Mittwoch, U- März 1931
Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 59 Drittes Blatt
Kür den Büchertisch.
Literaturgeschichte
Politik und Geschichte
mcndcs daraus zu lernen.
—y—
fallend schönen Mädchens zur Geliebten des^ allerdings sehr zweifelhaften Grafen du Barry, i
Neue Kriegsbücher
— Karl von Schumacher, „M a d a m e du Barry". Mit 15 Bildern. Preis geb. 8,50 Mark. Arnalthea-Verlag. Wien IV. (668). - - Bon Madame du Barry liegt eine Sclbstbiogravhie vor. die durch das interessante Buch Schumachers nach mancher Richtung hin ergänzt wird. Lieber ihre Abstammung aus niedersten Kreisen eines kleinen Städtchens in der Ehampagve schweigt sich die du Barry natürlich aus. Aber interessanter ist auch der schnelle Ausstieg des aus-
mit dessen Bruder sie der Sonn halber vermahlt wird, um einen vornehmen Namen annehmen zu können, unter dem sie dann Mätresse König Ludwigs des XV.. und als solche Nachfolgerin der berühmten Pompadour wird. 3m Gegensatz zu dieser scheint sich die du Barry in die hoho Politik wenig eingemischt zu haben, wenn sie auch gegen die Lhoiseuls intrigierte und an ihre Stelle ihre eigenen Freunde zu sehen sucht. Mit Marie Antoinette, der in ihren ersten Pariser 3ahren noch etwas prüden Tochter Maria Theresias, stand sie ausgesprochen schlecht. Nach dem Tode Ludwigs XV. wurde sie vom Hofe verbannt, erhielt aber bald wieder ihren reichen Besitz zurück, der ihr auch weiter das Leben einer „groben Dame" sicherte, bis zur Großen "Revolution, die auch die Mätresse Ludwigs XV. die einst der Hefe des Bolkes angehört hatte und an ihrem Teil eher für Reformen gewirkt hatte, dem Schafott übergab.
— Generaloberst a. D. von Seeckt. Wege deutscher Außenpolitik. Geheftet 1 Mk. Verlag von Quelle R Meyer in Leipzig (40). — Seeckt beschönigt nichts, wenn er zu-
beit und die völlig unzeitgemäße, ganz vom schweifenden Gefühl bestimmte Gestaltung ihrer Mo.ive. Es ließen sich, formal und inhaltlich, gewiß manche Einwände Vorbringen: doch scheint es uns hier wichtiger, das Positive zu betonen: Bekenntnis zum Herzen, Heimkehr zur Romantik — im modernen Gedicht. —y—
— Heinrich Bredow:Derbunte Tep- p i ch. Neue Gedichte. 173 Seiten 8°. Ganzleinen 4 Mk. Morawc & Scheffelt Verlag. Berlin 1931. (47) — Die Qualität der hier vereinigten Gedichte von Heinrich Bredow (Pseudonym für Ludwig Müller) steht in keinem Verhältnis zu dem stattlichen Umfang und der soliden Aussta- tung des Bandes, das Niveau dieser teils ernsten. teils humoristischen Gedichte — in Versen und freien Rhythmen — entspricht ungefähr dem der verschollenen „Zehnten Muse" und erhebt sich in Form und Inhalt nirgends über den Durchschnitt einer Poeterei. die. wie man sieht, auch heute noch den Verleger findet, auf den Io mancher wirklich begabte Lyriker unserer Zeit hoffnungslos wartet. ~y~
Aus fremden Literaturen.
