Mittwoch, 7. Oktober 193J
Giehener Anzeiger (Äeneral-Anzeiger für Oberhessen)
Lr. 254 Zweites Blatt
Aus der Welt des Films
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sucht nach der eigenen Kinderzeit, die Sehnsucht auch, mit und an dem Kind die Zeit der iln- besangenheit, des Beglücktseins ohne Tendenz noch einmal zu erleben. Man nimmt dieses öffentlich auf der Leinwand sichtbare Kind als persönliches Erlebnis, und aus der Legion jener Einzeleindrücke wird die Idee, der Begriff.
Solche Wirkung hat sich durch den Tonfilm noch vertieft. Schon zur Zeit der stummen Kinematographie unterlag das „nur schöne" Kind in seiner Wirkung dem lebhaften, ausdrucksstarken. Bun, seit wir das Jauchzen und das Weinen, das selige, beseligende Geplapper höryn können, ja sogar die Atemzüge eines schlafenden Menschenkindes vernehmen, seit Gesicht und Gehör zusammengekoppelt geniesten, wird auch vom Filmkind mehr verlangt als nur ein schönes Gesicht.
Aber um Gottes willen keine Dressur! Denn der andere Grund jener allgemeinen Beglückung des Filmpublikums scheint mir in der Natürlichkeit der kindlichen Daseinsäusterung zu liegen. Man wird gerade mir verzeihen, wenn ich auf die stärkste Konkurrenz Hinweise, die das Kind in seiner Filmwirkung hat — auf das Tier. Da wie dort bezwingt die Anmut, das Gelöste
Charlie ein so reicher Mann geworden ist, dast er gleich zwei Pelze übereinander tragen darf, da er so fein geworden ist, dast er nur noch teure Importen raucht und dabei doch nicht von dem altgewohnten Griff nach dem Zigarrenstummel auf der Erde lassen kann, da er so angesehen ist, dast er im vornehmen Schiffssalon sich auf verwegene Art kratzen kann — wer wird das dem märchenhaft wohlhabenden Mann verübeln! — ilnb dast er dazu noch die Frau bekommt, die er haben wollte — wie wenigen unter uns passiert so etwas!
Bergnügt pfeifend würde ich die Kopie wieder in den Schrank legen — auf Wiedersehen, wenn einmal Pessimismus und schlechte Laune die Oberhand gewinnen sollten.
Ja, und ausgerechnet in diesem Moment lese ich, dast die letzte Kopie des herrlichen Goldrauschfilms Deutschland soeben verlassen hat — wo kriege ich nun meinen.Sorgenbrecher her, wenn ich über Nacht zu Gelbe kommen sollte?
jeder Bewegung, die Naturnähe, die uns Erwachsenen verlorengegangen ist. Ich muh bei dieser Gelegenheit an Jackie C o o g a n erinnern, der in seinen ersten Filmen die Menschen der ganzen Welt erschütterte, weil sein Spiel uns nicht als Spiel erschien, sondern als gelebtes Leben.
Ich kam im Sommer einmal zu einer Filmaufnahme, und weil mir der Negisseur freundlich gesonnen war, durfte ich einem spontanen Einfall nachgeben. Unter den Zuschauern dieser Freilichtaufnahme befand sich ein zweijähriger Flachskopf, dessen Mutter meine Anregung sofort begriff. In fünf Sekunden war dem Buben das Spielhöschen ausgezogen, und schon fast er in seiner rosigen Nacktheit mitten im Aufnahmefeld, krähte der Mutter zu, patschte sich selber auf den Leib, zupfte Blumen aus dem Gras, und als er mit seinen Zehen spielen wollte, purzelte der neuentdeckte Star um, verzog sein Schnäuzchen und brüllte aus Aerger oder Schreck.
Diese kurze Szene begeisterte inzwischen abertausend Menschen, und ich habe seitdem meine eigenen Gedanken über eine der stärksten Zukunftsmöglichkeiten des Tonfilms.
