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8.7.1931
 
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llr. 157 Sweiler Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)

Mittwoch, 8. Juli 1931

Für den Büchertisch.

Bücher zur Zeitgeschichte.

Moeller van den Bruck: .Da­dritte Reich" Dritte Auflage, bearbeitet von SSanS Schwarz. Hanseatische BerlaaSanstalt Ham. bürg 36. Preis 6.50 Ml. geb.. 5.50 Mk. kart. (119)

DeS Verfasser- Idee vom .dritten Reich" hat mit dem gleichen parteipolitischen Schlagwort so wenig gemein, wie die peuhge Sozialdemokratie mit dem Gedankengang eine- Karl Marr. Moel­ler van den Bruck übt eine außerordentlich scharfe aber auch scharfsinnige. wenn auch gelegentlich überspitze Kritik an her Ideenwelt deS Sozialis­mus. deS Liberalismus. Kommunismus und der Demokratie. Sein besonderer Kampf gilt dem Liberalismus, dem er vorwirst, seit dem Zeit­alter der Aufklärung auS dem denkenden Men­schen einen berechnenden Menschen gemacht zu haben, der jedes entscheidende historische Er­eignis. obwohl eS an sich unliberal war und von unliberalen Menschen wie Rapoleon oder Bis­marck durchgesetzt worden war, als sein Derdienst in Anspruch nehmen konnte, weil er alS Rutz- niefier Bis Wendung mitmachte und als ein Geschenk der Freiheit hinstellte. waS cm Geschenk her Schöpfung. des Willens und der Tat gewesen war. Der Liberalismus begann mit einem fal­schen Freiheitsbegriff, den er bereits mißver- ftonh als er ihn schuf. Und er endete - immer noch nach den Worten Moeller van den BruckS - mit einem falschen Freiheitsbegriff, dessen et sich auch noch bediente, alS er gar nicht me&r Freiheit verteidigte, sondern Vorteile betrieb. .Freiheit ist Tür den liberalen Menschen der Spielraum, den er sich für seinen Egoismus zu schaffen weih und den er mit politischen Schutz­formen umgibt, zu denen er hie Demokratie miß- braucht unb hie er im Parlamentarismus auS- gebilhet hat." DaS sind harte Beschuldigungen unh eS erscheint hoch etwas billig, hic Auswüchse eines Systems, die Geistesverfassung eines gefähr­lichen Klüngels, helfen schlimmen Sinfluh in den letzten Jahrzehnten weher bei un». noch in den westlichen Demokratien geleugnet Wethen kann, mit her liberalen Weltanschauung gleichzusetzen. Der Verfasser gibt dann daS Dilh einer ge- schichtsphtlofophifch begründeten revolutionär-kvn- servativen StaotSaufsassung, die auf daS Wer­den des neuen deutschen Rationalismus nicht zu verwechseln mit dem RationalsozialiSmuS Hit» lerscher oder Otto Strasserscher Prägung nicht ohne Sinfluh geblieben ist. DaS Buch reizt überall zu Widersprüchen, aber eS ist für den, der jen­seits her lauten Tagespolitik hen großen Linien geschichtlichen Wethens nachzuspüren sich müht, eine wenn auch schwierige, so doch anregende und fruchtbare Lektüre. Unh daS will bei dem Wust wertloser politischer Literatur unserer Tage schon immerhin etwa- heißen.

*ID irfuchenDeutschlan d." Sin freier Di-Put über die ZcitkrisiS zwischen Gerhard Schulhe-Pfaelzer und Otto Strasser. Major Buch- rucker, Herbert Blank. Verlag Grethlein & Co., Leipzig. PreiS 3,50 Mk. (172.) DaS Buch ver­sucht unseres Wissens zum erstenmal über die ein­seitig politische Literatur hinauSzukommen und in Rede und Gegenrede von verschiedenen politischen Seiten aus die grundlegenden Probleme der Ge­genwart zu beleuchten. Die Verfasser sind der be­kannte Redakteur Schulhe-Pfaelzer. her sich poli­tisch vorstellt alS ein Mann herLinie Hinden- burg-Brüning-Dictrich, die drei übrigen sind die Führer der Kampfgemeinschaft revolutionärer Ra- tivnalsozialisten", die sich bekanntlich schon vor den veptemberwahlen von der Hitlerbewegung loS- löste und die reinere kompromißlose Form des RationalsozialiSmuS darstellt. Die Schrift ist bei aller Schärfe der gegensätzlichen weltanschaulichen Formulierung doch in bestem Sinne überparteilich. Sie zeigt in frischen Dialogen die wichtigsten We- fenSunterschiehe zwischen bürgerlicher unh na- tionalrebolutionärcr Betrachtungsweise und dient so in erheblichem Maße zur Information übet hic lebendigen politischen Anschauungen her Gegenwart.

