Nr. 62 Drittes Blatt
Giessener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, U. März Ml
Kommunalfinanzen -und steigende Zin sorge ast.
Die kommunalen Haushalte werden überall zur Quelle ernstester Sorgen aller Kommunalpolitiker. Das trifft sowohl auf die Haushalte für 1930 zu, wie auch aus die Doranschläge für das kommende Rechnungsjahr 193!. In den meisten Kommunen werden die Haushaltspläne für 1930 voraussichtlich mit einem mehr oder minder groben Defizit abschliehen, dessen Deckung viel, Kopfzerbrechen verursachen wird, und ebenso dürsten die Voranschläge sür 1931 bei einem Vergleich der Einnahmen und der Ausgaben Lücken aufweisen, deren Ausfüllung heute vielfach noch ein einziges großes Fragez^en ist. Die Ursache dieser te- bäuerlichen Entwicklung ist die überaus große Steigerung der Wohlfahrtslasten, die den Gemein- den durch die bisherige Entwicklung der sozial- und finanzpolitischen Verhältnisse aufgebürdet wurde. Cs kann natürlich keinem Zweifel un.erliegen, daß die Gesamtheit der schaffenden Arbeitskräfte denen hilfreich zur Seite stehen muh, die durch ein bedauerliches Schicksal aus dem produktiven Wirken ausgeschaltet wurden. Ebenso selbstverständlich ist, dah auch künftighin den unfreiwillig erwerbslosen und den arbeitsunfähigen Volksgenossen die Hilfe der Gesamtheit zuteil werden muh. Dringend reformbedürftig ist aber die Grundlage, auf der diese Leistungen auf*ebaut sind. Dom Standpunkt der Kommunalpcli.ik aus kann unter keinen Umständen länger stillschweigend angesehen werden, dah die finanzielle Seite des Fürsorgeproblems in der bisherigen Weise bestehen bleibt. Vach der Entwicklung in den letzten Monaten behauptet man nicht zu viel, wenn man sagt, dah das Reich mit Vachdruck auf die Sanierung seiner Finanzen bedacht ist, die Länder in der gleichen Weise um ihre Finanzen besorgt sind, beide gemeinsam aber nicht daran denken, dah die Finanzkraft der Kornrnu- nenunterderständigwachsendenLast der Fürsorgeverpflichtungen immer weiter einschrumpft und schliehlich die Gemeinden in jetzt schon ungefähr absehbarer Zeit am Ende ihres finanziellen Könnens stehen werden. Dah dieser Entwicklung rasch und in gründlicher Weise Einhalt geboten werden muh, ist selbstverständlich, nicht nur im Interesse der kommunalen Gemeinwesen, sondern auch zum Außen der Länder und des Reiches, für deren gesicherte Existenz eine intakte, und leistungsfähige Grundlage in der Form der Kommunen dringend notwendig, ja überhaupt die Voraussetzung ist.
i»incn gangbaren Weg für eine solche Reform hat der Deutsche Städtetag in den letzten Tagen der Reichsregierung kenntlich gemacht. In einer umfangreichen Eingabe, der ein entsprechender Gesetzentwurf beigefügt ist, hat er die Zusammenfassung der bisherigen Krisenfürsorge und der Wohlfahrtserwerbs.vsenfürsorge zu einer einheitlichen „Reichsarbeitslosenfür- sorge" empfohlen, die von den Dezirlsfürsorge- verbänden im wesentlichen nach den Grundzügen der öffentlichen Fürsorge durchgeführt werden soll. Die Kosten dieser Rcichsar^eilSlosenfürsorge will der Städtetag auf das Reich, die Länder und Gemeinden vcvteilt wissen, und zwar sollen das Reich 50 Prozent, die Länder 25 Prozent und die Gemeinden (Dezirksfürsorge- verbände) ebenfalls 25 Prozent tragen. Der Deutsche Städtetag erhofft von der Durchfüh- rung seines Planes nicht nur eine finanzielle Erleichterung für öie Gemein - den, sondern auch eine rationellere Gestaltung der Derwaltungsarbeit auf dem Gebiete der Fürsorge für die Ärifcnunter- stühungsempfängcr und die Wohlfahrtserwerbslosen, wodurch naturgemäß auch eine Ersparnis an Verwaltungskosten zum Ruhen der ohnehin überaus stark in Anspruch genommenen Steuerzahler cintreten würde. Der Städtetag vertritt in seiner Eingabe an die Reichsregierung den durchaus richtigen Standpunkt, dah es nur recht und billig ist, wenn das Reich und die Länder in dem vorgeschlagenen prvzen-
Gießener Konzertverein.