— David Herbert Lawrence, Der Hengst. St. Mawr. Insel-Verlag, Leipzig. (663) — D e Sehnsucht nach ur,D:rjilbeter, kraftstrotzender Natürlichkeit blieb für den schwindsüchtigen Dichter, der sich vom mittellosen Derg- mannssohu nur durch unendlichen Fleiß und große Entbehrungen zum kleinen Schulmeister hatte emporarbeiten müssen, dis seine ersten Prosastücke und Gedichte einen Drucker fanden, immer nur Lockung in unerreichbare Ferne. Der Hengst St. Mawr, das wundervolle Rassepferd einer jungen Amerikanerin, die durch Heirat nach England verschlagen wurde, ist dem Dichter Symbol dieser nie gestillten Sehnsucht, ist der große Pan, das Urbild ungehemmter, unver- bogener Sinnlichkeit, von dem die gekünstelten, verbildeten Männer des alten England nichts mehr an sich haben. Enttäuscht und angeekelt wendet sich die Besitzerin des stolzen Hengstes von den Männern, die nichts Geheimnisvolles, nichts tierisch-triebhaftes, nichts dämonisches mehr an sich haben. Mit ihrer Mutter, einem wahren Original, und zwei Reitknechten, unkomplizierten, natürlichen Menschenkindern, wendet sich die Lady wieder nach Amerika, „zurück zur Natur".
— Charles Di 1 drac: Das Insel- Paradies. Ein Roman für Kinder. 221 Seiten 8,J. Mit 92 Illustrationen von Edy-Legrand. Deutsch von Lena Lichtenstein. Ganzleinen 5.60 Mk. Erich Lichtenstein Verlag. Weimar. (676) — Dies ist die Liebertragung des in Frankreich sehr geschätzten und verbreiteten Jugendbuches ,,L’llc rose". Storm hat einmal im Nachwort zu einer seiner Novellen bemerkt, daß. wer für die Iugend schreiben wolle, nutzt für die Iugend schreiben dürfe: „oenn es ist unkünstlerisch, die Behandlung eines Stoffes so oder anders zu wenden, je nachdem du dir den großen Peter oder den kleinen HanS als Publikum denkst". In der Begründung des Paradoxons liegt die Lösung, die un vorliegend«), Falle Äs wohlgelungen betrachtet werden dar-
von Menschenopfern forderte und mit dem Siege der jetzigen roten Machthaber in Rußland endete. Dwinger überlebte das Grauen, entrann nach Deutschland, genas seelisch und körperlich ... und begann nach Jahren der Vorbereitung und Sammlung die Niederschrift und künstlerische Verarbeitung einer chronikalischen Auszeichnungen: so entstand dieses Buch, welches mit Schrecknis und Entsetzlich feiten bis an die Grenze des Erträglichen beladen ist: das sich wie ein unerhört spannender Roman liest lind dennoch überlebtes Erlebnis und inserna lisch nackte Wirklichkeit ist in jeder Zeile. Gewiß ist. daß der unmittelbar erregende und erschütternde 0 indruck des Buches eben von der unangreifbaren, oft zahlenmäßig beglaubigten Realität der zugrunde liegenden Ereignisse ausgeht: doch soll man die ge* tollende Straft Dwingers gleichwohl nicht unter- schätzen: ihm gelang eine oft erstaunliche Objektivität, hinter der fein eigenstes Ich, feine gesühls mäßige Beteiligung saft völlig zurücktritt: und er and den knappen, beherrschten Stil der Aussage, welcher der dokumentarischen Haltung seines Werkes innerlich entspricht. Dwingers Buch zählt zu den bedeutendsten Leistungen zeitgenössischer Geschichtsschreibung: man füll es lesen, um Vergangenes zu begreifen, ... um für Gegenwärtiges und Korn-
Anthologie. Lyrische Flugblätter des Kartells lyrischer Autoren und des Bundes deutscher Lyriker. Berlin W 50, September 1930. (70) — Auch diese lyrischen Flugblätter gehören zu den entschieden begrüßenswerten Bemühungen in unserer Zeit, dem lyrischen Kunstwerk wieder Geltung und Widerhall zu verschaffen, insbesondere junge, wirklich schöpferische Kräfte an die Oeffcnt- lichle't zu bringen, zu diesen, nachdrücklicher Förderung würdigen jungen Lvrikern darf Diemar Moering (geb. in Charlottenburg 1902) gerechnet werden, der unseren Leserir bereits mit etlichen Beiträgen im Llntcrhaltungsteil vorgestellt wurde. Die wenigen Proben, die hier zmammengcfaßt sind, erscheinen — unabhängig von der persönlichen Kunstäußerung — als ein vielleicht schon symptomatisch zu wertendes Beispiel dafür, daß man sich wieder auf die uralten und unverfieg- lichen Quellen lyrischer Kunst zu besinnen und sich vom sachlichen Song als dem „Ausdruck der Zeit' abzuwenden beginnt. Die wesentlichen Merkmale der vorliegenden Gedichte sind ihre, an die klassische Tradition anknüpfende, formale Geschlossen-
rückblickt auf die Politik der letzten Iahre. Aber er zeigt auch die Machtmittel, die uns trotz aller Einengung geblieben sind, und er fordert aufs bestimmteste, daß wir sie besser als bisher gebrauchen. Von größter Bedeutung für unsere zukünftige Politik ist zweifellos die Stellung Secckts zum Voungplan, zur Ostgrenzenfrage und zum Völkerbund. Seeckt meint, daß wir Niederlagen und Fehlschläge in Zukunft leichter vermeiden können, wenn wir uns auf eine andere Verhandlungsgrundlage stellen.