Kontrast: in einem Tonfilmatelier beginnen nun die ersten Aufnahmen. Die Bision wird Wahrheit. In einem Schlost gibt Macdonald ein glänzendes Fest, während die napoleonische Armee sich schon
ieling ung Stribling n die »rschaft
Oer erste Tonfilm
In Neubabelsberg ist der Borck-Filrn begonnen worden, der erste, in dem einer unserer gröstten Charakterspieler sprechen wird: dieser Schauspieler, der unter vielen, die sich prominent nennen, der Prominente ist; der in der Menge nicht auffällt, den kaum jemand kennt; der in jeder Rolle eine andere Gestalt annimmt, und ein unbegrenztes Rollenfach beherrscht, vom träumerischen Peer Gynt zum weinseligen Falstaff, vom Hauptmann von Köpenick bis zum Juden Shykock — Werner Kraust.
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Tonfilm-Prüfung.
Beim stummen Film war die Feststellung für die Eignung zur Filmlaufbahn nicht allzu schwer. Nach der gehörigen Zurechtmachung des Prüflings wurden Aufnahmen in den verschiedensten Stellungen gemacht, und danach bildete man sich ein Urteil. Die Prüfung für den Tonfilm erfordert viel gröstere Sorgfalt und führt zu viel gröberen Ueberraschungen und Enttäuschungen, wie Dr. E. Hahn in „Reclams Universum" ausführt. Die photographische Eignung, über die der früher allmächtige Operateur bestimmte, steht heute erst in zweiter Linie. Der wichtigste Mann ist der Tonmeister, denn die Hauptsache ist die Stimme und die Aussprache. Noch bevor der Neuling überhaupt geprüft wird, schickt man ihn erst einmal in den Borführungsraum, damit er sich durch das Telephon anmeldet. Wenn seine Stimme telephonisch klar und deutlich klingt, dann ist das immerhin schon eine Grundlage. Wer am Telephon schwer verständlich ist, mit dem braucht man erst keine weiteren Proben vorzunehmen. Dann wird der Novize vor dem vielleicht erst nach langer Wartezeit freigewordenen Mikrophon vom „Tonmeister" abgehört, und erst wenn sich keine deutlichen Sprachfehler Herausstellen, dann erfolgt die Probeaufnahme in Ton und Bild, die die eigentliche Grundlage für das Urteil liefert Wie manche bekannte Schauspie-
Oas Erlebnis „Kmd" im Film.
I Von Paul Eipper
Man sagt, in Amerika gipfle jede Daseinsform in einer Huldigung für das Kind. Wenn ich mir die Höhepunkte der filmischen Wirkungen iberbente, komme ich zum gleichen Ergebnis. 6o oft auf der bewegten Leinwand ein Menschen- linb erscheint, hören Kritik und Meinungsver- shiedenheit bei den Zuschauern auf, jedermann § |u.nö jede Frau) ist entzückt, im guten Sinne roteingenommen.
Wobei die Zusammensetzung des Publikums leine Rolle spielt: die Wirkung „des Kindes" retsagt nicht im westlichen Luxuskino von Berlin, nicht auf den Dörfern Hollands, wo einmal in der Woche im Wirthaussaal ein Film gezeigt ItDirb, auch nicht auf den großen Dampfern, die ja alle ihr Bordkino haben.
Man besinnt sich wohl auf die Gründe dieser ganz allgemeinen, nie versagenden Wirkung. Und k |p-urt als Ursache die Sehnsucht auf, die Sehn-
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über Theodor Loos, Friedrich K a ft fi I e r , ®öu» ard von Winter st ein bis zu Grete Mosheim, Bvrcks Tochter, der einzigen weiblichen Rolle des Spiels. An dem oberen Rande findet man die einzelnen Arbeitstage mit den Szenenangaben: Schloft — Königsberg — Borcks Zrmmer usw. Dann zeigen Kreuze an, an welchen Tagen und in welchen Szenen die Schauspieler zu tun haben. Eine nüchterne Ausstellung. Nüchtern wie das Regiebuch Ucickhs. Aber wo sind dabei die Grenzen? Wer will sagen, wo da die „Intuition^ aufhört und die eigentliche routinierte .Arbeit" beginnt? O.
