Ausgabe 
11.2.1931
 
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Lugend und Hochschule.

Freiheit und Führerschaft.

Don profeflor Dr W. coffmann

Wenn die moderne Erziehung auf jugend- psychologischer Grundlage aufbaut, ist dies nicht zulegt das Verdienst von Pros. Hoff- manns grundlegendem Werk überDie Reisezeit", dessen soeben erscheinender 3. Aus­lage wir den nachstehenden Abschnitt entneh­men. (Verlag von Quelle K Meyer in Leipzig. Preis geheftet 10 Mark. In Leinenband 12 Mark.)

Während in der Kindheit sich das Wachstum der Seele nach unbewußten biologischen Gcjegmähig- leiten vollzieht, die der Erzieher noch Verhältnis- mäßig einfach durch entsprechende Abstimmung der Umweltoerhältnisse beeinflussen kann, ist in den Reifejahren die Verselbständigung der geistigen Funktionen so weit fortgeschritten, daß nunmehr das seelische Organ selbst sich an der Leitung der Weiter- eiitwicklung aktiv beteiligt. Mit diesem neuen psycho­logischen Faktor muß die Erziehung rechnen. Er bedeutet einen Fortschritt insofern, als an Stelle der Erziehung immer mehr die Selbsterziehung tritt.

Dem Erzieher fällt im allgemeinen die Kehrseite der>geistigen Erweckung mehr auf, die sich in der Lösung kindlicher Abhängigkeitsoerhältnisse zeigt. Der Jugendliche will gewissermaßen das Steuer selbst in die Hand nehmen, und da der Erzieher bemerkt, wie ihm die Führung mehr und mehr entgleitet, fürchtet er, daß der Jugendliche a l l e Führung verliert. Will er die gegenüber dem Kinde angewandte Fonn autoritativer Führung weiterhin durchsetzen, so trifft er auf starken Widerstand, der bis zu offener Auflehnung gehen kann. Es gibt eine typische häusliche Szene, wo der Jugendliche eines Tages erklärt,er sei kein Kind mehr, das zu allem ja sagen müsse, er bilde sich seine eigene Meinung und wisse selbst, was er zu tun und zu lassen habe". In der ethischen Form mag der junge Mensch unrecht handeln, biologisch gesehen, ist er int Recht. Er braucht diese Selbständigkeit zu seinem geistigen Wachstum, selbst auf die Gefahr hin, daß die ersten Experimente mMngen sollten und der Erzieher helfen muß, den Schaden zu reparieren. Denn die Fremderziehung soll im allgemeinen soweit beendet fein, daß man dem Jugendlichen getrost die Selbsterziehung überlassen kann.

Oft ist aber in dieser Hinsicht manches vernach­lässigt worden, und hieraus erwächst eine kritische pädagogische Situation, weil nunmehr die Folgen der Erziehungsfehler evident werden. Jetzt begin­nen die Klagen über Mangel an Selbstdisziplin, an Verantwortungsgefühl, an Echtheit der Lebens­führung, und die Eltern möchten die ungenügende Erziehung der Kinderstube nachholen. Zu spät! Eher kann hier fremde Führung helfen.

Die alte Streitfrage nach dem Verhältnis von Autorität und Freiheit in der Erziehung läßt sich also in dieser allgemeinen Fassung überhaupt nicht beantworten. Man muß sehr genau unterscheiden, welche Entwicklungsstufe und welche besondere Er­ziehungsaufgabe in Betracht kommt. Die Erziehung beginnt beim Säugling mit einerDressur" und endet in den Reife,ähren mit der Selbsterziehung. Alle Fremderzichung soll nur Vorbereitung zur Celbstcrziehung (ein. Kurz gesagt: die letzte Aufgabe jeder Erziehung ist, sich selbst überflüssig zu machen. Für den Jugendlichen gilt auch der beste Erzieher als notwendiges Hebel, und er hat in seiner Art wieder recht. Je weniger wir zu erziehen brauchen, desto besser haben wir die pädagogische Aufgabe gelöst.

