Nr. 87 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger iSeneral-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 15. April 195|
Deutsches Leben in Ostafrika.
Da» durch den Friedens vertrag von Versailles der englischen bzw. belgischen Verwaltung al» Mandatsgebiet unterstellte ehemalige Deutsch, o st a s r i k a ist bekanntlich erst seit dem Jahre 1924 deutschen Siedlern wieder ge- össnet worden. Seit 1924 haben deutsche Reich-angehörige im jetzigen Langanyika-Terri- torium die Erlaubnis zum Landerwrrb. Seit über sechs Jahren sind etwa 1300 Deutsche, säst durchweg Farmer, wieder am W rk, den Wieder- aufbau de» Londe», dessen Wirtschaft in den KriegSjahrcn völlig zerrüttet war, in die Wege zu leiten. Auch heute noch stecken sämtliche deutschen Pflanzer in den ersten schweren Ausbau- jähren, die von ihnen das Höchstmaß an Entbehrungen und Anstrengungen fordern. Vor einigen Monaten haben, wie gemeldet, die deutschen Pflanzer sich au einer Organisation zusammengeschlossen, den .Verband der deutschen Pflanzer und Farmer in den südwestlichen Hochländern von Tanganyika". Die Ziele de» Zusammenschlusses lagen zunächst mehr auf kulturellem und gesellschaftlichem Gebiet. Nunmehr aber hat sich der Verband zu einem .Deutschen Wirtschaftsverband" erweitert, um die wirtschaftlichen Jnt:r<ssen der deutschen Farmer und Pflanzer besser fördern zu können. Man hofft, da- Organ diese» Verbandes .DaS Hochland" allmählich zu einer deutschen Zeitung ausbauen zu können. Im ganzen Mandatsgebiet erscheint neben einem Amtsblatt des britischen Gouvernements nur die .Tanganyika Times" in ‘Sxipti- salam.
Auch auf den, Gebiet der Schule ist das kulturelle Leven der Deutschen noch nicht über die ersten Anfänge hinauSgekommen. In deutscher Zeit bestand ein geordneter Schulaufbau in Gestalt von zahlreichm deutschen Regierungsschulen, Der Krieg vernichtete nicht nur dieses Schulsystem, sondern mit ihm sämtliche Missionsschulen. Erst allmählich gelang es der britischen Verwaltung, einen Neuaufbau zu organisieren, der freilich den Vergleich mit dem deutschen Schulaufbau nicht aushält. Für europäische Kinder gibt es im ganzen Tanganhika- Territorium nur drei Schulen, und zwar im Aruschabezirk. Einige weitere Schulen find im Entstehen begriffen. Eine deutsche Schule bestand bi- vor kurzem nur in Usambara. Im Januar wurde ein neuerbautes Schulgebäude in L u - pembe bezogen. Um den zahlreichen deutschen Pflanzern der südlichen Hochländer die Gelegenheit zu bieten, ihren Kindern Schulunterricht an- gedeihen zu lassen, entsandte der Frauenbund der Deutschen Kolonial-Ge- s e ll s ch a f t 1928 eine Lehrerin nach Lupembe, die mit den Verhältnissen völlig vertraut war. Anfangs stellt« die evangelische Mission ein Schulgebäude zur Verfügung, in welchem die Kinder von der Lehrerin nicht nur mittags verpflegt, sondern größtenteils in provisorisch her- gerichteten Räumen ganz ausgenommen wurden. Der Frauenbund der Deutschen Kolonial-Gesell- schäft lieh dann ein Schul- und Jnt^rnatsgcbäude errichten, so daß die Schule, die sich erfreulich entwickelt. Raum zur Aufnahme weiterer Kinder zur Verfügung hat. Da zahlreichen Pflanzern Mittel zur Unterbringung ihrer Kinder nicht zur Verfügung stehen, ermöglicht der Frauenbund durch Stipendien den Kindern dieser Eltern den Unterricht. Zur Zeit sind zw?i Lehrerinnen an der deutschen Schule in Lupembe angestellt. Rach Vollbringung dieser Aufgabe hat der Deutsche Frauenbund einem anderen Bezirk des ehemaligen Deutschostasrika, dem Oldeanigebiet südlich Aruscha seine Aufmerksamkeit zuaewandt. Auch dort wurde jetzt der Dau einer Schule und eine- Jnternatsgebäudes In Angriff genommen.
