Einzelbild herunterladen

mentarische Delegation bei Doumer, um die Gründe auseinanderzusetzen, die Briand doch zur Annahme der Kandidatur veran­laßt hatten. Briand selbst hätte bei der Be­sprechung mit der parlamentarischen Kommission darauf hingewiesen, daß er mit Paul Doumer freundschaftlich verbunden sei und ihn sogar selb st ermutigt habe, zu kandidieren. Des­halb muffe er seine Freunde bitten, sich mit dem Senatspräsidenten in Verbindung zu sehen, um ihm darzulegen, unter welchen Bedingungen er veranlaßt worden sei, vem Drängen seiner Freunde, zu kandidieren, nachzugeben, und be­sonders darauf hinzuweisen, daß dieser ^Wett­bewerb für Doumer nichts Verletzendes haben könnte. Die Delegation bat Doumer, von seiner Kandidatur gegen diejenige Briands abzu- stehen. Doumer hat es jedoch ab gelehnt, auf seine Kandidatur zu verzichten, und erklärt, daß er sie trotz der Kandidatur Briands auf­rechterhalte. Seiner Ansicht nach sei Briand besser am Platze im Außenministe­rium, um dort das wichttge, von ihm seit vielen 3ahren geleitete Werk fortzusetzen. In­folgedessen halte er, Doumer, seine Kandidatur für die Präsidentschaft aufrecht Und überlasse cs den Wählern, sich zu äußern.

Gute Aussichten für Briand.

Briand versichert sich seines Wahlerfolges.

Paris. 11. Mai. (TU.) An dem Schritt der Linksgruppen der beiden Häuser hat sich wider Erwarten die demokratische Linke des Senats, die fast die Hälfte der Mitglieder des Senats umfaßt, nicht beteiligt. Die Gruppe hat vielmehr eine Entschließung angenommen, in der zum Ausdruck kommt, daß die Mitglieder beim ersten Wahlgang vollkommen freie Hand behalten, während sie im Falle eines zweiten Wahlganges für denjenigen Linkskandidaten stim­men werdmr, der die meiste Aussicht auf Erfolg hat. Man hätte annehmen sollen, daß der Außenminister sich unter diesen Umständen weigern würde, die Kandidatur anzunehmen. Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, daß die Wahl in Versailles st r e n g g e he i m ist und weder der Schritt der Linlsgruppen, noch die aus­weichende Haltung der demokratischen Linken des Senates maßgebend für den Ausgang der Wahl sind.

Die Entscheidung des Außenministers durfte wahrscheinlich durch den Einfluß gewisser hoch­stehender politischer Persönlichkeiten bestimmt wor­den sein, mit denen er im Laufe des heutigen Montags eingehend Rücksprache gehalten hat. Der ehemalige Kriegsminister Painlevö, der jetzige Finanzminister F l a n d i n, Kriegsminister Magi not und Landwirtschaftsminister Tar- d i e u statteten im Laufe des heutigen Tages dem Außenminister Besuche ab. Sie haben ihm wahr­scheinlich ihre volle Unterstützung zu­gesichert. 3n politischen Kreisen nimmt man an, daß der parlamentarisch erfahrene und in allen seinen Entschlüssen sehr vorsichtige Außen­minister sich vor der Zusage gewisser Ga­rantien für denWahlerfvlg ver­sichert hat. Es sei also anzunehmen, daß eine vorbereitendeSt im men zähl ung" hinter den Kulissen die notwendige absolute Mehrheit ergeben habe.

Briand will sich in Genf verabschieden.

Paris. 11. Mai. (Haras.) In der Umgebung Briands erklärte man. daß der Beschluß des Außen- Ministers, für die Präsidentschaftswahl zu kandidie­ren, seine Absicht, sich am 15. Mai nach Genf zu begeben, in keiner Weise ändere. Wenn Briand am Mittwoch in Versailles gewählt werde, halte er es für einen Akt der Höflichkeit, sich von seinen Kollegen des Organisationsausschusses für die europäische Föderation zu verabschieden und sie zu bitten, einen neuen Präsidenten zu ernennen. Der Aufenthalt Briands in Genf würde dann sehr kurz sein, Briand würde weder an den Arbeiten des Studienausschusses für die europäische Union, noch an denen des Dölkerbundsrates teilnehmen.

Attentat auf Professor Hans Günther.

