Ausgabe 
9.6.1931
 
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Nr. 152 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesten)Dienstag, 9. Juni 1951

S.Jl.-tfport

Spielvereinigung 1900 Gießen.

Die Ligamannschaft der Spielvereinigung trat gegen die Sportvereinigung 1911 Dillenburg in vollständig abgekämpftem Zustande an. Außerdem fehlten Henrich, Luft, Adelberger und Schäfer. Bis Aur Pause boten sich beide Parteien noch einen aus­geglichenen Kampf. Mitte der ersten HalMit brachte ein Deckungsfehler der Hiesigen den Gästen die Führung. Kurze Zeit später verwandelte Zeiler einen Elfmeter zum Ausgleich. Bis zum Seiten­wechsel ereignete sich dann in diesem laschen Spiel nichts mehr. Nach Wiederbeginn hatte 1900 um- gestellt. Der Angriff erlahmte aber immer mehr und konnte sich gegen die schlagsichere Dillenburger Ver­teidigung nicht zur Geltung bringen. Dillenburg lieferte eine ansprechende Partie, erhöhte Eifer und Schnelligkeit und errang damit ein kleines lieber- gewicht. Die Blauweißen konnten nicht mehr die Energie ausbringen, zwei der oftmals sehr gefähr­lichen Dillenburaer Angriffe rechtzeitig abzustoppen, so daß die Gäste mit 3:1 Toren Sieger wurden. Schiedsrichter Tetzner (Steinbach) leitete zufrieden­stellend^

Die Ligareserve lieferte erstmals wieder eine ansprechende Partie, obwohl auch sie nicht in bester Besetzung nach Marburg gefahren war. Germania trat verstärkt an. Trotzdem wäre wohl ein knapper Sieg der Gießener herausgekommen und dem Spiel­verlauf nach auch nicht unverdient gewesen, wenn nicht die Hintermannschaft und hier besonders der Torwart in entscheidenden Momenten versagt hätte. Endresultat 5:4 für Marburg (Halbzeit 2:0).

Die dritte und vierte Mannschaft der Spielver­einigung weilten in Leibgestern. Auch hier war reichlich viel Ersatz eingestellt. Die dritte Elf spielte gegen des Gastgebers erste bis zum Seitenwechsel 1:1. Nach der Pause war Leihgestern überraschend noch einmal erfolgreich. Dann aber hatten die Gießener mit dem heftigen Rückenwind spielend, bedeutend mehr vom Spiel. Mitte der zweiten Spiel­hälfte wurde bas Spiel wegen dem heftigen Regen abgebrochen. Als der Spielleiter später das Treffen fortsetzte, waren nur noch 7 Gießener zur Stelle. Die Gastgeber erzielten dann gegen den Gießener Rest noch 5 weitere Tore.

Die vierte Mannschaft war zu schwach, um gegen Leihgesterns zweite Mannschaft erfolgreich bestehen zu können.

Handball Der Sp.-Dg. 1900.

Die Teilnahme der 1900er Handballer am Blitz­turnier des Polizeifportvereins Butzbach stand unter keinem besonders günstigen Stern. Die junge, eifrige, allerdings durch das Fehlen einiger guter Spieler geschwächte Mannschaft befaß vor allem nicht das notwendige Stehvermögen für eine derartige Ber- anftaltung. Dos spiegelt sich auch deutlich im Ver­lauf ihrer Spiele wider. 1. Spiel: Turngemeinde Friedberg 1900 4:3. Da das siegbringende Tor der Friedberger nach Ablauf der regulären Spiel­zeit erzielt worden war, wurde das Spiel am Schluß wiederholt. 2. Spiel: Polizei Butzbach1900 2:1. Das schönste Spiel des Tages und zugleich das beste der Spielvereinigungsleute. 3. Spiel: Turn- und Sportverein Butzbach 1900 4:1. Die Gieße­ner spielten sehr zerfahren und mußten sich glatt schlagen lassen. Wiederholungsspiel: Turngemeinde Friedberg 1900 7:1. Die Blauweißen klappten vollständig zusammen.

Im übrigen nahm das Turnier folgenden Aus­gang: Sieger: Polizei Butzbach. Zweiter: Turn- und Sportverein Butzbach. Dritter: Turngemeinde Friedberg. Vierter: Gießen 1900.

