Nr. 183 Erstes Matt
181 Jahrgang
Zreitag. 7. August 1931
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Volitili Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.IHyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Ma^ Filler, sämtlich in (Liehen.
Scharfer Endkampf um den Volksentscheid.
Eine Kundgebung der preußischen Staatsregierung als Zwangsauflage für die gesamte presse auf Grund der Notverordnung
CB e r l i n , 6. Aug. (XU.) Die preußische Staat-regierung hat heute durch die zuständigen Regierungsstellen den preußischen Zeitungen eine Kundgebung gegen den Volksentscheid am 9. August 1931 auf Grund der Rotverordnung vom 17. Juli 1931 zur Veröffentlichung auf der ersten Seite an er st er Stelle tn Fettdruck in der nächsten zum Druck noch nicht abgeschlossenen Stummer ausgegeben. 3n der Kundgebung heißt es u. a.
Rechtsparteien, Stahlhelm und Kommunisten — unversöhnliche Todfeinde in unnatürlicher Paarung vereint — rufen Aum Volksentscheid für die Auflösung deS Preußischen Landtages auf. Mit derselben Waffe deS Ja-Zettels zum Volksentscheid wollen beide Teile daS denkbar Sntgegen- gesetzte erreichen Die einen ein bolschewistisches, russischen Methoden nachgeahmteS Sowjetpreußen, die anderen daS alte volksfeindliche Preußen des DreiklassenwahlunrechtS oder ein saschistisches Ge- waltregiment. Vereint wollen die Links- und Rechtsradikalen, wollen die Rationalsozialisten unb Kommunisten daS letzte große Bollwerk, die Zitadelle der Demokratie und Republik in Deutschland, Preußen, erstürmen. Mit dem Gelingen des Volksentscheids wollen sie weiterhin sichtbar da- Flammenzeichen geben, daß das Ende der Demokratie des Dolksstaates in Deutschland gekommen sei.
(Belingen des Volksentscheides bedeutet: Sieg zweier für den Augenblick vereinter gegnerischer radikaler Flügel, die dann in einem erbitterten Kampf miteinander um die Endherrschaft eintreten und Staat und Wirtschaft in diesen Vernichtungskampf mit hereinreißen würden.
Ein Scheitern des Volksentscheides ermöglicht eine Weitersührung der ruhigen und stetigen Regierungspolitik in Preußen zur Aufrechterhaltung der Ordnung unb als bewährte politische Stütze des Reiches bei allen Verhandlungen mit dem Ausland, die der Festigung des Vertrauens zu Deutschland unb dem Wiederaufbau seiner Wirtschaft bienen.
Wer aus blindem f)afe gegen die Errungenschaft der Demokratie den Sturz der Regierung der Weimarer Koalition in Preußen will, wer an die Stelle von Ordnung und Sicherheit die gegenseitige Zer- fleischung der dann um die Herrschaft kämpfenden radikalen Parteien, also den Bruderkrieg im eigenen Lande setzen will, wer die mühsam wieder an- geknüpfte» von der deutschen Wirtschaft zur europäischen Umwelt führenden Fäden wieder zerreißen will, wer ein Sowjetpreußen ober ein faschistisches Preußen will, der gehe zum Volksentscheid und stimme mit ja.
Der dagegen für den sozialen unb bemokratischen Ausbau der beutschen Republik und des Freistaates Preußen ist, wer der preußischen Staatsregierung mithelfen will uns aus dem furchtbaren Elend der Wirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit, in hartem und zähem Kampfe wieder aufwärts zur Gesundung zu führen, wer Vernunft, Besonnenheit und tiefglühende Liebe zu Volk und Vaterland gerade in schwerster Zeit beweisen will, der folge der Parole: Haltet euch fern vorn Volksentscheid, beteiligt euch nicht am Volksentscheid.
Das Preußische Staatsministerium: Dr. st. c. Braun, Ministerpräsident; Dr. st. c. Seoering, Minister des Innern: Dr. st. c. H i r t s i e s e r, Minister für Doikswohifahrt; Dr. st. v. Steiger, Mini- ster für Landwirtschaft, Domänen und Forsten: Dr. Höpker-Aschoff, Minister der Finanzen: Dr. Schreiber, Minister für Handel und Gewerbe; Dr. Schmidt, Iustizminister: Dr. Grimme, Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung.
Beschwerde des Stahlhelm.