Der Unterricht an Eingeborene wird, ähnlich wie in deutscher Zeit, in Dorfschulen durch farbige Lehrer erteilt, die ihre Vorbildung in einem Lehrerseminar in Morogoro erhalten. Da-
Gang im April.
Don Siegfried von Degesack.
^Halten Sie bitte den Schirm, und ich hake bei Ihnen ein, dann werden Sie nicht nah in diesem abscheulichen Aprilwetteri Wie eS gießt! Und eben noch schien die Sonne! Wir haben doch ein Stück den gleichen Weg, bis zum Autobus. Sie müssen jetzt Ihre verrückten Ansichten näher begründen. Finden Sie nicht auch, diese Teegesellschaften sind schrecklich langweilig. Aber die Ananas-Torte war gut ..."
Die kleine schmale Frau im schwarzen Seidenmantel trippelte eingehakt neben dem großen, breitschultrigen Mann, der den Schirm so niedrig hielt, daß er sich bücken mußte, um nicht anzu- stoßen. Es sah so aus, als führte ein Vater seine kleine Tochter durch den Regem
.Sie fragten mich, Nena, wie Sie sich nützlich betätigen könnten, um Ihr soziales Gewissen zu beruhigen. Das Leben, das Sie jetzt führen: Tennis, Golf, Bridge befriedige Eie nicht. Und gab Ihnen den Rat..."
.'Kein“, unterbrach lebhaft die kleine Frau ihren großen Begleiter und sah empört zu ihm auf: .Sie befahlen mir, Sie sagten ganz einfach: Ele müssen...
.®ut", fuhr der Marrn ruhig fort, bückte noch etwas tiefer den Kopf und blickte lächelnd durch me dunkle Hornbrille auf das kindlich-entrüstete Desicht herunter: .Gut, ich sagte also. Sie müssen so bleiben, wie Sie find, denn nützlich«, tätige (Trauen gibt es heute mehr als genug. Neh- men toir an. Sie lernen tippen, stenographieren,
a"citcn in einem Bureau, sind .sozial" Entlg. Wer hat einen Nutzen davon? Die Gesell-
* Kaum. Denn Ihre Arbeit würde sonst durch einen andern erledigt werden. Diesem andern aber, der auf die Arbeit angewiesen ist, nehmen Sie den Verdienst. Und Sie selbst, Ihre hübschen Hände..
Unwillkürlich drückte er ihre Hand mit dem Olrm ein wenig an sich. Hastig riß sie sich los, hakte aber gleich wieder ein und suchte Schutz unter dem Schirm, weil der Regen zu heftig niederprasselte.
.Ihre Logik", rief sie erregt, .ist wirklich großartig! Dann dürfte ja eigentlich niemand arbeiten, aus Angst, jemand anderem den Verdienst fortzunchmen! Wir Frauen sollen also wieder Luxus-Geschöpfe werden, Puppen, die sich die Männer zum Zeitvertreib halten: etwas
neben gibt es noch acht Zentralschulen für Eingeborene. die nach dem deutfchen Vorbild vielfach mit Handwerkcrschulen verbunden sind. Eiu großer Teil der ostafrikanischen Erziehungsarbeit wird von den Missionen bestritten, an denen bekanntlich die Deutschen hervorragenden Anteil haben. Im ehemaligen Deutfchostafrika arbeiten nicht weniger al» elf evangelische Missionen und fünf katholische Missionen mit'einer Gesamtanzahl von Missionsanhängern und Missionsschülern von rund 240 000. Die Mis ionen forderten in einer Aussprache mit dem Erziehungs- birctor de» Mandatsgebietes die Anerkennung der S u a he l i s p r a che als Unterrichtssprache in den Zentralschulen, die als höhere Eingeborenenschulen angesprochen werden können. Die englische Regierung will als höhere Schule nur den Typus, der Englisch als Unterrichtssprache hat. gelten las en. Da aber auch in zunehmendem Maße Eingeborene eine höhere Bildung erstreben, ohne sich für den Beamtenberuf totAubereiten, sollte als zweite Form der höheren Schule eine mit Suaheli al» Unterrichtssprache anerkannt werden, bei der Englisch nur Lehrfach wäre. Der Erziehungsministcr lehnt diesen Vorschlag ab mit ber Begründung, daß dann die Zentralschulen übcrfüIU w irden und der EtaatSfiskus nicht mehr genügend Mittel zu ihrer Unterhaltung ausbringen könnte. Es ist dies eine Jnkonse quenz der britischen Gin- geborcnenpolilik in Ostafrika, die sich bekanntlich
die Erziehung der Eingeborenen bis zur staatsbürgerlichen Reife zum Ziel gefetzt hat. damit gemäß den Idealen de» Völkerbünde- da» Mandatsgebiet in absehbarer Zeit reif zur Selbstverwaltung unter Beteiligung der Afrikaner würde.