DerncrBeumelbura:Deutschland in .stellen", Verlag Gerhard Stalling Oldenburg i. D. Preis Ganzleinen 6,50 Mark. (127) Der große Erfolg seiner striegsbücher Hal den Verfasser veranlaßt, seinem letzten, auch hier mit Hochachtung gewürdigten MerkeSperrfeuer um Deutschland" ein neues Buch folgen zu lasten, dos eines der schwersten Jahrzehnte deutscher Geschichte, die Zeit non Versailles bis zum Poungplan, schildert. Damit hat sich Beumelburg auf die schlüpfrigen Pfade der Politik begeben. Eine Zeitepoche, in der wir selber noch mit einem Fuße flehen, stellt an die Uebersicht, die Kenntnisse unh nicht zuletzt an die Objektivität des Forschers Anforderungen, denen Beumelburg, will man ihm die Absicht unterstellen, ein gerechtes Werturteil zu fällen, nicht gewachsen ist. So konnte dank der außerordentlich anschaulichen farbigen und lebendigen Darstellungsweise des Verfasters wohl ein Buch zustande kommen, das wegen seiner Aktualität in unserer politisch erregten Zeit den Wünschen des Tages entspricht, aber nicht den Anspruch erheben darf, eine gerechte Würdigung der deutschen Ge­schichte der letzten zehn Jahre zu sein.

Biographisches.

Rainer Maria Rilke. Stimmen her Freunde. Sin GcbächtniSbuch. hcrauS- gegeben von Gert Buckheit. 178 Seiten 8° mit 7 Tafeln. Leinen 6 Marl. Urban-Verlag. Freiburg im BreiSgau. (249) Diese- Buch ist gleichsam eine chronische Totenklage her Leben­den. der Hinterbliebenen für den einsam und zu früh dahingegangen großen Richter Rainer Maria Rilke- ein Buch der Trauer und der Erinnerung, über dem daS Goelhesche Molto stehen könnte voll schmerzlichen Stolzes:Denn er war unser?" Eine ganze Anzahl z. T. sehr klangvoller Ramen aus Rilles Freundeskreis sind hier zu einem letzten Gruße vereinigt: wir nennen etwa die guten und schlichten Sätze voll echter Ergriffenheit, mit denen Fred Hilden- branbt die Sammlung eudeitet; den melodisch empfundnen Essay von Fell? 'Braun; die Worps- weder Erinnerungen von Mackensen und Mober- sohn; die feinsinnige Würdigung Walze'.s; die letzten Worte übers Grab von Hausenslein, An­dre Gide, Regina UUmann; Otto Heuschcles Lob her berühmten ..Duineser Elegien'^ und her Rilke-Briefe; Paul Dalsrys ..Gedenken und Ab­

schied". womit da- schöne, durch persönliche Bil­der belebte Buch abgeschlossen wird.

Joachim Ä i n g e l n a 6 : Mein Leben bis zum Kriege. 354 Seiten 8°. Umschlagzeich- nung von Olaf Sulbransson. Kartoniert 5,50, Leinen 8,50 Mark. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1931. (115) Der skurrile Autor der Turn­gedichte" und des .Kuttel-Daddeldu" erzählt in diesem unterhaltsamen Buche, mit einem heiteren und einem nassen Auge sozusagen, die wechselvolle Geschichte seiner Kinderzeit und seiner Iugendjahre in hundert Abenteuern, von Knabenspielen und Schülerstreichen, aus dem Schiffsjungentagebuch des Weltumseglers, von der Irrfahrt der Stellungssuche, von Iahrmarktswagen und Seemannsherbergen, von

guten Frauen und manchem hochberühmten Mann Den zahlreichen Freunden des poetischenMariners" wird dieses Erinnerungsbuch eine willkommene Gabe fein.

