Ausgabe 
12.9.1931
 
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Nr. 2(3 Awelles Blatt

Gießener Anzeiger (Generai-Anzeiger für Gderhessen)

Samstag, 12. September 1931

die Renais-

nfprud) auf-

Dieser Mann ist in glänzender 6tim.nang;

ganze Weile pfeift er vergnügt vor sich hin. bann wendet er sich an seinen Nachbar:

sich

der

bat. eine

.Na, waS sagen Sie nun?" wendet er triumphierend an den älteren Gentleman.

.Da kann man nichts machen!" antwortet allere Gentleman a Helzuckend.

Ein paar Wochen danach arbeiten die beiden in einem anderen Park. Sie haben ihren Wett- coup soeben bei einem fetten, begüterten Neger gelandet. Der Gerupfte entfernt sich kopfschüt­telnd. und die beiden Kompagnons sind ixtbei, die Deute zu teilen, als der Dllck des einen auf den älteren Gentleman mit den weihen Gamaschen fällt Der ältere Gentleman lehnt vom Duschwerk halb verdeckt seitwärts der Dank an einem Daum stamm. Er Hal die Arme auf der Dru ft verschränkt: langsam nimmt er die Pfeife aus dem Wunde, spuckt aus und sagt:

»Feines Ding das!"

Der Wann mit dem Deutel voll Militärknöpfen erhebt sich: er kratzt verlegen sein Kinn.

Freiwilliger Dienst im Arbeitslager.

Ein Versuch der Tübinger Studentenschaft. - Gemeinsame Notstands­maßnahmen von Studenten und Arbeitslosen. Gute Erfolge in Münsingen.

Sr erhebt sich und geht mit langen Schritten seiner Wege. Al- er auher Sicht ist, greift der Handelsmann in die Ta'che, zieht eine Fünfzig­dollarnote und reicht sie feinem Nachbar:

.Alles in Ordnung. Dilly, fifty für dich und fifty für mich!"

Oie Wette.

Von Georg Mühlen-Echulie.

Eine Dank in einem öffentlichen Park Neuhorks Zwei Müßiggänger auf der Dank: Gin älterer Gentleman in grohfaricrtern, gutsitzendem 6!)e- viot und weihen Gamaschen: er raucht seine Stummelpfeife und lieft in einer Zeitung. Ein anderer Mann: Typus des gutmütig-schlauen

fein; ich wußte im ersten Moment Bescheid über den Durschen... Da, jetzt verschwindet er drüben Putschen den Tamarinden!... Der Himmel segne Sie wegen Ihrer Einfalt! Den Deutel mit den Dollars sind Sie los."

»Ich bin ihn nicht los Wahrscheinlich finb Sie noch nicht lange in diesem Lande, werter Herr. Sie wissen nichts von dem Sportsgeist seiner Dewohl r. Passen Sie auf, gleich sehn wir ihn Wiek ?r ...!

.Nie im Leben sehn wir ihn wieder: er ist getürmt.

.Er ist nicht getürmt.

.Hundert Dollar- wette ich, dah er nicht zurückkornrnt!"

.Hundert Dollar- dagegen!

Die beiden deponieren die Weitbeträge tm Hut des Salbenhändlers. Sie warten. Sine Minute. Zwei QEinuten.

Da taucht am andern Ende des Tarnarinden- aebüschs der Läufer auf. Er hat noch immer den Arm ausgestreckt, und in der Hand hält er den Deutel. Mit keuchenden Lungen kommt er heran. Am ganzen Leibe zitternd, läht er sich auf die Dank fallen.

.Sie haben gewonnen!" stöhnt er. .Da haben Sie Ihren Deutel wieder: er ist doch schwerer, als ich dachte."

