von Wieseck mit 5:1 siegreich zu bleiben. Die 1. Jugend gewann in Nidda mit 4<0.
Förth in Dresden geschlagen.
Die Fürther Spielvereinigung trug am Samstag ein Gesellschaftsspiel in Dresden gegen den dortigen Sportklub aus. Zu dem Treffen hatten sich 7000 Zuschauer eingefunden. Fürth spielte ohne Leinberger, Dresden ohne Richard Hofmann. Die Entscheidung brachte die größte Durchschlagskraft des Dresdner Angriffs. Das Spiel endete mit einem 2:0 für den Dresdner SC.
Winter-Gerätewetturnen.
2. Bezirk Gau Hessen DI.
Nahezu 200 Turner waren am Sonntag dem Ruse ihres Dezirkstumwartes Paul Schüler (Wehlar) gefolgt, um Zeugnis abzulegen von chren Fortschritten im Geräteturnen während der Wintermonate. 3n der Turnhalle zu Heuchelheim, i>er_ größten im 2. Bezirk (Gießen—Wetzlar— Grünberg) des Gaues Hessen, entwickelte sich nach einem gemeinsamen Turnerlied während des Dormittags ein frisch-fröhlicher Wettkampf, der manche gute Leistung besonders auch von den größeren Landvereinen aus der Umgebung von Gießen sehen lieh. Dank der guten Vorbereitung durch den Ortsverein und der unverdrossenen Arbeit des Bevechnungsausschusses konnten die Wertungslisten und Siegerurkunden zeitig fertig- gestellt werden, so daß insbesondere die zahlreichen Schüler schon nachmittags den Heimweg unter Führung ihrer Turnwarte antreten konnten. Bei der Siegerverkündigung erkannte der erste De- zirksvertreter. Universitätsbureaudirektor Wilh. Erle (Gießen), den erzieherischen Wert der Eelbstausbildung an, die ieder Geräte tu rner über seine methodische Anleitung hinaus dazugeben muß, um auf eine Höhe des Erfolges zu kommen. Der Rachmittag schloß mit einem Handballspiel auf dem schönen Sportplatz bei der Turnhalle und mit einem Schauturnen auf der Hallenbühne wirkungsvoll uno unterhaltsam für die zahlreichen Gäste der werbekräftigen Deranstaltung ab. Die Ergebnisse der Wettkämpfe lassen wir morgen folgen.
Rechts: Hergert.
Franzosen hielt an. Unsere Stürmer sind weiterhin vom Pech verfolgt, Dergmaier schießt zweimal aus kurzer Entfernung daneben, auch Springer und Richard Hofmann haben mit ihren gut
gemeinten Bomben keinen Erfolg. Rach zehn Minuten kommt Deutschland zur ersten Ecke, die abgewehrt wird. Die zweite und dritte Ecke für Deutschland bringt auch nichts ein. Die letzten 20 Minuten des Kampfes fallen gegen den Beginn stark ab, besonders gegen Schluß wird auf deutscher Seite lustlos gespielt und so klingt das Spiel ziemlich monoton aus. Unter stürmischem Jubel der auf den Platz dringenden Zuschauer verlassen die Sieger auf den Schultern ihrer Landsleute den Schauplatz ihres Erfolges.
kurze Kritik.
Die deutschcEls hatte sich zuerst recht wacker geschlagen, kapitulierte aber schließlich, als nichts gelingen wollte. Der Sturm litt unter dem Ausfall von Hergert 3n der Läuserre he war Knöpsle der weitaus beste Mann, Leinberger konnte nicht immer befriedigen, Münzenberg war ein glatter Versager. Die Hintermannschaft gab sich die größte Mühe und hatte ein riesiges Pensum zu erledigen. Weber war nach einer schwachen Viertelstunde der bekannte verläßliche Spieler. Schütz stand ihm Wenig nach, Kreß war zeitweilig unsicher, er machte dies dann wieder durch einige Bravourstücke wett.