Arnold Hvellriegcl: Lichter der Großstadt. Der Film vom Strolch Charlie. dem Millionär und dem blinden Mädchen. 78 S. 8° mit 27 Bildern. S P. Tal & So. Verlag, Leipzig. Wien 1931. (134) Eine kleine begeisterte Mo- nographie über Chaplin und feinen letzten Film, illustriert mit einer Reihe von Szenenbildern auS City lights, geschrieben von einem guten Ken­ner Hollywoods, einem bekannten Journalisten, der Chaplin persönlich auS nächster Rähe kennen- gelernt und studiert hat.

Länder und Völker.

Handbuch der Geographischen Wissenschaft. HerauSgegeben von Universi- tätS-Prosellor Dr. Fritz Ähitc, Gießen, unter Mitwirkung einer Reihe von Gelehrten. Etwa 4000 größere Tertbilder und Kärtchen, gegen 300 Farbenbilder, viele Karlenbeilagen. In Liefe­rungen zu je 2.40 Mk. Akademische Derlags- gesellschast Alhenaion m. b H . Wildpark-Pots­dam. Lsg 16 bis 20. Mit der Darstellung der beneidenswerten Insel Reuseeland schlicht Pro- fcflor Geisler den Grdteil Australien ab. Doller Geben ist diese Schilderung der landschaftlich einzigartig schönen Insel. Roch schneller alS auf dem australischen Kontinent selbst ist hier die Entwicklung vorwärtSgcschritten. Trotz aller land­schaftlichen Verschiedenheit ist Reuseeland doch aufs engste wirtschaftlich und kulturell mit dem Festland verknüpft. Wie sehr Australien noch entwicklungsfähig ist, zeigt Geisler anschaulich und überzeugend. Aber mehr als bei jedem anderen Lande liegt das Schicksal dieses GrdteilS in den Händen seiner Bewohner. In die Wun­derwelt Ozeanien führt Professor Dehrmann, Frankfurt, den Leser ein und beginnt damit einen neuen, reizvollen Teil deS Handbuchs. Bei diesen wissenschaftlich genauen und doch farbenprächtigen Ausführungen zeigt sich wieder die kaum zu überschätzende Bedeutung des reich­lichen und vorzüglichen Bildermatcrials. daS die­ses Werk alS so ungewöhnlich erscheinen läßt. Diesen Eindruck bestätigen die folgenden drei Licscrungcn. die in der Darstellung von Pro­fessor Maüll daS weiträumige Brasilien be­handeln. Auch hier wieder ein Zukunftsland voll ungeahnter Möglichkeiten! Diese-Hand­buch" zeigt sich mit jeder Lieferung so vielseitig, belehrend und genußreich, daß die Verbreitung, die es schon jetzt gefunden hat, verständlich er­scheint.

AndrS Siegfried: Das heutige Frankreich. Sein Charakter, seine Politik, seine Parteien. Aus dem Französischen übersetzt von Fried, rich von Havas. Leinen 4,50 Mark. Deutsche 93er- lags-Anstalt, Stuttgart. (180) Das Buch dieses

Franzosen gibt gute Aufschlüsse zur Beurteilung der europäischen Schicksalsfrage: Ist eine Verständigung mit Frankreich möglich'' Andre Siegfried hat lange Jahre im Auslande gelebt und hat so den nötigen Abstand zur Beurteilung feines eigenen Volkes ge­wonnen. In feinem Buche vermeidet er die egozen­trische Betrachtungsweise, die sonst dem Franzosen eigen ist. Seine Studie über das politische Frankreich hat aus dem Munde eines Franzosen der sein Volk auf das genaueste kennt, doppeltes Gewicht. Selten kann man den Franzosen in seinem Verhältnis zur Politik und die französische Politik als solche so klar sehen und verstehen wie in diesem Buche.

