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Nr. 108 Zweiter Blatt
Gespräche vor Genf.
Äußrnpolitische Umschau.
Don Or. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin.
Mit großem Geschick haben der französische Ministerpräsident und der französische Außenminister die Situation vorbereitet, die sie innen- und außenpolitisch haben wollten. Laval wollte mit dem Satze: „Solange es in der Welt Millionen von Menschen ohne Arbeit und in Elend gäbe, bleibe der Frieden unsicher und die alte Zivilisation allen Gefahren ausgesetzt, Frankreichs Bereitwilligkeit an den internationalen Bemühungen zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise mitzuarbeiten, nachdrücklich unterstreichen. Damit setzte er zugleich das französische Aktionsprogramm in das rechte Licht, und gab denn, was für uns an der Bede das wichtigste ist, den stärksten (Nachdruck: d i e glatte Ablehnung des deutsch-österreichischen Dorstoßes auf eine Zollunion. Die Gegner Driands haben gehofft, aus diesem deutsch-österreichischen Borstoß Driand selbst einen Strick drehen zu können. Die Sache ist umgekehrt gelaufen. Mit dem großen parlaments-taktischen Geschick, das Driand auszeichnet, hat er dieses Manöver vereitelt. Er hat die Kammer zur außenpolitischen Debatte, zur offenen Stellungnahme gezwungen, und sein Erfolg dabei ist zugleich die gute Dorbereitung für die Präsidentenwahl am 13. Mai, für die er sich ganz offenbar als Kandidat stellen will.
Was nun später auch komme, ob Driand, wenn er Präsident der Republik ist, europäische Friedenspolitik macht oder nicht, darüber Erwägungen anzustellen, hat jetzt keinen Sinn. Denn ohne Zweifel wird er, auch wenn er nicht bei der Genfer Ratstagung im Mai anwesend ist, jetzt seinen Einfluß und feine Fähigkeiten gegen das deutsch-österreichische Projekt einsehen. Darüber soll man sich gar leinen Täuschungen hingeben! Frankreich, sein jetziger und sein künftiger Staatspräsident, sein jetziger und sein künftiger Ministerpräsident, sein jetziger und sein künftiger Außenminister — sie werden das Aeu- ßerste tun, um durch ein französisch bestimmtes Europa-Projekt den deutsch-österreichischen Dorstoß zu ersticken. Das ist im Augenblick das Allerwichtigste für uns und die Schwierigkeiten, die infolgedessen in der nächsten Woche vor dem deutschen Vertreter in Genf stehen werden, sind außerordentlich groß. Ob der Boden mit allen Mitteln, die zur Verfügung standen, wohl vorbereitet ist — wir wissen es nicht, aber wir hoffen es. Denn — es muß noch einmal wiederholt werden — man gebe sich keiner Täuschung darüber hin: die Position von Dr. Cur- tius in Genf wird ganz außerordentlich schwierig fein!
Die Flottengespräche zwischen Frankreich, Italien und England sind mindestens ins Stocken geraten. Fest steht, daß das Flotten- kompromih, das schon fertig zu fein schien, vor der Genfer Tagung nicht gesichert ist. Auch dafür ist natürlich der Ausgang der französischen Präsidentschaftswahl am 13. Mai wichtig. Aber die Hauptsache ist es nicht. Wichtiger ist, daß der italienische und der französische Standpunkt sich eben nicht haben vereinigen lassen. 3m Verlauf der Gespräche ist der Standpunkt Frankreichs wieder härter geworden, das Ganze immer mehr wieder in die Sphäre der rein politischen und nicht der technisch-maritimen Gespräche gerückt worden. Diese Lage, also diese Aichtverständi- gung der drei größten europäischen Seemächte wird daher auch ihre Schatten auf die Etel-
Werkspionage.
Von Friedrich Arenhövcl.