„Orachengold und Opium."
Ein Expcditionsfilm
Berlin, im Oktober.
Biele tausend Kilometer gegen Sonnenaufgang, im Osten und Nordosten Asiens blitzen Gewehr- salven auf, und sogar das vielbeschäftigte Europa merkt auf und verweilt einen Augenblick in diesem fernöstlichen Land. Japan, das westlichste Bolk des Ostens, will seine Grenzen überfluten. Der Konflikt ist ernster, als Europa denkt, denn hier, wo die Schüsse knallen, stoften drei Bölker und Reiche zusammen, die sich alle drei ausbreiten wollen. Japan, China und Rußland, ilnb alle drei ergießen ihre Menschenmassen in ein Land, das bisher selten eines Europäers Fuß betreten hat: die Mandschurei. Mit diesem Ringen um den mandschurischen Boden ist das weltentrückte Land in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Und mit dem Land zugleich ein Film, der von der Forschungsexpedition des Asienforschecs Walther S t ö tz n e r und seines Begleiters, des Berliner Journalisten Frithjof Melzer, ausgenommen ist und ein überaus fesselndes Bild von diesem Zankapfel Asiens entwirft. Stöhner und Melzer kamen auf ihrer Expedition in dem Land des nördlichen Amur- bogens auf einen Boden, den ein Abendländer vor ihnen noch nie betreten hat, von dem es bisher noch keine exakten Landkarten gegeben hat und dessen aussterbendes Bolk, die Solonen (die nicht der gelben Rasse angehören), der Wissenschaft noch ganz unbekannt war. Der Film, der gegenwärtig im Berliner Planetarium läuft, ist unter ungeheuren Schwierigkeiten aufgenommen, und manchmal merkt man, daß der Filmstreifen öfters ein unfreiwilliges Bad in den Fluten des Flusses des Großen Schwarzen Drachen, des Amur, genommen hat, als die Expedition den zweitgrößten Fluß der Erde überqueren mußte.
Zwar hat schon vor geraumer Zeit Melzers Buch „Malaria. Gold und Opium" einen Bericht über die Expedition gegeben, der sich eher wie ein fesselnder Roman lieft, in dem die Helden Bölker, in dem die Geschehnisse Wahrheit sind. Der Film aber, der jetzt am Anfang feiner Reise durch Deutschland in Berlin sein Debüt absolviert, bringt darüber hinaus eine so erhebliche Fülle von Einzelheiten in lebendigster Form, daß der Film, obwohl er ein wissenschaftlicher Film ist, seinen Weg schon machen wird. Es war höchste Zeit, daß der Film gedreht wurde, denn, wer weih, ob noch ein Europäer das zu sehen bekommt, was der Bildstreifen hier eingefangen hat. Die Solonen, die sich einen seltsamen, altüberkommenen Götterkult erhalten haben und ihre eigenartigen Schamanentänze zu Ehren ihrer Götter heute noch tanzen, sind ein sterbendes Bolk. Der Chinese dringt immer weiter ins Land ein, mit friedlicher Miene schiebt er sich als Ackerbauer immer tiefer in die Gründe der Rehhaut-Barbaren, wie die Solonen auch genannt werden, und wie bald wird der Solone in der Jllusionslosigkeit und greisenhaften Kultur des Chinesen aufgegangen fein. Wie ein Symbol wirkt es daher, wenn am Schluß des Bildstreifens ein chinesischer Bauer Stück um Stück, Scholle um Scholle den Boden
mit Werner Krauß.
