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9.4.1931
 
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Donnerstag, 9. April 193}

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. 82 Zweites Blatt

Zweihundert Jahre Buderus'sche Eisenwerke, Wehlar.

Wie tetr unterm 30. März b. 3. bereite kurz berichteten, konnten die Buder uSschen Eisenwerke in Wetzlar am 14. Marz d. 3. auf ihr 200jähriaes Bestehen zurück» blicken. Der Geschäftsbericht, dessen allgemeinen Teil wir ebenfalls schon veröffentlichten, enthält aui diesem Anlab einen kurzen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung der Firma und einige aufschluhreiche Schaubilder über den Ver­lauf der Erzeugung und des Umsatzes in den letz­ten fünf Jahrzehnten Die Ausführungen des Verfassers in dem geschichtlichen Teil, der durch eine im Lause dieses Jahres erscheinende, aus breiter Grundlage angelegte Untersuchung über die hessen-nassauische Eisenindustrie, insbeson­dere der Buderus schen Eisenhütteii. ergänzt wird, geben Veranlassung, auf die Entwicklung einer der ältesten und größten Firmen des vbrrhessischen Wirtschaftsgebietes näher einzugehen.

Leit über einem halben 3ahrtauscnd sind die Buderus sehen Eisenwerke durch ihr Werk Hir­zenhain mit der ober hessischen Eisenindustrie auss ehgftc verbunden. Die industrielle Entwick­lung der nunmehr seit 200 3ahren bestehenden BudcruS schen Eisenwerke ist auSgegangen von der Friedrichshütte bei Laubach, die 3t>- hann Wilhelm Buderus mit dem Hessen­brücker- und Veorgen-Hammer am 14. März 1731 vom Grafen Friedrich zu Solms-Lau­bach pachtete. Der Besitz der Familie Buderus wurde im Laufe der nächsten 3ahrzrhnte erwei­tert durch Angliederung des Eisenhammers zu Schellenhauscn bei Grünberg in Oberhessen (1779) und der Audenschmiede im Weiltal (1793). Vach dem Tode des Gräslich-Solms-Laubachschen T-rg- ralS 3ohann Wilhelm Buderus, dem Vach- solger des ersten Pächters der Friedrichshütte, Gründeten dessen drei Löhne am 2. 3anuar 1807 ie Familiengewerkschaft (Svcietät) 3. W. Bu­derus Löhne mit dem Sitz auf Friedrichs- Hütte bei Laubach. Unter dieser Fi^ma wur­den neue Erweiterungen vorgenvmmen. Die So- cietät verfügte neben den übernommenen Hoch­ofenwerken über neu erworbene Betriebsstätten wie Eisen- und Drahthämmer, die das Voheisen zu Halbfabrikaten weiter verarbeiteten. Außer- dem besäst die Firma ausgedehnte Eisensteinberg­baugerechtsame in Vassau, Oberhessen und im Preise Wetzlar. Bei der Auseinandersetzung der Socictät, im 3ahre 1870 erfolgte, wurde das Gesamtvermögen mit nahezu 2 Millionen fl. fest­gesetzt. Vach Auflösung der Familien-Gewerk- schaft und Teilung des Familienbesihes grün­deten die beiden Brüder Bergrat Georg und Richard Buderus die offene Handelsgesell­schaft .Gebrüder Buderus" mit dem Sih zu Main-Wescr-Hütte bei Lollar. Die­ser Gesellschaft waren angeschlossen:

1 Eisensteingrubcn, hauptsächlich in den Berg- rev eren Wetzlar, Weilburg und Hessen-Darmstadt:

2. die Main-Wescr-Hütte zu Lollar:

