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16.2.1931
 
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Nr. 39 Zweites Matt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Montag, 16. Hebruar |93|

Deutsche inAiederlandlsch-Zndien

Don C Stalmann

Flachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Die trüben Erfahrungen, die der Ausländs­deutsche überall in der Welt dank der allgemeinen Verfemung und der fast völligen Schutzlosigkeit alles Deutschen gemacht hat, verleiten nur zu häufig auch da zu einem peisimistischen Urteil, wo dies durchaus unangebracht ist' So wurde in letzter Zeit auch über die angebliche Rechtlosigkeit des in Niederländisch-Jndien lebenden Deutsch­tums geklagt, das, wie es heißt, bei der Koloni­sierung dieses großen Jnselreiches nichts als Kulturdünger gewesen sei.

Die Wahrheit ist ganz anders. Auch in der schlimmsten Zeit, als der Kolonialdeutsche in fast allen Gebieten der Erde um Ruf, Stellung und Ehre gebracht wurde, selbst damals war das Deutschtum in Niederländisch-Jndien ein min­destens von der Regierung sehr ge­schätzter Teil der Bevölkerung dieses Gebietes. Gewiß ist während des Weltkrieges ein großer Teil der holländischen Bevölkerung Riederländisch-Zndicns auch der Arbeit der eng- lisch-amerikanisch-französischen Heypresse cjrlegen. Aber die holländische Regierung und das holländische Militär verhielten sich durch­aus wohlwollend neutral. Als Beispiel hierfür möge dienen, daß auf englischen Druck und aus dip Drohung mit der schwarzen Liste hin wohl eine Reihe von Deutschen von den großen Gesellschaften entlassen wurden, daß aber sehr viele deutsche Pflanzer und Kaufleute sofort von der holländischen Regierung a n ge­lt e 111 wurden. Tatsächlich war während des Krieges die Arbeitslosigkeit unter den Holländern größer als bei den Deutschen.

Es leben in Riederländisch-Jndien f a st 4000 Deutsche. Das Deutschtum hat einen wesent­lichen Anteil an der Erschließung des hollän­dischen Jnselreiches, und man kann deutsche Ein­flüsse in Holländisch-Jndien Jahrhunderte zurück­verfolgen. Schon in der zweiten Hälfte das vorigen Jahrhunderts gab es auch eine Reihe von deut­schen Vereinen in Riederländisch-Jndien. Den stärksten Anteil aber hat das Deutschtum ander Erschließung der Ostküste von Suma­tra, deren Kultivierung mit der Anlage von Tabakplantagen begann. Ein sehr großer Teil der leitenden Stellungen bei holländischen Plan­tagengesellschaften wurde in dieser Pionierzeit von Deutschen und Deutschschweizern eingenom­men. Erst später, als mit den neuen Kulturen, wie z. B. Gummi, Tee und Oelpalmen, sehr viel englisches, amerikanisches und bel­gisches Kapital ins Land kam, folgten auch Bürger die er Staaten als Beamte uad Kaufleute, so daß heute der Prozentsatz des Deutschtums dort nicht mehr so günstig ist gegenüber den Holländern, wie in der Pionierzeit. Aber hierbei spielen natürliche wirtschaftliche Gesetze und keine Vorurteile eine Rolle. Ucbrigend sind auch die englischen Gesellschaften bald nach dem Kriege wieder dazu übergegangen, deutsche Pflanzer an­zustellen, und mir ist sogar ein Fall bekannt, in welchem die größte englische Gummipflanzungs- gchellschaft auf Sumatra einen Deutschen als Hauptleiter über ihre mehr als 20 großen Plan­tagen gestellt hat.

