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14.4.1931
 
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Nr. 86 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Dienstag, 11. April 1931

CRom schweigt.

Don unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom. April 1931.

Frankreich hat mit Jugoslawien ein Militär­bündnis abgeschlossen, einen Wassenring mit Tschechen und Polen geschmiedet, eine Privat- entente geschaffen. Oie Welt regte sich nicht auf. Deutschland und Oesterreich haben eine Zoll­union zu schassen in Aussicht genommen. Die Welt ist auster sich.

Es gibt allerdings Präzedenzsälle. Die englische Blockade war ein Kriegsmittel, die deutsche eine Niedertracht. Die Verletzung der belgischen Neutralität ein Verbrechen, die Ver­letzung der griechischen Neutralität eine Wohl­tätigkeitsveranstaltung. AlS Mist Eavell erschol­len wurde, griserte man vor Humanität! als Mata Hari erschossen wurde, sprach man von Gerechtigkeit. Die über die Kathedrale von NeimS hinwegschossen, waren Barbaren: die Franzosen aber, die ihre Kathedrale in St. Quen­tin einäscherten. Vorkämpfer der Zivilisation. AlS die Zentralmächte auf der Höhe ihrer Er­folge schüchtern etwas von Kriegsentschädigung verlautbaren liesten, erstarrtedie Welt" vor Entsetzen: Geld, Geld für Blut! AlS die anderen so weit waren, gingen die irrsinnigsten Kriegs­tribute in Ordnung.

Aus dieser doppelten Vuchsührung sind wir noch nicht herausgekommen. Dafür wird über die schachernden Hände hinweg von Völker­gleichheit und Völkerfrieden und Paneuropa ge­sprochen. Sin Hundsfott wer solche Pläne zu verwirklichen sich erkühnt. Frankreich kann so etwas nicht zulassen. So weit die Ofterprsdigt, wie sie von den Armen im Geiste verstanden wurde. Die andern, bi? arithmetischen Genies unter den Politikern rechneten mittlerweile mit Tonnenzifsern und Konferenzen. Das Ganze heistt man Diplomatie.

Rur eine Zunge an der Meinungsbörse schweigt: Italien. Rom hat nicht aufbegehrt, als das Schreckgespenst desAnschlusses" von geschäftigen Handlangern an die Wand gemalt wurde, obwohl dieanschlussisti gleich nach den antif.iscisti genannt zu werden pflegen. Mussolini, der bisher niemals ein Hehl daraus machte, dast die an sich natürliche deutsch­österreichische Vereinigung im geg.-nwärtig-m Z it- punkt für Italien unerwünscht sei, Mussolini beschämte mit seiner Zurückhaltung sogar viele, die nur entfernt an der Zollunion intereffiert sind, sich aber trotzdem Hals über Kopf in die Polemik stürzen. Die italienische Presse hat im Verhältnis zu allen anderen Ländern, die neu­tralen nicht ausgenommen, die Tugend des Schweigens am reinsten bewahrt. Im Palazzo Venezia und im Palazzo Chigi sieht mqn die Journalisten aller Staaten herumwufeln wie die Ameisen zwischen zwei zerstörten Erdhüqeln, die innnerhin Erdreiche sind. Erfahren tut keiner etwas. Die Mauer des Schweigens ist unüber- steitzbar und ununterwühlbar.

Freilich, wir erfahren nichts, aber wir wis- s e n. Wissen, dast hinter den Wänden gearbeitet wird wie in den blühendsten Zeiten der Geheim- fobinette. Der Unterschied gegen Paris oder Genf ist nur der. dast die Italiener ehrlicherweise keine Phrasen um solche geschäftlichen Dinge ranken. Sie stellen sich nicht so hin, als ob sie besser wären als die Staatsmänner vor 1914. Sie registrieren nur mit mehr oder weniger Anwillen die Hauptgeräusche aus dem inter­nationalen Blätterwald. And so peinlich es nach demrömischen Flottenfrieden" sein mag. es must gesagt werden, dast aus Nordwesten her üble Töne kommen. Es war faul, das^Osterei

