Einzelbild herunterladen

Donnerstag, 8. Januar 195(

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 6 Zweites Blatt

eben bekannt

Nachdruck verboten

13 Fortsetzung

Versäumen Sie dleGelegen- helt nichtI -

Grad erreichen muh, wo die Weltgläubiger froh sein werden, alte Schulden streichen zu können, um für neue Anleihen Raum zu schassen.

btndienrat

/geb. MH

17. Dezember 1930 .....................

Zähne.

Er trat ein. , _ , . ,

Fand sich in einer dumpf-kühlen Vorhalle. Sein Schritt gab trotz aller Vorsicht auf den Fliesen einen leise hallenden Ton. In der Mitte stand em mächtiger Eichentisch, auf dem in einer breitaus­ladenden Vase dunkelroter Klatschmohn glühte.

Ein paar h^chlchnige Eichenstühle standen her­um. In ein r Ecke prunkte ein breiter Karnm- ofen mit dem Glanz seiner Kacheln.,

ilnb noch immer war nichts zu hören ferne Menschenstimme, fein Laut des Lebens.

In der linken Wand stand eine Tür offen.

Wördehoff blick.e hindurch.

Ein weiter Raum. In Dämmerung gehüllt.

Er trat über die Schwelle.

Die gelben, etwas verschlissenen Vorhänge an den Fenstern ließen das Sonnenlicht gedämpft herein.

Alte Möbel gediegen in der Derbheit ihrer Linien, standen an den Wänden. Der Fußboden teppichbelcgt. Alte, verblichene Farben.

Wördchoffs Schritte wurden lautlos.

Als er zur Seite sah, erschrak er. Er sah sich selbst in einem Spiegel, der vom Fußboden fast dis an die hohe Decke reichte.

Schnell glitt er aus dem Bereich des Spiegels.

Hcrchte in d.e Stille hinein.

D.e nächste Tür war nur angelehnt, wie er sah. Aber durfte ec weitergehen? War das nicht zu kühn? Schon wenn man ihn plötzlich hier fand, mußte es etwas merkwürdig wirken.

Im Interesse der militärischen Vorherrschaft Frankreichs durfte man solchen gesunden, regio­nalen Verständigungsbestrebungen nicht weiter ihren freien Lauf lassen. Darum soll die A n l e i h e p o l i t ick, die nach französischer Ab­sicht im Mittelpunkt der bevorstehenden Genfer Verhandlungen über eineneuropäischen Staaten­bund" stehen wird, in erster Linie allen europäi­schen Devisionsbestrebungen für absehbare Zeit einen unüberwindlichen Riegel vorschirben. Die einzige Art, meint Sauerwein, das Mißtrauen aus der Welt zu schassen, das die gewissen Län­dern notwendigen Anleihen behindere, bestehe darin, jede revisionistische Propaganda solange wie möglich einzustellen. Man könne nicht zwei Hasen auf einmal jagen.Wenn man von Frankreich eine finanzielle Unterstützung verlangt und demselben Lande und seinen Alliierten gegen­über das Recht beansprucht, in einem drohenden Tone die Abschaf,ung von Verpflichtungen oder Greitzveränderungen zu verlangen, dann ist das in Wirklichkeit eine Politik, deren Formeln sich selbst widersprechen."

In 'uo.r^ichkeit handelt es sich für Frankreich um nichts weniger als die Förderung gesamt­europäischer Interessen. Hinter denpaneuropäi- schen Kulissen" geht ein Kuhhandel zwi­schen französischen und angelsächsi­schen Staats- und Finanzrnännern vor sich, bei dem für Frankreichs revisionsfeind- liche Sicherheitspolitik durch Zugeständnisse in Sachen derSeeobrüstung" die Zustimmung Lon­dons und Washingtons erkauft werden soll. Gegenüber einer solchen Gefahr bedeutetPan- europa" im besonderen für Deutschland nur eine Fiktion. Sie soll die Aufmerksamkeit von seinen Lebensinteressen ablenken, die eine unbefangene weltpolitische, aus jeglichem Gegensatz zwischen den Interessen feiner Gläubiger Rutzen ziehende Orientierung erheischen. Cs gibt, so wie die Dinge heute liegen, keinerlei paneuropäische Interessengemeinschaft von mehr als nebensäch­licher Bedeutung, schon well die mächtigsten Staa­ten Europas mit Gebieten anderer Erdteile inni­ger verbunden sind als mit anderen europäischen Ländern. BonPaneuropa" ist bei den Ver­tretern irgendeiner der Weltmächte mit euro­päischer Basis nur die Rede, wenn es sich für sie darum handelt, den Rest Europas zu hindern, feine eigenen Interessen wahrzunehmen, wenn außereuropäische Verwicklungen dazu die beste Gelegenheit bieten.