Eine von denen, die kürzlich beim Werkspionage- iienft für eine auswärtige Wirtschaftsmachi verhaftet wurden, ist Juliane Weber. Sie ist 26 Jahre alt. Es wird für sie von großer Bedeutung sein, wie das Gericht ihre Liebeshörigkeit zu ihrem Verlobten, Konrad Henke, als strafmildernd betrachten wird.
Der lange vorbereitete Anschlag auf die Geheimnisse eines der größten Werke Deutschlands geschah folgendermaßen: Um 13 Uhr reißt Professor Becker feine Tür auf, um zum Essen zu gehen. Juliane Weber hat vor einer halben Stunde eine günstige Gelegenheit benutzt, um das Schlüsselbund Beckers unbemerkt auf den Teppich fallen zu lassen, und es mit der Fußspitze unter den Schreibtisch des Chefs zu schieben. Nun, da der Professor mit feinen kurzen, energischen Schritten an ihr vorüberstampft, ohne den Vertust der Schlüssel bemerkt zu haben, empfindet Juliane Weber einen angstvollen Triumph. Als die Tür hinter ihm zuschnappt, finken die schwellenden Blutströme, die ihr Gesicht gerötet haben, jäh zurück. Gleich darauf verläßt auch die Stenotypistin Hedwig Soltau den Raum, um in die Kantine zu gehen.
Nun ist Juliane Weber allein. Die Stunde, auf die sie feit sechs Monaten Tag für Tag in angstvoller Spannung gewartet hat, ist gekommen. Eine Weile lauscht sie noch den Schritten der Angestellten der anderen Abteilungen, die über den Flur wandern. Dann ist es ganz still. Nur in ihrer Brust dröhnt das Herz in schweren Schlägen, und in ihren Ohren schwingt ein hohes Singen des Blutdruckes. Wieder überströmt sie eine glühende Welle. Jetzt ist <5 Scham, die sie plötzlich überfällt. Schon das ist <ine Schande, das unbedingte Vertrauen des Professors zu mißbrauchen. — Aber das find Dinge, um die Herz und Hirn tausend Schlachten geschlagen, um die Ehre und Liebe gekämpft haben, bis nichts als ein Trümmerfeld blieb. — Ein Frösteln überlauft Juliane Weber. Die Gurtbänder auf den Achseln schnüren sich ins Fleisch. Der Photoapparat preßt hart gegen ihre Brust. Es ist, als ob sie Konrad Henkes drängende Hände an den Gelenken spürt, seine erregte Stimme in dem Klingen ihrer Ohren vernimmt. Willenlos und doch von einem fremden, unheimlichen Willen getrieben, steht sie von ihrem Tische auf. In letzter, vergeblicher Abwehr umkrampfen die Finger die verborgene, winzige Lichtmaschine und pressen sie gegen den hohl pochen- den Herzschlag. Aber ihre Füße schleichen schon zur Kanzleitür, ihre Finger schließen bebend ab. Sie hastet in Beckers Zimmer und holt die Schlüssel unter dem Schreibtisch hervor.
*
Dr. Köster hat eine statistische Abteilung. Der Zutritt ist jedermann streng verboten. An der Wand,
Samstag, 9. Mai 1931
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
lungncchrne werfen, in der die einzelnen btm ihnen dem deutsch-österreichischen Plan in Genf gegenüberstehen.
Der 6. Kongreß der 3ntern a tionalen Handelskammer, der am 4. Mai in Washington begann, an sich schon eine bedeutungsvolle Veranstaltung, ist durch eine überraschende Rede Hoovers zu einer wichtigen Kundgebung geworden. Man berechnete, daß Hoover neunhundert Worte gesprochen habe, von denen er hundert der Handelskammer widmete, und alle übrigen nicht der Wirtschaftskrise, nicht der internationalen Verschuldung, sondern der — Abrüstung: zum Wiederaufbau der Welt sei Vertrauen nötig, dieses könne aber nur durch Begrenzung und Herabsetzung der Rüstungen erreicht werden. Dem folgte eine statistische Berechnung der Rüstungsausgaben in der Welt: 70 Prozent mehr als vor dem Weltkrieg, 5,5 Millionen Mann unter Waffen, 20 Millionen in Reserve, obwohl zwölf 3ahre seit dem Waffenstillstände vergangen sind, obwohl alle Länder durch Llnterschrift unter den K^lloggpakt feierlich auf den Krieg verzichtet hätten! Wie könne die Weltwirtschaft sich da erholen, Vertrauen in Handel und Verkehr und in die Sicherheit von Kapitalsanlagen zurückkehren? Diese Rüstungen seien eine un - geheureVerschwendung. Richts sei wichtiger, als daß die Genfer Abrüstungskonferenz Erfolg habe.
