Aus der provinzialhauptstadt.
Gießen, den 13. November 1931.
Oie langen Abende.
Die Sonne wird jetzt immer früher wandermüde. Morgens steigt sie schwer aus dem Osten herauf und am Abend sinkt sie zeitiger am westlichen Horizont. Wir waren von der Sonne und ihrem Lichtsegen verwöhnt. Die Sehnsucht nach dem Genuß der Natur in Wald und Feld will uns verdrießlich werden lassen, ehe wir uns dem Wechsel der Zeiten unterwerfen. Die Sonne schläft. An ihrer Stelle leuchtet das künstliche Licht zu den Darbietungen der Winterabende, die Wiese, Wald und Feld vergessen machen. Die Theater öffnen die Pforten für ihre Spielzeit, und in den Kon- zertsälen klingen die Schöpfungen unsterblicher Meister und halten uns gefangen im Bann ihrer Töne Vortrags- und Dezitationsabende machen uns mit den Ergebnissen der Wissenschaft und der Dichtkunst bekannt und vermitteln, wo selbst das Verständnis für das rechte Lesen fehlt zwischen Verfasser und Hörer, beide einander näher brrn- ^Äsonders beglückte Menschen haben in ihrem H:im und in ihrem Herzen der Kunst einen Tempel errichtet. Musik und Gesang werden eifrig gepflegt, gute Bücher gelesen und besprochen, in Handfertigkeiten kleine Kunstprodukte geschaffen. Dreimal glücklich, wo ein Kreis solcher Menschen zusammen ist. Auch einsame Menschen können über die langen Abende hinwegkommen in ihrem Heim. Gute Bücher sind liebe Freunde. Sie führen aus den engen Wänden hinaus über Berg und Tal, lassen uns Nachtigallenklang hören oder das Bauschen des Meeres. Sie entführen uns in eine Tropenlandschaft oder in die-Eisfelder der Arktis. Ehe man es gedacht, sind die Abendstunden vorüber. Noch stehen wir im Dann des Gelesenen und geistig Miterlebten...
Die kurzen Tage bringen aber auch die traulichen „Schummerstündchen", die ihren eigenen Zauber haben. Das Dämmerlicht verwischt die harten Konturen der Gegenstände und Gestalten. Eine bessere Gelegenheit für älnwirkliches gibt es wohl kaum als diesen älebergang vom hellen Tag zur völligen Finsternis. Das ist die rechte Zeit zum Märchenerzählen. Die Feen und Hexen, die Zwerge und Wichtlein, sie scheinen in den Zimmerecken zu hocken. Es ist, als müßte jeden Augenblick ein heimliches Wispern hörbar werden. Das Lampenlicht macht aller Heimlichkeit und allem Spuk ein Ende. Die Kinder reiben sich die Augen und seufzen tief auf. Sie kommen wirklich aus einer anderen Welt...
Die kurzen Tage haben auch ihr Gutes. Man muß sie nur nicht als Gegner des Sommers an» sehen, sondern als seine am Ende notwendige Ergänzung. Die langen Tage führten uns hinaus, und die kurzen führen uns wieder zurück ins Haus zu stillen, innerlichen Freuden. M. Gr.
Kein Grund zur Beunruhigung.
Unter der Ueberschrift „Bedenkliche Spielereien, Putschoorbereitungen der NSDAP.?" veröffentlicht die „Frankfurter Zeitung" in ihrem gestrigen Zweiten Morgenblatt die nachstehende Meldung:
„Darmstadt, ll.Nov. Der „Hessische Volksfreund", der bereits vor einigen Taaen einen „Befehl" des stellvertretenden Obersten SA.-Führers veröffentlichte mit genauen Anweisungen, wie die ar
beitslosen Sturmabteikungsmanner her' Hitlerpartei unter Einführung einer Kontroll- und Meldepflicht in besondere Trupps einzureihen seien, bringt heute weitere Dokumente, aus denen geschlossen wird, daß die nationalsozialistische Bewegung neuerdings wieder eine Schwenkung zur Illegalität beabsichtige. So teilt das Blatt eine Liste des Nachrichtendienstes Gießen der NSAPD. mit, in der diejenigen Personen verzeichnet sind, die im Falle eines Putsches in Gießen zu verhaften seien. Es sind dies u. a. der Kreisdirektor Ritzel, der Reichsbankdirektor Klipstein, der Beigeordnete Dr. Hamm, Oberbürgermeister Dr. Keller, mehrere Polizeibeamte, Landgerichtsrat Triim- pert, Amtsgerichtsrat Schudt, Oberstaatsanwalt Dr. Brill, Schulrat Fischer (Führer der Staatspartei in Oberhessen) und verschiedene andere. Wir geben diese Direktiven wieder, wobei wir dahingestellt sein lassen möchten, wieweit sie auf Spielereien von örtlichen Befehlshabern der nationalsozialistischen Bewegung zurückzuführen sind, oder wieweit Ernsteres dahinter- steckt."
