Ausgabe 
15.7.1931
 
Einzelbild herunterladen

Mittwoch, 15. Juli 1931

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfen)

Ür. 163 Zweites Blatt

Aus der Welt des Films.

jenem nämlich, auf dem an der Riviera die Außenaufnahmen zu ,.*211 e wieder L l e be gedreht werden. H er gibt eS nun zwar feine Riviera, nur die nüchternen Wände der Tvn- silmhalle starren auf dieses Gebäude nieder, auch ist der Himmel nicht blau, sondern weih, denn er besteht aus einem weih angestrichenen Stück Leinwand, das mit einen, waagerechten Strich durchzogen ist: dem Horizont. Man tann gewiß sein, dah dieser Strich echt wirken wird, und wenn man so will. waS ist auch der wirr- liche Horizont anders als eine waagerechte Lime? MeereSrauschen? Wellengeplätscher? Nichts da­von. W»r befinden unS ja man kann s für Augenblicke immerhin vergessen in einem Tonfilmatelicr. Aber ganz gcwm wird dieser Film aus Meeresrauschen nicht verzichten wollen, und es scheint, alS entdecke man dort unten neben der Kamera einige rauschende Dinge. Da steh: nämlich ein Bottich mit Wasser und darin befinden sich ... aber man soll keine 31 lu- ftonen mutwillig zerstören. Sie sind immer noch die kleinen Trösterinnen im Leben uni, im Film.

Filmische Manuskripte.

Bon Friedrich Ege.

Ts wird der Filmindustrie so oft der Vorwurf gemacht, sie arbeite nicht genügend nach künstle­rischen Gesichtspunkten. Aber wir dürfen doch nicht die kaufmännische und die künstlerische Seite ,gegen"-einander ausspielen. Schon weil sie von Statur aus Gegensätze sind, die auf Grund von Tatsachen bestehen müssen, aber nicht schädlich zu sein brauchen, wenn das richtige Verhältnis zwi­schen Kaufmann und Künstler gefunden ist. Denn der Kaufmann wünscht den großen künstlerischen Erfolg -- der kaufmännische ist als Selbstzweck Doraussetzung der Künstler wünscht den gro­ßen materiellen Erfolg: dieser erst bringt ihm den wahren und nachhaltigen Erfolg dos künst­lerische Moment versteht sich bei ihm von selbst.

Die Nachfrage nach Filmmanuskripten und Filmideen ist sehr groß. Das Angebot zwar noch stärker in der Quantität, um so mehr schwächer in der Qualität.

Menn man sich überlegt, dah jedes Iahr cme stattliche Anzahl von Filmen produziert wird, pro­duziert werden muß, die Notwendigkeit der Quantität steht hier nicht zur Diskussion so muß man sich schon sagen, alle können gar nicht gut sein: also muh von vornherein mit Kompromißmanu» skripten gerechnet werden, mit Manuskripten, die im dramaturgischen Bureau der Filmgesellschaft durch Kollektivarbeit oder auf ähnliche Weise ^ver­wandtschaftlicher" Bindungen zusammengestellt werden. Auf olle Fälle gilt für diese Art von Manuskripten: sie werden, wohl von den Fach­leuten des Films gemacht, aber meist ohne dichte­rische. künstlerische Diktion. Dazu gehören u. a. viele Filme, die nach berühmten Nomanen oder Bühnenstücken filmgerecht auffrislert werden.

Don einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, sind diese srisierten Filme trotz aller fachmänni­schen Erfahrung schwach, weil sie nur gutes Hand­werk darstellen, nur das bewährte Alte in un­endlichen Daria ionen wiederkehren la sen. Sie sind nicht aus der schöpferischen Intuition des filmi­schen Erlebnisses heraus entstanden.

Dazu bedarf es des filmischen Dichter«, der beides in sich vereint.

