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Dienstag, 10. März 1951

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Nr. 5 8 Zweites Blatt

Die Berufsausbildung unserer Schulentlassenen.

?n pfarrerAies, Ettingshausen, Vorsikendem < (5v. Dekanaiserziehungsvereins Grünberg.

ist dattkbar zu begrüßen, daß von der 2c- russberatungsstelle imGießener Anzeiger" jetzt vor der Schulentlassung die wichtige Frage der Berufsausbildung erörtert worden ist. Wan wird auch grundsätzlich Öern zustimmen müssen, was da unter der Doraussehung der Eig­nung über die Notwendigkeit und den Wert einer sachgemäßen Ausbildung gesagt worden ist. Wer durch Neigung und Beruf mit dem Interesse der Heranwachsenden Jugend verbunden ist, und wer die Schwierigkeiten mit erlebt, die gerade mit dem Ergreifen eines Berufes für unsere schulent­lassenen Kinder verbunden sind, weiß, daß cs sich um allerwichtigste Fragen handelt, die für daS Leben des einzelnen wie auch für das Wohl der Allgemeinheit gleich bedeutungsvoll sind. Auch der Satz in den Ausführungen der Bcrufs- beratungsstelle ist richtig, daß die beruflich Aus- gebildeten bessere Möglichkeiten im wirtschaft­lichen Leben haben, als die ungelernten Arbeiter. Aber gerade dieser Sah bedarf einiger Rand- bemerkungen.

QHgn darf doch heute nicht übersehen, daß toir im Handwerk, das um seine Existenz zu kämpfen hat und das durch die Fabrikindustrie so sehr bedrängt wird, abgesehen von der wirtschaftlichen Allgemeinnot, die auf dem Handwerkerstand be­sonders lastet, einen

gewaltigen Ucberschuß von Lehrlingen haben. Wenn irgendein Beruf, so ist auch der des Handwerkers überseht. Das soll wirklich hervorragend geeignete junge Menschen nicht zurückschrecken, aber es soll zur Besinnlich­keit all die mahnen, denen diese Qualität nicht zugesprochen werden kann. Wenn die ersteren sich durchsetzen werden, so werden die vielen Mindcrtüchtigcn über kurz oder lang scheitern. Die Jahre der Ausbildung sind dann verloren. Das Schlimmere ist aber, daß auch vielfach die Lust und die Kraft verloren gegangen ist, sich einem anderen Berufe zuzuwenden. Deshalb kann nicht klar genug die Sortierung erhoben werden, daß unbedingt eine Auslese der Bewer­ber stattsinden muß. die nur die Tüchtigsten für das Handwerk bereitstellt, selbst auf die Gefahr hin. daß Enttäuschungen verursacht werden. Cs ist immerhin besser, daß die bei Zeiten erfolgen, ehe vier Lebensjahre vergeblich verfließen. Auf der anderen Seite muß auch dem Llebelstand ge­wehrt werden, daß Meister Lehrlinge nur so­lange behalten, bis die Lehrzeit beendigt ist. Cs ist leider Tatsache, daß alljährlich eine große Anzahl Ausgclernter, nachdem sie ihre Gesellen­prüfung mehr oder weniger gut bestanden haben,

nach Abschluß der Lehrzeit einfach entlassen werden.

Dann hat sich der Meister eben drei bis vier Jahre mit dem Lehrlingbeholfen" und von dem Augenblick an, wo er Lohn zahlen soll, entläßt er den jungen Menschen, um neueLehrlinge" einzustellen.

Wenn dies Berfahren gewiß auch von dem Handwerkerstand als solchem nicht gebilligt wird, und wenn gewiß auch die Mehrzahl der Hand­werker nicht in dieser Weise handeln, so geschieht es immerhin so häufig, daß hier eine Gefahr vorliegt, der mit allen Mitteln gewehrt werden muß. Das kann schon dadurch geschehen, daß die Handwerlerkammer in den Lehrverträgen eine ausdrückliche Erklärung verlangt, daß der Meister sich verpflichtet, den von ihm aus­gebildeten Lehrling mindestens sechs Monate ge­gen Bezahlung des Gesellenlohnes zu beschftigen. Doch wäre diese Regelung baldigst durch eine Gesetzgebung zu ersetzen. Hierdurch allein wäre einem Mißbrauch des Lehrlingswesens, das in vielen Fällen zu einem Anwesen sich ausgewach­sen hat. gesteuert, und der Ausnutzung jugend­licher Kräfte ein Ende gesetzt.

