Kreuzweg der Liebe.
Vornan von Paul Grabein
Urheberrechtsschuh: 2ioman&ienft .Digo", Berlin W 30.
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
In plötzlichem Entschluß raffte sie sich dann auf: Es durfte nichts geschehen: sie muht« es verhindern, Fred ihr« Bereitwilligkeit zur Der- sbhnung, zur Einwilligung in seine Reisepläne mctteilen — sofort? Roch war es wohl Zeit, da» Unheil zu verhüten.
QHit fliegenden Händen setzte sich Ursula den Hut aus und zog den Mantel an: unterdessen entwarf sic den Plan ihres Vorhabens. Sie konnte natürlich nicht allein jetzt in der Dunkelheit nach Montreux hinunter und chren Mann auS dem Restaurant herau-holen. Aber Fräulein Zindler kam ihr zu Gefallen sicher mit, und der Gchheimrat auch.
Und Ursula hatte sich nicht getäuscht. Beide stellten sich ihr bereitwilligst zur Verfügung. Sofort machten sich alle drei auf den Weg, durch dve nächtlichen Weinberge hindurch, die Straße zum Seeuser hinab.
Es war ein Weg, der Ursulas Ungeduld und Aufvrgung noch steigert«. Endlich waren sie unten auf der Rouvenaz, der langen Dillen- und Hotel- strafe längs des Sees, angelangt, nun nur noch wenige-Minuten, und sie standen vor der Ton- Halle. deren Fenster im ersten Stock hell erbe uch: et waren. Gott sie gedankt!
..So, meine Damen!" Der Geheimrat schickte sich an. allein die Treppe htnaufzusteigen. ..Wenn Ste hier warten wollten —, gleich bin ich mit Ihrem Herrn Gemahl wieder unten, gnädige Frau." Und schon eilte er die Stiege hinan. —
Doller Spannung harrten die beiden Frauen. Die wenigen Minuten beuchten Ursula qualvolle Stunden. Erst jetzt, wo sie hier wartend stand, kam ihr zum Bewußtsein, wie entwürdigend diese Szene im Grunde war. Das; sie hier vor der Schenke stand, die auf den trunksüchtigen Mann Wartete, der unbekünrmert sich und seine Familie zugrunde richtete. Ein Ekel stieg in ihr auf. Wie furchtbar erniedrigte sie doch das Leben, ihre Ehe! Richt- blieb ihr erspart! Und doch mußte sie dankbar sein, wenn es mir gelang, den Unseligen, an den ihr Los einmal gekettet war. ohne Schaden wieder herauszubekommen.
Da kamen Tritte die Treppe herab. Unwillkürlich trat Ursula einen Schritt näher, aber ein Schreck durchzuckte sie. Der Geheimrat kam allein herunter mit enttäuschter Miene.
.Er tolll nicht? Er weigert sich?"' Geängstigt stieß sie es hervor.
»Er ist gar nicht oben, schon wieder weg" .Weg?"
,3a, schon seit einer Stunde. Da kam der Assistenzarzt von uns oben — ich sprach ihn eben selber — auch an den Stammtisch. Seine Gegenwart hat offenbar Herrn Drenck geniert: jedenfalls ist er unmittelbar darauf mit zwei jüngeren Herren, aufgestanden und weitergegangen. Leider eine wenig geeignete Gesellschaft für Ihren Herrn Gemahl, meine gnädigste Frau: denn die beiden jungen Leute, die hier mehr zum Vergnügen weilen, stehen im Rufe, arge Rachtbummlcr zu sein, wie mir der Doktor sagte."
.Mein Gott! Und wohin sind sie gegangen?"
Der Geheimrat zuckte die Schultern
.Das wußte leider niemand. Der eine der Herren hat nur lachend beim Abschied gesagt, sie wollten heute mal einen .kleinen Betrieb' aufmachen. Da- verheißt nichts Gutes. Man vermutete am Stammtisch, sie werden eine Tournee durch alle Dar- und Weinstuben hier unternommen haben."