Der Film verlangt ebenso wie das dramatische Kunstwerk des Theaters stets innere Spannung, dramatische Atmosphäre, einen unbedingt über­zeugenden Aufbau und eine klare Durchführung Der einzelnen Charaktere. Und daneben das spe­zifisch Filmgemäße: das filmische Sehen: den Aufbau der Szenen dergestalt, daß das Auge die Handlung begreift, indem die Szenen sich gegen­seitig vorbereiten, erklären und steigern.

Das ist .filmisch", wenn zum Beispiel Pudow - kins.Sturm über Asien" aus der Land­schaft heraus die lebendige und von ihr abhängige Atmospäre ihrer Menschen dramatisch entwickelt. Die Landschaft und die Derhältnisse bilden die lebendigen Titel. Mit einer geradezu dämonischen Konsequenz entrollt sich hier das Schicksal eines Dolkes.

Dieser Film lvächst aus dem Filmischen in seiner ganzen Anlage und Durchführung her­aus: er lehrt nicht eine Idee wie Fritz

Langs .Metropolis^. sondern ist Idee. Hier wird nicht geredet, nichts Pbaniasti- schcs, innerlich Unwahre- dargestellt, sondern ge­handelt, Schicksal gestaltet. Das wird nicht, wie es beim Bühnenstück nötig wäre, und wie es auch in so vielen Filmen der Fall ist, in Gefühls- oder Gedankendialoge aufgelöst, sondern wird op­tisch-dramatisch mit zwingender No Wendigkeit ge­staltet.

Schon wiederholt haben die Filmproduktionen selbst zu dem Thema .Film und Manuskript" Stel­lung genommen und Anregungen gegeben.

Doch handelt es sich weniger um Anregungen als um die grundlegende Frage nach der Doraus­setzung deS filmischen Manuskripte-. Das ist wie auf allen künstlerischen Gebieten in erster Linie eine Frage der technischen Seite. Sv wenig der Bildhauer einen Marmorblock wie einen Holz­block oder umgekehrt behandelt, so muß auch der Film-Dichter erkennen, welche besonderen fil­mischen Erfordernisse im Gegensatz zum Büh­nen dichter an ihn gestellt werden.

Diese spezifisch filmische Technik, das .filmische Denken" und vor allem das .filmische Sehen" kann der Filmdichter sich aber nur in der Atmo­sphäre der Filmproduktivn erwerben. Er darf aber nicht bloßer Zuschauer sein, sondern muß aktiv

Mitarbeiten, mitsehen, und wenn es an noch so geringer Stelle ist. Nur so bekommt er lebendigen Kontakt zum Filin, nur so kann dem Filmdich'er das besondere filmische Element aut geben und in ihm Belitz ergreifen oder er ist ein Genie. Doch dieses steht außerhalb solcher Betrachtungen.

WaS den Film-.entwurf" anlangt, so scheiden sich h,er die Anschauungen und Wertungen. Der amerikanische Regisseur Grifsith z. B steht auf dem Standpunkt, wenn der Film'christsteller sein Werk in Form des ersten korrekten Entwurfs dem Regisseur in die Hand drückt, so soll eS diesem überlassen bleiben, seine .eigenen Blumen am Wege zu pflücken oder zu pflanzen", während der deutsche Regisseur Oswald vom Filmdichter nicht nur einen Entwurf, sondern das gesamte ausge- führte Filmwerk in der ihm eigenen Kunstform verlangt. Die meisten Gesellschaften wünschen nur Entwürfe, allerdings aus der Erkenntnis heraus, daß wir keine Film dichter haben, die filmisch gesehene Manuskripte schreiben können.

Nachdem der Film heute eine gewisse technische Hohe erreicht hat, wird er ganz von selbst der künstlerischen Seite mehr Rechnung tragen und seine Produktion mehr als bisher in den Ablauf der künstlerischen Kultur hineinstellen und damit auch dem Film-,dichter" den Weg bereiten.

Neues aus der Werkstatt des Tonfilms.