Während man auf dem Gebiete der Schule also den Dedürfnis'en der Eingeborenen vorläusig nicht Rechnung zu tragen gedenkt, ist man den Missionen in der Anerkennung der Suahelisprache als Unterrichtssprache entgegengekommen. Die StammcSsprache darf Unterrichtssvrache fein in den unteren Stufen der Volksschulen und solche eingeborene Lehrer, die in afrikanischer Sprache ausgebildet sind, werden von der Unter- richt-verwaltung anerkannt, obwohl man früher die Absicht hatte, die Ausbildung von Dorfschullehrern ausschließlich in englischer Sprache durch- zuführen. Die Durchsetzung des Schulw.sens mit englischem Geist läßt erkennen, daß Grohbri- taimien zwar die Erziehung der Eingeborenen, deren Selbstbewußtsein infolge der Kriegsereignisse in raschem Wachsen begriffen ist. ständig im Munde führt, die Durchdringung des ehemaligen deutschen Kolonialgebietes in englischem Sinne jedoch biS zu einem Grade gefördert s/hen will, der es ausschließt. daß das jetzige Tanganyika-Territorium jemals zu etwas anderem heranreift als zu einer brl tt f chen Kolonie.
Die Arbeiierkolome Neu-lllrichflein
An der nördlichen Grenze des Kreises Alsfeld, 40 Minuten entfernt von dem schm gelegenen Städtchen Hombcra a. d. O., liegt die A r b e i t e r t o l o • nie Neu-Ulrich st ein auf einem Hochplateau, von dem das Auge über Wiesen, Wälder und fruchtbares Ackerland weit hinausschweist bis zu den fernen Gebirgszügen. Die Kolonie ist im Jahre 1885 von dem Verein für Hessen und Hessen-Nassau zur Beschäftigung Arbeitsloser nach dem Muster der von Pastor von Bodelfchwingb in Bielefeld gegründeten Arbeiterkolonien ins Leben gerufen worden. Sie bietet arbeite- und heimatlosen Männern Heimat und Arbeit und will durch ihre Einrichtungen Willensschwächen Naturen einen sittlichen Halt bieten und sie zu einem geordneten Leben zurückführen.
Tausende, die sich im Wettbewerb mit anderen Arbeitsuchenden auf dem freien Arbeitsmarkt nicht mehr zurechtgefunden haben und so dem Wander- leben verfallen sind, haben in ihr wieder arbeiten und die
Wofjlfat eines geregelten Lebens kennengelernt und sind dadurch vor dem Untergang bewahrt worden.
Die zur Kolonie gehörigen Wohn, und Wirtschaftsgebäude sind ringsum in einem großen Octo- nomiehof gelegen, sie sind durchweg dem ländlichen Charakter der Gegend angepaßt, ihre roten Ziegeldächer heben sich farbenfroh von dem umliegenden Acker- und Wiefenland ab. Denselben wohltuenden Eindruck empfängt der Besucher, wenn er das innere der Wohn, und 2lrbeitstäume, der Stallungen und Wirtschaftsräume oder den Nutzgarten betritt. Ueberall herrscht peinliche Ordnung und Sauberkeit. Auf dem Hot begegnen uns Gespanne oder beladene Wagen, Vieh, das zur Tränke ober auf die Weide getrieben wird, und eine Anzahl Kolonisten bei ihren Arbeiten ober auf dem Wege zur Arbeits- ftätte.
