Ausgabe 
9.10.1931
 
Einzelbild herunterladen

Roggenmehlen war ruhig, die Forderungen der Mühlen lauteten nur wenig entgegenkommender. Am Hafermarkte hat die Kauflust etwas nachge­lassen und gestrige Preise waren im allgemeinen schwer zu erzielen. Auch für Gerste trat das Angebot vereinzelt stärker in Erscheinung, die Preise blieben aber ziemlich stetig. Weizenexport- scheine lagen schwächer, dagegen wurden Roggen­exportscheine höher bewertet als gestern. Es no­tierten für je 1000 Kilo: Weizen, mär­kischer, 213 bis 216 (vereinzeltes Auswuchskorn ist zulässig), Oktober 228 (Brief), Dezember 229,50 (Geld, matt); Roggen, märkischer, 185 bis 187, spätere Lieferung 196 waggonfrei Berlin,

Oktober 195 bis 195,50 (Geld). Dezember 194.75 (fester-; Braugerste 159 bis 173 (ruhig); Futter» und Industriegerste 151 bis 158 (ruhig); Hafer, märkischer, 140 bis 148, Oktober 151, Dezember 152,50 bis 155; für je 100 Kilo: Weizenmehl 27 bis 32 (ruhig); Roggenmehl 26 bis 28,75 (be­hauptet); Weizenkleie 10,20 bis 10,40 (schwächer-; Roggenkleie 9,15 bis 9,40 (still); Biktoriaerbsen 20 bis 27; Leinkuchen 13,20 bis 13,40; Trocken­schnitzel 6 bis 6,10; Erdnuhkuchen ab Hamburg 11,30; Erdnuhkuchenmehl ab Hamburg 11,40; extrah. Sojabohnenschrot ab Hamburg 11,10, ab Stettin 11,70 Mark. Allgemeine Tendenz: unein­heitlich.

Oie deutschen Börsen.

Außerordentlich zurückhaltend in Frankfurt.

Frankfurt a. M., 8. Oft. Rach wie vor sind die innerpolitischen Ereignisse tonangebend für die Situation auf dem Effektenmarkt, soweit von einem solchen überhaupt noch gesprochen wer­den kann. Mit Rücksicht auf die noch schwebenden Berhandlungen über die Regierungsbildung bleibt man in Börsenkreisen außerordentlich zu­rückhaltend. Man scheint nicht geneigt zu sein, sich irgendwie festzulegen, bevor nicht die neue Regierung gebildet ist. Demgegenüber werden die Rachrichten von den Auslandbörsen recht wenig beachtet. Trotz der gestrigen Kurs st eigerun­gen an allen großen Auslandbörsen, die in der Erwartung einer neuen Aktion Hoo­vers eingetreten waren, hörte man im telephoni­schen Verkehr von Bureau zu Bureau Kurse, die gegen gestern um etwa 1 bis 2 Prozent niedriger lagen. Elektroaktien, die bereits am gestrigen Tage fester bewertet wurden, konnten ihren Kursstand dagegen gut behaupten. Der Geschäftsverkehr bleibt nach wie vor begrenzt. Der Pfandbrief­markt wies gegen gestern keine Veränderungen auf.

Freundlichere Haltung in Berlin.

Immer neue Länder geraten in Idährungsschwierigkeiten.

Berlin, 9. Okt. (WTB. Funkspruch.) Der heu­tige Effektenfreioerkehr zeigte freundliche Hal­tung, obwohl eine Aenderung der innerpolitischen Situation bisher noch nicht eingetreten ist. Das Ge­schäft war nicht sehr umfangreich, doch hörte man meist Geldkurse, teilweise noch über gestriger Basis, wobei sich das Hauptinteresse auf Bankaktien erstreckte. Man diskutierte die vielleicht überraschend gekommene Diskonterhöhung der Neuyorker Federal Reserve Bank und hörte verschiedene Auslegungen.