Im übrigen hat man in anleihebedürftigen Ländern gar keinen Grund, die diktatorische Geste französischer Finanzstrategen ernst zu nehmen. Das französische Finanzkapital kann sich den Luxus einerglänzenden Isolierung" nicht mehr leisten, nachdem die Weltwirtschaftskrise begonnen hat, die französische Wirtschaft in ihren Strudel mit hineinzuziehen. Es sucht einepaneuropällche" Kundschaft über die Dringlichkeit seines Anlage­bedürfnisses zu täuschen, um sie für Bedingungen mürbe zu machen, die ihm noch auf lange Zeit eine wachsende internationale Betätigung ohne Beeinträchtigung französischer politischer Inter­essen ermöglichen würden. Schließlich ist die ganze Weltwirtschaftskrise nicht viel anderes als eine notwendige Folge des wucherischen Be­strebens derWeltgläubiger", möglichst viel Geld in die Gewölbe der Zentralnotenbanfen zu pum­pen. Diese brachliegenden Goldmengen sind in Wirklichkeit heute die wirksamsten Ver­bündeten der Schuldnervölker, da die Kostspieligkeit ihres Brachliegens schließlich einen

s Lagers gebrauchter Wa- Wir offerieren eine giott il 2-6sliziße Limousinen, Wagen, sowie Cabrio eis leicrwagen, Lastwagen, da« rtabrikneuwertigeObiekte, -dem nur annehmbaren Zahlungs-Erleichterung! (Vagen sind gut erhalten, fdl. Die neuen bzw neu­en mit Fabrik-Garantie, blndifche Piobelabrtl -

Fernsprecher 2847 Frankturier btr. 52

98 v°rteile| sind

Aus der Provinzialhaupistadi

Gießen, den 8.Ianuar 1931.

Oer Inventurausverkauf.

Ä.

auf lang und länger. Bei Durchschnittsware eine Gegebenheit. Aber bei den kostbaren Modellen tat dieseHerabsetzung" direkt weh. Und doch erfolgte sie hier am stärksten, oft bis auf die Hälfte, ja unter die Hälfte, und weit unter den Einkaufspreis. Aber

afC n ü. iue& !« M

MW ,).****

was sollen Sie machen?

Als Gegensatz: ein Sammethut. Mit imitiertem Reiher. Noch vor zwei Jahren gar nicht so übel gewesen. Aber wer will ihn jetzt tragen? Fort mit ihm, um jeden Preisjedem"! Ebenso der Stapel von rosa Filzhüten. Geschickte Hände schnei­den und biegen vielleicht eine fabelhafte Greta- Garbokappe daraus in Frauen liegen bekannt­lich unbegrenzte Möglichkeiten.

Kinderkleidchen von lustigster Buntheit mit rüh­rend kleinen Aermelchen und aufgesteppten Täsch­chen kosten jetzt sogar nur wenige Pfennige, und die reizendsten Damensommerkleider sind für ein besseres Butterbrot zu kaufen.

Haben Sie vielleicht ein Zimmer mit nur einem Fenster? Dann können Sie phantastisch billig eine moderne Dekoration für dieses erwerben, und neh­men gleich eine moderne Kissenplatte noch billiger mit. Denn alle kleineren Stoffbestände wurden er­barmungslos für diesen Zweck aufgeteilt.