Für Mussolini ergibt sich im Augenblick fol­gendes Bild: Die austerordentlich rührige und an die besten diplomatischen Vorbilder erinnernde, in den Mitteln jedoch etwas fahrige franzö­sische Politik arbeitet mit dem Flotten- pakt und dem A n s ch l u st wie mit Messer und Gabel als zusammengehörigen Dingen. Italien und Deutschland sollen gleichzeitig fiein-

Das Unterseeboot des Nordpolfliegers Wilkins, mit dem der Pol unter dem Eise erreicht werden soll, ist jetzt startbereit und wurde in Neuyork in einem feierlichen Akt, an dem auch der Enkel Jules Demes teilnahm, auf den NamenNautilus" getauft.

gemacht werden. Für die Vereinigung des FlottenpakteS verlangt Driand jetzt von Rom eine Stellungnahme gegen die Zollunion: für die Billigung der wirtschaftlichen Anion von Berlin ein neues Locarno: einen feierliche und endgültigen Verzicht auf den politischen An- schlust. Man must gestehen. daS Geschäft ist nicht schlecht ausgeklügelt.

In Rom besieht man sich die neuen Forderun­gen der lateinischen Schwester und spricht von Erpressung. Denn diese Forderungen be­treffen, wohlverstanden, nicht 70- oder 80 OOO Mehrtonnen, sondern die Einreihung in das französische Vasallensystem, wobei die Italiener mit dem ..neuerwachten Großdeutschland", dem wiedergeborenenDrang nach Osten" und dem sagenhaftenWeg nach Bagdad" geködert und erschreckt werden sollen. Es ist nicht leicht ver­ständlich, was die französischen Zeitungspolitiker ju dem Glauben veranlasst. Italien sei noch immer das Kind, das man mit Drohungen ein­schüchtern und mit einem Segelschifflein gewin­nen kann. Sie müstten sich doch sagen, dast die früher so gefürchtetegemeinsame Grenze" mit Deutschland, die durch den Anschlust entstehen würde, in dem Augenblick keine Gefahr mehr bedeutet, wo die rnussolinische Austenpolitik mit dem deutschen Nachbarn um so lieber rechnet, je stärker er ist. Nur ein starkes Deutsch­land kann nach italienischer Auffassung das durch die französische Hegemonie verschobene Gleichgewicht in Europa wiederherstellen. Ge- wist könnte Italien schon heute den ewigen Frieden haben, aber nur um den Preis der Un- terordnung unter die französische Vorherrschaft. Das ist es, was man in Rom geflissentlich offe­riert und dort mit Widerwillen zurückgewiesen wird.

Der Friede bin ich! La paix cest moi! Da sei, so sagen es die römischen Zeitungen kalt heraus, wie ein enfant terriblc, das .groteske, aber typisch französische Ziel". Anerfindlich, warum kein Mensch den französischen Frieden haben will, nicht einmal Tributärstaaten wie Deutschland und Oesterreich. Anerhört! Ist das nicht eine brutale Verletzung der Menschenrechte und der heiligen Verträge?

Die Freunde Frankreichs werden finden, so sei es nicht. Briand sei ein gentilhommc und Genf keine Börse, sondern ein Tempel. Mag sein, aber damit wird die Tatsache nicht aus der Welt ge­schafft, dast man inRom seine besondere Meinung hat, und da Rom heute nicht mehr übergangen werden kann, hat diese Meinung Gewicht. Es ist sicher unzweckmästig. nun dem ehrlichen Makler Henderson den üblichen Vorwurf zu machen, er habe beide Teile nicht vorher genau unterrichtet, oder über Curtius und Schober zu schmähen. Damit werden die

Gegensätze -wischen Paris und Rom nicht aus­geglichen. Sie sind viel ttefer, als dast sie mit einem Flottenpakt oder einer Zollunion verkittet werden könnten. Ein europäischer Friede ist einfach unmöglich, solange Frankreich nicht einsehen toilL dast es nicht allein aus der Welt ist und nicht allein in Gens zu be­stimmen hat.

ianhflemeinöetaoung in Alsfeld.