Der Händler streicht die gewonnenen Gelder ein.

entstand teils gar nichts, teils Verschrobenes, Hohles; das beweist aber nichts gegen das Mittelalter oder gegen die Möglichkeit einer Wiedergeburt von Ver­gangenem, sondern das mangelhafte Ergebnis kam daher, dah er etwas Verschwommenes auf ver­schwommene Weise wollte und dah der rechte zlugcnblicf nicht da war

Wenn der rechte Augenblick da und die Tendenz klar und stark ist, können, glaube ich, ge­rn sse Grundideen und Örunbneigungen, die in einem Volk liegen, wenn sie auch längere Zeit aus seinem Bewußtsein verdrängt waren, wieder an die Oberfläche kommen und sich neue Formen schaffen. Tas Volk hat ein Gedächtnis, in dem sich das Wesentliche erhält, wie sehr es auch im Lause der Jahrhunderte umgebildet wird, klassenloser Staat, Despotismus, Diktatur, sei es Diktatur des Kapitals oder des Proletariats, Zentralisation, das ist dem Gedächtnis des deutschen Bürgertums fremd; nicht

nun das Ursprüngliche in den Schichten der Zeit sich erkennbar erhalten hat, ist es natürlich leichter, es wieder zu benützen, als wenn es ganz verschüttet war. Darüber, ob das Alte in die neue Zeit passen wird, kann man unbesorgt sein; dieselbe Idee schafft sich in verschiedener Zeit auch oerscyiedene Formen, selbst wenn ihre Vertreter das gar nicht beabsich­tigen. Ein bekanntes Beispiel dafür ift ~ fance, eine Bewegung, die mit dem 21 ,, trat, das Altertum wiederzubrinaen, aber etwas ganz Neues brachte, indem sie mit dem, was sie bekämpfte, teilweise verschmolz. Als Friedrich Wilhelm IV. das Mittelalter wiederbringen wollte,

»Was sott man machen, lieber Herr", sagt er weinerlichen Tones, .die Zeiten finb schwer, und Frau und Kinder wollen leben. Wir haben Sie neulich reingelegt, da- ist ja wohl nicht zu leugnen; aber Sie sollen sehn, dah Sie es mit ehrlichen Männern zu tun haben... DilÜ), gib dem Herrn feine hundert Dollar- wieder!"

Dedächtigen Schritte- kommt der ältere Gent­leman au- dem Gebüsch hervor. Sr spuckt noch einmal auS und antwortet.

.Dehalten Sie das Geld! Ich habe inzwischen Ihre Idee von Professor Nobody- Gesichäsrvems verwertet und zehntausend Dollar- damit ge­macht!"

Freundlich lächelnd entfernt sich der ältere Gentleman.

Kleingeldmachers, mit einem offenbar ziemlich schweren grauen Leinewandbeutel aus i K den, um den er schützend beide Hände egt

Qpernveginn

am Hessischen Landestheater.

Die Opernspielzett 1931 32 eröffnete da- Hes« fische Landestheater mit der lokalen Erstaussuh- rung von DerdisM acht des Schicksals in der Neufassung Franz Werfels. General­musikdirektor Karl Maria Z w i h l e r hatte durch einige glückliche Striche eine straffere Zusammen­fassung der Handlung erreicht, die der Derständ- lichkeit des immer noch reichlich verworrenen Libretto- sehr zustatten kam. Wenn die Auf­führung trotzdem die Dauer eine- normalen Opernabends überflieg, fo lag dies an den zwar überaus wirkungsvollen, aber technisch recht kom­plizierten Bühnenbildern W Ihelm N e i n k i n g s. Die Ins-enierung Arthur Maria N a b e n a l t S sorgte durchweg glücklich für die Klarmachung des dramatischen Geschehens, wozu allerdings auch Zwihlers feinfchcrttierende Stabführung bei­trug, die jedes gesungene Wort voll verständlich werden lieh. Die Besetzung der Hauptrollen ist von einigen kleinen Mängeln abgesehen ganz ausgezeichnet: an erster Stelle ist die ge­sanglich und schauspielerisch gleich vollendete Leo­nore Anita M i t r o v i c s zu nennen; ihr eben­bürtig der prachtvolle Bariton Johannes Drath als Don Carlos: in einigem Abstand der stark nasalierende Tenor Dr. Hermann A11menroth als Alvaro. 3n den kleineren Partien stehen (n Theo Hermann ein stimmlich überragender Pater Guardian, in Heinrich Kuhn ein köstlicher Fra Melitone und in Regina Harre eine ras­sige Preziefilla im Ensemble. Die grandiose Wiedergabe fand starken, wohlverdienten Beifall eines erfreulich gut besuchten Hauses.