ttl.Lymphvnie-Äonzcrt: Mozart Gköcntfcicr
Die Musi^erfreudigkeit, mit der die gebotenen Werke aus Mozarts mittlerer Schassensperiode erfüllt sind, wird beim Publikum stets Hörsreu- digkeit wecken, da hier gebundener Inhalt und Formung zur Einheit verschmelzen. Diese Ausgeglichenheit der Werke wird beim Hörenden ein Gefühl des inneren Gehobenseins, ein Entrücktsein von der Alltäglichkeit auskornmen lassen: man wird nach solchem Konzert nicht nervös angestrengt, wohl aber von einem Inneren Frohge.ühl getragen fein.
Die beiden Solisten der Konzertanten Symphonie: Otto Drumm (Violine), Rud. Sprenger (Viola) sind schon durch jahrelanges Zusammenmusizieren im Orchester und imStreich- quartett aufeinander eingestellt. Das kam der Durchführung ihrer Soli ganz besonders zugute: es war ein Vachgehen, ein Eingehen aufeinander, eine klangliche Zwiesprache, eine vergeistigte Verinnerlichung des Spiels, die in die seelischen Hintergründe des Werkes hineinführte. Die beiden Instrumente wurden zu vermenschlichten Klang- charaltercn; hier ein Singen, Leuchten, Schweben im Ton; dort dunkle Pracht, warme Glut. Das Andante kündete seclenvolle Kantabilttät. Die Kadenzen liehen aufhorchen, wo die beiden Solisten ohne Podiumsgebärde sachlich hingegeben für sich selbst musizierten, sich selbst und damit das Werk erschlossen: Augenblicke voll Andacht, geweihter Spannung. 3m ersten Sah war die Orchesterbegleitung dem Erfassen des Werkes durch die Solisten nicht völlig gleichwertig: die beiden letzten Sätze trugen ein einheitliches Gepräge.
D,e Darstellung, die die Serenade in D- D-r durch Universitätsmusiidirektor Dr. Tein e s v a r y erfuhr, lieh besonders die Vähe der Ecksätze und des Andantino zur Symphonie hin ernennen. Die Gegensätzlichleit im Allegro con spirito, wo das Gesangsthema durch unerbitt« liche rhythmische Einwürfe immer wieder unterbrochen wird, grenzte ans Dramatische. 3n den beiden Sätzen des Concertante fand man Gelegenheit, den einzigartigen Hoch stand in bei Holzbläserbesetzung der Darmstädter zu bewundern. Flö.e und -O.oe wetteiferten miteinander an Weichheit, Modulationsfähigkeit. Fülle und Wärme des Tones und übcrJcten sich wechselseitig im lebensvollen Aufblühenlassen der Kau- iilenc und in der Feinheit der Durchgestaltung
tualen Ausmaß zu den Kosten der öffentlichen Fürsorgelast für die ausgesteuerten .Erweros- losen mit herangezogen werden. Dieser Standpunkt ist namentlich gegenüber den Ländern durchaus gerechtfertigt, da diese feit der Einführung des Ar^ei-tslosenverficherungsgesetzes an den Kosten der Erweroslosenfürsorge noch keinen Anteil hatten, eine Tatsache, die nach der zutreffenden Ansicht des Deutschen Städtetages nicht länger verantwortet werden kann. Weder von der Reichsregierung, noch von irgendeiner anderen Stelle, oder von einem Parlament wird bestritten werden können, daß der furchtbaren sozialen und wirtschaftlichen Rot der arbeitswilligen und arbeitskräftigen Vollsgenossen, die doch nur wegen Mangels an Arbeitsmöglichkeit hilfsbedürftige Fürsorgeempfänger find, in erster Linie vom Reich und den Ländern, nicht aber allein von den Gemeinden (Dezirlsfürsvrge- ver^änden) ent gegengewirkt werden muß; insbesondere dürste es, nachdem das Reich mehrfach Zuschüsse an die Arbeitslosenversicherung gewährt hat, jetzt dringend geboten sein, die Länder aus ihrer bisherigen Passivität gegenüber diesem Problem herauszuholen und nach dem Vorschläge des Städtetages mit in Anspruch zu nehmen, serner die Zahlungspflicht des Reiches auf dieser Grundlage neu zu gestalten.
