Ausgabe 
13.7.1931
 
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Oie Auffassung in London.

Nicht den Kopf verlieren!

London, 13. Juli. (WTB. Funkspruch.)Daily Herold" schreibt: Der Besuch des Premier­ministers und Hendersons in Berlin, wo sie mit den Deutschen über die Schuldenfrage sprechen werden, wird auf viele möglicherweise eine beruhigende Wirkung ausüben und Leute zur Besinnung bringen, die den Kopf verloren haben. Weder Macdonald, noch der Staatssekretär des Aeußeren, werden den Wunsch haben, ein Dik­tat ergehen zu lassen. Aber sie sind Minister, die in einer Krisis Vertrauen verdienen. Wie gestern abend verlautet, hegt der Premierminister die bestimmte Hoffnung, daß eine Lage geschaffen wird, die Deutschland und die Welt vor einer Kata­strophe bewahrt.Morning Post" schreibt: Der Gedanke des Hooverplanes, die Wiederherstel­lung des Vertrauens in die finanzielle Lage ist fehlgeschlagen, hauptsächlich infolge der fehl­geschlagenen Verhandlungen, die auf Frank­reichs Zustimmung ähnelten. Inzwischen hat die Inanspruchnahme der Reserven der Reichsbank fortgedauert; aber es liegt nicht im Interesse irgend­einer Nation, daß die katastrophale Lage wieder eintritt, die bei der Stabilisierung der Reichsmark herrschte. Wenn Deutschland zahlungsunfähig werde, so werde die Hoffnung auf Besserung der Lage des Welthandels einen äußerst schweren Schlag erleiden.

Giimsons Besuch in

Unterredung mit Mussolini über die Lage Deuschlands.

Dom, 12. Juli. (LU.) 2lm Sonntagnachmittag hat Mussolini sich in seinem Motorboot von Castell Fusano bei Ostia aus nach Rettuno be­geben, dort Stimson abgeholt und ist mit dem amerikanischen Staatssekretär einige Zeit auf dem Mittelmeer umhergekreuzt. Cs ist anzuneh- men, daß dieser gemeinsame Ausflug auf das Mittelmeer einen hochpolitischen Inhalt gehabt hat, und ebenso wahrscheinlich ist es, daß die ernste Lage Deutschlands in der Unter» redung zwischen Stimson und Mussolini eine große Dolle gespielt hat. Obgleich keinerlei amtliche Mitteilungen darüber vorliegen, ist mit Sicherheit damit zu rechnen, daß die Darlegungen über die Lage Deutschlands, die der deutsche Botschafter am Sonntagvormittag im Palazzo Chigi gemacht hat, auf dem schnellsten Wege sowohl Mussolini wie Grandi und dadurch auchStirnsonüber- m i 11 e l t worden sind.

Italien verzichtet auf die fällige Reparationsrate.

Dom, 11. Juli. (WTB.) Die Agenzia Ste- fani veröffentlicht eine Meldung, wonach die italienische Regierung in der Erwartung, daß die für den )7. Juli nach London eingeladenen ^Finanzexperten die Fragen regeln werden, die mit der praktischen Durchführung des Hooverschcn Moratoriums-Borschlages in Zusammenhang ste­hen, beschlossen hat, ebenso wie auf die am 1. Juli fälligen Zahlungen auch auf die am 15. Juli fälligen Daten, die Deutschland auf Reparativnskonto schuldet, zu verzichten.

OerVölkische Beobachter^ auf drei Wochen verboten.

München, 12. Juli. (TU. Funkspruch.) Die Polizeidirektion München teilt mit:

Einem Ersuchen desReichsministers des Innern entsprechend wurde der in Mün» ,chen erscheinendeVölkische Beobachter" in seiner Bayern- und Reichsausgabe von der Polizei- i direktion München verboten. Der Reichs­minister des Innern erblickt in den Ausführung ? gen, die in den Dummern 186 bis 187, 190 und 191 dieser Zeitung vom 5. bis 6. und 9. bis 10. Juli 1931 enthalten waren, einen Verstoß gegen die Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. März 1931 zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen. Derartige Ersuchen des Reichs­ministers des Innern sind für die Länder­regierungen verbindlich, wenn nicht unverzüglich die Entscheidung des Reichsgerichts beantragt wird. Darüber hinaus erblickte die Polizeidirektion München in den Ausführungen desVölkischen Beobachters" Dr. 193 bis 194 vom 12. bis 13. Juli 1931 eine Beschimpfung und böswillige Verächtlichmachung des bayeri­schen und des preußischen Staatsministers des Innern sowie der Mitglieder der Reichs­regierung. Das Verbot wurde auf drei Wo­chen ausgesprochen."

