Nr. 38 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, H. Zebruar 1931
1 — _
Gießen und feine Llniversiiät.
3m Finanzausschuh des Hessischen Landtages wurde — wie wir im „Gießener Anzeiger" Ar. 35 vom 11. Februar berichteten — bei der Beratung des Etats der Landesuniversität Gießen von einem Vertreter des Zentrums die Forderung erhoben, die Stadt Gießen müsse sür die lausenden Bedürfnisse der Universität mehr als bisher beisteuern, da die Stadt z. B. durch die Uni« versitätsklinilen ein eigenes Krankenhaus er« svare. Diesem Redner gegenüber wies ein anderer Abgeordneter des Zentrums darauf hin, dah Giehen sehr viel für die Universität getan habe, und zwar durch Gebäude-ErsteUung. Grund- stückshergabe usw. Don einem Mitglied der Fraktion der Deutschen Dolkspartei wurde dieser Verteidigung unserer Stadt zugestimmt.
Bereits Ansang April v. 3 war in einer Sitzung des Finanzausschusses des Landtages, die damals in Giehen stattfand, von einem Land- lagsabgeordneten behauptet worden, die Stadt Giehen mache für Zwecke der Landesuniversität jährlich nur etwa 5000 Mk. Aufwendungen Damals hat die Stadtverwaltung die Unrichtigkeit dieser Behauptung an Hand eines umfangreichen Zahlenmaterials einwandfrei nachgewiesen. Trotz dieser Aufklärungsarbeit ist das Wissen um den wahren Sachverhalt leider noch nicht so weit in den Kreisen des Landtages vorgedrungen. dah unsere Stadt nach der vorjährigen Erklärung nun vor der erneuten Verkennung ihrer wirklichen Leistungen für die Universität geschützt gewesen wäre. Um den falschen Urteilsbildungen über die finanzielle Unterstützung der Universität durch die Stadt Giehen den Boden zu entziehen, haben wir uns an die Stadtverwaltung mit der Anfrage gewandt, in welchem Ausmah unser Gemeinwesen bisher der Universität hilfreich zur Seite gestanden habe. Auf unsere Erkundigung erhielten wir von der Stadtverwaltung umsangreiches Zahlenmaterial, aus dem hier zur Aufklärung der Oeffentlichkeit folgendes hervorgehoben sei.
Insgesamt sind von der Stadt Giehen in den Jahre» 1924 bis 1929 für Unioersilötszwecke 679 656,41 R2TL, im Durchschnitt jährlich also 135,931 K2H. ousgewendet worden.
Betrachtet man ö:e Einzelheiten dieser Beihilfen, so ergibt sich nachstehendes Bild:
Vor Beginn der Inflationszeit wurde die Universität von der Stadt Giehen mit Leistungen im Gesamtbeträge von 4 4 6 346,04 Mark unterstützt. Tie wichtigsten Posten dieser Summe betrafen die kostenfreie Abgabe des Baugeländes für den Reubau der Medizinischen und Frauenklinik, sowie der Psychiatrischen Klinik im Gesamtwerte von 110 366,04 Mark, einen Beitrag zur Errichtung der Veterinärkliniken und sonstiger 3nstitute in Höhe von 200 000 Mark, einen Zuschuh zu den Baukosten einer Klinik für Ohren-, Hals- und Rasenkrank- heiten und einer Klinik für Haut- und Geschlechts- lrankheiten in Höhe von 100 000 Mk. Die Rest- suinme verteilt sich auf Beiträge und Stipendien.