Berlin, 6. Slug. (XU.) Das Bundesamt des Stahlhelms, Abteilung Volksentscheid, hat in Verfolg der Kundgebung der preußischen Staatsregierung gegen den Volksentscheid, die als Auflagenachr:cht sämtlichen preußischen Zeitungen zuging, an.den Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall von Hindenburg, ein Schreiben gerichtet, in dem es darauf hinweift, daß diese Kundgebung unter seiner Ansicht nach unberechtigter Berufung auf di« Rotverordnung erginge, und in dem es den Reichspräsidenten bittet, dieses Verfahren a 6 - z u ft eilen und zu verhindern, daß preußische Blatter daS Gegenteil von dem zu schreiben gezwungen seien, was sie als Wahrheit und Recht erkannt hätten.
Am Tage vorher hat der Stahlhelm an den Reichskanzler kurz vor dessen Abreise nach Rom ein Schreiben gerichtet, in dem er über DehinderungendesVolksentscheids Beschwerde erhebt, und in dem er erklärt, daß der Stahlhelm sich Vorbehalte, bei weiterer Behinderung des Volksentscheids das Ergebnis der Abstimmung anzufcchlen. Von Mtschwcrde- punkten werden u. a. folgend« angeführt: Volksentscheidsplakate. Flugblätter und Klebzettel. die dem preußischen Minister des Innern vorgelegt und von diesem nicht beanstandet worden seien, würden von den nachgcordneten Instanzen in den Provinzen widerrechtlich verboten und beschlagnahmt. Propagandafahrten. Aufmärsche. Zapfenstreiche und Feuerwerke würden verboten. Schreiben, in denen sich der Stahlhelm beschwerdeführend an den Aeichsminister des Innern und den preußischen Iustizminister gewandt hätte. bli«ben
unbeantwortet. Gegen den Amtlichen Preußischen Pressedienst wird der Vorwurf erhoben, daß er gegen den Volksentscheid Hetze. ES folgen Beschwerden üb«r die Zusammenlegung bzw. die Auswahl von Siimmlvkalen. Schließlich wird die durch das preußische Ministerium de- Innern angeordnet« erhöht« Alarmbereitschaft der Schuh- poltzet am 9. August dahin ausgelegt, daß sie bestimmt sei. die Beamten an her Ausübung ihrer politischen Rechte an diesem Tage zu hindern.
Die Antwort
der Deutschnationalen.
Wußte die Reichörcgierung von dem geplanten Aufruf'?
Berlin, 6. Aug. (XU.) Auf die von der preußischen Regierung den preußischen Zeitungen ausgegebene Kundgebung gegen den Volksentscheid wird in den .M itteilungen der Deutschnationalen Dolkspartei" eine Antwort erteilt, in der es u. a. heißt: Mit der Aufzwingung diese- Ausrufes gegen den Volksentscheid istdiePressefreiheit praktisch beseitigt. Der Gebrauch, den die preußische Regierung von der Rotverordnung des Reichspräsidenten von Hindenburg macht, ist der beste Beweis dasür, daß von Volksrechten in dieser Demokratie nicht mehr viel zu sehen ist. Der Aufruf der preußischen Regierung ist ein Versuch zu erproben, waS man der Rechten zumuten darf. Wir fragen in aller Ehrerbietung den Reichspräsidenten und wir fragen die Reichs- regierung, ob sie diese Ausnutzung einer Rotverordnung durch eine in ihrem Bestände bedrohte Parteienmehrheit billigen. Sachlich ist über den Aufruf wenig zu sagen. Richt .da- letzte große Bollwerk, die Zitadelle der Demokratie und Republik", ist Preußen, sondern Preußen ist das letzte Dolftverk des Marxismus — deshalb: Wer Vernunft, Besonnenheit und tiesglühende Liebe zu Dolk und Vaterland gerade in schwerster Zeit beweisen will, der folge der Parole: Geht hin zum Volksentscheid und stimmt mit ,3a".
Dingelbey warnt.
Gegen den politifchen Mißbrauch der Notverordnung zu Zwecken der Wahlbecinflufsung.