Oie Berliner Llniversität erneut geschloffen.

Berlin, 11. Juli. (CAD. Eigene Meldung.) Wegen der letzten Unruhen an der Berliner Uni­versität fand heute vormittag im Universitäts­gebäude eine Terminsitzung statt. Auf den Korridoren kam es zwischen Kommunisten und Ra- tionalsozialisten zu Tätlichkeiten. Der Rek­tor sah sich veranlaßt, sofort die Universität räu­men zu lassen. Die Räumung wurde durch Univer­sitätsbeamte durchgeführt und die Universität auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die Polizei war auf Ueberfallwagen zur Stelle. Der Senat hat nach eingehender Voruntersuchung die Diszipli­narvergehen der letzten Zeit behandelt und bei sieben Studierenden auf Entfernung von der Universität erkannt. Vier von diesen gehören der Dochtsradikalen Gruppe an, drei der Links­radikalen. Gegen zwei Studierende beider Grup­pen wurde auf Andro-Hung der Entfer­nung erkannt. Zwei Studierende -beider Gruppen wurden freigesprochen. Drei Studierende werden vom Rektor mit einem Verweis bestraft. Eingestellt werden konnte das Verfahren gegen sechs Studenten btider Gruppen.. Relegationen, die nur im Falle ehrloser Gesinnung in Frage kommen und den völligen Ausschluß vom Uni­versitätsstudium bedeuten würden, sind vom Se­nat in keinem Falle verhängt worden.

Oer Fall Aawiaski in München.

München, 11. Juli. (WTB.) Der Senat der Universität gibt eine Erklärung ab, in der es u. a. heißt: Die Ermittlungen des Ausschusses haben ergeben daß Professor Aawiaski bei seinen Ausführungen in der Vorlesung den Frieden von Versailles weder billi­gen wollte, noch gebilligt hat. Die Form der Aeuherung war allerdings der Mög­lichkeit einer Mißdeutung ausgesetzt. Eine eingehende Würdigung des Sachverhaltes ist vom Senat dem Ministerium vorgelegt worden. Die

disziplinäre Beurteilung der Unruhen im Uni» versitätsgebäude wird sofort nach Abschluß der Untersuchung folgen. Der Senat wird unter allen Umständen für die Sicherung des aka­demischen Unterrichtsbetrieb es und ür die Ruhe in der Universität auch weiterhin Sorge tragen.

politische Ausschreitungen in Celle.

Celle, 13. Juli. Am Sonntagnachmittagüber» iel eine Gruppe von 200 Kommu­ni st e n den Festzug des Stahlhelms anläßlich seines Gautages. Die Kommunisten hatten am Rande der Straßen, durch die der Zug ziehen mutzte, Steinhaufen angesammelt und bewarfen eine Gruppe von Nationalsozialisten, die dem Zuge voranging, mit einem Stein­

hagel. Dabei wurden Aationalsozialisten und Kommunisten miteinander handgemein. Der Lan­desverbandsführer des Stahlhelms, General a. D. v. Henning, geriet zusammen mit seinem Stab mitten unter die Kommunisten. General v. Hen­ning wurde durch Steinwürfe am Kopf ver­letzt. Auch andere Stahlhelmer und Rational» soziälisten trugen Verletzungen davon. Eine nach­rückende Stahlhelmgruppe schlug einen Kommu­nisten, der zu schießen versuchte, mit dem Schanz­zeug zu Boden. Er wurde schwerverletzt von feinen Parteifreunden in Sicherheit gebracht ehe Polizei zur Stelle war. Aach Eingreifen der Polizei wurde die Ruhe wiederhergestellt. Ins­gesamt wurden vier Personen schwer und acht leicht verletzt.

GroßeASrüstungskundgebunginLondon Oie Führer aller englischen Parteien fordern ein greifbares Ergebnis der Genfer Abrüstungskonferenz.