Von Karl Ammon

Ich steh' alla hi hin. Ich steh' alla hi hin Auf weiter Siuaur

so singt der Sänger. Wenn das wirklich wahr ist. so schadet es weiter nichts. Liber heutzutage ist es meistens geschwindelt, denn wenn er an­geblich allein aus weiter Flur steht ober irgendwo im Hochgebirge und seine Stimmbänder in Schwingungen versetzt, dann will er natürlich die Schallwellen nicht einfach verklingen lassen, nein, er will selbstverständlich dabei geton- filmt fein. Erstens ist er aber dann nicht allein, und zweitens gehört dazu ein ganzer Kraft- Wagen voll Sachen: denn so einfach der Kurbel­kasten zum Aufnehmen der Bilder ist, so umfang­reich und verwickelt sind die Einrichtungen zum Ausnehmen der Töne. Sie dahin zu bringen, wo die Aufnahmen gemacht werden, ist oft kaum möglich, jedenfalls aber verteuert es die Tonfilm­aufnahmen ganz ungeheuerlich im Vergleich zu den stummen Filmen. Außerdem: Wenn der Sänger wirklich allein auf weiter Flur stehen soll, wo bringt man bann das Mikrophon an? In seiner Nähe muß es schon stehen, sonst kommt der Gesang beim Mikrophon zu stark geschwächt an und die Feinheiten gehen verloren, aber trotz­dem darf es natürlich auf dem Bild nicht er­scheinen. Macht man die Aufnahme in der Ton- filmtocrfftatt Verzeihung: im Atelier so kann man das Mikrophon schräg aufwärts vor dem Sänger so an der Decke aufhängen, daß eS nicht mit auf das Bild kommt. Aber auf weiter Flur geht dies natürlich nicht. Wie Hilst man sich nun?

Da ist nun Herr Carl Robert Blum auf den Gedanken gekommen, den Film, wie bisher, ein­fach als stummen Film aufzunehmen, das heißt doch nicht ganz so wie bisher: der Sänger singt tatsächlich, aber der Gesang wird nicht mit aus­genommen. Cs kommt nur daraus an, wenigstens bei Nahaufnahmen, daß der Sänger ober auch der Sprecher bie richtigen Mundbewegungen macht. Im übrigen hat er bie Freiheit, so falsch zu singen wie er Lust hat, wenn es nur nicht sv schlimm wird, daß etwaige Mitspieler vor Schmerz bie Gesichter verziehen ober sich vor Lachen den Bauch halten, denn dieser kommt ja mit auf das Bild.

Nun läßt man den Film in der Werkstatt ab­rollen, und gleichzeitig läßt man ein mit ihm gekuppeltes Papierband ablaufen. Auch diesem Band trägt man mit einem besonderen elektri­schen Fernschreiber, dem sogenannten Rhythmo- graphen. unter Beobachtung deS abrollenden Films den Rhythmus der Sprache ein. Dar­unter schreibt man bann die Worte, die der Sänger ober der Schauspieler bei der Ausnahme gesprochen hat, ober die Noten der Musik.

Nachdem dieser Streifen fo vorbereitet ist bei mehreren handelnden Personen ist e» eine entsprechende Anzahl von Streifen. läßt man sich bie Darsteller in die Werkstatt kommen. Ieden von ihnen stellt man vor ein RhytSmonom, In dem der Streifen mit feiner Nolle abrollt, während gleichzeitig daS Filmbild an der Wand beobachtet werden kann, dessen Bildwerfer mit den ablaufenden Nhythmvnomen gekuppelt ist. Slun spricht ober singt jeher Darsteller die Worte, die er am Rhythmonom durch ein Fenster sieht, in ein unmittelbar vor ihm stehendes Mikrophon, wobei die Töne bann auf einem Film, einem Stahlbanb ober einer Schallplatte je st gehalten werben. Im Lichtspielhaus werden sie dann zu­gleich mit den Bildern toiebergegeben. Ds kann natürlich auch ein ganj anbercr Sänger ober Schauspieler baS Mikrophon besingen ober be­sprechen, als ber, nach dem daS Lichtbild ge­macht ist. Man kann also auf diese Weise einem guten Schauspieler, der schlecht fingen tann, die Stimme eineS Sängers verleihen, dellen schau­spielerische Fähigkeiten mangelhaft sind. Man kommt so zu einer Art Arbeitsteilung im Ton­film, durch die man vorzügliche Ergebnisse er­zielen tann. wenn dadurch auch der Zuschauer biS zu einem gewissen Grade bemogelt wird.