— (EorraDini, Enrico: „Die politische Reformation in Europ a". Aus dem Italienischen übersetzt von Adalbert Bauer. (Verlag Scherl, Berlin.) Ganzleinen 3,50 Mark. (63). — Der Historiker und Geschichtsphilosoph der faschistischen Weltanschauung gibt eine Darstellung des Werdens, der historischen Bedingtheit und der Ideenwelt des Faschismus. Er leitet die Entstehung der neuen Doktrin aus dem allmählichen Abster- ben der demokratisch-parlamentarischen Regierungen in Europa ab. Der innere Ausbau im Faschismus, die Regelung des Verhältnisses zwischen Staat und Individuum wird durch biologische Gedankenketten erläutert; besonders interessant ist die Gegenüberstellung des Begriffes der „Freiheit" im parlamentarischen und faschistischen Staat. Das im Faschismus verkörperte politische System ist für ihn das System unseres Jahrhunderts; er glaubt, daß es sich, entsprechend den Eigenarten der einzelnen Nationen und Volker, allmählich überall durchsetzen wird. Jeder politisch interessierte Deutsche, der sich vom staatsphilosophischen Inhalt des Faschismus ein Bild machen will, wird dieses Buch mit Spannung lesen.
— DieKatastrophedes8. August 1918, von Major a.D. Thilo v. Vose und Rittmeister a. D. Herrmann, mit 5 Textskizzen, 2 Anlagen Kriegsgliederung und 2 mehrfarbigen Karten tm Anhang. (Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i. O.) Schlachten des Weltkrieges, Band 36. Halbleinenband 4,20 Mk., Halblederband 7Mk. (50) — Das Reichsarchiv hat als Abschluß ferner großen Schriftfolge „Schlachten des Weltkrieges" nunmehr den letzten Band unter dem Titel „Die Katastrophe des 8. August 1918" der Oeffentlichkeit übergeben. Den inneren Zusammenhang der gewaltigen Geschehnisse des Weltkrieges vo.-Zufuhren, aber auch die Einzeltaten deutscher Männer vor Vergessenheit bewahren zu helfen, war die Aufgabe, die sich das Rcichsarchiv 1921 stellte. Der letzte Band führt in die dunkelste Zeit des deutschen Ringens. Der „dies ater“ des deutschen Westheeres! Dem Feinde gelingt die Heber- raschung der deutschen 2. Armee östlich Amiens. 456 englische und 90 französische Tanks sind mit den besten englischen Divisionen angeseht, dichter Nebel begünstigt äleberraschung und Vorgehen. Auf sich selber gestellt, suchen einzelne Trupps deul- scher Helden den ungleichen Kampf durchzusühren. Aber schon klingt daneben dumpf auch das Versagen des aus der Heimat eingetroffenen Ersatzes. Als der Nebel weicht, ist ein großes Loch in die deutsche Front gerissen. Schon haut englische Kavallerie, unterstützt von leichten Tanks, em, „die schwerste Niederlage des deutschen Heeres feit Kriegsbeginn ist zur vollendeten Tatsache geworden". Wohl gelingt es in der Nacht, das Loch dürftig zu flicken, aber am Abend dieses Tages konnte kein Zweifel sein, daß der Krieg n u nj endgültig verloren war. Bose untersucht die älrsachen. Er gibt der Führung einen Teil der Schuld, weil sie so vollkommen vom feindlichen Angriff überrascht wurde. „Entscheidend aber war doch, daß die deutschen Truppen am Ende ihrer Kräfte, daß sie zermürbt waren. Mag ehrloses Verhalten da und dort vorgekommen fein, mag es in nur zu vielen Einheiten Verhetzte gegeben haben, die nicht mehr kämpfen wollten; entscheidend waren die Vorkommnisse nicht. Das Unheil war hereingebrochen, weil die physischen und seelischen Kräfte der Masse der Streiter einem Großangriff nicht mehr gewachsen waren."