Die Schaufenster waren dicht verhüllt. Und das gehört sich auch so. Denn in ihrer Abgeschlossenheit wurden entzückende junge Damen angekleidet. Im Unterrock, oder mit noch weniger, standen sie- chelnd da und warteten, bis die wunderbaren Klei­der ihnen übergeftreift wurden, anspruchsvolle Modelle mit Brokatjäckchen, oder schlichte Tanz- kleidchen für den Sonntag mitIhm'si In einem Geschäftshaus aber hatten alle den Kopf verloren. Es war entsetzlich, ganz entsetzlich anzusehen. Zum Glück handelte es sich aber nicht um die Lebenden. Diese gingen vielmehr mit ebensoviel Vorbedacht, wie Umsicht zu Werke, indem sie den wächsernen Schönen die Köpfchen so weit verdrehten, daß bis zum völligen Abnehmen nur noch ein Schritt, viel­mehr Griff war. Und nachdem somit dieser edelste Teil in Sicherheit gebracht, konnten die Kleider unbesorgt übergeftreift und die Stellungen ver­führerisch geordnet werden. Und dann hieß es wie­derKops hoch!" und siehe es fehlte kein teures Haupt.

Auch wer auf großem Fuße lebt, kann gut ein« kaufen. Wenn Sie ober auf Elfenfüßchen durchs Leben schreiten sollten, dann können Sie zu ent­sprechendmärchen"haften Preisen die wunder­barsten Schubchen aus Silber, Eidechs oder was sonst kaufen. Denn dieser Käuferkreis ist klein. Die Allgemeinheit lebt eben auf obenerwähntem großen Fuße, trotz wirtschaftlicher Notlage, und dagegen ist nickts zu machen.

Selbst Pelzmäntel sind im Preisabbau mitgestürzt. Waren früher Reichtum und Pelzmantel zusammen-

eine Haushälterin. Unb die sind wohl gerade beide hinten im Gemüsegarten. Unb Papa ünb ich, w'.r waren im Musikz immer. Sie haben ja gehört Papa spielte"

Sie brach ab. Errötete Weeder und sah bas Seidentuch, das Wördehoff noch immer in der Hand hielt. Er bemerkte den Blick unb sagte, inbem er ihr den Schal reichte, den sie nun lose um die Schultern warf:

Ia das war bas erste Anzeichen mensch­lichen Lebens in diesen Räumen, die mir so ver­wunschen schienen. Und die Musik Sie sagten, daß Ihr Herr Vater spielte?^ 3a bitte wem gehört denn das Schloß?"

Uns!" lachte Ricolette Kinna lustig auf.Uns, Herr Wördehofs. 3m vorigen Herbst, als sich Papa aus dem Theaterleben zurückzog, kaufte er es. Oh, es ist wundervoll hier! Er wünschte sich das ja immer

Wördehofs ergriff nochmals impulsiv ihre Hand, entz-ckt von ihrer Fröhlichkeit.

3hn«n? S.e Glücklichste! Das ist wirklich das ist ein absonderlicher Zufall. 3ch wandre schon seit Wochen hier im Harz herum"

Sie klatschte in die Hände.

O wird sich Papa freuen!" rief sie aus.

Drehte sich um, um zurückzulaufen, hell klang ihre feine Stimme:

Papa Papa Besuch ist da

Da tauchte schon im Türrahmen die Gestalt des Professors Kinna auf. Mittelgroß schlank etwas gebückt das Gesicht scharf geschnttken, von den Runen des Alters gezeichnet. Eine mächtige, gewölbte Stirn über weißen, buschigen Augenbrauen. die graue Haarmähne zurück­gekämmt. Auf der vorspringenden Rase saß eine Hornbrille, und die seltsam jugendlich strahlen­den blauen Augen blitzten durch die Gläser.

Er schien einen Augeirblick zu überlegen, als er des Gastes ansichtig wurde.

Wördehofs half dieser aus.

Ah richtig, ja, ich entsinne mich. Herr Wördehoff, der Dichter, grüß Gott!"

Er reichte ihm die Hand mit Herzlichkeit.