Frankreich trug den Sieg in erster Linie durch sein einfaches, aber nutzbringendes Spiel davon. Thcpot spielte fehlerlos und wurde von Rattler und Anatol ausgezeichnet unterstützt. 3n der Läuferreihe überrag.c Kaucsar, er war der beste Spieler aus dem Felde und stellte sein Gegenüber glatt in den Schatten. 3m Sturm gefielen vor allem die flinken Flügelstürmer.
Oberhessen im neuen Kahrplan.
Iußball-Aiederlage gegen Frankreich.
Deutschland in Pans 1:0 geschlagen.
Roch nie wurde einem Fußball-Länderkampf von deutscher Seite mit so großem 3nteverf~ »nt- gegengesehen wie dem ersten Spiel zwischen Frank reich und Deutschland am Sonntag in Pariv -ocy gerade diese Begegnung endete mit einer unerwarteten Riederlage der deutschen Rationalmannschaft, die nach einem unglücklichen Spiel knapp aber verdient von den Franzosen mit 1:0 geschlagen wurde.
Schon in den Mittagsstunden war das Stade Colombes mit 50 000 Zuschauern in seinem Fassungsvermögen erschöpft. Die in strahlender Frühlingssonne liegende weite Anlage bot ein imposantes Bild. Kurz vor 4 Uhr (deutscher Zeit) erschien die deutsche Mannschaft unter Führung von Kreß und wurde mit herzlichem Beifall begrüßt. Durch Lautsprecheranlage wurde von einer Schallplatte ein deutscher Marsch übertragen, dann sprangen die Franzosen in das Spielfeld, die Musikkapelle intonierte die Marseillaise. Rachdem Richard Hofmann dem französischen Spielführer Thcpot einen Blumenstrauß überreicht hatte, zog Hofmann bei der Wahl das Los und entschied sich mit leichtem Wind gegen die Sonne zu spielen.
Der Spie ver aus.
3n den ersten Minuten sind be de Mannschaften reichlich nervös, bald sind aber die Franzosen im Angriff und Kreß hat Gelegenheit, seine Fä)ig- feiten zu beweisen. Beide Tore kommen abwechselnd in Gefahr Schon bald seht sich die Erkennt- । nis. durch daß die langsame deutsche Angriffsreihe |
gegen die schnelle französische Hintermannschaft keine Aussichten auf Erfolg hat, dazu kommt noch das Versagen des Sturrnführcrs Hergert. Unsere Läuferreihe kommt auch nicht in Schwung und unterstützt den Sturm herzlich Wenig Münze n b e r q als rechter Läufer liefert eine sehr schwache Partie. 3hm passierte auch in der 1 3. Minute das Mißgeschick, Frankreich zu einem billigen Erfolge zu verhelfen. Bei einer Weiten Vorlage von Kaucsar traf er das Leder so unglücklich mit dem Fuß, daß der Ball an dem überraschten Kreß vorbei ins deutsche Tor ging.
Richtlich deprimiert setzte die deutsche Mannschaft den Kampf fort und fand sich schließlich mit ihrem Schicksal ab. Rach halbstündiger Spieldauer kommt Frankreich zur ersten Ecke, die nichts einbringt. Dann zeigte der französische Torwart Thepot bei einer Hofmann-Bombe sein großes Können. 3n der 30. Minute muß Ludwig Hofmann verletzt vom Platze abtreten. Seinen Posten nimmt der bisherige Rechtsaußen Bergmaier ein; Welter wird Rechtsaußen. Die neue Aufstellung bringt etwas Schwung. Vor dem Tore bleibt aber die Situation immer die gleiche; die französische Verteidigung ist immer früher am Ball. Ohne besondere Momente vergehen die letzten Minuten der ersten Spielhälfte und mit 1:0 für Frankreich geht es in die Pause. Hatte man nun eine bessere Leistung unserer Vertreter erwartet, so sah man sich zunächst enttäuscht. Die Ueberlegenheit der
Auch in diesem Jahre sind der Reichsbahndirektion Frankfurt in gemeinsamen Vorstellungen der großen hessischen Verkehrsorganisationen (Hessischer Verkehrsverband in Darmstadt, Verkehrsbund Oberhessen in Gießen), der Verwaltungsbehörden und der Industrie, und Handelskammern eine Reihe von Fahrplanwünschen für Oberhessen unterbreitet worden, deren Erfüllung leider noch aussteht. So war — wie der Hessische Verkehrsvcr- band in Darmstadt mitteilt — für die
rNainweser-vahn
im neuen Fahrplan nach dem bisherigen Entwurf der Wunsch geäußert worden, den beschleunigt geführten Zug 720, Bad-Nauheim ab 6.57 Uhr, Friedberg ob 7.04 Uhr, Frankfurt H. an 7.51 Uhr, bereits ab Gießen zu führen, welcher Wunsch leider unerfüllt bleibt; in der umgekehrten Richtung wird ohne Neuleistung durch Fortsetzung des Zuges 781 (bisheriger 721), Frankfurt H ab 18.10 Uhr, Friedberg ab 18.57 Uhr, Bad-Nauheim ab 19.04 Uhr statt des nunmehr in Bad-Nauheim endenden Zages 721 (bisheriger 781), Frankfurt H. ab 17.25 Uhr, mit Halten auf allen Zwischenftationen die unmittelbare, allerdings ab Bad-Nauheim sämtliche Stationen bedienende Verbindung mit Gießen hergestellt.
