Nr. 34 Zweites Blatt
Aießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen»
Viensiag, 10. Zebruar 1931
„Prowal."
Don unserem dt.-Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Moskau. Februar 1931.
Fast drei Wochen sind seit jenem Tage vergangen, an dem das allrussische Zentralerekuttv- tomitee der Sowjets durch einstimmigen Beschluß dekretierte, daß die größten Schwierigkelten auf dem Wege zur Durchführung des Fünf- jahresplanes überwunden seien und daß das bevorstehende dritte Jahr eine entscheidende Wendung zum Besse r e n zu bringen habe. Hochbesriedigi von dieser Cetfhmg ging das .Parlament" nach Hause und hochb inedigt blieb Stalin, der Diktator, zuruck, der zum erst'nmal seit Jahren di ser Tagung ohne gehet- nies Grauen vor der Opposition entgegengesehen der-zum erstenmal seine Gegner wirklich und endgültig niedergeworfen hatte und der nunmehr mit einer ruhigeren Zukunft rechnete.
Ls sind, wie gesagt, noch feine drei Wochen ins weite russische Land gegangen - aber wirft man heute einen Blick in die Moskauer Blatter, so erkennt man nicht nur keine Besserung.- fon- dem gewinnt unmittelbar den Eindruck, daß neue Gewi t terwolken am Horizont auf» getaucht sind, das; eine neue Katastrophe naht, deren Ausmaße sich heute noch nicht einmal annähernd übersehen lassen. ..Prowal an der Kohlenfront!" .Katastrophe im Transport'" Anverantwort'iche Arbeiterschlamperei!" „40C0 Wagen verdorbene Kartoffeln!" „Todesstrafe für Disziplinverbrecher!" Das find die täg'uben Ba kenüberschriften der Blätter, und „Prowal, Prowal. Prowal!", klingt es einem immer Vie- der aus Reden. Entschliestunqm und Kundgebungen entgegen. Wie ein Schwarm ausgescheuchttr Bogel fliegen die Alarmm ldungen durcheinander. man spürt die neue Zuspitzung der Lage durch die Kürzung der ohnehin un-rhört mageren Kohlenration am eigenen Leibe, man must es sich gefa'len lassen, dah allab-ndlich. wenn man als „Nachtschwärmer" sich gerade an den Schreibtisch setzt, das Licht vor der Rase ab- gedreht wird. - und Wenn sogar „tilgen Verletzung der Arbeitsdisziv'in" di? Todesstrafe eingeführt wird, wenn Sta'in selbst ankündigt, dast in dem Kamps gegen die Schlamperei auch vor den Toren der Partei nicht Halt gemacht werden wird, dann weist man, dast „Gefahr im Ber- zuge" ist.
Was ist geschehen, was diese Aufregung ..an allen Fronten" rechtfertigen und die drakonischen Mastregeln erklären würde, die heute schon selbst gegen Parteiangehörige angewendet werden? Prowal? - - Ins Deutsche überseht bedeutet das Absturz. Zusammenbruch. Das Wort tauchte auch früher gelegentlich in den Zeitungen auf. Haperte es mit der Kohlenerzeugung, ging die Fleischversorgung zurück, liesten die Dahnen in ihrer Arbeitskavazi'ät nach, dann schrien hier und da ein paar Zeitungen: „Prowal!" Cs wurde eine Untersuchung eingeleitet durch die GPU. wurden die „Schuldigen" ausfindig gemacht und bestraft, und wenn dann in einer bureaukratisch langatmigen Erklärung d s .Apparats" die Zusammenhänge auseinandergeseht und Versprechungen abgegeben worden waren, dast die unverantwortlichen Fehler sich nicht wiederholen würden, so war „die kochende Volksseele" beruhigt. - Diesmal scheint es sich abrr um eine derartige Zusammenballung von „Prowalen", um solche Versager an allen Fronten (um im Sowjetjargon zu bleiben) und um Vorgänge zu handeln, die die schwächsten' Stellen des Fünfjahresplans so mitleidslos enthüllen, dast die höchsten Stellen des Staates und der Partei, dast Stalin und Molotow sich nicht mehr scheuen, in aller Ocffent- lichkeit in den allgemeinen Alarmruf mit einzustimmen.