Rach Stabilisierung der Mark gewährte die Stadt der Universität an baren Zuschüssen von 1925 bis 1929 insgesamt 340 750,85 Mark. Die wichtigsten Posten dieser Summe sind folgendem 20 000 Mark volle Aufwertung des im 3ahre 1907 Errichteten Stipendiums aus Anlah der 300-3ahrfeier der Universität: 100 000 Mark Zuschuh zum Ausbau des Landwirtschaftlichen 3nstituts, insbesondere zur Errichtung eines Tierzuchtinstituts: 133 000 Mark Zuschuh für das Forstinstitut: 50 000 Mark Zuschuh zu dem Erweiterungsbau der Universitäts-Kinderklinik: 16 000 Marl Zuschuh zum Er-
werb des Sporthauses auf den, Universitäts- Sportplatz: 10 000 Mark Zufchuh zu den Kosten der inneren Einrichtung des neuen Physiologischen 3nstituts. Zahlreiche weitere Zuschüsse zwischen 800 Mark bis 2500 Mark verteilen lich auf die verschiedensten Zwecke der Universität. — Die schenkungsweise Abgabe von Gelände usw. beziffert sich auf einen Geldwert von insgesamt 304 996,31 Mark, der in dieser Form von 1925 bis 1929 der Universität zugute gekommen ist. Es handelt sich hierbei um Geländeabgabe für das in Verbindung mit der Universitätsklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten stehende, dem Heilstättenverein für Hessen gehörige Lupushcim. für die in Verbindung mit der Universitätsklinik für Ohren-, Hals- und Rasenlrankheiten errichtete Heilstätte für Tuberkulose der oberen Luftwege, für die Errichtung eines Krüppelheims im An» schluh an die Chirurgische Universitätsklinik, für Bauten der Studentcnhilse, für den Erweiterungsbau des Lupusheims, um einen 50prozen- tigen Rachlah von Strahenbaukosten und um Gelände zur Errichtung einer Medizinischen Universitäts-Poliklinik. Universitäts-Zahnklinik und Apotheke für die Universitätsklinik. An ba- ren.Zuschüssei, leitens der AG. Etadtgut Hardthöfe flössen von 1925 bis 1929 den Universitätszwecken insgesamt 33 909,25Marl zu, die für Instandsetzungen. Unterhaltung und Reueinrichtungen auf den im Betriebe des Landwirtschaftlichen 3nstitnts befindlichen Hardthöfen verwandt wurden.
Vom Stadtrat genehmigte Leistun- gen, die noch nicht vollzogen sind, belaufen sich auf eine Gesamtsumme von 1 7 7000 Mark. Davon entfallen im einzelnen
100 000 Mark als Barzuschuh auf die geplante Errichtung eines Pädagogischen Instituts in Verbindung mit der Universität, 33 000 Mark kommen auf die schenkungswe se Abgabe d:s für die Errichtung eines Pädagogischen Instituts benötigten Baugeländes. 17 000 Mark auf den Erlaß der von dem Pädagogischen Institut demnächst zu zahlenden Strahenbaukosten. Ein Betrag von 30 000 Mark ist aus städtischen Mitteln für die Entwursbearbeitung und Bauleitung für das in Verbindung mit der Chirurgischen Universitätsklinik zu errichtende Krüppelheim vorgesehen.
Rechnet man die Leistungen der Stadt zu Gunsten der Universität in den vorstehenden drei Gruppen, also einschliehlich der Jahre vor der Inflationszeit, zusammen, so ergibt sich eine Gesamtleistung der Stadt Giehen im Betrage von 1 303 002.45 Mark. Läht man die Aufwendungen vor der Inflationszeit im Gesamtbeträge von 446 346,04 Mark auher Betracht, so verbleibt, wie oben schon erwähnt, für die Zeit der Rechnungsjahre 1925 bis einschliehlich 1929 immer noch eine städtische Aufwendung von 679 656,41 Mark, oder im jährlichen Durchschnitt von 135 931 Mark.
Zu diesen Aufwendungen kommen weiter die laufenden Beträge nach dem Voranschlag für daS Rechnungsjahr 1930 hinzu, die sich auf etwa 10 000 Mark belaufen. Ferner darf man — auch wenn es sich dabei nicht um Leistungen der Stadtgemeinde als solche handelt nicht übersehen, dah aus der Bürgerschaft in Form von Stiftungen, 'Beiträgen usw (Hochschulgesellschaft) alljährlich namhafte 'Beträge der Universität zufliehen, wodurch unsere Mitbürger in erfreulicher Weise ihre enge Verbundenheit mit der Ludo- viciana zum Ausdruck bringen.
Leistungen von Städte« an die Nnivcriität bezw. Hochschule (ZufammengcsteUt von dem Oberbürgermeister der Stadt Bonn nach dem Ergebnis der Rundfrage vom 9. Dezember 1929.)