auf dem russischen Rüdzug befindet: Hunderte von französischen Offizieren sind mit ihren Damen zur großen Ouadrille versammelt, aus den Kronleuchtern fällt der Schein zahlloser Kerzen in den weißen Saal, die bunten Uniformen blitzen, die Seide der Gewänder leuchtet, die Figuren des Tanzes knüpfen und lösen sich, — heiterstes Bild. Der Kameramann Carl Hoffmann erzählt zwischendurch einiges von dem Wandel und der Mode der Filmdekorationen (die natürlich wieder mit den Dildrnöglichkeiten der Kamera zusammenhängen). Früher pflegte man die Wände der Kulissen farbig zu behandeln, oder man erfreute sich am Gegensatz heller Wände und dunkler Stabfuft- böben — heute wirb ber gesamte Ausbau in einem lichten Weiß-Grau gehalten, auch bie Böben werben mit weißem Stofs bespannt, auf ben bie Qua- bern ber Säle und Fliesen ber Treppen gemalt werden. Der Stoffbelag des Fußbodens dämpft die Schritte, und die weißen Mauern und Säulen reflektieren das Licht der blenoenben Scheinwerfer intensiver unb gleichmäßiger, ber ganze Raum erfüllt sich mit strahlender Helligkeit, bie Dilber erhalten einen silbernen Glanz.
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II
Währenb ber Regisseur Gustav Ucickh auf einem Pobest steht unb burch ein Sprachrohr bie tanzenben Quabrillenpaare leitet — eine mühselige, oft vergebliche Arbeit, bie burch Stunden wiederholt wirb — kann man einmal einen Blick in fein Regiebuch tun. Heber bas Schreib- maschinenmanuskript, bas einen stattlichen Bank» ausmacht, finb Zettel mit rätselhaften Zeichnungen geheftet. Farbige Punkte bebeuten die han- betnben Personen, kleine Pfeile zeigen bie einzelnen „Gänge" unb Beränberungen in ihrer Haltung an, hier ist sozusagen jeher Schritt burchbacht unb festgelegt. Pebanterie? Keineswegs. Die monatelange Arbeit an einem Film wäre nicht möglich, wenn man nicht zuvor bas Pensum jebes Tages bestimmen wollte, bas Pensum, bas unter allen Hmftänben bewältigt werden muß, denn wer kann sich heute den Aufwand leisten, Hunberte von Statisten vergeblich zu bestellen? Daher auch die minutiöse Durcharbeitung der einzelnen Austritte. Der Regisseur muß wissen, was er will, er darf nicht herumprobieren, er muß regiemäfjige Präzisionsarbeit leisten. Zeit ist Geld.
Eine große Tabelle, nichts weiter: links stehen die Namen der Darsteller, von Werner Krauß
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lerin der Bühne hat sich schon bei einem solchen Examen als Niete erwiesen. Denn es genügt bereits, daß das „R" im Mikrophon nicht richtig kommt, um den Durchfall zu entscheiden. Der gefährlichste von allen Lauten ist der „S"» Laut. an dem Hunderte von Darstellern, besonders Frauen, scheitern. Denn selbst bei denen, die im Leben ein tadelloses S sprechen, kommt es vor. daß sie im Mikrophon plötzlich lispeln.
Durch diese Umwertung aller früheren Werte, die berühmte Stars ins Dunkel der Bergefsen- heit schleuderte und ganz unbekannte Künstler und Künstlerinnen heraufkommen lieft, sind die Krisenerscheinungen hervorgerufen, die sich im Glashaus in der letzten Zeit so deutlich bemerkbar machten. Der Beruf des Tonfilmschauspielers ist überaus anstrengend und erfordert weit mehr Sammlung und Geisteskraft als beim stummen Film. Jetzt heißt es, Dollen lernen, genau so wie beim Theater; der Tonfilmstar darf nicht viel rauchen und nicht viel trinken. Er muß stets auf seine Stimme achten wie eine Primadonna. Dabei ist Sprachenkenntnis von höchstem Wert, denn wer in der Lage ist, nicht nur im deutschen Film, sondern auch in der französischen oder englischen Fassung zu spielen, wird natürlich dem nur deutschsprachigen Kollegen über sein. Der klingende Lohn ist zwar anständig, aber, wenigstens unter deutschen Derhältnissen, durchaus nicht so phantastisch wie man annimmt. Mit Ausnahme der „Amerikaner", die wie Lannings oder Marlene Dietrich auch amerikanische Preise erzielen, gibt es noch nicht ein Dutzend Tonfilmstars. die eine Tagesgage von 1000 Mark und mehr erhalten; alle andern müssen sich mit ein paar hundert Mark für den Tag „begnügen“. Bei den Aufnahmen muß die größte Stille bewahrt werden. Selbst wenn draußen eine Straßenbahn fährt oder ein Lastwagen auf einer entfernten Brücke vorüberrollt, muß man warten, bis diese Nebengeräusche verschwunden sind. Der Tonfilm hat seine besonderen Tücken. Ein überflüssiger Seufzer kann wie ein kleiner Kanonenschuß wirken und ein Kuß wie eine Explosion. Infolge dieser Umformung der natürlichen Geräusche bedient man sich sehr häufig künstlicher, denn der kleine Zimmerventilator ruft einen viel echteren Eindruck eines heransaufenden Flug- I zeugs hervor als der wirkliche Propeller, und kein Hahn kräht so „naturgetreu" im Film wie der Tierstimmenimitator. fb.