Donnerwetter, wie kommen Sie hierher? Es weiß doch kaum ein Mensch

Ein Zufall, Papa, denk' nur! Herr Wördehoff ist auf der Wanderschaft"

Ah famos! Siehst du, Mädel, das kommt davon, daß du so oft von ihm gesprochen halft. Gedanken haben magnetische Kräfte

Ricolette wurde glühend rot.

Ach, Papa, was du auch sagst*

Wördehofs bemerkte ihre Verlegenheit, fühlte sich seltsam ergrif.cn davon unb sprach nun schnell:

Es war wie ein Geheimnis dieses ganze Schloß. Aber nun hat sich ja das Mirakel ent­schleiert auf natürliche, reizvolle Weise. Ich höre, Sie haben das Schloß gekauft. Herr Professor?" (Fortsetzung folgt.)

gehörige Begriffe, können Sie jetzt schon einen Pelzmantel für gar nicht allzuviele Märker haben. Natürlich nicht Blaufuchs oder Seal, aber auch das Kalb trägt jein Fell in Ehren, unb es hält warm und sieht schick aus was wollen Sie mehr?

Die Männerwelt hat von je den Ausverkäufen uninteressierter aegenübergeftanben. Ihre Mode wechselt nicht so schnell unb ins Auge fallend, wie die weibliche, weshalb ihre Sachen nicht so auf­regend herabgesetzt werden müssen. Dennoch gibt es auch für sie erstaunliche Angebote.

Was vor wenigen Tagen noch Wunsch und Ah­nung war, heroorgerusen durch Zeitungsstudium und verhängte Fenster, kann nun Erfüllung nach Inaugenscheinnahme werden. Allerdings hatte das Verhüllte auch seine Reize. In einem großen Ge- schäft ließen die Vorhänge unten einen breiten Spalt offen. Zwei kleine Jungen konnten dieser Lockung nicht widerstehen. Sie hockten sich nieder und guckten nun begeistert, mit schrägem Kops hinein, sich in dieser ungewöhnlichen Stellung langsam von Fenster zu Fenster entlanghockend. Das war be­stimmt nicht beguem. Aber sie wollten eben hinter die Dinge kommen unb das kostet Mühe. Das willen wir Erwachsenen längst.

E. v. M a s s o w.

Ore (Siebener Wirtschaft und das Steuerdiktat.

Unsere in Nr. 2 vom 3. Januar ausgesprochene Vermutung, daß das S t e u c r b i 11 a t d e s Staatskommissars für Gießen hier wohl nicht so ohne weiteres hingenommen werde, wird uns jetzt von maßgebender Seite der Wirtschaft bestätigt. In weitesten Wirtschaftskreisen der Stadt herrscht große Erreaung über diesen Machtspruch, gegen den die Wirtschaft aller Zweige einmutig ge­eignete Maßnahmen fordert. Gegenwärtia wird von den führenden Männern des Gießener Wirtschafts­lebens geprüft, inwieweit der Ansicht und dem Willen der Wirtschaftskreise in dieser Sache der erforderliche Ausdruck gegeben werden soll.

Taten für Freitag. 9. Januar

Sonnenaufgang 8,30 Uhr: Sonnenuntergang 16,11 Uhr. Mondaufgang 22,56 Uhr: Mond­untergang 10,52 Uhr.

1873: Rapoleon III. in Ehislehurst gestorben. 1908: der Maler unb Dichter Wilhelm Dusch in Mechtshausen (Harz) gestorben.

Gictzcncr Wochcnmarltprcise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 120 bis 130. Kochbutter von 100 an, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140 Wirsing 10 bis 15. Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut: 10 bis 12, gelbe Rüben 10 bis 12, rote Rüben 10 bis 15, Spinat 20 bis 25, Unter-Kohlrabc 5 bis 6, Grünkohl 15 bis 20, Rosenkohl 30 bis 35, Feldsalat 80 bis 100, Tomaten 70 bis 80, Zwie­beln 8 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Schwarz­wurzeln 30 bis 50, Kartoffeln 31 ? bis 4, Aepfel 25 bis 45, Birnen 20 bis 40, Dörrobst 30 bis 35, Honig 40 bis 50, junge Hähne 90 bis 120, Suppenhühner 90 bis 120, Gänse 90 bis 110, Rüsse 50 bis 60 Pf. das Pfund: Tauben (Stuck) 70 bis 80, Eier 15 bis 16. Blumenkohl 30 bis 70, Salat 25 bis 30, Endivien 20 bis 30, Ober-Kohl­rabi 8 bis 10. Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 50 Pf. das Stück. Kartoffeln der Zentner 2,50, Weißkraut 6 bis 7, Wirsing 7 bis 8, (Rotkraut 9 bis 10 Mk.

