Nr. 215 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsetü Samstag, 12. September 195|
Erwerbslosenfürsorge durch Wirtschafisbelebung.
Die Länder und Gemeinden stehen gegenwärtig unter dem schweren Drucke der andauernd steigenden Fehlbeträge in chren Hau-Halten. Mit einer Spardiktatur radikalster Art wollen die Regierungen dem schweren finanziellen Unheil cntgegcnwirkcn, um noch in zwölfter Stunde eine Katastrophe von unabsehbaren Aus- maßcn abzuwenden. Alle bisherigen Sparrnaß- nahmen werden eine Kleinigkeit fein gegenüber dem. was in den nächsten Tagen diktiert werden wird und vom 1. Oktober ab Gültigkeit haben soll. Daß an den vielfach über alle Masten aufgeblähten Derwoltungskörpern noch sehr viele- überflüssig, also ohne Schwierigkeiten au ersparen ist, wird von niemand ernstlich bezweifelt werden können. Ob aber alle- d a S, wa- man in den letzten Tagen al- Dorbotschaft zu hören bekam, richtig und auch wirksam sein wird, darf man nach den Erfahrungen der letzten Jahre mit erheblichen Zweifeln ausnehmen. Dach einer Anordnung de- Hessischen Gesamtministeriums dürfen zunächst sachliche Ausgaben nur geleistet werden, soweit sie aus gesetzlichen oder sachlichen Gründen unbedingt zwingend sind. Alle irgendwie vermeidbaren sachlichen Ausgaben im Staatshaushalt (und analog natürlich auch in den Kommunalhousbalten) sollen vollständig unterbleiben. Diese Mastnahme wird zwar eine Entlastung der Ausgabenseite in Der öffentlichen Wirtschaft bringen, man darf sich aber nicht verhehlen, dast damit für weiteste Kreise des Handwerk- und Gewerbes und für alle damit zusammenhängenden Dolksschichten ein weiterer wirtschaftlicher Rückgang eintreten wird. Die Sachlage ist doch schon lange so. dast bei der mangelnden Finanzkraft der privaten Wirtschaft die öffentliche Hand immer mehr, teilweise sogar nur noch allein als Austraggeber für doS Handwerk und Gewerbe in Betracht kommt. Und nun soll auch diese Quelle von Arbeit und Serbien ft völlig, im gelindesten Fkllle zum gröstten Teile verstopft werden. Auf der anderen Seite erfahren die steuerlichen und sozialen Lasten keine Minderung, ja cs ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weifen, dast unter Umständen die schon längst falsch orientierte Steuer, und Wirtschaftspolitik in den kommenden Monaten einen weiteren Lastenausbau durchzuführen versuchen wird. Deben der Sperre bei den sachlichen Ausgaben wird auch eine Verminderung der Personalausgaben zu dem Programm der tocitgc- faßten Spardiktatur gehören. Davon werden natürlich auch wieder weite Kreise der privaten Wirtschast neben den unmittelbar betroffenen Personen in Mitleidenschaft gezogen, da Einkommensminderung gleichbedeutend ist mit Schmälerung der Kaufkraft, wenn nicht eine dem Ein- kommenSminus entfprechende allgemeine Senkung der Lebenshaltungskosten ausgleichend wirkt. Es sind also, wie man sieht, die alten Rezepte, die jetzt erneut zur Anwendung kommen sollen, von denen aber bisher schon die Wirtschaft aller Zweige und die Gesamtheit der Bevölkerung keine Besserung ihrer Lage erfahren hat. Kann nicht auf anderem Wege ein besseres Ergebnis erzielt werden? Gibt es keinen neuen konstruktiven Gedanken, der wirtschastsauf- bauende Kraft in fidj birgt und dauernden Dützen für die Gesamtheit der Bevölkerung verheißt?