Das ist ein Vorstoß von großer Bedeutung! Roch nie hat der amerikanische Präsident so scharf und so autoritativ zur Abrüstungsfrage gesprochen. Kein Wort darin — soweit wir gesehen haben —. direkt oder indirekt, über Kriegsschulden und Reparation. Man muß dazu schon die Aeußerungen des Präsidenten dieser Tagung, Silas ©traten, heranziehen.
Run ist ja fein Zweifel, daß sich Hoover über den Zusammenhang von Kriegsschulden und Abrüstung klar ist und daß er mit einer Revision der Schuldenzahlungen einverstanden ist, unter der Voraussetzung, daß Europa in der Abrüstungsfrage wirkliche Fortschritte macht. Daß er das nicht ausspricht, ist ohne weiteres verständlich. Die scharfe Stellungnahme auf die Abrüstungsfrage hin mit ihrer Spitze gegen Frankreich ist gerade jetzt sehr zu begrüßen. Wir bleiben auch dabei, daß schon die innere Logik des Zusammenhangs zwischen Abrüstung und Kriegsschulden dazu zwingt, auf diesem Wege weiter zu gehen. Aber die Haltung Hoovers, seit er Präsident geworden ist, mindert die Bedeutung einer solchen Rede doch sehr. Was steckt an Willen dahinter, diese Angelegenheit wirklich vorwärts zu bringe^? Die Ermahnung, der Appell an die Vernunft, alles das nützt nichts, wenn nicht zugleich auch die gewaltige politische und finanzielle Machtstellung der Vereinigten Staaten dafür eingesetzt wird. Davon aber haben wir in all den kostbaren Monaten, die nun schon nutzlos verstrichen sind, nichts oder zu wenig gemerkt. Von selber wird Frankreich seinen Äbrüstungsstandpunkt nicht verändern und mildern. Entschließen sich die Vereinigten Staaten im Laufe dieses Jahres nicht zu einer wirklich aktiven Politik, die festen Willen erkennen läßt, so wird man schon heute sagen können, daß die Abrüstungskonferenz scheitern muß. Was aber danach wird, weiß kein Mensch!
Die Washingtoner Tagung erörtert die nun bis zum Llcbcrdruß behandelten einzelnen Fragen der Weltwirtschaftskrise. Eine solche Diskussion ist ja lehrreich, aber akademisch und ohne praktischen Ruhen, wenn s ie die konkreten Fragen vermeidet und sich nur in Llntersuchungen über Gründe der Ksrise, der
gegenüber feinem Tisch, sind Schalter, Lämpchen, Glasröhren, in denen geheimnisvolle Lichtscheine wandern. Sie dienen der Werkkontrolle.
Dr. Köster zieht mit Lineal und Tusche eine hochstrebende, grüne Kurve auf Millimeterpapier, als er plötzlich ein Summen vernimmt. Er blickt auf. Dort glüht eine kleine blaue Birne. Er sieht auf das Chronometer an der Wand und trägt in die Rubriken einer Liste ein: Tresor Forschung, Tür 1, 13 Uhr WVi geöffnet. — Dann steht er auf, geht an die Schalttafel und dreht an einem Rad. Sein Blick verfolgt aufmerksam den tanzenden Zeiger des Strommessers. Langsam schaltet er weiter. 2?r Zeiger erreicht die Rotmarke. Dr. Köster geht an feinen Zeichentisch zurück.