Die Kolonie Neu-Ulrichstein bot vor dem Kriege mehr als 100 Kolonisten gleichzeitig Unterkunft. Die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse ließen eine Beschränkung der Kolonistenzahl auf 50 bis 60 Mann notwendig erscheinen. In den beiden großen Schlafsälen sind in den letzten Jahren 50 Einzel- tobinen eingebaut worden, so daß
jeder Kolonist seine eigene geräumige und luftige Schlafzelle
Handarbeit, allenfalls kochen und Kinder kriegen!"
„Puppen pflegen keine Kinder zu kriegen", meinte der Mann nachdenklich. Dann fuhr er unbekümmert fort: .Aber ich spreche ja gar nicht von den Frauen, ich spreche von Ihnen, von diesem einmaligen, ganz eigenartigen Exemplar Ihres Geschlechtes, das Nena hecht. Wenn Eie aufhören. Nena zu sein, — und das werden Sie, sobald Ihre schönen Hände an der Schreibmaschine klappern, — wird das soziale Elend dadurch nicht im geringsten behoben, wohl aber die Gesellschaft, das heißt, wir, die wir Sie kennen, einen schmerzlichen Verlust erleiden: denn unser Leben wäre um diese einmalige Nena ärmer geworden. Nein, lassen Sie mich zu Ende reden. Ich glaube nicht an den alleinseligmachenden Nutzen, an den heiligen Zweck, der heute alles beherrscht. Ich glaube an eine höhere Heiligkeit des Nutzlosen, Zwecklosen, dessen Dasein und bloße Gegenwart uns, die wir mit dem Zweckhaften verfallen sind, wenistengs für Augenblicke von unserer Tretmühle befreit und glücklich macht. Dieses war einmal der Beruf, richtiger dir Berufung der Frau, und in einigen, seltenen Exemplaren erfüllt sie noch heute diese ihre innerste Bestimmung..."
»Euch Wänner glücklich zu machen!" unterbrach die Frau entrüstet ihren Begleiter und schüttelte so heftig seinen Arm, daß er fast den Regenschirm fallen lieh. „Hnb wir? Sind wir denn nichts ohne Euch? Wenn Sie ahnten, wie dieses Luxusdasein, das ich führe, mich langweilt: am Vormittag Tennis, nachmittags irgend ein Tee unb abends Bridge! Ist das wirklich meine Bestimmung, der Zweck meines Daleins?"
Die kleine Frau war stehengeblieben, blickte zornig zu ihrem großen Begleiter hinaus, der den Schirm noch tiefer neigte, weil Windstöße und Regengüsse ihn umzuwerfen drohten.
.Liebe Rena", fuhr er begütigen!) fort, indem er sie fanft zum Weitergehen veranlaßte, .Sie mißverstehen mich. All diese Dinge, wie Tennis und Bridge, sind gewiß nicht Ihre Bestimmung. Uni) daß dieses Dasein Sie nicht befriedigt, beweist schon, daß Sie höhere Ansprüche an daS Leben stellen: höhere, nicht geringere! Als Arbeitsmaschine würden Eie weder Ihre Mitmen- schon, noch sich selbst glücklich machen, aber als Frau..
Er zögerte. Seine Stimme klang fast zaghaft, verstummte. Dann ging er schneller und sagte beinah barsch, wie zu einem ungezogenen Kinde:
bat, eine Einrichtung, die namentlich von den älteren Leuten wohltätig empfunden wird.