Gesamt Jahresleistung Durchschnittliche
Stadt
Einwohnerzahl
in 1925
in 1926
in 1927
in 1928
in 1929
Jahresleistung
Aachen Bonn
155 816
14 600
17 100
27 100
27 100
27 100—
22 600
91 505
69 652
76 691
76 450
84 294
50 055,—
71 428
Erlangen
30 732
9.000
24 000
26 000
54 000
19 000 —
26 400
Göttingen
42 549
2 800
5 020
5 920
6 l?i
8 636,—
5 709
Heidelberg
80 000
174 509
99 349
97 085
289 771
59 969,50
144 137
Marburg
23 540
4 150
4 150
191 650
22 150
4 150,—
45 250
Würzburg
91000
2 000
2 000
2 000
2 000
62 000,—
14 000
Gießen
34 088
166 560
295 386
66 225
70 510
80 973,— t
135 931
Tie vorstehende Tabelle gibt eine vergleichende Uebersicht über die Leistungen von acht Städten für die in ihren Mauern ansässigen Hochschulen. Aus dieser Gegenüberstellung geht klar hervor, dah unsere Stadt Giehen mit ihrer jährlichen Durchschnittsleistung von 135 931 Mark für die Landesuniverlität nur noch von Heidelberg übertroffen wird, wobei man aber die Einwohnerzahlen der beiden Städte mit in Betracht ziehen muh. Giehen, das bei dieser finanziellen Beisteuer für Hochschulzwecke an zweiter Stelle der angeführten acht Städte steht und unter den angeführten Gemeinwesen hinsichtlich der Einwohnerzahl die drittletzte Position einnimmt, kann sich mit seiner Leistung für die Hessische Landesuniversität durchaus sehen lassen. Es verdient demnach nicht im geringsten den an- klagenden Vorwurf, den man nach dem obenerwähnten Bericht über die Finanzausschuhver- handlungen des Landtages aus den Aeuherungen des Zentrumsabgeordneten entnehmen kann. Hoffentlich werden nach dieser öffentlichen Klarstellung des wirklichen Sachverhalts künftig keine Worte mehr zu hören sein, die man bisher in der Universitätsstadt Giehen als ungerecht empfand und bedauern muhte.
Konflikt im Bridingei- Gemeinderat.
< Büdingen, 13. Febr In der Ge - rneinderatssihung vom Mittwoch verlas der Vorsitzende vor Eintritt in die Tagesordnung eine von den sozialdemokratischen Gern e i n d e r a t s m i t g l i»e d e r n an den Vorsitzenden gerichtete Eingabe, in der zum Ausdruck gebracht wird, dah die Vertreter der Sozialdemokratie ihre Mitarbeit in diesem Gemeinderat so lange ablehnen und in den Sitzungen nicht mehr erscheinen werden, als ihren berechtigten Wünschen nicht Rechnung getragen werde. Die sozialdemokratischen Eemeinde- ratsmitglieder führen zur Begründung ihres Entschlusses an, dah bei der Gemeinderatswahl am 17. Rovember 1929 die Liste der SPD. 600 Stimmen, also 40 Prozent der überhaupt abgegebenen Stimmen, erhalten habe. Bei der Bildung der Kommissionen und Deputationen sei die SPD. jedoch von der bürgerlichen Mehrheit ausgeschlossen worden, so dah es den sozialdemokratischen Gemeinderatsmitgliedern unmöglich fei, praktische Mitarbeit im Interesse dec Allgemeinheit zu leisten. Wiederholt gestellte Anträge, die Kommissionen umzubilden, seien von der bürgerlichen Mehrheit abgelehnt worden. Ferner seien die sozialdemokratischen Gemeinderatsmitglieder nicht
3u Heines 75. Todestag.
Jugendbildnis Heinrich Heines, dessen Todestag sich am 17. Februar zum 75. Male jährt.
gewillt, sich den fortgesetzten unsachlichen An- grisfen des Gemeinderats K. für die Dauer ans- zusehen.
Am 23. Dezember 1930 hat der Gemeinderat di« Anstellung eines Berufsbürgermeisters für die Stadt Büdingen beschlossen. Dee Bürgermeister hat die Ausführung dieses Beschlusses ausgesetzt, da er ihn für ungesetzlich hält! und darauf hinweist, dah bei der heutigen Zeit! jede Gemeinde sparen müsse, wo es nur möglich fei. die Anstellung eines Berufsbürgermeisters aber viel Geld koste. Die Frage, ob der Gemeinderat aut feinem frühe re n Beschluss« beharre, wurde bejaht.