Auf Anfrage bei der leitenden Stelle des Polizeiamtes Gießen hören wir, daß dem Polizeiamt Gießen von diesen angeblichen Putschplänen nicht das geringste bekannt ist und daß man sie als sehr unwahrscheinlich ansieht.
Bornotizcn.
— Tageskalender für Freitag. Oberhessischer Kunstverein: Ausstellung „Drei Frauen der Gegenwart", 15 bis 17 Uhr, Turmhaus am Brandplatz. — NSDAP.: 20 Uhr, Volkshalle, Goebbels- Versammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „M“. — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg: „Das Mädel mit der Peitsche" und „Räuber der Unterwelt".
— Vom Konzertverein wird uns geschrieben: Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß der Kammermusikabend des Wendling-Quartetts am Sonntag mit Rücksicht auf die Wahlen erst um 17.30 Uhr beginnt. Zudem ist eine Programmänderung zu berichten; statt des vorgesehenen Verdi-Quartetts wird das Haydn-Quartett op. 77 Nr. 2 gespielt werden. Den Anlaß zu dieser Aenderung geben die hohen Gebühren, welche auf allen Werken lebender oder noch nicht 30 Jahre verstorbener Komponisten liegen. Es ist dies der Grund, weshalb der Vorstand zu seinem eigenen größten Bedauern sich genötigt sieht, von der Aufführung moderner Werke abzusehen. Auch das ursprünglich vorgesehene Verdi-Werk unterliegt noch dieser, für die augenblicklichen Verhältnisse untragbaren Schutzgebühr, durch die die Ausführungskosten eine wesentliche Steigerung erfahren würden. Das gewählte, wundervolle Haydn- Quartett ist in Gießen noch nie aufgeführt worden. Zu ihm kommt am Schluß das Klarinetten-Quintett, auch dieses durch seine besondere Klangfärbung und Tonschönheit ein für die Gießener Kammerrnufik- abende seltener Genuß.
— Die SPD. Gießen kündigt in unserem heutigen Anzeigenteil eine öffentliche Wahlkundgebung für morgen abend in der Volkshalle an. Als Redner werden Reichstagspräsident L ö b e, Innenminister L e u s ch n e r und Dr. G u m b e l genannt. In der Anzeige wird noch darauf hingewiesen, daß aus Anlaß der Versammlung mehrere Spätzüge ab Gießen zu einem späteren Zeitpunkt abfahren. (Siehe Anzeige.)
".Die Gießener Buchhandlungen wenden sich im heutigen Anzeigenteil mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit und bitten, bei Ausgabe-von Zeitschriftenbestellung sich der ortsansässigen Buchhandlungen zu bedienen. Aus
wärtige Zeitschriftenvertriebe überschwemmen, wie man uns schreibt, fortlaufend die Stadt mit Reisenden und arbeiten vielfach mit falschen Angaben und verwerflichen Methoden, um auf diese Weise den hiesigen Buchhandlungen die Abonnenten wegzunehmen. Es ist eine traurige Statistik, daß mehr als 2000 Zeitschriftenabonnenten hier am Platze von auswärtigen Zeitschriftenvertrieben beliefert werden, zum Schaden des ortsansässigen Buch- und Zeitschriftenhandels. Man beachte die Anzeige.