Auch im gesamten Gebiet Niederländisch - Indiens ist es heute nicht mehr so, wie es bis etwa zum Jahre 1900 war. daß nämlich, ab­gesehen von den Holländern, unter den Europäern die Deutschen am zahlreichsten vertreten waren. Seit au den ursprünglichen Plantagenbetrieben, die sich auf Tabak, Zucker und Kaffee beschränkten, neue Kulteren, wie Faserpflanzen, Gummi, Tee und Oelpalmen getreten sind, strömten zahlreiche Engländer, Amerikaner. 'Belgier, Franzosen und Japaner nach Riederländisch-Jndien. Aber dieser prozentuale, keineswegs zahlenmäßige Rückgang der Deutschen unter den Fremden in Niederlän- disch-Jndien hat nichts daran geändert, daß dort nicht diese oder jene Rationalität für das Fort­kommen ausschlaggebend ist, sondern nur die Tüchtigkeit und die Leistungen des einzelnen. Das hat Schreiber dieser Zeilen in 37 Jahren erfahren, die er im niederländisch-indischenPlantagenbetrieb tätig gewesen ist.

Fasching.

Don Dalerian Tornius

Fasching! Ein großer mit altmodischen Stukkaturen prohenhaft überladener Saal ver­wandelt in einen phantastischen Osiristempel, auf Balkons. Estraden und in Rischen schmausende und zechende, schwatzende und lärmende Men­schen, in der Mitte ein buntes Gewimmel von tanzenden, promenierenden, sich jagenden Masken, die im wechselnden Spiel des Scheinwerfers bald grün, bald violett aufleuchten, ständig über die Massen sich ergießende Konfettifontänen, wie ver­irrte Riesenfalter hcrumflattecnde Gummiballons, auf hohem Podium ein tollwütig sich gebärdendes und keifende, schmetternde, näselnde Jazzweisen von sich gebendes Orchester, schrille Kindertrom­petentöne, Pritschengclnall, Sektböllerschüsse, und Lachen, Lachen und Flirt.

Ein anderes Bild: wolkenrein strahlender blauer Frühlingshimmel, mit Teppichen. Fahnen und Girlanden geschmückte Balkons ehrwürdiger Paläste, auf dem langgestreckten Korso ein lang­sames Hin- und Herfahren geputzter Karossen mit apart und geschmackvoll maskierten männ­lichen und weiblichen Insassen, denen man die Zugehörigkeit zur vornehmen Welt auf den ersten Blick anfieht, und zwischen den Wagen das auf- und abwogende Gedränge von fjo/enben, singen­den, johlenden Pulcinellen, Harlekinen. Kolom­binen, redelustigcn Advokaten, grotesken Quack­salbern, gehörnten Teufeln, täppischen Bauern, reizenden Landmädchen, Griechen, Türken. Wöh­ren, kurzum, allen Typen, die Volksleben, Ge­schichte und Phantasie liefern, und alle mit­einander verbunden durch das Glücksgefühl über- schäumender Dasoinsfreude.

Zwei Gegensätze und doch entsprungen aus einer Grundstimmung der Seele: los vom Alltag, fort mit den Sorgen um Geschäft und Geldeswert! Aber wie verschieden tritt diese Karnevalslust in Erscheinung! Gm kalten Norden verkriecht sie sich in die großen 'Festsäle der Städte und tobt hier ihren Uebcrfdjtoang aus, oft entartend zu allzuderber Ausgelassenheit. Oder sie begnügt sich mit der bescheidenen Form eines Familien­balls und Kostümfestes, und kommt vor Äon»

Ein anderer Irrtum, der aufgeklärt werden muß, betrifft die holländische Kolonial­armee, die oft zu Anrecht mit der französischen Fremdenlegion verglichen wird. Seit 1920 werden in der holländischen Kolonialarmee überhaupt keine Ausländer mehr ausgenom­men, da sich genügend Holländer zum kolonialen Militärdienst bereitfinden. Aber auch in der früheren Zeit, als noch Ausländer angenommen wurden, sah's in der holländischen Kolonialarmee ganz anders aus als in der französischen Frem­denlegion. Die holländischen Kolonialsoldaten ver­pflichteten sich das gilt auch heute noch für die nunmehr reniholländische Kolonialtruppegegen ein ansehnliches Handgeld zu sechsjähriger Dienstzeit, die sie später beliebig verlängern können. Rach zwölfjähriger Dienstzeit empfangen die Entlassenen eine Pension im Werte von etwa 100 Mark, wenn sie es. wie es meistens der Fall ist, bis zum Adjutant-Änterossizier gebracht

haben. Außerdem ist ihnen freie Heimreise zweiter Klasse zugelichert. Mir sind viele Fälle bekannt, daß aus dem Dienst geschiedene Kolonialsvldaten Stellung als Pflanzer oder Kaufleute bekamen und selbst leitende Stellungen in ihrem neuen Beruf einnahmen. Die Behandlung in der hollän­dischen Kolonialarmee ist menschenwürdig, die Verpflegung gut und der Dienst nicht allzu schwer.