Einmal wird behauptet, daß sie nicht aus Rücksicht auf den Hoooer-Plan vorgenommen sei, sondern daß man bloß den europäischen Bankraten näherkommen und hierdurch das Kreditgeschäft der Banken ren­tabler gestalten wolle. Rach anderer Version war der bisherige Satz nur deshalb so niedrig gehalten, damit eine Goldeinfuhr aus England vermieden wurde, was jetzt nicht mehr nötig fei. Der heutige Reichsbankausweis brachte nur eine ver­hältnismäßig geringe Entlastung. Die neue Devisenoerordnung kam in ihm nur sehr wenig zum Ausdruck. Immer neue Länder geraten mit ihren Währungen in Schwierig­keiten. So hat Lettland heute eine Einschrän­kung des Devisenhandels verordnet, durch die sich der An- und Verkauf ausländischer Zahlungsmittel bei der Bank von Lettland konzentriert. Ferner hat die argentinische Regierung die direkte De­visenkontrolle zum Zwecke der Sicherung des Peso übernommen. Die brasilianische Regierung hat ein Zwei-Monatsmoratorium für alle auslän­dischen und inländischen Zahlungen erklärt; die fäl­ligen Beträge müssen jedoch in brasilianischer Wäh­rung bei den Banken deponiert werden. Die laufen­den Deoisenkontrakte werden durch diese Maßnahme nicht berührt. Die Ankündigung einer neuen De- visenverordnung in Wien hatte gestern bereits ge­nügt, um den freien Devisenverkehr fast ganz zu unterbinden. Die Händler versuchen noch im letzten Augenblick, fremde Zahlungsmittel abzustoßen, wobei diese bis auf ein nur sehr ge­ringes Agio über den offiziellen Clearing-Kurs zu­rückgingen. Auch heute verhandelte man in Bank- kreisen über eine weitere Hilfe für die Makler. Es scheint die Absicht zu bestehen, einen Darlehensfonds von etwa einer halben Million aufzubringen, wobei man hofft, daß auch die Regierung sich an diesem Unterstützungsplan, abgesehen von den ersten 100 000 Mark, beteiligen werde.

Oie Lage an den Auslands-Börsen.

Die Londoner Effektenbörse, die gestern in uneinheitlicher Tendenz eröffnete, konnte sich im Verlaufe wieder etwas erholen, doch blieb das Geschäft sehr ruljia und die Kursverände­rungen waren nur geringfügig. Britische Staats- Papiere erholten sich, doch behaupteten Deutsche Bonds ihre anfänglichen Gewinne nicht immer, und die Pounganleihe ging nach 43 wieder auf 38 zurück. Am Londoner Devisenmarkt waren die Veränderungen auch am späten Nachmittag nicht erheblich, unter kleinen Schwankungen konnte sich das Pfund wieder auf 3,84 XA erholen, die Reichs­mark befestigte sich auf 16,43, sonst waren die Der- änderungen nur gering.

Die Pariser Börse, die schon etwas schwä- cher eröffnete, hatte bis zum Schluß unter A b - gaben zu leiden, so daß die letzten Kurse meist die niedrigsten Tageskurse waren. Die Rück­gänge waren z. T. recht beträchtlich.

Auch die Brüsseler Börse tendierte in

schwächerer Stimmung; die Spekualtion hielt sich in Erwartung der weiteren Entwicklung in Deutschland und England zurück.

Die Amsterdamer Börse blieb auch im Verlaufe bei ruhigem Geschäft schwächer, die Verluste betrugen bis zu 8 Prozent. Am Amster­damer Devisenmarkt lag die Reichsmark etwas fester, jedoch ohne Geschäft. Die Amster- damer und Rotterdamer Warenmärkte warov ruhig und fast unverändert. Es wurden noch immer Goldoerschickungen nach Holland vor- genommenn, und man hört, daß eine Goldsendung aus Britisch-Indien unterwegs ist. Durch das anor­male große Angebot von Pfandbriefen sind, wie von sachverständiger Seite erklärt wird, holländische Hypothekenbanken in Schwierigkei- t e n geraten. Es waren Stützungskäufe notwendig, jedoch für Hypothekenzwecke standen nur geringe Mittel zur Verfügvng. Infolgedessen sind die Hypo­thekenkurse höher als in anderen Ländern. Es wird

jedoch bestritten, daß die Hypotheken schwere Ver­luste erlitten hätten. Die ungünstigen Zeiten machen sich nur bei den Grundstücken bemerkbar, die nicht vermietet sind. Schwierigkeiten bei den Zinszahlun­gen sind bisher noch nicht eingetreten. Ein Grund zur Beunruhigung über die Lage der holländischen Hypothekenbanken ist nicht vorhanden.