Der furchtbare wirtschaftliche und finanzielle Diedergang unseres Dolkes ist, neben den mancherlei Unsinnigkeiten auf innenpolitischem Gebiete, durch die jahrelangen Reparationszahlungen an das Ausland ohne entsprechende wirtschaftliche Gegenleistung entstanden. Andauernd wurde auf diese Weise unserer Volkswirtschaft Substanz entzogen, woraus schließlich eine Lebensbedrohung für den gesamten Körper werden mußte. Der gleiche Vorgang spielt sich, volkswirtschaftlich gesehen, auch im Reiche selbst ab. Es liegt uns fern, Widerspruch gegen die Fürsorge für die erwerbslosen Volksgenossen und gegen die Unterstützung der übrigen hilfsbedürftigen Mitbürger zu erheben. AIS selbstverständlich wird jeder einsichtige Mensch es ansehen müssen, dast den durch Arbeitslosigkeit, Vermögensverlust (Kapitalrcntn.r). durch fchw reKri g b:schädigung usw. unverschuldet in Not geratenen Mitbürgern Hilfe gebracht werden must, dast man diese Volksschichten nicht untergehen lassen darf. Aber vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus muß doch gefagt werden, dast die bisherige Form dieser Hilfeleistung nicht in allen Teilen richtig getreten ist. Alljährlich werden Milliarden auf diesem Gebiete verausgabt, denen keine volkswirtschaftliche Funktion als Gegenleistung in der Rechnung gegenüber» steht. Kein Wunder, daß diese Umstände dazu beitrugen, die Wirtschafts- und Finanzkraft der Volksgefamtbeit fo zu schwächen, dast der Alpdruck auf unfer Volk eine ungeheure soziale und politische Gefahr für has Reich zu werden droht. Die Kommunen find — das kann man ohne Uebertreibung tagen — durch die überaus großen Aufwendungen für die Wohlfahrtserwerbslofen- fürforge finanziell unmittelbar vor der Erfchöp- funa. zum Teil find fie schon so gut wie fertig. Selbst wenn jetzt durch die Epardiktatur ein Ausgleich der Haushalte erzielt wird, dürfte doch die Vermutung nicht unbegründet fein, daß bei dem stetigen Anwachsen der Erwerbslofenziffer mit den steigenden Fürsorgelasten auch dieser Ausgleich schon in einigen Wochen oder Monaten über den Haufen geworfen fein wird. Sehr wenig erfreulich sieht es auch in großen Teilen der Privatwirtschaft aus. Auftrags- und Arbeitsmangel von gewaltigen Ausmaßen, stärkste Kapitalknappheit in den meisten Betrieben, Steuerdruck weit über die Grenze des wirtschaftlich Tragbaren hinaus, hohe soziale Lasten usw. engen die Wirtschaftsbafis immer mehr ein, führen zu weiteren Betriebsstillegungen, vergrößern das Heer der Arbeitslosen. machen die Lasten für die noch in der Arbeit stehenden Volksgenossen immer schwerer, erfordern immer höhere Aufwendungen der öffentlichen Hand für das soziale Hilfswerk, während gleichzeitig infolge Mindererträge der Steuern die Einnahmen in Reich, Staat und Gemeinden sehr schnell abfinfen. 8s hieße Vogel-Strauß-Politik treiben, wenn man sich den handgreiflichen Tatsachen dieses Krebsganges auf allen Gebieten verschließen und die naheliegende Schlußfolgerung nicht ziehen wollte, daß auf diesem Wege der deutsche Staatswagen nur immer schneller bergab rollt.
Burgenland-Jeier.
Des Burgenlandes Wiedervereinigung mit Oesterreich.
Von unserem W. P.
Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten l Eifenstadt, September 1931.