Um die Meisterschaft des deutschen Schühenbundes für Groß- und Kleinkaliber.

Am 7. Juni 1931 begann das Mannschafts­schießen um den Gaumeistertitel in Frankfurt am Main.

3n Großkaliber wetteiferten Fechenheim, Frankfurt a. M, Gießen und Oberursel durch Stellung von je fünf Schützen, die je einen auf die Entfernung 300 Meter und 175 Meter, auf Wehrmann 175 Meter, auf Pistole 50 Meter und auf Kleinkaliber 50 Meter 15 Schuh zu schießen hatten.

Die Mannschaft des Schühenveveins Gießen e. D. bildeten: Heinrich Appel, Hermann Sauer, Georg Schilling, Willy Georg und Konrad Dreyer. Das Ergebnis: Gießen 910 Ringe Fechenheim 907 Ringe: Gießen 903 Ringe Frankfurt 1009 Ringe: Gießen 923 Ringe Oberursel 709 Ringe. Gau meister wurde Frank­furt a. M. mit drei Siegen und keiner Rieder­lage: an »weiter Stelle stand Gießen mit zwei Siegen und einer Riederlage.

3n Kleinkaliber standen sich 'Boden - heim und Gießen gegenüber. Gießen war durch Heinrich Appel, Konrad Dreher, Willy

Am Sonntag wurden im Wetzlarer Stadion (wie wir bereits kurz berichteten) die leicht­athletischen Gauwettkämpfe des Gaues Gießen- Wehlar ausgetragen. Die Beteiligung von feiten der Gießener Vereine war außerordentlich stark. Die Mannschaften schlugen sich sehr gut und nahmen die Mehrzahl der Gaumeisterschaften mit nach Gießen. So errang zum Beispiel die Spielvereinigung 1900 12 erste Siege und der VfB. 7 erste Siege. Der Platzverein allerdings, der VfL. Wetzlar, vermochte 15 Siege an sich zu reißen. Die Wetzlarer waren insbesondere durch ihre Damen erfolgreich. 3m Rahmen der Wett­kämpfe wurden verschiedene sehr gute Leistungen gezeigt. Leider wurde die Veranstaltung einige Male durch den einsehenden Regen unterbrochen. Die Abwicklung vollzog sich sehr schleppend, so daß das Rachmittagsprogramm, das die meisten Entscheidungen brachte, beinahe 3*/i Stunden in Anspruch nahm.

Oie Ergebnisse:

Herren Klasse L *

100 Meter: 1. Müller, DfB., 11,7: 2. Marx, VsL., 12,0: 3. Schickebanz 1900, 12,0. Müller blieb erwartungsgemäß überlegener Sieger.

400 Meter: 1. Depperling. 1900, 55,5 ; 2. Büttner, VfB., 55,6; 3. 3äger, DfB, 56,9. Dep­perling schlug Büttner in scharfem und schönem Endkampf nur knapp.

800 Meter: 1. 3äger. VfB., 2:16,1; 2. Bep- perling, 1900, 2:16.5; 3. Peters II.. 1900. 3äger errang einen eindrucksvollen Sieg.

5000 Meter: 1. Schaaf, 1900, 16:32,9; 2. Gerhardt, 1900, 16:34,5; 3. Hcnnmersfahr, VfB^ 19:7,0. Die beiden 1900er liehen ihre Gegner über eine Runde hinter sich

Diskuswerfen: 1. Kilo, VfL., 39,95 ; 2.Gu­gel, VfB., 39.62: 3. Koch, VfL., 35,72.

Georg, Richard Koch unb Georg Schilling ver­treten. Abzugeben waren je 30 Schuh (10 liegend, 10 kniend und 10 stehend freihändig). Resul­tat: Dockenheim 1380 Ringe Gießen 1409 Ringe. Somit wurde hier Gießen Gaumeister und hat im demnächst stattfindenden Dezirksschießen den Gau zu Derleibegen. Die Resultate des Schühenvereins Giehen e. V. finb als sehr gut zu bezeichnen.

Kurze Sporinoiizen.