— Das Groß h. Hess. Res.-Ins.-Regt. Nr. 2 5 4 i m W e l t k r i e g e. Die Kriegsgeschichte dieses Regiments, nach den Kriegstagebüchern und Verichtcn der Mitkämpfer bearbeitet von der I Offizier-Vereinigung unter der verantwortlichen I Zeichnung von Oberst a.D. Hünicken, liegt jetzt vor (Verlag von Bernhard Sporn, Zeulenroda i. Thür. Gebunden 8,50 Mk.) (486) — Dieser Regimentsgeschichte gebührt unter den Krieaserinne- rungen der hessischen Regimenter ein besonders I hervorragender Platz. In ungemein spannender
vielfach geradezu dramatisch bewegter Weise wird durch dieses Buch vor dem Leser das gewaltige I Kriegsgeschehen wieder lebendig, an dem die 254er I beteiligt waren. Ende Dezemder 1914 in Darmstadt | imb Ümgegenb in der Hauptsache aus hessischen
— H. A. Korff: Gcist der Gvethc zeit. Versuch einer ideellen Entwicklung der "Nsfisch- । romantischen LlIeraturgeschichte.ll.Teil.Kiassi^ XVIII, 530 Seiten 8°. Drosch. 14,00. 9" 15^0 f Mark. Verlagsbuchhandlung von I I- 2veoer in Leipzig, 1930. (669) - Mit dem vorliegenden j Bande bringt der bekannte Literarhistoriker Hermann August Korfs, früher in Gießen, jeftt m , Leipzig wirtend, seine großangelegte, geistes- , geschichtliche Systematik des klassischen Iahrhun- , derts zum Abschluß. Der vor einet Reche von , Jahren erschienene I. Band behandelte ben Sturm , und Drang, der II. Band entwickelt in drei Bu- chern Welt- Lebens- und Kunstanschauung Der deutschen Klassik, und zwar in emer .iorm. die auf das glücklichste sowohl dem geschichtlichen wie dem systematischen Gesichtspunkte Rechnung tragt. Zum ersten Male empfängt man hier einen üo^cn Eindruck von der Ideen- und Motivwelt der deutschen Klassik in ihren inneren Zusammen- hängen« Dabei erfahren insbesondere die Dichtungen eine zum Teil ganz neuartige Beleuchtung durch die sie erst ihren lieferen geistes- geschichtlichen Sinn erkennen lassen. Philosophie und Dichtung erhellen sich hier gegenseitig, indem sie als verschiedenartige Offenbarungen em und desselben Geistes, eben des Geistes der Goethezeil. verstanden werden. Daß beide aufeinander bezogen werden und daß die scheinbar so I verschiedenartigen Gedankenwelten Herder^Doe- thes und Kant-Schillers nicht nur nebeneinander- gestellt. sondern in ihrem geschichtlichen Zusammenspiel begriffen werden, gibt zum ersten Ma.e ein wahrhaft einheitliches Bild dessen, was man I bislang als ..Klassik' zusammengefaßt hat. Die Bedeutung des Werkes liegt somit einerseits in Der Aufhellung der dichterischen Einzelheiten, anderseits in dem geschlossenen Gesamtbilde, zu dem sich die so beleuchteten Einzelheiten vereinigen. Hier ist wirklich eine große Synthese erreicht.