Die Neuyorker Börse zeigte bei ruhigem Geschäft zunächst nur geringe Kursoeränderungen, die Stimmung ist etwaszuverfichtlicher ge­worden, doch verleiht man der Meinung Ausdruck, daß sich der Hoover-Vorschlag zunächst nur psychologisch auswirken werde. Am Neu­yorker Devisenmarkt waren die Veränderungen gegen gestern nur gering. Das Pfund notierte d,85i, Reichsmark 23,40.

Mrd der Dollar widerstehen können?

An den Devisenmärkten konzentriert sich das Hauptinteresse zur Zeit weniger auf das Pfund, von dem man annimmt, daß es auf dem gegenwärtigen Stand ungefähr in Gleichgewichts­lage ist, als auf den Dollar. Wird die ame­rikanische Währung, so fragt man sich, dem starken, von der Zurückziehung kurz- friftiaer Auslandguthaben ausgehen­den. Druck widerstehen können? Man schätzt die Gesamthöhe der kurzfristigen Auslandgut, haben in Neuyork auf etwa 2,5 Milliarden Dollar. Wenn auch der größte Teil davon durch kurzfristige amerikanische Ansprüche an das Ausland gedeckt ist, so sind diese amerikanischen Auslandguthaben zum größten Teil vor der Hand unmotiviert. Selbstver­ständlich ermöglichen die ungeheueren Goldvorräte Amerikas eine volle Auszahlung der Guthaben. Die Frage ist nur, ob sie ohne eine Herabsetzung der gesetzlichen Golddeckung möglich sein wird. Der Amsterdamer Markt zeigt nicht den Pessimis- mus Pariser Kreise, der sich mit einem Disagio auf Termindollar dem Franken gegen­über ausdrückt. Am Amsterdamer Termin-Devisen- markt, der allerdings immer noch äußerst beengt ist, stehen Ein-Monatsdollar auf pari, während Drei- Monatsdollar mit ungefähr z Cents Agio genannt werden.

Devisenmarkt Berlin Frankfurt a. 2H.

Banknoten.

8.Df ober

9-Dfiober

Amtliche Jiotirrung

Amtliche Geld

Dotierung Brief

e (Rflh

»rief

HelsingsorA .

Wien...»

10,34

50.70

10,36

50,80

10.34

51,45

10,36

51,55

^rag . . .

12,482

12,502

12,477

12.497

Budapest . .

73,28

73,42

73,28

73.42

Sofia . . .

3,067

3,073

3,072

3.078

Holland . .

169,83

170,12

169,83

170.17

£8lo ....

92,91

93,09

92,91

93.09

Kopenhagen.

93.41

93,59

92.91

93,09

Stockholm .

96.40

96.60

96.40

96,60

London. . . Buenos Aires

16.13

16.17

16.23

16,27

0.848

0,852

0,868

0,872

Neunorf . .

4.209

4,217

4,209

4,217

Otüliel . . .

59,04

59,16

58,94

59,06

Italien. . .

21,58

21,62

21,63

21,67

Varis . . .

16,68

16,72

16.68

16,72

Schweiz . .

82,52

82,68

82,52

82,68

Spanien . .

37,96

38,04

38,06

38,14

Danzig. . .

82,07

82,23

82,07

82,23

Japan . . .

2,078

2,082

2,078

2,082

£Rro de Ian..

0.209

0,211

0.229

0,231

Jugoslawien.

7,473

7.487

7.473

7.487

Liliabon . .

14,69

14,71

14,79

14,81

Diskonterhöhung in Neuyork um l°/0.

Reuhork, 8. Okt. (WTD.) Die Reuyorker Dundesrefervebank hat ihren Diskontsatz von

Berlin, 8. Df'»ter

Geld

Brief

Ameriianlsche Noten.......