Bei der Lösung des Jugendlichen von kindlichen Bindungen offenbart sich die ganze Zwiespältigkeit seines Wesens. Keine Vernunftgründe sind in der Lage, diesen Schritt zu hindern. Er folgt beinahe widerstrebend einem inneren Drange; denn es handelt sich um das Einsetzen einer Phase, die an­lagemäßig durch den biologischen Entwicklungs- rhythmus vorgebildet ist. Er selbst empfindet auch seine Schwäche und sucht daher nach neuer Füh­rung. Das Führerprablcm beruht also darin, daß der Jugendliche die ihm gebotene und ange­botene Führung ablehnt, obwohl er gleichzeitig eine Führung braucht und sucht. Infolgedessen liegt hier der Punkt, wo die Grenzen d^ pädagogisch Mög­lichen erreicht sind. Denn die letzte Entscheidung liegt in der persönlichen Veranlagung des Jugend­lichen. Dementsprechendsucht" er sichseinen" Füh­rer. Sein Glück und fein Verderben hängen von dieser Wahl ab. Hier wirkt ein letztes psychologisches Gesetz, dem sich auch der Erzieher fügen muß. Er kann nicht mehr tun, als dem Jugendlichen den

Ernst und die Verantwortung seiner Lage bewußt zu machen.

Diese Ausführungen gelten zunächst für die männ­liche Jugend. Auch das Mädchensucht" seinen Führer. Aber es ist mehr ein stilles Warten auf das Erscheinen seines Führers, zugleich Verfchlosien- heit und Abwehr bei allen anderen geistigen Be­gegnungen. Der Knabe läßt es eher auf einen Ver­such ankommen; erexperimentiert" auch bei der Wahl seines Führers. Hat das Mädchen sich in seinem Vertrauen getäuscht, so setzt es sich viel schwerer über diese Erfahrung hinweg. Mädchen gcUen_ im geistigen Verkehr des Alltaasl^iens als oberflächlich. Es fragt sich nur, wie diese Oberfläch­lichkeit zu deuten ist. Könnte es nicht ein instinktiver Selbstschutz sein?

Gerade in der Stellung des Jugendlichen zu seinem Führer zeigen sich die Unterschiede der Ent­wicklungstypen, je nachdem das autonome oder heteronome Formprinzip vorherrscht. Man sieht es im allgemeinen als höchste Leistung des Erziehers an, wenn er einen möglichst starken suggestiven Ein- fluß auf die Jugend ausübt. Es fann sich aber daraus ein Zustand seelischer Hörigkeit er­geben, der die Entwicklung ungünstig beeinflußt. Hat der Erzieher einmal den seelischen Kontakt her- gcfteUt, Jo geht sein Einfluß beinahe ins Grenzen­lose. Infolgedessen besteht die Hauptaufgabe darin, das richtige Maß zu halten. Wenn ein junger Mann nach seinem Wegzüge anfangs dreimal täglich Kar­ten schreibt, worauf nichts weiter steht, als daß es ihm gut geht, ober wenn andere periodisch größere Reisen unternehmen, weil sie nach Jahren das Be­dürfnis fühlen, sich einmalauszusprechen", so ist die Grenze bereits überschritten. Namentlich bei Mädchen kann dasSchärmen" sehr exaltierte For­men annehmen. Da die seelische Hörigkeit unter allen Umständen einen abnormen Zustand tiarfteilt, so muh früher ober später eine entsprechenbe Reak­tion eintreten. Je schärfer bie Binbung vorher war, besto schroffer gestaltet sich bann bie Ablehnung. In vielen Jugenbgruppen wieberholt sich der typische Vorgang, daß ein leidenschaftlich verehrter Führer eines Tages mit maßlosem Haß verfolgt wird. Der Außenstehende kann cs oft schwer verstehen, warum alle Brücken zu einer Verständigung von den be­treffenden Jugendlichen rücksichtslos abgebrochen