Günther verwundet. Der Täter unerkannt entkommen

Jena, 11.Mai. (TU.) Auf den Raffensorscher Prof. Dr. Hans Günther, der seit Herbst vorigen Jahres auf Veranlassung des damaligen national- sozialistischen Kultusministers FUck an der Universi­tät Jena einen Lehrstuhl für Sozialanthropologie bekleidete, ist in der Nacht auf Sonntags, wie be­reits kurz gemeldet, ein Mordanschlag verübt wor­den. Günther kam mit seiner Frau von einer na­

tionalsozialistischen Kundgebung. In unmittelbarer Nähe seiner Wohnung, die etwas außerhalb der Stadt liegt, wurden von einem jungen Mann aus allernächster Nähe mehrere Schüsse auf den Professor abgegeben, von denen einer ihn am linken Oberarm verwundete, während die anderen fehlgingen. Die zur Tat benutzte Pistole wurde von dem entkommenen Verbrecher in der Nähe des Tatortes weggeworfen. Sie enthielt noch drei Patronen. Der Täter ist anscheinend schon tags­über von mehreren Anwohnern bemerkt worden, wie er sich in der Nähe des Tatortes aufhielt und spät abends noch Einlaß in die Wohnung des Pro- fesfors begehrte. Er hat vermutlich schon mehrere Tage zuvor die geplante Tat zur Ausführung zu bringen versucht. Auf die Ermittlung des Täters ist eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt.

Prof. Günther gibt zu dem Mordanschlag eine Darstellung, in der es u. a. heißt: Etwa fünf bis acht Schritte vor dem Gartentor des Hauses, in dem wir wohnen, knallten hinter uns zwei oder drei Schüsse. Ich fühlte mich am Arm verletzt und stürzte mit WortenVerfluchter Hund!" auf den etwa zwei Meter entfernt stehenden jungen Mann zu, der quer über die Straße davonlief, in den Schatten eines Zaunes. Dort bückte er sich und schoß aus etwa zwei Meter Abstand aufs neue. Durch diesen Schuß durch die auf mich gerichtete Waffe, sowie durch Hilferufe meiner Frau, die ich nun für verletzt hielt, wurde ich einen Augenblick unschlüssig, sprang zu meiner Frau, fragte sie, ob

sie verwundet sei und lief dem Angreifer wieder. nach, nachdem sie dies verneint hatte. Dieser war nun im Schatten des Zaunes und hierauf gingen meine Frau und ich in unsere Wohnung, wo ich Blut am linken Oberarm feststellte. Dann ging ich zu dem unter uns wohnenden Arzt, der mir Hilfe leistete. Ich hatte von unserer Wohnung die Polizei angerufen, die sehr bald erschien, den Tatbestand aufnahm und mich in die Chirurgische Klinik brachte, wo die im Arm steckende Kugel erftfernt wurde. Prof. Dr. Günther erklärte noch, daß er keine per­sönlichen Feinde habe und daß der Anschlag daher nur in politischen Motiven seinen Ursprung haben könne.

Neue Unruhen in Spanien.

Kommunistische Revolten in Madrid. - Radikale Forderungen an die Regierung Sturm auf die Klöster.

M'a b r i b, 11. Mai. (TU.) Trotz ber Aufforderung der Regierung, die Arbeit sofort wiederaufzunehmen und jede Art von Demonstrationen zu unterlassen, hat sich ber am Sonntag begonnene Streik in Madrid weiter ausgedehnt. Mit Ausnahme ber lebenswichtigen Betriebe arbeitet nie- m a n b. Die Trambahnen verkehren nur teilweise und haben den Betrieb im Stadtzentrum gänzlich eingestellt. Die Autodroschken streiken ebenfalls, ob­wohl das sozialistische Volkshaus ihnen den Befehl gegeben Hat, Dienst zu tun. Angeblich befürchten die Kraftwagenführer, baß ihre Wagen von ben rabi» taten Elementen verbrannt werden.

3m Stadtinnern wimmelt cs von Menschen, die, in unzählige Gruppen verteilt, Strahenrednern zuhören. Diese fordern zum größten Teil eine Ausschaltung der gemäßigten Elemente aus dem Kabinett, andere wieder Hetzen das Volk gegen die Kirche und insbesondere gegen die Klöster auf. Die Polizei sieht dem Treiben untätig zu. Die Mehrzahl der Läden und Geschäfte haben geschlossen aus Furcht vor Uebergriffen der

Menge.