Bedauerlich ist, daß die Anstellungs­möglichkeit von deutschen De amten in Riederländisch-Jndien nur noch in Ausnahme­fällen besteht. Höchstens im Berg- und Forsts ach werden noch vereinzelte Deutsche als Staats­beamte angestellt. In freien Berufen aber gab es und gibt es keinerlei Schranken. Es muß der holländischen Regierung hoch angerechnet werden, daß sie fast als einzige in ihrer wohlwollenden Sympathie für das Deutschtum in ihren Gebieten auch durch die Entente-Hetze der Kriegs- und Rachkriegszeit nicht schwankend gemacht wurde.

Krone und MM. - Molle in Monte Larlo.

- Don unserem A. ä.-Sonderberichterstatter.

Äachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Monte Carlo, Januar 1931.

In der Nachkriegszeit, als die große Krise der Riviera einsetzte, die in den letzten Jahren infolge der katastrophalen Vorgänge auf dem Weltmärkte noch ungleich verschärft wurde, erlebte auch das in paradiesischer Ruhe befurdliche Fürstentum Monako seltsame politische Stürme. Schon im April des Jahres 1928 war es in der Hauptstadt des Fürstentums zu einerRevolution" gekommen, indem eines Sonntagnachmittags die Monegassen vor das Palais des Für st en zogen, den Widerstand der buntbetreßten Polizisten über­wanden, die heilige Stille durch regelrechte scharfe Schüsse nur in die Luft natürlich! - über­wanden, um einen ehrenvollen Rückzug an­zutreten, bald darauf vom Fürsten in Audienz empfangen zu werden und mit wichtigen Zuge­ständen in der Tasche nach Hause zurückzukehren.

Zugeständnisse in Monako, Zugeständnisse an die Bevölkerung, das bedeutet jedesmal Anstel­lungsmöglichkeiten im Spielkasino von Monte Carlo, das genau so wie vor dem Kriege das getarnte Fürstentum unterhält, für die Beschäftigung seiner Bewohner sorgt, für Beleuchtung der Straßen, für Bewässerung und Kanalisierung und obendrein in die Staatskasse nicht weniger als 1250 000 Goldfranken nebst einem prozentualen Anteil von dem Aeberschuß aus Spielbetrieb und Sportklub zahlt. Dicht am Felsen von Monako, der gleich einem truhigen, natürlichen Burgwall in das kitschig azurblaue Mittelmeer hinausragt, befindet sich zwar eine kleine Fabrik, auf der gegenüberliegenden Seite, ebenfalls dicht an der Küste, sogar eine Bier­brauerei, aber von dieserIndustrie" vermag das Fürstentum nicht zu (eben.

And nun hat es wieder einmal eine kleine R c v o i t e in Monako gegeben, indem bei der Rückkehr des Thronfolgers einige Wundert Mone­gassen sich an der Landungsstelle versammelten und Hochrufe auf die Republik ausstiehen. Der Grund für den Aufruhr war derselbe wje im Jahre 1928: das Kasino sollte der allgemeinen Arbeitslosigkeit, die nun auch, im Zeit­alter der Rationalisierung, auf Monako über­gegriffen hat, Rechnung tragen und die, die mone­gassischer Staatsmrgehörigleit sind und dennoch in keinem Dertragsverhältnis zurSocicte des Bams de mer" stehen, ebenfalls anstellen. Dafür soll der Fürst Sorge tragen und solange er dies nicht tut, wird es in Monako Republikaner geben...