H Alsfeld, 13. April. Zu der dritten Hauptversammlung des Provinzial­verbandes Oberhessen des Hessi­schen Landgemeindetages unter dem Vorsitz von Bürgermeister Dr. V ö lsi ng (Als­feld) über deren Hauptpunkt wir gestern schon berichteten. D. Red. waren als Gäste Provin­zialdirektor Graes, die Kreisdirektoren von Oberhessen, oder ihre Vertreter, die Leiter des Arbeitsamtes Gießen. Direktor Seipp von der hessischen Landeskommunalbank-Girozentrale, so­wie ein Vertreter des Aeberlandwerkes Ober­hessen erschienen.

Nach einleitenden DsgrüstungSworten des Vor­sitzenden, für die Provinzialdirektor Graef namens der Gäste dankte, wurde

der Tätigkeitsbericht über die Jahre 1929'30 durch Bürgermeister Dr. Völsing erstattet. Dem Bericht war zu entnehmen, dah sich die Arbeit des Verbandsvorstandes auf eine Reihe speziell für die oberhessischen Gemeinden wichtiger Gebiete erstreckt hat. In erster Linie wurde die Strom­versorgung der obe r h e ss i schen Ge­meinden genannt, mit welcher man sich in mehreren Dorstandssihungen eingehend befaßte. Die zur Erörterung stehenden Fragen wurden im Einvernehmen mit der Provinzialdirektion Ober- Hessen in den meisten Fällen zu einer befriedigen­den Lösung gebracht. Die Arbeitslosen­versicherung und .die Wohlfahrts­erwerbslosenfürsorge boten ebenfalls Anlaß zu eingehenden Erörterungen für den Vorstand. Die Beiträge der Gemeindebeamten und Bediensteten zur Arbeitslosenversicherung, die Gewährung von Vorschüssen an Arbeitslose, die Festsetzung der Vergütung an die Gemeinden für die seitherige Mitwirkung in der Arbeits­losenversicherung. die rechtliche Stellung der Wohlfahrtserwerbslosen zu den Arbeitsämtern, wurden im Wege von Verhandlungen mit dem Arbeitsamt Gießen erörtert. Der Vorsitzende hob dabei das verständnisvolle Entgegenkommen des Arbeitsamtes hervor. Auch die Unterhal­tung der Straßen und Ortsdurch­fahrten auf Grund des Gesetzes vom 15. Juli 1926 mit den für die Gemeinden daraus sich er­gebenden Angercchtigkeiten waren Gegenstand

wiederholter Beratung des Vorstandes, der ein­stimmig der Auffassung ist. daß die Entwickelung auf dem Geriete deS LlraßenwefenS eine Re­form de S G e se tz c S dri gc. b i o v.c ii ig macht, dahingehend, daß die Gemei.ck^n. was die Unter­haltung der Ortsdurchfahrten anbetrifft, unbe­dingt entlastet werden müssen. In einer entspre­chenden Entschließung war dieser Standpunkt seinerzeit den mafigebepben Stellen mitgeteilt worden. Ferner wurden z ahlreiche andere Fragen, wie Sürgcrfteuer. Diersteuer. daS Verfahren bei Baugenehmigungen, die beabsich­tigte Aenderung des polizeilichen Meldewesens, Neuregelung der Prärnienrnärkte. die Beiträge der Gemeinden zu den BeförsterungSkosten. Haft­pflichtversicherung gegen Autounfälle (Einfüh­rung einer Zwangsversicherung) u. a m. behandelt.

Daraus folgte der Vortrag von Landrat a. D. Dr. G e re ke (Berlin), des Präsidenten deS Deutschen Landgemeindetages, über

Die Jinanjnot der Gemeinden."

In Ergänzung unseres gestrigen Berichtes über diesen Vortrag sei noch hervorgehoben, daß von besonderem Interesse auch die Ausführungen deS Redners über die kürzlich im Hessischen Mini­sterium deS Innern stattgefundene Kreis- direktorenkonferenz Ivanen, in welcher die Schaffung eines interkommunalen Lastenausgleichs zur Entlastung der durch WohlfahrtscrwerbSlose besonders stark belasteten Gemeinden unter Heranziehung der günstiger stehenden Gerne nVn und Kr i e besprech n w i^e. Der Redner bezeichnete es alS außerordent­lich bedenklich, einen solchen Last enauS gl eich nur nach der Zahl der WvhlfahrtSerwert>Slofen zu bemessen. Die dauernd wechselnde Zahl der Erwerbslosen dürfe nicht zu einem festen Faktor des Ausgleichsschlüssels gemacht werden. Der Reichsregierung müsse immer wieder vor Augen geführt werden, daß es

nicht damit getan sei, den Reichshauvhalt auszugleichen, sondern dah auch die Ge­meinden wieder zu gesunden Jinanper- haltnissen kommen, und daß ihnen untrag­bare Lasten unter Beteiligung des Reichs und der Länder abgenommen werden mühten.