London, 11. Juli. (WTB.) In der Albert Hall fand heute nachmittag eine große Friedens­und Äbrüstungskundgebung statt, an der Ver­treter aller Parteien und aller Devölke» rungsklasfen teilnahmen. Der Andrang war fo groß, daß noch zwei weitere Versamm­lungen im Freien veranstaltet werden mutz­ten, denen die Reden durch Lautsprecher über­mittelt wurden. In der großen von mehr als 7000 Personen gefüllten Halle waren Abgeordnete von 17 christlichen Kirchen und anderen Reli­gionskörperschaften, sowie von 40 sozialistischen, konservativen und liberalen Organisationen und vielen anderen Vereinigungen zugegen. Zahlreiche auswärtige Botschaften und Gesandtschaften hatten Vertreter entsandt. Von der deutschen Botschaft war Gesandtschaftsrat Fürst Bismarck anwesend. Die Kundgebung in der Albert Hall wurde durch den Feldmarschall Sir William Robertson mit einer kurzen Ansprache eröffnet. Darauf führte

Premierminister Macdonald

u. a. aus: Es handele sich um eine einzigartige Gelegenheit; denn im Saale seien nicht die Ver­treter von Parteien, sondern die Vertreter einer vereinigten Ration anwesend, um den britischen Delegierten ihren Wunsch zu be­kunden, sie möchten auf der Abrüstungskonferenz Mut und Weisheit zeigen. Der Premierminister warnte vor dem Standpunkt, an die Zweckmäßig­keit von Rüstungen zu glauben und verwies auf die ungeheuer zunehmende Zerstörungsstärke der Kriegswerkzeuge. Trotzdem erklärten, so meinte Macdonald, einige Leute, die sich für besonders große Patrioten hielten, die Abrüstung für schäd­lich.Wissen diese Leute", fragte Macdonald mit erhobener Stimme,daß die Ehre der Ra­tion feierlich st verpfändet worden ist? England ist durch den Versailler Ver­trag und den Vertrag von Locarno verpflichtet, auf Abrüstung hinzu» arbeiten. Die Welt erwartet von Genf nicht nur Bekundungen der Friedensliebe, sondern eine Vereinbarung, die in Ziffern und in Angaben über Tonnage, Mannschafts stärke und Material zum Ausdruck kommt. Wenn kein Pro­gramm aufgestellt wird, das Verminderung gegenüber dem jetzigen Rüstungsstand aufweist, dann hat die Konferenz ihre Schuldigkeit nicht getan. _ ___ _

Baldwin, der Führer der Konservativen

sagte:

Wir sind durch den Vertrag mit unserer Ehre zu internationaler Abrüstung verpflichtet. Bald­win verwies auf die Rüstungsverminderung, die

England seit dem Kriege vorgenommen habe und sagte: Das Beispiel Englands fei nicht befolgt worden. Wir müssen auf eine Vermin­derung der Luftstreitkräfte der Welt bringen und versuchen, einige Gleichheit für die Luftstreitkräfte Westeuropas zu schaffen. Ferner wies Baldwin auf die Aotwendigkeit der DetSili» gung Rußlands anderAbrüstung hin, denn andernfalls werde die.in Osteuropa herrschende Furcht vor einem so mächtigen Rachbarn niemals verschwinden. Er bemerkte ferner, alle internatio­nalen Probleme in Europa seit Versailles seien dadurch unendlich schwieriger getpotben, daß die Vereinigten Staaten nicht Mitglied des Völker­bundes seien.

Lloyd George, der Führer der Liberalen erklärte u. a.: Alle Parteien seien bezüglich der Abrüstung vollkommen einer Meinung. Alle Signatarmächte des Versailler Vertrags ha­ben sich verpflichtet, ihre Rüstungen auf den nied­rigsten Stand zu bringen, der mit ihrer Sicherheit vereinbar ist. Dem nächsten Kriege gegenüber versagt die Vorstellungskraft, und dennoch geht die Welt standhaft, töricht und stumpfsinnig auf diese Katastrophe los. Sie singt Friedenslieder und bereitet den Krieg vor. Eine Arnderunz werde es nur geben, wenn die Grundsätze, die für das sittliche Verhalten des einzelnen mah- gebenb seien, auf das Verhalten der Rationen ausgedehnt würden.