.Schöner Tag heute!"

,3a."

.äleberhaupt schöner Sommer."

.Ja."

.Die auf dem Lande werden eine gute Obst­ernte kriegen."

,3a.

.Aber wir in der Stadt wissen auch die Bäume zu schütten."

Der Mann klopft schmunzelnd auf feinen Deutel.

»Alles Dollars, werter Herr!"

.Da können Sie lachen."

»Tu ich auch. Ack.tundneunzig Prozent davon find reiner Verdien^. Was kostet denn schon sone Waschschüssel voll Himbeergelee, nicht wahr?!"

.Wieso Himbeergelee?"

.Ach richtig, Sie wissen ja nicht...!"

Der Sprecher zwinkert pfiffig mit dem einen Auge, guckt sich nach rechts und nach links um. neigt sich ein wenig zu seinem Nachbar und sagt halblaut:

..Es bleibt aber unter uns: Ich habe mir von meiner5rcRi fünf Pfund Hjmbeergelee einkochen la fen, dann habe ich alles in Schächtelchen ge­füllt. einen kleinen Schreibmafchinen-Prospekt über Professor Nobodys berühmte Gesichts.reme dazu- getan und das Zeug, Stück um Stück für einen Dollar, an der Straßenecke abgesetzt. Der ganze Derkaus dauerte bloß eine Viertelstunde. Cm war gerade nach Geschäftsschluh, und an meinem . Stande kamen herdenweise weibliche Angestellte vorbei. Ich erkläre Ihnen, die Dinger haben mir die Ware buchstäblich aus der Hand gerissen."

Der ältere Gentleman schüttelte den Kopf.

»Me Menschen fallen auch auf jeden Schwindel rein", meinte er.

»Da können Sie drauf schwören! sagte der andere.

Dann trat Schweigen ein. Ein dritter Mann

Durch alle Stadien hindurch, die ein Volk fowie ein einzelner Mensch durchläuft, bleibt ihm ein Wesenskern erhalten, und ich glaube, nur au /n>er die von diesem Kern ausgebt kann es Großes erreichen. Insofern ist das Uralte immer Das Junge, es ist das, was immer wiederkehrt wie Die Sonne, die immer die alte Sonne ift und jeden Morgen neu erscheint. Das Wort alt bezeichnet etaas Häßliches, Verworfenes, wenn es sich auf bas Abgetragene, Starrgewordene, Schalgewordene bezieht; aber es bezeichnet auch etwas ewig Lebendiges, siegreich Ueberdauerndes. So ist " 3° erfiären, dah Goethe zuweilen England als bas Land der Überlieferung, zuweilen Amerika als das Land ohne Ueberlieferung pries. Man hat unrecht, die Geschichte wie einen Kramladen anzu- sehen, in dem jedes alte Fell ausgestopft und Fasern und Schnitzel einbalsamiert werden; vielmehr soll sie den Strom des Geschehens läutern und das ge­wonnene Gold leuchten lasten.

Im Wechsel und vom Wechsel lebt der Mensch, es muß fortwährend Altes absterben und Junges aufkeimen, nur sollte nicht gerade das Er­probte und Bewährte roeggeräumt werden, und das Iunae sollte wirklich jung und belebend und nicht um des Widerspruchs willen widerspruchsvoll fein, fjaufig wendet sich die Jugend gerade gegen das alte, bas ewig und heilig ist, und versteht sich gut mit dem Alten, das starr und stumpf ist. Der Vor­gang des Wechsels, der dem Leben angemesten ift, ift weniger ein Ersetzen des Alten durch ein anderes, als ein D e r i ü ngen von etwas Bleiben- dem. In der Bibel, die gewiß ein Buch der Tradi­tion ist, wird als schönste Verheißung das Wieder­jungwerden wie ein Adler angeführt und als frohe Botschaft verkündet: Siehe, das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden!