Die Kolonisten fetzen sich aus Menschen aller Art Aufammen; alt und jung aus allen Teilen des Reichs, Angehörige aller möglichen Berufsarten, Handwerker, Kaufleute, Arbeiter aller Berufe treffen hier zusammen. Gar manche von ihnen sind wiederholt Gäste der Kolonie gewesen, andere haben hier eine dauernde Heimat gesunden. Der reguläre Aufenthalt in der Kolonie soll nicht weniger als drei Monate dauern. Ist es heute nötig zu sagen, daß viele der zuwandernden Gäste nicht durch persönliches Verschulden, sondern durch unglückliche Verhältnisse heimatlos geworden sind?
Das Hofgut Neu-Ulrichstein umfaßt zirka 370 Morgen Acker- und Wiesenland: es wird ein an- sehnlicher Rindvieh-, Schweine- und Kleintierbestand und die erforderliche Anzahl Acker- und Zugpferde gehalten. Der landwirtschaftliche Betrieb, der in ganz Oberhessen als ein Musterbetrieb bekannt ist, bringt die Mittel für Verpflegung und Unterhaltung und eine den jeweiligen Arbeitsleistungen angepaßte bescheidene Entlohnung der Kolonisten auf. Die dem Verein zufließenden Beiträge aus öffentlichen Kassen sind nicht erheblich.
Jeder Kolonist wird seinen Kräften und Fähigkeiten entsprechend in den Gesamtbetrieb eingegliedert.
Die Koloniegäste werden meist in der Landwirt- schäft, jedoch auch in ihren Berufen als Schuster, Schneider, Schreiner. Bäcker und Gärtner beschäs- tigt. Auch in den Wintermonaten, in denen eine Beschäftigung im Freien unmöglich ist, fehlt es nicht an Arbeit in der Wirtschaft, im Haus und im Keller.
Ein Radio und eine neuzeitlich eingerichtete gute Bücherei kommen dem Unterhaltungs- und Bildungsbedürfnis der Kolonisten in ihren der Ruhe und Erholung gewidmeten Stunden entgegen. Die ungeheure Arbeitslosigkeit im Reich hat auch den Arbeilerkolonien, deren es in ganz Deutschland 52 mit etwa 6800 Plätzen gibt eine stets wachsende Zahl von Gästen zugeführt. Auch die Kolonie Neu- Ulrichstein ist voll belegt. Der gesunde Gedanke Bodelschwinghs, daß auch der Aermste versuchen soll, durch eigene Arbeit seinen Lebensunterhalt zu ver- dienen oder wenigstens ein tüchtig Teil hierzu beizutragen, bewährt auch heute seine Richtigkeit.
.Begreifen Sie denn gar nicht: wir Männer stecken den ganzen Tag in der Arbeit, im Betrieb, der uns auffriht. Ich muß xum Beispiel vom Morgen bis zum Abend die langweiligsten Zeitungen lesen, Artikel schreiben. Wir brauchen irgend etwas, das außerhalb dieser Tretmühle steht, etwas, das unserem trostlosen Dasein wenigstens für Augenblicke einen kleinen Sinn, eine Freude gibt Wenn ich Sie zum Beispiel sehe, nur ein paar Worte mit Ihnen spreche..
Seine Stimme wurde wieder unsicher. Dann lachte er etwas gezwungen auf:
»Nein, seien Eie unbesorgt ich will Ihnen gewiß keine Liebeserklärung machen, — dazu ist dieses Aprilwetter auch viel zu ungeeignet! — Aber sehen Sie: gerade dieser launische widersinnige, unberechenbare April macht mich immer so glücklich, weil er sich eben jeder Dernurrft ent- zieht! In einer Stunde kann er zehnmal sein Gesicht wechseln, kann regnen, hageln, schneien und zwischendurch immer die Sonne scheinen lassen, — wie eine Frau, die nicht weiß, was sie will, die uns gleichzeitig quält und glücklich macht zärllich und grausam ist. die uns immer neu überrascht und ewig ein Rätsel bleibt... Wie trostlos wäre dieses Leben, wenn nun auch die Frau nur noch zweckhaft, vernünftig handeln, wenn der April alle seine Launen verlieren würde! Aber verzeihen Sie: ich wollte nicht philosophieren!"
Sie waren an der Autobusstelle angelangt.
.Warum halten Sie noch immer den Schirm aufgespannt?!" lachte die Frau: .die Sonne scheint ja: Gott sei Dank: da kommt schon der Autobus!"