.Aber das kann ja sein Tod sein!" Verzweifelt rang Ursula die Hände. Ich flehe Sie an — helfen Li« mir! Wir müssen ihn suchen — überall!"
.Aber natürlich, meine gnädigste Frau! Befehlen Sie nur ganzüber mich. Und nur nicht den Mut verlieren! Wir werden die Au-reiher schon noch erwischen."
»Wie gut Eie beide zu mir sind!" Mit innigem Dank preßte Ursula im Weitcrschreiten den Arm ihrer jungen Begleiterin, die sich tröstend an sie geschmiegt hatte. .Wenn ich Sie jetzt nicht hätte!"
Sv machten sich denn die drei auf die Suche, aber sie blieb erfolglos. Wohl glückte es ihnen, hier und da die Spur der Gesuchten ausfindig zu machen: aber überall waren sie schon wieder nach kurzem Aufenthalt davongegangen. Inzwischen verrann die Zeit: Ursula, von Verzweiflung übermannt, wurde es immer gewisser, daß da- heute zu einer Katastrophe führen müsse.
Da endlich, eS war schon stark nach Mitternacht, gelang es, da- Ende der Spur festzustellen, in einer kleinen Weinstube in Clärens. Die drei waren hier vor etwa einer Stunde erschienen, bereits in sehr animierter Stimmung und hätten Seckt bestellt. Einer von ihnen, nach der Beschreibung des Wirts ohne Zweifel Drenck, hätte die andern bewirtet und sie immer mehr zum Trinken angeseuert. .Wer weiß, wie lange es noch geht!" habe er ein paarmal, den vollen Kelch hinunterstürzend, gerufen — ein Spaß, den die andern Herren mit lautem, übermütigem Lachen lärmend quittiert hätten. Da, — gerade als die dritte Flasche gekommen war — wäre plötzlich dieser luftig« Herr totenblaß geworden, wäre sich mit dem Taschentuch zum Mund gefahren —"
.Barmherziger Gott — Blut!" Dellend entrang sich der Schrei Ursulas Brust.
Der Geheimrat nickte mit tiefem Ernst und erzählte weiter: Da wären die beiden anderen plötzlich ganz still geworden Eilends hätten sie bezahlt und mit dem Herrn, der sich soweit wieder erholt und hartnäckig jede ärztliche Hilfe abge- lehnk hatte, das Restaurant verfallen. Wohin, Totsse brr Wirt zwar nicht bestimmt: er glaube aber verstanden zu haben, daß die beiden anderen Herren den Kranken, der nun erst recht weiter wollte — so was tue ihm nichts, das habe er schon öfter gehabt — nach Hause hätten begleiten wollen.
Einen Augenblick stand Ursula wie niedergeschmettert. Also doch zu spät — vergebens ihrer aller Bemühen! Dann aber fuhr sie auf: Rach Haus! Daß sie Gewißheit bekäme, und wäre e- auch die schlimmste!
So eilten die drei in dunller Rächt heimwärts — wortlos legten sie den langen Weg zurück. Es war schon nach ein-, al- sie oben im Sanatorium anlangten.
Run waren sie vor Drenck- Zimmer angelangt. In stillschweigender Vereinbarung blieben Fräulein Zindler und der Geheimrat draußen auf dem Korridor, um mit teilnahmsvoller Spannung Ursulas Rachricht abzuwarten, wie es dort drinnen stände. Aber kaum war sie hinter der Tür verschwunden, da gellte ein entsetzlicher Angstschrei an ihr Ohr und machte ihre Herzen erzittern. Im nächsten Augenblick wurde die Tür wieder ausgerissen und Ursula stand vor ihnen, tödliche- Entsetzen in den Zügen:
.Den Arzt! - Den Arzt!"
Sie wollte noch mehr rufen, aber die Stimme versagte ihr, sie wankte, und der Geheimrat muhte hinzuspringen, um sie vor dem Sturz zu schützen. Ein Blick, den er zugleich ins Innere des offenen Zimmers sandte, zeigte ihm Drencks regungslosen Körper auf der Chaiselongue hinten am Fenster. Ein Schauder überlief ihn.