Eine andere Frage bedarf aber dann noch der Beantwortung:

Mas soll mit den Jugendlichen geschehen, die weder durch Eignung noch durch Neigung dem

Handwerk zugeführt werden können?

Helft alle, die Not zu überwinden!

Ein Aufruf der Kreien Wohlfahrtspflege.

Die Deutsche Liga der freien Wohl­fahrtspflege, bestehend aus Zentralaus­schuß für die Innere Mission der deutschen evan­gelischen Kirche, Deutscher Caritasverband, Zen­tralwohlfahrtsstelle der deutschen Iudcn, Deut­sches Notes Kreuz. Fünfter Wohlfahrtsverbanti, Christliche Arbeiterhilie, ncröifent icht folgenden von der Neichsregierung unterstützten Aufruf:

Not, bittere Not liegt über dem deutschen Volk!

Millionen Erwerbsloser müssen feiern. Alte und Iunge leiden schwer. Hunger und Ent- b e h r u n g gefährden wieder wie in den Echreckensjahren der Inflation die Gesundheit von Erwachsenen und besonders von Kindern. Hebet all in Deutschland regt sich der Helfer- Wille. 3m kleinen und im großen wird vieles geleistet, um der bittersten Not zu begegnen. Mit dankbarer Freude stellen die unterzeichneten Berbände der freien Wohlfahrts-siege die Fülle dieser Hilfsbereitschaft fest, die meist ganz im stillen wirkt. Gegen das Niesenmah der Millionen­sachen Not reichen nicht die bis an die letzten Grenzen der Leistungsfähigkeit gespannten Hilss- maßnahmen von Ncich, Ländern und Gemeinden: reichen auch nicht die Ströme freiwilliger Hilfs­bereitschaft. die durch die Hände der freien Wohl­fahrtspflege. wie auch nachbarlich vom Helfer zum Hilfsbedürftigen fließen.

Cs muß noch mehr geschehen! Wir wissen, daß cs heute kaum einen Menschen in Deutsch­land gibt, der nicht von der allgemeinen Wirt- schastsnot mehr oder weniger hart getroffen ist. Arbeitgeber and Arbeitnehmer. Beamte und An­gestellte und freie Berufe alle sind von den Folgen der wirtschaftlichen Krise erfaßt. Trotz- dein richten wir unseren Nus an alle. Nicht nur an die, die vielleicht noch etwas übrig haben, vielmehr auch an die, denen es ein wirk­

liches Opler bedeutet: Helft mit eurer Kraft, die Not zu u b c r w i n de n ! Helft der offenen und der verborgenen Not, die ihr in eurem Umkreis spürt! Gebt für die örtlichen Sammlungen, die fast überall zur Bekämpfung der Not eingerichtet sind! Helft solche Einrich. tungen schassen, wo sic noch nicht bestehen: be­sonders für die Spei f u n g , Erwärmung, Bekleidung der Notleidenden!

Gebt was ihr an Kleider, Wäsche. Schuhzeug irgend entbehren könnt an ge­eignete Sammelstellen! Gebt Nahrungs­mittel - gebt Kohlen! Denkt an die be­sondere Not der Kinder und Jugendlichen der Kinder, die zum ersten Male seit den Zeiten der Inflation wieder Merkmale schwerer Unter­ernährung und Rachitis zeigen. Denkt an die Iungen und Mädchen, die trotz guten Willens keine Arbeit, keine Lehrstelle sinden können und von der Gefahr der Verwahrlosung unti Ar­beitsscheu bedroht sind, wenn sie jahrelang ohne Beschäftigung bleiben. Sorgt für Arbeit und Beschäftigung auch im kleinen!

Helft mit, eine mächtige Welle der Hilfsbereit­schaft. der Selbsthilfe durch das ganze deutsche Bolk zu wecken! Keiner darf sich ausschließen!

