Nr. 293 Zweites Blatt
Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag. (5. Dezember (931
politischer Brief aus Warschau.
Oer Prozeß von Brest-Litowsk. - Oer kranke Marschall. - Zaleski in London. Oie polnische Drohung.
Q3on unserem Warschauer D. ll.-Mitar beiter.
Warschau. Dezember 1931.
Cs geht wieder ollerga.iD vor. natürlich unter der Oberfläche, denn Polen ist ein zarlsti - scher Staat und keine Demokratie. Das Gesetz Moskaus ist lebendlg geb.ieben. Pil - s u d s k i und Stalin stellen nur zwei Grenzpsähle der gleichen politischen Gemütslage vor, der eine den westlichen, der andere den astatischen. Trotzdem läßt stch nicht alles geheimhalten. Polen ist unter dem Vorzeichen der westlichen Demokratien gegründet worden. Dieser Schein muh aufrecht- erhalten werden. Er kostet aber ein gut Stück Reputation. Falsch angewendete Dt.mok.atie rächt sich selbst — un. puix.ii hat sich dahcc selbst vor Gericht gestellt, nämlich im Drest-Litowsk- Prozeß, der seit Tagen und Tagen in Warschau verhandelt wird.
Es ist völlig ausgeschlossen, diese Gerichtsverhandlung auch nur annähernd wiederzugeben und zu beleuchten. Das wird jeder einsehen, der hört, daß bisherübervierhundert Zeugen vernommen wurden, und noch ist kein Ende abzusehen. Aber der Deutsche wird sich noch daran erinnern, wie der polnische Regierungssieg bei den letzten Wahlen zum Sejm zustande kam. Polizei und Justiz, Staatsverwaltung und Militär waren mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingesetzt worden, um einen .Wahlsieg" zu erzwingen — und das war eben nur durch Anwendung rohester Gewalt möglich. 2m Zentrum der Handlung stand der Wanzen- turmvon Brest-Litowsk. Heute macht man nun den hier und anderswo festgesetzten politischen Gegnern in Warschau den Prozeh. Und sein Verlauf bestätigt, dah die letzten Wahlen einen mit Gewalt d u r ch g e f ü h r t e n ungeheuren Betrug der öffentlichen Meinung der Welt darstellten. Ebensogut hätte Pilsudski v sein Parlament ernennen können. Das hätte weniger Uebelkeit erzeugt und wäre wenigstens ehrlich gewesen.
Aber dieser Prozeh gewinnt um so tiefere Bedeutung, je länger er währt. Man flüstert in Warschau, dah der Marschall Pilsudski schwer erkrankt wäre: Arterienverkalkung, Alterserscheinungen, böse Dinge. Zwar haben wir das schon öfters gehört. Aber diesmal scheint etwas mehr daran zu sein als früher. Da wird denn .dieser Prozeß, so merkwürdig es klingen mag, zum Sammelbecken der Opposition. Er wird zur Grenze der Staatsmacht. Weiter kann man die Dinge auch in Polen nicht treiben als das geschehen ist. In diesem Prozeh wird das letzte polnische Wunder: das Pilsudski- Wahlwwider — endgültig zerstört. Freilich — zunächst ist das ein recht dürftiger Trost. Denn noch steht das Regime auf Militärgewalt und Polizeibureaukratie. Der Staat macht, was er will, und die polnische Staatsleitung ist höchst lebendig. Es tut nichts zur Sache, dah dies Leben von auhen stammt, dah es sich bei näherer Besichtigung immer wieder als eine französische Emanation herausstellt.
Der polnische Außenminister Zaleski soll nächster Tage in London eintreffen. Was will er da? Erst Flandin, nun gar Zaleski? Ratür- lich wird die Reise als völlig harmloser, gleichsam zufälliger Besuch bezeichnet. Vielleicht will Zaleski in London einen Bock schiehen. Er fährt gewih nicht zum Vergnügen hin, wenn auch die
polnischen Blätter jede Andeutung vermeiden. Warum also fährt er? Es gibt in der polnischen Frage, von Warschau aus gesehen, seit Jahren keinen einzigen neuen Gesichtspunkt. Der alte Gesichtspunkt ist aber der französische. England soll auf irgendwelche Unterstützung von Plänen verzichten, die auf eine Grenzrevision, ja auch nur auf irgendeine Revision des Versailler Vertrages abzielen. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob England das tun wird. Aber es ist gar kein Zweifel, dah England in diesem Sinne bearbeitet wird. Und darum kann es sich bei dem Besuche Zaleskis in London nur darum handeln, der französischen Politik in dieser Hinsicht Hilfsstellung zu geben.