In einem Ministerrat, der pm Montagmittag zu­sammengetreten war, hat die Regierung beschlossen, den Kriegszustand in Madrid zu verhängen. Gegen 14 Uhr wurde das Inkrafttreten dieser Maß- nähme durch öffentllchen Ausruf der Bevölkerung bekanntgegeben. Die Regierung hatte durch Mili­tärflugzeuge Aufrufe an die Arbeiterschaft abwerfen lassen, worin diese zur Aufnahme der Arbeit aufgefordert wurden. Daraufhin traten zahl- reiche Autotaxen ihren Dienst wieder an, zahlreiche Geschäfte, die wegen ber Unruhen geschlossen hatten, begannen roieber ihre Läden zu öffnen. Zahlreiche sozialistische Redner hielten Ansprachen an die streikenden Arbeiter, in denen sie über die kommu- nistischen Methoden aufgeklärt und aufgefordert wurden, den Streik aufzugeben.

3n dieser Zeit hatten die Kommunisten, unter­stützt vom Pöbel, ein im Stadtinnern gelegenes Zesuitenkloster in Brand gefleckt. Es kam dabei zu schweren Zusammenstößen zwischen der Po- lizei und den Kommunisten, bei denen es auf beiden Seiten Verluste gegeben haben soll. Die Menge hinderte die Feuerwehr mit Gewalt daran, Löschversuche einzuleiten. Auch an drei anderen Stellen der Stadt sind Brände angelegt worden. Die bekannt wird, steht auch das Kloster der Karmeliter sowie ein Kloster in einem Vor­ort in Brand. Zahlreiche Banden von Kommu­nisten durchziehen unter Absingen von kommu­nistischen Liedern die Stadt und fordern die Bevölkerung zum Kampf gegen das Bürgertum auf.

Die Regierung hat die Verhaftung sämt­licher Monarchisten, die für die gestrigen Vorfälle verantwortlich gemacht werden, angeord­net. Sämtliche Börsengeschäfte in ganz

Spanien sind aus Anweisung der Regierung ein­gestellt worden. Madrid gleicht einem Hee- reslager. ileberall patrouilliert Polizei und Mili­tär zu Fuß und zu Pferde. Bei der Regierung! ist eine sechsköpfige Arbeiterabordnung erschienen, die u. a. die Auflösung der Gendar­merie verlangt und gegen das Vorgehen des Innenministers protestiert hat. Verschiedene Zei­tungen haben polizeilichen Schutz erbitten müs­sen. Die Regierung betont in einem Kommuni­que, daß sie entschlossen sei, jede weitere Störung der Ordnung durch rechts gerichtete Elemente energisch zu unterdrücken.

Rach ber Nachricht ber AbendzeitungInforma- tion" soll der Innenminister Ulauta sein Rücktrittsgesuch eingereicht haben, was im Fall der Annahme einem Zugeständnis an die Straße und einer Schwächung des ohne­hin schwachen bürgerlichen Elements im Kabinett gleichkäme.

Zamora hielt eine durch Radio verbreitete Rede, in der er fein Bedauern über die Vorfälle zum Ausdruck brachte. Die Regierung werde sich immer auf der Seite des Volkes befinden, wolle aber verhindern, daß dieses irregeleitet und dem Chaos in die Arme .getrieben werde. Er be­tonte, daß die Regierung fest entschlossen sei, unter keinen Umständen die Auflösung der Bürgergarde zu dulden, die der Republik treu ergeben sei. 3n den ersten Nachtstunden wurden die wichtigsten Plätze der Stadt sowie Kirchen und Klöster militärisch beseht und Ma­schinengewehre in Stellung gebracht. Kavallerie patrouilliert durch die Außenviertel. Die Straßen- propaganda kommunistischer Elemente und das Erscheinen roter Flaggen mit Sow- jetabzeichen nimmt zu. 3m Ministerrat er­schien eine Abordnung unter Führung des Mecha­nikers Ra da, der bekanntlich den Fliegermajor Franco auf seinem Ozeanfluge begleitet hat. Sie überbrachte angeblich im Auftrage des Volkes folgende Forderungen:

1. Auflösung ber Zioilgarde.

2. Tötung bes spanischen Nationalistenführers Dr. A l b u n,a n a.

3. Haussuchung in allen Klöstern und größeren Zeitungen nach Waffen.

4. Sofortige Einsetzung von Volksge­richten.

5. R ü cf t r i 11 bes Innenministers Maura.

Ein Mitglieb ber Abordnung verlangte sogar bie Freilassung bes marokkanischen Freiheitshelben Abdel Krim, ber bekanntlich von ben Franzosen auf ber Insel Reunion gefangen gehalten wirb. Ein sozialistischer Minister antwortete, bie Regierung werbe mit allen Mitteln Gerechtigkeit schaffen unb alle Schulbigen zur Verantwortung ziehen. Raba erklärte hierauf, seine Gesinnungs­genossen wollten bie Regierung wohl unterstützen, könnten aber nicht bafür garantieren, baß bas Volk ruhig bleibe, falls bie genannten Forberungen nicht in ber Hauptsache genehmigt würben.

Oer preußisch-evangelische Kirchen- verirag unterzeichnet.

Berlin, 11.Mai. (ERB.) Wie wir erfahren, ist der Vertrag des Freistaates Preußen mit den evangelischen Landeskirchen heute vormittag 11 Uhr unterzeichnet worden. Das preußische Staatsministerium hat den Ministerpräsidenten, den Finanz- und Kultusminister zur Unterschrift ermächtigt. Der Vertrag besteht aus 13 Para­graphen und einem Schlußprototoll. Er lehnt sich, wie Staatsminister Grimme vor Ver­tretern der Presse betonte, verhältnismäßig eng an den Vertrag mit der katholischen Kirche an. Das ergibt sich schon au& der Entschließung des Landtages vom 9.3uli 1929, die die Sicher­stellung einer paritätischen Behand­lung durch einen solchen Vertrag verlangte und den Ausgangspunkt der Verhandlungen bildete.

Artikel 1 des Vertrages enthält das Verspre­chen des Staates, der Glaubensfreiheit den ge­setzlichen Schuh zu gewähren. Rach Ar­tikel 2 werden kirchliche Gesetze und Rot- Verordnungen über vermögensrecht­liche Fragen dem Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vorgelegt werden. Der Minister kann gegen solche Gesetze Einspruch erheben, wenn sie eine ordnungsmäßige Geschäfts­führung nicht gewährleisten. Wenn die Kirche da­gegen klagt, entscheidet das im Derwaltungs- streitver fahren in oberster 3nstanz zuständige Ge­richt. Rach Arttkel 3 findet Artikel 2 auf die Satzungen der öffentlich-rechtlichen kirchlichen Verbände, An st alten und S ti f t ungen mit der Maßgabe entsprechende Anwendung, daß an die Stelle des Ministers eine von diesem zu besttmmende Behörde tritt. Ar­tikel 4 ermächtigt die Kirchen, kirchliche A e m- ter frei zu errichten und umzuwandeln, falls Aufwendungen aus Staatsmitteln nicht bean­sprucht werden. Ueber eine staatliche Mitwirkung hierbei sollen noch Richtlinien vereinbart werden. 3n Artikel5 wird die Dotation der Kir­chen auf jährlich 4 950 000 Reichsmark festgesetzt. Sie wird auf die Kirchen auf Grund einer be­sonderen Vereinbarung verteilt werden, die bis zum 3nkrafttreten des Vertrages im einzelnen festgelegt werden wird. Die den kirchenregiment- lichen Zwecken dienenden Gebäude und Dienstwohnungen sowie deren Ginrich­tungsgegenstände bleiben Den Kirchen überlassen. Die Eigentums- und Ruhungsrechte werden auf Verlangen durch Eintragung in das Grundbuch

gesichert werden. Fälle gemeinschaftlicher Be­nutzung werden durch besondere Vereinbarung geregelt. Arttkel 6 gewährleistet den Kirchen das Eigentums- und andere Rechte nach Maßgabe der Reichsverfassung.

von befonbetcm Interesse ist die sog. politische Klausel, die im Art. 7 nietergelegt ist. Dieser Artikel lautet:

Zum Vorsitzenden einer Behörde ter Kir- chcnleitung oder einer höheren kirchlichen Verwal­tungsbehörde sowie zum Inhaber eines kirchlichen Amtes, mit dem der Vorsitz oder die Anwartschaft auf den Vorsitz einer solchen Behörde verbunden ist, wird niemand ernannt werden, von dem nicht die zuständige kirchliche Stelle durch Anfrage bei der preußischen S t a a t s r e g i e r u n g festgestellt hat, daß Bedenken politi­scher Art gegen ihn nicht bestehen." Das Schluß­protokoll enthält dazu die Bestimmung, daß bei Meinungsverschiedenheiten die preußische Staats- regierung auf Wunsch bie Tatsachen angibt. aus denen sie die Bedenken herleitet. Die Feststel­lung entsprechender Tatsachen wird auf Antrag einer von Staat und Kirche gemeinsam zu bestellenden Kommission übertragen, die paritätisch zusam­mengesetzt sein wird, und ihre Befugnisse nur auf die Festellung von Tatsachen beschränkt, während die politische Bewertung Sache des preußischen Staatsministerium» ist.

Art. 8 bis 10 regeln bie Vorbildung und d ie Anstellung der Geistlichen. Der Vertrag verlangt, daß .ein Geistlicher als Vorsitzender oder Mitglied einer Behörde der Kirchenleitung oder einer höheren kirchlichen Ver­waltungsbehörde, ferner als Leiter oder Lehrer an einer der praktischen Vorbildung der Geist­lichen gewidmeten Anstalt nur angestellt werden kann, wenn er

a) die deutsche Reichsangehörigkeit hat,

b) das Reifezeugnis besitzt,

c) ein mindestens dreijähriges theologisches Studi umaneinerdeutschen staat­lichen Hochschule zurückgelegt hat.

Rach Art. 11 wird vor der Anstellung eineS ordentlichen oder außerordentlichen Profes­sors an einer evangelisch-theologischen Fakultät

der kirchlichen Behörde Gelegenheit zu gut­achtlicher Aeußerung gegeben werden.Die Ernennung der evangelischen Universitäts­prediger geschieht durch die Staatsbehörde im Einvernehmen mit der Kirchenbehörde.

Art. 12 enthält dieDerständigungsklausel", wonach Meinungsverschiedenheiten über die Auslegung von Bestimmungen auf freundschaftliche Weise beseitigt werden sollen. Die Art einer solchen Regelung soll von Fall zu Fall ausgemacht werden. Es ist auch an eine Schiedskommission gedacht. Schließlich bestimmt noch Art. 13, daß der Vertrag mit dem Aus­tausch der Ratifittttionsurkunden in Kraft tritt

Unmittelbar nach der Unterzeichnung wurde der Vertrag noch heute dem Preußischen Staatsrat zugeleitet, der ihn in seiner Voll­sitzung vom 19. Mai verabschieden dürfte. Der Vertrag geht dann an den Preußischen 2 Qb t a g, dem die Genehmigung verfassungs­mäßig zusteht. 3n maßgebenden Kreisen bezweifelt man kaum, daß der Landtag den Vertrag anneh­men wird. Staatsminister Grimme betonte, bei der Uebergabe des Vertrages an die Presse noch, daß die preußische Staatsregierung das Zustande­kommen des Vertrages mit aufi^chttger Genug­tuung begrüße, weil er die Befriedung des Ver­hältnisses von Staat und Kirche dient und zwei­fellos einmal vorbildlich werden wird für die Regelung in den übrigen deutschen Ländern. Der Vertrag ist mit folgenden preußischen Kirchen ab­geschlossen: Dem Kirchensenat der Evangelischen Kirchen der Alt preußisch en Union, den Evangelisch'Lulhrrischrn Landeskirchen Hanno­ver und Schleswig-Hol st ein, der Evan­gelischen Landesttrche in Hessen - Kassel, inRafsau, in Frankfurt a. M., der Evan­gelisch-Reformierten Landeskirche Hannover und der Landeskirche von Pyrmont und Waldeck.

-------------------------------- ,

Kleine politische Nachrichten.

3n der Sitzung des Reichskabinetts wurde unter dem Vorsitz des Reichskanzlers und in Anwesenheit des Reichsbankpräsidenten die bevorstehende Tagung des Europa-Aus­schusses und des Dölkerbundsrates in Genf besprochen. Der Reichsminister des Aus­wärtigen gab eine eingehende Uebersicht über die zur Verhandlung stehenden Fragen, an die sich eine Erörterung anschlvß.