Gemeinderatsmitglied Geyer erklärte zu den, in der Stadt verbreiteten Gerücht, er (Geber» habe als Kassierer bei dem Städtischen Gaswerk! Gelder veruntreut, dah ihm eine Veruntreuung von Geldern nicht bekannt fei. Sollt« sich jedoch ein Fehlbetrag ergeben, der durch feilt Verschulden entstanden sei. so erkläre er sich schm, jetzt bereit, den Betrag zu ersehen. Gemeinderatsmitglied Geyer ersuchte die Gaswerksdeputation. sich noch einmal mit der Angelegenheit: zu befaffen. evtl, die Sache an die Staatsanwaltschaft zu geben. Bis zur völligen Klärung der Angelegenheit wünsche er von der 'Teilnahme an den Sitzungen des Gemeinderats entbunden zu fein.
Die Beratung eines R a ch t r a g s v o r a n - schlags für 1 930 wurde mit Rücksicht auf t io zur Zeit bei der Stadtlafse stattfindende Revision von der Tagesordnung abgeseht und deo Finanzkommission überwiesen.
3m übrigen beschäftigte sich der Gemeinderat: mit einer langen Reihe kleinerer Angelegenheiten.
Taten für Sonntag, 15. Zcbrnar
Sonnenaufgang 7.16 Uhr. Sonnenuntergang: 17.14 Uhr. - Mondaufgang' 7.02 Uhr. Mond- untergang: 14.41 ilfjr.
1564: der Physiker Galilei in Pisa geboren. — 1781: der Dichter G. E. Lessing in Braunschweig gestorben. - 1928 der englische Staatsmann
H. H. Asguith in London gestorben.
Taten für Montag. 16 Februar
1497: Philipp Melanchthon in Bretten geboren. — 1620: Friedrich Wilhelm, der Grohe Kurfürst, in Kölln a. d. Spree geboren. — 1826: der Dichter Viktor Scheffel in Karlsruhe geboren.
Der JHann der das Lachen verlernt hat.
Zfioman von Gert Nothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger. Halle (Saale)
7. Fortsetzung Nachdruck verboten
„3a, ja. Cs war schwer genug. Sage mir aber jetzt schnell, was du willst."
..Dich!"
Maria wich zurück, die Hände abwehrend ausgestreckt.
„Rein, nein", ächzte sie, „das nicht! Nein, nein, das nicht!"
„Warum nicht? Weil dir der Kentner im Kopse spukt? 3d) könnte mich ja diebisch freuen, denn ich hasse ihn. Es ist eine sühe Freude für einen Mann, sich an einem andern, noch dazu dem Todfeind, auf diese Weise zu rächen. Aber ich gönne dich ihm nicht, Maria. Er soll deine heißen Küsse nicht trinfen! Sei wieder mein, Maria!"
„3ch — bitte dich — sage nicht mehr solche Worte zu mir. 3ch bin längst fertig mit dir, war es, als ich wußte, dah du mich betrogst. Diese unselige Spielleidenschaft hätte ich dir vielleicht verziehen — den Betrug nicht."
„Gut so", nickte er höhnisch. „Und was willst du mit Kentner tun? 3ch meine, es schaut auch arg nach Betrug aus. Glaube doch nicht, daß er dir das Verhältnis mit mir nachsehen würde. Kentner, dessen unbändiger Stolz in solchen Dingen sprichwörtlich ist."
„Renne den Preis! 3ch zahle ihn. 3eben Preis zahle ich, wenn du schweigst und endlich aus meinem Geben gehst!"
„Wie das? 3ch kann doch nicht verschwinden? Preis? 3ch will kein Geld mehr von dir, ich will dich!"
„Rein! Riemais!"
„Weil du den Kentner liebst? Rimm dich in acht, Maria!"
„Es bedarf deiner Drohungen nicht. Du bist ein Teufel, das weih ich ja."
„Bin ich das? Möglich! Dem Kentner gegenüber möcht ich s fein, damit ich ihn vernichten könnte, denn ich hasse ihn, wie ich noch niemals einen Menschen gehaßt habe."
„3a, weil er anders ist wie du, ganz anders.
3d) liebe Karl Kentner!"