4,20

58.93

4,22

Belgische Noten.........

59.17

Dänische Noten.........

93,21

93,59

Englische Not.-n.........

16,09

16,15

."vranzösische Noten........

16.67

16,73

Holländische Noten........

169.46

170.14

Italienische Noten........

Norwegische Noten........

21,66

21.74

92.71

93.09

Deulsch-Lesierreich, 1 100 SchMtng

50.45

50.65

Rumänische Noten........

2,50

2,52

Schwedische Noten........

96,21

96.59

Schweizer Noten.........

82,34

82.66

Spanische Noten. ........

37,72

37,88

Ungarische Noten........

72,75

73,15

1,5 v. H. um 1 auf 2,5 v.H. he ra uf g ese h t. Der Satz von 1,5 v. H. war seit dem 7. Mai d. 3. in Geltung.

Oie Stockholmer Börse wieder eröffnet.

WTB. Stockholm, 8. Okt. Der Dörsenoorftand hat heute beschlossen, die Börse am Freitag, 9. Oktober, wieder zu eröffnen. Bis auf weiteres soll nur ein Aufruf jeden Tag stattfinden.

Zahlungseinstellung einerpariserBank

Paris, 8. Ott (WTD.) Die Banque Syn- dicale de Paris (ehemals Claude Lafon­taine et Co.) hat heute ihre Schalter ge­schloffen. Ihr Kapital wird mit 50 Mill. Franks angegeben. Die Gläubigerforderungen sollen sich auf 132 Mill. Franks belaufen.

Oberheffen.

Landkreis Gietzen.

0 Lollar. 8. Okt. Werkmeister Konr. Dingel steht feit 25 Jahren im Feuerwehrdienst; zuerst war er Angehöriger der Freiwilligen Orts­feuerwehr Lollar, seit Gründung der Buderusschen Werksfeuerwehr in Lollar ist er deren Kommandant. Dem Feuerwehrjubilar wurde durch Kreisfeuerwehr- Inspektor D i ck o r e (Gießen) das vom hessischen Mi- nifterium verliehene Ehrenzeichen für 2öjährige Feuerwehrdienstzeit überreicht.

Staufenberg, 7. Oft. Gestern wurde hier in schlichter Weise die Feier des 2 5» jährigen Bestehens der hiesigen F i - ltale der Z i g a r r e n f a b r i k Rinn & Cloos 21 G. in Heuchelheim begangen. Zu der Veranstaltung war der Chef der Firma. Herr Ludwig Rinn, in Begleitung der Geschäfts­führer Qllbert Rinn und Cornelius erschie­nen. Rach Begrühungsworten des ersten Mei­sters der Filiale an den Chef des Hauses und an die Herren der Geschäftsleitung sprach Herr Ludwig Rinn zu dem versammelten Per­sonal, wobei er die Entwicklung des Unterneh­mens im Laufe der 25 Jahre in großen Zügen schilderte, dann auf die gegenwärtige schwierige Lage der deutschen Wirtschaft hinwies und zum Schlüsse dem Wunsche Ausdruck gab, daß für die deutsche Wirtschaft bald wieder bessere Zei­ten kommen möchten. Werkmeister H e b e r e r überreichte dem Chef des Hauses eine von der Belegschaft des Betriebes gestiftete Gedenktafel; die Gemeinde Staufenberg ließ Herrn Rinn als Iubiläumsgabe einen Blumenkorb mit einem Begleitschreiben zugehen. Die Feier und ihr Verlauf in dem überreich mit Blumen geschmück­ten Arbeitssaal irares ein eindrucksvolle- Zei­chen der Verbundenheit zwischen Werkleitung und Belegschaft, die für beide besonders in der heutigen Zeit als ehrenvoll bezeichnet werden darf.