Die Abrüstungskundgebung schloß mit der An­nahme folgender Entschließung:

Die Versammlung begrüßt mit Wärme die kom­mende Abrüstungskonferenz und fordert die Re­gierung auf, alles in ihrer Macht liegende zu tun, um eine wirkliche Verminderung der Heere, Flotten und Luftstreitkräfte der Welt zu- standezubringen." Die große Abrüstungskund­gebung hatte mit einem Zwischenfall begonnen. Eine Frau erhob sich plötzlich und warf auf den Ministerpräsidenten Macdonald mit Stink­bomben. Eine Bombe fiel ganz dicht bei Lloyd George nieder, wo sie explodierte. Die Saal­wächter stürzten sich auf die Frau und ent­fernten sie aus dem Saal, wobei diese heftigen Widerstand leistete und noch weitere Stinkbomben warf. Die Abrüstungsfreunde hatten sich gegen Mittag an den Ufern der Themse versammelt und marschierten in geschlossenem Zuge zur Al­bert-Halle. In dem Zuge sah man auch eine! Gruppe von 56 Frauen, die die Mitgliedsstaaten des Völkerbundes darstellten und deren Landes­farben trugen. Ferner nähmen religiöse Gesell­schaften, Friedensvereinigung, Kinder und Ar­beitslose an dem Zuge teil.

Oie Saar steht treu zum Reiche.

Eindrucksvolle Kundgebung des Bundes der Saarvereine.

R e u st a d t a. d. H., 12. Juli. (WTB.) Die erste Tagung des Bundes der Saarvereine wurde gestern nachmittag mit einer Arbeits­tagung der Delegierten der Ortsgruppen aus dem Reich eingeleitet. Aus dem Bericht über die Tätigkeit des Bundes ging hervor, daß die An­teilnahme an dem noch immer ungelösten Geschick des Saarlandes in allen Teilen des Deiches gleich groß ist, und daß das Verlangen nach Rückgabe des Saargebietes an das Reich als eine einmütige deutsche Forderung nach Gerechtigkeit für die Saar anzusp-rechen ist. Dies kam auch zur Geltung durch die Billigung der Enffchließung, die der Vorstand als den Aus­druckswillen der Reustädter Kundgebung der Ver­sammlung unterbreitete. Die Enischliehung erklärt u. a.:

Die Fremdherrschaft, die dem Volk an der Saar im Versailler Vertrag auf gezwungen wurde, verletzt das Selbstbestim- mungsrecht der Völker, dessen Beachtung f eierlichft zugesichert war. Die Zwecke, die der Ver­sailler Vertrag mit der besonderen Saarregelung verfolgte, sind durch die Entwicklung restlos über­holt.

Das Volk an der Saar Hal in völlig eindeutigen und einmütigen Kundgebungen seit dem Beginn der Fremdherrschaft fortgesetzt die Rückkehr des Saargebiets unter die deutsche, preußische und bayerische Regierung, die Rückgabe der Gruben an das Deutsche Reich, die Wiederangliederung an das deutsche Zollgebiet gefordert. Ls erhebt diese Forderungen mit gleichbleibender Festigkeit auch heute.

Richt nur als eine Wiedergutrna chu n g be­gangenen Unrechts, sondern auch als eine Bürg­schaft für die Dölkerversöhnung, die nicht vollendet sein wird, solange das Unrecht an der Saar anbaüert, und als eine Voraus­setzung für die Gesundung der Wirtschaft. Wenn aber die Hoffnung auf eine alsbaldige Befreiung wiederum zuschanden werden sollte, dann bleibt dem Volk an der Saar die feste Zuversicht, daß die Volksabstimmung im Jahre 1935 die heiß ersehnte Rückkehr zum Vaterlande brin­gen wird."

Auf die vom Herrn Reichspräsidenten! eingelaufene warmherzige Begrüßung der Ta­gung wurde folgendes Antworttelegramm abge­sandt:

Herr Reichspräsident v. HindenburgI Dem deutschen Verlangen nach einer baldigen!

Wiedervereinigung des abgetrete­nen Saar» und P f a l z g e b i e te s mit dem gesamten deutschen Vaterlande, dem der Herr Reichspräsident v.Hindenburg zu unserer besonderen Genugtuung und aufrich­tigen Freude in feinem Tegrühungstelegramm Ausdruck verliehen hat, stimmen wir von gan­zem Herzen zu. Aufrichtiger Dank für die Wünsche zum erfolgreichen Verlauf unserer Ta­gung. Diese sind uns ein Ansporn, dem Wahl­spruch unserer Tagung

Saar und Pfalz dem Reich echatt's"

zu folgen. Wir sind gewillt, mit der Erreichung dieses Zieles uns einer Förderung unserer vater­ländischen Ausgabe allerseits und jederzeit ver­sichert haben zu dürfen.

Mit ehrerbietigem treuöeutschem Gruß, der Bund der Saarvereine.

Andres, Senatspräsident.

Vogel, Verwaltungsdirektor.