Die Bedingungen werden für beide Gruppen der Teilnehmer die gleichen sein. Aemter und Aus­gaben werden verteilt nicht unter Begünstigung Der «tudenten. sondern nach dem Maßstab der Wert- Hastigkeit des einzelnen Lagerkameraden fürs Ganze.

Es wird gemeinsam gearbeitet, gegessen, geschlafen. Ebenso sind gemeinschaftlich die gymnastischen und musischen Hebungen, die Borträge und Aussprachen. Daneben ist genügend Zeit für das Alleinsein und für die Einzelfreundschasten frei.

Die unterste Einheit ist die Rotte, bestehend aus fünf Arbeitslosen und fünf studentischen Hager- kameroden, die sich zusammenfinden und ihren Sprecher bestimmen. Diese Rotte arbeitet gemeinsam, schläft gemeinsam und ist auch beim Esten am selben Tisch vereinigt. Gemeinsame größere Angelegenheiten werden vor dem L a g e r t a g . dem alle Kameraden angehören, zur Sprache gebracht. Der C a g e r f ü b - r e r wird von der Studentenschast gestellt; er hat die letzte Entscheidung und Verantwortung, er arbeitet zusammen mit den beiden je von Arbeitslosen und von den studentischen Lagerkameraden gewählten Vertretern. Es ist ersichtlich, daß wir uns das Ar­beitslager bestimmt denken von der Idee einer neuen Staatlichkeit. So sehr Parteipolitik abgelehnt wird, ebenso sehr wünschen wir in diesem kleinen Rahmen zur Bildung des politischen Men­schen. dH. des gemeinschaftoerpslichte- len, beizutragen. So glauben wir bas Grundübel der Zeit getroffen zu haben, indem wir an Stelle von Vereinzelung und Vermassung die verantwort, liche Persönlichkeit und die Gemeinschaft des Ganzen

Was für den gesamten freiwilligen Arbeitsdienst gesagt werden muß, gilt auch hier: an der Wiege dieses Kindes darf nicht der moderne Aberglaube an Maste und Zahl, Verordnung, Bureaukratie und Ra­tionalisierung Pate stehen. Es kommt hier allein auf . bie schöpferische lat der Freiwillig­keit und der Freiwilligen an.

Wir sind uns bewußt, daß die Aufgabe eine sehr schwere ist, und daß otel Skeptizismus und Miß- trauen überwunden werden muß. Vielleicht wird das Wunschbild der gemeinschaftlichen Lagerkamerad­schaft gar nicht erfüllt werden, so wie wir es wün­schen und anstreben. Trotzdem und im Angesicht der Schwierigkeiten wollen wir den er st en Versuch wogen. Was für frühere studentische Generationen das Gemeinschaftserlebnis der Front und bas Werk- ftubententum nach feiner ibeeUcn Seite hin bedeutete, kann für die jetzige Generation die Heimat­dienst s ch a s t werden-

Als Arbeitsort ist Münsingen festgelegt war- den. Ein Waldweg soll dort chauffiert werden. Die Arbeit erfüllt unbestrittenerweise alle Voraussetzun­gen einer zusätzlichen Notstandsarbeit (s. o.). Mün­singen selbst wird einige Vorarbeiter stellen; darüber hinaus kann die Gemeinde keine Unterstützung leisten, da sie durch Stillegung des dortigen großen Zement­werks finanziell geschwächt ist.

Das Landesarbeitsamt Stuttgart hat alle Vorbereitungen mit außerordentlicher Initiative gefördert. Das Rektorat der Universität und der Dermögensbeirat Haden uns ihrer Unter­stützung und Förderung versichert. Ebenfalls haben unsere Bemühungen bet württemdergischen Mini- ft er i en und bei der O b e r f o r st d i r e k t i o n größtes Entgegenkommen erfahren. Gemeinsam für alle Lagerkameraden ist frei: Fahrt, Unterkunft, Ver. pflegung, Arbeitskleidung, Versicherung. Die Arbeits- losen erhalten laut Notverordnung § 139a und Aus­führungsbestimmungen 50 Pf. Taschengeld für den Tag. Gearbeitet wird täglich sechs Stunden an dem Waldweg.