*

Die Reichsregierung unterstützt diesen Auf­ruf mit folgenden Morten: Ans der Not der Zeit durch helfende Liebe zu neuern Aufstiege! Hilfsbereit­schaft ist vaterländische Pflicht und Dienst am Volks­tum. wer helfen kann, muh helfen.

Für die Reichsregicrung:

ge;.: Dr. vrüning. Reichskanzler.

Daß das eine Schicksalsfrage ist für die Ju­gendlichen. ihre Familien und letzten Endes auch für unser Bolk. ist leicht zu verstehen. Der un­gelernte Arbeiter in der Siadt unti auch auf dem Lande, besonders in den näheren unti weiteren Vorortsgemcindcn. hat, wie das Gutachten tier Berufsberatungsstelle richtig aussührt, doch noch weniger Fortkommensmöglichleiten. Ein Blick auf die Erwerbslosen bestätigt diese traurige Wahr­heit. Was ist zu tun? Hier kann nur ein Mittel Helsen. Während in der Stadt und in den Land­gemeinden vor ihren Toren fast absoluter Ar­beitsmangel herrscht, bestehen wenn auch nicht mehr in dem früheren Umfang, der einem Ar­beitermangel glich doch noch

Arbeitsmöglichkeiten in den landwirtschaftlichen Betrieben

Man mutz nun ruhig zugeben, daß diese für die meisten der in Betracht kommenden Jugend­lichen ver'ch.'ossen bleiben werden. Die Bor- eingenommenheitder städtischenVe- Dotierung hat sich den Jugendlichen, die über das Schüleralter hinaus sind unti tiic als Schulentlassene das Leben in tier Stadt ..ge­nossen" haben, zu sehr schon mitgeteilt, als tiatz sie ohne weiteres als ländliche Arbeiter in Be­tracht kommen können. Die Praxis hat gezeigt, tiatz es besonderer Energie seitens tier Jugendlichen bedarf, um sich für das Leben auf dem Dorfe unti für tiic Arbeit in den landwirtschaftlichen Betrieben umzustel- len. Cs gibt gewiß solche Jugendliche, die das fertiggebracht haben. Aber es sind Ausnahmen. Der Mehrzahl ist es nicht gelungen, und ihre landwirtschaftliche Betätigung machte ihnen selbst wenig Freude, tier Dienstherrschaft oft noch we­niger Bergnügen. Da gibt cs nur einen Ausweg. Der Tatsache, tiatz ältere Jugendliche sich nur sehr schwer oder gar nicht auf dem Lande ein- gewöhnen, steht die andere gegenüber, datz Kinder im schulpflichtigen Alter sich sehr rasch unti sehr gut in ländliche Verhältnisse einleben. Deshalb müßten die Jugendämter in Öen Fällen, wo es nötig ist, dafür sorgen, daß Kinder, tiic der Fürsorgeerziehung anheimfallen, möglichst srüh

in solche ländlichen Familien gebracht werden können, die als

geeignet zur Erziehung Minderjähriger ausgesucht werden. Und solcher Häuser gibt es immerhin in nicht geringer Anzahl, in denen die Kinder gut aufgehoben sind, auch nach der Schulentlassung bleiben und in mehr als einem Falle sogar an Kinticsstatt angenommen oder ..eingesetzt" worden sind. Wenn dadurch auch nicht aller Rot gesteuert wird, so werden doch be­stimmte Linderungen geschaffen. Der Einwand, daß dies Verfahren zu kostspielig sei, ist aller­dings nicht ganz unberechtigt. Nur soll man das berücksichtigen, daß diese Gelder gut ange­legt sind, unti daß es billiger ist, als wenn man später die Jugendlichen unterstützen unti erhalten muß, die in tier Stadt keine Arbeit finden unti für das Leben unti tiic Arbeit auf tiem Lande auch untauglich geworden sind. Ganz zurück- treten wird aber tiic an sich wichtige Geldfrage doch hinter tier Erwägung, tiatz tiic rechtzeitige, das ist aber allein tiic möglichst früh­zeitige Unterbringung der Kinder in geordnete Familienverhältnisse allein eine gewisse Sicherheit für die Erziehung Jugendlicher zu ordentiichen und nützlichen Men­schen bietet und die Gefahren herabmindert, denen unser heranwachsendes Geschlecht ausgesetzt ist. Besonders möchten wir neben den Jugend- müttern die Vormundschafts- und Jugendrichter bitten, ihr Augenmerk auf diese Frage zu richten und lieber einen Jugendlichen bei Zeiten der Fürsorge anzuvertrauen, als lange zu zögern oder zu halben Maßregeln zu greifen.