Die Ratur hat es wirklich gut gemeint mit diesem Stück Erde, das durch einige geschichtliche Zufälle mit dem Rainen Monako belegt worden ist. Jetzt, wo die Saison, die bis Ende März dauert, voll eingesetzt hat, sieht man erst wieder, wie schön die Welt sein kann. Ein strahlerrder warmer Sonnenschein am Tage, eine unbeschreib­lich romantisch-schöne, meist sternenhelle Rächt, in der es sich lohnt, in den weiten Park auf der Rückseite des Kasinos hinauszutreten und auf das nun tief dunkle Meer hinauszublicken, dessen

venienz und Steifheit überhaupt nicht zur Ent­faltung. Wie anders im Süden, in Rom, Venedig, Nizza und auch in den rheinischeir Städten und München, wo die Menschen leichter das Leben nehmen und die Klassenunterschiede weniger scharf geprägt find! Hier wird die Straße zur Arena des Faschiengstreibens. And das muß auch so sein. Denn der Karneval ist, um mit Goethe zu reden, ein Fest,das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt. Das Volk schreibt sich in diesen Freuden­tagen selbst seine Gesetze vor. Es gibt keinen Unterschied zwischen Hoch und Riedrig, alles kommt sich nahe, jeder kann so töricht und toll sein, als er will, jeder darf seiner Laune die Zügel schießen laffen, und bis auf Schläge und Messerstiche ist alles erlaubt.

Zum Karneval gehört das Temperament des Südens: etwas Leichtsinn, Begeisterungsfähigkeit, naive Sinnenfreude. Nüchterne Tatsachenmenschen und Muckernaturen werden sich in die liebens­würdigen Faschingstorheiten nie hineinfinden. And doch sind sie nur Auswirkungen des Kind­lichen, das in jedem Erwachsener» steckt und das zuweilen nach Betätigung verlangt. Sind nicht schon die Vorbereitungen zu einem Maskenball ein reizendes, kindliches Vergirügen? Wieviel harmlose Belange, wieviel hübsche Situationen enthüllen sich da vor unseren Augen! Aber auch die Finessen der Eitelkeit kommen zu Wort. Am schwierigsten ist die Wahl der Kostüme für das anspruchsvollere weibliche Geschlecht, zumeist eine aufregendere Aufgabe als für die Herren der Schöpfung, die das Bizarre und Groteske oft bevorzugen. Frauen dagegen wollen immer ge­fallen, auch wenn sie Masken wählen, die nicht den Schönheitsgesetzen entsprechen. Wochenlang vorher wird schon mit Freunden und Freundinnen Darüber Debattiert: was ziehe ich an? Wie wird das Kostüm mir stehen? And ist Dann endlich nach vielem Hin und Her Die Wahl getroffen, so ergeben sich noch hunderterlei Schwierigkeiten. Da müssen ein paar Fältchen fortgenommen wer­den, da hat Der Turban nicht die richtige Fasson, Da fehlen einige Ornamente am Kleide, kurzum. Die Frau bastelt an ihrem Kostüm fortwährend herum und ist nie zufrieden. Dann tritt Der Schminkstift in Aktion unb vollzieht die letzte

Rauschen durch die Pinien, Palmen und Riesen- kaktcen deutlich herüberschallt. Aber wir leben in einer Epoche, wo es nun einmal nirgends Ruhe gibt. Hie'r leben an Die Zehntausend Ita­liener, nahezu ebensoviel Franzosen, zweitauseird Engländer, ein paar Hundert Schweizer, Ameri­kaner, Deutsche SjolIänDcr und Russen, ein paar Dutzend Tschechoslowaken, Madjaren, Türken, Dänen, Griechen, Südslawen, Perser und knapp zweitausendwirkliche" Monegassen. Von all diesen Leuten sind immer die, die gerade nicht vom Kasino ernährt werden,Republikaner". Sie wissen zwar nicht recht, was das mit der Republik eigentlich auf sich hat, und aus gewissen Andeu­tungen kann man entnehmen, daß sie glauben, cs würde auch in Der Republik einen Fürsten von Monako geben. Aber das macht ja nichts. Es gibt hier auch einen Nationalrat, in dem Darüber debattiert wird, ob man sich nicht gegen Zusicherung Der bisherigen Privilegien a n Frankreich anschliehen soll, und Die hier lebenden Italiener machen wiederum fein Hehl daraus, daß sie durchaus nicht böse wären, wenn man Monako und die gairze übrige Azurküste, mindestens bis zum Kap Antibes an Italien anschlössc. Aber das find Phantasien, die vom monegassischen Nationalrat sicherlich nicht in die Wirklichkeit umgesetzt werden dürsten. Hier gibt es nur eins: das Spiel!