— Walther Victor: M a t b i I b c. Ein Leben um Heinrich Heine. 160 Seiten 8°. Mit zwölf I Bildern, zwölf Vignetten und einem Faksimile. Geh. 2 80, Leinen 4,80 Mark. E.P.Tal & (So., Verlag, Leipzig, Wien, 1931. — (42) — Fünfundsiebzig Jahre nach Heines Tode erfährt die viel beredete und umstrittene Gestalt seiner geliebten Mathilde in dem lebendig und eindringend geschriebenen Buche von Walther Victor eine warmherzige Würdigung, die geeignet erscheint, das vielfach mißverstandene und I verzeichnete Bild dieser Frau und ihr Verhältnis I zum Dichter in das gebührende Licht zu rucken und ihre Bedeutung für das persönliche und dichterische Wesen Heines gerecht und objektiv darzu)tellen. Eine Anzahl Illustrationen sind in den Text verteilt, welche die Umwelt festhalten, in der Mathilde und Heine lebten. Die Schrift darf als eine schätzenswerte Bereicherung der Heineliteratur gelten
— Otto Hcuschele: Geist und Gest a l t. Aufsätze und Briefe. 150 Seiten. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig. (80)
OttoHeuschele: Dichtung und Leben. Aufsätze und Reden. 105 Seiten. Verlag Hermann Meister, Heidelberg, (81) — Otto Heuscheie entstammt dem Blut und der Landschaft. die uns Schiller. Hölderlin, Morike und so viele andere Große geschenkt haben. Lind wahrlich: hier hütet ein oollbürtigcr Nachfahr Das heilige Feuer, er hat es an ihrer reinen Glut entfacht aber nun brennt es m eigener schöner Flamme und leuchtet hell in unsere dustere Gegenwart hinein. Heuscheie hat sich mit einer gläubigen Inbrunst, die jeder Geistige ihm tief danken muh, dem Dienst des zeitlos Gültigen m Dichtung und Leben geweiht. So gelingt ihm m feinen Aufsätzen und Reden, was der nur wissenschaftlichen Literaturbetrachtung so oft versagt bleibt; selbst ein Schöpferischer, vermag er wahrhaft magisch die Schöpsungen der Großen zu beschwören, ihr Geist wird aufs neue Gestalt in seiner einsühlenden Darstellung und lebt als ein Ewiges auf, „herrlich wie am ersten -i^ag . Ich lieh Heuscheles in einem edlen Deutsch gekbriebe- nen Bücher auf einer Insel im Mittelmeer auf mich wirken. Unter dem unerbittlichen Licht des Südens das alle Halbheit entlarvt, wurde mir Die unbedingte Echtheit dieses Menschen und feines Werkes offenbar. Er selbst umschreibt ferne Sendung folgendermaßen: „Bildung zu vermitteln soll nicht heißen, mit Wissen zu erfüllen sondern Den Menschen zu bilden, zu gestalten, das heißt zum Bild, zur Gestalt, schließlich zum Dor- bild zu machen." Möchte der unerschütterliche Glaube Heuscheles, daß hinter dem Oberflachenbild unseres heutigen Lebens und Schrifttums die unerschöpflichen Quellen wahrer Volkheit und Dichtung noch fliehen, dadurch bestärkt werden, dah fein begetfterter Ruf begeisterten Widerhall ihm zuträgt aus einer Iugend. die sich keinen besseren Führer zum überzeitlichen Reich Der Seele und des Geistes wünschen kann! w. b.