Heute vormittag sand eine öffentliche Ver­sammlung mit Ansprachen berufener Vertreter der Saarbevölkerung statt. Der

bayrische Ministerpräsident Or. Held

betonte in feiner Festansprache die unerschütter­liche Treue der Saarbevölkeruiw. Jedesmal, wenn die Meinung auftauche, die Rückgliederung des Saargebietes sei erst dann zu erreichen, wenn Deutschland sich zu neuen Opfern bereitfinden lasse, habe das Saarvolk einmütig zu er­kennen gegeben, daß es weitere Opfer des Reiches ablehne, und, wenn es sein müsse, die Abstimmung von 1935 abwarten werde. In dieser Tatsache liege ein patriotischer Heroismus, wie er sich kaum im Lause der Geschichte bei einer anderen Gelegenheit bei einem anderen Volke, oder Staate jemals geäußert habe.

Es gebe keine andere Lösung der Saar frage, als daß das ganze Gebiet wieder seinem Rlutter- kande unverändert zurückgegeben werde.

Durch die Hooveraktion habe eine Weltaussprache über die Ausräumung der nachgewiesenen Un­möglichkeiten und Unzertrennlichkeiten des Ver­sailler Diktates und der sich aus ihm heraus­gebildeten Zustände eingesetzt.

Roch der begeistert aufgenommenen Rede wurde unter allgemeiner Zustimmung eine Entschlie­ßung angenommen, die mit der oben wieder- gegebenen Kundgebung übereinstimmt.

Kunst und Wissenschaft.

Erzbischof Söderblom f.

Stockholm, Ifc Juli. (WTB.) Der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom ist heute acht­zehn Uhr in Upsala an Herzschlag g e st o r - ben. Erzbischof Söderblom hatte sich in der vorigen Woche in ein Stockholmer Krankenhaus be­geben. Dort war an ihm eine Darmoperation vor­genommen worden. Nach den ärztlichen Berichten verlief die Operation zufriedenstellend, und noch heute mittag teilte der behandelnde Arzt der Presse mit, daß der Zustand Söderbloms sich nicht ver- chlimmert habe: Gegen 16 Uhr kam ein Herz- chwächeanfall zu dem allgemeinen Zustand hinzu, der dann zum Tode führte.

*

Lars Olaf Nathan Söderblom wurde am 15. Januar 1866 in Trönöim Hälfingland als Sohn eines Pfarrers geboren. Von 1894 bis 1901 war er Pastor der schwedischen Gemeinden in Päris und Seemanns-Geistlicher in den nordfranzösischen Ha- enftäbten. Im Jahre 1901 wurde er als Professor )er Theologie nach Upsala berufen, wo er eine um- affenbe wissenschaftliche Tätigkeit entfaltete, bie ihn in nächste Verbindung mit ben führenben Männern der evangelischen Kirche in fast allen Ländern brachte. Im Jahre 1912 nahm er-eiuyi Ruf als Professor für Religionsgeschichte nach Leipzig an. Doch blieb er dort nur zwei Jahre, denn schon 1914 erfolgte seine Berufung in das höchste schwedische Kirchenamt als Erzbischof von Upsala. In dieser Stellung hat er sich während des Krieges, in dem er sich offen zu Deutschland bekannte und eine groß­zügige Liebestätigkeit entwickelte, und nach dem Kriege in mehrfachen Kundgebungen für einen Frie­den der Geister eingesetzt, worunter auch sein schar­fer Protest gegen den Ruhreinbruch zu rechnen ist. Insbesondere aber hat er sich bemüht, die evange­lischen Kirchen aller Länder näher zueinander zu führen. Weiter ist derWeltbund für Freundschafts­arbeit der Kirchen" seine Gründung. Seinen rast­losen Bemühungen ist es gelungen, die erste große Weltkonferenz für praktisches Christentum", die er 1925 in Stockholm organisierte und leitete, ins Leben zu rufen. In Anbetracht feiner Verdienste um die Annäherung der Völker durch die Kirche und die damit verbundene Befriedung der Welt erhielt er im November 1930 den Nobel-Friedens­preis verliehen.

Prof. Friedrich Gundolf f.

WER. Heidelberg. 12. Juli. Heute morgen ist der bekannte Literarhistoriker Profeffor Fried­rich Gundolf im Heidelberger Akademischen Krankenhaus im Alter von 51 Jahren gestor­ben. Professor Gundolf war längere Zeit leidend.