Diese Arbeitsteilung ist z. B. wichtig, wenn man einen Tonfilm auch in anderen Sprachen aufführen teilt. Soweit die Darsteller dabei auf den Bildern so klein erscheinen, daß man ihre SHunbbetoegungen nicht genau verfolgen tann, genügt eS. wenn zu der ursprünglichen Ausnahme Die fremdsprachlichen Worte am Rhythmonom aufgenommen und bann mit dem ursprünglichen Bild wiedergegeben werden. Bei Großaufnahmen aber, wo man die Mundbewegungen sieht, muß ber Schauspieler ober Sänger noch einmal aus­genommen werben, während er in ber fremden Sprache spricht ober singt. Es tomml dabei nicht daraus an, daß er bie fremde Sprache beherrscht und sie gut ausspricht, wenn er nur die richtigen Mundbeteegungen macht. Am Rhythmonom tann man dann durch andere deren Muttersprache die gewünschte Sprache ist, den Ton in einwand­freier Aussprache hinzufügen lassen. Der Nach­teil des Tonfilms, daß er im Gegensatz zum stummen Film nur in einem bestimmten Sprach­gebiet verwendbar ist, wird dadurch zum Teil wettgemacht. Dies ist natürlich bei den unge­heueren Kosten ber Filme und insbesondere ber Tonfilme von gewaltiger wirtschaftlicher Be- beutung. Darüber hinaus aber ist es doch sehr interessant, zu sehen, wieviel Scharfsinn auf dieses neue Gebiet verwendet wird, und welche gc- toaltigen Fortschritte man darin in kurzer Zett gemacht hat.

Die ganze Wett in einem SauS... Newa-Brücke mit Schneesturm. - dafino von Monte Sarlo. - Jacht zwischen Dover und EalaiS.

Auch in der Filmstadt NeubabelS- b e r a wird in den Nächten im allgemeinen ge­schlafen, und die Niesensteinkästen Der Ateliers ruhen schwarz, schwer und massig unter den heißen Sternen dieser hochsommerlichen Früh- lingSnächle. Nur aus einem HauS dröhnt, surrt und fegt es: hier sind auch, entgegen jeder lon- filmaewvhnheu. bie Tore weit geöffnet, die Halle lärmt ins Dunkel und stört den heiligen akusti­schen Frieden Wer aus der Nacht frier ein tritt, ist bei aller Beschlagenheit in diesen filmischen Dingen doch zunächst betroffen: er befindet sich plötzlich im winterlichen Rußland, er gebt übet Eis an eingefrorenen Kähnen vorüber, steht unter fünf Meter hohen Brückenbögen vor einer gequaberten Flußböschung und hat den instink­tiven Eindruck: das sei hier Newa-Gebiet und gehöke irgendwie in den FilmGeheim- dienst". AuS der Nacht tritt man plötzlich unter das verzehrende Licht der Scheinwerfer, die an der Decke hängen, aber ihr Licht scheint ermatt« eS hat mit dem Filmstaub zu kämpfen, der dicht in der Lust hängt. Das ist der Filmschnee. Gebt acht, jetzt erhebt sich ein S ch n e e st u r m. Zwei flügellose Flugzeugkörper, bie hinter einem Boot unb unter einem Brückenbogen versteckt Und. beginnen zu surren, Arbeiter schütten Zentner­säcke eine- weißen Pulvers vor ihnen auS und schon ist die Halle biS zur Decke mit bufrtem Schneetreiben erfüllt. Da kommt auf ber Bnicke ein Mensch gerannt, im Mantel unb hochgeschla­genem Kragen, ben Hut tief in bie Stirn ge­drückt, schwingt sich über das Geländer, sturtt aus ber Böschungstreppe hinab, überschlägt sich kugelt sich aut bem Elle, erhebt sich alSbalb unb stürmt weiter . - unb dann stürzt sich mitten ins Unwetter eine phantastische Gestalt, einer Fleder­maus nicht unähnlich, mit langem Automantel. Autobrille und Shawl. dicht verhüllt, unb breitet die Arme gewaltig aus: das heißt er könnte sich t»ei bem Sausen ber Propeller nicht anbers verständlich machen daß die Aufnahme vorbei ist. Diese Fledermaus entpuppt sich als der Re- ailleur Ucicky. unb der Mann, der stürzte, schlägt ben Kragen herunter, und Willi Fritsch lacht unb freut sich, bah er seinen russischen Ver­folgern entkommen ist.