e

Soweit das Ziel, das sich die Tübinger Studenten­schaft gesteckt hatte als sie zu Beginn der Univer- fitätsferien an bie Verwirklichung des Planes schritt. Nun nach mehrwöchigem gemeinsamen Zusammen- leben es sind 65 Freiwillige davon die Hälfte Studenten und die Hälfte Erweroslose, kann bereits gesagt werden, daß es nicht nur ein Wunschbild ge- olieben ist, sondern daß die Zeit und die Jugend reif war für den Plan eines solchen überparteilichen.

Aus der am Freitag veröffentlichten lieber- sicht werden unsere Leser mit Genugtuung erfahren haben, daß in diesem Sommer in vielen Gegenden Deutschlands in Arbeits­lagern bie ersten Versuche mit b e m freiwilligen Arbeitsbien st durch- geführt worden sind. Neben großen national­politischen Verbänden, wie dem Iungdeutschen Orden, dem Stahlhelm und den Organisa- tionen, die seit Jahren den Arbeitsdienst- gebauten gefördert haben und jetzt vor den ersten Möglichkeiten praktischer Verwirk- lidjung stehen, haben sich vor allem die S t u- beuten ans Werk gemacht. Als typisch für Geist unb Wollen eines solchen studentischen Arbeitsdienstversuches geben wir im folgen- den einige Stellen aus einer Veröffentlichung desHeimatdienstes der Tübinger Studenten­schaft'' wieder.

Die Tübinger Studentenschaft, überzeugt von der Notwendigkeit der Aufgabe, hat beschlossen, in den Sommerferien dieses Jahres ein freiwilliges Arbeitsbien st lager durchzuführen. Es wer- den im August und September je eine vierwöchige Kolonie von je 50 Mann, von denen die Hälfte Arbeitslose f e in sollen, eingesetzt werden. Es wird ein von Grund auf gemeinschaft­liches Lagerleben angestrebt, um die Teilnehmer zur gegenseitigen Erkennlnis ihrer Art und ihrer Stände und in gemeinschaftlichen Dienst für Heimat unb Volk zur Ueberroinbung der sozialen Vorurteile zu führen.

Dazu soll bienen die gemeinsame Arbeit an einem Projekt, das die Bedingungen einer zusätzlichen Notstandsarbeit erfüllen muß, d. h. die Arbeit darf unter keinen Umständen dem Egoismus eines einzelnen oder einer Gruppe verschachert werden.

Oer Wille zu deutscher Tradition.

Don Ricarda Huch.

Die Dichterin läßt unter dem Titel Deutsche Tradition" bei Erich Lichtenstein, Weimar, soeben einen längeren Essay er­scheinen In dem sie einen kulturgeschicht- Iichen lleberblick über bie den deutschen Irabitionsbcgriff formenben unb zersetzen- den Mächte der letzten fünf Jahrhunderte gibt Aus dem letzten Teil der kleinen Schrift oeröffentließen wir den folgenden Abschnitt:

Was soll uns überhaupt Geschichte und Tradition? So wird vielleicht die Mehrzahl der modernen Men­schen sagen, da wir die Vernunft haben, welche der untrüglichste Maßstab ist. Darauf läßt sicher- widern: Vernunft bedeutet: jedem feine eigene Mei- nung und infolgedessen unentwirrbares Streiten und Zersplitterung in unvereinbare Parteien. Tra­dition ist die gesiebte Vernunft des gesamten Volkes, sie trägt die Seele, den Grundwillen des Volkes aus einem Jahrhundert in das andere. Deshalb kann man sich für sie be­geistern; für die Einfälle eines einzelnen begeistert |i<h> in der Regel nur der, der sie hat, unb viel­leicht eine kleine Sekte; Begeisterung aber ist eine Kraft, bie Berge verseht.

