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Das GchLtksal

spricht das letzte Wort

Roman von 3.Schneider-Foerstl.

Hrheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau t Sa.

19. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Hm ihren Beinen etwas Bewegung zu ver­schaffen, schritt sie ein Stück zurück und dann nach dem Wagen hin. 3eht, da der Bruder nicht mehr einzig und allein ihre Gedanken ausfüllte, brach das Erinnern mit aller Macht über sie herein. Warum bin ich nicht vor Viktor gestorben, warum habe ich^nicht einen letzten Versuch ge­macht ihn noch einmal zu sehen. Was nützt es, noch zu leben? Für wen? Wozu7' 3ede Träne, die über ihre Wange rann, wurde sofort er­schrocken wegaewischt. Lutz durfte nicht ahnen, wie verzweifelt sie war. So verzweifelt war sie, dah sie wünschte, es mochten die Häscher kommen und der Bruder das letzte tun, das ihnen dann noch zu tun übrig blieb: Zusammen sterben.

Als sie ihn mit raschen Füßen daher kommen sah, machte sie sich an dem Steuer zu schaffen» Aufsehend, gewahrte sie die Totenblässe, die sein Gesicht scharf und kantig machte.

Er hielt eine Zeitung in der Rechten und über­lieh sie ihr wortlos, als sie danach griff: »Wir müssen sofort weiter, Eve!"

Sie überhorte es, denn ihre Augen hasteten über die Zeilen hin, die ihr fettgedruckt entgegen- schrien:

»Mord!

Ein schreckliches Verbrechen ist in den Rach­mittagsstunden des 16. 3uli in Wien verübt worden. 3m Hause Prinz-Eugen-Strahe 86.

Das Blatt raschelte zu Boden. »Lutz!

3hre Augen sahen Erde und Himmel verdop­pelt. 3n den Wagen tackmelnd, sank sie willenlos in die Ecke.

Er folgte ihr, klappte den Schlag zu unb setzte den Motor in Gang. Mit nervösen Fingern rih er an den Hebeln. Sie flog gegen die Scheibe, so ruckartig zog die Maschine an.

Mit hundert Kilometer Geschwindigkeit raste der Wagen der blauschimmernden Kette entgegen, die die bewaldeten Berge um den Talkessel zogen.

Hedwig Bloem hatte eine entsetzliche Rächt hin­ter sich Sie war auf einer Gesellschaft bei Freun­den gewesen und gegen ein halb ein Hhr nach Hause gekommen. Leise schritt sie an der Tür vorüber, die Evelins Räume abschloh. Als sie Mmt, schon entkleidet, vor dem Spiegel stand

und die Spitzen ihres Rächtkleides übeveinander- zog, befiel sie eine gewisse Hnruhe.

Vielleicht hätte sie sich nicht zwei GlaS des schweren Hngarweines aufdrängen lassen sollen. Das löste bei ihr immer derartige Beklemmungen aus. Möglich, dah es sich gab, wenn sie nun flach zu liegen kam.

Aber der Druck wurde nicht geringer. Er pflanzte sich vorn Magen nach dem Herzen fort und stieg nach den Schläfert. die hörbar dröhnten.

Das war nicht mehr krperliches Unbehagen. Das war Angst, die ihr die Zähne aufeinander­klingen lieh, und für die sie keine Deutung hatte.

Sie dachte an Thom! Aber der hatte ja Thorn» fon um sich, und Thornson würde bei der ge­ringsten Hnrcgclmäßigkeit depeschieren, hatte Lutz gesagt. Vielleicht, wenn sie ein, Pulver nahm. Der Kopf hämmerte, und als sie aus dem Bett stieg, versagten ihr fast die Füße.

Die Uhr auf dem Spiegeltisch zeigte zehn Mi­nuten nach zwei. An ihrer Tür vorüber ging ein Schritt, verhielt, tastete weiter und kam 7wch ein­mal zurück. 3emand schien vor ihrem Zimmer zu horchen. Sie hielt den Atem an und lauschte. Es blieb alles ruhig. Möglich daß sie sich getäuscht hatte. Der Eilberlöffel, auf den sie aus der Karaffe Wasser goß, um das Pulver aufzulösen, schwankte so sehr, daß sie einen Teil davon auf den Teppich vertropfte. Mit einem Schluck nahm <Jfie das herbe Zeug ein.