werden und der ehemalige Führer in jeder Weise herabgesetzt wirb. Es ist eine Aeuherung bes geisti­gen Seibslerhastungstriebes, und deshalb werben die stärksten Sicherungen gegen einen Rücksall in bie seelische Hörigkeit gebaut, bie nunmehr als (Er» niebrigung bes Ich erkannt wirb. Man wirb leiber häufig vor Erziehungsaufgaben gestellt, die nur unter Aufbietung des stärksten persönlichen Ein­flusses zu lösen sind, und es ist, wie jeder Psycho­therapeut schon aus der Behandlung Erwachsener weiß, außerordentlich schwer, einen solchen jungen Menschen wieder auf sich selbst zu stellen. Wenn z. B. die Erklärung kommt, man fei ihm mehr als der Vater geworden, so ist es höchste Zeit, sich durch eine moralische Standpauke unbeliebt zu machen. Daß die Pädagogik von dieser Gefahr bisher nichts wußte, verdankt sie roohl ihrer Unzulänglichkeit, während pädagogisch begabte Laien meist in falscher Seldsteinschätzung darüber hinwegsehen und bann fassungslos vor Katastrophen der zuvor erwähnten Art stehen.

Wie schon bemerkt, ist dasSuchen" nach dem Führer ein charakteristischer Zug für bie männliche Jugend, und bie Aufgabe wird wie immer durch Experimentieren, also in spielerischer Art ge­löst. Infolgedessen wechselt er häufig in der Wahl seines Führers. Da ihm für innere Werte noch der nötige Blick fehlt, so ist für ihn mehr der äußere Effekt maßgebend, und er bevorzugt Personen, die offenkundig von anderen bewundert werden: den Sportmeister, den)auspieler, den Sänger, und auf den Schwadroneur fällt er prompt herein.

Ist wirtlich eine persönliche Bindung gefunden, so wünscht doch der Jugendliche, daß die Bindung äußerlich möglichst wenig in die Erscheinung tritt. Er will dem Führer etwas ablauschen, absehen, und sobald ihm dieser seine Ansichten und Ratschläge ausdrängt, zerstört er das Verhältnis. Der Jugend­liche möchte innerlich frei bleiben, frei auch von Dankesschuld. Daher liebt er es, mit seinem Führer zu debattieren, ihm äußerlich zu widersprechen, um feine Grundposition, bie geistige Selbstänbigkeit, zu wahren. Zugleich ist er der geborene Plagiator. Was er eben gehört und sogar lebhaft bestritten hat, trägt er vielleicht schon eine halbe Stunde spä­ter in seinem Freundeskreise als eigene Gedanken vor...

Bildung am Abend.

Abendgymnasium und Abenduniversstäi.

Don 6. Frisch.

DiePädagogische Provinz" ist heute ein sehr weitläufiges Gebiet, auf dem abgebrochen, um­gebaut und neugebaut wird. Wer einen Einblick gewinnen will, darf sich von dem Daulürm auf dem Gelände, den: Staub der Diskussionen, den Hausen des Materials, dem Unfertigen, Halb- fertigen und Provisorischen nicht stören lassen. Einiges steht ja auch schon fertig da, die Räume sind zum Teil bezogen. Am besten, man geht hinein und sieht, wie sie sich da einrichten. Xlnb wenn man es will, kommt einem auch die Gelegen­heit bald zu Hilfe.

Ich treffe in Gesellschaft einen jungen Doktor, Drille, etwas schwerfällig, aber sehr beschlagen in den geläufigen Themen einer Berliner Unter­haltung: Tonftlm, Krach der Amüsierpaläste, Pro­minente, Dirigenten. Man sagt, was jeder schon weih, oder das Gegenteil, was auch ein j-der schon weih... Wir gehen zusammen fort. Er trägt eine ausgediente, dickgefüllte Aktentasche mit sich, Zeugnis seiner beruflichen Tätigkeit. Er habe spät noch eine Ertrastunde lateinischer Lektüre ge­habt, mit Schülern, die außerhalb des Programms besonderes Interesse für lateinische Schriftsteller haben. Schüler, so spät? Ich wundere mich. Er erzählt. Ein Mann, ganz anders als eben noch, kommt zum Vorschein. DaS Anonyme des Berli­ner Passanten, der den ganzen Tag irgendwohin eilt, fällt von ihm ab. Lehrer von Erwachsenen, Berufstätigen. Ich spüre plötzlich einen Mann an einem Werk. Bildung? Wird das noch be­gehrt? Wie, und zu welchem Zweck? Er wird wärmer. Wir sprechen zum erstenmal an diesem Abend. Beim Abschied sagt er:Kommen Sie und sehen Die selbst!" ,