Friedrich Gundolf, mit seinem wahren Ramen Gundelfinger, wurde am 20. Juni 1880 zu Darm­stadt als Sohn des Mathematikers Profeffor Gundelfinger geboren. In München, Heidelberg und Berlin studierte er; in Berlin erwarb er den Doktorgrad und habilitierte sich 1911 in Heidelberg, wo er später außerordentlicher Pro­feffor und 1920 als Rachfolger feines ehemaligen Lehrers Erich Schmidt Ordinarius für deutsche' Literaturgeschichte wurde. Diese Berufung galt weniger oem Philologen Friedrich Gundelftnger, als vielmehr dem Schriftsteller Friedrich Gundolf, dem Dersaffer der beiden epochemachenden Werke Goethe" undShakespeare und der deutsche Geist". Durch diese beiden Werke wurde G. Führer jener literaturhistorischen Schule, die, universalgeschichtlich orientiert, in den Werken und Taten der Dichter und dichterisch gestaltenden Denker die Verkörperung der Kraftquellen im geistigen Leben der Menschheit erblickt. Außer dem zeitgenössischen Dichter Stefan George, zu deffen Kreis er seit 1911 gehört und dem er 1920 in seiner Biographie ein Denkmal gesetzt hat, sind es zwei Gestalten, die G. besonders gefesselt haben: Shakespeare und Cäsar. Außer diesen bei­den Brennpunkten seines Schaffens verdankt die deutsche Wissenschaft G. eine neue Uebertragung Shakespeares und eine Reihe bedeutender Bio­graphien, neben der schon erwähnten von George sind als wichtigste zu nennen:Goethe",Hein­rich von Kleist",Paracelsus" und die zwei­bändigeShakespeares". Als letztes seiner Werke ist 1930Die deutsche Romantik" er­schienen, das an seine früheste SchriftHölder­lins Archipelagus" anknüpft. Der Hamburger Lessing-Preis, der in diesem Jahre zum epsten Male zur Verteilung kam, wurde am 11. August 1930 ®. zuerkannt.

Prof. Ludwig Gurliii f.

Freudenstadt, 12. Juli. Heute vormittag ist der in den weitesten Kreisen bekannte Re­formpädagoge Pvof. Dr. Ludwig G u r l i t t im Alter von 76 Jahren gestorben.

Ludwig ® url itt wurde am 31.Mai 1855 in Wien geboren. In Göttingen und Berlin stu­dierte er klassische Philologie, wurde nach abge­legtem Staatsexamen Hauslehrer in Athen und fand dadurch Gelegenheit zu einer Studienreise durch den Peloponnes. Später war et Direk» torialaffistent von Professor Curtius, kam dann als Lehrer an das Johanneum in Hamburg, später an das Falk-Realgymnasium in Berlin, an­schließend an das Gymnasium in Steglitz. Im Jahre 1907 trat er aus dem Schuldienst aus, da seine Ansichten oft andere Wege eingeschlagen hatten, als die damals üblichen. Don jeher hat er seine ganze Kraft eingesetzt für eine Reform des deutschen Erziehungswesens, die sich attrnäh- ' lich auch vollzogen hat. Zu einer Zeit, da der Sport und das Turnen noch Stiefkinder der Schul- lehrpläne waren, setzte er sich für die Ertüchti­gung der Jugend durch körperliche Ausbildung ein, verlangte stärkere Betonung des Künst­lerischen in der Erziehung, vor allem aber Zeich­nen nach der Ratur, zur Vertiefung des künst­lerischen Verständnisses und Schauens, und ver­langte Eingehen auf den Wandertrieb der Ju­gend. Für diese Revisionspläne hat er sein Le­ben lang einen Kampf mit unbeugsamem Willen geführt.

Prof. Or. Kafka-Prag f.

Prag, 12. Juli. (TU.) Heute früh verschied Abg. Prof. Dr. Kafka, der für bas nächste Jahr ge­wählte Rektor der deutschen Universität in Prag, nach schwerem Leiben.

Prof. Dr. Kafka, ordentlicher Professor des Zivilrechts an der deutschen Universität in Prag, war schon im alten Oesterreich politisch tätig. Er wurde im Jahre 1916 Geschäftsführender Vorsitzen­der der damaligen Fortschrittspartei. Als diese noch dem Umsturz in die Deutsch-Demokratische Freiheits- Partei umgemanbelt würbe, wurde er sofort ein führendes Mitglied dieser Partei, die ihn bei den Wahlen für die tschechoslowakische Nationalversamm­lung an erster Stelle für das Abgeordnetenhaus kanbidierte. Er würbe als Abgeordneter der Prager deutschen Minderheit gewählt.