Auch der polnische Vorlchlag, Ostpreuhen zu entmilitarisieren, der freilich inoffiziell gemacht worden ist, läuft in der gleichen Linie. Man wird überhaupt gut daran tun, abgesehen von Kleinigkeiten, die französisch-vol- nische Auhenpropaganda als einheitlich geleitet anzusehen. Jede andere Auffassung unterschätzt ihre Zielklarheit. Man muh die „Action Franca i s e" lesen, die in Deutschland nicht immer ganz verstanden wird, um diese Richtung der polnischen Politik zu verstehen. Sie sieht ihr Heil nur einzig in der Zertrümmerung des Deutschen Reiches. Die „Action Fran- caise" schrieb vor kurzem: Eine einzige Hoffnung bleibt uns für die Tage, die uns von dem pazifistischen Kriege trennen: der vollständige Ruin Deutschlands. Auch wir sollten, so hieh es dann weiter, „nur einen Gedanken haben,
Aus dem Kreise der Giehener Geschäftsreisenden erhalten wir die nachstehende Zuschrift, die wir der Aufmerksamkeit der Reichsbahndirektion Frankfurt empfehlen. Die Red.
Die Reiseerleichterung, die die Reichsbahn ab 1. Januar 1932 den Reisenden und Handelsvertretern schaffen will, wirkt sich leider nur bei den reisenden Kaufleuten aus, die ihren Wohnsitz an dem Verwaltungsplatze einer Reichsbahndirektion haben. Wenn es auch nicht angebracht ist, alles sofort zu kritisieren, was eine Behörde tut. so ist es doch untragbar, dah eine Reichsbehörde, dem öffentlichen Verkehr und jeder Person dienend, Erleichterungen schafft, die sich nach dem Wohnbezirk der Personen richten.
Die neugeschafsenen Retz- und Bezirks- karten werden jeweils von dem Sitze einer Reichsbahndirektion aus ausgegeben, und die Ausnuhungsmöglichkeit ist auch nur einem Reisenden gegeben, der am Sitze einer Direktion, oder in deren allernächster Umgebung wohnt. Für die in G i e h e n wohnenden Reisenden und Handelsvertreter ist m. E. die geschaffene „Erleichterung" eine Benachteiligung. Während es den in Frankfurt oder in nächster Umgebung wohnenden Herren möglich ist für billiges Geld größere Gebiete zu bereisen, ist der Bezirk,
sie (die Deutschen) nicht bloß zu sieden, sondern in der Sauce ihres Hasses verrecken zu lasse n". Das Gleiche könnte ebensogut in manchem polnischen Blatte stehen. Jedenfalls entspricht es dem Seelenzustande so mancher Polen.
Dies Polen ist grenzenlos. Es will alles haben. Wenn es wahr sein sollte, dah es mit dem Marschall Pilsudski zu Ende geht, so wird dies französische Polen die Erbschaft antreten. Pilsudski war und ist immer noch ein mähigendes Clement. Er hat zwar nicht das gehalten, was er versprochen hat. aber er ist nicht das gewesen, was seine Rachfolger sein werden, wobei noch zu fragen wäre, wer denn diese Erbschaft antreten könnte, die nicht so einfach zu verwalten ist, wie sich das die Herren im ßager Roman Dmowskis vorzustellen scheinen.