Hiergegen wird mein Gegner einwenden, ob ich nicht die Verse aus demFaust" kenne:Es erben sich Gesetz und Rechte Wie eine ewige Krankheit fort Sie schleppen von Geschlecht sich au Ge- schlechte Und rücken sacht von Ort zu Ort. Vernunft wird Unsinn Wohltat Plage Weh dir, daß du ein Enkel bist Vom Rechte, das mit uns geboren ist Von dem ist leider nie die Frage." Dagegen ist erstens zu sagen, daß diese Worte Mephistopheles in den Mund gelegt sino, woraus schon hervorgeht, daß sie cum grano salis Zu verstehen finb. Sodann muß man unterfcheiden Zwischen dem, was lebendig bleibt und f o r t ro i r 11, unb dem, was sich ansetzt unb er­starrt, vieles Ueberkommene verliert unter veränder­ten Umständen seinen Sinn und seine Kraft und muß bann weggeräumt werden ... Macchiaoelli hat einmal gesagt jedes Volk müßte von Zeit zu Zeit zu seinen Quellen zurückkehren; denn in seinen Anfängen fei jedenfalls etwas Gutes und Produktives gewesen, weil sie sich sonst nicht aus­gebildet und fortentwickelt haben würden. Wenn

sondern muß dem gemeinen Nutzen b i e n ft- bar fein. Es barf durch das Arbeitslager keine unlautere Konkurrenz für die Arbeiterschaft ent­stehen, da ein dadurch entstehender Lohndruck unter allen Umständen vermieden werden muß. Deshalb soll die geplante Arbeit einen N o t st a n d besei­tigen, der aber bei den tatsächlich vorhandenen Tut­teln und bei der, geldwirtschaftlich betrachtet, geringen Rentabilität des erstellten Werkes (Land- und Forst­wirtschaft) nicht durchgeführt werden könnte.

Die Arbeit wird aber nicht Selbstzweck sein, fon- dem sie wird untergeordnet demgemeinschaft- Iichen Leben. Es wird Verbundenheit und Ka- meradschast der Lagerteilnehmer angestrebt durch gegenseitiges Nehmen und Geben. Der Student soll von seiner intellektuellen und städtischen Ein­seitigkeit gelöst werden durch körperliche und erboer- bunbene Arbeit unb durch Das Zusammenleben mit den Volksgenossen, die als Arbeitslose die Not eines sinnlos und inhalllos gewordenen Daseins zu tragen haben. Die arbeitslosen Lagerkameraden möch­ten wir durch das g meinfame Leben befreien vor allem von dem seelischen Druck ihrer Lage.

Deshalb wird Lagerleitung und Lagerleben par­teipolitisch streng neutral fein. Das Lager soll jenseits von rechts und links stehen: niemand soll feiner Ueberzeugung durch Ueberrebung entfrembet werden, jeder aber so wünschen wir, soll die Ahnung eines gemeinschaftlichen und gegliederten Ganzen empfangen, dem der einzelne sich unterordnen muß, weil er fein Leben unb feine Würde nur von Leben und Würde des Ganzen empfangen kann. Partei­politische Zerrissenheit soll nicht aufkommen können. Deshalb wird die Freizeit (da nur sechs Stunden gearbeitet wird, ist genügend Zelt dafür vorhanden) durch gemeinsame sportliche und musische Uebungen (Sing, unb Spielgruppe) ausgestaltet werden.

Hütte sich zu den beiden gesetzt: er war mit etwas salopper Eleganz gekleidet und hatte eine herr­liche Di sage für einen 6elbrief. Sr rauchte eine Virginia: die Hände hatte er in den Hosentaschen, und die Deine ftreefte er lang aus.

»Haben wohl Flöhe in t ?;n Sack da, daß Cie so auspassen?" meinte er zu dem Gesi ','screrne- hgndler.

.Nein.

»Oder Whisky, was?

»Auch nicht."

»Na, vielleicht Dollars.

»Ja, Dollars!"

»So so, Dollars! Dah ich bloß m_;. l-^le! »Wieso lächeln?"

»Mensch, wenn da Dollars drin sind, bann wiegt der Deutel einen halben Zentner."

»Wiegt er auch."