Juliane Weber hat die Tür 1 des Tresors Forschung aufgeschlossen. Sie hastet auf den Zehenspitzen durch einen schmalen, langen Gang mit blanken Metallwänden. Jetzt steht sie schweratmend vor der Haupttresortür. Sie zieht dünnseidene Handschuhe über die bebenden Hände. Ihre Finger beginnen, an den Rosetten zu tasten. Es ist, als ob die Mühen der vergangenen Monate vergebens gewesen sein sollen. Sie setzt die Finger an und weiß sie nicht zu gebrauchen. Oft genug hat sie Professor Becker bei dieser Tätigkeit zugesehen, seine Bewegungen nach- geahmt, sie zu Hause unter Konrad Henkes Augen geprobt, immer und immer wieder. Nach weiteren Beobachtungen hat sie dann ihre Fehler ausgemerzt, wieder geübt und wieder geprüft, bis endlich jeder ihrer heimlichen Griffe hinter Beckers Rücken mit denen feiner Finger genau übereinstimmte. In Fleisch und Blut, in Schlaf und Traum sind ihr diese Funktionen übergegangen. — Und nun? Ihre Finger irren um die Rosetten und finden den eingedrillten Reigen nicht mehr.
Dr. Köster blickt zu dem blauen Licht hinüber. Er zieht die Augenbrauen hoch und murmelt vor sich hin: „Nanu! Was macht Becker denn so lange?" — Er zeichnet weiter. Da endlich summt es wieder. Licht neben Licht erglimmt. Schlüssel 1, Schlüssel 2 des Haupttresors sind in Funktion getreten, der Motor der schweren Tür springt an, das große Hebelwerk zieht seine Riegel zurück, die Panzertür öffnet sich. — Er notiert gewissenhaft: Tresor Forschung, Haupttür, 13 Uhr 16 geöffnet.
Juliane Weber packt das schwere Buch aus nie» rostendem Nickelstahl. Dieses Dokument zu stehlen und unbemerkt am Pförtner vorbeizubringen, wäre unmöglich. Sie muß cs seines Gewichtes wegen fest gegen ihren Leib pressen. Taumelnd durchläuft sie den (Bang. Ihre Knie drohen zu versagen. Vor dem Rauchtisch im Chefzimmer bricht sie nieder. Dieser Tisch ist niedrig, und er sicht dicht am belichtenden Fenster. Sie stellt das Buch hochkant auf die Messingplatte, nestelt ihr Kleid auf, öffnet ein paar
Kaufkrafttheorie und dergleichen mehr ergeht. Davon hat Europa wahrhaftig genug gehört. Es ist auch gleichgültig, ob die Theoretiker sich darüber einigen, was sie wahrscheinlich nicht tun werden. Selbst auf dieser Konferenz, die früher immer den Begriff der Wirtschaftsfreihett stark unterstrich, drängt ja jetzt unter dem Druck der Krise d i e 3 dee der internationalen Planwirts cha ft und Regelung der Produktion in den Vordergrund. Dann muß man aber auch sowohl die Verteilung des Goldes — womit man sofort wieder bei den Kriegsschulden ankommt — und das russische Dumping besprechen, also die konkreten Fragen anfassen. Mit allgemeinen Entschließungen ist nichts mehr getan.