Als nach dem Zusammenbruch Deutschlands und Oesterreichs von allen Seiten die Widersacher deS deutschen Volke- im Osten. Westen, im Norden und Süden sich Beutestücke holten und deutlche- Land au- dem deutschen DolkSkörper herau-riffen, al- Oberschlesien. Südtirol, das Elsaß, Dord- Schle-wig. Westpreußen. die Südsteicrmark und Südkärnten verlorengingen, da schien es fast wie ein Wunder, al- in den Frieden-verträgen von St. Germain und Trianvn festgefetzt wurde, daß das fogenannte West Ungarn, daS heutige Burgenland, wirklich wiedermitdem öfter- reichifchen Mutterlande vereinigt werde. Freilich, auch die Rückgabe deS Burgenlandes geschah nicht ohne Willkür und auch nicht ohne eine gewisse politische Hinterlist. Denn einmal wurde die eigentliche Hauptstadt des Burgenlandes. Oedenburg, bei Ungarn belassen und so der zu Oesterreich gelangende Gebietsteil mitten entzweigerisfen. Und zum anderen war die LoStrennung dieses Gebietes von Ungarn, wie sich von Anfang an deutlich zeigte, ganz und gar nicht als eine Befriedigung gerechter deutscher Ansprüche gedacht, sondern sie war vielmehr ein raffiniert ausgeklügelter Versuch, die beiden seit Jahrhunderten befreundeten Dachbarstaaten zu entzweien. Trotzdem gibt vom gesamtdeutschen, vom volkspolitischen Standpunkt auS betrachtet, die zehnte Wiederkehr deS Tages, an dem das Burgenland wieder zu Oesterreich zurückkehrte, reichen Anlaß zur Freude und zum besonderen Hinweis daraus, daß hier wenigstens zum Teil ein altes, nachgerade schon historisch gewordenes Unrecht wiedergu^emacht wurde.
Es ist eine Tatsache, die durch keinerlei Verschleierung-Versuche au- der Welt geschafft werden kann, daß die Vereinigung deS Burgenlandes mit Oesterreich eine Rückkehr diefeS deutschen Gebiete- zum deutschen Mutterlande darstellt. Denn diese- Land wurde bereits unmittelbar nach dem Zusammenbruch des römischen Reiche- von Germanen besiedelt. Und nach wechselvollem Schicksal war schließlich vom 15. bi- zum 17. Jahrhundert da- Land fest in der Hand der deutschen Kaiser geblieben. Erst als Kaiser Ferdinand ll. aus persönlichen Rücksichten dem Drängen der ungarischen Stände nachgab und da- Burgenland trotz seiner überwiegend deutschen Bevölkerung an Ungarn auslieferte, begann eine längere Periode magyarischer Herrschaft, obwohl immer wieder die nlederösterreichifchen Stände gegen die Unterstellung dieses Gebietes unter ungarische Oberhoheit — leider stets ergebnislos — protestierten. Schließlich wurde Ungarn im Vertrag von Trianon verpflichtet, das Burgenland wieder an Oesterreich zurückzugeben. Aber auch hier kam es zu der gleichen Entwicklung wie in all den anderen neugeschaffenen Grenzgebieten Mittel- und Osteuropas. Auch um das Burgenland wurde gekämpft. Irreguläre ungarische Banden widersetzten sich der Wiedervereinigung des Burgenlandes mit Oesterreich. Fünfzig Tote und vierundachtzig Schwerverletzte fielen auf österreichischer Seite in diesem Kampf, bis schließlich das sogenannte Protokoll von Venedig die Durgenland'rage endgültig klärte. Freilich wurde hierbei doch wieder mehr den nicht- deutschen Wünschen, wie sie Ungarn vertrat, Rechnung getragen, indem die Siebt Oebenburg aus dem Gesamtgebiete herausgerissen wurde, so baß bas heutige Burgenland in ber unnatürlichsten Weise in zwei Teile zerrissen wurde.
Eine nähere Betrachtung der Burgenlandfrage zeigt mit eindringlicher Deutlichkeit, baß es sich hier keineswegs um eine Angelegenheit handelt, die etwa nur Oesterreich angeht. Vielmehr ist das Burgen- lanbproblcm für das gesamte Deutschtum nicht nur von grundsätzlicher, sondern auch von außerordentlicher politischer Bedeutung. Denn das Burgenland ist nicht irgendein Grcnzlanb, sondern es ist eine politisch wichtige Schlüsselstellung. Wenn es nach den Wünschen der Panslawisten gegangen wäre, so würde heute das Burgenland ein Dord- unb Eüdslawien verbindender Korridor sein. Hier in diesem schmalen, an seiner engsten Stelle nur vier Kilometer breiten Lanb-
-Berichterstatter.