3n welch' steigendem Mähe die Kommunalfinanzen bisher durch die Fürsorgelasten für die Wohlfahrtscrwerbslofen in Anspruch genommen wurden, kann man aus folgendem Veispiel ersehen: Am 1.3uli 1928 wurden in Gießen an Wohlfahrtserwerbslosen 69 Parteien mit einem monatlichen Geldaufwand von rund 4000 Mk. betreut, am 1. 3uli 1929 waren es 106 Parteien mit einer monatlichen Kostensumme von rund 6000 Mk., am 1. 3mi 1930 zählte man 297 Parteien mit einem Monatsaufwand von rund 18 000 Mark, am 1. 3anuar 1931 waren es 475 Parteien mit einem monatlichen Kostensatz von rund 32 000 Mark. Zur Zeit werden vom Wohlfahrtsamt etwa 500 Wohlfahrtserwerbslose mit rund 1000 > u'chlagsempsängern, außerdem 175 Parteien (Rich Wohlfahrt, crwerb^lo.e) mit 195 Zuschlags- emp,unfern betreut. Das Verhältnis der Wohlfahrtserwerbslosen zu ten übrigen Unterstützungsempfängern stellt sich ungefähr wie 3 zu 1. Legt
man bei einer Kostenberechnung für das ganze 3aßr den vorgenannten Monatsaufwand nach dem Stande vom 1. 3anuar 1931 als Veispiel zugrunde und berücksichtigt dabei die mittterwette eingetretene Steigerung der Zahl der Wohl- fahrtserwerbslofen, so wird man mit einem jährlichen Geldaufwand von etwa 420 000 Mk. wohl kaum zu hoch greifen. Als Dergleichsmaßstab zu dieser Summe fei angeführt, daß der städtische Zuschuß zu den gesamten Kosten des Wohlfahrtsamtes rechnungsmäßig im 3ahre 1928 sich auf 770 370 Mk., im Jahre 1929 auf 782 218 Mk. belief und für das Rechnungsjahr 1930 als Voranschlag auf rund 993 000 Mark beziffert ist. Diese Voranschlagösumme dürfte sich im rechnungsmäßigen Ergebnis unter Umständen aber noch erhöhen. Dabei muß man ferner bedenken, daß von dem Wohlsahrtsamt neben der Fürsorge für die Wohlsahrtserwerbs- losen auch noch eine ganze Menge anderer wichtiger Dozialgebiete mit entsprechendem Kostenaufwand behandelt werden müssen. Von 3nter- esse ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, daß Darmstadt, dessen Doranschsag für 1931 voraussichtlich mit einem Defizit von 1,7 Millionen Mark belastet sein wird, das Anschwel- len des Fehlbetrages mit der Steigerung des Wohlfahrtsetats erklärt und dabei betont, die Aus gaben für di e W o h l f a h r t s f ü r - sorge beanspruchten allein 70 Prozent der Steuereinnahmen der Stadt. Auch der Oberbürgermeister von Darmstadt hat angesichts dieser Sachlage es als dringend erforderlich bezeichnet, daß das Reich in der Frage einer anbertoeiten Verteilung der Kosten für die Wohlfahrtserwerbslosenfürsorge zur Einsicht kommen müsse, wenn die Städte nicht zusammenbrechen sollten.