Waldemar Boßhard, .Indi en kämpft". Das Buch'der indischen Welt von heute. Mit 67 Bildern und einer Karte. Preis geheftet 9,50 Mk., in Leinen gebunden 12 Mk Verlag Strecker und Schröder, Stuttgart. (215.) Lieber das romantische Indien mit seiner Wun­derwelt an herrlichen Tempeln unh Kunstschätzen, über feine großartige Rotur unh da- bunte Volks­leben finh genug Bücher geschrieben worben. Aber nur wenige gibt es, die uns da- Indien von heute, seinen großen politischen Kampf näher­bringt. Der Verfasser, schon von früheren Reisen ein guter Kenner de- Landes, hat als Korrespon­dent großer Zeitungen Indien gerade in den Mo­naten ausgesucht, in denen sich die Boykottbewe- güng Gandhis zum äußersten zuspihte und in denen es dann der klugen Politik des eben abgetretenen Vizckönigs Lord Irwin gelang, nach der Kon­ferenz am Runden Tisch in London auch Gandhi zu Verhandlungen zu bringen. Die lebendige DarstcllungSart des Verfassers verseht uns mitten hinein in diese Kämpfe des modernen Indiens, macht uns bekannt mit führenden Persönlichkeiten auf beiden Seiten und zeigt in außerordentlich klarer und durchsichtiger Darstellung die großen Probleme auf. um die cs heute in Indien geht. Gerade dies Buch mußte geschrieben werden und eB durfte nicht anders geschrieben werden, um Indien- Kampf unS verständlich zu machen und ihn in die große welthistorische Perspektive zu rücken.

Reue Romane.

Walter Harich: Primaner. Roman. 312 S. 8°. Ganz!. l,85 Mk. Ullstein, Berlin. (234) Den Stoff zu seinem neuesten Roman fand Ha­rich in dem Steglitzer Schülermordprozeß, her vor einiger Zeit hie Oeffentlichkeit lebhaft beschäftigte. Aber der Erzähler geht jeder sensationellen Aus­machung aus denn Weg, er benutzt nur die Tat­sachen, um in ihnen die junge Generation zu er­kennen. Er zeichnet ihre Rot den Problemen des wirklichen Lebens gegenüber, denn noch immer ist cs so, daß die Schule vom Leben entfernt, daß sic eine Welt für sich mit eigenen Gesetzen bildet, und daß das Leben erst beginnt, wenn man die Schule hinter sich hat. Gerade die oberste Klasse Primaner, Jungen und Mädels hat es am schwersten; sie kommen ans Geben nahe heran, er­leben die erste große Liebe, zum ersten Male das ewige Du im Freund oder der Geliebten, geistiger Kampf der Gegenwart berührt sic. moderne Dich­tung. Kunst, Musik erschließt sich ihnen; sie machen die ersten tastenden Versuche zu eigenem Schaffen. Harich zeigt hier zwei Arten von jungen Men­schen. die Oberprima ist hicäfeitig, sportgewandt, frische gesunde Jungen, denen die Probleme leicht sind. In her Unterprima aber wächst ein neues Geschlecht heran,eine ncueVorkricgSjugenb. derdas Geistige über dem Körperlichen steht, denen Kunst in jeder Form Erlebnis ist Siner von ihnen ist den sich entgegentürmenben Problemen nicht gewach­sen. er erschießt sich unb wirft baburch ben besten Freunb unb das Mädchen, bas er liebt, aus ihrer Bahn. - Interessant ist der Ausbau beS Romans: er beginnt mit dem Schuß, geht bann schrittweise rückwärts biS zu dem Erlebnis. daS eigentlich der Grunb zum Sclbstmorb des Primaners ist unb tastet sich von da wieder bis zum unglücklichen Ausgang heran; obwohl man ihn von Anfang an kennt, läßt die Spannung nicht einen Augen­blick nach Es ist ein ausgezeichnetes Buch, lebendig, voll innerer Wahrheit; immer hat man bas Gefühl so kann bie junge Generation wirk­lich sein, so sich unterhalten, so fühlen unb henken. Sntzückenb finb cimelne Partien des Buches, die Hternennacht der Freundschaft, bie Frankenfahrt der Prima oder bie Zusammenkunft in Irmas Zimmer. Auch bie Ausstattung ist sehr gut: cm schlichter' Ganzleinenbanb, klarer Druck unb billi­ger Preis. G. Th.

