Ausgabe 
9.10.1931
 
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Nr. 236 Zweiter Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Zreitag, 9. Oktober Ml

Randnoten.

Am 13. Oktober wird jetzt nach mehr als zwei­jähriger Voruntersuchung der große Skan - dalprozeh gegen die Gebrüder Skla - r e k und ihre Freunde beginnen. Am 13. Oktober und gegen 13 Angeklagte: wenn das nicht für Abergläubige ein Grund für allerhand tiefsinnige Betrachtungen ist! Man rechnet damit, daß dieser Prozeß einige Monate dauern wird und daß darin die immer noch nicht ganz geklärten Zusammen­hänge aufgehellt werden, die von den Sklareks über ihre mehr oder minder kompromittierten Freunde in die Verwaltung der Stadt Berlin tief hineinreichten. Die Vorbereitung ist jedenfalls sehr gründlich gewesen. Die Akten aus Zeugenverneh­mungen füllen allein eine ganze Scheune nicht unbeträchtlichen Umfangs, und: die Anklageschrift mit ihren drei Bänden in Lexikonformat kommt auf 1600 Seiten. Immerhin, zwei Jahre sind eine lange Zeit, in der sich mancherlei vertuschen läßt, und es wäre schon denkbar, daß es nicht mehr möglich ist, den Hintergrund, auf dem sich dieses Korruptionsdrama abspielte, noch einmal wieder herzustellen. Die Angeklagten selbst und ein großer Teil der Beteiligten haben zuviel Interesse daran gehabt, die Spuren zu verwischen, und wenn sie schon verurteilt werden, das. was geschehen ist. wenigstens in möglichst harmloser Beleuchtung erscheinen zu lassen.

Bei den Sklareks handelt es sich um d e n T y - pus des Nachkriegsgewinnlers. der rücksichtslos seinen Weg geht und moralische wie gesetzliche Hemmungen einfach überspringen zu können glaubt. Die Sklareks sind geborene Ber­liner und hatten schon, als ihr Aufstieg begann, einige Geldmittel hinter sich. Indessen, so bis in die Nachkriegszeit hinein, war von ihnen wenig die Rede. Dann kam die große Konjunktur, das Geld floh ihnen in Strömen zu, und wenigstens zwei von ihnen hatten den Ehrgeiz, ihren jungen Reichtum auch in ihrem äußern Auftreten zu zei­gen. So gründeten sie einen Rennstall, kauften das ehemals königliche bayrische Gestüt und er­reichten im Jahre 1928- den Höhepunkt, als sie die drei größten Rennen des Jahres auf deutschen Bahnen gewinnen konnten. Ein Jahr darauf folgte dann der Sturz. Sie wurden verhaftet, der Ober­bürgermeister Böß telegraphisch aus Amerika zu­rückgerufen. Herr Böß stolperte über sie, Dutzende von Angehörigen der Berliner Verwaltung waren kompromittiert, und der ganze Reinigungsprozeh, der uns für Jahre lahm legt, hat eigentlich hier seinen Ausgang genommen. Wir haben in inzwi­schen noch andere Skandale erlebt, sind eigentlich gegen solche Dinge abgebrüht. Aber trotzdem, der Fall Sklarek darin beruht das Symptomatische dieses Prozesses wird für die gesellschafts­geschichtliche Kritik der Periode nach der Revo­lution grundlegend bleiben.

Am 8. November sollen offiziell in Jugo­slawien die Wahlen zum Parlament erfolgen, womit der Uebergang von der Diktatur zum ver­fassungsmäßigen Regime geschaffen würde. Ob es aber soweit kommt, wird nach allen Mitteilungen, die aus den verschiedensten Kreisen von Belgrad her einlaufen, immer zweifelhafter... Jugoslawien befindet sich mitten in einer finanziellen, wirt­schaftlichen und politischen Krise, die nach einer gewaltsamenEntladung geradezu drängt. Die Dinge haben sich bereits soweit zugespitzt, daß es nicht mehr überraschen könnte, wenn in den nächsten Tagen schon eine offene Rebellion aus- bräche. Der König hat durch die Diktatur über­all stark an Boden verloren, er hat nichts mehr hinter sich als das Militär. Auch das Militär aber ist ein unsicherer Faktor geworden, weil durch den wirtschaftlichen Truck die Unzufriedenheit auch bei den Bauern überhand nimmt und von da her die Erregung auf die Soldaten übertragen wird. Besonderen Eindruck hat es gemacht, daß fast die gesamten politischen Parteien auf eine Beteili­gung an der Wahl verzichten und dadurch dem König eine offene Kriegserklärung überreicht haben. Man spricht sogar schon davon, daß zwi­schen den höheren Offizieren und den politischen Parteien sehr enge Fäden bestehen, die den König