„3a? Wie nett, dah du mir dus so ruhig einzugestehen wagst."
„3a! ilnD ich bitte dich, nimm mein ganzes Erbteil, das Tante Sophie mir hinterlieh. Rimm es, spiele, mache Damitz was da willst! Aber gehe fort, damit id; dir mcht mehr begegnen muh."
„Ich bleibe! ilnb du wirst mir wieder gehören!"
„Ich — kann es nicht."
„Hast du vergessen, Maria..."
Maria stöhnte auf.
„Vergiß doch du endlich und lasse mich meinen Weg gehen."
„Mit Kentner? Ich denke nicht daran. Und ich sagte dir doch schon, dah er dir niemals verzeiht."
Maria, die schöne, stolze Maria, sank Dor Bo- nenbirdmer nieder.
„Er wird es nie erfahren, wenn du schweigst, und dein Schweigen bezahle ich dir mit Tante Sovhies Vermögen. Es sind sechshunderttausend Kronen. Du kannst damit fortgehen, ins Ausland. Du wolltest es doch früher so gern."
„Alle Wetter! So viel ist's? Run, das läht sich hören. Aber, mein Kind, ehe ich auf deinen Vorschlag eingehe, mußt du aus den meinen eingehen. Ich will dich noch einmal besitzen. Roch ein einziges Mal. Dann soll der Kentner dich haben."
„Richt nötig, du Lump!"
Hoch aufgerichtet stand Kentner im Zimmer.
Maria wurde schneeweiß, griff mit den Händen nach rückwärts, taumelte gegen die Ecke des Zier- schrankes.
Doncnbirchner brüllte:
„Was soll das!? Ich treffe mich mit meiner Braut, soviel ich will, Graf Kentner!"
„Ich hindere Sie doch nicht!? Ich habe Ihnen nur gesagt, dah ich Darauf verzichte, Ihr Rachfolger in Fräulein von Worthys Gunst zu sein. Es gibt genug Weiber, die man küssen kann "
Maria schrie auf, als hätte er sie geschlagen.
„Das ist Deine Liebe?"
Ein hartes Lachen.
„Sie irren, Gnädigste! Ich habe nur ein reines, junges Mädchen geliebt. Die Geliebte eines Grafen Bonenbirchner liebe ich nicht, auch wenn er sie mir großmütig überlassen würde."
„Karl!"
„Ich bin Gras Kentner! Wollen Sie sich das bitte merken, gnädiges Fräulein."
„Ich überlasse Ihnen das Feld, Kentner! Wirklich! Ich bin doch mit Maria längst handelseinig.
Kentner blickte mit wildem Blick um sich, sah die Reitpeitsche, die Bonenbirchner, gegen jede Regel, mit in das fremde Zimmer gebracht. Er ergriff diese Peitsche und lieh sie auf den Grafen Bonenbirchner niedersausen. Er wußte nicht mehr, was er tat, wuhte nur, dah er sich irgendwie Luft verschaffen muhte aus Dem Ekel und der Verachtung, die ihn fast erstickten.
„Graf Kentner! Sind Sie wahnsinntg!? DaS ist Hausfriedensbruch! Wie kommen Sie dazu, sich derart in meinem Hause zu betragen?"
Fürst Leobstein stand zornbcbend, empört auf der Schwelle.,
Kentner blickte, wie aus einem Traum erwachend, um sich.
Lächelte!
Maria von Worthy schrie laut auf, als sie dieses tote Lächeln sah.
Auch Der Fürst zuckte zusammen, während Bonenbirchner am Boden lag.
Wie eine schöne Statue stand Die Fürstin plötzlich im Zimmer.
„Du sollst alles wissen. Ich liebe Graf Kentner. Er kam, um mich zu besuchen. Gerade um diese Zeit traf sich Maria mit Graf Bonenbirchner, ihrem Verlobten, in unserem Haufe. Was war dabei? Ich weih um diese heimliche Verlobung längst. Run kam Gras Kentner und hielt Maria für mich, sah sich betrogen, und da kam alles so. wie du es hier gesehen hast."
Ein Wutschrei!
„Kentner! Das zahle ich Ihnen heim. Ich hotte Sie längst in Verdacht — längst. Ich gehöre nicht zu den schwachsinnigen Dummköpfen, die nichts merken. Oh! Ich war euch längst auf der Spur!"