»3a, Sie haben recht", sagte der Mann und klappte umständlich den Regenschirm zu. .Und wohin haben Sie es so eilig?"
Die kleine Frau nahm den Schirm, sprang auf das Trittbrett und wandte sich um:
.Zur Bridge-Partie, — und Sie?"
.3ns Cafe, Zeitungen lesen!"
Er winkte ihr lachend nach. Aber seine Augen hinter den runden Brillengläsern lachten nicht. Und eine Regenwolke verdunkelte wieder die Sonne.
Zeitschriften.
— Aus dem Aprilheft des „Kunstwart" (Callwey, München): an der Spitze Gedenkworte für den kürzlich verstorbenen „Kunstwart"-Verleger Georg D. W. Eallwey mit einen Bild; ein Aussatz „3a und Nein zur Kunstpflege" von Wilhelm Michel: aus dem „Deutschen Wander- buch" von Joses Hofmiller: Gedichte von Hertha
Oberheffen.
Landkreis wichen.
-4- Orünbcrg, 13. April. Am Samstagabend hielt der hiesige Vorschuhverein seine Generalversammlung ab Zu dein gedruckt vorliegenden Geschäftsbericht für da» Jahr 1930, da- 68 Geschäftsjahr, gab der Rechner Möller die Erläuterungen. Der Bericht wurde ohne Bemerkungen genehmigt Ebenso wurde die Bilanz, die mit einer Summe von 703 614,71 Mk. ab- schloß, genehmigt und Vorstand und Au fichtSrat Entlastung erteilt. Einen ausführlichen Bericht über die Bilanz brachte der Gieß. Anz. In seiner Nr. 80 vorn Dienstag, 6. April.) Die Verkeilung des Reingewinnes wurde in der von der Verwaltung vorgeschlagenen Weise gutgeheißen. Danach kommen 3227,69 Mk. zum Reservefonds, auf die eingezahlten Gelchältsauthaben werden 8 Prozent Dividende ausbezahlt, waS 4487,44 Mark erfordert. Die infolge Ab:aufS ihrer Wahlzeit ausscheidenden Mitglieder des AufsichtsraleS, Zimmermcister Georg Daniel HaaS, Kaufmann Otto MatthieS und Wagnermeister Ludwig Zinßer, wurden wiedergewählt Am Sonntag nach Ostern ?anb in der hiesigen Sladt- kirche die Einsegnung der diesjährigen Konfirmanden statt. Die Zahl der Konfirmierten betrug 29, nämlich 20 Knaben und 19 Mädchen. Davon waren 13 Knaben und 15 Mädchen aus ©rünberg, von den 3 F.lialorten waren eS vier Mädchen auS Lehnheim, 2 Knaben auS Stangen- rod und 5 Knaben aus Lumda.
1 Allertshausen, 14. April. Am Sonntag fand in der Mutterkirche zu Londorf die Konfirmation statt. Es wurden in diesem Jahre nur elf Kinder, acht Knaben und drei Mädchen, eingc- segnet. Neun Kinder waren aus Allertshausen zwei aus Elimbach. Neun Kinder wurden in die «schule neu ausgenommen.
I Aus dem südlichen Kreise Gießen, 14. April. Das trockene Wetter hat die Frühjahrsarbeiten der Landwirte überall stark begünstigt. Die Sommer!rucht ist nahezu ge ät. Leider muhten auch zahlreiche Weizen- und fast alle Roggenäcker umgefät werden, da Mäuse- und Krähensrah dafür gesorgt hatten, daß fast kein Pflänzchen mehr zu sehen war. Ebenso waren die kalten Märznächte von großem Nachteil, Besonders schlimm steht cs auch mit den K ee- äckern. Die meisten mußten umgepflügt und neu eingefät werden. Die Länge des Winter- und die anhaltende Trockenheit wirken auch ungünstig auf das Wachs'uin des Grünfutters ein. Eine Folge davon ist das starke Steigen der Preise für Kartoffeln und Dickwurz. Beide Futtermittel kosten fast das doppelte wie vor einigen Wochen. Kartoffeln wurden in den letzten Tagen für 3.60 Mark der Zentner eingeladen. Der Preis ist weiter im Steigen begriffen. Dickwurz, die noch im März 50 Pfennig kosteten, werden jetzt mit 1 Mark und mehr für den Zentner gehandelt.