Z A lle nd or f a. d. Lda., 8.DU. Dieser Tage fand die Frau des hiesigen Landwirts Johannes Merkel II. beim Kartoffelausmachen einen gol- benenlrauring.ber sich um einen Zinken des Karstes festgeklemmt hatte. Die Feststellungen er­gaben, daß der Ring der Frau des hiesigen Schuh- machermeisters Heinrich Weiß IV. gehörte. Diese hatte den Ring ooretwa33Iahrenauf einem Feldwege, der inzwischen durch die Feldbereinigung als Ackerland in das Eigentum Merkels übergegan­gen war, verloren. Trotz der langen Lagerung im Erdreich war der Ring unversehrt und vollständig­erhalten. Die Eigentümerin ist bereits vor etwa 30 Jahren verstorben.

Preußen.

Kreis Wetzlar.

<> Hörnsheim, 8. Oft. Gestern zwischen 20 und 21 Uhr wurde ein junger Mann von hier, der als Friseurlehrling in Gießen beschäf­tigt ist, auf dem Wege zwischen Großen-Linoen

Wenn Menschen auseSnandeegehn

Noman von 3- Gchneider-Foerstl.

Urheberrechtsschutz Verlag O. Meister, Werdau.

7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Vater, du hassest ihn so sehr, wie ich ihn liebe."

Hassen? Reins Er fann sich sein Glück holen, wo er mag und soviel er will. Rur in meinem Hause nicht!"

Das Gesicht der Tochter fanf immer tiefer, bis es auf feine Füße zu liegen tarn.Vater ich Eie glitt lautlos zur Seite.

Das dunkle Haupt sorgsam an feine Brust ge­bettet, trug er sie nach Ihrem Zimmer. Als sie nach Minuten erwachte, hatten ihre Augen allen Glanz verloren. Sie lehnte mit halbgeschlossenen Lidern in den Kissen und hielt die Hände reglos auf der Decke gefaltet.

Weiß Guido um all das Schreckliche?" fragte sie.

Vielleicht! Ich habe mich nie darum geküm­mert. Es interessiert mich nicht. Ich denke aber, daß er. wenn er eine Ahnung davon hätte, nie und nimmer um dich geworben haben würde. Man freit nicht um die Tochter eines Mannes, dessen Hände rot vom Blute des eigenen Vaters find."

Rajas Kopf glitt zur Seite.

* * * *

Rls Guido am anderen Morgen sein Pferd be­stieg. um nach der Station zu reiten, neigte er sich wiederholt zu der Greisin, die das Gesicht zu chm aufgehoben hielt.Gib mir immer Rach- richt. Großmutter, wie es hier in der Steppe geht!"

Er preßte chre Hand und hielt schon den Mund geöffnet, ihr die Schuld zu gestehen, dann drückte er die Lippen nur um so fester aufeinander. Wo- zu diese achtzig Jahre auch noch mit weiterer Rot belasten? War ihr Leben nicht ohnedies ge­rüttelt voll von Sorge und Leid gewesen?

Leb wcchl, Großmutter!"

Der Hengst spürte die Lockerung der Zügel und schoß dahin. Weit draußen bei den Pappeln stand ein Mann, der auf ihn zu warten schien. Als er näher kam. erkannte er Gunnar Bo- sanhi.

Er grüßte und lieh das Tier im Schritt gehen. Von einem Druck seiner Hand aufgefordert, stand es augenblicklich.

Dosanvis graues Haar flatterte im Morgen­wind. Widerwillig öffnete sich der bartgekbtoun- gcnc Mund zum Sprechen.Ich wollte Ihnen nur sagen. Herr Horvath, daß ich mir jede weitere Annäherung Ihrerseits an meine Dochtes ver­

bitte." Da keine Antwort erfolgte, sprach er weiter: So viel Ehrgefühl werden Sie wohl im Leibe haben, daß Sie ein Haus meiden, in dem Sie gehaßt sind."

Rur von Ihnen", entgegnete Horvath ohne Erregung.

Sie irren!

Auch von Raja?" fragte er heiser.

Auch von ihr! Der gestrige Abend hat ihr die Augen geöffnet.

Eie wissen, Herr Bosanhi?" Horvaths Wangen leuchteten in fahler Tönung.

Die beiden Männer bohrten ihre Blicke in­einander. Und daß keiner weiter sprach, zeitigte das große Mißverständnis, das unendliches Leid über zwei Menschen bringen sollte.