auch nach der Richtung hin abschnüren, so daß seine eigentliche Stühe der Ministerpräsident Ge­neral Schifkowitsch ist, zweifellos ein Mann von Eisen, vor allen Dingen ein Mann ohne Ner­ven. Aber den Befähigungsnachweis, daß er wirklich auch mitten im Sturm seinen Poften zu halten weiß, soll er erst noch erbringen.

Das Unglüd ist, daß der neue Staat Jugo­slawien in den 13 Jahren seines Bestehens sich immer noch nicht innerlich konsolidiert hat. Weder die kulturellen noch die nationalen Unterschiede sind irgendwie beseitigt. Die Ser­ben fühlen sich als Staatsvolk und wollen das Land ausschließlich beherrschen, obwohl sie völ­kisch nur die Minderheit bedeuten. Die Kroaten denken gar nicht daran, sich auf die Dauer zu Staatsbürgern zweiter Klasse für einen ihnen

fremden Staat machen zu lassen. Das Höchste, was sie zugestehen wollen, ist ein Föderativ st aat, in dem sie ihre völlige Autonomie behalten. Sie warten vorläufig ab, weil die Unzufriedenheit, die heute in Altserbien herrscht, für sie arbeitet. Wenn aber die Empörung ausbrechen sollte und es zu einer Neuordnung kommt, werden sie ihre weitgehenden Ansprüche anmelden, die den Be­stand dieses Staates gefährden müssen. Möglich, daß es dem König und seinem Ministerpräsidenten noch gelingt, den Sturm zu beschwören. Aber die Finanzkrise geht trotzdem weiter, der Staat steht unmittelbar vor seinem Bankrott, von der Seite her würde dann also sofort wieder eine neue Krise drohen. Im günstigen Fall bleibt Jugoslawien auch weiterhin ein Pulverfaß auf dem Balkan, das jeden Augenblick explodieren kann.

Wirtschaft.

4 355 000 Arbeitslose im Reich.

Langsamer Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Berlin, 8. Okt. (WTB.) Nach dem Bericht der Reichsanstalt hat der h e r b st l i cy e A n st i e g der Arbeitslosenzahl auch in diesem Jahre in der zweiten Hälfte des Monats September eine A b - s ch w ä ch u n g erfahren. Die Zahl der Arbeitslosen, die in der vorhergehenden Berichtszeit um rund 109 000 gestiegen war, hat in der Zeit vom 15. bis zum 30. September um rund 31 000 zugenommen und betrug am letzten Stichtage r u n b 4 3 5 5 0 0 0. Die Zunahme seit dem tiefsten Stand des Sommers beläuft sich damit in diesem Jahre auf rund 401 000, übertrifft also die Steigerung in der entsprechenden Zeit des Vorjahres (rund 369 000) nicht erheblich. In der Arbeitslosenversicherung wurden am 30. September rund 1 344 000, in der Krisen-

den Statistik der Wohlfahrtserwerblosen waren am 31. August rund 1 131 000 arbeitslose Personen vorhanden.