Kentner lieh die Reitveitsche fallen. Seine großen Augen ruhten auf der Fürstin. Langsam kehrte ihm die klare Besinnung zurück. Warum> Offerte sich die Fürstin? Wollte sie jetzt mit ihrer eigenen Person, ihrem eig nen Rus Maria schonen? Oder war es, weil sie ihn doch liebte und nun glaubte, durch diesen Gewaltstreich zum Ziele zu gelangen?
Da irrte sie sich. Für ihn gab es kein Zurück mehr. Jetzt war alles gleich, alles.
„Ich bin stets zu Hause anzutreffen, Durchlaucht."
„Ah. Eie meinen, ich schicke Ihnen meine Sekundanten? Eie irren, ich bin Duellgegner Ich finde eine gerichtliche Entscheidung als einzig richtig. Graf Bonenbirchner i't mein Zeuge, daß Eie sich eines gemeinen Hausfriedensbruchs schuldig gemacht haben."
Und Graf Kentner lächelte wieder dieses tote, verlorene Lächeln. Er verbeugte sich mechanisch und ging zur Tür. Dort wandte er sich noch einmal um. Zum ersten Male ruhte sein Blick auf Maria. Seine Zähne knirschten hörbar aufeinander.
„Ich gratuliere zur Verlobung Wie ungeschickt von mir, daß ich die Situation nicht längst begriff. Ich bitte noch nachträglich um Verzeihung."
Riemand wußte, welche Kraft der Selbstbeherrschung nötig war. um diese ruhigen, fast hohnvollen Worte sprechen zu können.
Maria!
Die er geliebt hatte!
Zerschmettert lag olles am Boden Der Glaube an fein Heiligtum war zertrümmert.
.Frauen!
Jetzt gab es diesen Begriff nicht mehr für ihn! Ausgelöscht sollten sie sein für immerdar auf seinem Lebenswege!
Das harte, entstellende Lächeln auf Gras Kent- ners Gesicht bewies, daß er seinen Vorsatz halten würde.
Roch eine Verbeugung, und Dann hatte Graf Kentner das Zimmer verlassen.
Draußen kam ihm Diese ganze, traurige Komödie erst zum vollen Bewußtsein
Warum hatte er die Sachlage dem Fürsten gegenüber nicht aufgeklärt? Worum hotte er zu der Eelbstbezichtigung der Fürstin geschwie- gen? Warum schonte er noch immer Maria?
Ah!
Wenn er sich doch noch einmal Luft schaffen könnte!
Bonenbirchner!
Er also doch!
Maria!
Seine Heilige hatte er fic bei sich genannt! Warum lachte er Denn jetzt nicht laut heraus über den Scherz, Den man fick mit ihm erlaubte?
Scherz?
Maria hotte aber doch Bonenbirchner erklärt, daß sie nichts mehr von ihm wissen wolle, sondern daß sie ihn. Gros Kentner, liebe? Wie ein wildes Tier stöhnte Graf Kentner auf.
Was nützte ihn Marios Liebe, nachdem sie — Bonenbirchner gehört hatte?
Graf Kentner rannte durch die Anlagen, sah nichts, hörte nichts, bemerkte nicht Den Major, Der ihm ganz verblüfft nachsah.
Roch House! Dor allem erst einmal noch House!
Und Dann war er oben in seiner Wohnung in der Moriohilferstroße. Freundlich knicksend öffnete ihm feine Leine, rundliche Wirtin die Tür. Und ihr Gesicht wurde traurig, als ihr vergötterter Herr grußlos an ihr vorüberschritt.
Stephan stand in strammer Haltung auf Dem Sprunge. Die Sachen abzunehmen.
„raus!"
Graf Kentner brüllte es - - und bereute es im nächsten Augenblick doch schon.
„Stephan, ich muß einige Minuten allein fein. Ich werde dich Dann raten."
„Befehl, Herr Oberleutnant!"
Als Kentner sich allein wußte, preßte er stöhnend beide Fäuste gegen Die heiße Stirn.
Maria!
Wie er sie geliebt hatte!
Liebte er sie noch?
3a!
Er liebte sie noch!
Und er verachtete sie!
Wie Feuer roste ihm dos Blut durch Die Adern.
LiZortsetzung folgt.) /