Dor 22 000 Zuschauern spielte in Schalke Rot-Weiß Frankfurt gegen Schalke 04 unb verlor knapp 1:0 (1:0). Kuzorra schoß bas Tor.

Der Fußballsportverein Frank­furt konnte bie SpDg. Fürth im Frankfurter Stadion vor 4000 Zuschauern 4:1 (2:0) schlagen.

3n Aachen gewann Westdeutschland den Handballlamps gegen Süddeutschland vor 4000 Zuschauern mit 12:8 (5:4) Treffern.

242 Ruderer in 46 03o o ten haben für die am 14. 3uni ftattfinbenbe 9. Kasseler Ru­derregatta gemeldet.

Deim Eifelrennen auf dem Olürburgring siegte Dauhof er (München) auf DKW. bei den Solo-Motorrädern und Carraciola auf Mercedes/Denz vor v. Morgen (Bugatti) in der Wagenklasse.

Kugelstoßen: 1. Kilo, DsL., 13,60; 2. Mohl, VfB., 13,0; 3. Gugel, DfB. 12,50. Wohl mußte sich dem besseren Wetzlarer beugen.

Hammerwerfen: 1. Mohl, DfD, 29,45; 2. Dorsch DsL., 22,65; 3. Gugel, DfD., 21,35. Mohl war nicht zu schlagen.

Hochsprung: 1. Steines, DfD., 1,60; 2. Hopsenmüller, 1900, 1,55 ; 3. Krämer, 1900, 1,45. Steines sprang am Dormittag schon besser.

Stabhochsprung: 1. 3ung, 1900, 3,40; 2. Steines, DsD, 3,30; 3. Best. DfL^ 3,0. 3ung überrascht durch eine schöne Leistung.

4X10 0 Meter: 1. 1900, 46,8; 2. DsL., 47,3. 1900 holte unb hielt einen Dorsprung von etwa 6 Meter. (Guyot, Schwab, Geist, Schickebanz.)

4X1 50 0 Meter: 1. 1900, 18:51,6; 2. DfD., 19.0. Ein Kampf der ßolalrioalen. Die Soldaten (DfD.) vermochten sich nicht durchzusehen. Für den Sieger starteten Koch I., Günther, Gerhard und Schaaf.

Herren Klasse II.

200 Meter: 1. Marx, VfL., 24,0; 2. Zemdt, Wehl. Spv., 24,8, 3. Kröber, DfD., 26,5.

1500 Meter: 1. Reitz, DfD, 4.30; 2. He­berling, Wetzlarer Sportv.; 3. Günter, 1900. Reih lief bas Rennen in glänzenber Form.

Speerwerfen: 1. Müller, 1900, 44,10; 2. Dachmann, 1900, 43,98 ; 3. Drill, DsL., 41,04.

Herren Klasse III.

100 Meter: 1. Marx, DsL., 12,0; 2. Schicke­danz, 1900, 12,0; 3. Zemdt, Wehl. Spv., 12.5.

8 00 Meter: 1. Simon, DsD., 2:16,7; 2. Pe­ters II., 1900, 2:17,9; 3. Glagow. 1900, 2:19,0. Simon bestritt das Rennen in großer Form.

3000 Meter: 1. Abee, DfL., 10,9; 2. Kochi., 1900, 10:26,5 ; 3. Feld, 1900, 10:59,2.

Speerwerfen: 1. Koch, DfL., 50,33; 2. Hopfenmüller, 1900, 47,58 ; 3. Spaar, 1900, 44,06. Koch (DsL.) warf das erstemal über 50 Meter.

Leichtathletische Gauweltkämpse in Wetzl«.

Brandung desLetzens

Roman von Käte Lindner.

(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunfchweig.)

7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Der Franzose nahm Petrowitschs Hand. Er hatte ihm gleich nach ihrem Zusammentreffen hier den Dorschlag gemacht, sich gegenseitig beim Dor­namen zu nennen, so brauchte man am wenigsten Entdeckungen zu fürchten und besiegelte so die Freundschaft.

Paris ist aber der bessere Doden für Sie, Sascha. Eine gehobene Stellung würde sich dort leichter finden lassen, und...