Virginia Woolf: Die Fahrt zum Leucht türm. Ein Roman. Liebertragen von Karl L e r b s. 290 6. 8°. Kart. 5.50 RN.. Leinen 7 Mk. Im Insel-Verlag zu Leipzig. (227.) Dies ist ein neues Buch der berühmten englischen Dichterin, die mit demDrianbo wohl zuerst bei uns bekannt geworden ist. Was diese letzte Erzählung angeht, dieFahrt zum Leuchtturm", so wiederholt sich bei der Lektüre die schon früher bei Virginia Woolf gemachte Erfahrung, daß es nicht aanA leicht ist. sich einzulesen unb mit her Besonderheit des Buches vertraut $u werden. Es gibt hier keinerlei Sensationen, geringe Span­nungen nur, wenig Handlung viel Zustand, viel Stimmung (soweit das im Englischen möglich

ist), viel Rachdcnklichkeit und kluge Reflexion. Man braucht Zeit für dieses Buch, aber man wird sich belohnt finden schon durch diese eine kleine Szene, in der Mitte des Ganzen etwa, wo nichts weiter geschildert wird alS wie eftne Mutter leise am späten Abend zu ihren Kindern geht, die noch nicht einschlafen können V.. und wie die Mutter befjutfam unb still eins nach dem andern zur Ruhe bringt: dies ist, für unser Ge­fühl. menschlich und künstlerisch die schönste Partte dieser Erzählung, die gedämpft und ohne jedes PathoS am Lesyr vorübergleitet.

Lyrik.

Bernhard Bergmann: Das Lied von der Mutter. Eine Auslese auS deutscher Dichttma Mit acht ganzseitigen Bildern von A. Dürer. Käthe Kollwih, Hans Thoma u. a.; zweite, bcbeulcrtb erweiterte Auflage 4. bis 6. Tausend. 192 Seiten 8n. Leinen 5.80. Düsselbvrf 1931. Pä­dagogischer Verlag. GmbH. (164) Was Mutter­schicksal. Mutterschönheit und Mutterschmerz in sich begreift mit Jubeln und Sorgen mit seiner Tiefe und Geduld, feinem Opfer und Verzicht und den Stunden des Schmerzes, der Einsamkeit und deS Scheiden-: das ist eine nie versiegende Quelle dich­terischen und künstlerischen Schassens geworden. Im »Lied von der Mutter" ist eine Auslese der schönsten deutschen Mutterdichtung zu volltönen­dem Zusammenklang vereint. Es wurden vor al­lem Dichter der Gegenwart mit teilweise noch un- veröffentlichen Darstellungen und Dichtungen be­rücksichtigt. Genannt seien: Rich. Dehmel. Man­fred Hausmann. Herm. Hesse, Ricarda Huch. Kla- bund. Jak. Kneip, Heinr. Lorsch Münchhausen, AlfonS Paquet, Rilke, Ruth Schaumann. Auch Prosadichtung von Heinr. Federer, Max Iung- nickel, Paul Keller Rikolaus Schwarzkopf u. a. wurde gebracht. Frauen- unb Mutterbildnisse deutscher Rleister runden das ®an*e. Die Samm­lung ist ein würdiges, schlichtes Buch der Stille und inneren Sammlung, das vom Verlage eine vornehme und würdige Ausstattung erhalten hat.