Polen wird nämlich für alle Zukunft e i n territoriales Problem bleiben, solange es nicht auf feinen ethnographischen Bestand reduziert worden ist. Das Polen von heute ist — grenzenlos, und zwar deshalb, weil es über seine natürlichen Grenzen hinaus gegründet wurde. Es ist wie ein Mensch, der sich selbst übersteigert und der nun immer wieder gezwungen ist, sich zu übersteigern, um den Zustand des fehlenden Gleichgewichts nicht erkennen zu lassen. Es befindet sich im gleichen Zustande wie Frankreich unter Rapoleon dem Ersten. Das überflutete ganz Europa und brach schliehlich an seiner Grenzenlosigkeit zusammen. Polen ist natürlich nicht Frankreich. Das Frankreich der Revolution wurde immer von einer Idee getragen, Polen hat keine Ideen. Es dient nur einer Funktion innerhalb des französischen Systems, deswegen sind die inneren Gefahren für Polen gröher als für Frankreich, die Gefahren, die von ihm ausgehen, aber bleiben sich gleich, und sie betreffen das entwaffnete Deutsche Reich. Das grenzenlose Polen ist eine Drohung. Es muh Grenzen erhalten. Eher wird Europa keinen Frieden haben.
der die Stadt Giehen einschlieht, so außerordentlich ungünstig zusammengestellt, daß die Richt- benuhung einer Dezirksmonats- ober einer Dezirksteilmonatskarte billiger kommt, als die Benutzung einer solchen.
Der Bezirk Oberhessen umfaßt als Grenzplähe Gießen, Marburg, Kirchhain, Treysa, Hünfeld, Tann, Gersfeld, Gemünden, Aschaffenburg. Welcher in Gießen wohnende reisende Kaufmann kann einen solchen Bezirk ausnutzen? In der Stadt Gießen, bzw. von der Stadt Gießen aus gehen sechs Eisenbahnhauptlinien aus, so daß man von einem großen Knotenpunkt, als der ja Gießen auch bekannt ist, ruhig sprechen darf. Wenn die Reichsbahn schon eine Erleichterung schaffen will, dann muß sie auch — wenn sie den Wünschen der Reisenden nicht ganz entgegenkommen will und das Kilometerheft einfuhrt — bedeutende Eisenbahnknotenpunkte, an denen sich zwangsläufig eine große Zahl von reisenden Kaufleuten angesiedelt haben, unter allen Umständen berücksichtigen.
Die reisenden Kaufleute erwarten daher, dah die Reichsbahn noch bis zum 1. Januar 1932 einen Bezirk Gießen einrichtet, der im Verhältnis ein gleiches Kilometerneh enthält, wie die anderen geschaffenen Bezirke. Dieses Retz muß ungefähr eingekreist sein von folgenden Städten. Im R o r d e n: Guntershausen. im Rordosten:
Reichsbahn und Geschäfts-Reiseverkehr.
Warum kein Bezirk Gießen für Netz- und Bezirkskarten?
Enrico R-a stellt, der weltberühmte italienische Artist, dessen Jongleurkünste bei allen europäischen und amerikanischen Varietebühnen einen fiaupt» schlager darstellten, ist plötzlich im Alter von 35 Jahren an Gehirnblutung verstorben.
Hersfeld, im O st e n: Tann, im Südosten: Gemünden a. Main, im Süden: Darmstadt, im Südwesten: Wiesbaden, im Westen: Koblenz, im Rordwesten: Siegen. Diese Begrenzung entspricht ungefähr derjenigen, die die Dezirkskarte Oberhessen enthält, nur mit dem Unterschied, auf den ich eingangs aufmerksam gemacht habe, daß bei der jetzigen Bezirks- karte Oberhessen Frankfurter Gesichtspunkte zugrunde gelegt worden sind und daß man vergessen hat, daß Gießen ein wichtiger Eisenbahn- und Verkehrs- Punkt war, ist und auch bleiben wird.
Neue Darmstädter Ehrendoktoren.
WER. Darmstadt, 14. Dez. Rektor und Senat der Technis che n Hochschule in Darmstadt haben auf einstimmigen Antrag der Abteilung für Maschinenbau dem Generaldirektor der Papier- und Zellst off werke-AG. Feldmüh'e, Hans G o 11 st e i n in Stettin, in Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen in der Papierindustrie, insbesondere auf dem Gebiete der Großfabrikation, und dem Generaldirektor der Firma Krause & Baumann, Karl Schmeil in Heidenau bei Dresden, in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die Papierfabrikation, insbesondere auf dem Gebiete der Herstellung von Streichpapieren die Würde eines Dr.-Jng. h. c. verliehen.