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Im Frühling haben die ersten Borbereitungen zu diesem Film begonnen, im Herbst fängt man an, ih i zu drehen, gegen Weihnachten wird er er- Kleinen. Was geschieht in all dieser Zeit? Die ersten, die sich mit dem Filmbuch praktisch beschäftigen, dürften die Architekten Herlth und Röhrig gewesen sein, die sich nach dieser Lektüre mit Empirekostümen, zeitgenössischer Architektur, ostpreußischer Landschaft und östlichen Bauten befaßten — in ihrem Atelier findet man Bücher über „Das schöne Ostpreußen", Trachtenbilder, Fachliteratur über die Zeit, Photos aus Schlössern, von Sälen, Treppenaufgängen und Hal en. Aus dem Drehbuch und diesen historischen Gruben ergeben sich einzelne B.sionen: eine Winterlandschaft, das Zimmer Borcks, düster unb nichtig, von einer einzelnen Kerze beleuchtet, t^ord tritt vor ben franz fischen General Macdonalb ... alle biefe Impressionen werben in Bleisti,tzeichnungen fest- gehalten, von benen jebe emze ne ein ausgezeichnetes Stück Graphik barstellt, es entstehen richtige „Bühnenbilder", Figur nen, R e schengruppierun- gen in Schwarz-WeH, unb auf allen taucht ber bleiche Kopf von Werter Krauß geisterhaft aus bunkeln Flächen. Ein koloriertes Plaste inmobell: Vorcks Zeltlager. Weiße spärliche Lanbschast um einen vereisten See, Zelte, ein Bauernhaus, bürf- tiges, winlerstarres Gestrüpp, zerfah.ene Wege: diese kleine Landschaft wirb hernach in einem Ate-. Her riesengroß au'gebaut, b. h nter ein halbkreisförmiger Prospekt wie ber Rundhorizont einer Bühne mit Aussicht auf kahles winterliches Gelände, über dem eine tiefe Sonne hängt, verschlei-
„Berge in Flammen."
Gebirgtzkrieg im Tonfilm
Berlin, im Oktober.
Wenn Luis T r e n k e r auf bie Leinwand» prunt, weiß man, es gibt Berge, Schnee, rol- mbe Lawinen, Skiläufer unb Fackelrnärsche burch lie schweigenbe Nacht. Diesmal hat Trenker von ktt üblichen kitschigen Liebesgeschichte Abstanb ge- iMimen unb sich ein Manuskript hervorgeholt, >a_z auf eine Epifobe im alten Kriege ber Oester» cücher mit ben Italienern zurückzuführen ist. iaenker war selbst auf feiten ber Oesterreicher m ber Front, hat bie Kämpfe um ben Col di Lana nuterlebt, machte Schneeschuhpatrouillen unb Durbe auch verwunbet. Jetzt erinnert er sich an 'ic Geschichte, bie sich bamals ereignet hat: Oben lief ber Spitze bes Coi di Lana lagen bie Oester» eichet, unten im Tal, in bem bas Dörfchen liegt, ampierten bie Italiener. Unb einer ber öfter» eichischen Mitkämpfer war in biefem Dörfchen be- »cimatet: noch wohnte feine Frau hort. Zwei ctunben nur, unb er hätte bei ihr fein können. Einmal hatte er biefe Talfahrt benn boch getagt, als er sich Lebensmittel aufgespart hatte und sie seiner Frau bringen wollte. Trenker Der» riefelt diese romantische Handlung mit einer recht röegerischen Episode. Die Italiener können die k-rgkuppe nicht erobern, und daher bohren sie .■timen Stollen in ben Berg, bamit sie bie öfter» :cichische Besatzung auf ber Kuppe in bie Luft 'piengen können.