Arthur Silbe rgleit: Orpheus. Gedchte. Kartell Lyrischer Autoren, 'Berlin- Wilmersdorf, Alfred Richard Meyer Verlag. Preis: 1 Mark. (222) Zum 50. Geburtstag des bekannten Lyrikers erschien vor kurzem diese kleine Broschüre Für Stefan Zweig in herz­licher Dankbarkeit" als Flugblatt des Kar­tells Lyrischer Autoren in Berlin. Eine zyklisch geschlossene Flüge von Gedichten um Orpheu», Dengroßen stolzen Ahnherrn deS Gesangs", in wechselnden Rhythmen und Strophen. Den künstlerisch reinsten Eindruck hinterlassen einige schlichte, liedhafte Strophenan Eurydice" und ..Orpheus und die Frauen": eine Anzahl von hymnischen Gedichten unter dem gemeinsamen TitelOrpheus singt" scheint uns durch ihre geblümte Rede" und das barocke Pathos ibrer Haltung beeinträchtigt; auch die Reimstellung wirkt stellenweise (Tvrspruch". .QrpheuS an daS Schicksal") nicht sehr glücklich.

Reue historische Literatur.

Bernhard Für st von Bülow Denk. Würdigkeiten Band IV. Jugend- und Diplomatenjahre, herausgegeden von Franz von StockHainincrn. Preis 17 Mark. Ullsiein Verlag, Berlin. (150) Das ist von den vier umfang­reichen Bänden des unerfreulichen Memoirenwerks der erfreulichste, weil er die Jugend des späteren Botschafters, Staatsfekrelars und Reichskanzlers zum Vorwand hat und politische Motive bei der Dar­stellung dieser Jahre noch keine entscheidende Rolle gespielt Haden. Je mehr sich allerdings die Schilde­rung der Zeit nähert, wo Bulow aus der Stellung eines Zuschauers in die eines Mithandelnden rückt, also sich mehr und mehr der Vorderduhne des poli- tischen Welttheatcrs nähert, je mehr tritt allerdings auch in diesem Bande die Neigung des Verfassers zu maßlosen Verunglimpfungen feiner persönlichen oder polit-schen Gegner, zu Klatsch und eitler Selbst- belpiegelung hervor, die schon in den ersten Banden so peinlich wirkte. Man halt es kaum für möglich, daß cs derselbe Verfasser ist, der hier mit rührend liebevoller Pietät fein Elternhaus in Frankfurt schildert sein Vater war doit dänischer Gesandter am Bundestag, bevor er streliftscher Staatsminister und dann'als Staatssekretär des Auswärtigen Bis­marcks vertrauter Mitarbeiter wurde. Mit reizendem Humor spricht der junge Bülow dann von der Pen- nälerzeit im Pädagogium zu Halle. Ein echtes Ge- fühl der Dankbarkeit bewahrt er seinen Lehrern. Nach Studienjahren in Lausanne, Berlin und Leip­zig kommt der siebziger Krieg, den Bülow als Kriegs- freiwilliger, Avantageur und Leutnant bei den Bonner Königshusaren mitmacht. Sein ganzes Leben lang hat ihn die Erinnerung an diele Zeit im Feld und in der Garnison begleitet, und so ist auch seine eingehende Schilderung des Feldzugs eines der interessantesten und sympathischsten Kapitel des ganzen Memoirenwerks. Seine Diplomatenlaufbahn begann bald nach dem Friedensschluß in Rom Petersburg, Wien und Athen folgten. Der Berliner Kongreß von 1878 bot dem jungen Legationsrat zum erstenmal einen tieferen Einblick in das Gewebe der großen Politik. Dann führt ihn sein Weg die diplo- matische Stufenleiter immer weiter nach oben: Bot- schastsrat in Paris und St. Petersburg, Gesandter in Bukarest und schließlich Botschafter in Rom. Die Schilderungen der Gesellschaft am Hofe'Kaiser Na­poleons III. und Alexanders 111., des Rumäniens König Carols sind farbig und fesselnd durch einge­streute Anekdoten, Notizen über Land und Leute und eine in diesem Bande noch übersichtliche Darstellung der großen Politik. Dem breiten Publikum wird dieser Band, der auch wieder vom Verlag mit aus­gezeichnetem Bildmaterial und zahlreichen Beigaben von faksimilierten Dokumenten, Briefen u. a. ver­schwenderisch ausgestattet ist, vielleicht am meisten neben, während er Dem Historiker vermutlich wenig Neues bieten kann.