)( L i ch, 14. April. In der St. Marienstiftskirche fand am Sonntag die Konfirmation statt. Es wurden 18 Kinder, vier Knaben und neun Mädchen aus Lich und fünf Mädchen aus Arnsburg, eingefegnet. Eine Kollekte für das Krüp'eel- heim in Niederramstadt ergab den Betrag von 41 Mark.
Kreis Friedberg.
WSN. Bad-Nauheim, 14. April. Hier ist mit dem Bau einer Kegelfporthai le begonm n worden, die vier bundesvorschriftliche Bahnen auf- weisen wird. Drei von ihnen werden Asphaltbahnen fein, die vierte Ist eine sog. Amerikabahn, der im Gegensatz zu dem sonst üblichen Neun-Kugel Syst m ein ZehnKugel-System zugrunde liegt, und die bisher nur in wenigen deutschen Städten eingerichtet wurde. Die Kegel für diese Amcrikabahn wird der Präsident der Nordamerikanischen Kcglcrverbände stiften. Die Einweihung der Kcgelsporthallc soll Ende Juni Im Rahmen einer Sportwoche vorgenommcn werden.
Koenig: Filmchronik: eine gute Reproduktion der „Seiltänzer" von Picasso mit einem lesenswerten Kommentar von Joses Popp.
Kunst und Wissenschaft.
Walter Harlan f.
■Berlin, 14. April. Der bekannte Dramatiker Dr. Walter Harlan wurde heute bei einer Generalversammlung des Verbandes deutscher Dühnenschri,tsteller und Bühnenkomponisten v o m Tode überrascht. Harlan hatte zu einer persönlichen Bemerkung das Wort ergriffen; kurz nach Beendigung seiner Ausführungen sank Dr. Harlan, der erst vor kurzem eine schwere Blinddarmoperation überstanden hatte, in eine Ohnmacht, aus der er nicht mehr erwachte. Wiederbelebungsversuche blieben ohne Erfolg. Die Generalversammlung wurde abgebrochen. Walter Harlan, der aus Dresden stammt und ein Alter bon 63 Jahren erreicht hat, gehörte dem Vorstand des Verbandes feit 22 Jahren an und bat stets mit Aufopferung und Hingabe die Interessen der Dramatiter wahrgenommen. Von seinen Werken nennen wir die heute noch lesenswerte „Schule des Lustspiels" (1903); „Jahrmarkt in Pull nitz": das vielgespielte „Nürn- bergifch Ei": aus den letzten 3abten: „Das Frühstück in Genua" und „Bräute in Bamberg".
Der Rezitator Sensf-Georgi f.
Der auch in der Provinz bekannte Berliner Rezitator Senfs.Georg, ist heute mittag in feiner Wohnung mit Gas vergiftet t o t aufgesunden worden. Nach den Ermittlungen der Polizei liegt Selbstmord vor. Senfs-Georgi, der ein Alter von 53 Jahren erreicht hat, scheint aus wirtschaftlicher Not gehandelt zu haben.
Frankfurter Madagaskar-Expedition.
WSN. F r a n k f u r t a. M., 14. April. Unter Füh. rung von Professor Bluntschli hat sich eine Frankfurter zoologische Expedition nach Marseille begeben, um sich nach Madagaskar einzuschiffen. Die Erpedinon, die von der Notgemein, schäft deutscher Wissenschaft, der Rockcfeller-Stiftung, der Speyer-Stiftung und einer Schweizer Stiftung finanziert wurde, und die durch bas französische Ko- lomalminiftmum in jeder Weise gefördert werden wird, hat die Aufgabe, an der typischen Restfauna Madagaskars, besonders den Halbaffen und Jnfek- tenfressern, das Material für entwicklungsgeschicht- liche Studien zu gewinnen.