Die Indexziffer der Großhan­delspreise im Monatsdurchschnitt September. Die vom Statistischen Reichsamt berechnete Großhandelsindexziffer stellt sich für den Monatsdurchschnitt September mit 108,6 um 1,5 v. H. niedriger als im Vormonat. Die In­dexziffern der Hauptgruppen lauten: Agrarstoffe 101,1 (minus 2,2 v. H.), Kolonialwaren 94,1 (mi­nus 1,8 v. H.), industrielle Rohstoffe und Halb­waren 100,1 (minus 1,4) und industrielle Fertig­waren 134,6 (minus 0,9 v. H). Der Monats­durchschnitt für Produktionsmittel stellte sich mit 130,5 (August 130,7) um 0,2 v. H. niedriger, der Konsumgüterindex ist mit 137,8 (139,7) um 1,4

fürforge rund 1 140 000 Hauptunterstützungs- I v. H. zurückgegangen, empfanget betreut. Nach der letzten jetzt vorliegen-

Deutscher Außenhandel und Pfundkrise.

Das Institut für Konjunkturforschung beschäf­tigt sich in seinem neuesten Wochenbericht mit den zu erwartenden Auswirkungen der Pfundkriseaufdendeutschen Außen­handel und gelangt dabei zu nachstehenden Feststellungen:

Die Länder, deren Währungen seit Mitte Sep­tember vom Goldstandard losgelöst wurden (Groß­britannien, Dänemark, Schweden, Norwegen, Aegypten und Britisch-Jndien), sind an der deutschen Einfuhr (1930 Gesamteinfuhr 10,39 Mil­liarden Mark) mit rund 18 Prozent, an der deut­schen Ausfuhr (Gesamtausfuhr 12,04 Milliarden Mark) mit rund 22 Prozent beteiligt. Im Außen­handel mit diesen Ländern erzielte Deutschland 1930 einen Ausfuhrüberschuß von 819 Mill. Mark, im ersten Halbjahr 1931 einen Ausfuhrüberschuß von 4 2 8 Mill. Mark. Die Frage ist nun, wie sich die Handelsbilanz mit diesen Ländern in Zukunft gestalten wird.

Die stärksten unmittelbaren Auswirkungen der Pfundkrise sind zunächst im Konkurrenzkampf der deutschen und der englischen Industrie zu erwarten.

Wenn die Erwartung, daß die Herabsetzung der Goldparität des Pfundes die Kostenlage für die englische Industrie verbessert, zutrifft, würde nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit eng­lischer Waren auf den Auslandmär k- t e n erhöht, sondern auch die Einfuhr ausländischer Waren für den eng­lischen Binnenmarkt gedrosselt wer­den. Die deutsche Industrie würde davon in dop­pelter Weise betroffen werden. Einmal nimmt Großbritannien selbst etwa ein Zehntel der deut­schen Ausfuhr auf. Svdann stehen deutsche und englische Waren auf einer Reihe von Märkten in scharfem Wettbewerb. Bisher schien die deutsche Ausfuhr gegenüber der englischen preismäßig

bevorzugt zu sein. Falls die Entwertung des Pfundes anbauern sollte, könnte die englische Industrie möglicherweise diesen Vorsprung ein- holen. Jedoch ist dabei zu beachten, daß Eng­land bisher vielfach ganz andere Waren e'wor- tierte und auch z. T. an anderen Absatzgebieten interessiert war als Deutschland.

Im Jahre 1930 waren die deutsche und die englische Ausfuhr annähernd gleich groß. Je­doch lieferten nach europäischen Ländern Deutsch­land 9,4 Milliarden Mark, Großbritannien 4,5 Milliarden Mk., und nach Ueberfee Deutschland 2,6 Milliarden Mk., Großbritannien 7,1 Milliar­den Mark. Innerhalb des Absatzes nach Europa gingen von der englischen Ausfuhr nach Deutsch­land 547 Mill. Mk., von der deutschen Ausfuhr nach England 1219 Mill. Mk. Von einer Ein­schränkung der englischen Einfuhr würden fast alle Zweige der deutschen Fertigwarenindustrie be­troffen werden. Für englische Waren auf dem deutschen Markt dürste sich zunächst die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Lieferungen Deutschlands erhöhen. Das gilt vor allem für Baumwollgarne und Wollgarne, die größten Posten in der deutschen Fertigwareneinfuhr aus England.