Hier seht bie eigentliche Hanblung bes Films (in Durch bas unaufhörliche Donnern ber Gra» mten Hingt schrillend) bas Geräusch ber Bohrmaschinen, bie von ben Italienern, angesetzt wor- ben sind). Die Oefterreicher wissen, baß sie jebe Stunbe in bie Luft fliegen können, aber sie müssen bie Stellung halten. Wann bie Explosion erfolgen wirb, bas möchte ber Kompanieführer gern genau wissen. Unb haftet kommt es ihm beinahe " gelegen, als er davon erfährt, daß fein Berg- 'ührer, Luis Trenker, in einer dunklen Nacht zu >- ?ale gefahren ist, seine Frau besucht und hort erfährt, haft am folgenben Abenb bie Sprengung • vorgenommen werben soll. Durch bies rechtzeitige ß Dissen um bie Pläne ber Italiener wirb bie österreichische Kompanie gerettet, Trenker hat sein Leben bafür eingesetzt, bah ein paar hunbert Kame- ia.ben Dom sicheren Tobe Derschont bleiben.
Der ganze Film ist auf Luis Trenker gestellt, fer allerbings auch hier wieher im Rahmen feiner schon bekannten Leistungen Erstaunliches bie» lel. Schwach bagegen muß Lissy Arna wirken, ß bi< in biefer heroischen Lanbschaft, in ber Kriegs» banblung, kaum den rechten Ausbruck für ben D Inhalt ihrer Rolle finbet. Sein besonberes Lob rerbient auch hier wieher ber Kameramann Sepp 21 (t g e i e r. A-
le Giefeen
«1931;
irtiomert
isamlra Musikkorps des »taillons InL-Regts Nr. 15 dst« Ernst Krank
Eintritt 75 Pt
Alienhandlung von Emst
lang. Unb ba ist hinter ihm ein Bär, bem ganz gewiß ein guter Happen in biefer Stunde | willkommen ist. Aber gerabe in bem Augenblick, ba Charlie sich umbreftt, ist bas Ungeheuer Der» schwunben, unb wenn ich baß gesehen habe, kann ich mich wieher an bem kitschigen Bild) von bem Kinh am Abhang mit bem Schutzengel hinter ihm erfreuen. Früher hing es beinahe in jeher Stube — heute — also sprechen wtr in meinem Filmmuseum nicht Don Politik.
Wenn aber Charlie in ber Der schneiten Hütte 5jungerqua!en erleibet unb baher ben Lichtstumpf aus ber Lampe ißt, wenn er nach bem Salzfaß greift unb mit einer Prise bas Talglicht schmackhaft macht, bann werbe ich wieher froh. Unb wenn er ben Bären geschossen hat unb alsogleich, ehe noch bie Beute eingeholt, ausgenommen unb zubereitet ist, ben Tisch beckt, bie Messer schleift — ja, wo gibt es benn noch Trübsal in ber Welt? Laut lache ich in ben leeren Saal hinein — ist hoch eine Dergnügte Welt, — in ber man aus so tolle Einfälle kommt. .