Wenn es so ist", würgte Horvath heraus, wenn Raja mich fallen läßt." Seine Stimme versagte vollkommen.

verlange nichts als Ihr Ehrenwort, daß Sie nie mehr die Wege meiner Tochter kreuzen", ließ sich Bosanhi hören.

Mein Ehrenwort", preßte Guido hervor.

Bosanhi trat zurück. Ohne Gruß wandte er sich ab und schritt die Felder entlang, bis er hinter Weißdornhecken und wogenden Halmen verschwand.

Horvaths Pferd stand noch immer. Der Blick des Geigers ging geradeaus. Dann riß er am Zügel, daß der Hengst sich erschrocken aufbäumte. In der nächsten Minute flogen die beiden über die verkohlte Erde dahin.

Der Rinderhirte stand am Weg und sah ihm nach. Er hatte gewußt, wie es kommen würde. Auch wenn er gewarnt und gesprochen hätte, es wäre das gleiche gewesen.

Armer Guido! Es mußte getragen werden. Was vom Schicksal bestimmt war, vermochte keiner zu ändern. Er konnte daran rütteln, wie er wollte.

* > *

Wenn der grimme Rordost über die Steppe fegte und alles Leben in ihr erstarb, wenn die Ernte bis zum letzten Kürbis eingeheimst und alle Frucht von den Bäumen geholt war, be­gann Aga zu packen, um in das vornehme, behagliche Wiener Heim des Professors zu über­siedeln.

Die Alte war an Arbeit und Tätigkeit ge­wöhnt. aber soviel Ach und Oh und Weh ent­schlüpfte ihr während des ganzen Jahres nicht, wie um diese Zeit des immer wiederkehrenden Umzugs. Kein Mensch wußte aber auch, was es da alles zu tun gab. denn alles und jedes blieb auf ihren Schultern lasten.

Rosmarie stellte sich so ungeschickt an im Hel­fen, daß Aga schon drei Kreuze schlug, wenn sie das Kind nur zu Gesicht bekam. ..Du stehst mir im Wege", schalt sie. ..Du machst alles verkehrt. Geh ein bißchen zu Ianos und laß dir von ihm Geschichten erzählen, oder besuch Großmutter

Horvath, oder lauf hinüber zu Bosanhi. Du bist so lange nicht dort gewesen."

Rosmarie gehorchte ohne Widerrede. Es war ohnedies viel schöner im Garten oder weit drau­ßen in der Steppe bei Ianos im Gras zu liegen, als hier zwischen Bergen von Kisten und Koffern sich herumschieben zu lassen.

Agas Stimme klang den ganzen Tag durchs Haus, befehlend, bittend, zankend, nörgelnd, zu­weilen sogar in heftiges Klagen ausartend. Sie verstummte erst, wenn am Abend die große Hängelampe über dem runden Eßtische brannte. Dann war sie wieder ganz Mutter für ihren jungen Schützling, ilnö während sie die Radel durch zerrissenes Strumpfgewebe fahren lieh, be­kam Rosmarie alles zu hören, was sich vom Morgen bis zum Abend ereignet hatte.

Unb dann stand eines Spätherbsttages der Reisewagen vor dem Tor. 21 ga schoß noch ein­mal durch das ganze Haus, hatte tausend Auf­träge für das zurückbleibende Gesinde und ein Dutzend Bitten an den alten Verwalter. Der kannte das von früheren Jahren her. zog ihren Arm unter den seinen und ging mit ihr zum Wagen, wo Rosmarie bereits neben dem Kutscher Platz genommen hatte.

Ach, so ein Kind! Das weint nicht einmal." Aga aber wischte sich ein über da- andere Mal über die Wangen, richtete sich halb im Sitze auf, als die Pferde schon angezogen, torkelte zurück, streckte sich wieder hoch und winkte, bis nichts, aber auch gar nichts mehr zu sehen war.

Dann war es aber auch schon verwunden. So schnell konnte die Alte sich von etwas losreißen und sich Reuem zuwenden.