Noch immer hat >das Kasino von Monte Carlo das Monopol, als einziges an der ganzen Riviera den Roulette-Betrieb aufrechtzuerhalten. Jen­seits Der italienischen Grenze, über die man nur nach Erfüllung vieler peinlichster Formalitäten gelangen kann, in San Remo und in den übrigen großen Badeorten, ist das Spiel von Mussolini verboten worden. Diesseits, auf frairzösischem Territorium, wird zwar gespielt, so besonders im Palm Beach" von Cannes und in den Groß- Unternehmungen Mediterreannöe, Jetee und Mu- nicipal von Nizza. Aber Dort gibt es zwar Trentc et Quarantc, Bac und Boule, aber Jein Roulette. And überhaupt liegt dort das Schwergewicht mehr beim Tennis, beim Golf, beim Tanz, bei Den Gala-Abenden und bei der Operette sowie beim Schauspiel. Die ungeschminkte Fortuna regiert allein in Monte Carlo, wo sich Die Fremden, sofern sie im Hotel de Paris Woh­nung nehmen, Damit begnügen, Durch den neuer» Dings bengalisch erleuchteten Park auf der Vor­derseite des Kasinos, der nicht mit dem sich zur Küste hinab erstreckenden herrlichen Park auf der Rückseite verwechselt werden Darf, Die wenigen Schritte zum Eingang in das Paradies Der Spie­ler zu tun. Die Nacht gehört Dem Spiel, Der Tag Dem Schlaf. Die azurblaue Küste sieht man höch­stens bei Ankunft und Abfahrt.

Natürlich, auch von Nizza, von Cannes und den übrigen Riviera-Städten, kommen Die Fremden des Abends herüber, mit Auto, Eisenbahn und Omnibus, ost Die Herren im Frack, ohne ileber- mantel, ja sogar ohne Hut, Die Damen in großer Abend-Toilette, was sich besonders in der Eisen­bahn recht seltsam ausnimmt. Wirklicher

Retusche. Erst jetzt sind die Vorbereitungen zu Ende, und mit lächelndem Stolz fängt die an- geputzte Schöne den bewundernden Blick ihres Begleiters auf, während er ihr den Abendmantel umhängt.

Wv Der Karneval, wie im Nordeir, kein Volks­vergnügen, sondern eine gesellschaftliche Angele­genheit ist, erhält er eine erzwungene theatralische Rote. Das lähmt die natürliche Heiterkeit. 3m Süden kennt man solche Hemmungen nicht. Der vcnetianische Karneval vor zweihundert Jahren war gewiß nicht viel anders wie heute. Die ganze Stadt vom vornehmen Senator bis zum einfachen Gondoliere, von Der stolzen Dogaressa bis zur simplen Kurtisane stand unter seinem Bann. Kein Künder, daß selbst ein so formeller und nüchterner Mensch wie Goethes Vater von dem Faschings­fieber in Venedig ergriffen wurde, ein Masken­gewand anzog und sich in dieser ungewohnten Kleidung so wohl fühlte,als fei er unter Mas­ken geboren. Das, was eine solche Wandlung vollbringt, ist nicht bloß das Fluidum dieser ge­heimnisvollen Stadl mit ihrem herrlichen, offen liegenden Festfaal, dem Markusplatz, und ihrer dekorativen Architektur, sondern vor allem die köstlich unbefangene Art, mit Der sich die gesamte Bevölkerung Der Festesfreude überläßt.