Das gleiche sagen wir auch zu den an sich sehr richtigen, klugen und zurückhaltenden Reden des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther. Er hebt mit Recht die wirtschaftliche Llnsinnig- Feit der heutigen Goldverteilung hervor. Er läßt erkennen, daß eine Revision unbedingt notwendig ist. Die Reichsregierung steht selbstverständlich auch auf dem Standpunkt, aber auch dafür gilt: das ist nun nicht mehr genug I
Es müssen jetzt Entschlüsse gefaßt werden oder schon gefaßt sein! Man muh nicht nur wissen, wie man ein Revisionsprogramm, dessen Notwendigkeit sich immer dringender aufdrängt, ausführen will, sondern das Kabinett Brüning muß das auch erkennen lassen, weil die Wogen immer höher steigen. Auch auf die Gefahr hin, eintönig zu werden, wiederholen wir immer wieder: es reicht nicht aus, den Katalog deutscher Forderungen mit treffenden Begründungen immer wieder zu vertreten. Man muß erkennen, welche von diesen Forderungen die Reichsregierung als die dringendste ansieht, weil eÄ schlechterdings unmöglich ist, sie alle zusammen zu vertreten. Man muh ertfennen, was sie dafür praktisch vor hat. wie sie sich dabei zum Beispiel auch das Verhältnis und die Aussprache mit Frankreich, um die ja gar nicht herumzukommen ist, denkt. 3n der Weltwirtschaftskrise und in der Weltschuldenfrage ist und bleibt nun einmal Deutschland das Zentrum, insofern es die Schuhmauer Europas gegen den Bolschewismus ist, und bleibt auch insofern das Zentrum, als ja seine Reparationsbelastung ilrgrunb und Aus - gang der W e l t f i n a n z nv t heute ist.
Elsaß-Loihringen am Jahrestag des Frankfurter Friedens.
Ein Elsässer zum 10. Mai 1931.
Der Frankfurter Friede vorn 10. Mai 1871 kann als die völkerrechtliche Liebergabe des späteren „Reichslandes Elsaß-Lothrin- g e n" an Deutschland gewertet werden, wenngleich bereits durch den Dorfrieden vorn 26. Februar das Schicksal des Landes entschieden war. Erst 60 3ahre besteht diese Einheit Elsah- Lothringen, deren Lebensrecht von französischer Seite so sehr bestritten ist, weil man es als künstliche Verbindung zweier verschiedenartiger Gebiete und Bevölkerungen ansieht — und doch hat sich gerade feit dem zweiten politischen Wandel, seit der Rückkehr Elsah-Lothringens zu Frankreich, gezeigt, wie stark in wenigen 3ahrzehnten die künstlich geschaffene Schicksalsgemeinschaft geworden ist.
Das „Llnrecht von 1871", der „Protest von Bordeaux" und die Wiederholung des elsaß- lothringischen Protests 1874 im Deutschen Reichstag werden von selten Frankreichs auch heute noch ausgespielt. Die Geschichte ist aber unaufhaltsam weitergeschritten; sie hat dazu geführt, daß aus dein negativen, ablehnenden Verhalten der „Annektierten" gegenüber Deutschland ein immer entschiedeneres Eingewöhnen, Anpassen und in wachsendem Maße auch Bejahen wurde. Wesentlicher aber vom elsässischen Standpunkt aus ist für die heutige Zeit geworden, daß nach 1871 durch die Wiedervereinigung mit den übrigen deutschen Stämmen das Eigenbewuht- sein sich entfaltete, verschüttete Quellen des Volkstums neu erschlossen wurden und die Erinnerung an die eigene deutsche Vergangenheit neu belebt worden ist.
Der deutsch-französische Krieg 1870/71 gab der deutschen Ration die Möglichkeit, endlich die in Zeiten der Ohnmacht des alten Reiches verlorenen linksrheinischen Oebiete wiederzugewinnen. Was nach der französischen Revolution und nach den Freiheitskriegen nicht zu verwirklichen gewesen war, jetzt lag es in greifbare Rühe gerückt. Das Sehnen im deutschen
Volke, Elsaß und Lothringen aus der welschen Umflammerung zu lösen, fand freilich nur noch geringen Widerhall bei den „verlorenen Brüdern", die ja die ganze neue Entwicklung in Deutschland seit der Abschüttelung des napoleonischen 3oches nicht mitgemacht hatten, ihr mehr oder minder verständnislos gegenüber* standen. Die Rückkehr Elsah-Lothringens zur deutschen Gesamtnation litt während der ganzen Reichsland-Epoche unter dieser tragischen Verschiedenheit der jüngsten Vergangenheit.