strich siedeln etwa 40 000, zumeist freilich völlig eingedeutschte Kroaten. Auf diese Kroaten nun hatte man in Belgrad und in Prag ebenso wie auch in Paris Hoffnungen gesetzt. Sie sollten den Anspruch auf einen slawischen Korridor quer durch Mitteleuropa begründen Helsen und sollten eine Sperrkette für das Deutschtum gegen den Süd- often hin bilden. Dun. die slawischen Hoffnungen haben sich als trügerisch erwiesen. Gerade diese ersten zehn Jahre, die das Burgenland wieder zu Oesterreich gehört, haben gezeigt, daß die burgenländischen Kroaten, die keineswegs eine llrbcDölfcrung darstcllen. sondern nach den Türkenkriegen auf ber Flucht au- ihrer kroatischen Heimat sich hier in den von den Türken verwüsteten Dörfern wieder anfiebelten, baß biefe burgenländischen Kroaten von panslawistischen Ideen nicht da - geringste wissen wol- I e tl Fast in allen kroatischen Dörfern des Burgenlandes mußte die österreichische Regierung aus ausdrücklichen Wunsch der Kroaten deutsche Volksschulen errichten, da die Burgenlandkroaten sehr wohl erkannt hatten, daß ihre Zukunft einzigsund allein im friedlichen Zusammenleben mit dem deutschen Volke und in ihrer Durchdringung mit deutsche* Kultur liegen kann.
Wenn auch die geschichtlichen und völkischen Tatsachen die Zugehörigkeit de- BurgenlandeS zu Oesterreich klar erweisen, so werden doch immer noch hier und da Stimmen laut, die dem deutschen Volke den Anspruch auf diese- Land streitig machen wollen. Unb dabei gibt eS doch kaum eine deutschere Landschaft al- diesen äußersten Vorposten der deutschen Ostmark. Schon eine flüchtige Fahrt vom Deusiedlersee bi- hinunter zur burgenländisch-südslawischen Grenze zeigt eine echte deutsche Landschaft. Deutsches Mittelgebirge, mit herrlichen, weithin sich dehnenden Tannenwäldern bedeckt, die Berge mit wehrhaften Burgen gekrönt, die Deutsche einst erbauten, um die Ostmark gegen die andringenden OSmanen zu schützen. Wandert man durch die Dörfer, fo weifen überall die weitläufigen Bauernhäuser mit ihren breiten Torbogen und in ihrer charakteristischen Anordnung von Wohn- unb Wirtschaftsgebäuden auf Den fränkischen Ursprung ihrer Erbauer und Bewohner hin, auf deutsche Vergangenheit, auf deutsche Eigenart. Nichts aber vermag den deutschen Charakter dieses Lande- so klar und eindringlich au erweisen als die Tatsache, daß unzählige Große deS deutschen Geisteslebens im Burgenland entweder geboren, ober wenigstens ausgewachsen sinb und hier ihre geistige Prägung erhalten haben. Es sei nur erinnert an die Damen eines Joses Haydp, Franz Liszt, eines Friebrich Joachim, eines G o 1 b m a r l unb mancher ananderer. Auffallend groß ist ja die Zahl gerade der musikalischen Begabungen, die daS Burgenland hervorgebracht hat. Aber auch auf anderen Gebieten der Kunst und der Geisteswiffenschaft hat daS Burgenland Größen hervorgebracht. So einen 3ofef Kainz, einen Adolf Sonnen- thal. eine Fanny E l S l e r, den Bildhauer Ambrof'i, den Kupferstecher Oefer und schließlich den berühmten Anatomen Hyrtl. Alle sind sie Kinder des Burgenlandes und alle legen sie in ihrem Schaffen Zeugnis ab von dem deutschen Wesen dieses Landes, das trotz jahrhundertelanger fremder Oberhoheit seinen Volkscharakter treu bewahrt hat, wie kaum ein andere- deutsche- Grenzland.