Während daS Gefährt über die dunstverhan- gene Straße glitt, sorgte Aga sich bereits, cb sie in Wien auch alles in Ordnung sände. ob Lisette. das Hausmädchen, beim Waschen keine Risse in die Vorhänge gebracht und der Haus­meister die Vorräte im Keller ergänzt haben würde.

Plötzlich stoppten die Pferde. Rosmarie hatte in die Zügel gegriffen, sprang in der nächsten Sekunde vom Bock und lief auf den Rinderhirten zu. der, an eine Pappel gelehnt, auf ihr Vor- überkommen gewartet hatte.

Ianos!" Die Kinderhände legten sich zärt­lich um sein ausgetrocknetes Gesicht. Der blonde Kops schmiegte sich zutraulich an den verschlisse­nen Mantel des Alten.

Er streichelte das flimmernd leuchtende Haar aus den weihen Schläfen und lachte das Mäd­chen an. All die Falten und Runen in seinem Gesichte waren in diesem Augenblick vollkommen geglättet.

Leb wohl. Kindchen! Telka. die Echäferhündin, hat heute nacht 3ungc geworfen, drei Stück! Da­von zieh ich dir einen groß. Rosmarie!"

Wirklich?" Sie gab fein Gesicht frei und ilatffic in die Hände.Den schönsten. Ianos?"

Den allerschönsten!" stimmte c# zu.

Llngeduldig rief Aga Rosmaries Hamen und forderte sie auf, einzusteigen, man würde sonst den Anschluß versäumen.

Rosmarie sah in das bewegte Gesicht deS 'Hirten und bemerkte, wie dessen Augen umflort standen. Sie streckte sich und kühte chn rasch auf den Mund.Aus Wiedersehen, Ianos!"

Auf Wiedersehen, Kind!"

Er stand noch immer und schaute dem Gefährt nach, als längst nichts mehr davon zu sehen war. Rur die Radspur hatte sich, tief in den Boden eingeprägt. Er lieh die Augen darauf ruhen und nickte wehmütig.

So tief wird das Leben seine Spur in dir zurücklassen. Rosmarie! So tief I

Den Rücken weit nach vorn gekrümmt, wandte er sich zum Gehen. Er sah Raja Bosanhi quer über die Felder kommen und schritt, al- sie sich genähert hatte, ohne Wort und Gruh an ihr vorüber.

Ianos!" Sie haschte bittend nach seiner Hand, fühlte, wie diese zusammenzuckte und ließ sie wieder fallen.Ich bin am Verzweifeln."

Er nickte, ohne stehen zu bleiben oder auch nur aufzufehen.

Was soll ich tun, Ianos?"

Sein vertrockneter Mund öffnete sich lang­sam.Weitertragen daS Leben weitertragen", sagte er stockend.

Weiht^du nichts anderes, IanoS?" weinte ihre Stimme.

Gr schüttelte wortlos den grauen Kopf und be­schleunigte seine Schritte. Sie lief atemlos neben ihm her.Glaubst du, daß der Hortobagy tief genug ist, meine Schande zu begraben?" wim­merte sic.

Er blieb stehen. Das erstemal, seit sie mit ihm sprach, sah er sie an, lächelte und streichelte die Hand, die an ihrem Kleide heradhing.Komm mit! Ich muß nach meinen Rindern sehen und dann reden wir."

Schweigend schritten sie nebeneinander her. Wortlos sah das Mädchen nach einer Viertel­stunde auf einem Bündel dürren DraseS, dem Alten gegenüber. Raja lauschte, als er zu spre­chen begann, wurde rot und bläh, weinte und blieb bann ganz still, bis er zu Ende geredet hatte.

Willst du?" sagte er gütig.ES ist daS ein­zige, wie ich dir helfen kann."

Sie bejahte stumm.

Riemcmd wird etwas ahnen, wenn du nicht selbst Grund dazu gibst", mahnte er eindringlich. Gib mir Bescheid, was dein Vater dazu gesagt hat, dann helfe ich dir weiter."

Sie drückte seine Finger, erhob sich und nickte ihm nochmals zu. Dann schritt sie nach der Tanja hinüber, die zwischen entlaubten Obstbäumen her­vorlugte.

(Fortsetzung folgt.)