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag: Vortrag:Erziehungsratschläge für Eltern und Erzieher", von Missionar Walther, 20 Uhr in der Stadtkirche. Vortrag:D.e Zerstörung Karthagos als Problem dec römischen Po.ttik", von Univcr itätsprofessor Dr. G e l z e r , Frank-

Aus Paris kommen seit einiger Zeit immer zuversichtlichere Meldungen, wonach Br fand sich zur Verwirklichung seines paneuropäischen Traumes des berühmten goldbeladenen Esels be­dienen werde, vor dem bekanntlich die stärksten Festungen ihre Tore öffnen. Frankreich, so hat uns Sauerwein imMatin" beteuert, werde a u f der neuen Konferenz über die Er­richtung eines europäischen Staaten­bundes sich bereit zeigen,aae seine Mittel jur Verfügung zu stellen, um Europa wieder aufzubauen und den europäischen Markt zu ver­einheitlichen." Französische Schriftsteller, d:e sich J)ie Ausbreitung der paneuropäischen Heilslehre *jur Lebensaufgabe gemacht haben, sahen schon vorher im Geiste einen befruchtenden Strom flüssi­gen Goldes von Paris aus sich in alle Teile Europas ergießen. Francois D e l a i s i spricht in seinem neuesten Wert von hundert Mil­lionen Bauern, die infolge einer Revolution sondergleichen imDerlaufevonzehnIah- ren zu eigenem Grundbesitz gelang­ten: der Pächter als Herr im eigenen Hause habe nunmehr keinen anderen Wunsch, als den, zu arbeiten, falls man ihm modernes Werkzeug und Betriebskapitalien verschaffe.Man gebe sie ihm nur, und man wird sehen, daß die prächtigen ^Ländereien Galiziens, der Ukraine, Rumäniens und Ungarns, die Berieselungsfelder Italiens unb Spaniens in Kürze Erträgnisse in gleicher Höhe liefern werden, wie die Länder der­selben Beschaffenheit im industriellen Europa. Anstatt neun oder zehn Zentner auf den Hektar, Verden sie zwanzig Zentner wie in Deutschland oder zweiundzwanzig Zentner wie in Belgien her- dorbringen. Mit seinem Ernteüberschuß wird der Dauer ohne Schwierigkeiten die Zinsen für die Summen bezahlen können, die man ihm für fein Werkzeug vorstreckte, und er wird immer noch etwas erübrigen, um Stoffe, Kleider, Schuh- toerf und die tausenderlei Gegenstände kaufen zu können, die zum abendländischen Komfort ge­hören. .. Das Heil Europas liegt in der Rück­kehr zu Europ a." Edoi arb Herriot macht sich in seinem, kürzlich auch in deutscher Sprache erschienenen BucheVereinigte Staaten von Eu­ropa" diese Sähe kritiklos zu eigen, um damit zu dokumentieren, wie unsäglich oberflächlich paneuropäische Idealisten die brennendsten Röte der Völler Europas beurteilen. Als ob es den befreiten" Dauern Mittel-, Ost- und Südeuropas nicht schon gegentoärtig an Käufern für die ver­hältnismäßig geringen Ueberschüfse fehlte, die sie aus ihren Ernten erzielen, und als ob nicht zusätzliche Verschuldung die Kaufkraft der De- Dotierung Europas auf die Dauer nur noch mehr zerrütten müsse.