Da» ist bie Sache mit bem Schneesturm. Die andere ist aber nicht minder verblüssenb. Wir gehen einige Gänge hinab unb stehen plötzlich mitten i m Casino von Monte Carlo. ES werben jetzt keine Aufnahmen gemacht, eS ist ja Nacht, aber um so verblüffenber wirkt diese totenstille weite Leere: die Wände und Decken mit dem romantischen Stuck und den allegorischen Malereien ber achtziger Iahre. die altmodischen 'Beleuchtungskörper. Die grünen Tische mit ben Rouletteapparaten, bie hohen Fensterschei­ben unb dahinter ber ferne Ausblick auf die Riviera. Unwillkürlich beginnen aDle Laien daS Gleiche: sie treten an die Wände und be­fühlen ben .Stofs", ber Marmor, mit bem in Monte so üppig umgegangen wirb, ist natürlich nicht echt, bas ganze Casino besteht natürlich nur aus verdeckten Sperrholzwänben. aber eS kommt immer barauf an, wie und womit bedeckt wurde, damit diele Verkleidungen ..echt" wirken. Und so wirken sie schon. Man könnte hier etwas von den Wundern unb Täuschungen ber Per­spektive auffangen, wenn man beobachtet, wie sich bas ..wirkliche" Parkett, aus dem wir gehen, auf einer Leinwanb fortsetzt, die nichts als ein flacher Prospekt ist. ohne baß man eigentlich recht unterscheiden könnte, wo die Echtheit auf­hör t und die Malerei beginnt; man könnte er­zählen. wie bie weiten Riviera-Perspektiven her­vor gezaubert werden ...

. . aber indessen hat sich schon wieder eine neue Welt aus getan, unb wir stehen an Bord einer Lustjacht. eines Hellen, freundlichen Schilles. wie es wohl die Millionäre zu üppigen Fahrten benutzen. Auch dieses Verdeck mit seinen Ausbauten. Schornsteinen, Rettungsringen unb Oberlichts ist eine Angelegenheit des Sperr­holzes. nämlich eine Atrappe. Aber sie ist immer­hin genau einem wirklichen Schiss nachgebildet.

Asta Nielsen.

Sine Genie wird totgeschwiegen.

Von Rraud.

Was bie Slimmcrblonbinen betrifft, Lee unb Liane, Lya unb Cillian und Lien kein Zweifel, daß man ihre populären Vornamen kaum aus- cinanberfralten kann. Sie sehen einander genau so ähnlich, wie bie Preziosen Namen Hingen, und eine halbe Stunde nach Schluß ber Vorstellung weih man schon nicht mehr, welche es gewesen ist. Was also diese Flimmerblondinen betrifft, muß man schon sagen, es gibt nur eine Asta Nielsen I