Dann aber freue ich mich schon lange im Boraus auf ben Höhepunkt bes Films, auf ben oft gerühmten Brötchentanz, ben Charlie seinem erträumten Besuch Dorfüftrt. Kann man bas rasende Band nicht stoppen, auf daß er diese herrlichste aller Filmerfindungen nicht gleich und auf der Stelle noch einmal exekutiere? Nein, es geht nicht. — der Film muß erst zu Ende laufen, aber dann werde ich gleich noch einmal anfangen, 500 — 1000 — 1500 — 1700 Meter, da geht dieser eigenartigste aller Tänze wieder vor sich mit den beiden Brötchen, die von Den Gabeln in ben Hänben Charlies geführt unb bewegt werben.
Böllig ausgesöhnt mit allen Tücken, bie bas Schicksal unb bie Erkenntnis in baß eigene Unvermögen mir auferlegt hat, gehe ich nun mutig an bie letzten Szenen bes Films, an bie furchtbare Sache mit bem Hause, bas zur Hälfte über bem Qlbgrunb steht. Das auf beängftigenbe unb an» greifenbe Art überkippt unb burch ein paar Schritte bes Golbgräbers Charlie wieher ins Gleichgewicht kommt — biefe Szene voll grausamster unb zugleich ulkigster Tragikomik. K.entopp, nichts als Kientopp! rufe ich mir ermutigen!) zu, aber bei jebern neuen Schwanken bes gebrechlichen Holzhauses zittere ich hoch für ben armen Kerl, ber ba in Tohesängsten schwebt unb sich bie Sache vorerst n'cht erklären kann.
Unb wie versöhnlich wirkt der Schluß, da
"*"9 «iw« ' ®lr herzlichst
ÖÖFtermann
«1931
Abschied von einem Film.
Von Ernst Wesner.
Ach wer doch das könnte! So ein Haus besitzen,'in dem ein großer Saal vorhanden wäre. Unö an der Stirnwand dieses Saales mußte eine Leinwand hängen, und an der entgegengesetzten ZV eite wäre die Borrichtung für ein Kino. £ur d«s Privatkino — nicht zu verwechseln mit dem Hiümkino, denn das ist ja nur eine Spielerei. '5a, und dann wäre in diesem Saal ein feuer» lefter Schrank, und in dem Schrank läge eine Filmrolle neben der andern, und die möchte ich alle einmal wieder ablaufen lassen, ganz nach &uft unb Laune, genau so wie ich mir die Schall- platten vorhole und lostoben lasse. Ist das em verrückter Wunsch? . .
„Kommt ganz darauf an! wird jener an- lvruchsvolle Zeitgenosse sagen, der den Film und die Filmkunst Atoar billigt, aber doch mit (ehr vielen Dorbehalten. Kommt darauf an, was tu dir da in den feuersicheren Panzerschrank least Nun der „Schrecken der Garnison" tarne fl (toift nicht mit in die Sammlung; der gehört eten in die Schreckenskammer des Films, die hoffentlich auch noch einmal errichtet wird und im ber ich auch Aufnahmen von bem Publi» fwm sehen möchte, baß hiess einzigartige Geschmacklosigkeit burch eifrigen Besuch anerkannt fat. Unb eine ganze Reihe anberer Fi me biefer ob vergangener Tage bliebe gleichfalls von meiner Sammlung ausgeschlossen.
Aber — ich würbe vielleicht aus ber Zeit b:ß stummen Films mir Murnaus Meisterwerk T3or Sonnenaufgang" beschaffen. Unb Jannings Letzten Befehl". Auch ,einen „Blauen Engel - schon ber herrlichen Marlene Dietrich wegen.
Unb bann wäre „Golbrausch" babei. „Golb- r-usch" aber - baß ist sicher - „Golbrausch icare baß schönste Stück in biefer Sammlung. Das würbe ich mir ganz allem Vorspielen, so in einer Stunbe ober in einer Situation m öit man mit Gott unb ber Welt zerfallen ifl - „was hast bu eigentlich nur noch hier in ; diesem Jammertal zu suchen? So bebruckt unb mißgestimmt, unheilbar schwermütig feftembar ginge ich an bie Truhe unb holte bie Film» tepie vom „Golbrausch" hervor. Unb sehe halb tbarlie wie er im bünnen Anzug burch bie SHneewüste Alaskas stapft, ben steilen Grat ent-