Es hat sich gerächt, dast Stalin über die schon feit langem auftretenden bösen Vorboten eines tiefgehenden „Prowals" aus parteitaktischen Rücksichten bisher stets den Mantel der Verschwiegenheit breitete und damit dazu beitrug, dah Jui- stände sich von Tag zu Tag immer mehr aus-
Oer Sternhimmel im Februar.
(Rachdruck verboten!)
Sonnenaufgang von 7.45 bis 6.50 Uhr. Sonnenuntergang von 16.45 bis 17.35Uhr. Lichtgestalten des Mondes. Vollmond am 3. um 1 Uhr, letztes Viertel am 9. um 17 Uhr, erstes Viertel am 25. um 18 Uhr.
Am Abendhimmel erstrahlen noch immer der Jupiter und der Mars als Helle Wandelsterne Der Jupiter, im Sternbild der Zwillinge stehend, ist der bei weitem hellste Stern des Abendhimmels. Der Mars ist zwar viel weniger bell als er. aber er hat vor ihm den Vorzug, dah sich seine Bewegung leichter feststellen Iaht.
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Mond: J) 1. Viertel (t) Vollmond (J letztes Vierte'
Venus W Mars 0Jupiter <^>Saturn
STERNBILDER: GROSZE BUCH-/& STABEN V/
Sterne: Kleine Buch- < staben
Der Abendhimmel ist im Februar sicher ebenso schön wie im vorigen Monat, und der Morgen- Himmel auch. Dieser ist freilich nicht mehr ganz leicht zu geniehen. Die immer schneller fortschreitende Zunahme der Morgenhelligkeit hat naiürlid) zur Folge, dah auch der Erdensohn etwas zeitiger aus den Federn kriechen muh, wenn er z. B. die Venus als Morgenstern be- wundern will, als der sie den ganzen Monat über erstrahlt. Dah die Dauer ihrer Sichtbarkeit abnimmt, werden wir unter diesen Umständen leicht verschmerzen, denn der in Wegfall kommende Teil ist natürlich der. der in die nachtschlafende Zeit fällt Abgesehen von den ersten Tagen des Monats können wir auch ganz in der Rahe der Venus, aber viel weniger hell als sie, den Saturn beobachten.
Der die 24 Stundenzahlen een Minor- nacht bis Mitternacht eines Tas.es enthaltende Kreis und die dick punktierte Linie, der sogenannte Horizont, lind feststehend su denken. Der Sternhimmel dreht sich samt dem auf Mitternacht zeigenden geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zeit ger der Himmelsuhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne des gebogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt. Der eingezeichnete Horizont umrahmt die su der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatsmitte sichtbaren Sterne. Unsere Karte zeigt also den Zustand um Mitternacht der Monatsmitte. Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denke man sich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Beobachtungsstunde zeigt; dadurch werden die zu dieser Zeit sichtbaren Sterne in den nicht mitzudrehenden Horizont hineingedreht. Für je 5 Tage vor der Monatsmiete ist der gerade Pfeil Vi Stunde früher, für je 5 Tage nach der Monatsmiete */t Stunde später zu ztellefu Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellungen ein, wenn er die angedeutete Lichtgestalt zeigt.
An den beiden Hellen Sternen im Sternbilde der Zwillinge werden wir leicht beobachten können. dah er sich nach rechts bewegt.
Am Fixsternhimmel behauptet noch immer der Orion den ersten Platz, wenngleich wir ihn jetzt vorwiegend in der westlichen Hälfte des Himmels erblicken. Rechts von ihm steht das Sternbild des Cridanus. dessen wichtigerer Teil freilich nur in südlichen Ländern zu sehen ist. Auch das links vom Orion stehende Sternbild des Einhorn weist keinen Stern auf, den zu merken sich lohnen würde. Dieses merkwürdige, durch Döcklin wieder volkstümlich gewordene Fabeltier bewohnt also die Gegend des Himmels zwischen dem Orion und dem Prokyon. Kü st ermann.
dehnten, die schnurgerade zu einer völligen Desorganisation der gesamten Sowjetwirtschaft führen. Roch auf der Kreml-Tagung wurde ein Loblied auf die Planwirtschait und auf ihre Erfolge gesungen, deren die ganze Partei tetlhattig fei — eine Woche später muhte aber eine außerordentliche, dem Rat der Volkskommissare bei- geordnete Kommission ins Leben gerufen werden, die die einzige Aufgabe hat, die wirkliche Durchführung der Regierungsverordnungen und die Befolgung der vom Fünijahresplan aufgestellten Aufgaben zu kontrollieren. Ist das ein Beweis für Ertolg, für Prosperität, für williges Mitarbeiten der Volksmassen?