.Kommen Eie — nicht hier herein!" Schnell sprach er es zu Fräulein Zindler, die hilfreich von der anderen Seite Ursulas schwer in seinen Armen hängende Gestalt stützte. .Wir wollen sie ins Rebenzimmer schaffen."
So geschah cs. Ursula wurde in ihrem Zimmer niedergrlcgt, und Fräulein Zindler blieb dort zu ihrem Beistand, während der Geheimrat zum Zimmer des Arzte- hinuntereilte.
Wigand war noch auf; die Erlebnisse des heutigen Tages hatten keinen Schlaf zu ihm kommen lassem Don seinen Gedanken gequält, schritt er ruhelos in dem Gemach auf und nieder. Wohl stand das eine fest für ihn, unwiderruflich: Ursula stand fortab über seinem Begehren! Aber er fühlte, es ging über seine Kraft, tagtäglich ihren Anblick zu ertragen. Er durfte sic nicht mehr sehen. Und wenn sie nicht ging — wohlan,
so muhte er es! Aber tncrm es auch geschah, würde er wirklich Ruhe haben — wirklich Ruhe? Würde nicht immer ihr Leidensbild ihm vorwurfsvoll vor der Seele sieben?
Da klopfte es plötzlich an Wigands Tür. Mitten in der Rächt, so heftig und ungeduldig. Rasch ösfnete er: Der Geheimrat!
.Herr Doktor" — atemlos stieß er die Wort« hervor — .schnell zu Drenck! Ich fürchte allerdings. Sic kommen zu spät!"
.Was? Tot?"
Jener nickte. Wigand erschrak. War «S nicht, als ob seine Gedanken in die Ferne gewirkt hätten? Doch im nächsten Moment schüttelte Wigand dies Gefühl des GrauenS ab: Ein Zufall, nichts weiter!
.Ich komme — sofort!" Wigand rief es dem Geheimrat zu; nun dachte nur noch der Arzt in ihm. Mechanisch griff er nach allem nötigen, dann folgte er dem Boten an die Stätte des Unglücks.
Wigand war um Drenck beschäftigt. Er hatte dem regungslosen Körper die Brust entkleidet, nun lauschte er mit ungehaltenem Atem am Stethoskop, daS er auf die Herzgegend gesetzt hatte. War da noch ein Funke bewegender Kraft in dem abgenutzten, schadhaften Mechanismus dieses Leibes?
Sekunden feierlich ernsten, entscheidungsschweren Lauschen-, mit geschlossenen Augen — ganz Ohr. Da plötzlich ein Geräusch von der Tür zum Rebenzimmer her. und herein trat Ursula, die Augen in entsetzter Frage in sein Antlitz bohrend. Wigang hob warnend die Hand, und still stand sie wie erstarrt. Kein Laut in dnn Raum.
Run aber eine Dewegung Wigands, dichter noch preßte er sein Ohr an den Schalltrichter, noch einmal vergewisserte er sich — dann richtete er sich langsam auf.
Ursulas Blicke Hämmerten sich an ihn mit der letzten Hoffnung eine- Ertrinkenden:
.Er lebt?"
.Roch lebt er — aber ich fürchte, eS geht zu Ende."
Ein Wanken, abermals drohte die eben erst aus ihrer Ohnmacht Erwachte zusammenzu- brcchen; diesmal war es die Hand de- Arzte-, die sie stützte. Halb ohne Bewußtsein ließ sie es geschehen.
Die Frau in seinen Armen war geweiht gegen jedes Begehren. Sie gehörte dem Unseligen da, dessen letzte Stunde gekommen war.
.Fassen Sie sich!" In innerster Teilnahme, mit leiser Stimme redete Wigand auf die unglückliche Frau ein, aus deren weitqeöfsneten Augen ein Blick der Verzweiflung flog. ..So furchtbar es Eie auch im Augenblick trifft — bedenken Sie, wie schwer er gelitten hat. Es ist das Beste so, für ihn und Sie!"
.Rein, nein!“ (Fortsetzung folgt.)
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