Es sei Aufgabe der kommunalen Spitzenverbände, in diesem Sinne einen Druck auf die maßgebenden Stellen und die öffentliche Meinung auszuüben.

An dcn mit starkem Beifall aufgenommenen, fesselnden Dortrag schloß sich eine lebhafte Aus­sprache. in welcher von verschiedenen Rednern Kritik geübt wurde, insbesondere hinsichtlich der Ausführungen des Redners Über die Reform der Arbeitslosenversicherung, worauf Dr. Ge­reke in seinem Schlußwort eingehend antwortete. Auf Vorschlag des Vorfihenden wurde die nach­stehende

Entschließung

einstimmig angenommen:Die ständig wach- sende finanzielle Notlage der Landgemeinden er­fordert schnellste Hilfe seitens des Reiches und des Staates Die sprunghaft gestiegenen Lasten für die Wohlfahrt serwerbs- lvsen können von den Gemeinden nicht mehr iit der bisherigen Höhe getragen werden. Die Aus­gaben zur Linderung der Arbeitslosigkeit eine Folge des verlorenen Krieges und der Weltwirt­schaftskrise müssen in erster Linie auf die brei­teren Schultern des Reiches und der Länder gelegt werden. Die hessischen Landgemeinden erwarten innerhalb der nächsten Monate eine durch­greifende Hilfe, da sie sonst nicht mehr in der Lage sind, in wahrer Selbstverwaltung ihre wichtigen kommunalen Aufgaben zu erfüllen."

Am Schlüsse der Tagung wurden verschiedene Anfragen und Wünsche aus der Versammlung zur Besprechung gebracht. Der Vorsitzende schloß die sehr anregend verlaufene, eindrucksvolle Ta­gung mit dem Wunsche, daß die nächste Versamm­lung in zwei Jahren eine bessere Zeit vorfinden möge.

Gießener Gtavttheaier.

Gurt (6ötz-Gastsviel:

Dio tote Tante und andere Begebenheiten".

Nach demHokuspokus" und demLügner und der Nonne" ist nun Curt Götz, Dichter, Schauspieler und Regisseur in einer Person, zum drillen Male als gern gesehener Gast mit den Seinen bei uns erschienen.

Und wiederum herrschte eitel Fröhlichkeit im ganzen Hause: man sah die drei Einakter, welche, unter dem sonderbaren SammeltitelDie tote Tante und andere Begebenheiten" zusammen­gefaßt, zu den frühesten Kindern der Göhschen Muse zählen und seinen Ruhm bis in die finsterste Provinz getragen haben.

Gemeinsam ist diesenBegebenheiten", daß sie völlig und in einer sonst kaum vorkommenden Form aus der Erfindung einer schöpferischen Persönlichkeit hervorgegangen sind, neugestaltet und zusammengehalten werden: das beruht eben auf dem einigermaßen beispiellosen Umstande der dreifachen Ausstrahlung eines Geistes ... in drei verfchiedenen Produktionsformen, auf das gleiche Objekt bezogen.

Wichtig ist ferner ein raffiniert eingeschaltetes Spannungselement. das jedem dieser kurzen Stücke immanent ist und theatralisch wirksam wird, und zwar jedesmal auf ganz verschiedene Weise und ohne die mindeste Wiederholung, obwohl was stets ein guter Griff ist alle drei Stücke mehr oder minder Kriminalstücke sind.

Und schließlich hat jeder der drei Einakter eine Pointe, die auf der absoluten Unberechenbarkeit des Handlungsablaufes und in ihrer Wirkung auf dem grotesken Mißverhältnis zwischen dem vom Zuschauer erwarteten und dem auf der Dühne zwanglos.sich einstellenden Endeffekt ge­gründet ist.