Etwas Faschingsgeist regt sich auch im nor­dischen Menschen. Wenn Die rauhe Jahreszeit ihren Zenit erreicht hat, scheint die Seeledes kalten Winters Mißvergnügen" im Festestaumel vergessen zu wollen. Run ist man lebhafter auf­gelegt zu Lustbarkeiten und allerhand Schabernack. And zu gern möchte man etwas anderes vorstellcn, als man es sonst im Leben ist. Man entäußert sich feiner Persönlichkeit und verschwindet unter der Anonymität der Maske. Man verkriecht sich gewissermaßen in ein anderes Ich, und fei es auch nur äußerlich. Allein diese äußerliche Vermum­mung bleibt nicht ohne Einfluß auf den inneren Menschen. Er verliert wie Vater Goethe sein konventionelles Air und kehrt seinen wahren Adam hervor. Er legt die ständige Maske des Jahres ab, um unter Der Zufallsmaske einige Tage ober eine Rächt frei von allem gewollten und ungewollten Zwang zu fein. Das ist viel­leicht der tiefste Sinn des Karnevals

Reichtum ist aber auch hier selten. Da- Publikum der Riviera ist, wie man weiß, seit Dem Kriege nicht besser geworden. Vor allen Dingen fehlen Die reichen Russerr, Die frühe« das Hauptkontingent Der großen Spieler stellten. Cs sind heute kleine Leute, Die entweder noch Den letzten Rest ihrer einstigen Habe im Spiel vertun, oder Die sich mit einem täglichen Gewinn von hundert Franken begnügen, ein Gewinn, Den man hier, wie cs heißt, haben kann, sofern man Nerven behält".

In den großen Roulette-Sälen Des Kasinos von Monte Carlo wird nicht mehr allzu hoch gespielt. Wer wirklich etwas wagen will. Der muß in Die sogenannten Privatztrkel geben, für Die ein besonderes Eintrittsgeld erhoben wird. Dort sieht man Dann Sätze bis zu tausend Franks und dar­über. Aber in Den großen Roulette-Sälen ist man bescheiden geworden. Diel Reugierige, viele, die ein- oder zweimal je zehn Franks setzen, um ein­mal in Monte Carlo gespielt zu haben .

Wie gesagt, hier, wo das Spiel das A und das O ist, tritt die Politik an Die zweite und Damit an die letzte Stelle. llruufrieDenc wird es hier immer gebest, so wie es lic immer gegeben hat. Das Kasino ist in der Nachkriegszeit mehr­mals bankerott gegangen, aber es haben sich immer wieder neue Unternehmer gefunden. Denn tret fein Geschäft versteht, Der kommt hier auf feine Kosten, Da Die Welt Der Spieler groß ist, und da diele Spieler nun einmal dazu Da zu sein scheinen. Daß Die Leute mit Den stärksten Nerven. Die immer in den Spielunternehmern zu suchen sind, ihnen das Geld abnehmen. Von diesem Geld wandert wieder ein beträchtlicher Teil in die fürstliche Staatskasse von Monako und von dort wiederunl in die Taschen der Mone­gassen. And so Dürfte Der Spruch auf Wahr­heit beruhen, Den man hier öfters zu hören be­kommt. und der da in etwas freier Aebersetzung lautet: ..Solange das Roulette den Felsen von Monaka front, solange wird die monegassische Krone nicht rouliercn..

Oberheffen.

Oie Unterschlagungen beim Ortenberger Postamt.

* Ortenberg, 16. Februar. Rach dem bis­herigen Ergebnis der Antersuchung belaufen sich die Unterschlagungen des bishe­rigen P o st m e i st e r s G. vom hiesigen Post­amt auf rund 1 2 000 Mark. G. hat feine Veruntreuungen durch Vornahme falscher Buchungen zuwege gebracht. Die Antersu­chung ist gegenwärtig noch im Gange, eine ganze RciA von Kassenbüchern wird zur Zeit nock- genau geprüft. Gerüchte übet eine w e i t h 5 - Here Summe als Die oben genannte sind nach dem bisherigen Ergebnis der Antersuchung un­zutreffend. G. befindet sich, wie früher schon berichtet, infolge seiner schweren Kopfverletzung nach seinem vergeblichen Selbstmordversuch zur Zeit noch im Büdinger Krankenhaus. Er steht Dort unter Haftbefehl. Als Arsache der Verfehlungen werden Spekulationen vermutet.