Dicht am Wittenbergplah, der an zwei Tagen der Woche ein richtiger Markt ist, sonst aber mit seinem E'-Bahnhof und Warenhaus der Brücken­kopf der Flanier- und Trubellinie, die der Ber­

liner stolz feinen Broadway nennt, liegt eine schläfrige, kurze Strohe zu dieser frühen Abend­stunde fast im Dunkeln. Man kann die Rummern der Häuser, gesichtslose, schon in ihrer Jugend gealterte Fassaden der 80er Jahre, kaum aus­machen. Typische ältere Berliner Wohnstraße in nächster Rahe der großen Derkehrszentren, akusti­sches Wunder der Stille. Durch ein klaffendes Backsteinportal trete ich in einen weiten Hof, der aus den Fensterreihen eines großen Hintergebäu­des Licht empfängt.

Abcndghmnasinin. Ich treffe gerade in eine kurze Pause des Unterrichts, der aus den drei Abendstunden von 7 bis 10 vier normale Unterrichtsstunden zurechtschneidet. Die Zeit muß genutzt werden. Hastiges Gewimmel auf den Kor­ridoren. Es ist nicht der Eindruck einer Schul­pause, den man empfängt, vielmehr der des ge­schäftigen Ernstes von Berufsmenschen, die einer Verrichtung zueilen und unterwegs ein paar Worte miteinander wechseln. Ich finde meinen Gewährsmann unter Gleichaltrigen, Jüngeren und Aelteren als er, in feiner Eigenschaft als Lehrer nicht unterfcheidbar. Etwas noch nicht definier­bares Gemeinsames hält die Bewegung dieser Menschen zusammen, anders als eine Gruppe von zufälligen Versammlungsteilnehmern nach ihrem verschiedenen Tagewerk. In einem engen Bureau, ungestört durch dos fortgesetzte Ein und Aus Fragender und Auskunftempfangender, lerne ich den Initiator und Leiter der Anstalt, Professor S., kennen: ein hoher, breitschultriger, eleganter Mann mit weißem Haar und jugendlichen Augen, weniger einem Pädagogen als einem energischen, modernen Unternehmer ähnlich. Richts (Beamten- Haftes, Autoritatives. Es besteht hier durchaus nicht die Reigung, Fachfragen zu erörtern oder propagandistisch für ein System zu werben. Ich mache die gleiche Erfahrung wie überall, wo Reues aus Rotwendigkeit am Werke ist, dah die

an richtiger Stelle Wirkenden nur daraus bedacht sind, dos nächst Aufgegebene zu erfüllen.

Eine Sch ul klaffe. Ich habe aus einmal die lebhafte Empfindung deS Kontrastes von Tempo und Zeit. DaS Abend-Gymnasium fetzt sich die schwierige Ausgabe, ausschliehlich werk­tätigen DerusSmenschen. die einen vollen Ar­beitstag hinter sich haben man muh sich präzis vorstellen, was das in Berlin heißt in kür­zerer Frist als im normalen Lehrgang den Weg zur Hochschule zu eröffnen. Welche Qlnforbe* rung an die Energie der Schüler, an ihre De* gabung und denkt man an das Tempo eines alle Fächer umfassenden Unterrichts. Allein man muh nur wieder erleben, was eine Schulstunde ist. waS alles in sie hineingeht, wrnn sie rational ge­nützt wird. Mag sein, daß daS natürliche Reifen eine zu heftige und angespannte Inanspruch­nahme jugendlicher Kräste verbietet, aber ebenso gewiß ist, dah selbst dem Durchschnitt der alte schleppende Lehrgang längst nicht mehr entspricht und an dem Begabten zumal eine Versündigung ist. Hier freilich handelt es sich ja eigentlich nicht mehr um Erziehung, sondern um Vermittlung von Kenntnissen, um Bildung.