»Machen Sie doch keinen Quatsch! Da würden Ihnen ja die Deine abfter.en."

»Na, heben Cie doch mal an!

Für einen Augenblick gab brr Geschäftsmann seinem Nachbar ben D:u el in die Hand. Der Mann mit der Virginia wog iyn prüfend, bann gab er ihn zurück.

»Höchstens zwanzig Pfund!" erklärte er.

»Mindestens fünfzig!"

»Zwanzig Pfund, nicht ein Gramm darüber. Ich habe das im Gefühl. Ich war Athlet, drüben in Coney Island: ich hatte den ganzen Tag mit Gewichten zu tun.

»Schöner Athlet! Del Ihrer klapprigen Figur?! Sie halten den Deutel keine halbe Minute im ausgestrcckten Arm."

»Ach denken Sie mal an! Sie haben einen Dlick wie ein Douillonauge. Ich erkläre Ihnen, ich renne mit dem Deutel im ausgestreckten Arm zehnmal um das große Rasenrondell herum."

»Ausgeschlossen! Ich, wette fünf Dollar, dah Sie es nicht fertig bringen."

»Fünf Dollar dagegen!"

Der Mann bezahlte, ftanb auf, zog sich um­ständlich die Hofen hoch, nahm ben Deutel in die rechte Hand, streckte mit einem Ruck ben Arm aus unb rannte loS. Als er ein ganzes Stück weg war. sagte ber ältere Gentleman:

»Hören Sie mal zu, lieber Freund. Sie haben doch bestimmt einen kleinen Paradiesvogel da oben?!"

»Wieso denn?"

»Na, denken Sie vielleicht, der Wann kommt wieder mit dem Deutel?"

»Natürlich kommt er wieder.

»Reden Sie sich ein! Natürlich kommt er nicht wieder. Ich rühme mich, ein Menschenkenner zu

aber Freiheit als frslwUUae Bindung an e,n höheres Ganzes, Genostenschasts- wesen, Ausgleichung der Gegensätze, Mannigfaltig- kett anstatt «yslcm unb Reichsbewußtsein ...

£.-«.« ler bieichsbewußtsetn ober Reichsge- uhl verstehe ich bas Bewußtsein, bem Reich anzu- schören, bas bie Mitte (Europas bildet, bas ver- ch'ebene Nationen in sich ausgenommen hat unb in anbere sich ahne beutliche Grenze hineinerstteckt. unb bas beshald unb als Mitte bie Ausgabe hat, Europa zu vereinigen. Das Reich ist kein zentral!- tischer Grohstaat, ber einer überhitzten Maschine stricht, bie losrasen muß, um nicht zu platzen; es st stark unb in allen feinen (Bliebern lebendig unb tätig, aber als Ganzes vorzugsweise ruhenb. Es hat als vornehmste Aufgabe bas Recht unb bie Pflicht, ben Frieden zu wahren unb bie Macht unb ben Reichtum, denen ohnehin nachgetrachtet wirb, in ihren Ausschreitungen zu beschränken. Ich glaube' dah ein solches deutsches Reichsbewuhtsein bester als europäischer Deist und Völkerbund den europä­ischen Frieden wahren könnte, soweit bas möglich ist.

Die Deutschen sind nicht unpolitisch sie finb vielmehr auf politischem und sozialem Gebiet originell und probuttio gewesen, wo sie ihren Wir- kungskreis überblickten; aber auch das gehört zum Deutschen baß er gründlich ist und deshalb leicht versagt, wenn er bas nicht sein kann, weil er in zu große Verhältnisse gestellt ist, bie er nicht überblicken unb kennen kann. Wenn die Deutschen auch das Volk der Denker unb Dichter sind unb sie finb es sicherlich, so nicht in bem Sinne, daß sie notwendig unpraktisch unb unpolitisch sein müh­ten, sondern insofern, als sie die ideellen Guter über bie praktischen fteUen natürlich ohne bie materiellen zu mißachten. Wenn sie eine überroiegenb materielle Richtung einschlagen, Haden sie ein schlechtes Gewissen.