Ungläubig schüttelte der Russe den Kopf.Ich habe nichts gelernt, Raoul, womit sich eine einigermaßen bemerkenswerte Stellung erringen ließe. Ich war Offizier... ein wenig Sprach en- fenntniffe besitze ich noch, das ist alles. Hätte bas Esplanade-Hotel nicht gerade einen Eintänzer gesucht unb ich nicht Glück gehabt, diese beneidens­werte Position zu erlangen, ich würbe niemals so viel Gelb gehabt haben, später von Paris fort« zukommen. So nahm bort meine glorreiche Lauf­bahn ihren Anfang."

Kein -übler Handstreich, den einstmals gesuch­testen und mit kaiserlicher Huld beglückten Dor- tänzer der prunkvollen Hoffeste am Zarenhof als Eintänzer zu engagieren. Sascha, ich sehe Sie noch im Glanz Ihrer kaum 25 Jahre als Oberleutnant im ehemaligen Garde-Regiment Seiner Majestät des verewigten Zaren von Rußland. Jung, reich, schön waren Sie und Tatiana Iwanowna an Ihrer Seite die beneidenswerteste Frau Peters­burgs. Aber kommen Sie, wir wollen nicht wie­der die alten Schatten heraufbeschwören. Sie sind frei bis nachmittag, so wollen wir doch den schönen Tag nützen und einmal hinaufsteigen nach der Besitzung D'Annuzios. Ein wahres Zauber­schloß an Kunstwerten und Ausgrabungen soll es sein. Unb was das allerschönste ist, Italien ehrt seine Dichter und Denker auf die schönste Weise: Diese Besitzung auf der Höhe von Gardone gehörte einst einem deutschen Gelehrten. Als bet Krieg zu Deutschlands Ungunsten sich wendete, enteignete der italienische Staat den Besitzer unb machte mit bem Besitztum bes Deutschen D'An- nunzio ein wahrhaft königliches Geschenk. Diese Villa ist nun ber Anziehungspunkt vieler Frem- bcr hier, aber sie liegt vergraben unb bewacht wie ein Domröschenschloh inmitten einer grünen Wildnis. Und den jetzigen Besitzer habe ich noch nicht zu Gesicht bekommen, soviel Mühe ich mir gegeben habe.

Sie stiegen die Anhöhe hinan. Zu ihren Füßen breitete sich der blaue Spiegel des Sees aus, über

Zäune und Mauern hingen in üppiger Pracht die leuchtenden Blüten des Südens. Düfteschwer war die Luft, unb die Sonne brannte heiß vom Himmel herunter.

Eigentlich eine Kateribee von Ihnen, Raoul, jetzt um die Mittagszeit diesen Weg zu machen. Eine Bootsfahrt nach Limone oder Malcesine hinüber wäre entschieden angenehmer gewesen", sagte Petrowitsch unb wischte sich den Schweiß von ber Stirn.Hoffentlich entschäbigt uns bie Aussicht von da droben für unsere Mühe, die wir uns machen."

Rachdem sie bie Parkanlagen in weitem Dogen umgangen hatten, öffnete sich ihnen ein Blick in ben Hof des Besitztums. Ein Brunnen rauschte drinnen, eine junge Magd ging mit einem Korb an ihnen vorüber, schüttelte verneinend das Haupt, als Sevigne fragte, ob Besichtigung der Kunst- schähe gestattet sei.

konnten wir unS denken, aber bie Aussicht von hier oben soll uns entschäbigen für alles, was nicht zu sehen ist. Schade überhaupt, der frühere Besitzer war niemals abweisend solchen gegenüber, die Interesse an der Wissenschaft hat­ten. Er führte mich selbst einmal hier droben durch alle Räume, war übrigens ein Schwieger­sohn Frau Cosima Wagners, sie war des öfteren Gast in diesem Hause."

Im Schatten der Bäume gingen sie zurück bis an einen Abhang, der mit Buschwerk bewach­sen war. Petrowitsch lieh sich ins Gras fallen unb zog den anderen an der Hand zu sich.