Die „Ekon. Schisn", das Wirtschaftsblatt der Regierung, stellte im Dezember die Behauptung auf. die Baumwollproduktion habe sich im vergangenen Jahr verdreifacht. Demgegenüber gibt nun Stalin bekannt, dah eine Reihe von Baumwolle verarbeitenden Fabriken wegen Mangels an Rohstoffen schließen muhten. — Rach einem Ausspruch Lenins ist Bolschew-smus kommunistische Weltanschauung Plus Elektrizität. Aus den tagtäglichen Angaben der „Prawda" geht nun aber hervor, dah ziemlich alle ehemaligen, wissenschaftlich vorgebildeten und teilweise ersten Ruf
1 genießenden Leiter der riesenhaften Elektrotrusts „durch zuverlässige Kommunisten ersetzt worden sind". — 3n Moskau, also unter den Augen der Sowjetregierung, befindet sich eine Riesensabrik, die in den dreizehn bolschewistischen Jahren nicht weniger als viermal ihr Produktionsgebiet gewechselt hat. Ursprünglich ein Werk für Textilmaschinen, wurde es später auf die Produktion von hydraulischen Pressen um- gestellt, um einige Jahre später infolge unrentablen Arbeitens mit Led rbearbeitungsmaschinen als große Lederfabrik ausgerüstet zu werden. Da sie auch hier mit Unterbilanz abschloß, wurde sie zunächst für längere Zeit überhaupt stillgelegt und ist erst jetzt wieder ihrem ursprünglichen Zweck zurückgegeben worden. Die Fabrik trägt den Ramen Kalinins.
Diese Beispiele dürsten genügen, um zu zeigen, mit welchen Schwierigkeiten die für die Industrialisierung Rußlands Verantwortlichen noch aufzuräumen haben werden, wenn sie wirklich „Europa einholen, ja, überholen" wollen, wie es im Fünfjahresplan so stolz heißt. Zur Zeit sind es zwei Gebiete, auf die sie ihre besondere Aufmerksamkeit lenken. Aus den beiden Schlüsselstellungen jeder Industriemacht werden feit
Eine Riesendogge, sand aus der Hundeschau der Grünen Woche in Berlin eine große Schar von Bewunderern.
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Wochen Prowale und Mißstände gemeldet, die die Spitzen des Staates und der Partei auf den Plan gerufen haben. Im Transport ist eine so völlige Desorganisation eingetreten, dah die Gefahr einer vollständigen Katastrophe und damit einer grundlegenden Erschütterung des Füns- jahresplans riesengroh geworden ist, und d i e Kohlenförderung hat infolge der anhaltenden Arbeiterflucht und der zunehmenden Ernährungskrise so katastrophal nachge.ajsen, daß Elektrizttätewerkc schließen müssen, Fabriken ihre Planaufgaben nicht durchsühren und selbst die HauLbranökohlen nicht mehr herbeigeschafit werden können. Beides wirkt aber krisenverschärfend aufeinander ein: wo noch Kohlen im Dongebiet gefördert werden, dort biciben sie infolge Wagen- und Lokomotivmangels wochenlang auf den Halden liegen, verstopfen unterwegs die Bahnhö,«, halten oft tagelang auf freier Strecke. Der schlechte Zustand der Maschinen hat ihre Arbeitsleistung von 182 auf 116 Stunden herabgemindert, während ihr Bestand gegenüber dem Bedarf nur noch kaum 25 Prozent beträgt. Die Ausbesse- rungsarbeiten werden aber nur ungenügend und unsachgemäß vorgenommen, es mangelt an qualifizierten Kräften genau so, wie an Material und — dies trifft auch für die Kohlenförderung zu — an arbeite willigen Kräften.