I. T. Tre bitsch - Lincoln: »Der größte Abenteurer beS XX. Jahrhun­derts I ?" Preis geb 6 Mk.. Amalthoa-Verlag Wien IV. (138) Diese Autobiographie eine- po­litischen Abenteurers, her in ben letzten dreißig Jahren viel von sich reden machte, ist spannend von der ersten bi- zur letzten Zeile. Damit soll nkchts ausgesagt werben über ben quellenmäßigen Wert dieses Buches, es scheint vielmehr, baß ®el- ttrngSbebürfniS unb RechtsertigungSbemühen hem Verfasser häufig bie Feber geführt hat. Tredisch- Lincoln ist gebürtiger Ungar. AuS dem ortbobofen Judentum wechselt er schon alS junger Student auS religiösen Gründen zum Protestantismus über, wird Missionar der irischen Presbyterianer in Hamburg und geht, als diese über seine Ver­lobung mit einer Hamburger KapitänStochter nicht entzückt sind, als Iudenmissionar hinüber nach Kanada. Er hat dort zwar außerordentliche Ersolge, eS zieht ihn aber wieder nach Europa zu­rück unb er wird 1903 Geistlicher der anglikanischen Hochkirche in einer südenglischen Landstadt. Aber daS ruhige, zurückgezogene Geben bchagt ihm nicht lange. Beziehungen zu einem soziologisch inter­essierten Inbustricmagnaten müssen ihm zum Sprungbrett in daS politische Leben bienen. Seiner ausgezeichneten rednerlschen Begabung gelingt cS. den UnterhauSfih für Darlington, feit Jahr­hunderten eine Hochburg der konservativen Partei, für die Liberalen zu erobern. Aber feine varla- mentarische Tätigkeit ist nicht von langer Dauer. Sein beträchtliches Vermögen, daS er der Zu­sammenarbeit mit dem cngli'chen Großindustriellen verdankte, hat er in galizischen unb rumänischen Oelen investiert. Rumänischen GeschäftSgenieS ist nicht einmal der sonst mit allen Wassern ge­waschene Trebitsch-Lincoln gewachsen, er wird gründlich zur Ader gelassen und muß auS Mangel an Geld auf eine neue Kandidatur zum Unterhaus verzichten. Der Krieg bricht auS, man verhaftet ibn unter dem Derbacht der Sv onage. Flucht nach Amerika. Schon auf bem Schift faßt ber völlig Mittellose den Plan. auS feiner begreiflichen Wut gegen England ein GefchUt zu machen. Mit einer Serie von Zeitungsartikeln gegen die englllchr Politik in der Tasche betritt er amerikanischen Boden Aber England läßt alle F'iden sviclen; er wird erneut verhaftet. Abmteucrlich Flucht, Wicberverhaftuna unb Auslieferung an England. Dort wegen angeblichen Betrüge- zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und im Jabre 1919 bc4 Lan­des verwiesen. So kommt Trebt sch-Lincoln ge­rade reck zeitig nach Berlin, um hier Anschluß an deutsche monarchistisch? Kreise zu finden, die anscheinend nur auf dielen internationalen Aben­teurer gewartet haben. WaS Trcbitsch-Lincoln bann über ben Kapp-Putfch schreibt, an dem er alS besonderer Vertrauensmann deS Obersten Bauer tätigen Anteil aenommen hat. bestätigt alles. waS man b Sher über d e gänzliche Ideen- und Planlosigkeit dieses ebenso törichten wie ver­hängnisvollen Unternehmen-» b siettan'i'cher Po­litiker und hoTitificrenber Militär- schon gehört bat. Trebitsch-Lincolns Weg ist dann der der an­deren politischen Abenteurer Flucht nach Ungarn, erneute Putsch-Versuche und schließlich Landung in China, dem großen, ewig brodelnden Krisenhcrd des fernen Ostens Hier pendelt er in der damals beliebten Rolle eines europäischenRat<wberS" zwischen den verschiedenen chinesischen Kondot- tieri bin und her. immer mit dem alten Ziel, der englischen Polittk empfindlich zu schaden wo er nur kann. Al« er sieht, daß auch bei den chinesi­schen Marschällen daS Geld alles und die Ibee*