Kommen Sie, Raoul, lassen Sie uns hier ein wenig rasten. Don einer anderen Stelle könnte der Blick auf den See nicht schöner sein. Ich bin müde. Dieses Besitztum hier droben erinnert mich an ein kleines Jagdschloß in den Karpathen, Ta­tiana hatte es mit in die Ehe gebracht als Erb­teil eines Oheims. Wir waren im Sommer und Herbst oft dort, verbrachten sogar einen Teil un­serer Flitterwochen in der Einsamkeit, bie das Schlößchen umgab, als wir von Paris zurückkamen. Wie eine gute Fee des Glückes schwebte Tatiana durch die düsteren Räume, so jung unb so her­zensgütig, unb ich war der glücklichste Mann im heiligen russischen Reich. Wir gingen zusammen auf bie Jagd, wir spielten Verstecken in dem ver­wilderten Park von Sanssouci, wie Tatiana Iwa­nowna, die eine Verehrerin des Großen Fried­rich war, in einer übermütigen Laune das Schlößchen getauft hatte. Unb bann abends, wenn die Sterne herauszogen über ben unermeßlichen Wäldern, wenn Raubvögel schrien und drunten im verwilderten Park das Leben der Rächt er­wachte, dann holte Tatiana die Laute und fang mit ihrer süßen Stimme alle die sehnsüchtigen Lie­der, die voller Schwermut erzählen von Rußlands Glanz und Ehren, von Liebe und treuem Zusam­menstehen. Sie wissen ja, Raoul, wie unendlich

schwermütig die Seele des Volkes aus seinen Lie­dern zu uns spricht. Unb Tatiana Iwanowna wußte so viele, unb gerabe die traurigsten fünften ihr bie schönsten Lieber zu sein. Oder ahnte sie damals schon unser trauriges Geschick? Wußte, daß die Tage unseres Glückes gezählt waren? Oftmals konnte mgine kleine Tatiana, wenn sie fang, in haltloser Schwermut versinken. Dann weinte sie unb hing an meinem Halse unb konnte nicht sagen, was der Grund ihrer Traurigkeit! fei. Alles Zureden half bann nicht, erst wenn die Sonne wieder am Himmel stand, war ihre alte Fröhlichkeit wieder da, und sie schalt sich selbst ihrer Schwermut, küßte mich und sagte oft: Mein Saschenka, unsere Liebe ist doch so tief und unvergänglich, wie es die alten Lieder melden, die ich gelernt habe von Lisanka unb von benen, die sie auf ber Gaffe fangen. Denn das find doch die schönsten, Saschenka, sie reden von so viel treuer Liebe, die bestehen bleibt über Rot und Tod hin­aus." Ganz gewiß, es gibt Ahnungen, Raoul, und in Tatiana waren sie, beschatteten ihr junges Leben, und ich verstand sie nicht. Wer mag leben jetzt in Sanssouci? Und in unseren Palästen auf bem Rewski-Prospekt unb in ber Krim unb wo überall unsere Besitzungen verstreut waren? Wem mag sie die neue Regierunggeschenkt" haben für treue Dienste in Henkersarbeit unb Vernich­tung aller Herrlichkeit des heiligen russischen Rei­ches? Wer... wer sitzt jetzt in Tatianas Zim­mern? Immer rochen sie nach Rosen, Raoul, sie mochte nie eines bet Mobeparfüme leiden, es war eine Laune von ihr. Und keiner hat ihr auch nur einen Rosenstrauch auf ihr frühes Grab ge­pflanzt, niemals werde ich es wieder finden."

Aber nun hören Sie auf, teuerer Freund. Ihre Melancholie wirkt ansteckend, und ich habe Sie nicht hier heraufgeführt, damit Sie wieder in Traurigkeit versinken. So viele Jahre sind hin­gegangen nach all' diesem traurigen Erleben unb doch steht alles greifbar deutlich immer wieder vor Ihnen unb läßt sich nicht verscheuchen. Was soll daraus toerben, Sascha? So viele mußten es lernen, sich umzustellen unb zu vergessen.... Ver­gessen. Rehmen Sie doch QScrnunft an. Sie machen sich krank mit all diesen Reflexionen und fie_ nützen Ihnen doch nicht. Im Gegenteil... Rühen Sie doch die Chance, die Ihre Persönlich­keit Ihnen an die Hand gibt... Sie erregen über­all Interesse, wohin Sie kommen, besonders bei den Frauen, toll finb doch auch hier einfluß­reiche Damen hinter Ihnen her. Ausnühen, aus- nühen, Sascha. Sich Verbindungen schaffen, die Ihnen weiterhelfen können. Ober... Meinen Sie nicht, daß Miß Galvestones Interesse für Sie eine Chance bedeutet? Sie zeichnet Sie in ganz auffallender Weise aus, nicht nur beim Tanz. Ich wette, sie würde Ihnen ohne alle Umstände Herz und Hand selbst antragen, wüßte sie, wer Kyrill Petrowitsch in Wirklichkeit ist. Warten wir