So wie Gießen und Darmstadt geht es natürlich auch allen übrigen Städten und ferner zahlreichen Landgemeinden, so daß man sicherlich nicht zu viel behauptet, wenn man von einem außerordentlich dringlichen Notstand der kommunalen Gemeinwesen in dieser Frage spricht. Aus dieser Sachlage ergeben sich für jedermann, der sich für die Geschicke der Kommunen mitverantwortlich fühlt, die Schlußfolgerungen von selbst.
Ein Minister als Auswanderer.
Das Bevölkerungsproblem in Oesterreich. — Zeder Zrhnie arbeitslos.
Von unserem Dr. O ^Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Wien, März 1931.
An Boden 83 900 Quadrattilvmeter, davon 10 v. H. Oedland, 38 v. H. Wald, 28 v. H. Grcfsland und nur 22 v. H. Acker, darauf 6,5 Millionen Menschen, das ist Oesterreich. Die Landwirtschaft gibt dem Dauern ein Einkommen, das im Durchschnitt für den Arbeitstag kaum die Höhe des Lohnes erreicht, wie er für Taglöhner üblich ist, von dem Lohn des industriellen Hilfsarbeiters gar nicht zu reden: das sind die Lebensverhältnisse der Besitzer unter den zwei Millionen Oesterreichern, die in der Landwirtschaft tätig sind. Von den übrigen 4,5 Millionen sind über 300 000 arbeitslos. Also bald jeder Zehnte. Dabei läßt die Wirtschaftskrise in der Landwirtschaft sowohl wie in der Industrie eine rasche Besserung nicht erwarten. Es gibt unter den Wirtschaftsfachleuten Pessimisten genug, welche glauben, daß die Arbeitslosigkeit zu einer Dauerkrise werden wird. Kein Wunder also, wenn diejenigen, die die Vvt noch nicht zermürbt hat, da. ach streben, in bessere Verhältnisse zu kommen, einen Ausweg zu suchen, der, wenn auch fern vom Daterlande, ihnen eine günstigere Entwicklungsmöglichkeit bietet.
So tauchen denn immer und immer wieder Auswanderungspläne auf. Der tropfen
des Thematischen; der Holzkörper als Ganzes, eine wohlabgewogene Klangharmonie, rein, gesättigt, gerundet. Das Andantino stellte sich mit seiner Schwere des 3nhalts zu dem Doran- gegangenen stark in Gegensatz. Reizvoll war das Trio des zweiten Menuetts; leider nicht ungetrübt in der Trompete (quasi Posthorn).
Don den „Deutschen Tänzen" wir) mancher mehr erwavtet haben; sie wurden hier im Konzevtsaal genau so gespielt, wie sie etwa zum Tanze erllungen sind, naturfrisch, ungewollt. D: rch Modifizieren und Vachgeben im Zeitmaß und durch dynamische Nuancierung wären ihnen sicherlich mehr klangliche Reize a zugewinnen gewesen; sie sind doch letzten Endes auch Vorläufer der geistvollen Wiener Walzer!
Für fünf'tige Orchesterlonzerte in der Aula wird es zu erwägen sein, Bläser und Schlagzeug der Akustik des Raumes mehr anzugleichen.
Dr. H.
Erste Liebe.
Ton Kurt Heynicke.
Nun sah er das Haus wieder, in dem er geboten wat. 3n ihm hatte er seine Jugend verlebt und war glücklich gewesen. Dreißig 3ahre waren feit jener Zeit verflossen, doch nichts schien sich verändert zu haben.
Der Fremde hob schon den Fuß, um die Straße zu überqueren und hinüberzugehen, aber dann befand er sich. Er dachte: Voch ist die Erinnerung unberührt, wie eines Falters Flügel, und wenn ich in das Haus gehe, vernichte ich vielleicht das Dild, das ich in mir habe.
3n der Nähe war eine Steinbank, er setzte sich daraus und hatte die Stätte, die er nicht zu betraten wagte, vor sich.