Daten für Dienstag, 15 Dezember.
1775: der Komponist Francois Adrien Boiekdieu in Rouen geboren;— 1784: der Schauspieler Ludwig Devrient in Berlin geboren; — 1832: der französische Ingenieur Alexandre Gustave Eiffel in Dijon geboren.
Wessen Knd bin ich?
Roman von $r. Lehne.
(Urheberschutz durch C. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart.)
29. Fortsetzung
Nachdruck verboten
„Wir haben nichts abgekartet! Ich bin dem Christel gut seit unserer Kinderzeiti Und nur mit ihm kann ich glücklich werden! Ich bin jung und kann warten! Und wenn ihr mir alles vor- enthaltet, was mir zukommt, so bin ich Christel Lenz willkommener als so! So braucht er in seiner zartfühlenden Ratur nicht das Bewußtsein zu haben, daß er von meinem Besitz mitlebt! Er kann selbst für eine — seine Frau sorgen!"
„Ihr habt euch das alles ja sehr reiflich und klug überlegt!“
„Gewiß haben wir uns ausgesprochen, Mama, und jeder weiß nun, daß er auf den andern bauen kann, und wenn noch mehrere Jahre darüber hingehen werden. Ich habe den Mut und den Willen zu meinem Glück, und mein Glück ist eben Christel Lenz!"
Ruhig und überlegen sprach Inga, und aus ihrem anmutigen Gesicht lag ein bestimmter energischer Ausdruck, der es älter und gereifter erscheinen ließ.
„Solange i ch lebe, darfst du den jungen Lenz nicht heiraten, Inga, oder wir sind geschiedene Leute! Sieh Hanno an — er ist vernünftig geworden zur rechten Zeit!" erklärte die Gräfin.
„Meinst du, Mama? Dann weißt du mehr als ich!" sagte Hanno. „Ebba hat mir den Gedanken an jede andere Frau genommen, ich kann sie nicht vergessen! Und oft habe ich mich schon gefragt, ob sich mein Fpfer für unseren Ramen lohnt! Gesetzt den Fair: Vaters Bruder, Onkel Alexander, tauchte doch wieder auf oder Rachkommen von ihm —“
„Das ist ja ausgeschlossen, HannoI Kommst du wieder mit diesen alten Geschichten! Mein Bruder mit seiner schwachen Gesundheit ist längst tot!“ bemerkte der Graf, der immer sehr nervös wurde, wenn der Sohn dieses Thema berührte.
„Das kann möglich fein! Ich nehme aber an, er hätte trotz seiner betonten Abneigung gegen eine Che dennoch eine s olche geschlossen — und seine Frau oder seine Kinder machten nun Anspruch auf das ihnen zustehende Erbe? Wir müßten glatt von Reinshagen abziehen, wie es den Her^chaften belieben würde I"
„Rufe doch keine Gespenster herbei, Hanno —!“
„Es ist nicht meine Absicht! Dennoch aber habe ich viel darüber nachgedacht. Schon aus Klugheit. Man darf sich von möglichen Ereignissen nicht zu sehr überraschen lassen!“
Die Gräfin konnte sich nicht damit abfinden,
daß die Tochter, die durch Erscheinung und Geburt dazu bestimmt war, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, sich mit dem bescheidenen Los einer Pfarrersfrau begnügen wollte. Doch keine Bitten, keine Vorstellungen, weder Drohungen noch Güte, machten Inga wankend in ihrer Liebe.
„Gib dir doch keine Mühe, Mama! D. n Ehristel lasse ich nicht! Ach, ist denn Geld oder Stand mehr wert als eine innige Herzensgüte? Ewig dankbar will ich dir fein, Mama, wenn du dich mit meiner Wahl abfinden würdest!"
Das Gesicht der Gräfin erstarrte förmlich in eisigem Hochmut.
„Ricmals, Inga! Das wäre viel zu viel verlangt und spricht den Traditionen unseres Hauses Hohn!"
„Lind der Tradition zuliebe siehst du lieber deine Kinder einsam und unglücklich! Ich verstehe das nicht!"