Zehn Jahre haben genügt, um diese- gesegnete Land, das sich wie ein Garten vor den Toren Wiens breitet, zu einem unlöslichen Bestandteil des neuen Deutsch-Oesterreich zu machen. Ausgabe de- gesamten deutschen Volke- wird es sein, dafür Sorge zu tragen, daß auch in Zukunft dieses Land ein Schuhwall bleibt gegen fremde Machtanfprüche. War die Wiedervereinigung de- Burgenlandes mit Oesterreich der einzige Gewinn, den die Friedensdiktate dem deutschen Volke brachten, so erwächst ganz besonders aus diesem Umstande dem deutschen Volke die Pflicht, die natürlichen Bande, die dieses jüngste und doch uralte deutsche Land mit dem deutschen Volksboden verbinden, immer noch enger und fester zu knüpfen.
Wir leben seit einigen Monaten im Zeichen der Dotverordnungen. Vielerlei ist damit in den letzten Wochen geregelt worden, was man früher für unmöglich gehalten hat. Die nächsten Wochen, vielleicht auch Monate werden uns wohl noch ein
reichliches Bündel von Dotverordnungen bringen, da man sich bei dem gegenwärtigen Reichstag nicht allzuviel fachliche Arbeit versprechen darf. Konnte die Reichsregierung nicht auch eine Notverordnung herausgeben, die eine grundlegende Neuordnung der Erwerbslos e n h i l s e brächte, eine Neuordnung zur Wirtschaftsbelebung durch weitgehende produktive Verwendung der Geldmittel der Arbeitslosen
versicherung? Von den Erwerbslosen mochten sicherlich über 90 Prozent gerne arbeiten, wenn sie nur Beschäftigung finden konnten, auch die Privatunternehmer möchten zweifellos ihre Betriebe gerne lebhafter in Tätigkeit sehen, wenn sie nur Aufträge mit fichergestellter Zahlung hereinbekommen würden. Nachdem durch eine Notverordnung der Reichsregierung den Kommunen auch die Kreditquelle bei den Sparkassen verstopft worden ist und anderweitige ausreichende Finanzierungsmöglichkeiten nicht zu sehen sind, ist nur noch der Ausweg gegeben, daß man die Geldmittel der Arbeitslosenversicherung weit erheblicher als bisher zum Zwecke der produktiven Erwerbslosenhilfe in Anspruch nimmt Bisher wurden aus diesen Mitteln nur von Fall zu Fall Zuschüsse gegeben für Arbeiten, bei denen die Lohnkostensumme hoher war als die Materialkosten: in allen übrigen Fällen konnte zur Wirtschaftsbelebung von dieser Seite her keine Hilfe erwartet werden. Hier muß der Hebel mit größter Beschleunigung umgelegt werden. Die Geldmittel der A r b e i t s l o f e n Versicherung müssen für die Folge vor allem die volkswirtschaftliche Funktion erfüllen, in breitestem Ausmaß Arbeit zu er
schließen, denn nur durch Arbeitsbeschaffung kann dem einzelnen, wie dem Volksganzen besser als bisher gedient sein, wobei natürlich für diejenigen, die wirklich keinen Arbeitsplatz finden können, die Hilfe nach der bisherigen Art erhalten bleiben muß. Betrachten wir — um naheliegende Beispiele zu wählen — unsere Gießener Verhältnisse. Der SchulhauSbau in den Eichgärten steht nun schon rund zwei Jahre unvollendet da, weil fein Geld zur Fertigstellung aufzutreiben ist. Hätte man zu diesem Dau teilweise als verlorenen Zuschuß, teilweise alS Anleihe zu einem niedrigen und für die kommunalen Finanzen leicht tragbaren Zinsfuß Kapital aus den Mitteln der ArbeitSlofenverficherung