Ein Kind trat aus der Tür. Die Vergangenheit, die schon so stark in den Gedanken des Mannes war, wurde nun übermächtig, denn eine Gestalt seiner ßjinnerung, die sich mit diesem Hause verknüpfte, glich entfernt dem Mädchen, das aus der Tür mit kindlicher Neugier herüber- starrte.
Irene Rolle ... Er hatte nie recht verstanden, wie der simple Name Rolle zu dem Vornamen 3rene kam, aber das mußte Wohl so sein, und er konnte sich nicht vorstellen, daß Irene etwa von Frieda oder Gertrud oder Ka-- ro.ine geheißen hätte. 3renc war die Tochter des Polizisten Rolle —, und Rolle stand auf dem
weise Fluß der Wanderung geht ohne Aufenthalt und führt schließlich doch einen beträchtlichen Menschenstrom hinweg. 60 000 sind es, die seit dem Bestehen der österreichischen Republik der Heimat auf Nimmerwiedersehen den Rücken gekehrt ha^en. Don Zeit zu Zeit ballen sich diese ©ecamen zu größeren Plänen, die sich manchmal mit explosionsartiger Wucht ausbreiten und dann die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen. Schon unmittelbar nach dem Zusammenbruch hat die Enge des neuen Vaterlandes ein solches Projekt entstehen lassen. Eine Anzahl ehemaliger österreichischer Offiziere und (Beamter hatten sich zu- sammengetan, um drüben über dem Ozean eine neue Heimstätte zu suchen. Unter Führung eines Kameraden, der vorausgegangen war, sollte das Unternehmen in planmäßiger Arbeit vonstatten gehen. Es handelte sich um eine Siedlung in Brasilien. Die Ungeduld der Daheim» gebliebenen wurde aber zu groß, überstürzt erfolgte die Vachwanderung, traf nur ungenügende Vorbereitungen, die neuen Aufgaben waren für viele zu hart — für alle ungewohnt; die Disziplin lockerte sich, die kargen MittÄ gingen vielfach auf den Bedarf des Lebens auf, ehe noch die neue Erwerbsmöglichkeit geschaffen war. Ein katastrophaler Zusammenbruch war das Ende.
Dieses unglückliche Beispiel hat die Auswande-
Schloßplatz mit der blauen Uniform und der blitzblanken Pickelhaube. Alle Kinder hatten vor ihm großen Respekt; er pflegte seinen langen blonden Schnurrbart mit finsterer Miene zu streichen und sah überhaupt sehr ernst drein.
Ein wenig von dieser Scheu, welche die Kinder vor dem Polizisten hatten, teilte sich auch seiner Tochter 3rene mit. Daran dachte der Fremde, und weil dieses Mädchen damals so tief in feinen Kna'enträumen war, erinnerte er sich jeder Einzelheit ...
Gleich, als er sie sah, hatte er den heftigen Wunsch gehabt, sie als Spielkameradin und als Freundin zu besitzen, aber 3rene war sehr stolz. Er sagte oft ihren Vamen vor sich hin, ehe er schlafen ging, und einmal weckte ihn die Mutter, well er des Vachts im Traum „Irene!" gerufen hatte.
So verging damals die Zeit, ohne daß er 3rene näherkam. Wahrscheinlich war ihr der Umgang mit Knaben zu wild; so beschloß er, sich von seinen Spielgenossen zurückzuziehrn, um 3rcne zu gefallen. Die Handlung hatte unerwartete Folgen. Heinrich, der älteste seiner Kameraden, schien zu ahnen, weshalb sich der andere abschloß, und deshalb kamen er und die Knaben überein, dem Abtrünnigen einen Streich zu spielen.
Es war Herbst. Das Obst hing wie schweres Geschmeide von den Bäumen. Ein böser, aber unausrottbarer Trieb wurde unter den Buben lebendig: sie zogen aus in die Gärten der Dorstadt, Obst zu stehlen. Heinrich baute darauf mit der Verschlagenheit eines Erwachsenen seinen Plan.