3. Hirzenhainer-Hütte zu Hirzenhain:

4. Ehnstianehütte bei Schupbach:

5. Veuenschmicde bei Wächtersbach.

Die technische Weiterentwicklung der Ersatz des unwirtschaftlich herzustellenden Holzkohlen­roheisens durch das billigere Kokshochoienroh­eisen bedingte auch eine Umstellung der Bu- dcrus'schen Hütten. In den günstig zum Koksdczuge von den rheinisch westfälischen Zechen gelegenen neu erworbenen Betriebsstätten Wetzlar und Sie­sten wurde dann auch der Bau von Kokshochöfen in Angriff genommen. Mit dem tia^f der Georgs- Hütte zu Burgsolms im Jahre 1883 vereinigten die Gebrüder Buderus die gesamte Roheisenerzeu­gung an der Lahn in ihrer Hand. Entsprechend dem erweiterten Geschäftsumfang wurde im Jahre 1884 die offene Handelsgesellschaft durch die Aktiengesell- schäft Buderus'sche Eisenwerke zu Main- Weser. Hütte. Lollar bei Gießen, ab. gelöst. Diese Firmierunaist, abgesehen von der Ver­legung des Sitzes der Gesellschaft nach Wetzlar, bis heute beibehalten worden.

Das Grundkapital der Gesellschaft wurde damals auf 12 000 000 Mark^festgejetzl und beträgt heute nach mancherlei Aenderungen 26 300 000 RM

Auch nach der Umwandlung der Firma lag die Leitung des Gesamtunternehmens fast ausschließlich in den Händen von Familienmitgliedern. 'Mit dem Tode von Georg Buderus im Jahre 1894 schied die Familie endgültig aui der Geschäftsführung aus. Generaldirektor Eduard Kaiser vom Georgs- Marien-Bergwerks- und Hüttenvercin, Osnabrück, wurde zum Vorsitzenden des Vorstandes berufen, während Kommerzienrat 21. (3. Wittekind von der Mittelt^utschen Örebitbant Berlin, den Vorsitz im Aufsichtsrat übernahm. Dieses letztere Amt wird seit 1918 von Justizrat Dr. jur. Albert Katzen- ellcnbogen, Frankfurt a. M, ausgeübt. Im Vorsitz des Vorstandes folgte auf den im Jahre 1911 verstorbenen Generaldirektor Kaiser '-Berg­rat Dr.-Jng. h. c. Alfred Groebler und auf diesen im Jahre 1926 Kommerzienrat Dr.-Jng. h. c. Adolf Z»oehler.

Mit dem Jahre 1895 war ein wichtiger Abschnitt in der Geschichte der Buderus'schen Eisenwerke er- leicht. Waren in den ersten 125 Jahren des Be­stehens die Erzeugung der Hütten und Hammr auf die Herstellung von Gustwaren, wie Plattenguß, Ofengust, Geschirrguß und auf die Lieferung von Fastband, Schlosser und Nageleisen sowie Radreifen, Stabeisen, Blechen und Hochstäben, und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vornehmlich auf die Herstellung des bekannten nassauischen Qua litäts Giesterci-Noheisens abgcftcllt so setzte um das Jahr 1900 die planmäßig durchgeführte Umstellung auf den gemischten G r o h g i e ß c r e i be­trieb ein. Gefördert wurde die Umstellung zum gemischten Betrieb, indem das selbst erbla|ene Roh­eisen weiter verarbeitet wurde, durch Angliederung fremder Eisengießereien und den Ausbau der vor- handenen Werksanlagen. Von diesem Betriebsplan ist bis in die jüngste Gegenwart nicht abgewichen worden.

Zum Besitz der Gesellschaft gehören heute, neben ausgedehnten Eisenfteingcrechtsamen und Kalkstein- brüchen

die Sophienhütte, Wetzlar, bestehend aus drei Hochöfen, einer Zcinentfadrik, Rühren-, Jormstück- und Maschinengußgiehereien, Elek- trizitäkswerk.

die M a i n - W e s c r - H ü t t e, Lollar, be­stehend aus Radiatoren, und Kefselgießereien, während

die Georgshütte, Burgsolms, 1930 dem Abbruch verfiel.

Neu erworben wurden im Jahre 1907 die Karlshütte, Staffel bei Limburg a. d. L-, bestehend aus Abflußrohr- und Kanalgustgießereien, im Jahre 1919 das Westdeutsche Eisen- werk, Essen -Kran, bestehend aus Rohren-, Formstück- und Tübbingsgießereien sowie einer Badewannenfabrik.