Aber auch die Konkurrenz mit der deutschen Industrie selbst wird bei länger andauernder Pfundentwertung zunehmen. Besonders die Webereien, die Eisenwarenindustrie und der Kohlenbergbau usw. werden voraussichtlich schwerer als bisher gegen das Vordringen eng­lischer Waren auf dem deutschen Markt zu kämpfen haben.

Auf den Auslandsmärkten, auf denen Deutschland und England konkurrieren, dürften sich die hochwertigen Qualitätserzeug- nisseDeutschlands verhältnismäßig gut be­

Oer Tempel von Himera.

Äon Felix Braun.

Bei Mondello an der Küste Siziliens durchwaltet das Meer der tiefdunkelazurne, in Talstriche von lichterem Grün überschillernde, metallisch funkelnde Glanz, der an die Flügelfarben großer brasilianischer Falter erinnert. Aber an der anderen Seite Paler­mos verfließt, es in einen sanftsilbernen, von vielen blasseren Straßen durchzogenen Schimmer, der dort, wo nahe am Ufer das strenge Grün der Agaven oder das stechende der Opuntien steht, in einer dunklen Schwerflüssigkeit von grundlosem Blau ergossen liegt. An den Böschungen der weiß-staubigen Chaussee, die durch Saatfelder, Limonenpflanzungen, Oelbaum- bestände zwischen langen Mauern hinzieht, leuchten viele Blumen, am schönsten die hochgelbe Margerite und der rubinrote großblütige Mohn, die sich zu­weilen in Gruppen zusammenstellen ober durchein­ander mischen oder wie zwei Musikinstrumente ein­ander begleiten. Draußen auf dem Meer aber warten jetzt die vielen kleinen Boote auf den Thunfisch, dessen Ankunft nahe ist, so daß die Fischer Tag und Nacht in dem großen Wachtschiff spähen und lauern. Bon Messina bis Trapani sind die riesigen Netze gespannt, in die das arglos zur Küste treibende Heer hineinschwimmen wird, und die es festhalten werden, wenn Harpunen und Aexte der Männer niederstoßen auf die verlorenen Opfer, von deren Blut das Meer weithin rot gefärbt sein soll an diesen Tagen.

Wir fahren an den Sommerschlössern des Adels von Palermo vorbei; durch Dörfer, deren eintönige, zuweilen grell blaugetünchte Hausreihen zu beiden Seiten der Straße hingehen und die eine barocke Kirchenfassade oder di- Ueberraschung einer hoch- geschwungenen Treppe unterbricht; bald halten wir ganz nahe am Meer, bald wenden wir uns in das Landinnere hinein; auf einmal entzückt eine hoch- schwebende alte Flußbrücke das Auge, die Nahe von Termini Jmerese, der heiteren, sanft gehügelten Stadt verkündend, die nun sich auftut und mit vielen reizvollen Prospekten, Bogen, Gassen den Fremden an sich locken möchte; allein heute sucht er em anderes Ziel; es ist der Tempel von Himera, den zu sehen er sich vorgenommen, seit er die gewaltigen Lowen- föpfe die jetzt im Museum von Palermo ausgestellt sind,'erblickt hat. Ein junger Kunstfreund, der be, den Ausgrabungen anwesend war, hatte erzählt, daß, als die Löwenkopfe aus dem Schutt emporgehoben wurden alle noch die alte Bemalung an sich trugen, die jedoch in wenigen Minuten vor den Augen der

Betrachter im Licht und Luft zauberartig hinschwand. Oh, die Löwenhäupter: welche grausame Macht drucken sie ausl Cher haben sie etwas Karthagisches als Griechisches, blutdürstig sind Stirn, Augen, Nü­stern, Rachen, an dessen lang heraushängender ge­höhlter Zunge das Wasser der Regenrinne auslief. Streng symmetrisch wurden die Linien der Mähne, die Stirnfalten, der Schnurrbarthaare gezogen ge­rade in diesen Sterben offenbart sich das Mächtige, Schreckliche der Gesichter; aber es sind mehrere Weisen der Linienführung, die man unterscheiden lernt, so daß man sagen könnte, es hätten mindestens zwei'Meister die Skulpturen gefertigt, namenlose Meister, deren einer vielleicht der Künstler der hori­zontal, 'deren anderer jener der vertikal geordneten Linien genannt werden könnte.