Die ist schwarz und fchattenbleich und ein Genie. Einsam auf ragender Höh' thront sie in einer Atelierwohnung im Berliner Westen. Sie ist den Sternen ein bißchen näher als alle Stars zusammen, deren Namen in Flammenschrift auf Den Kinopalästen aufleuchten. Ihr Name freilich, ber leuchtet nur in unserer Erinnerung. Keiner unter unS. der nicht ihr lächelndes Leid in Er­innerung hätte, bie Schmerzensseligkeit ihrer Mundwinkel, bie schwarze Magie ihrer lodernden Augen. War's nicht gestern erst, daß wir alle und alle unfcrc Freunde und überhaupt der über­große Teil der Menschheit, der in die Anonymität be» Publikums getaucht ist, in den Erlebnissen der Asta Nielsen, belanglose Filmspiele, die uns selbst Erlebnis wurden, das rätfelooHe Mysterium ahnten, das Frauenschicksal heißt?

Gestern? Ach es sind sechs Iahre her! Seit sechs Iahren geht die Nielsen spazieren. Der kleine Unterschied ist nur der, dah das Bild dieser Frau in unserer Vorstellung lebt, als hätten wir sie gestern erlebt und erlitten. Indes, ich sagte es eben, die My unb die Lee und die Lou schon im Augenblick, ba der Straßenlärm uns wieder umfängt, versunken sind, als wären sie nie, Achtung Großaufnahme! neckisch gewesen unb betörend.

Seit sechs Iahren also hat die Filmindustrie beider Kontinente keinen Platz mehr für daS Genie. Die Moden wechseln, so ist das einmal in der Branche. Einmal ist die Unschuld der kost­baren Gish gefragt und einmal die brennheiße Kälte der foftfbieiigen Greta. Man hat Bedarf an Vamps und blonden Engeln, an Chansonetten und an knalliger Dämonie. Nur das Mysterium, das ist eben auf dem Kurszettel nicht verzeichnet. Sein Marktwert läßt sich in keinem Kaffeehaus ermitteln, und so zieht es der Markt vorsichts­halber vor, sich völlig abzuschliehen. Stumm unb geräuschlos. Ohne Aussehen, ohne Zeitungsnotizen. Frau über Bord wer spricht davon? Skandal, das muß nicht unbedingt eine lärmende Explosion fein. ES gibt auch einen Skandal des Schweigens. Des Totschweigens. Oh. der Rellameapparat ar­beitet. Lilian ist für drei Rollen von der Para- mount nach Paris engagiert oder von Pathe nach dem Paradies von Los Angeles, oder vielleicht ist s auch umgekehrt, oder vielleicht ist's auch gar nicht die Lilian, sondern Liane. Ich weiß nicht. Es soll Leute geben, die sich für solche welt­bewegende Neuigkeiten gar nicht interessieren. Leute, auf die der Nielsen Silhouette, wenn ihre schmale stumme Majestät der entthronten Königin in einer Premierenloge aus taucht, tieferen Ein­druck macht als das bappv-enck-Lächeln der Diva, die sich nach der erfolgreich inszenierten Urauf­führung auf der in den bekannten Dlumenhain verwandelten Bühne verbeugt.

O ja. es gibt solche Leute. Asta Nielsen hat in den letzten Iahren ein paar tausend Briefe be­kommen. aus allen Teilen der Welt, in denen Anhänglichkeit und Naivität, Verehrung, En­thusiasmus unb sehr geschäftsfremder Glauben sie fragen, wann sie denn wieder au sehen sein wird. Ob sie vielleicht gar krank sei? Eine ältere Dame schickt ihr auf alle Fälle ein paar Rezepte feit Generationen bewährter Hausmittel mit. Oder ob es gar an Betriebskapital fehlt? Prak­tische junge Leute, Kinder einet Zeit, die sich

in aller Hilflosigkeit zu helfen weiß, schlagen die Gründung einer Publikumsorganisation vor, deren Mitglieder sich zum Besuch aller Nielsen- Films verpflichten müssen. Andere wieder, Schil- lersche Iünglinge auf der Schulbank und hinter dem Ladenpult, schließen sich zunächst einmal zu einemBund Asta Nielsen" zusammen, sehr be­reit, Gut und Blut und Taschengeld auf dem Altar einer ersten Liebe zu opfern, die eben doch ein den Mann formendes Erlebnis bleibt, früher einmal, heute, immer.