3m 3ahre 1919 wurden die Eisenwerke Hirzenhain, Hugo Buderus G. m. b. H-, Hir­zenhain von der Aktiengesellschaft zurückerworben.

Seit 1923 gehören das Brcu erwerk AG. in Frankiurt a. M.-Höchst mit 96.4 Prozent des Gesamt-Aktienkapitals - und seit 1920 die Stahl- werke Röchling-Buderus AG.. Wetzlar mit 50 Prozent des Aktienkapitals zum Besitzstand der Buderusschen Eisenwerke.

3n den vorgenannten Werken wurden am 31. Dezember 1930 insgesamt 6242 Angestellte und Arbeiter beschäftigt.

Der geschichtliche Rückblick des Geschäftsberichts schließt ab mit einem Hinweis auf die starken Hemmungen, die dem Linternehmer von außen her auferlegt werden und die eine freie Ent­faltung der wirtschaftlichen Kräfte, wie in frühe­ren Zeiten, hindern.

3n einer Sondernummer der Wcrkzeitung Hütte und Schacht" wendet sich der Vorstand in längeren Ausführungen über die Entwicklung der Buderusschen Eisenwerke an die Belegschaft. Hieraus muß in der heutigen Zeit besonders

hervorgehoben werden, daß die enge Verbunden­heit zwischen Werk und Arbeitnehmern die erste Voraussetzung für den Fortbestand eines Unter* nehmens ist.

Von der festlichen Begehung des Jubiläums ist mit Rücksicht auf die Vot der Zeit Abstand ge- nommen worden. Als Erinnerung an das 200jäh­rige Bestehen hat die Verwaltung eine in Hirzen­

hain gegollene. künstlerisch ausgeführte 3 u b i - läumsplakette herausgegeben.

Taten sür Freitag, 10. *MpriL

1864: der Komponist Eugen d'Atbcrk In Glasgow geboren; 1924 der Großindustrielle Hugo etm- ne» in Berlin gestorben.

Gpielveremigung 1900 Gießen.

Die Osterreise der Ligowannschaft endete mit einem sportlichen Mißerfolg. Entgegen d<r Vor­aussage konnte die Elf doch nicht in der vorge­sehenen Aufstellung die Reite bestreiten, da Abel- berger, Langsdorf und Schlarb fehlten, im zwei­ten Spiel fiel auch noch Seiler aus. Die entsandte Vertretung war vor allen Dingen körperlich den vorzüglichen Gegnern nicht gewachsen. Das viel zu weiche und auch schlechte Zusammenspiel der Gießener Stürmerreihe verhinderte jeden Erfolg. Die Hintermannschaft tat ihre Schuldigkeit.

Gegner am l. Feiertag war der Rasensportver- ein ..Germania" 03 Pfungstadt. Die Hiesigen un­terlagen 6:1 (Halbzeit 2:1). Der Spielverlauf war keinesfalls so, anc es das Resultat ausdrückt. 3m Felüspiel waren die Gäste nicht allzuviel unter­legen. Lediglich das bessere Echußvermögen des Gastgebers entschied daS Treffen in dieser Höhe und hier war cs vor allem dev Mittelstürmer Böttigcr. früher VfB. Gießen, der in großer Schußlaune war und die meisten Treffer aus kaum erwarteten Situationen erzielte. 1900 ver­mochte lediglich das Ehrentor zu reiten.

Am 2. Feiertag gastierte 1900 in Lorch in Hessen bei dem MUster des Kreises Südhesscn. Das Spiel fand unter denkbar schlechten Witte­rungsverhältnissen statt. Cs regnete. Das Spiel­feld war in sehr schlechtem Zustand. 3n der Halb­zeit lautete das Ergebnis bereits 5:0 für den Plahvcrein und das Endresultat 7:0. Lorch hatte eine besonders stabile und große Mannschaft zur Stelle, u. a. die Gebrüder Lorbacher, und einen ganz überragenden Torwart. Bei den Gießenern vermißte man in der Hintermannschaft Seiler all­zusehr. Die Läuferreihe spielte ein aufopferndes Spiel, hatte aber in dem diesesmal vollkommen versagenden Angriff nickt die geringste Unter­stützung. *

Auswärts weilte am 1. Feiertag tne vierte Mannschaft in Garbenheim bei Wetzlar und un­terlag 3:2 gegen die dortige 1. Els. Den Spielver­lust brachte ein ausgelassener Elfmeter. Die Par­teien waren gleichwertig.