Gemeinderat in Laubach.

Laubach, 15. Febr. In der jüngsten Ge­rn ein der atssihung wurde der Firma I. H i m m e l s b a ch in Ridda das vorhandene Eichen st ammholz zugeschlagen. Für unge­fähr 50 Festmeter Duchenstammhvlz Der geringsten Klasse war Das Angebot einer Firma nach An­sicht des Gemeinderats zu niedrig. Man beschloß. Da noch große Rachfrage nach Brennholz vor­handen ist, dieses Holz zu Brennholz aufzu­arbeiten.

Der Bürgermeister berichtete sodann übet Den Rückerwerb des vor sieben Jahren ani Diplom-Ingenieur Schmidt in Potsdam ver­kauften Gemeindegeländes an DerAlten Ziegelhütte", lieber die Annahme des Vetgleichs- vorfchlages, der auf Zahlung von 1100 Mark (durch die Stadt) geht, soll in Der nächsten Sitzung toei ter beraten werden.

Die Ausgabe von Holzabfuhr scheinen darf an die mit Gemeindegefällen Rückständigen nur gegen sichere Bürgschaftsleistung erfolgen.

Zeitschriften.

Soffen lanD, Monatsschrift für Lan­des^ und Volkskunde, Kunst und Literatur Hes­sens. Verlag: R. G. Elwert, Marburg. DaS erste Heft des 42. Jahrgangs bringt u. a. einen Artikel von Regierungspräsident Dr. Friedens- bürg überHessen-Kassel und das Rhein-Main- Gebiet", in Dem die aktuelle Frage einet Reichs­tes orm behandelt wird. Dr. Walter Fraeb (Ha­nau) berichtet überDas erste Auftauchen des Kurhelsischen DersassungsgeDankens vor 100 Jah­ren." Mit Vergnügen wird man die Erinne­rungen von Johann Lewaltet (Kassel) übet Den früh verstorbenen Kunstmaler Wilhelm Thirl- mann und Max Reger lesen, Die eine innige Freundschaft verband. Dr. jur. et phil. Apel (Marburg) beginnt einen Aufsatz übet Die hessi­schenFreiheiten", D. h. er geht dieser Bezeich­nung nach, tote sie 'hessische Städte und Ort­schaften führen oder geführt haben.

Dochschulnackrichten.

Der ao. Professor an Der Göttinger Univer­sität Dr. Eduard Fraenkel ist vom 1. April 1931 an zum ordentlichen Professor für klassische Philo­logie an der Universität Freiburg i. B. und zum Mitdirektor des dortigen Seminars für klassische Phi­lologie ernannt worden. Der ao. Professor an der Göttinger Universität Dr. Hans Mortensen ist vom 1. April 1931 an zum ordentlichen Professor dcr'Geographie in F r e i b u r g i. B. als Nachfolger des nach Wien berufenen Professors Dr. j). Hassinger ernannt worden. Der durch die Emeritierung des Geh. Hofrats Prof. Dr. Oltmanns an der Universität Freiburg i. B. frei gewordene Lehrstuhl der Bo­tanik ist dem ordentlichen Professor Dr. Otto R c n n e r an der Universität Jena angeboten worden.

Der Pfarrer an Der Resormationskirche in Berlin-Moabit, D. Günther Dehn, hat Den Ruf auf Den Lehrstuhl Der praktischen Theo­logie' an der Universitär Halle zum 1. April 1931 angenommen. Professor Dr. Harrs Krol­let in M ü n st e r hat den Ruf nach Tübin­gen als Nachfolger von Staatsrat Pro*. Dr. Max v. Rümelin für römisches und bürgerliches Recht angenommen.