3n hohem Maße entscheidend für die Rückforderung der alten deutschen Provinzen war freilich d i e militärische, überaus politische ileberlegung, daß von einem französischen Elsaß her Süddeutschland sich beständig hätte bedroht fühlen müssen. Die Zurückdrängung der stets angriff Klüftigen unruhigen französischen Ration hinter die Vogesen erschien als ein dringendes Gebot der Sicherung. Psychologisch war es für elsässisches Empfinden jedoch verletzend, daß Bismarck einmal das neugewonnene Elsaß-Lothrin- gen als das Festungsglacis gegenüber Frankreich bezeichnete — wir verstehen die Berechtigung derartiger Auffassungen heute freilich besser und vermögen die kühlen Erwägungen des deutschen Staatsmannes gerechter zu beurteilen.
Auf französischer Seite konnte man nicht im Zweifel darüber fein, daß Deutschland nach dem Siege zwei Dinge fordern werde: Rückgabe des Elsckß und Deutschlothringens einerseits, Kriegsentschädigung anderseits. Thiers, der französische Derhandlungsführer, hat denn auch nur um die künftige Grenzführung und um die Höhe der Entschädigung gekämpft. Dor allem ging es ihm darum, im Süden des Elsaß die Festung Bel f ort, im Westen Metz zu retten. Als er durch Bismarck vor die Wahl zwischen beiden befestigten Plätzen gestellt wurde, entschied er sich für die Preisgabe von Metz.
Wir wissen aus den Memoiren des Elsässers Schneegans, eines der elsässischen Mitglieder
Druckknöpfe der Wäsche, und nun lugt die winzige Linse des Apparates hervor. Die erste Seite der Stahlfolien mit den eingeätzten Formeln und Zeichnungen ist aufgefchlagen. Sie drückt auf einen Knopf des mechanischen Uhrwerks vor ihrer Brust. Der Apparat beginnt zu surren. Er tickt und registriert schnappend die erste Aufnahme. Hastig schlägt sie um. In knapp zwei Minuten hat die kleine Linse die fünfzig Bildseiten der jahrzehntelangen Forschungsarbeit des Werkes gefressen.
*
Einen Augenblick später schreibt Dr. Köster in feine Liste: Tresor Forschung, Haupttür, 13 Uhr 23 geschlossen. Er geht hin, um den Strahlungsstrom auszuschalten, als der Prokurist Wilkens eintritt, um Köster zur Mittagspause abzulösen.
„Was ist denn da los?" fragt er.
„Becker war am Tresor."
„Becker," fragt Wilkens erstaunt.
„Herr Professor Dr. Becker."
„Aber Mensch, Doktor, — der sitzt doch seit gut einer Viertelstunde unten im Kasino!"
Dr. Koster springt die Treppe hinan. Auf dem Flur verlangsamt er seine Schritte. Einen Augenblick verharrt er an einem offenen Fenster. Das erregte Blut muß ruhiger werden. Er schiebt eine Hand in die Tasche, schlendert auf die Tür zu und öffnet sie ohne Hast.
Fräulein Weber und Fräulein Soltau stehen halb verborgen hinter einem Vorhang und brühen sich Kaffee auf.
„Mahlzeit!", sagt Koster, „ist Professor Becker drinnen?"
„Nein, Herr Professor ist im Kasino", antwortet Fräulein Soltau.
„Wissen Sie das bestimmt?" fragt Dr. Köster nebenhin.
„Ja. — Ich habe Herrn Professor eben noch unten gesehen."
Also war die schöne Juliane am Tresor?
„So", sagt er ruhig, „dann muß ich warten." — Er geht in das Chefzimmer, zieht die lür hinter sich zu, sucht nach den Schlüsseln Beckers und findet sie auf dem Teppich vor dem Schreibtisch. Er nimmt sie auf, überlegt eine Weile, öffnet dann plötzlich die Tür und ruft hart: „Fräulein Weber!"