Hiernach ist es nicht mehr sehr wesentlich, ob die Begebenheit, nach dem Willen des Autors, ärgerlich, kitschig oder erbaulich genannt werden darf.

..Der Mörder" zum Beispiel ist eine ärgerliche Begebenheit, die wahrhaft gruselig anfängt und auf die banalste und heiterste Weise endet.

Diese Iagdgeschichte mit Blitz und Donner, mit Hirschen und Enten, mit galanten Anekdoten

und ausgestandenen Aengsten, entpuppt sich als ein harmloses eheliches Abenteuer mit schöner Nutzanwendung, wobei der Zuschauer zwar auf­ahnet, aber nicht umhin kann, das happy end zugleich als ärgerlich mitzuempsinden und die alte Weisheit der Göhschen Dramenphilosophie bestätigt zu sehen: alles halb so schlimm.

(Pallenberg würde sagen: «da liegt des Pudels springender Kern im Pfeffer begraben.)

Das Märchen" schrieb Götz in der souveränen Laune des englischen Lords: ich kann so kitschig sein, wie es mir beliebt. Wenn aber diese Schloß- geschichte mit dem einsamen Dinner, mit dem nicht vollzogenen Selbstmord nach Mitternacht, mit dem Autozusammenstoh und dem Zigeuner- mädchen, welches durchs Fenster hereinsteigt, mit der gestohlenen Zigarettendofe und dem Pudding wenn also diese A färe wirklich den Untertitel nach der Laune des Autors verdient: so wurzelt der Witz des Ganzen nicht minder in der über­legenen und nonchalanten Geste, mit der die Kitschigkeit auf eine entwaffnende Weise ironi­siert wird.

Erbaulich" heißt die Begebenheit von der toten Tante, ihrer unwahrscheinlichen Millionen- hinterlassenschaft und der noch unmöglicheren Klausel in ihrem Testament. (Man kann es schlecht erzählen.)

Das Ganze ist. motivisch nicht ganz neu, eine in der Mitte zwischen Schwank und Groteske stehende Satire auf die Haustyrannei und falsche Biedermannsmoral des mit zwölf Kindern ge­segneten Oberlehrers, wie er Heutigentages aus- gestorben fein dürfte.

Zwar erscheint dieser Akt im einzelnen nicht ohne Witz, stellenweise sogar von knallender Komck und Drastik der Situation dennoch wirkt er am schwächsten unter den drei Stücken des Abends, weil das immerhin delikate Grund­motiv seiner Fabel nicht anetdotisch knapp poin­tiert, sondern umständlich und einigermaßen pein­lich breitgeschlagen wird ... womit am Ende selbst Götzens souveränem Humor ein wenig viel zugemutet ist.

Gespielt wurde vorzüglich: was nach den frühe­ren Proben kaum betont zu werden braucht: dennoch darf bemerkt werden, dah der Vor­stellung, besonders in den ersten beiden Stücken, nichts Schablonenhaftes und nichts von glatter Routine anhaftete (was bei den Ausführungs- Kiffern und dem Reiseprogramm des Ensembles

nicht überraschend wäre) ... wohltuend im Ge­genteil: die Frische, Natürlichkeit. Unmittelbar­keit. die stellenweise fast improvisatorische Geste, mit der diese kleinen, frechen, amüsanten Affären dargestellt wurden.

Heber allen. Urheber, Anreger, Führer und dreifacher Meister des theatralischen Kunstwerks: Curt Götz, elegant, witzig, trocken, liebenswür­dig noch in seinen ungeschminkten Offenheiten und Bosheiten. Die Plauderei am Abendbrottisch mit der Frau Gemahlin, das nächtliche Inter­mezzo mit dem kleinen Zigeunermädchen: bril­lant gespielt und würzig belebt von vielfältigem Humor.

Mit grotesker Kontrastwirkung zu dem Kava­lierston des Herrn von Welt im schwarzen Alenddreß: das rauhe, rnft Zitaten und Exer- zit en gespickte Gepolter des vom blonden Doll- bart umwehten Oberlehrers, der wie Jupiter in der Wolke über den Seinen thront.