Die Halbheiten, die sich stets rächen, find am ge­fährlichsten in der Frage der Jugenderziehung.

Cs ist stets besser, wenn einem Kinde der sanfte Stempel der Fürsorgeerziehung aufgedrückt wird, als daß es ein Opfer der Verhältnisse wird unti es ticn Versuchungen, denen sein schwacher, aber erziehbarer Wille ausgesetzt ist, unterliegt, unti sich selber einen Stempel aufbrüeft, durch den es sein ganzes Leben lang gekennzeichnet ist.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 10. März 1931.

Knegerverein Gießen.

Man schreibt uns: Die diesjährige Haupt- versa m m lu n g des KriegervereinS Gießen sand im ..Postkeller" statt unti war sehr gut besucht. Der Abend brachte einen zeitgemäßen Vortrag des Hauptmanns a. D. Braß aus Wctz> lar überDie Jugcndcrtüchtigung in den Mill» tärftaaten der Welt".

Zunächst begrüßte der erste Vorsitzende, Land» gcrichtsrat T r ü m p e r t, die Erschienenen und betonte in seiner Ansprache u. a., daß er schon bei dem 60. Stiftungsscst auf einen Ausruf des Deutschen Rcichslricgcrbundes Kysfhäuser hinge» wiesen habe, der leit Jahren gegen tiic Dcutsch- lanö auf erlegte Schmach kämpfe. Die Franzosen sprächen immer davon, bei ihnen bestehe noch nicht genügenö Sicherheit. Sie rüsteten deshalb fort­gesetzt und beziehen das ganze Volk in die Or­ganisierung tier Landesverteidigung ein. Deutsch­land. das ohnmächtig dastche. müsse aber endlich zeigen daß cs nicht gewillt ist, dauernd nachzu- geben, es müßte das für seine Sicherheit Notwen­dige verlangen und die Kriegervereine müßten sich treu hinter ticn Kyffhäuserbunti stellen. Man müsse dazu beitragen, daß der Geist unti tier Wille tier Wehrhaftigkeit in unserem Volke nicht ersterbe, tiamit das Reich seine frühere Stellung wieder einnehme. Der Vorfitzcntie gedachte sodann der im Voriahre und in diesem Jahre verstorbenen Kameraden, deren Andenken die Versammlung in der üblichen Weise ehrte.

Hierauf hielt Hauptmann a. D. Braß einen fast einstündigen Vortrag. In großen Zügen ent­warf er ein Bild, wie in ticn Militärstaaten tier Welt, so in Frankreich. Polen, Tschechoslowakei, Italien, Rußland, Türkei. Amerika unti England tiic Jugend, teils schon vom 6. Lebens ahr an, durch Leibesübungen, Stählung des Körpers usw. auf militärische Art norgcbilbct werbe, daß sie mit 13 Jahren bereits für den Soldatenstand aus­gebildet sei Fast überall widmeten sich Lehrer urö Offiziere als Ausbildende dieser Ausgabe, und öie einzelnen Staaten stellten Mittel herzu zur Verfügung. Reicher Dank wurde dem Redner für seine Ausführungen zuteil.