zur Verfügung gestellt, fo hätten bei feiner unbehinderten Fertigstellung zweifellos viele Arbeiter und eine ganze Reihe Betriebe unmittelbar und mittelbar Beschäftigung finden können, unb auS ben befferen Steuerleistungen burch bie prvbuktive Arbeit hätten auch bas Reich, der Staat und die Gemeinde Vorteil gezogen. Schon feit Jahren wird die Errichtung eines Diehhofe- in Gießen als produktiver Betrieb von allen beteiligten Kreisen als dringend notwendig angesehen, er konnte aber bisher nicht gebaut werden, weil auch hierzu bis jetzt noch das Geld fehlt. Wenn auch für diesen Zweck Kapital aus der Arbeitslosenversicherung in der vorbezeichneten Weise Aur Verfügung gestellt werden würde, könnten bei diesem Bau wieder mehrere hundert Arbeiter und ebenfalls eine Reihe von Betrieben direkt und indirekt auf Monate hinaus beschäftigt und dadurch die Gesamtheit nutzbringender befruchtet werden, al- durch die heutige Form der Nur- Unterstützung. Da die Verwirklichung der Gas- fenwerforgung aus dem Ruhrgebiet heute wohl schon als eine erledigte Angelegenheit angesehen werden kann, wird für unsere Stadt in absehbarer Zeit auch die Frage der Errichtung eines neuen Gaswerke- akut werden und mit unausweichlicher Notwendigkeit ihre Lösung erheischen. Beim
Straßenbau ist gleichfalls viele- zu tun, wa- in den letzten Jahren nicht geleistet werden konnte. Zu denken wäre evtl, auch an eine großzügige Aktion zur Renovierung der allen Wohnhäuser, wobei natürlich ein Weg gefunden werden muß, auf dem die Verrechnung ber Kosten in einer für alle Teile annehmbaren Weife erfolgen kann. In all diesen Fällen könnte auch wieder burch Finanzierung' aus Der ArbeitSlofenverficherui^ bie Wirtschaft belebt unb vorangebracht werben, fo baß man au- den Unternehmungen nicht nur Gelb herauSztehen, fonbern es auch wieder binein- leiten würde. Selbstverständlich kann es stch bei dieser Art der Finanzierung nur um notwendige Arbeiten, nicht um die Befriedigung irgendwelcher kommunaler Luru-bedürfnisfe handeln. Aehnlich wie in Gießen, werden die Verhältnisse zweifellos auch in vielen anderen Gemeinden und bei sonstigen öffentlichen Körperschaften liegen. Wenn mang alle biefe Arbeiten zusammenfaßt, fo ergibt sich zweifellos eine gewaltige Menge von probuktiven Schaffensmöglichkeiten, bie nur auf finanzielle Ankurbelung warten müllen, um wirifchaftS- bclebenb unb für bie Dolk-gefamtbeit nutzbringend au wirken. Sehr viel spricht dafür, baß biefe« Ziel in verhältni-mäßig kurzer Zeit erreicht werben kann, wenn man sich zu einer durchs Qteifenben Reform ber Arbeitslosenversicherung unb zu einer Derwenbung ihrer Delbmittel in ber vorbezeichneten Art entschließen wirb. Eine solche Reform wirb auch al- sinnvolle soziale Tat zu bewerten sein, ba sie bie ArbeitSbe- schassung begünstigt unb an Stelle deS heutigen Unterftützung-prinzipS den Grundsatz ber produktiven Krästeausnutzung seht, hierdurch aber ben A st stützt unb stärkt, a u f dem unsere gesamte Volkseri- stenz ruht Möchten bie berufenen Stellen möglichst schnell zu einer solchen Reform kommen, bie ben wahren unb wohlverstandenen Interessen deS einzelnen, wie der Gesamtheit dcs DolkeS entspricht!