Zwei schöne Siege feierten die 3. und 4. Mann­schaft am 2. Feiertag über die 1. und 2. Elf Wie- secis auf deren Sportplatz. Die Dritte gewann 4:1, nachdem sie noch bei der Pause mit 0:1 im Rückstand lag. Die Vierte siegte gar 8:1 (Halb­zeit 2:1). Die Gießener zeigten das größere Steh­vermögen und siegten auf Grund besserer Ge­samtleistung verdient.

Jugendspiele.

1900 1. Jugend Heuchelheim 1. Jugend 41 (1:0). 1900 2. Jugend Wiesbaden Nassau 1. Jugend 0:0.

Die 1. Jugend hatte sich in letzter Minute für die ausfallende Siegener Jugend die 1. Jugend aus Heuchelheim verpflichtet. Mit sechs Ersatzleuten trat sie Öen Gästen, die auch Ersatz in ihren Reihen halten, gegenüber und konnte das Spiel fast restlos von Anfang bis Ende überlegen durchführen. Kurz nach Beginn fiel durch fchöne Kombination das erste Tor für Gießen. Trotzdem die Gäste den starken Wind zum Bundesgenossen hatten, konnten sic das gut und sicher arbeitende Schluhdreieck der Hiesigen nicht überwinden. Nach dem Wechsel wurde Heuchel­heim ganz zurückgedrängt. Durch Handelfmeter fiel das Ehrentor der Gäste. Von den vielen sich bieten- den Torgelegenheiten konnte 1900 bis zum Schluß nur drei in Erfolge verwandeln.

Die Gäste ads Wiesbaden hatten eine gut ein- gespielte, schnelle Mannschaft, der die Hiesigen nur eine zusammengewürfelte 2. Jugend gegcnübcrfteUen

konnten. Bei dieser wollte das Zusammenspiel nicht klappen und nur durch großen Eifer kam sie um eine Niederlage herum. Die erste Halbzeit spielte Wiesbaden mit Wind und drängte 1900 in seine Hälfte zurück, konnte aber wegen der oft zahlreichen Verteidigung zu keinem Erfolg kommen. Nach der Pause war es umgekehrt, 1900 belagerte das Gaste- tor, erzielte dabei aber auch keinen Tresser.

tianbboll der (^p.-Dg. 1900.

Io. wehlar-Niedergirme» I 1900 I 10:8.

ES mußte für 1900 s erste Handballelf ein Unterfangen bedeuten, sich ersatzgeschwächt, dem Gaumeistcr der DT. auf besten Gelände zu steilem Das Spiel am ersten Feiertag zeigte jedoch, daß die Spielstärke der Gießener Mannschaft bm- reichle. um der Mannschaft von Wetzlar-Vieder- girmcs eine gleichwertige Partie zu liefern. Zum Spielverlauf »st zu sagen, daß sich die Spiel- vereinigungsleute zunächst von den forsch an- greifenden Turnern überrumpeln lieben und bald mit einem Unterschied von drei Toren im Hinter­treffen lagen. Als man sich jedoch taktisch anders eingestellt hatte, wurde auch am Vicdergirmeser Wurfkreis Zählbares erreicht. Beim Stand 8:7 schien den 1900crn der Ausgleich zu winken da nutzten die Platzherren noch geschickt zwei Mög­lichkeiten aus und behielten so mit 10:8 das bessere Ende für sich.

Io. wchlar-Niedergirmes II 1900 II 0:5.

Rach wesentlich reiferem Spiel fanterte die zweite Mannschaft ihren Gegner mit 5:0 nieder. Daß es beim Zu-Rull blieb, haben die Sptel- vereinigungSleute ihrem Torwart zu verdanken, der einen großen Tag hatte.

Handball im Lahn-Oünsberg-Gan.