— Der Mamsell Auguste war der Konflikt in der Familie nicht entgangen, und gegen ihre „Matz" sprach Inga sich auch öfter aus; einen Menschen mußte sie doch haben! And Augustens schlichter Zuspruch tröstete sie auch, wenn doch mal Verzagtheit über ihr junges Herz kommen wollte!
Und bann brachte eines Morgens die Mamsell ganz heimlich und ganz aufgeregt ihrem geliebten Komteßchen die Rachricht, daß Ebba Lenz da fei.
„Was, Matz, Ebba ist hier — ?“ In ihrer Aufregung faßte Inga die alte Vertraute an beiden Schultern.
„Ja, Komteßchen, gestern nachmittag ist sie gekommen! Aber nicht allein. Pfarrer Sturm und eine Dame in Trauer find mit ihr! Der Gärtner, der heute morgen im Dorfe war, hat es mir eben erzählt!"
Ebba hier —1
Inga wäre am liebsten sofort ins Dorf geeilt, um die Freundin zu sehen. Doch sie nahm sich zusammen; denn sie wollte nicht das Geringste tun, das den Unwillen und die Mißbilligung der Eltern Hervorrufen konnte. Sie sann eine»Augen° blick nach. „Matz, richten Sie es ein, daß der junge Herr es erfährt! Mamas wegen möchte ich offiziell davon noch nichts wissen! Daß ich Ebba auf jeöen Fall spreche, muß unbedingt ermöglicht werden!"
Begierig erwartete sie das Mittagessen. Sicher wußte es Hanno bis dahin! Als man sich zu Tische setzte, sah sie seinem sonst immer sehr gleichmütigen Gesicht an, daß ihn irgend etwas mächtig bewegte — und was das war, konnte sie sich denken!
Als der Diener den Rachtisch gereicht und man unter sich war, sagte Hanno:
„Psarrer Sturm ist zu Besuch im Pfarrhause. Er hat Ebba Lenz mitgebracht. Außerdem ist eine Dame mitgekommen, wahrscheinlich Ebbas Herrin."
„Seit wann kümmert sich mein Sohn um Dorf
neuigkeiten?“ bemerkte die Gräfin kalt, „uns interessiert das nicht!“
„Doch, Mama, mich interessiert es sehr!“ meinte Inga, „ich mochte Ebba sehen!“
„Aus keinen Fall! Ich verbiete es dir —"
„Rein, Mama, das lasse ich mir nicht verbieten! Sieh, ich konnte Ebba ja heimlich aufsuchen; doch ich tue es nicht ohne dein Vorwissen! Sagt es dir dein Gefühl nicht, was wir ihr schuldig sind?“
„Meinen Standpunkt kennst du! Ich wünsche nicht, daß der Raine jener Person auch nur genannt wird!" versetzte die Gräfin in scharfem Tone. Vielleicht ließ nur das Gefühl begangenen, nur sich selbst eingestandenen Unrechts die Gräfin so schroff fein; dazu kam der Groll auf den jungen Pfarrer!
Inga sah mit beredtem Blick zum Bruder hinüber. Durfte die Mama in einem solchen wegwerfenden Tone von Ebba sprechen?
Es hatte auch Hanno empört. Sein frisches luftgebräuntes Gesicht war dunkelrot, als er in einem gleich scharfen Ton wie die Mutter sprach:
„Ich muß sehr bitten, MamaI Ebba Lenz ist keine „Person" — sie ist das Mädchen, das ich liebe und dem ich unbedingt, von meinem Standpunkt aus, meinen Ramen gegeben hätte, wenn mich nicht die Rücksicht auf euch davon zurück- gehalten hätte! Ich sehe wohl ein, daß ein Findelkind als Gräfin Reinshagen nicht gut möglich ist! Obgleich ich mir manchmal sage, daß es vernünftiger und naturgemäßer wäre, ohne viel zu klügeln, das geliebte Mädel zu nehmen und den Teufel nach ihrer Herkunft zu fragen! Das denkt der Ketzer in mir, Mama, — und der Mensch! Dein Sohn darf es allerdings nicht! Der bittet dich nur, Ebba Lenz die Achtung zu geben, die ihr zukommt, und sie, die Unschuldige, nicht für meine Schuld büßen zu lassen! Denn durch mich ist Ebba ins Gerede gekommen! Das Mädchen ist rein wie Inga) Du weißt, wie hoch ich meine Schwester stelle — es ist also viel, wenn ich das behaupte I"
Inga warf dem Bruder, der so tapfer für Ebba eintrat, einen dankbaren Blick zu.