** Gemeindefeier der Markus- gemeinde. Von Jahr zu Jahr wächst der Besuch der Gemeindefeier der Markusgemeinde, so daß auch am letzten Sonntag — wie man uns berichtet — die Turnhalle viel zu klein war und infolgedessen leider sehr viele Gäste keinen Platz mehr fanden. Nach herzlichen Begrüßungsworten von Kirchenvorstehcr Horst folgte ein reiches Programm, in dem die Markus-Mädchenvereinigung, die Wartburg-Gruppe, die Kinder der Kinderkirche mit schönen Spielen, Volkstänzen und Reigen mitwirkten, wobei sie viel gespannte Aufmerksamkeit und reichen Dank fanden. Ganz besonders dankbar wurden ausgenommen zwei Bachlieder, die Stadtorganist Lehrer Simon nach kurzen einleitenden Worten fein zu Gehör brachte, wozu ihn Frau Dr. Fischer mit großem Verständnis auf dem Klavier begleitete, und ebenso Ätoei religiöse Volkslieder, womit der Frauenchor der beiden Stadtkirchengemeinden unter Leitung von Lehrer Simon sich in den Dienst der Sache stellte und die große Versammlung erfreute. Von Mädchen und Mitgliedern des Frauenvereins wurde Kaffee und Kuchen angeboten, und eine Verlosung von vielen wertvollen Gewinnen fand vielen Anklang. Die Kuchen und die Gewinn- gegenstände waren alle von Gemeindegliedern geschenkt bzw. von dem Frauenverein hergestellt. Auch musikalische Darbietungen (Trio für Klavier, Cello, Violine) fehlten nicht. Im Mittelpunkt der Feier stand eine packende Ansprache von Prof. Dr. Schmoll, die anknüphe an die beiden Gedenktage — 31. Oktober als Reformationstag und 20. November als Luthers Geburtstag — und mit ernstem Nachdruck hinwies auf die starken seelischen Kräfte evangelischen Glaubens, die für uns als Volk, Gemeinde, Familie und Einzelne gerade in der gegenwärtigen Notzeit zur Weg- Weisung und zum Wiederaufbau unentbehrlich sind. Es waren schöne Feierstunden, die man erlebte, und die etwas gedrängte Enge wurde gewiß gern ertragen. Allen freundlichen Helfern und Mitwirkenden wurde am Schluß aufrichtig herzlicher Dank gesagt.
" Erfolgreiche Gießener Geflügelzüchter. Auf der von Freitag bis Sonntag in Würzburg abgehaltenen 17. Süddeutschen Geflügelausstellung und der Großen Deutschen Zwerghuhnschau konnten einige Geflügelzüchter unserer Stadt nennenswerte Erfolge für sich buchen: Friedrich Bauer erhielt auf einen Rhodeländer Hahn die Bewertung „sehr gut" und auf eine Henne „sehr gut 2" mit einem Ehrenpreis. C. Rübsamen errang auf einfach- kämmige Rhodeländer Hennen „sehr gut 1" mit einem Ehrenpreis, „sehr gut" und „gut". Auf ausgestellte Peking-Enten konnte derselbe Züchter bei Erpeln „sehr gut 1". „sehr gut 1“ und „sehr gut 2“ erzielen, auf Enten „sehr gut 1" mit einem Ehrenpreis, „sehr tzut 1“ und „sehr gut 2“.
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Wettervoraussage.
Durch den Zustrom etwas kühlerer Lust an Der Rückseite der Nordrneerstörung hat über Dem Festlands Luftdruckanstieg eingesetzt. Unter seinem Einfluß wird sich Das Wetter vorübergehend bessern, Dabei gehen in klarer Nacht Die Temperaturen bis in Gefrierpunktnähe zurück, stellenweile sogar darunter. Da über dem Atlantischen Ozean aber eine neue kräftige Störung erschienen ist, ist später wieder mit unbeständigerem Wetter zu rechnen.
Aussichten für Samstag: Neblig, bewölkt und aufheiternd, Temperaturgegensätze zwischen Tag und Nacht sich verschärfend, trocken.
Aussichten für Sonntag: Wieder mehr Bewölkung aufkommend und im ganzen milder.
Lufttemperaturen am 12. November: mittags 10,5 Grad Celsius, abends 9,1 Grad, am 13. November: morgens 5,1 Grad. Maximum 10,6 Grad, Minimum 4,9 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 12. November: abends 5,4 Grad , am 13. November: morgens 6,5 Grad. — Niederschläge 0,8 mm. — Sonnenscheindauer Vt Stunde.
In *P°,h " ««TTS-aS.
Die natürliche Eigenschaft jeder Pflanze,ihre Kräfte zur Blüte emporzw senden,wird durch die Gärtnerkunst des macedonischen Tabak-Bauern noch gesteigert. Er erntet die unteren Blattstände zuerst,damit alle Kräfte der Pflanze den oberen MAXOUL- B1 ättern zugute kommen. So erhalten diese Spitz en-Tabake einen ungewöhnlichen Reichtum an Aroma und eine Nachreife, die siebesonders leicht und bekömmlich machen.
6 PF.
in Maxoul-Mischung"