Haufen I Pohlgöns I 1:7 (0:3).

Am ersten Ofterfcicrtag trafen sich in Hausen die 1. Mannschaft des Tv. Pohl-Göns, eine der besten Mannschaften des Gaues Wettcrau (ADD.), mit der 1. Mannschaft des Tv. 1864 Hausen zu einem Freundschaftsspiel. 3n der ersten Halbzeit spielte Pohl-Göns leicht überlegen, konnte aber nur einen Erfolg erzielen. Strafwürfe brachten zwei weitere Tore ein. Hausen kombinierte schön, aber die Angriffe scheiterten am Tormann der Gäste. 3n der zweiten Halbzeit machte sich eine leichte Überlegenheit der Gastgeber bemerkbar. Sie konnten aber nur durch Vachschuß eine- Strafwurfes einen Erfolg buchen. Der Sieg der Gäste war verdient, wenn auch der Torunterschied nach dem Spielverlauf zu groß war. Das Spiel wurde von Gauspielwart Drolsbach, Garben­teich, einwandfrei geleitet.

hausen Jugend Pohlgöns II 7:6 (3:3).

Anschließend spielte die 3ugend des Tv. 1864 Hausen mit der 2. Mannschaft des Tv. Pohl-GönS. Den ersten Erfolg erzielten die Gäste durch Straf- Wurf. Bald aber ging Hausen durch zwei Tore nach schöner Kombination in Führung. Bei Halb­zeit stand das Spiel unentschieden. Vach der Pause wechselten die Erfolge beiderseits. Bei dem Stand 6:6 gelang es Hausen, den siebenten und damit den Siegestreffer zu erzielen. Das Spiel litt unter den mäßigen Leistungen der Torwarte. Der Schiedsrichter Röder, Garbenteich, leitete zufriedenstellend.

Ruttershausen I Albach I 4:2 (2:1).

Die beiden Mannschaften lieferten sich am ersten Feiertag ein flottes und faires Spiel. Ruttershausen konnte gleich nach Beginn zweimal erfolgreich sein.

Giehener Giadttheaier.

Viktoria und ihr Husar."

Das Libretto dieser Operette, die sich allent­halben eines lebhaften Publikumserfolges zu er­freuen hatte, stammt von Grünwald und Löhner-Beda nach einer ungarischen Vorlage von F ö l d c s.

Es behan'. ell, in e.r.em Vorfp el und drei Akten, die Liebesgeschichte eines m russische Kriegsge­fangenschaft geratenen österreichischen Kavallerie- offiziers und führt vom sibirischen Winterlager über die Schauplätze 3apan und Petersburg nach Ungarn.

Die Realistik der Fabel ist zunächst mit dem typisch illusionistischen Operettenstil kaum in Ein­klang zu bringen; im Laufe des Abends erinnert man sich indessen daran, daß dieser theatralischen Gattung auch das Unwahrscheinlichste erlaubt ist, sofern cs in Gesang und Tanz und einen leidlich vernünftigen Dialog umgeseyt werden kann.

Entschiedener Höhepunkt, szenisch und musika­lisch, ist der zweite Akt in Petersburg; von der großen Abschiedsszene geht eine starke Publikums­wirkung aus, die durch die Partitur (Paul A b r a - ham) sehr effettvoll unterstützt wird. Das Duett ..Reich mir noch einmal die Hände" ist das Glanzstück der im übrigen nicht besonders ein­fallsreichen, gelegentlich an Lehar erinnernden Vertonung, die den unvermeidlichen ungarischen Csardas etwas sehr reichlich ausnutzt.

Der Text erscheint, im ganzen geseyen, nicht schlechter und nicht besser, als man es von den meisten bekannten Operettenbüchem gewöhnt ist: große Ansprüche an Geist, Witz und guten Dialog wird man ohnehin nicht stellen. Vielleicht wäre es aber doch möglich, etliche aflau offenherzige und wenig geschmackvolle Deutlichkeiten zu unter­drücken, von denen man nicht genau weiß, ob sie improvisiert sinj> oder aufs Konto der Autoren kommen.