Die Spielkameraden sagten dem Knaben, als er von einem Oostraubzuge, den er allein ausgeführt hatte, zurückkam, daß der Schutzmann Rolle um den Obstdiebstahl wisse, und daß Rolle ihn fangen und einsperren wolle. Dem Änaben fehlte damals die Uebcr.egung, mit der er hätte durchschauen können, ob seine Kameraden logen oder nicht, und da er ein schlechtes Gewissen hatte, glaubte er, daß es wahr sei.
Don diesem Tage an war er sehr furchtsam und verbarg sich, wagte nur im Dunkeln und mit großer Vorsicht ins Haus zu gehen oder es zu vcr assen.
He . rich verhöhnte ihn, aber aus Angst wagte der Kna.e nicht, sich an ihm zu bergreifen, denn Rolle könnte hinzulvmmen, dachte er. Cin- ftxrren: das hätte ihn nicht so sehr geschreckt, aber an 3renc dachte er —, was würde 3rene beulen!
rungskust aber keineswegs getötet. In einem noch abenteuerlicheren Plan fand sie neuerdings in dem Marsch der Wardanieri ihren Ausbruch. Gedanken an die ehemalige österreichische Militärgrenze waren es. die diele Leute oeranlaßt hatten, «ich unter dem (Kamen eines verschollenen Stammes der »Warden" zu organisieren imb einem Führer zu unterstellen, der sich den halb- slawischen Titel „Wadosch" beilegte. 3 nAbessi- n i c n sollte ein neues Oesterreich entstehen. DaS war der Gedanke, den der Wadosch Peter Waller mit fanatischem Elser vertrat. Es nützte nichts, als amtliche Stellen darauf hinwiesen. daß die behaupteten Zugeständnisse für die Veu-Ansied- lung gar nicht nachweisbar feien; keine Warnung half, selbst die Verweigerung jeglicher ilnterftüt- zung konnte die Eifrigen nicht aufhalten, sich in einer Art von Völkerwanderung auf den Marsch zu begeben, um das ver eißenbe Land zu erreichen. Wett sind sie nid^ gelo.nmcn. Bis knapp an die österreichische Grenze, wo es mangels der notwendigsten Ausrüstung nicht mehr weiter ging.
Daneben und dazwischen liegt eine ganze Zahl wilder Siedlungen im Innern, von denen das berühmte D r e 11 c I b t> r f am Rande von Wien noch heute Zeugnis ablegt. Es war der gewaltsame Versuch einer Besiedlung der 2 ob au, der mit staatlicher Gewalt unterdrückt wurde. Vur eine Episode, aber eine sehr charakteristische! Es hat auch nicht an gründlichen lllntersuchungen der Wanderungsfrage gefehlt, eine eigens zu diesem Zwecke gegründete Koloni ationsgescllschaft hat eine bemerkenswerte Denkschrift darüber heraus- gegeben, doch auch um die ist cs nach einiger Zeit still geworden.
Gaitz plötzlich wird nun das Auswanderungsproblein wieder zur öffentlichen Erörterung gestellt. Es ist kein gewöhnlicher Mann, der das zustande gebracht hat. es ist der gegenwärtige österreichische Landwirtschaftsminister Peter Thaler selbst. Diesem Mann mit dem Feuerbart, der mehr dem Hauptmann einer Schützenkompanie als einem ‘Säuert gleichsieht, kann man wohl die Führereigenschaften zutrauen, um einen AuswanderungSplan glücklich durchhuführen. Es gehört auch ein gutes Stück Idealismus dazu, sich an die Spitze eines solchen Unternehmens zu stellen. Er hat wirklich recht, wenn er sagt, es wäre für ihn bequemer, sich jetzt breit in den Ministersessel zu brüden ober die ihm von seinem Heimatlande Tirol angetragene Stellung in der Landesregierung warm zu halten. Aber diesen Idealismus besitzt er eben, er besitzt jenes gesteigerte Verantwortungsgefühl, das ihn bei seiner ersten Ministerschaft crflären lieh, die österreichische Landwirtschaft liege ihm so am Herzen wie sein eigener Hof. Diesen Plan durchführen, heißt für ihn aber auch noch andere persönliche Opser bringen: er muß seinen 79jährigen Vater in der Heimat lassen, seine Geschwister, mit denen er immer in vollster Eintracht lebte, sein Gut in Tirol, das er sich selbst mit unsäglicher Mühe aufgebaut hat. Mit feiner Frau und feinen acht kleinen Kindern will der 48jährige von neuem den Kampf um eine ungewisse Zukunft nicht für sich, sondern für die anderen beginnen.