Von Bedeutung für die Main-Weser-Bahn ist es weiter, daß ein bereits in früheren Jahren erörterter Plan im neuen Fahrplan zur Durchführung gelangt in Gestalt der Ausdehnung der bisher auf die Strecke Kassel—Hannover beschränkten Eilzügc E 6 9/70 auf die Strecke Frankfurt — Ober- Hessen — Kassel. E 69 wird für die Folge Frankfurt H. 15.45 Ubr verlassen, um nach Halten in Frankfurt-West („nur zum Zusteigen") und Vilbel- Nord 16.07 Uhr, Friedberg 16.24 Uhr, Bad-Nau- heim 16.32 Uhr, Butzbach 16.44 Uhr zu verlassen und über Gießen, an 17.04 Uhr, ab 17.07 Uhr, nach Kassel—Hannover weiter zu fahren. Dieser Zug
I füllt auf der oberhessischen Strecke in günstiger Weise eine Lücke zwischen dem beschleunigt geführten Personenzug 375 (ab Gießen 15.17 Uhr in Richtung Siegen- Essen) und D 275 (ab Gießen 18.24 Uhr in Richtung Siegen—Hagen) aus; in der umgekehrten Richtung fällt E 70 auf der ober- hessischen Strecke leider mit der Lage des D 276 (ab Gießen 13.07 Uhr in Richtung Frankfurt a. M.) eng zusammen; E 70 verläßt, aus Hannover—Kassel kommend, Gießen kurz nach D 276 um 13.16 Uhr, um nach Halten in Butzbach 13.37 Uhr, Bad-Nau- heim 13.49 Uhr, Friedberg 13.58 Uhr, Vilbel 14.14 Uhr, 14.31 Uhr in Frankfurt H. anzukommen. Neuleistungen stellen die Züge E 69/70 auf der Strecke Frankfurt—Oberhesscn—Kassel insofern nicht dar, als die in den letzten Sommerabschnitten über die Main-Weser-Bahn gefahrenen vorzüglichen FD» Züge Frankfurt — Hamburg und Bremen, die auch für Bad-Nauheim von besonderer Bedeutung waren, im neuen Fahrplan ausfallen werden. Von besonderer Bedeutung für Ober Hessen ist weiter, daß die bisherigen, beschleunigt geführten Personenzüge 769/770 Frankfurt—Hamburg und zurück in zuschlagpflichtige Eil- zöge E 71/72 umgewandelt werden; gleichzeitig wird eine Beschleunigung dieser Züge Platz greifen, die eine etwas spätere Abfahrt in Frankfurt H. 9.02 Uhr statt 8.50 Uhr, mit wesentlich verbessertem Uebergang aus Süddeutschland und eine entsprechend früher Ankunft — ebenfalls mit Verbesserung der Anschlüsse — ermöglicht. Zur Entlastung von E 71 72 dient an Sonn- und Feiertagen ein beschleunigt geführtes Zugpaar 769/770, FrankfurtH. ab 8.10 Uhr, Gießen an 9.36 Uhr, Gießen ab 21.06 Uhr, Frankfurt H. an 22.35 Uhr. Eine dankbar begrüßte Neuerung stellt ein für die Zeit von Ende Mai bis Ende August vorgesehenes beschleunigtes Zugpaar 1103/1104 zwischen Bad-Nau-
Kreuzweg der Liebe.