Die Spitze in Moskau sucht sich vorläufig mit „Maßnahmen" zu Helsen und hat den Hebel an der Seite des geringsten Widerstandes angesetzt, beim Arbeiter. Aber der Erfolg bleibt auch hier noch ein Problem. Wie schlimm cs gerade mit dem Bergbau bestellt ist. beweist folgendes Beispiel. Zur Hebung der Förderung wurden dringend 180 Ingenieure gebraucht und den Gewerkschaften wurde aufgegeben, sie binnen einer bestimmten Frist „auf,311» treiben". Es konnte aber trotz der Androhung der schärfsten Maßnahmen nur von 120 Ingenieuren ihre Zustimmung zur Neuanstellung erlangt werden. Von diesen sind nur 86 nach dem neuen Arbeitsgebiet abgereift und von diesen wiederum nur 27 auch wirklich angekommen. Alle übrigen find' auf
Kleines Abentenei in Hamburg.
Don Ottohemz Zahn.
Sie fingen ihn am Bahnhof ab, wo er zwischen Koffern und Hutschachteln sah, ein trübsinniger Bar. Sie kreisten ihn ein, indem sie die Namen ihrer Hotels ausriesen, sie ließen ihre Uniformen glänzen: und wie sie alle zugleich nach dem Gepäck griffen, mit der gleichen Höflichkeit, mit der gleichen Eilfertigkeit, hatten sie doch tückische Augen
Der Bär saß ungerührt da, in seinem Nacken hätte man sich spiegeln können. Seine rote Nase witterte in den Rauch und Nebel, er stieß einen Seufzer aus. Sein Körper, in einen Flanellanzug gepreßt, hob sich, eine übertriebene Masse kam ins Rollen, jetzt stand er, zornig, riesig, die zitternden Hoteldiener sanken Zusammen daß ihre Knie spitz aus den gebügelten Hosen stachen
Der einzige ohne blinkenden Knops an der Uniform, Hermann Kurz, hatte die Idee, feine englischen Brocken zu verkünden. Er schleuderte sie dem Bären wie Steine an den Kopf. Der Amerikaner war sich über die Wahl des Hotels im Zweifel, und der bärtige Portier Kurz nahm die Gelegenheit wahr. Mit einer Kühnheit ohnegleichen, die ihm selbst die Brille beschlug, redete er auf öen_ ®arcn ein, englisch, und plötzlich glitt eine Art Sonnen- huschen über das rote Gesicht vor ihm, der Bär nickte. Er folgte ihm sogar, als Kurz den andern die beiden Koffer entriß, über die Bahnhofstreppe, über zwei Nebenstraßen in das schäbige Hotel, vor dessen Eingang dem Portier eine Beklemmung kam.
Indessen trug er die Kosser hinein, führte den Bären in die Gaststube, wo Gott sei Dank auf einem Tisch am Fenster zwei Blumen in der Vase standen, inachte eine Verbeugung und entlief. Er lief zum Wirt, der im Hinterzimmer allein Billard spielte und eben eine schwere Partie gegen sich verloren hatte. „Wie ich der Ollen die Sachen zum Bahnhof gebracht habe" sagte er einfach, „da habe ich einen neuen Kunden gegriffen, einen Amerikaner, einen reichen! Er wußte nicht wohin, habe mit ihm gesprochen, er sitzt vom." Der Wirt jagte noch einen Ball über das grüne Tuch, noch einen. Der Portier Siurj putzte die Brille- „Wir müßen das Fremdenzimmer aufräumen."