Es ist ein großer Plan, der ihm vorschwebt, anscheinend auf einer Studienreise nach Südamerika während seiner ersten Ministerschaft gereift und seither mit Zähigkeit verfolgt. Drüben über dem Ozean, wahrscheinlich in Paraguay, will er sich Siedlungsland aussuchen und bann in kleinen Etappen ausgesuchte Leute nachkommen lassen. Er hofft, schon während des Winters drüben einen festen Stützpunkt ausbauen und soviel Land toben zu können, baß bie ersten Pioniere im nächsten Jahre von eigener Ernte leben können. Vach eingebrachter erster Ernte soll bann der erste große Vachschub von etwa 1000 Köpfen nachkornrnen. Diese geschlossene Siedlung, die allmählich erweiterungsfähig wäre, soll den Menschenüberfluß des Mutterlandes aufnehmen. sie soll aber mit ihm auch in ständiger Handelsverbindung bleiben: 3n- dustrieprodukte beziehen und subttopische Rohprodukte liefern. Sv soll in steter Zusammenarbeit der Versuch gemacht werden, dem Mutter-
CineS Vachmittags ging er dicht an Irene vorbei — sie sah ihn an, anders als sonst, schien es ihm — aufmerlfam, prüfend, und der Knabe erschrak; sie weiß alles, dachte er.
Am gleichen Abend, als er sich in den engen Flur preßte, um in der Dunkelheit bie Wohnung zu erreichen, hielt ihn eine Hand fest. 3m ersten Schreck wollte er sich losreißen, bann erkannte er, baß es eine kleine Hand war — 3rencS Hand und er zitterte.
3renc war ein wenig verlegen. Sie sprudelte heraus, baß sie wisse, was die anderen Knaben ihm gesagt hätten, aber er solle es nicht glauben: alles fei Lüge, niemand fei hinter ihm her, und ihr Vater, der Schuhmann Rolle, ganz gewiß nicht. Heinrich, meinte sie altklug, ärgere sich gewiß, baß der Knabe nicht mehr mit ihnen halte und nicht mit ihnen spiele.
„3a, ja", sagte er — und heute in der Erinnerung kam dem Mann das wehselige Gefühl wieder, das den Knaben damals überkommen hatte.
Sie standen sich gegenüber im Flur, der aus dem Boden und dem Holz der Türen und deS Geländers einen leichten Schnapsgeruch empfing, denn es war die Viederlage einer Dramttwein- bvennerei im Hause.
Er stand und fühlte doch eigentlich nicht den Boden unter sich; bie Schwere seines Körpers schien aufgehoben. Er spürte ben Atem des Mädchens dichä vor seinem Gesicht. 3renes Augen waren in der schattigen Dämmerung des Flurs seltsam groß, älnnennaares tank in die Seele des Kna en —, und erst viel später wußte er, baß jener Augenblick der erste Gruß gewesen war aus dem Lande der Liebe ...
Dreißig 3ahre traten nun dahin, und manche Stunde hatte gepflügt üoer ben Acker feines Her ens, aber die Süßigkeit jenes reinen Augenblicks war immer in feiner Erinnerung geblieben, und jetzt, in dieser Stunde, fühlte er Irenes Antlitz vor sich, und er glaubte, ihren Duft zu spüren.
Das Haus stand im Abendrot, fein Giebel war ganz in Farbe getaucht, und die Farben glänzten wie flüssiges Gold. Der Fremde dachte an Irene die er nun im Qllter nicht mehr hätte sehen wollen, die nichts war als das Sebild einer Grinr.e.ung, zart wie ein Kinderlieb und unberührt w e eine Knospe, die aus der schützenden Hülle ringt, wenn die Sonne sie küßt, mitten im Frühling...