Was war das?! Ein Klopfen? 3a! Leise, als fürchte es zu stören, hatte ein Knöchel gegen die Türe geschlagen. Mit zwei Schritten war Hedwig an der Tür.

Mit übernächtigem Gesicht stand Evelins Zofe vor ihr.3ch bitte zu verzeihen. 3ch möchte Frau Kommerzienrat nur fragen, ob das gnädige Fräu­lein heute nacht noch zurückkommt."

»Meine Tochter! Meine Tochter? wieder­holte Hedwig und war dankbar, daß ihr der Tür­pfosten eine Stütze bot.3ch dachte...

Die Zofe sah die Angst und den Schrecken, den ihre Frage ausgelöst hatte, und wurde beredt: Das gnädige Fräulein ist um ein halb sieben Hhr weggegangen und hat mich beauftragt, ein Gesellschaftskleid zurechtzulegen. Es würde spä- teftenä halb acht, bis es zurückkäme. 3ch glaube, gnädiges Fräulein wollte in das große Shm- phoniekonzert gehen. 3ch habe gewartet bis jetzt und dachte, vielleicht wüßten gnädige Frau Be­scheid."

Hedwig vermochte nur den Kopf zu schütteln.

Helfen Sie mir anlleiden." Mit diesen Worten ging sie der Zofe in das Schlafzimmer voran und begann in Hast sich wieder anzuziehen.

Der Chauffeur, der den Wagen vor knapp eineL Stunde in die Garage gebracht hatte, wurde gez­weckt und erhielt den Auftrag, nach Lutz' Woh­nung zu fahren. Der Weg dünkte Hedwig endlos.

Als sie kaum die Klingel am Tor gezogen hatte, erschien oben bereits ein Licht, und Gerd schlürfte auf eiligen Füßen herbei, sie einzulassen.

3st meine Tochter hier? Sie hatte die Frage nicht mehr zurückhalten können und stellte sie, als sie die ersten Stufen nach Lutz' Wohnung nahmen.

Er hatte offenbar nichts gehört, und als sie die Frage wiederholte, öffnete er erst die Türe zu Lutz' Arbeitszimmer, um sich vor jedem unbe­rufenen Ohr zu sichern, obwohl niemand als er allein in der Wohnung war.

Das gnädige Fräulein ist allerdings hier ge­wesen", sagte er.Aber kaum eine halbe Stunde. Darrn ist sie wieder weggegangen."

Wohin, Gerd?"

3ch weiß nicht!" Dabei hob er die Schultern und wurde verlegen, denn Evelin hatte ihre Handschuhe auf einem der Stühle liegen gelassen, und Frau Hedwigs Blick ruhte nun verängstigt darauf.

Sie fühlte, dah er ihr etwas verschwieg, und machte einen Schritt auf ihn zu.Hm aller Liebe willen, die Sie zu meinem Soyne tragen was ist gewesen?"

Gerds Gesicht wirkte steinern. Kein Muskel spielte. Das Etahlgrau der Augen schimmerte wie der Lauf eines Gewehres, kalt und unbarm­herzig.

Er hatte sein Wort gegeben. Hnd wenn Hedwig Bloem in die Knie siel und ihn mit aufgehobenen Händen um Auskunft bat, sie würde nichts er­fahren. Erbarmen war nicht am Platze, wo es um das Leben des Gebieters ging. Er vergaß, daß diese Frau, die ihn mit so schreckgeweitetem Blick ansah,-die Mutter des Mannes war, dem er sich mit Leib und Seele ergeben hatte.