ZRoman von Paul Grabein
Urheberrechtsschuh: Romandienst „Digo", Berlin W 30.
1. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
älrfula fügte sich' anfangs nur widerstrebend dieser Reugestaltung ihres Lebens. Gewiß, sie dankte cs dem Vater, daß er ihr zuliebe sich wieder in die Welt hinauswagte, dennoch konnte sie nicht recht froh darüber fein. 3hre alten Befürchtungen drohten wieder wach zu werden.
Mit großer Zurückhaltung trat sie daher in die Gesellschaft ein.
So kam es, daß Ursula Drenck — so hübsch sie war — bei den jungen Herren der Gesellschaft nicht übermäßig beliebt war: Kalt, vollständig temperamentlos — tödlich ernst — das waren die Urteile, die über sie im ilmlau' waren. Ursula merkte das nur zu gut, und zu ihrer Resignation trat Bitterkeit: — Sie paßte ni^i in diese Welt!
3n dieser Seelenverfassung hatte 3örg Wigand Ursula kennengelernt, und was auf die anderen erkältend gewirkt hatte, das zog gerade ihn an. Cr fühlte sich ihr vom ersten Augenblick an innerlich verwandt.
Auch der Grundzug seines Wesens war ein vorzeitiger Ernst. Früh verwaist, hatte 3örg gelernt, sich allein durch die Welt zu finden. Große Festigkeit und schnelle Reife Waren auf der einen Seite die Früchte gewesen, auf der anderen ein tteses Sehnen nach Liebe und Güte, die er hatte entbehren müssen.
So gestimmt, fand er Wenig Gefallen an den bevorzugten jungen Damen der Gesellschaft, deren oberflächlich heiteres Wesen ihn abstieh; dagegen ahnte und suchte er bei Ursula ein gleidpeftimrn- tes Empfinden, und allmählich kamen sie sich näher.
Als Ursula sich davon überzeugt hatte, daß hier ein Mann vor ihr stand, voll Charakter und Zartheit des Empfindens. von einer verehrungsvollen Hochachtung vor den Frauen, und zu allem: ein Einsamer wie sie selber — da erschloß sie auch ihm ihr innerstes Wesen. So fanden sich ihre Herzen.
Der Major konnte diesen Herzensbund nur aus vollster Ueberzeugung gutheihen. Er konnte sich für fern Kind keinen besseren Lebensgefährten Wünschen. Freilich War Wigand im Augenblick noch nicht in der Lage, einen Hausstand zu gründen. Ein noch junger Arzt, der zwar die besten Aussichten auf eine gute Praxis hatte, mußte er inxH Warten, bis er ein auch für eine Familie ausreichendes Einkommen hatte.
Der Brautstand hatte Ursula froh aufblühen lassen. Run War Sonnenschein in ihr Leben ge
fallen. Da drängte alles in ihr dankbar dem neuen Licht entgegen, und die alten Schatten ängstigten ihre Seele nicht mehr.
Sie fühlte sich ja nun geborgen, und Wollte ihr Wirklich einmal die Angst vor ihr selber kommen, so flüchtete sie sich schnell an die Brust des Mannes, den sie als ihren Schützer und Führer schwärmerisch verehrte.
So brachte die Brautzeit den Verlobten tiefes Glück. Freilich kein unbewölktes. Bei aller Harmonie zeigten sich doch Verschiedenheiten ihrer Charaktere, die bei der Offenheit ihres Wesens leicht zu Auseinandersetzungen und vorübergehender Verstimmung führten.