Es ist ix» Geben häßlich eingerichtet, daß man mit Taschengeld fein Atelier mieten und nicht ein paar taufenb Bildstreifen drehen kann. Die In- buftrie aber? Asta Nielsen ist nicht verbittert. Sie hat nur ein spöttisches kleines Lächeln um die Mundwinkel, wenn sie dem Sinne nachsagt: Ein bißchen Talent genügt eben nicht. Man muh noch die Gottesgabe haben, Finanziers zu finden. Mir hat das Schicksal gerade diese Gabe versagt."

Es fehlt ja nicht an Vorschlägen und Angeboten. Immer wieder besinnt sich irgendeiner der Mis­sion des Films unb seiner Millionäre. Aber zum Klappen kommt's doch nicht. AuS taufenb Grün­den: Cs kann geschehen, daß man ihr die Gage einer kleinen Episodistin anbietet Während Asta Nielsen den komischen Ehrgeiz hat, zumindest ein Drittel vom Honorar zu befommen, das man jeder .prominenten" Hennablondine anbietet. Oder der Fall hat sich erst in der vorigen Woche ereignet eine Firma will sie für einen Film verpflichten, der in genau vierzehn Tagen gedreht sein muß. Mit einem Respekt, den nur die wirkliche Größe aufbringt meint sie:Man will sich ja nicht mit Charlie Chaplin vergleichen, der zwei Iahre braucht für jeden Film. Aber in zwei Wochen?. .Sie hat das Geheimnis des konfektionierten Kunstbetriebs, serienweise Her­stellung am laufenden Band, noch nicht heraus. Sie ist wirklich vorgestrig.

Das meint wohl auch der Filmverleih. Die

Nielsen wen wundert solche Pathologie? lebt in der Vorstellung, als hätte der allmächtige Verleih eine Art Boykott über sie verhängt. Und sie zerquält sich den marmorblassen, unvergeß­lichen Kopf: Warum? Warum nur? Vielleicht, weil sie sich die Typisierung nicht mehr gefallen lassen will, der der Bettieb sie wie alle anderen einorbnen möchte? Sie hat die ewigen Dimen- tragobien satt. Will Neues schassen. Oh, sie hat tausend Pläne unb Gestalten im Kopf! Kommt aber einmal ein Vorschlag, so ist eS ber, bie Dimentragöbie", die sie schon einmal vor Iahren in stummer Fassung gespielt hat, jetzt als Sprech- film neu herauszubringen. Abgestandenes Zeug, meint sie, das durch einen plumpen Dialog literarischen Dialog kann die Industrie leider nicht riskierenl galvanisiert werden fnll1

Aber nein, sie ist kein lebender Leichnam! Sie ist na, immerhin die Nielsen. Ihre Schauspiel­kunst ist gereift So reif, daß sie an den AuS- druckssormen der eigenen Gestalt schon kaum mehr Genüge findet. Beinahe lieber noch als selbst spielen, teilt sie Regie führen! Aber eine Frau alS Filmregisseur? DaS hat es noch nie gegeben, unb was es noch nie gab, wird es auch weiter nicht geben in der Branche!

Asta Nielsen schweigt. Sie hat schweigen gelernt in diesen sechs Iahren. Allein die Phantasie tobt und hämmert unb dröhnt. Sie wird wieder Theater fpielen. Mit einem neuen Stück von Pirandello wird sie in der nächsten Saison durch ganz Deuttchland reifen.

Berlin? Da ist sie als Kameliendame aufge» treten und seitdem nicht mehr. Mar Reinhardt hat ifrt inzwischen ein paar Rollen angeboten. Aber es war niemals das Richttge. Sie muß wirllich vorgesttig sein, die Nielsen! Ist sie auch. Sie ist vorgestrig, wie sie von heute ist und von morgen. Sie ist zeitlos, weil Kunst unb Mensch­lichkeit zeitlos sind.