Sie war für ihn der vierte, der um das Ge­heimnis wußte, wenn er sagte, was war. Drei waren ihrer schon zuviel. Möglich, daß sie sich beruhigte, wenn man sie auf irgendeine andere Spur brachte. Er sagte mit einer hörbaren Teil­nahme in der Stimme:Frau Kommerzienrat ängstigen sich gewiß umsonst. Möglich, daß das gnädige Fräulein inzwischen nach Hause gekom­men ist. Wünschen Frau Kommerzienrat, daß ich anrufe?"

Bitte!"

Eie mußte sich setzen. Die Füße trugen sie nicht mehr. 3n den großen Schreibtischsessel gekauert, hörte sie, was Gerd in den Apparat sprach.Roch nicht zurück", wandte er sich ihr bedauernd zu.

Wissen Sie, wo ich sie sonst noch aufsuchen konnte, Gerd?" 3hre Augen hingen an ihm, und er machte sich an einem Regal zu schaffen, weil er Liesen Blick nicht mehr vertragen konnte.

Man verlor die Sicherheit dabei, wurde un­schlüssig, beging womöglich eine Dummheit, die nicht mehr gut zu machen war. Schließlich wußte ja morgen bereits ganz Wien um die Tat. Am

Ende war cs gut, ihr einen Fingerzeig zu geben, der ihr Gewißheit brachte, ohne den Gebieter irgendwie damit in Verbindung zu bringe^ Haben Frau Kommerzienrat bei Gras Lippstädt schon ungefragt?" flüfwrte er.

Kann ich den Wagen haben, Gerd?

Herr Setterholm benützt ihn selbst." Warum fährt sie nicht in dem eigenen, der unten am Torr wartet? dachte er und bekam, als durchschaue sie seine Gedanken, sofort die Erklärung dafür.

3ch möchte meinen Chauffeur nicht wissen lassen, wohin ich fahre.

Er verstand sofort. Auf seine Frage, ob er den lleinen Wagen für sie ankurbeln lassen dürfe, der zwar offen sei, hatte sie sofort einDitte.

Hnd wahrend er aing, knickte ihr Körper ganz in das dunlle Leoer des mächtigen Stuhles. Sie hielt die Lider geschlosien und hörte mit halbem Ohr die Schläge, die die große Hhr in das Schweigen warf. Sie mußte die Augen auf­tun, denn die Bilder, die ihr die Phantasie vor­gaukelte, waren gräßlich in ihrer Art. Das Wasser der Donau spritzte auf, und sie sah Evelin in den schmutzig gelben Wellen versinken. An jedem Daum, der zu Hause im Park stand, fand sie die schlanke Gestalt der Tochter aufgeknüpst. Graf Lippstadts Reiterfigur tanzte über die Schwelle und hielt ihr blondes Kind im Arm. Die Locken zerzaust, die Arme zur Seite hängend, balanciert­er auf sie zu:Wir haben Hochzeit gemacht, Hochzeit, wie Zigeuner im Wald, ohne Gesetz und Kirche."

Der Schweiß perlte ihr von der Stirne. Evelin!"

Die Augen weit geöffnet, daß keines der Spuk­bilder sich mehr in ihr Gehirn fressen konnte, suchte sic über die Zeitungen und Briese hin, die verstreut auf dem Schreibtisch lagen. Gin weißer Zettel steckte im Rotizblock. Er trug Lutz' Hand­schrift. Sie las, ohne sich dessen bewußt zu werden.

Liebe Mama! Es ist unmöglich dir das Schreckliche..."

Der Tintenstift hatte nichts mehr hinzugesetzt, als das Finale eines bogigen Striches, den Eve­lins Hände verschuldet hatten, als sie Lutz aufge­rissen hatte mit ihremWir müssen fliehen!"

Hnd die halbgelähmte Frau vermochte keinen Finger zu rühren. Sie saß und starrte, versuchte sich aus dem Leder zu Aben und glitt wieder zurück.

Gerd fand sie mit hängenden Armen und zur Seite gefallenem Kopfe. Er sprang nach Lutz' Schlafzimmer und kam mit Riechsalz und frischem Wasser zurück, als Hedwig eben wieder die Augen ausschlug.

Was würde erst sein, wenn sie die Wahrheit wüßte.

(Fortsetzung folgt.)

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