In Buonhornello hält das Automobil, und da sehen wir auch schon den Tempel. Die Enttäuschung des ersten Anblicks ist groß. Denn was man wahr- nimmt, ist bloß das Fundament eines dorischen Pe- ripteros (von Säulen umstandenes Bauwerk), dessen Säulenumgang vollkommen kenntlich blieb, aber es stehen von den Säulen höchstens zwei verwitterte Trommeln, meistens nur eine, auf ihren Posten. Stufen führen zum Heiligtum hinab, das Peristyl (Säulengang) umschließt das eigentliche Gotteshaus, dessen innere Mauern noch sehr schön die Drei- gliederung in Vorhalle, Cella und Nachhalle wahr- nehmen lassen. Ich erinnere mich nicht, in einem der weitaus besser erhaltenen griechischen Tempel das Innere deutlicher eingeteilt gesehen zu haben: sogar die Stufenaufgänge zum zweiten Stockwerk sind wie im Concordia-Tempel zu Agrigent nych erhalten. Wie alle sizilischen Tempel ist auch dieser von Muschel­kalk aber sehr verwittert, weil ja ein ganzes Dorf auf'ihm gebaut war, das Jahrhunderte durch über ihm bestand und erst abgetragen wurde, als man mit den Ausgrabungsarbeiten begann, wobei viel zer­stört wurde: die Bruchstücke von Krügen, Vasen und Schalen, von Marmorsäulen, vornehmlich aber die der Löwenköpfe beweisen, wie schwierig das Bloß- legungswerk gewesen sein muß. Im Peristyl liegen Fragmente vom Gebälk mit den Tropfen daran, zerbrochene und verwitterte dorische Kapitelle, Dach­platten ohne Akroterien (Ornamente), schimmernd in der Sonne in dem grauen Glanz des Kalks. Aber vielleicht wäre trotzdem dieses Bild des zerstörten Tempels am Meer, dessen Säulen nicht mehr raaen, und den die wenigen Häuser des Dorfes bewachen, während das Gebirge sich weit zurückgezogen hat, wie die Göttin selbst, der der Tempel geweiht ge­wesen war, vielleicht wäre dieses alles gar zu

trauervoll, wenn nicht die Blumen die Stellvertre­tung der Gottheit übernommen hätten oder doch die der gläubigen Menschen; wie eine Wallfahrt kommen von der Ostseite die schönen goldgelben hohen Mar­geriten über die Mauer herein und machen wahr­haftig Miene, die Stufen hinanzusteigen, um Athene ihre Farben und ihren Dust zu opfern.

Nach der Schlacht von Himera im Jahre 480 vor Christus, als die Griechen über die Karthager den Sieg errangen, der Sizilien zum erstenmal der euro­päischen Welt bewahrte, weihten sie dankbar der Göttin Athene ein Heiligtum. Es ist dieses, das hier in Trümmern vor unseren Augen liegt. Aber nicht denkmallos ist die Göttin geblieben, wenngleich ihr Standbild, das im Tempelinnern gestrahlt haben muß, nicht aufgefunden wurde. Rings um den Tempel stehen in Scharen die Bäume, die ihr heilig waren, und die besser als der Stein dauern, unsterb­liche Ehre ihr zu bezeugen: die Delbäume. Und in dem Schatten eines von ihnen ruhen auch wir und schauen hinaus auf die mattgrünen Fluren, den ockerbraunen Sandstrand und das blaufunkelnde, silberglitzernde Meer.

Das einsamste Restaurant.