Dgrlin, 6. Aug. (XU.) Der Parteiführer der DVP. hat an die Reichsregierung folgendes Telegramm gerichtet:
.Soeben erfahre ich, daß die Preußische StaatS- regienmg an sämtliche preußische Tageszeitungen einen Aufruf gegen den Volksentscheid gesandt hat. Sie verlangt von den Zeitungen den Abdruck an leitender Stelle unterDezugnahme auf die zweite Rvtverordnung des Herrn Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen. Selbst wenn nach dem Wortlaut der Rotverordnung die Landesregierungen von diesem Mittel Gebrauch machen können, so muß in diesem Derfähren kurz vor dem Termin des Dölksentscheids ein p o - litischer Mißbrauch der Rotverordnung des Reiches erblickt werden. Es steht zudem in Widerspruch zu den Erklärungen der Reichsregierung, die eine kleinliche Handhabung der Verordnung vermieden sehen wollte.Die preußisch« Regierung bedient sich eines Mittels, das für d i eRe ich s re g i e r u n g bestimmt war. umeSfür de »konkreten Fall der Wahlbeeinflussung zu b nutzem. Ichmcch e den dringenden Wunsch auslprechen. daß bie Reich-regterung noch in letzter Stunde alles unternimmt, daß die preußische Regierung von einem Awangsweisen Vorgehen gegen die Presse in diesem Falle absieht. Sonst ist zu befürchten, daß das preußische Vorgehen die Stärkung radikaler Tendenzen im Lande und eine neue Erreg u n g der Bevölkerung zur Folge hat. Weite Kreise, die die Reichsregierung bisher unterstützt haben, werden durch die von Preußen geübte Anwendung der Rvtverordnung in eine Oppvsitionsstellunggedrängt, die schwere Gefahren in sich schließt.
Der Vorsitzende der Deutschen Dolkspartei.
Dingeldey."
Ein Aufruf Hitlers.
München. 7. Aug. (XU) Der Führer der RSDAP.. Adolf Hitler, richtet an di« Ra- tionalfvzialisten Preußens einen Aufruf, in dem es heißt:
Eine Verfassung lebt, aber daS Volk wird seit ypölf Jahren von einer Elend- und Rotkrise in die andere geworfen. Alles in diesen zwölf Jahren ist ins Wanken geraten. Erinnert euch des Doungplanes. erinnert euch an die Versprechungen. daß keine Unterzeichnung Deutschland einer glücklicheren Zukunft entgegen führen werde, daß die Weltnot nun ihr Ende fände, daß die 'Wirtschaftskapitalien erhalten, daß die Arbeitslosigkeit abgebaut werde, daß nunmehr die Steuern ermäßigt werden könnten und daß nunmehr aus den Ersparnissen des Poungplanes Millionen den notleidenden Massen zugeführt werden sollten. Erinnert euch an alles das und seht
euch die Wirklichkeit an. Haben wir. di« Männer deS Volksbegehrens gegen den Doungplan. mit unseren Prophezeiungen Recht gehabt, oder haben die Parteien der Doungplanunterzeichnung mit ihrer Versprechung Recht behalten? Die Geschichte hat nach noch nicht einmal zwölf Monaten daS Recht auf unserer Seite fest gestellt. Die Rot. die ihr. deutsche Volksgenossen, heute erleidet, ist die Zeugin für die Wahrhaftigkeit unserer Voraussagen. Solange Sozialdemokratie und Zentrum nicht überwunden werden, wird Deutschland nicht auferstehen. Die Position, von der auS die Sozialdemolratie heute Deutschland beherrscht. ist Preußen. Am Sonntag, dem 9. August 1931. tritt an die deutsche Ration die Frage heran. ob sie nach zwölf Jahren unermeßlicher Schicksalsschläge nun endlich reif geworden ist, den Weg nach aufwärts zu gehen.
Der Reichsinnenminister nicht unterrichtet.
Berlin, 7.Aug. (111. Funkspruch.) Der her- auogeber einer Korrespondenz hol, wie die „Börsen- zeitung- meldet, bei dem Reichoinnenmini- st e r Dr. Iv i r I h in den frühen Vachmitlagvstunden de, 6. August angefragt, ob der Beichsinnenminister von dem Auflageartikel der preußifchen Regierung gegen den Volkantscheid Kenntnis habe, und welche Stellung er dazu einnehme. Der Reichsinnenminister habe auf die Frage präzise und wörtlich erklärt: „Dondem Auflageartikel höre ichdurch Ihren Anruf da, erste Work.-
Im Spiegel der presse
Scharfe Kritik der oppositionellen Blätter.