Die Inszenierung Gastspiel des Operetten­theaters Bochum-Hambom; Regie: Theo Da- I chenheimer: am Dirigcntenpult: Wilhelm Dachenheimer; Tänze: Maria Sylvan und |

Theo D a chenhe imer arbeitete mit großem Personaleinsah und bedeutendem Aufwomd an Ausstattung und farbenfreudigen Kostümen. (Dühnenbilder von Theo Zazzi.) Szenisch und musikalisch war die Aufführung, besonders im Vorspiel und im ersten Akt, ziemlich unaus­geglichen und stellenweise ohne rechten Schwung. Weitaus am besten wirkte der Mittelakt, der die Möglichkeiten der Partitur und des Textes ener­gisch und theatergerecht ausschöpfte.

Die Viktoria gab Erna Wigger, anfangs etwas gehemmt, später freier, mit gut geschultem, wenn auch nicht sehr großen Material. Den Ritt­meister spielte Paul Haag, gesanglich nicht jederzeit befriedigend, darstellerisch in angenehmen Formen.

Zwei erfreulich temperamentvolle Partien: der Graf Ferry von Otto K r a a tz und die Zofe Riquette der begabten Soubrette Adny Sperg; von Eddy Kurt (3anczy) haben wir (in den Drei Musketieren") schon bessere Lei tungen ge­sehen. Ausgesprochen schwach: Karl Santori, der den amerikanischen Gesandten mit einem auf Liebhaberbühnen üblichen Pathos ausstattete. Dom übrigen Ensemble: Hilde Dibaeker und Adolf Wiesner.

Das Publikum, anfänglich zurückhaltend, fand zusehends Geschmack an der ^Neuerscheinung und bereitete dem Gastspiel eine freundliche Auf­nahme. Mehrere Vummern durften wiederholt ' werden. hth.

Tolstoi-Anekdote.

Tolstoi kleidete sich stets sehr einfach. Das gab häufig Anlaß zu Mißverständnissen. Einmal stand der russische Dichter auf dem Bahn­steig zu Tula. Ein Schnellzug fuhr ein. Aus einem Abteil erster Klasse sprang ein Herr und lief in den Wartesaal. Gleich darauf öffnete sich ein Fenster und eine Dame rief dem Davon- eilenden nach: .George!... George!..." Doch George war schon im Bahnhofsgebäude ver­schwunden.

Tolstoi stand in der Dähe und beobachtete die Szene.

.Grohvätcrchen", rief ihm die Dame plötzlich zu,lauf' doch bitte und hole mir den Herrn da zurück ich gebe dir auch ein Trinkgeld."

Tolstoi ging, holte George zurück und erhielt ein Geldstück.

Da» ging durch die wartende Menge ein Gckmur» mel:Seht Tolstoi Tolstoi!" Auch die Dame fragte: .Wo ist er, wo?" Ehrfürchtig beu­tete man aus den Greis im Bauernpelz. Sofort verschwand sie vorn Fenster und erschien gleich darauf auf dem Bahnsteig.

.Graf, um Gottes Willen verzeihen Sie! Ach, es ist mir ja so peinlich ..."

Graf Tolstoi beruhigte sic lachend.

.Bitte, geben Sic mir das Geld zurück, Graf, wenn Sie nicht zürnen."

.0, nein, das Geld behalte ich, denn es ist viel­leicht das einzige, das ich ehrlich erarbeitet habe..

Da ertönte das Zeichen zur Abfahrt des Zuges und die verlegene Dame verbarg fich schnell in ihrem Abteil.

Stenotypistinnen machen Karriere.