Der Wirt fuhr heruist. „Blödsinn, zu uns kommt kein Amerikaner'" Kurz öffnete ohne ein Wort die Tür, da laß der Bär am Tisch, neben sich die Kvf- if.r, er Halle sich die Blumen ins Knopfloch gesteckt
und stierte zum Fenster hinaus. Der Wirt ging hin, bereit, den Mann sortzuschicken. Der Mann hielt in der linken Hand eine Hundcrtdollarnote und rntes mit der Rechten schweigend aus den Glaskasten am Bufett, wo sich runde Würste mit kaltem Schweinebraten, Schokoladentafeln und Zigarcttenschachteln verbrüderten. Der Wirt erstarrte, bekam Tränen in die Augen und wand sich wie ein ängstlicher Hund zur Tür hinaus, noch auf der Diele bückte er sich tief
Sie brachten ihn also im Fremdenzimmer unter, in das noch das geschwungene Sofa des Wirts geschoben wurde, zur Not. Das alte Haus, mit dem abbröckelnden Kalk das Hotelschild verwischend, bebte vor Ehrfurcht, einen reichen Ameri.aner zu beherbergen Fritz, der semmelblonde, schiesgezogene Kellner hatte einen großen Tag als Dolmetscher; fein schiffbrüchiges Scemannsenglisch half über die Sorge der Verständigung. Hermann Kurz sah den kleinen Reisenden, die tarnen, feindlich und groß ins Gesicht, er hielt sie für unwürdig. Und der Wirt, in einer schneeweißen Schürze, sprach eingehend am Stammtisch über den großen Gast, und schließlich war er betrunken.
Der Bär, der Amerikaner, nagte länge an einem Kotelett und goß sich Bier in den Leib Er streute die Handtücher herum und malte mit grober Faust ins Fremdenbuch: Henry Cleve. Dabei fiel ihnen schon auf, daß er nichts hinzufetzte, und nun kam anderes. Ja, sagte Fritz, er wolle zwei Tage bleiben. Aber, und der Kellner machte ein Gesicht wie eine blinde Dachluke er sei nicht ganz richtig. Der Wirt, in jähem Zweifel, fragte warum Fritz kroch in die Schultern. Der Amerikaner habe ihm, Fritz, bedeutet, diese Stadt Hamburg gefalle ihm nicht. Nicht? Sie sei ihm zu laut Zu laut? Ja, hatte nicht viel davon gesehen, aber es genüge schon Fritz: „Aber, Mister, Neuyork?" Da hätte der Mann den Kopf auf die Schulter gelegt und ihn bestürzt angesehen. „Vielleicht ist er kein Amerikaner", sagte Fritz, der verblüffte Wirt wischte den Schaum vom Bier.
An diesem zweiten Morgen kam es also, daß sie ihren Gast vor die Tür setzten Denn er hatte sich verraten. Der Portier Kurz war ihm abends ein paar Schritte gefolgt, bis zur Ecke Im Abendlicht der Bogenlampen setzte der Amerikaner seinen Fuß auf den Damm, zog ihn wieder zurück Der Portier bemerkte, wie er an allen Gliedern zitterte, auf die schwachen Lichtzeichen der Häuser starrte und vor den paar Autos zurückfuhr. Ja, der Amerikaner drehte um und tarn schwankend ins Hotel zurück, kroch ins Bett.
Der Wirt erblaßte. Wie, hatte er nicht recht gehabt? Ein Amerikaner, der sich nicht über die Straße traut, zum Lachen. Höchstens ein Betrüger, ein Wettz- Gott-wer, ein Hochstapler? Vielleicht ein Verbrecher aus der Provinz, der sich englisch stellt, mit einer falschen Hundertdollarnote, so oder so, weg mit ihm.
Da stand er morgens draußen, sie blickten ihm froh und mißtrauisch nach, mit zwei Koffern und einer seltsamen Hutschachtel, mächtig und hilflos, wie? — und ging geradewegs auf einen Polizisten zu, und gestand, und der Beamte nahm ihn mit einem hellen, überraschten Zwinkern mit.
Hinterher, sagten sich der Wirt, der Portier, der Kellner. Sie haben ihn, den Dieb, den Mörder, er konnte nicht mehr weiter, übrigens wir haben ihn auf die Straße gesetzt: gibt es nicht eine Belohnung?
Und der Wirt schlug die Zeitung auf, wirklich stand da, im lokalen Teil, schwarz eingerahmt wie eine Trauerbotschaft, und man hätte es nicht übersehen dürfen, zwei Stunden lag schon die Zeitung auf dem Tisch: „Wo steckt Mr. Henry Cleve, — er ist mit seiner Jacht vor zwei Tagen in Brunsbüttel angekommen und allein nach Hamburg gefahren, man sucht ihn in den Hotels, er konnte schlimmstenfalls einem räuberischen Anschlag zum Opfer gefallen sein, er trug viel Geld bei sich, er ist der reichste Amerikaner des Südens, ein Sonderling, der Besitzer ungeheurer Viehfarmen, man weiß, daß er nie in Neuyork ober sonst einer Großstadt war.. ?!"