Berlin. 7. Aug. (ERB.) Die Berliner Morgen- blätter bringen, entsprechend den Bestimmungen der Pressenotverordnung. den Aufruf der preußischen Regierung gegen den Volksentscheid auf der ersten Seite. Von den Blättern der hinter der Regierung stehenden Parteien, die alle den Auftuf in großer Aufmachung bringen, enthält der „Vorwärts" einen Kommentar von amtlicher Stelle, in dem gefügt wird, daß die Regierung sich nur schweren Herzens dazu entschlossen habe, ihre Kundgebung durch Inanspruchnahme der Notverordnung zu verbreiten. Die Regierung erkenne bas Hohe Lieb ber Pressefreiheit an unb werbe nie ihre Hanb zu einer wirklichen Verletzung der Pressefreiheit unb zu ihrer willkürlichen Einschränkung geben. In bem obwaltenden Falle aber habe sie b i e Gele- genbeit ergreifen müssen, um zum ganzen Volke sprechen zu können.
Die Presse ber hinter bem Dolksentscheib stehen- ben Parteien nimmt in schärfster Form gegen ben Aufruf unb bie Art feiner Verbreitung Stellung. Die volksparteiliche „Deutsche Allgemeine Zeitung", die von einem Dokument ber Schwäche unb der Furcht spricht, schreibt in Fettdruck u. a.: „Mit Entrüstung unb Empörung kann man ben Inhalt biefer Kundgebung zur Kenntnis nehmen. Es ist unerhört, daß sich unter biefer Kundgebung ber preußischen Staatsregierung auch Namen ber Minister befinden, die der Zentrumspartei angehören. Wir haben vielen Angriffen aus dem Bürgertum gegenüber konsequent daran sestgehalten, die Politik der Zentrumspartei wohlwollend zu beurteilen unb uns darum bemüht, Derstänbnis für die Ziele dieser Politik zu schaffen unb zu verbreiten. Die Tatsache ber Unterschrift der Zentrumsminister unter die Kundgebung ist eine große Unmoralität gegenüber den für ben Volks- entscheib eintretenbcn Parteien, die im Reich unter Zurückstellung berechtigter Bedenken die Politik des Zentrums unb Dr. Brünings bis zur Grenze ber Selbstaufopferung unterstützt haben. Diese Illoyalität kann nicht ohne bie schwer- ft e n politischen Folgen bleiben, auch nicht für bie Reichspolitik, an der die Zentrumspartei maßgebend unb führenb beteiligt ist. Daß bas preu- bische Zentrum es wagt, Dolkskonseroative, Land- volk, Christlich-Soziale, Wirtschastspartei, Deutsche Volkspartei mit ben Schmähungen biefer Kundgebung zu bedenken, ist ein in ber politischen Geschichte Deutschlands einzig dastehenber Fall. Es ist eine ungeheuerliche Behauptung, ben Befür
wortern des Volksentscheids verallgemeinernd „Gewissenlosigkeit" oorzuwerfen und die unrichtige Darstellung zu verbreiten, daß sie „bas Chaos unb bie Vernichtung ber Volksrechtc" wollen. Einer Zen- trumspartei, bie solchen großen politischen Unfua duldet, gehört ber allerschärf sie Kamps. Wir fordern bie drei bem Zentrum angehörenben Minister ber preußischen Staatsregierung auf, sofort ihren Rücktritt zu erklären, unb bie Parteileitung der Zentrumspartei, wenn sie es nicht freiwillig tun, sie dazu mit politischen Mitteln zu veranlassen."