Unter den vielen Tausenden von jungen Frauen, die alltäglich ins Erwerbsleben treten, verdienen viele an der Schreibmaschine und mit Steno­graphieren ihr Brot. Der Beruf gilt nicht gerade als sehr gewinnbringend, aber doch hören wir immer wieder, daß solch«. Stenotypistinnen ihr Glück machen, sei es nun, daß sie als Privatsekretärinnen die Hand des reichen Chefs erringen oder sich durch eigene Tüchtigkeit zu einer leitenden Stellung auf­schwingen. Wie man von den Soldaten der napo­leonischen Heere sagte, jeder Gemeine trüae den Marschallstab im Tornister, so kann man also auch von diesen Bureaudamen sagen, daß ihnen große Möglichkeiten zum Ausstieg gegeben sind. Leuchtende Beispiele sind einige englische Damen, die als Steno­typistinnen begonnen und es zu Reichtum und Ehren gebracht haben. Zu Nutz und Frommen ihrer einstigen Kolleginnen erzählen sie in einer Londoner Wochenschrift von ihren -Erfahrungen. Da ist zu­nächst Frau Edgar Wallace, die Gattin des erfolgreichen Schriftstellers, die ihm eines Tages, als Wallace noch nicht der berühmte Detektiv-Ro­mandichter und Dramatiker war, ihre Dienste in einem edjrciben anbot. Sie wurde eine feiner Se­kretärinnen und erwies sich als so tüchtig^ daß Wallace ihr einen Antrag machte. Als feine Gattin arbeitete sie zunächst noch mindestens ebenso eifrig wie seine Sekretäre, aber als ihr Gatte sich immer mehr auf das Theatergefchäft warf, wurde sie darin

feine Mitarbeiterin und ist jetzt die Leiterin der Theatergesellschaften, die feine Stücke aufführen. Sie hat die alleinige und selbständige Aussicht über diesen Teil der Verwertung der Wallaceschen Pro­duktion. Sie ist zwar nicht Der Ansicht, daß der Be­ruf der Stenotypistin an sich der beste Weg zum Erfolg ist, aber sie schreibt:Wenn ich ein Mäd­chen wäre, so würde ich als Sekretärin in einem kleinen Bureau beginnen, wo ich zunächst alles selbst machen müßte. Dann würde ich mich nach Arbeit in einem größeren Geschäft umsehen und es dort zu einer leitenden Stellung zu bringen suchen." Auch die Romandichterin Ethel Männin hat an der Schreibmaschine begonnen. Sie kam 1916, als sie noch nicht 16 Jahre alt war, in ein großes An- zeigenbureau und fiel dort dadurch auf, daß sie gute Bücher las und bei dem Entwerfen von Anzeigen schriftstellerische Begabung bekundete. Der Chef be­traute sie mit der Redaktion einer Hauszeitschrift. So lernte sie den Journalismus kennen und machte sich bald unentbehrlich. Aus diesen schriftstellerischen Anfängen entwickelte sich bann ihre dichterische Tätigkeit. Auch sie ist der Ansicht, daß eine Steno­typistin, die wirklich tüchtig ist und es mit ihrem Beruf ernst nimmt, die Anwartschaft auf bedeu­tende Posten besitzt. Daß eine solche Laufbahn mög­lich ist, zeigen die Bekenntnisse zweier anderen Damen, die nicht durch Heirat ober durch eine be­sondere Begabung emporkamen, sondern durch Ge­schäftstüchtigkeit. Die Leiterin des englischen Frauen- Jngenieurvereins, Caroline Haslett, die heute einer großen Ingenieurfirma oorsteht, hat als Bureaudame bei einem Ingenieur angefangen und sich ihre ganze Ausbildung selbst anaceignet. Sie hält die Stellung der Privatsekretärin für besonders aussichtsreich, weil man dadurch in enge Berührung mit dem Chef kommt und Einblick m das ganze Geschäft und einen gewissen Einfluß erhält. Die Direktorin eines großen Anzeigenbureaus, Florence Sangster, hat an der Schreibmaschine angefan­gen.Die Stenotypistin", schreibt sie,vermag sich in allen Bereichen des Geschäftslebens leicht zurecht­zufinden, wenn sie Klugheit und Ehrgeiz besitzt. Sie darf sich aber nicht vor Verantwortlichkeit fürchten und muß eine Stellung, in der keine Aussichten zum Fortkommen sind, rechtzeitig aufgeben. Aengst- lichtest und Entschlußunfähigkeit sind die Hauptfehler der Frauen im Geschästsleben. Man muß den Sprung ins Unbekannte mögen und muß an dem einmal gesteckten Ziel mit größter Zähigkeit fest­halten. Dann wird man schon durchkommen.