Die Große Strafkammer des Berliner Land­gerichts Ii verurteilte den Reichstagsabgeordne­ten' Dr. G o e b be l s wegen Beleidigung des Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß zuzweiMo- naten Gefängnis. Die Verurteilung er­folgte in fünf Fällen, während in einem Falle auf Freisprechung erfarmt wurde.

Der rumänische Gesandte in Berlin ist von sei­ner Regierung beauftragt worden, der Reichsre­gierung den Wunsch nach einer Festigung der deutsch-rumänischen Beziehungen durch den Abschluß eines Handelsvertrags auszu­sprechen. lieber Zeit und Ort der Wieder­aufnahme ber Verhandlungen besteht noch keine Klarheit. Rumänischerseits möchte man in Bukarest ober einem neutralen Ort verhandeln.

Die Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülow find inEngland beschlagnahmt worden. 3hre Verbreitung wurde verboten auf Grund eines Briefes Lord L o n d a l e s an die Herausgeber Putnans & Sons Ltd., worin dieser mit gerichtlichen Schritten 8roht, falls sie die Veröffentlichung in der gegenwärtigen Fassung vornehmen sollten. Die beanstandete Stelle be­zieht sich auf eine Bemerkung, bie König Ebuard VII. angeblich über Lorb Lonsdale gemacht haben soll.

*

Zum Staatsanwalt ber UdSSR. (3n- ner ruß land) ist an Stelle Krhlenkvs, der zum Volkskommissar der 3usttz ernannt worden ist, Wyschinski ernannt worden. Wyschinski hat an der Revolutionsbewegung von 1902 teil- genomryen. An ber ersten Moskauer Universität war er Rektor. Wyschinski, der sich als Ver­fasser eines Lehrbuches der Strafprozeß-Ordnung einen Ramen gemacht hat, fungierte im Schachth- Prvzeh und im Prozeß gegen die 3ndustrie- Partei ^als Vorsitzender des Obersten Gerichts­hofes.

Aus aller Wett.

Schwere Prügelei im Karlsruher Vürgerausfchuß.

Im Karlsruher Bürgerausfchuß kam es bei Ge­legenheit ber Voranschlagsberatung z u wüsten Lärmszenen unb einer schweren Prüge­lei, als ber Nationalsozialist Kramer in ber De­batte auf einen Zuruf ber Kommunisten antwortete: Ihr Derbrechergesinbel ist keine Arbeiterpartei!" Die Kommunisten drangen lärmend auf den Redner ein. Es entstand zunächst ein lebhaftes Wortgefecht, aus dem sich dann eine wüste Schlägerei entwickelte, bei der Stühle, Tische und Scheiben und auch die Kronleuchter demoliert wurden. Als die Polizei erschien, war der Saal bereits ein einziges Trümmerfeld zerbrochener Stühle, Tische unb Tintenfässer. Auch bie Galerie hatte sich an der handgreiflichen Auseinandersetzung beteiligt, die nuroon denbeibenExtremen ausgetragen wurde, da der Oberbürgermeister mit seinen Bürger­meistern unb ben Vorstänben der städtischen Aemter sowie die Angehörigen der anderen Parteien den Saal fluchtartig verlassen hatten. Es gab zahl­reiche Verletzte.

Das Schicksal Professor Alfred Wegeners.

Professor Daschin vom Geographischen In­stitut der Berliner Universität, der auch auf Grund seiner praktischen Arbeiten als einer der besten Kenner der arktischen Probleme gilt, er­klärt, er müsse es leider nach Lage der Verhält­nisse für ausgeschlossen halten, daß Pro­fessor Wegener noch am Leben ist. Ein so erfahrener Marrn wie Wegener würde sicher Mittel und Wege gefunden haben, um von sich hören zu lassen. Dieselbe Auffassung vertreten in skandinavischen Zeitungen auch zwei andere her­vorragende Forscher, nämlich Dr. Knud Ras­mussen und Dr. Lauge Koch. Rach ihrer Ansicht besteht die Wahrschernlichkeit, daß Wegener und sein Begleiter in der Rähe der Küste in eins Eisspalte gestürzt sind. Der letzte Winter ist in Grönland übrigens ungewöhnlich hart und stürmisch gewesen. Die beiden Ge­lehrten widmen ihrem Kollegen einen überaus herzlichen und anerkennenden Rachruf,