Selbstverlags junger Autoren im Joachim-Goldstein- Vcrlag, Berlin 1931. (53.) — Die im Vorwort erläuterte Organisation dieser Selbsthilfe junger Autoren wurde bereits in einem früher besprochenen Lyrik-Bande des gleichen Verlages gekennzeichnet. Die ideelle Aufgabe, die hier zugrundeliegt — be gabten, aber noch unbekannten Schriftstellern den Weg in die Oeffentlichkeit zu ebnen — ist notwendig und jeder gelungene Versuch begrüßenswert. Allerdings >mih jede derartige Bemühung durch eine un bestechlich kritische Auslese und den entschiedenen Willen zur Qualität beglaubigt sein, wenn nicht Dec Sinn einer solchen Arbeit ins Gegenteil verkehrt und eine an sich vortreffliche Sache diskreditiert wer den soll. Der vorliegenden Auswahl fehlt leider allenthalben jene Legitimation, von der wir sprachen: sie erscheint weder notwendig noch erfreulich. Die Mehrzahl der hier zusammengestellten Prosastücke ist inhaltlich belanglos ober völlig unmöglich, im Stil verschwommen, ungekonnt, heillos dilettantisch. Ein einziger der sechs jungen Autoren — Walter R. Schmidt in der Erzählung „Brot" — zeigt wenigstens Ansätze zu einer nicht völlig konventionellen oder hoffnungslos „literarischen" Gestaltung. — Die Lektüre des Bandes wird durch eine ganze Reihe von verkehrt gehefteten und deshalb falsch numerierten Seiten noch erschwert. — Es wäre sehr wünschenswert, daß die bereits angekündigten kommenden Veröffentlichungen des Verlages stärkere Leistungen präsentieren und wirklich wesentliche Kräfte der jungen Generation, welche solche Förderung verdienen, zu Wort kommen lasse».
Neue Lyrik.
— Max Sidow: Das kleineLeben. Gedichte. 61 Seiten 8°. Im Kreis-Verlag zu Hamburg. 1931. (667) - Sidow. den Lesern des Feuilletons und der Unterhaltungsbeilage nicht unbekannt, gehört zu der jüngeren Generation deutscher Dichter, deren Schassen in den letzten Iahren zunehmend bekannt geworden ist. Die hier zusammengestellten Gedichte sind in einem schönen Sinn zeitabgewandt, dabei von strenger, auf Rundung und klassisches Maß bedachter Bindung; eine Verskunst, die sich formal unD gehaltlich unter erlauchten Gestirnen zu eigener Prägung entwickelt: Goethe, Hölderlin und die Alten scheinen ihr die Richtung zu weisen. Beseeltes Naturgefühl findet in diesen Strophen die gleiche vertraute Anrede unD brüderliche Beziehung zu Tier und Baum, zu Wolken und Gestirnen wie zum geliebten oder in Freundschaft verbundenen Menschen. Manches ist schön schlechthin, ruhend, geschlossen, „selig in ihm selbst" ... wie das „CiebcdlieD im Frühling"; anderes mag noch vereinfacht werden, klingender, fliehender ... doch soll dies die Freude an der um Reife und reine Gestaltung bemühten Auslese nicht schmälern; man darf den ferneren Gaben dieses jungen Deutschen mit Zuversicht entgegenwarten, -y-
— Diemar Moering: Bis ins tausendste Glied. Gedichte. 16 Seiten 8°. Erschienen als Nummer 9 m der Reihe: Die
Truppenteilen (Darmstadt, Offenbach. Friedberg) zusammengestellt, kam das Regiment in der Winterschlacht in Masuren im Februar 1915 zum erstenmal an den Feind. Von hier ging es dann über die verschiedensten Schlachtfelder Rußlands — u a. waren 254er auch bei dem weltgeschichtlichen, beispiellos kühnen Vormarsch hinter der russischen Front von Kurland aus in Richtung Smorgon dabei, durch den die feindliche Front im Norden stark erschüttert wurde —, über die zahlreichen Schlachtfelder in Siebenbürgen und Rumänien, schließlich nach Frankreich vom Avre- bogen bis zum Argonnerwald und zur Maas; dann folgt nach unzähligen siegreichen Kämpfen der Rückmarsch bis Gießen, wo die Auflösung des Reginients erfolgte. 59 Offiziere und 2048 Unteroffiziere und Mann sanden im Regimentsverband Den Heldentod. Die Schilderung Der Kriegsgeschichte auf 448 Seilen wird durch 44 gute Bildtafeln und 11 Karlen und Skizzen in sehr anschau- licber Weise bereichert: besonders instruktiv sind Die Karten, die über die Kampfzüge des Regiments lückenlosen Aufschluß geben. Die Schilderung dieser Kriegserlebnisse ist flott und fes,elnd geschrieben: das Buch enthält rege pulsierendes Leben, an keiner Stelle etwa trockene, aftenmafoigc Darstellung. Dadurch wird der Wert dieses prächtigen Bandes, der auch äußerlich würdig gestaltet ist noch erhöht. Möchte diesem Geschichtswerk bei allen ehemaligen 254ern die wohlverdiente herzliche Ausnahme bereitet werden!