Im Mittelpunkt jeder ernsthaften Demühung, europäische Wirtschaftsnöte auch nur zu lindern, steht das Problem bet Revision der Ver­träge. Mit wachsender Beunruhigung ver­folgten französischePaneuropäer" im Laufe des vergangenen Jahres die verschiedenen Agrar- kvnferenzen, auf denen südosteuropäische und bal­tische Staaten eine Art östlicher Agrarfront her- zustellen suchten. Es drohten Querverbin­dungen zwischen Ländern revisionistischer und revisionsfeindlicher außenpolitischer Orientierung zu entstehen, die mit der Zeit dazu führen mußten, das französische Bündnis­system zu unterminieren, zumal in den östlichen Randstaaten neuerdings auch Bestrebun­gen für eine unmittelbare Verständigung mit Sowjetrußland an Boden zu gewinnen scheinen.

Die kleine Mcoletle

Vornan von Paul Hain.

Rechter Hand lag wohl bet bewohnte Teil des Schlosses. Ein paar flache Steinstufen führten zu her breiten Eingangstür hinauf, die, ein mit Eisen beschlagener Dohlenflügel, offen stand.

Daneben befand sich ein großer, runder Holzttsch mit einigen bequemen Gartenstühlen dahinter.

Wördehoff sah sich nach allen Seiten um.

Wie heiß es hier war! Und kein Mensch zu schen I Wer mochte nur hier wohnen?

Er blickte nach bet offenen Tür hi". Warmn sollte er nicht hineingehen? Er sah ja doch nicht aus wie ein Vagabund.

Kein Pförtner, fein Diener, feine Magd zu schen! Sonderbare Sache!

Er faßte den Stock fester und schritt auf die Tür ' >il Was man doch so alles auf seiner Wander­fahrt erlebte! ,

Gott, wie alt mochte die Tür schon sein! Das Holz so dick wie die Wand eines Kassenschrankes. Der eisenbeschlagene Löwenkopf darauf fleischte die

Da wehte nicht ein feiner Duft um ihn? Er hatte ihn vorher in der Halle nicht ge­spürt. Es war wie ein feines, leichtes Parfüm.

Woher kam dieier Duft?

Sein Herz schlug hörbar.

Sein Blick blieb plötzlich an einem Stuhl hän­gen, der neben einem der verhängten Fenster stand. Langsam schrltt er darauf zu. Sah nun mit einem Lächeln auf das feine duftige Seiden- gespinst, das dort lag.

Ein dünner, feiner Frauenschal, mattrosa.

Also mußten doch Menschen in dem Schloß sein, zumindest eine Frau, die diesen Schal um ihre Schultern zu schlingen Pflegte und die ihn nur hier achtlos hatte liegen lassen.

Wo aber war sie?

Behutsam strich er mit den Fingern über die Seide.

Da knarrte eine Tür.

Tief er chrocken fuhr er herum. Ein leise tap­pendes Geräusch. Auf der Schwelle zum Reben- raum stand, ein hochbeiniges, russisches Wind­spiel, das mit glänzenden Augen zu ihm her- übcrlah.

Ictzt wird er Lärm machen, dachte Wördehoff, mich vielleicht anspringen!

Aber nein!

Das Windspiel tarn mit steifem Gang auf ihn xu, umwedelte ihn, blickte mit braun-schilfern- ben Augen zu ihm auf unb benahm sich ganz ka­meradschaftlich.

Wahrhaftig, das ist wie ein Sommernach­mittagstraum, ging es Wördehoff durch den Kopf. Ein leeres Schloß, ein seidener Schal, und ein Windspiel!

Der reine Dichtertraum!

Welche Wacht hat mich hier herein getrieben?

Was wird nun noch kommen?

Er setzte sich auf einen Stuhl, nahm das Seidentuch über den Arm, und der Hund fegte sich, als mühte es so fein, zu seinen Füßen nieder.

Wördehoff blickte auf das lange, seidige, weiße Fell herab.

So, dachte er, warten wir ab, was nun noch weiter wird. Das alles ist ja ganz wundervoll!

9.

Unb als hätte das stille Geheimnis des Schlos­ses nur darauf gewartet, daß er Platz nahm, begann es bereits weiter zu wirken.

Musck klang auf.

Irgendwoher.