Kugelstoßen: 1. Lipp, 1900, 11,82 ; 2. Franz, VfL., 11,57; 3. Steines, DsD, 11.50.

Hochsprung: 1. Steines, VfB., 1,70; 2. Jung, 1900, 1.55 : 3. Kilo, VfL., 1.55. StcineS lieft seine Gegner weit hinter sich.

Weitsprung: 1. Jung. 1900. 6,12 ; 2.

Kilo, VfL., 6.06; 3. Müller, DsD., 5,85

4X10 0 Meter: 1. VfL.. 47,2; 2. 1900. 48,3; 3. VfB., 48,9. Die Wetzlarer erwiesen sich als die weitaus Bester en.

3 X 1000 Meter: 1. 1900, 9:2,4; 2. DfD.. 9:4.8: 3. Wetzlarer Sportv. Für 1900 starteten Peters II., Glagow und ßinfemann.

Jcauen.

50 Meter: 1. Daudt, DfL., 7,7; 2. Weiers­häuser, 1900, 7,8 ; 3. Holstein, 1900, 7,8.

100 Meter: 1. Drews. 1900, 14,9; 2. Knorz. DfL., 15.0; 3. Kuhn, DfL., 15,0.

800 Meter: 1. Pfaff, DfL., 2:52,7; 2. Richt­berg II., 1900, 2:55,8 ; 3. Hublih 1900. 2:56,4. Fräulein Pfaff, die Favoritin, war nicht zu schla­gen, Fräulein Richtberg hielt sich tapfer.

Diskus: 1. Abee, VfL.. 28.30 ; 2. DrewS. 1900, 26,14; 3. Luh, VfB, 24.70.

Kugelstoßen: 1. Kuhn. VfL., 9,25; 2. Drews, 1900, 9.08 ; 3. Ab6e, VfL.

Speerwerfen: 1. Holstein, 1900, 22,50; 2. Luh, VfB, 17,75; 3. Derzbach, 1900. 16,15. Eine prächtige Leistung von Fräulein Holstein.

Hochsprung. 1. Aböe. VfL., 1.35; 2. Luh. VfB.. 1,25; 3. F. Fischer. VfB 1.25.

Weitsprung: 1. Kuhn, VfL., 4.70; 2. G. Schmidt, VfB, 4,15; 3. F. Fischer. VfD., 4,15.

8X5 0 Meter: 1. 1900. 59,0; 2. VfB.. 59.8; 3. VfL., 60,4. Ein spannendes Rennen, das die Blauweihen durch exakte Stabübergabe gewannen. Die Damen: Weyershäuser I.. Braun. Ockel, Richtberg II., Guth, Diehl, Weyershäuser II. und Volk.

4x1 0 0 Meter: 1. DsL., 57.6; 2. 1900, 58.0; 3. VfB.

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

* Heuch elheim, 8. Juni. Am gestrigen Sonntag fand unter der Führung von Direktor! Dr. Lehr. Lich und Bürgermeister Rinn, Heu­chelheim, ein FeldbesichtigungSgang statt, zu dem sich viele Teilnehmer eingefunden hatten. In kritischen Betrachtungen der Hack­früchte, des Getreidebestandrs unb der Wiesen wurde den Teilnehmern manches Reue vermittelt. Im Anschluß an ben Desichtigungsgang fand im GasthausZum Treppchen" eine lebhafte Aus­sprache statt.