Sobcmn beschäftigte man sich mit den geschäft­lichen Punkten der Tagesordnung. Die2 c d) - nungsablage zeigte ein 2.1b gewissenhafter Führung ber Rechnungsarbeiten. Ter Kassen- bcstanb ist günstig. An die Angehörigen zweier verstorbener Kamera en konnten 200 Mark unti an Kriegsbeschädig e 143 Mark als iln.crftütung gegeben werden. 2ei ticn Einnahmen waren an srciwill gen Gaben runti 90 Mark unti an Rück­vergütung ber Versicherungsgesellschaften, insbe­sondere der2llliance", 615 Mark zu verzeichnen. Der Voranschlag für 1931 wurde gutge- he.ßen. Die Vorstandswahl g ng glatt von- statten. Auf Antrag des Kameraden Schwan wurden die au^s e denden 18 Dirsta dsmitglied r durch Zuruf wiedergewählt. Reu hinzu gewählt wurden, ebenfalls durch Zuruf, die Kameraden 2enbcr II., 2 onhard . Hartmann Unti Merlau ; Hartmann wurde zum 2. Rechner ernannt. Bei den übrigen Aemlern gab es ferne Veränderung Für öie Kleinkaliber-Schießa tei- lung wurde Kamerad Wagner als Dorsi enber gewählt. Auf des en Antrag bewilligte der Verein für tiic llmoften dieser Schießabteilung eine Jah- resbeihilse von 100 Mark.

Der Verein zählt, einschließlich 50 Krieger- Witwen, zur Zeit 435 Mitglieder und hatte im Jahre 1930 22 Zugänge zu verzeichnen. Gelegent­lich des Stiftungsfestes am 18. Januar konnten Auszeichnungen verliehen werden an einen Ka» raben für 50jährige Zugehörigkeit zum Verein, an brei Kameraden für 40jährige unti an 21 Ka­meraden für 25jährige Zugehörigkeit. Der 2c- zirksjugenbsührer, Kamerad 2 onhard, teilte mit, baß es im abgelausenen Jahre möglich ge­wesen sei, bei einigen Vereinen Jugendgruppen zu bilden, und tiatz auch in Gießen die Jugend mehr herangezogen werben müsse. In feiner Eigenschaft als Leiter ber Beratungsstelle für Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene teilte er mit, bah alle Hilfesuchenden sich vertrauensvoll an ihn wenden sollen, da er gerne jede Beratung erteilen und Vertretungen bei Gericht übernehmen werde. Die Akten der Beratungsstelle für Ober-

Mozart-Gedenkfeier.

$um kommenden III Symphonie-Konzert des Gießener Äonzcrtvereins.

Dauernder Aufenthalt des den Mannesjahren zureifenden Mozart in der Salzburger Enge wäre seiner Weiterentwicklung äußerst hemmend gewesen. So trat er im Herbst 1777 eine Kunst - reise an, nachdem er sein Salzburger Dienstver­hältnis als Konzertmeister des Erzbischofs gelöst hatte. Die Möglichkeit, während seiner dortigen Tätigkeit durch zeitweilige Beurlaubung andere Musikpflegestätten kennenzulernen, war ihm durch den Einwand des Erzbischofs vernichtet worden, er könne es nicht leiden, wennman so ins Vetteln herinnreise". Vater unti Sohn knüpften an diese Reise größte Hoffnungen auf eine anderweitige Anstellung Wolfgangs in einem seinen Fähigkei­ten angemessenen Wirkungskreise.

Eine Fülle von Eindrücken bringt auf ihn ein: München: Mannheim mit seiner neuartigen, hoch­entwickelten Orchestcrkunst: in Paris der Geist des ,,ancien regime. Er wird hier Zeuge des Strei­tes um öad brennende Opernproblem zwischen Gluckisten und Piccinisten, ohne selber dazu Stellung zu nehmen. Dem Pariser Musikleben widmet er einige Werke. Da trifft ihn das Schick­sal mit seinen Enttäuschungen.

Er erlebt dentraurigsten Tag seines Ccbenä; fern von den Seinen muh er die Mutter, öie ihn auf der Reise begleitet unti behütet hatte, zu Grabe geleiten. Alle Hoffnungen auf irgend­eine Anstellung erwiesen sich als nichtig. Eine jäh aufgeflammte Liebe zu tier Sängerin Alohsia We­ber, öie beftimmenö für seine weitere Lebensgestal­tung zu werden schien, weicht einer starken Er­nüchterung bei seinem Wiedersehen mit ihr auf der Rückreise.