Rach der Mischung männlicher und weibllcher Typen vom verschiedenen Beruf gefärbter Men­schen bietet die Klasse einen ungewöhnlichen Aspekt, hat etwa- von einem Warteraum. Dio unterste Altersgrenze ist 18 Jahre. 3m Schüler­verzeichnis finde ich folgende Berufe: Buchdrucker, Stenotypistin, Handlungsgehilfe. Polizei-Oberwachtmeister, G'asbiäser, Sprachleh­rerin, Statistiker, Werkzeugdreher. 3m Augen­blick bilden sie zusammen mit dem Lehrer eine A r b e i t s g em e i n s ch ast zur Erwerbung histo­rischer Kenntnisse. Kein Vortrag, der nach­geschrieben wird. 3ch höre nichts von Staats­aktionen, klangvollen, historischen Rainen. Es handelt sich darum, ein Bild zu gewinnen vom Leben deutscher Dauern im vierzehnten Jahr­hundert das merke ich allmählich. Von allen Seiten wird ein weniges dazu beigetragen, lang­sam füllt sich der Rahmen: Verhältnis vom Land zur Stadt. Stellung des Gutsherrn. Einftuh der städtischen Marktpreise, zunehmende Dedeu- tung des Geldes, Abwanderung der Desitzer in die Stadt, Streislichter auf die Gegenwart... Unauffällig lenkt der Lehrer, indem er Richt­punkte fixiert. Abschweifende zurückführt, Un­sicherheiten beseitigt. Ist ein Punkt erreicht, wo das Wissen der Lernenden schon sehr spärlich sickert, bann tritt so etwas wie eine natürliche Stockung ein. Sie wird vom Leiter der Stunde nicht mit einem Beitrag aus Eigenem behoben. Es wird zunächst festgestellt, was fehlt, darauf hingewiesen, wo Ergänzungen zu holen sind. 3st von den Mitwirkenden etwas unterlassen worden? Ohne daß ein Tadel ausgesprochen wird, spürt man Unruhe. Die gemeinsame Lei­stung befriedigt offenbar nicht. Hier ist eine Ver­stärkung erforderlich, sie wird rasch für die nächste Stunde organisiert, die vorzunehmende Arbeit verteilt.

Eine andere Klasse. D e u t s ch u n te r r l cht. Da von alten Sprachen nur Latein gelernt wird, hat der Lehrer eine moderne Uebersehung der .Odyssee" zur Lektüre gewählt. Er sucht den Eindruck, den die alte griechische Dichtung ge­macht hat, zu ermitteln, die Merkmale der epi­schen Erzählung und was sie von einer modernen unterscheidet, finden zu lassen. 3ch höre nicht die übliche, schlechtgesügte Schülernacherzählung, in der die angelesenen Brocken und die Schlagworte aus dem Vortrag als unverdautes Material stecken. Mehr oder minder gewandt, verraten die Aeuherungen eine ehrliche, eigne Bemühung um diese ferne Welt, oft eine naive Freude an den großen Einfachheiten des Gedichts. Mit ungefügen Worten konstatiert ein Mann mit schweren Handwerkerhänden, daß es in dem Ge­dicht wohl große Gefühlsausbrüche gebe, aber kein Reden über Gefühle. Es liegt auf diesen von der Tagesarbeit gezeichneten Gesichtern zu dieser Stunde ein Schimmer von dem beg'üäen- den Frieden, wie ihn ein großer landschaftlicher Eindruck zuweilen auSstrahlt.

In dcr Bank unter mir sitzen zwei junge Leute. Mittlere Angestellte oder Feinarbeiter. Sie haben die ruhige selbstbewußte Art, die auf sportliche Betätigung schließen läßt, vielleicht auch die Zu­gehörigkeit zu einer strammen Parteiorganisation. Der eine mit rotem Schopf und knochigem, festen Gesicht, der andere schwarz, schmal, mit intelli­genten Augen. Sie haben vor sich ein schwere«, dickes Buch, das wie das Hauptbuch eines Ge­schäfts aussieht. Sie haben es sehr sinnreich ein­gerichtet, in Abteilungen, Fächer, Unterfächer

Vemssaussichsen des Musikers.