„(Stürme über dem Montblanc" — ein Zilm.
Dieser Film — Manuskript und Regie von Dr. Arnold F a n ck — erinnert in Anlage und Aufbau an die früher von Dr. Fanck und mit teilweise den gleichen Darstellern gedrehte „Weiße Holle des Piz Palü"; er ist, obwohl als Tonfilm oorgesührt, in erster Linie auf Bildwirkung eingestellt und er ist sehenswert vor allem der Naturschönheit wegen, die er vermittelt, ferner um der regie- und aufnahmetechnischen Vollkommenheit willen, mit der er in langer und mühseliger Expedttionsarbeit im Hochalpengebiet hergestellt wurde In der Tat sind die Naturaufnahmen, die man hier zu sehen bekommt, von großer Schönheit und vielfach monumentaler Linienführung. Außer der regiemäßigen und technischen Energie, die der Film verrät, sind vornehmlich seine sporttichen Leistungen zu würdi
gen: die stürmischen Skifahrten und gefährlichen Klettertouren ... vor allem aber die fliegerisch« Eleganz und Routine, mit der der bekannte Sportpilot Ernst Übet unb Claus von Such 0 tzky, ber Führer bes Aufnahmeflugzeugs, in biefer außer« orbentlid) heiklen Hochgebirgsszenerie arbeiten. So wirkt ber Montblanc-Film durchaus als eine fiomi bination von Natur- und Sportfilm, wohingegen die Handlung, an sich unbedeutend und zu gering für einen streifen von solchem Ausmaß, jurütffriit und sich als eine Folge ziemlich locker verbundener Bilder und Szenen darstellt, die stellenweise einer unmittelbaren Spannung nicht entbehren, gelegentlich aber auch eine Nervenprobe für den Beschauer bedeuten; mir denken etwa an die Ausführlichkeit, mit welcher der hoffnungslose Kampf bes mit erfrorenen Hänben gegen bie Wut bes entfesselten Elements sich wehrenden Wetterwarts oorgeführt wird. Ausgezeichnet sind dagegen wieder bie Aufnahmen bes letzten Teiles, welche bas rettenbe Flugzeug im Wirbel eines Berggcwitters verfolgen. (Übet mußte für bie Aufnahmen achtmal bie gefährliche Lanbung auf ben Montblanc-Gletschern riskieren.) Die darstellerischen Möglichkeiten sind — der Handlung entsprechend — gering. Kayßler hat leider fast nichts zu spielen; von den übrigen haben Leni Riefenstahl (schon aus früheren Bergfilmen bekannt) und Sepp R i st noch die besten Chancen. U. W. ist der Film übrigens, ursprünglich stumm, teilweise klanglich nachsynchronisiert worden; ber Sprechtert ist sparsam, untermalend« Musik und realistische Naturlaute bilden überwiegend die tonende Illustrierung. — Der Film läuft zur Zeit im Lichtspielhaus. —r—
Zeitschriften.
— Die neueste Nummer der „I Hust rir te n Zeitung" (I. I. Weber, Leipzig), die als Faschingshest erscheint, wird von der Leserschaft freudig begrüßt werden, mit ihren luftigen Faschingsgeschichten, mit ihren lebendigen Aquarellen, Zeichnungen und Pb^tos vom Karnevals- treiben. — Ein reich mit Zeihnungen ausgestatteter Beitrag von R. Dusch., «mildert die Fastnacht in dem kleinen SchwarzwaldstLdtchen Dillingen, wo es gar bunt und ausgelassen zugeht. — Heino Seitler zeigt uns in einem Aussatz „Clowns ohne Romantik" Zirkus- und Variet6komiker von der realistischen Seite, als Geschäftsleute, als Deru*s- menlchen. — lieber all dem aber ist die viel«» betone Lagesgeschichte nM vergessen»