Es muhten wohl viele Zimmer dazwrschen lie­gen. Klavierlpie ! Leise antönend und dann in vollkommenen Wollharmonien aufsteigend. Glanz­voll in Farbe und Spiel. Ein Meister muhte da die Tasten rühren.

Was war das? Wer sprach so voll Schwer- .mut und eigener, klingender, klagender Sehn-

«WB

Siehe«.

lflr,dbenb^^

Französisches Gold und europäische Politik

Don Otto Eorbach.

sucht, dah dem heimlich Lauschenden das Blut stockte? t

Es war Solveigs Lied von Grieg, dem großen nordischen Musiker.

Wördehoff lauschte mit zurückgelehntem Kopf.

Garz hingegeben diesen Tönen.

Zeit unb Raum verrann ihm in diesem Hin- hcrchen, und so innig war er in die Musik ver­sunken, daß er gar nicht merkte, wie sie schon vorllungen war.

Unö so hörte er auch nicht, wie leichte Schritte durch das Rebenzimmer herankamen und auf der Schwelle stockten. Unb er sah nicht, wie da eine junge, zierliche Mädchengestalt in einem leichten, duftigen Kleid, die nackten Arme er­schrocken aufgehoben, stand und mit großen, rat­losen Augen auf das sonderbare Dlld starrte, das er und das vor ihm liegende Windspiel boten.

Run aber öffnete sie den Mund und ein leises: Ra, aber--" kam von chren Lippen.

Wördehoff sprang erschrocken auf.

Das Windspiel lief schweifwedelnd zu dem Mädchen hinüber.

Verzeihung, meine Gnädigste ich ich wollte mir das Schloß an sehen aber niemand war zu finden, den ich um Erlaubnis fragen konnte. So geriet ich hier herein hörteSol­veigs Lied"

Seine Geister sammelten sich.

Verzeihen Sie vielmals. Das Schloß muß eine magische Anziehungslraft auf mein Empfin­den ausgeübt Haven. Ich weih selbst nicht recht, wie ich hineingekommcn bin. Meine Entschul­digung ist, dah mir niemand den Eintritt ver­wehrt hat"

Während seines Sprechens hatte sich das zarte Gesicht des Mädchens, das in der feinen Regel- Mäßigkeit seiner Linie, mit den großen, leuchten­den blauen Augen, dem leicht geöffneten Mund und der blonden Lockenumrahmung unendlich rührend aussah. leise gerötet, und ein frohes Lächeln stahl sich um die Lippen. Iung und knosvenhaft war sie in ihrer kindlichen Zier­lichkeit.

Run trat sie ein wenig näher, der Lichtstrahl zwischen den Vorhängen des Fensters fiel auf ihr Gesicht.

Wördehoff zuckte zusammen.

Herrgott Fräulein Kinna! Ricolette Kinna! Sie hier? '

Er war ganz verblüfft.

Ein leise llingendes Lachen schwang von ihren Lippen.

Crüh Gott, Herr Wördehoff! Ich habe Sie gleich ernannt. 3a, in höchsteigener Person ich bin es!"

3a wie ist denn das möglich?"

Glaub' es 3hnen schon, dah Sie überrascht sind. Wir haben hier nur einen Hauswart und

achen........

8'-«°°®eurte1'1 mn*n'

JC*1,D Ml.

;huistra^e

Aeußerlich haben die meisten Inventurausver­käufe am Montag begonnen. Innerlich war der Hochbetrieb schon Tage vorher, hinter den Kulissen. Rot-, Blau- unb Bleistifte in fieberhafter Eile glitten sie über die bedeutsamen Zettel, rücksichtslose Umwertung aller Werte schaffend. Die Abteilungs­leiter waren Feldherren, die nach allen Seiten diri­gierten, unb auf den Tischen wuchsen Hügel und schmollen wieder zusammen, geordnet nach Mate­rial, Preis, oder Gegenständlichkeit.

In der Damenkonfektion mußten in diesem Jahre die Preise besonders herabgesetzt werden, als Folge des Mobcumschwungs von kurz, kürzer, am kürzesten auf lang und länger. Bei Durchschnittsware eine

sW ME

ZDK

*-W

men

E ».am Stück

" II

Steppdecken

IBA