Aus dem Ensemble zuvörderst: Valerie von Martens, des Dichters scharmante Gattin und ebenbürtige Partnerin: sie spielt die Ehefrau Isabella mit der ärgerlichen Deichte, das völlig naive Zigeunerkind Nadja, zuletzt die mißratene Tochter und erbauliche Universalerbin Inno» centia. Cs war ein Dergnügen. ihr zuzuschauen.

Don den ül-rigen: Max Kaufmann (Apo­theker: Herr Charly: Pastor R esfing) und Berta Monnard. in e ncr phant st sch ko > ischen Auf­machung. als Frau Marianne.

Leider war der Besuch diesmal auffallend schwach. Umso herzlicher der DeifalL hth.

Oie gelbe Vase.

23on Peter Bauer.

Sie hat die zierliche Schlankheit eines Leuchters. Aber die sanfte und edle Biegung ihrer Körper­linie erinnert mehr an die schmalhüftige Gestalt einer anmutigen Tänzerin. Der Grundton ihrer schimmernden Glasur ist von einem zarten Gelb, das an die Blütensterne der Narzissen erinnert oder an die leuchtenden Schmetterlingsschwingen eines Zitronensalters, der frühlingstrunken ins Blaue segelt. Heber das Gelb fliehen wie fest­liche Seidenschärpen schräge Streifen Grün von der lichten Helle der Aurikelblätter und mit ver­blassenden Konturen.

Die gelbe Dase stand lange zwischen andern Keramiken, kleinen Schalen, Krügen und Töpsen. bescheiden in einer Schausensterecke. Die Mitte der Ausstellung nahmen Gemälde in Oel und Aquarell ein, kleine Graphikblälter, kostbare Tev- piche und allerlei kunstgewerblicher Zierrat. Es war noch winterlich in den Straften, als ich mich in die kleine Dase verliebte, die sich fo mutig und gläubig zum Frühling bekannte. Ich sah sie täg­lich im Dorübergehen und mein Herz schwang bei ihrem Anblick wie eine von der Freude bewegte Glocke und nahm einen hellen Jubel mit in die grauen Geschäfte des Alltags. Manch­mal blieb ich länger vor dem Schaufenster stehen und oft nannte meine Phantasie die gelbe Dase: kleine Tänzerin. Mit geschlossenen Füßen und herabhängenden, eng an den Leib geschmiegten Armen schien sie ausruhend und doch voll Span­nung nur auf den Einsatz der Musik zu warten, um zu frohem wirbelnden Tanz die Glieder zu lösen. Man müßte ihr nur ein Blüten g^winde zuwerfen, dachte ich mitunter, dann würde sie es mit Hochschnellenden Händen auffangen und den Reigen des Frühlings beginnen...

Jetzt steht die gelbe Dase auf meinem Arbeits­tisch. Die Sonne umspielt ihre schimmernden Farben und schmeichelt ihre schlanke Form mit warmen Strahlen. Und ein Forsythiazweig, kraus verästelt und wimmelnd von lodernden vier­strahligen Goldblüten krönt sie wie eine flam­mende Kerze den Leuchter. Die ersten Strauch­blüten des Frühlings haben den Traum der Dase erfüllt. Sie darf ihren züngelnden Brand wie eine Fackel tragen, darf dem atmenden Leben der entfalteten Kelche Gefäß und erquickende Tränke fein. Sie ist überströmend glücklich und strahlt ihren stummen. Jubel durch mein Zimmer, daß auf allen Dingen die Freude glänzt.

Noch in der Stunde der Dämmerung, wenn der Himmel sein Licht gelöscht, leuchtet die kleine Dase mit ihrer Forsythiafackel sieghaft durch den dunkelnden Raum und behauptet sich, bis die ent­fachte Lampe aufs neue in überschwengkichern Glanze strahlen läßt.

Ich weiß, trotz aller fürsorglichen Pflege wer­den eines Morgens tote Blüten um die Dase liegen und der Zweig wird immer ärmlicher und zuletzt kahl fein wie das Gestänge eines ab­gebrannten Feuerwerks. Aber lasse dir darum deine Glückseligkeit nicht schmälern, fleine Dase, noch harren im ©arten viele Knospen der Ent­faltung. die dich krönen sollen: den schlanken Narzissen wird der Goldregen folgen oder ein Ginster dorn vom Waldesrand.