„Papa — und deine Ansicht —? Dars ich Ebba sehen?" wandte sich Inga an den Vater, der unschlüssig auf seinen Teller blickte. Ihm sagte sein Gerechtigkeitsgefühl, daß das Verbot feiner Frau ungerecht war — doch er wollte ihr in Ingas Gegenwart nicht direkt widersprechen.
„Lasse uns abwarten, Inga! Voraussichtlich wird urfä Pfarrer Sturm besuchen, und dann wird sich irgendein Weg finden! Ich bin der Meinung, daß wir schon mit Rücksicht auf die sehr ehrenwerte Familie Lenz Ebbas Anwesenheit nicht einfach unbeachtet lassen können —
Cin kleiner Trost war es für Inga, den Vater auf ihrer Seite zu wissen; er würde ihr bestimmt ein Widersehen mit Ebba ermöglichen, damit sie nicht nötig hatte, ungehorsam zu werden! Mies
in ihr fieberte nach der geliebten, so schwer entbehrten Freundin! —
Das ganze Dorf war erfüllt davon, daß Ebba Lenz wiedergekommen war — sogar mit Pfarrer Sturm! «Cs war also nichts an dem, was man sich heimlich zugeraunt: daß sie sich nicht getraut hatte, sich im Dorfe sehen zu lassen!
Und nun war sie wieder da, von Christel und seinem Vater abgeholt!
Ein schöner, klarer Tag war es.
Die warmen Strahlen der Sonne leckten den letzten Winterschnee vom Voden weg, und schwer und schwarzbraun lagen die Ackerschollen, künftigen Segen zu empfangen. Wie eine durchsichtige Glocke spannte sich der Himmel über der Erde — herb, voll Frühlingsverheißungen ging die Luft.
Mit leuchtenden Augen, an deren Wimpern noch die Tränen hingen, die Brust geweitet von tiefen Atemzügen, blickte Ebba um sich — ach, wie war die Heimat, schön!
Von weitem grüßte das Schloß. Das langgestreckte weiße Haus schimmerte im goldenen Sonnenlicht.
Ebba bemühte sich, unbefangen den Begegnenden zuzunicken, obwohl es einige Selbstbeherrschung kostete. Froh war sie, als man ans Schulhaus kam.
Ihre Augen suchten die Mutter.
Sie sah sie nicht — ah, drinnen würde sie warten. Sie eilte voraus, stürzte ins Haus. —■
„Mutter, liebe Mutter —1“
„Ebba, mein Kind!"
Unter Lachen und Weinen hielten sich beide umfangen. Sie standen noch in inniger Umarmung, als die anderen dazukamen.
^Angela sah es mit einem unbeschreiblichen
Ach, sprach in Ebba denn nicht die Stimme des Blutes, daß sie all ihre Liebe an die Fremde verschwendete und die rechte Mutter nicht erkannte? In eifersüchtigem Schmerz zog sich Angelas Herz zusammen. Sie glaubte, sie müsse die Frau hassen, die ihr Kind herzte und küßte und von ihm wieder geherzt und gefußt wurde — und sie — die rechte Mutter, mußte beiseitestehen!
Wie Ebba jubelte, daß sie wieder daheim war!
Wie der rote Mund plauderte und nach allem fragte! Und das dritte Wort war immer — „Mütterchen, liebes Mütterchen!" Und so viel Zärtlichkeit, so viel versteckte Abbitte lag darin.
Man hatte abgelegt.
3m sonnendurcysluteten Wohnzimmer war es behaglich warm, und einladend war der Kaffeetisch gedeckt.
Pfarrer Sturm stellte Angela als feine Tochter vor Er hatte bereits das Rotigste geschrieben, da es ja in diesem Falle leichter war als ein mündliches Erklären.
(Fortsetzung folgt.)