Die konservative .Derli ner Börsenzeitung" schreibt u. a.: »Die preußische Regierung benutzt, indem sie auch für den Volksentscheid eintretende Zeitungen zwingt, ihre Kundgebung au veröffentlichen, die Rotverordnung jjur Verfolgung eines Zieles, das nichts mit jener von dem Herrn Reichspräsidenten unterschriebenen Verordnung vom 17. Juli 1931 zu tun hat. Wir sind gespannt, wie sich der Herr Reich-Präsident au diesem Mißbrauch der von ihm unterzeichneten Verordnung verhält." — Der .Lokal-Anzeiger" (Hugenberg) sagt: .Seitdem e- so etwas wie em« Zeitung gibt, hat noch niemals eine Regierung die Macht in Anspruch genommen, und in Anspruch nehmen können, die oppositionelle Presse zu zwingen, in einer Weise die völlig gegen ihre lieber ^eugung gebt, für die Politik eines von ihr bekämpften Ministerium- an vorgeschriebener Stelle mit vorgeschriebenen Worten in vorgeschriebener Aufmachung Propaganda zu machen. Die Pressenotverordnung vom 31. Juli gibt zum ersten Male einer Regierung diese Macht. Die preußische Regierung Draun- Severing macht zum ersten Male von dieser Macht Gebrauch." — Die agrarische .Deutsche Tageszeitung" bemerkt, daß die Kundgebung sich eines Tones bediene, der bei sonstiger Anwendung in der Presse z u einem Verbot durch die preußischen Verwaltungsbehörden zu führen pflege. Die preußische Regierung möge jeden Tag Zeitung-papier, das sie nicht bezahle, mit Kundgebungen pflastern, sie werde in weitesten Teilen des deutschen Volkes nicht die UcbetAeugung ersticken, daß sie als Hauptbollwerk des Sozialismus in Deutschland aus vielfältige Art die Mitschuld trage an der Abwärtsentwicklung unserer politischen und wirtschastlichen Situation.
Das Echo in -er Provinz.
Düsseldorf, 7.Aug. (TU.) Die „Deutsche Bergwerkszeitung" schreibt zur Kundgebung ber preußischen Staatsregierung u. a. folgendes: Lange ist es her, daß wir einen Leitartikel mit der Ucberschrift „Auf Befehl" geben mußten. Das war in der unseligen Zeit, als uns französische Offiziere derartige Manuskripts zum Abdruck an vorgeschriebener Stelle der Zeitung und in vor- geschriebener Ausmachung überreichten. Die Kundgebung ist ein tolles Stück, wohl bas tollste, was in bem Deutschlanb ber Nachkriegszeit erlebt worden ist. Das ist die Freiheit, die uns die sozialistische Herrschaft beschert Hal. Die Demokratie und der Dolksstaat sind bereits völlig tot, wenn es möglich ist, daß die Preste in dieser Weise behandelt wird. Wenn durch sofortige Einberufung des Reichstages zwecks Aufhebung der Preffenot- vcrordnung weitere Komplikationen entstehen, ist es die Schuld derer, die glauben, den Bogen Überspannen und sich alles erlauben zu dürfen, weil sic annehmen, daß die Mittelparteien sogar bereit sind, Selbstmord zu begehen um des Friedens willen.
Die „W estfälifchen Neuesten Nachrichten" in Bielefeld, die ausgesprochen demokratisch einaeslellt sind, sagen zu der Kundgebung der Preußischen Staatsregierung: „Wir hätten sellrstverständ- lich von dieser Erklärung der preußischen Regierung unseren Lesern ebenso Mitteilung gemacht, wie wir es bei allen anderen Kundgebungen zum Dolksent- scheid, ganz gleich, von welcher Seite sie kommen, tun. Daß wir hier aber zu einer derartig einseitigen
BevorAuguna dieser Kundgebung durch eine o f- f c n 11 i d) 11 i d) vom Reichskabinett nicht geplante Anwendung der Presscnot- Verordnung gezwungen werden, erscheint uns ein sehr bedauerlicher Mißgriff der preußischen Regierung. Wir halten uns für ver- pflichtet, unseren Lesern von diesen Zusammenhängen Mitteilung zu machen."
Die ,Leipziger Aeuesten Rachrichten" IDVP.) nennen die Auflagekundgebung der preußischen Regierung eine .Wahldemagogie de« Preuhenkabinetts" unb sagen u. a.: .Hier liegt ein ganz groberMihbrauch der Rotver- vrdnung vor. ein Mißbrauch zum Zwecke des Wahlkampses. der noch dadurch verschärft wird, daß die Preußenrecherung in dem Aufruse nicht« unterlaffen und nichts vergessen hak, was die ohnehin mit Zündswfs geladene innerpolitische Atmosphäre nur noch mehr mit Zündstoff laden könnt«. Die Kundgebung der Preuhenregie- rung ist ein demagogischer Mißgriff der gefährlichsten Art. Schon heute muß feierlichst und in aller Form feftgeftellt werden: Die letzte Verantwortung für die jedes Maß überschreitende Zuspitzung der politischen Meinungen in Preußen trägt da- Preußenkabinett."
Der Verleger der .Rheinisch-Westfälischen Zeitung" Dr. Reismann-Grone. hat a n den Reichspräsidenten ein Telegramm gerichtet, in dem er dagegen Einspruch erhebt,