Don Artur Holde.

Schon längst bevor der allgemeine wirtschaft­liche und soziale Riedergang eingesetzt hatte, warnten die Vertreter der meisten Berufe, in erster Linie die der sogenanntenfreien" vor dem Eintritt. Eine ganz natürliche Erscheinung: jeder kennt die Schattenseiten feiner eigenen Be­rufssphäre am genauesten, und für jeden werden die Vorzüge einer Stellung, da die Gewohnheit abstumpft, zur Selbstverständlichkeit. Jetzt haben die Warner als beweiskräftigstes Argument die Lieberfüllung aller Berufskategorien anzuführen, die selbst dem Begabten nur bescheidene Aus­sichten auf Aufstieg biete. Was aber soll denn die Heranwachsende Generation beginnen, da sie doch nicht erst bessere Zeiten abwarten kann und kaum jemals so stark dem Zwang, sich frühzeitig für ein Lebensziel zu entscheiden, unterworfen gewesen ist?

Vielleicht am meisten sind die Chancen, sich durchzusetzen, für den an keine vertragliche Stel­lung gefesselten Künstler gesunken. Der ab­seits vom Erwerbsleben feiner Arbeit gegebene schöpferische Mensch ist eine nahezu um>efannte Erscheinung geworden. Auch er hat die Bindung an irgendein seiner Anlage entsprechendes Amt auf sich nehmen müssen. Die Gefahr, den Doden unter den Füßen zu verlieren, ist für den Ton- künstler nicht ganz so groß wie etwa bei den bildenden Künstlern, da es gerade in der Musik zahlreiche Formen der praktischen Existenz gibt. Es heißt für viele Derulsmusjker eben nur, umzulernen, und für die Jugend lautet die For­derung: die Zielsetzung von vornherein in Ein- flang zu bringen mit der durch die Verhältnisse geschaffenen neuen Situation des Musikwesens.

©er in jedem Beruf jetzt mehr denn je gültige

Sah, daß nur bet stark Befähigte und der Cha­rakterfeste Ausstiegsmöglich'eiten hat, ist natür­lich auch für die Musik zutreffend. Ist aber dieses natürliche Fundament hinreichend vorhanden, dann ist die Zukunft keineswegs nur mit grauen Wolken verhängt. Denn es besteht Bedarf an tüchtigen Musikern in allen Ländern. Ungünstig sind die Aussichten allerdings für den Konzert­spieler. Vor dem Kriege gestattete der all­gemeine Wohlstand im Konzcrtwesen eine Art Luxusbetrieb, der nur für Vereinzelte zu einer begehrenswerten Position führte. Von den So­listen sind gegenwärtig und wohl noch für ge­raume Zeit am besten hochqualifizierte Sänger gestellt. Die Opcrnbühnen Deutschlands haben, von wenigen kleinen Instituten abgesehen, ihre Pforten nicht geschlossen, und auch das Chorwesen hat keinen einschneidenden Rückgang erfahren, da an die Stelle der an Mitgliederzahl und Leistungsfähigkeit durchweg geschwächten altange­sehenen Chorgesellschaften vielfach Volkschöre zroßen Stils getreten sind. Das Eingreifen dieser aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Männer- und Gemischten Chöre gibt jungen Di­rigenten ein großes, dankbares Betätigungs­feld.

Richt gerade ungünstig find die Aussichten für befähigte Instrumentalisten ohne So- listenchrgeiz. Zunächst gilt auch für sie die Aus­wirkung des Geburtenrückgangs der ersten Kriegs­jahre: die zif ernmäßig schwachen Jahrgänge 1914 bis 1918 treten jetzt in das Erwerbsleben ein, so daß auch im Lrchestermusike.stand eine gewisse Zeit mit einem verminderten Angebot gerechnet werden kann. Dabei hat sich die Wirt- schasts as s leistungsfähiger Orch.sterrnusiker durch die Hccrnafjme vieler Institute in städtische Re­gie und durch die damit erreichte Deamtenquali- fifation gc eftigt. Dieser Weg steht allerdings fast ausschließlich Männern offen, da Frauen nur

selten Einlaß gewährt wird. In deutschen Or­chestern haben eigent.ich nur Harfenistinnen Aussichten auf Anstellung.