Wieder mutz er zurück in das Salzburger Joch, wenn auch in etwas gehobener Stellung als Hos- organist und Konzertmeister. Alle diese Erlebnisse haben aber aus dem Jüngling einen Mann reifen lassen: reich an gewonnenen musikalischen Erfah­rungen^ mit geweitetem geistigem Gesichtskreis.

mit erschütternden seelischen Erlebnissen, die ihn jetzt die Töne finden lassen, die für ihn früher mehr anempfunden als selbst erlebt waren. Sein Inneres schwingt nun viel stärker und bestimmen­der mit als in den früheren Werken.

In das Jahr seiner Rückkehr nach Salzburg (1779) fallen die beiden Werke, öie am kommenden Donnerstag zur Aufführung gelangen. Die Kon­zertante Symphonie für Violine, Viola und Orchester breitet in ihrem ersten Satze (A'.legro maestoso) jene bewußte geistige Haltung aus, die für Mozarts Üs-Dur-Werke besonders t.)pisch ist. Das einleitende Orchestertutti hält auch mit feinem Seitenthema fest an der Grundtonart. Der Eintritt der Solisten wird durch ein mächtiges Krefzentio vorbereitet nach Mannheimer Art. das von einem energischen Trillermotiv beherr'cht wird unti sich auf einem Orgelpunkt auf baut, das aber plötzlich von seinem Höhepunkt zurücksinkt unti nun den Solisten dos Wort gibt. Auch dieser jähe Stim­mungsumschlag weist auf die Gepflogenheiten tier Mannheimer Schule hin. In dem eigenllichen kon­zertanten Teil kommt es weniger zu einem Kon­zertieren im Sinne eines Mit- und ©egeneinan- tier-Streitens tier Klanqqruppen wie etwa im alten Concerto grosse. Die Sonsten stehen durch­aus im Vordergrund: ihre Themen erheben sich über das rein Spielerische hinaus durch den in ihnen stark mitschwingenden seelischen ilntergrunö. Dem Orchester sind besondere Akzente Vorbehalten: in der Durchführung mischen sehr fein tiic Bläscr- themen mit dem Figurenwerk der Soloinstrumente. Das Andante mag mit feiner inneren Verhalten­heit ein Abbild von Mozarts seelischer Verfassung in dieser Zeit fein; vor dem Eintritt der Kadenz erhevt es sich zu auftoallenöer Steigerung. Das Schluhpresto ist von heiterer Lebenskraft getragen.

Mit seinen zahlreichen Serenaden wandte sich Mo- zart einem Gebiet der Kunstpflege zu, das dem Volks­tümlichen sehr nahe kam, und das zumal in Oester­reich auf eine lange Tradition zurückblicken konnte. Schon Ende des 17. Jahrhunderts berichtete ein Ohrenzeuge aus Wien,daß schier nicht ein Abend vorbei gegangen sei, an dem wir nicht eine Nacht­musik vor unfern Fenstern hatten" Auch für das Ende des folgenden Jahrhunderts werden noch ge­

sungene unti gespielte Ständchen bestätigt. In dem Aufbau tier Serenade kamen namentlich die Ecksätze, vielleicht auch ein Mittelsatz den symphonischen For­men nahe.

Man wird nicht fehl gehen, wenn man für die Serenade in D-Dur (Köchel 320) auch eine ähnliche festliche Veranlassung annimmt wie zu der früheren Serenade für die Hochzeitsfeier der Bür­germeisterstochter Elisabeth Haffner. (1776.) In der zur Aufführung gelangenden Serenade folgt einer kurzen Adagio-Einleitung ein festlich gestimmtes 2lllegro in der Anlage eines ersten Symphoniesatzes. Ihm schließt sich ein Menuett an; ein nachfolgendes zweisätziges Eoncertante (Andante grazioso, Rondo) wird diesmal nicht wie in früheren Serenaden von der Solovioline bestritten sondern es ist hier zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Fagotts zugeteilt, Streich­orchester und Hörner begleiten. Im Gegensatz zu dem heiteren konzertierenden Spiel der Bläser steht das folgende Andantino, das mit seiner geistigen Haltung dem Mittelsatz in derKonzertanten Sym­phonie^ sich nähert; die Streichinstrumente sind hier vornehmlich Träger des Gedankens. In das. Trio eines abermaligen Menuettes läßt Mozart das Post­horn hineinklingen. Ein lang ausgesührter Presto- satz, der auch von kontrapunktischen Mitteln Ge­brauch macht, schließt das Werk ab Auch hier lassen sich Mozarts Mannheimer unti Pariser Erfahrun­gen, besonders in der Behandlung der Bläserstim­men mit ihrem thematischen Anteil, erkennen.