Sie kommt hinter bem Vorhang hervor. — „Bitte, Herr Doktor?"
Nein, ihr ist nichts anzumerkcn. Sie kommt frei und offen, mit einem verbindlichen Lächeln auf ihn zu.
„Fräulein Weber, ich bin zur Tresvrkvntrolle gekommen. Das Warten erübrigt sich. Ick fand eben die Schlüssel. Herr Professor wird nicyts dagegen haben, wenn Sie ihn bei der Kontrolle vertreten. — Darf ich bitten?"
„(Bern", antwortet Juliane Weber.
Er schließt die erste Tür auf, und es liegt ihm auf der Zunge, ihr die erste Prüfung zuzuwerfen: ,3n
diesem Augenblick ist in der Werkkontrolle ein blaues Licht aufgeglüht, und Herr Wilkens notiert: Tür 1 um 13 Uhr 22 geöffnet." — Aber er besinnt sich eines Besseren. Er läßt Juliane Weber in den Gang mit den blanken Metallwänden vorantreten, folgt ihr auf dem Fuße, bleibt plötzlich stehen und ruft wütend: „Zum Teufel! Da bin ich in meine eigene Falle geraten!"
Juliane Weber fährt herum. — „Falle?" antwortet sie tonlos und blickt nach der offenen Tür.
Dr. Köster greift an seine Brieftasche und sagt: „Verzeihen Sic. Aber ich bin selbst erschrocken."
„Was ist denn?" fragt Juliane Weber unsicher.
„Gestern habe ich einen Film Bilder von meiner Frau und meinem Jungen aufgenommen, und diese Wände hier senden Strahlen, die jeden Film schwärzen, Fräulein Weber."
Er blickt ihr dabei mitten in die Augen, aber Fräulein Weber sagt ruhig: „Ja, das ist mir be- könnt. — Schade, Herr Doktor."
Photographiert hat sie also offenbar nicht, denkt Köster. — Nun wendet er sich der großen Tresortür zu. Er beugt sich vor und betrachtet lange und genau die Rosetten.
Julianes Herz pocht bis in die Schläfen, obwohl sie weiß, daß er keine Spuren ihrer Finger entdecken kann, denn sie hatte Handschuhe an. — Aber, wer kann wissen, was er sonst noch an den Rosetten oblesen will? —
Jetzt richtet er sich auf. Juliane ist es, als müsse sie sich gegen eine auf sie eindringende Springflut stemmen. Sie fühlt mit Entsetzen, daß ihr das Blut aus dem Gesicht weicht.
Dr. Käfter tritt einen Schritt näher an sie heran. Er hat ein kaltes Lächeln auf den schmalen Lippen. Seine Lider verengen sich zu schmalen Spalten, und endlich spricht er. mit verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln: „Sie haben, wie ich sehe, den Tresor um 13 Uhr 16 geöffnet und um 13 Uhr 23 geschlossen. — Was geschah in der Zwischenzeit?"
Juliane Weber vermag nicht zu antworten.
*
Eine Beauftrage der Werkleitung findet den Apparat auf Juliane Webers Brust.
Als Dr. Koster den Versuch macht, den Film zu entwickeln, stellt es sich heraus, daß er nicht verdorben ist. Aufgeregt meldet er dem Professor: „Die Kassette ist offenbar für Ihre Strahlen undurch- lässig. Herr Professor! — Mir scheint, die Komplicen der Weber haben da eine höchst bedeutende Erfindung gemacht! — Ob es nicht zweckmäßig ist, mit den Kerlen darüber zu verhandeln?"
.Nein mjün Lieber", gibt Professor Becker zurück. „Wer spioniert, stellt sich freiwillig unter Kriegsrecht. Diese Erfindung nehmen wir im Handstreich. Sie gehört dem Werk und seiner Belegschaft. — Haben Sie die Kriminalpolizei verständigt?"
„Ja, Herr Professor."