— Edwin Erich Dwinger: Zwischen W e i ß ii n d R o t. Die russische Tragödie 1919,1920. 11. bis 20. Tausend. 503 Seiten 8". Geh. 5 Mart, Leinen 7,80 Mark. Eugen Diederichs Verlag, Jena. (49.) — Aus der nachgerade unübersehbaren rflut Der Kriegsbücher (der neuerdings eine Welle von Rachkriegs-, Jnflations- und Friedensschilderungen folgt) hebt sich dieses Werk Dwingers als eines der großartigsten und erschütterndsten heraus; dabei hat es mit dem bisher allgemein behandelten Stosskreis des Weltkrieges nichts oder nur indirekt zu, tun — insofern etwa, als es das schauerliche außereuropäische Nachspiel der großen Katastrophe gestaltet: ein Nachspiel freilich, welches erschütternd ist in Den Ausmaßen des weltgeschichtlichen Zusammenbruches und seiner menschlichen Leiden und Opfer, ... von dem jedoch bei uns, bis zum Erscheinen dieser Auszeichnungen, kaum jemand etwas wußte oder sich greifbare Vorstellungen machen konnte, obwohl auch dieses Nachspiel zu einem großen Teil u n i c r c Sache war so sehr wie der Weltkrieg zuvor. Wir hatten allerdings in der Zeit um 1920 und nachher so viel mit unfern eigenen Sorgen ju tun, daß wir kaum achten konnten auf das, was im Osten hcreinbrad). Das Buch „Zwischen Weiß und Rot ist die Fortsetzung des sibirischen Tagebuches „Die Armee hinter Stacheldraht", worin Dwmgcr die Leidensjahre feiner Gefangenschaft beschrieben J)at; hier nun wird die zeitlich sich anschließende -tra> gobie des russischen Bürgerkrieges geschildert, Die Kämpfe zwischen Der weißen und der roten Armee; Dwinger gerät als Flüchtling in den Hexenkessel des mörderischen Endkampfes, welcher Hekatomben
Deutsche Erzähler.
— Robert Neumann: Karriere. In der Reihe „Blinde Passagiere". 198 Seiten 8°. Brosch. 2 Mark, Leinen 4,90 Mark, Halbleder 7,50 Mark. I. Engelhorns Nachf., Stuttgart 1931. (36.) — Schon in früheren Büchern — „Sintflut", „Hoch- staplernovelle", „Panoptikum" — erwies Robert Reumann seine Vorliebe für die Darstellung abseitiger und untergründiger Charaktere und Situa honen; hier schildert er den jähen Aufstieg eines von Vorurteilen kaum beschwerten jungen Mädchens aus den Niederungen eines provinziellen Tingeltangels von mehr als zweifelhafter Qualität ... bis zur Adoptivtochter eines leibhaftigen Lords. Zwar tonn man kaum sagen, daß die Beschreibung einer derartigen „Karriere" in irgendeinem Sinne notwendig, von Bedeutung oder auch nur erfreulich wäre; doch bewährt sich auch an diesem Stoff die brillante Erzählergabe Neumanns, sein vehementer und zugleich witziger Stil, die Eleganz und Genauigkeit seiner Darstellung. Eine Talentprobe also, — die Neumann langst nicht mehr nötig hat. Ihm wäre — nach seinen letzten Büchern — ein Stoff zu wünschen, wie die „Sintflut", dessen Format Dem Range feines Könnens wirklich entspräche.
— Neue Prosa II. Sechs Novellen junger Autoren. 63 Seiten 8U. Dritte Veröffentlichung des