3e mehr Ursula in der Sonne ihrer Liebe auf- zuieben begann, je mehr entwickelte sich jener Trieb zu sorglos heiterer Lebensauffassung, den sie schon ausgerottet wähnte. So empfand es 3org manchmal störend, daß in gewissen Momenten ihr tieferes Empfinden versagte, daß sie leicht über eine Sache hinwegglitt, die er nur schwer in sich verarbeitete. Zwar waren das immer nur flüchtige Augenblicke, die bald durch glückliche Stimmungen des Verstehens wieder in Vergessenheit gebracht wurden; aber sie kehrten doch wieder, und zwar immer häufiger — so schien es ihm.
Durch all das schon überempfindlich und reizbar geworden, hatte Wigand heule Ursulas Wefen tiefer verletzt, als es sonst wohl geschehen wäre. Aber er begann nun, in den Augenblicken, Wo er schweigend uCm Ma.or gegenubersaß, nachzudenkcn, ob er ihr nicht irgendwie doch unrecht getan hätte. Absolute Ehrlichieit auch gegen sich selbst War ein hervorragender Zug seines Wesens; so sagte sich denn 3örg nach kurzem Besinnen, daß feine Verdrossenheit über Ursulas Ausbleiben unberechtigt gewesen war. Aber das mit dem Zimmer Wollte ihm noch immer nicht in den Kopf. Rein, — da war doch sein Empfinden entschieden im Recht! Und heftig stieß Wigand in trotzigem Verharren den Rauch seiner Zigarre von sich.
Andererseits — Wenn er die Sachlage unparteiisch erwog, so mußte er sich das Eingeständnis abzwingen: es ging einmal nicht anders! Der Major konnte den einzigen Sohn seines verstorbenen Bruders doch Wirklich nicht 3örgs Empfindungen zuliebe ins Hotel schicken. Und Ursulas Zimmer War das einzig verfügbare im Hause.
Sowie Wigands Erregtheit verflogen und dieses bessere Erkennen in ihm aufgestiegen War, kam auch der Drang über ihn, das begangene Unrecht Wieder gutzumachen.
..Vcr eih. Papa" — wandte er sich, die Zigarre fortlcgenö. an den Major. „3ch möchte zu Urei.“
„Ra, also schon Wieder im Reinen?" Vm leises, gutmütig-ironisches Lächeln überflog die durchfurchten Züge des Majors. Er kannte ja Schwiegersohnes heißblütiges Wesen und
er nickte 3org zu, der schon dem Rebenzimmer zuschritt.
Gleich darauf trat Tante Marie ins Zimmer. „Wir können essen — die Kinder nicht hier?" Suchend blickte sich die rundliche, kleine Dame im 3immer um.
„Werden wohl noch einen Augenblick Warten müssen."
„Wieso?" Die Tante fragte es etwas ungeduldig. Der Braten drohte falt zu werden.
..Da drinnen" — Drenck Wies mit einer Kopfbewegung nach Ursulas Zimmer hin — „wird mal wieder Dersöhnungsscst gefeiert.“
„Was? Schon wieder?" Die Tante schlug die Hände zusammen. „Das finde ich doch recht be» deutlich, Schwager. Mir Wird bisweilen bang' um Ursels Zukunft. Wenn das jetzt schon so losgeht mit den Meinungsverschiedenheiten!"
„Besser als nachher — wenn's zu spät ist!" Gelassen strich der Major die Asche seiner Zigarre ab. „Die Sache ist auch nicht so ernst zu nehmen. Sie sind eben beide noch jung und müssen sich gegenseitig abschleifen — besonders das Mädel. 3ft ja noch ein reines Kind."
..Das ist's ja eben“, seufzte die Tante. „3org ist viel zu ernst für sie. Pah auf, Schwager, das tut nimmer gut!“
„Ach. Unsinn!“
..3örg ist gerade der richtige Mann für das Mädel. Er hat die richtige Hand für sie: fest und doch weich! Schars herannehmen und doch mal wieder Luft am Zügel geben. Der bringt sie richtig in Gang — verlaß dich drauf!"
„Wenn du denn eine Frau durchaus immer mit ’nem unvernünftigen Tier vergleichen muht“ — des Majors kavalleristischer Lieblingsvergleich kränkte die kleine Dame immer von neuem — „gut! Aber dann sage ich dir — und so viel versteh' ich doch auch von der Pferdebehandlung" — Tante Marie stammte vom Lande — „er ist viel zu hitzig für sie! 3a, Wenn er ruhiger wäre, nicht selber immer gleich aufbegehrte — aber so!" Und mit einem vielsagenden Achselzucken ging Tante Marie hinaus, ihren Braten warmzustellen.