Hoch oben im fernen Norden von Kanada, am 54 Grad nördlicher Breite, an einem Ort, der nur alsMeilenstein 137 bekannt ist, erhebt sich in der weiten öden Wildnis eine lange niedrige Holzhütte, die in großen Holzbuchstaben die Auf­schrift trägt:Pctt's Palast. Das Heim der guten Küche im hohen Norden." Dieses seltsame Luxus­lokal ist wohl das einsamste Restaurant der Welt, und merkwürdig geht es hier zu, wie den Schil­derungen eines Besuchers zu entnehmen ist, der in einem Blatt von Montreal davon erzählt. Die Inhaberinnen dieses Speisehauses sind zwei Eng­länderinnen, bekannt alsPak" undCassie", die vor einigen Jahren nach Kanada verschlagen wurden. Nachdem sie zuerst in Winnipeg gear­beitet hatten, fühlten sie in sich denRuf der Wildnis unö beschlossen, im hohen Norden ein Restaurant zu eröffnen. Sie fuhren mit dem ersten Zug, der von The Pas in Manitoba nach Chur­chill an der Küste der Hudson-Bai ging, und an demMeilenstein 137" fanden sie eine verlassene Hütte, die ihnen für ihre Zwecke geeignet schien. Die Gäste ihres Lokals bestehen aus einigen An­siedlerfamilien, die aus der Ilmgegend bisweilen hierher kommen, aus einem Schullehrer, der in

haupten können, dagegen werden die Industrie- erzeugnisse mittlerer und billiger Qualität, sowie alle Stapelartikel (Kohle, Eisen, Eifenkurzwaren, einfache Gewebe usw.) unter einer durch die Währungsentwertung geförderten Kostensenkung Englands stärker zu leiden haben. Indes kommt hier der deutschen Industrie zugute, daß Eng­land zunächst versuchen dürfte, seine A b so tz - Verluste auf den überseeischen M ä rk - t e n wieder wettzumachen, auf Märkten also, auf denen England in erster Linie mit Ja­pan und den Vereinigten Staaten von Amerika, aber weniger mit Deutschland kon­kurriert. In welchem Umfang sich diese Länder freilich auf den bisherigen Hauptmärkten Deutsch­lands (Europa) schadlos zu halten suchen, ent­zieht sich zunächst der Beurteilung. Der Einfluß erhöhter Wettbewerbsfähigkeit Englands in Ueberfee auf die deutsche Wirtschaft darf jeden­falls nicht unterschätzt werden, so klein zunächst die unmittelbaren Auswirkungen erscheinen mö­gen. Ganz abgesehen davon, daß einzelne Indu­strien in beträchtlichem Umfang an den über­seeischen Märkten interessiert sind.

2m allgemeinen ist D e u t s ch l a n d jedoch mehr an europäischen Märkten interessiert. In Mittel- und Osteuropa beherrschen deutsche Waren vielfach den Markt, englische Jndustrieerzeugnisse haben hier auch vor dem Weltkrieg keine große Rolle gespielt.

Anders in Nord-, West- und Südeuropa, wo deutsche Waren in den letzten Jahren gegenüber englischen an Boden gewonnen haben, hier dürften sich wohl die ersten größeren Schwierig- keilen ergeben, falls es England gelingen sollte, feine Preise stärker als Deutschland zu senken. In erster Linie würde davon die Textil­industrie berührt. Auch für Eisenwaren und viele andere Waren würde eine Aenderung der Konkurrenzverhältnisse auf diesen Märkten von erheblicher Bedeutung sein., Für die Lage in den nordischen Ländern, die in jedem der beiden letz­ten Jahre für 1,2 Milliarden Mk. deutsche Wa­ren bezogen, kommt erschwerend hinzu, daß diese Länder ebenfalls den Goldstandard aufgegeben haben, wodurch sich die Konkurrenzlage für Deutschland weiter verschlechtern kann.

Devisenbewirtschaftung in Oesterreich.

Wien, 8. Okt. (WTB.) Der Hauptausschuß des Nationalrates hat heute die von der Regierung vorgelegte Devisenverordnung mit verschiedenen Abänderungen genehmigt. Darin wird verfügt, daß der Handel mit auslän­dischen Zahlungsmitteln ausschließlich der Oester- reichischen Nationalbank Vorbehalten ist, welche ihrerseits Kreditinstitute und Gewerbetreibende ermächtigen kann, als Devisenhändler nach den von ihr erlassenen Weisungen für Rechnung der Nationalbank und im Wechselstubenverkehr für eigene Rechnung mit ausländischen Zahlungsmit­teln zu handeln.