O Holzheim. 9.Juni. Bei der am Sonntag hier durchgeführten Bürgermei st erwähl ent­fielen bei äußerst starker Beteiligung (von etwa 800 Wahlberechtigten stimmten 729 ab) auf Untererheber. Kirchen, unb Genossenschastsrechner Heinrich B u ß I. 463, auf den seitherigen Beigeordneten Landwirt Heinrich Grieb \. 262 Stimmen. Vier Wahlzettel waren ungültig. Somit wurde Buß wiedergewählt. Die Wahl verlies sehr ruhig. Am Abend wurde dann, als das Ergebnis bekannt wurde, ein Fackelzug ver­anstaltet, ber GesangvereinHarmonie" brachte dem neugewähllen Bürgermeister ein Ständchen die Turner zeigten einige Darbietungen. Der Bürger­meister hielt eine kurze Ansprache.

s. Utphe. 8.Juni. Dieser Tage feierte eine unserer ältesten Einwohnerinnen, die LandwirtS- witwe Marie Sack, ihren 83. Geburts­tag. Die Greisin erfreut sich noch einer seltenen körperlichen Rüstigkeit unb geistigen Frische.

s. Aus der nördlichen Wetterau, 8. Juni. Wenn auch die letzten Regenfälle nicht

noch ein Weilchen... und sie trägt sich selbst auch Kyrill Petrowitsch an. Wer weiß im Dollarlande. daß er je Eintänzer war unb Hotelangestellter im Savoyhotel? Natürlich würde aber Graf Ale­xander Semjonow ihr lieber sein. Miß Galve» stone ist nicht häßlich, ihr Vater besaß drüben große Eisenwerke unb ungezählte Millionen. Men- schenskind... und Sie nützen diese Ehance nicht aus? Das versteh' ein anderer, ich mit meinem bißchen Geist verstehe das nicht."

Ich könnte es nicht", sagte der Russe leise und stand auf.Vergessen Sie doch nicht, Raoul, daß meine Seele tot ist, begraben liegt drüben in Rußland unb daß bas, was übrig geblieben ist von Alexanber Semjonow, nie mehr ben Mut zu einem neuen Aufschwung finden würde. Mich ekelt dieses Interesse, bas man an meiner Per­son nimmt, an, auch die sogenannte Liebe, die man mir entgegenbringt. Unfähig bin ich ge­worben, sie in irgendeinem Falle zu erwiderns und..."

»Ach, wer redet denn von Liebe, Sascha..." Der andere schob seinen Arm in den seinen und drückte ihn leise.Als ob Liebe immer nötig dazu wäre, gegenseitig zu fein, wenn sie nur auf einer Seite vorhanden ist, bann ist es gut. Eine bequeme Leiter ist es, um zur Höhe zu gelan­gen unb in vielen Fällen wirb sie auch bazu be­nützt. Sascha, Liebe... Sie toerben mir nun ein langes unb breites wieder vorreden, baß mit Tatiana Iwanowna alle Liebessähigkeit Ihrerseits begraben wurde, unb ich verlange ja auch gar nicht von Ihnen, baß es anders ist. Rur ein wenig diplomatisch sollten Sie sein und dem Le­ben wieder ins Gesicht sehen,"

Petrowitsch schwieg und machte wieder sein leid- volles, verschlossenes Gesicht. Da wußte Sevigne, daß er dieses Thema, wenigstens vorläufig, nicht wieder berühren durfte. So fing er an, von Be­langlosem zu reden, während sie weiter schlen­derten.

Als die Sonne tiefer stand, stiegen sie wieder hinunter in die Gassen Gardones, die vom Quai abzweigend in die Stadt hinein liefen.

Hier wogten andere Menschen durcheinander als in den eleganten Straften. In ihrer bunten, male­rischen Mannigfaltigkeit hockten die Bewohner eifrig schwatzend und gestikulierend von ihren Türen, schwarzäugige Kinder liefen durcheinan­der, Fischer brachten ihre schwerbeladenen Rehe zum Händler, Obstverkäuferinnen trugen die leeren Körbe nach Haus.

Ich habe Durst", sagte Sevigne unb blieb vor ber kattunverhangenen Tür einer Osteria stehen. Kommen Sie, wir haben wohl noch ein wenig Zeit, ehe Ihr Tagewerk beginnt, Sascha."

(Fortsetzung folgt.)