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Ursula, die in ihrem Zimmer beschäftigt War, hörte, Wie die Tür aufging und jemand herein- kam. Am Tritt erkannte sie 3örg. aber verriet es nicht. Roch grollte der Zorn in ihr über die zu Unrecht erlittene Zurechtweisung. Run aber fühlte sie seine Hand auf ihrer Schulter, und als dann seine Stimme dicht an ihrem Ohr ein leises Wort der Abbitte sprach, verflog auch ihr Groll. Einen Augenblick empfanden beide in langem Kuh die Sähe verzeihender, junger Liebe. Dann bat sie, an feine Schulter geschmiegt:
„3örg, fei nie Wieder fo zu mir! 3ch bitte dich flehentlich: sah mich nicht hart an! 3ch fühle es,
in mir steckt ein Stolz, ein Trotz, der sich aufbäumt. Sei immer gut zu mir, dann Will ich Wie Wachs in deiner Hand fein.“
Die leisen Worte, ihre flehenden Blicke rührten ihn. Mit innigem Anfichziehen versprach er ihr es. Dann aber machte sie sich frei — Wieder strahlend froh.
„Und nun sieh dich mal um!" Mit Stolz Wies sie ihm das Stübchen, das sie möglichst einem Herrenzimmer gemäh umgestaltet hatte. „Sieht es nicht riesig gemütlich hier aus? Fred Wird sich Wohl fühlen, denk' ich — nicht?"
Wigand bemühte sich ehrlich, an ihrer Freude teilzunehmen und versöhnlicher an den Detter zu denken.
„Ach, 3örg, ich bin ja so glücklich, daß Fred kommt! Der bringt gleich eine ganz andere Luft ins Haus. Du sollst mal sehen, Wie der Papa aufzuheifern versteht. Und auch dir Wird er gefallen. Er ist ja ein so lieber Kerl."
Wigand empfand zwar eher eine gegenteilige Ueberzeugung, aber cr bezwang sich.
„An mir soll es nicht liegen“, versicherte er. „3ch Will ihm ohne Vorurteil gegenüb er treten.“
„Ohne Vorurteil?" Sie sah ihn an und nahm ihn lachend bei den Ohren. „Als ob dir Fred schon — Gott Weiß was -- getan hätte! Wenn man nicht Wüßte, was für ein seelensguter Mensch du im Grunde bist, man könnte ordentlich Wütend Werden auf dich." Und sich auf den Fußspitzen hebend, drückte sie ihm Während der letzten Wcrle chrc Lippen auf den Mund.
3örg umfing sie und zog sie dichter an sich. 3hre Schelmerei ließ seine Liebe heiß aufwallen.
Und aus nächster Rähe senkte sich sein Blick mit leidenschaftlichem Fordern in den chren.
Das Mädchen schloß unter diesem Blick die Augen, und ihre Hände glitten über sein Gesicht. die Weichen Fingerspitzen drückten ihm die Lider zu.
Da r ß et sie hoch, ihre ganze schlanke Mädchengestalt mit den Armen umfangend, so daß ihr in süßem Erschrecken fast die Sinne schwanden, und mit heißem Atem schlugen ihr seine Worte ins Ohr:
„Du mußt mich lieb haben — du muht! 3ch kann dich ja nicht missen, du mein ein und alles!
Das Mädchen durchschauerte es. So hatte sie ihn noch nie gesehen; noch nie hatte er ihr die ganze Tiefe seines Empfindens so unverhüllt gezeigt. Ein jubelndes Glück, freudiger Stolz mischten sich ihr in. das dunkle Angstgefühl, das sie bei diesem Ausbruch seiner Leidenschaft über» fallen hatte. 3hre Arme umschlangen ihn stürmisch.
Dann aber entriß sie sich und flüchtete, das verwirrte Haar ordnend, zu den andern ins Wohnzimmer.
(Fortsetzung folgt.)