A s kaiserlicher Karninerkornpositeur hatte Mo­zart u. a. Tänze für öie Maskenbälle in Öen k. k. Redoutcnsälen beizusteuern, öie währenö öcr Karnevalszeit dort ftattfanöcn. Joseph II. sah in Öiesen Veranstaltungen ein Mittel zur Annähe­rung tier verschicöcnen Volksklassen unti besuchte sie deshalb häufig mit seiner Hofgesellschaft. Dort wurticn Menuetts unti deutsche Tänze (Walzer) getanzt. Wegen Öes Gedränges nahmen an ticn Walzern nur öie niederen Klassen teil. Die Drei deutschenTänze (Köchel 605) stammen aus dem letzten Lebensjahr Mozarts (1791). Selbst in diesen einfachen ^formen weiß Mozart Außerordentliches. Feingeistiges zu geben; der dritte von diesen Tänzen verleiht dem Trio den Charakter einer Schlittenfahrt durch abgestimmte Schellen und Posthorn, Dr. ht

Enthüllung einer Gedenktafel für Georg Buchner in Goddelau.

Der Ausschuß für tiic Errichtung einer Georg- Büchner-Getiächtnistafel. an dessen Spitze Staatspräsident Dr. Adelung steht, hatte am Sonntag zur Enthüllung öcr schlichten Gedächtnistafel am Geburtshause des großen Dich­ters in Ooööclau eingclaöen. Bei einem Fest­akt hielt Ocneralintenöant Professor Karl Ebert eine GeÖcnkrctie für Georg Büchner, öie von dem Reffen Öes Dichters, Dr. Georg Büchner, als Öie beste literarische, künstlerische unö menschliche WürÖigung bezeichnet touröe. Die Rede San- tons vor öcm Revolutionstribunal aus Büch­nersDantons ToÖ" wurde von öcm Schauspie­ler Kutschera warn: empfuntien zum Vortrag gebracht. Ein Schubertsches Streichquartett be­schloß öie Feier. LanÖtagsabgeorÖnetcr Senat, Goddelau, nahm Gelegenheit, namens öes Aus­schusses herzlichen Sank zu sagen unö Interessan­tes aus öcr Geschichte tier Verwirklichung öer Gedächtnistafel zu erzählen. Rach öer afaöemi- schen Feier begaben sich die Festteilnehmer öurch tiic beflaggten Straßen öer Stadt zum Geburts- Hause öes Dichters, wo öie Tafel an öer hübschen Fachwcrkfassaöe angebracht ist. Ser Schöpfer öer Tafel, Kunstmaler Velte, übergab öie Tafel mit kurzen Worten an Öen StaatspräsiÖenten Dr, Aöelung, öer sie seinerseits mit einer herz­lichen Ansprache öcm Oberhaupt von Goööelau zu treuen Händen übergab. Bürgermeister Har­tung übernahm sie mit öcm Gelöbnis, mit öer Tafel öas Gedächtnis an Goööclaus größten Sohn treu zu bewahren. Rach öcr offiziellen Enthül- lungsseier öanfte öer VorsitzenÖe des Ausschus­ses, Staatspräsident Sr. Adelung allen Helfern am Werk unö betonte, daß Hessens Parlament- unö Regierung schon seit Jahren öurch Öen all­jährlich verliehenen Büchnerpreis öas Andenken an öen Dichter ehre. Oberbürgermeister Muel­ler, Sarmftaöt. teilte mit, öah auch in Darm- ftaöt, wo öcr Dichter sein Leben verbracht habe, zur Erinnerung an ihn eine Büste zur Aufstel­lung kommen werde.