Roikundgebung der Kreisbauernschast Wetzlar
Q Wetzlar, 11. Sept. In der .Alten Post- sand gestern eine gut besuchte Versammlung der Kreisbauernschaft statt, die sich mit der Notlage der Landwirtschaft, den örnte- schäden und der Absatzkrise beschäftigte. Nach einem Vortrag von Geschäftsführer Schmidt, Wetzlar, und einer lebhaften Aussprache wurde eine Entschließung angenommen, in der eS u. a. heißt: ..Die Vertreter der Bauemschast deS Kreises Wetzlar befaßten sich mit der gegen* toärtigen Notlage deS Landvolke- in unserem Kreise. Die Ursachen dieser Notlage erblickt die Versammlung u. a. In ber seit über zehn Jahren geführten verfehlten Wirtschaftspolitik, In der Benachteiligung deS Landvolkes und der Landgemeinden in der Kommunalpolitik, in einer vielfach unverantwortlichen AuSgabenwirtfchaft der öffentlichen Hand. Der bprozentige Steuerzuschlag wird als eine große Härte empfunden. Weiter vermißt man eine durchgreifende VcrwaltungS- reform, verbunden mit den notwendigen Sparmaßnahmen. In diesem Jahre ist durch daS anhaltende Regenwetter die Notlage des Landvolk- noch wesentlich verschärft worden. Infolge dieser Notlage fordert die Vertreterversammlung die restlose Umkehr von der seitherigen Zoll- und Handel-Politik, die Abkehr von der Erfüllungs- politik, Erklärung deS Kreise- Wetzlar als Notstandsgebiet, die sofortige Beseitigung dcS 120prozentigen Steuerzuschlag-, die Herabsetzung aller Gebühren, Schaffung eine- gerechten Finanzausgleich-, die Bereitstellung von Mitteln zur Pacht- und ZinSsenkung auf eine für dia Landwirtschaft tragbare Höhe unb schließlich ben Abbau bes Verwaltungsapparates, Abbau ber Beamtengchälter unb Rückkehr zum alten, pflichtbewußten Beruf-beamtentum.
Weiterhin würbe in ber Versammlung beschlossen, innerhalb der Ortsbauernschas- t e n einen Landschutz zu bilden, zum S t ße der Ernte.»
lieber die geplanten HilsSmaßnahmen für den Winter referierten die Kreistag-abgeordneten Drall, DiSkirchen. und G a ß. Dutenhofen. Zum SCßluß wurde noch über Absatzfragcn, über die Mahllöhne und die Erhöhung der Provinzial- Diehabgabe gesprochen.
Oe Dillenburger llnterschlagungsaffäre.
Der oerunlreufe Befrag beläuft sich auf 90000 Mark, weitere Verhaftungen.
WSN. Dillenburg, 11. Sept. Um falschen Gerüchten entgegenzutreten, wird von amtlicher Seite mitgeteilt, daß die Unterschlagungen des OberrentmeisterS Zwanzig sich auf etwa 90 000 Mark belaufen. Daß die Verfehlungen bei früheren Revisionen nicht aufgedeckt wurden, ist darauf zurückzu'ühren. daß die Fälschungen in äußerst raffiniertet Weife vorgenommen wurden. Außerdem wurde die Aufdeckung noch besonders dadurch erschwert, daß der Oberrentmeister als Kassenführer mit zwei Angestellten, die er zu Falschbuckungen a n - hie 11.gemeinsame Sache gemacht hat. Ob diese beiden Angestellten für ihre Mithilfe geldliche Vorteile erhalten haben, muß die weitere Untersuchung ergeben. — Ter Sohn des Oberrentmeister- Zwanzig, Sägewerk-befihcr Heinz Zwanzig, wurde am Mittwochnachmittag ebenfalls verhaftet. Er steht im Verdacht der Verschleierung und der Mittäterschaft. Auch gegen feinen Geschäftsführer lagen zunächst Verdachtsmomente vor, doch hat die Qkr- nehmung ergeben, baß er mit den Verfehlungen nicht- zu tun hat. In den Bureauräumen oes Sägewerkes und in der Privatwohnung Zwanzig wurden Haussuchungen vorgenommen. Die Bewei-material zutage fördern sollten. Sämtliche Geschäftsbücher wurden befcßlagnahmL Der Oberrentmeister hatte für feinen Sohn mehrfach Bürgschaften übernommen, die naturgemäß jetzt durch den Gang der Dinge verloren fein dürften. Der Gläubiger hatte sich daher nach dem Bekanntwerden feiner Verhaftung starke Erregung bemächtigt, die in großen Anfammlun. aen vor dem Sägewer k in Frohnhausen chren Ausdruck sand. Man begann bereits damit, unter den vorhandenen Holzvorräten aufzuräumen, so daß sich die Polizei zum Einschreiten genötigt fah.