Berliner Prodnktcnmarkt.

Berlin, 8. Okt. Bei weiter lustlosem Geschäft war die Preisgestaltung im heutigen Produkten­verkehr nicht ganz einheitlich, jedoch herrschte eine schwächere Grundstimmung. Die Mühlen sind infolge des keineswegs gebesserten Mehlabsahes mit Anschaffungen vorsichtig, anderseits ist das ersthändige Angebot von Jnlandbrotgetreide keineswegs reichlich. Besonders Jnlandroggen für Waggon- und Kahnverladung wird nur verhält­nismäßig wenig und zu unnachgiebigen Forde­rungen angeboten; dagegen lagen heute Offerten in Russenroggen zu 197 Mark cif. Berlin vor, jedoch bekunden die Mühlen infolge Qualitäts­befürchtungen, nur geringe Kaufneigung. Das Weizenangebot reichte zur Befriedigung des vor­handenen Bedarfes aus und die Gebote der hiesigen Mühlen lauteten etwa 1 bis 2 Mark niedriger, während in der Provinz annähernd gestrige Preise zu erzielen waren. Am Liefe­rungsmarkte setzte Weizen bis 2,25 Mark schwä­cher ein; Roggen war auf Abgaben der Deutschen Getreidehandelsgesellschaft gleichfalls um 1,25 bis 2 Mark gedrückt. Das Geschäft in Weizen- und

den verstreut liegenden Hütten Unterricht gibt, und in seinen Freistunden bei ihnen als 216- wäscher erscheint, einem gelegentlich vorbeikom­menden Missionar und einigen Beamten der Eisenbahn oder vorbeiziehenden Trappern. Am Sonntagabend sind alle Lampen, die von der nied­rigen Decke herunterhängen, entzündet und be­leuchten mit ihrem schwachen Schimmer ein buntes Bild. Dann sind alle Männer, Frauen und Kin­der aus den Herumliegenden Siedlungen hier ver­sammelt, die Herren in farbigen Hemden, blauen Sweaters und kniehohen Stiefeln, die Damen in Toiletten, die alle Modestile vom Jahre 1890 bis vor zwei oder drei Jahren spiegeln. Das Gram­mophon erklingt, und alles tanzt; Polka und Wal­zer sind häufiger als Foxtrott, und man kann hier Volkstänze sehen, die wo anders längst aus­gestorben sind. Um Mitternacht endet der Tanz; die Männer schirren die Pferde vor die Magen, packen die ganze Familie auf, und dann geht es hinaus über Stock und Stein durch die kalte Nacht. Außer an diesen Abenden wird die Ein­tönigkeit dieser Wirtschaft nur dann unter­brochen, wenn ein Zug vorüberkommt. Die Rei­senden haben schon von der guten Küche dieses Palastes" gehört und stürzen sich nun hungrig auf die Mahlzeiten, die meist in Schinken mit Ei oder Beefsteaks bestehen. Die beiden mutigen Frauen, die im Winter oft bei 40 Grad Kälte den Schnee von der Tür fortschaufeln müssen, sind glücklich in ihrem Beruf und stolz darauf, das einsamste Restaurant der Welt so gut zu führen.

Sochschulnachrichten.

Professor Dr. Friedrich Hoffmann in Münster hat den Rus auf den Lehrstuhl der wirtschaftlichen Staatswissenschaften an der Uni­versität Greifswald als 2lad)folger von W. Diermann angenommen.

Der Pastor Lic. Dr. Helrnuth Sch reiner, Vor­steher des evangelischen Johannesstifts inBerlin- Spandau, hat den Ruf auf das Ordinariat der praktischen Theologie an der Universität Rostock als Nachfolger von Professor Hupfeld angenommen und bereits seine Ernennung zum 1. November d. I. erhalten.

In der philosophischen Fakultät der Universität Jena sind die beamteten außerordentlichen Pro­fessoren Dr. Ernst L a n g l o tz (Archäologie) und Dr. Fritz S ch a ch e r m e y r (Alte Geschichte) zu per- sönlichen ordentlichen Professoren ernannt worden.