Für den jungei Mus ker dem die Beschäftigung im Orstester nicht zusagt, oder der die von den Instituten geforderte künstlerische und allgemeine Bildung nicht besitzt, ist immer noch ein wertes Feld als Kaffeehaus-, Kabarett- oder Kinospieler vorhanden. Er wird aber den Wandlungen in dcr Besetzung der Ensembles Rechnung zu tragen haben. Bläser und Schlagzeuger sind er­heblich mehr als Streicher gesucht.

Das Vorbringen der mechanischen Musik hat zu einer Umwälzung in der Musikpslege geführt. Eine ihrer Auswirkungen: Der Musiker ist in erhöhtem Maße auf die Großstädte, und zwar jene wenigen Plätze angewiesen, die Pro­duktionsstätten der Schallplatten und der Tonfilmindustrie sind und an denen sich die Sende st ationen befinden. Alle diese Betriebe haben einen großen musikalischen Appa­rat. der viele praktisch und theoretisch durch­gebildete Tonkünstler beansprucht. Reue Be­rufe sind entstanden: Klangkontrolleure, Musik- inspizienten, Archivare, Propagandisten bilden eine große Gruppetechnischer Musiker".

Reben den reproduzierenden Musikern bedürfen diese Industrien der schaffenden Tonkünstler. Die Rachfrage nach arteigenen Werken nimmt in allen Zweigen der mechanischen Musik schnell zu. Das erhöhte Verantwortungsgefühl der Sende- und Grammophongescllschasten (die sich zum Teil bereitsKulturabteilungen" un­gegliedert haben) weckt überdies immer mehr das Verlangen nach Musikwissenschaftlern.

Am stärksten wftd von der Maschinisierung des Musiklebens die ernstgerichtete Hausmusik betroffen. Wer zur Tonkunst kein tieferes Ver­hältnis besitzt, begnügt sich nur allzu leicht mit der bequemen Form der Hebertragung. Wie­

derum werden durch das Radio auch welle Kreise an die Musik herangeführt, die ehedem für ernste Tonkunst gar nicht in Frage kamen. Aus der gemeinsamen kulturellen Rot heraus beginnen sich jetzt Schullehrer und Privatmusiklehrer zu» sammenzuschlichen, um musikalische Kinder an sachgemäßem Unterricht teilnehmen zu lassen. Durch diese Zusammenarbeit entstehen auf dem sicheren Unterbau der Schule Stellungen, die gegenüber der altenfreien Form des Privat­musikunterrichts mannigfache wirtschaftliche und soziale Vorteile bieten.

Die vielfach bekämpfte, aber nun einmal Im Forlschreiten befindlicheVerschulung" der Musikpädagogik hat vor allem aus die Musik­pflege der wirtschaftlich schwachen Kreise Einfluß gewonnen. Ein ganz neues, erzieherisches Ar­beitsgebiet eröffnet sich geistig beweglichen, fort­schrittlich gesinnten, vor allem umfaffenb vor» gebildeten Lehrkräften durch das Entstehen von Volksmusikschulen. Die bisher gemachten Versuche, bie unbemittelten Schichten für Vokal- und Instrumentalunterricht zu aktivieren, haben bewiesen, dah durch solche vollstümliche An­stalten die Berufsaussichten der jungen Musiker erheblich steigen können.

Liegt also eine ausgesprochene Begabung für die Musik in Verbindung mit allen notwendigen körperlichen und seelischen Eigenschaften vor, bann besteht keine Veranlassung, den zur Ton­kunst als Lebensberuf strebenden jungen Menschen abzuraten. Denn man kommt immer noch auf dem Gebiet am weitesten, und man findet in dem Fach die größte Lebensfreude, auf das die Anlagen Hinweisen. Frei von allem vagen Optimismus kann man deshalb sagen, daß der Musikerberuf, der früher wie jede künstlerische Tätigkeit al5 wirtschaftlich besonder- unsicher betrachtet wurde, heute nichtunfoliber ist als die meisten dei bürgerlichen" Laufbahnen.