Ausgabe 
7.7.1931
 
Einzelbild herunterladen

User

or,

Mv

ier

<516D

rokurist

nVorgC' n werden.

id

Lidl

ierei iLidi 4515D

und lieber esens i An-

sich ebt- lent 8e-

, f. B. 08

Gießen.

GW« [ittwod), 8. M ) 5 Ubr. ritbeinen oller »p oen u. 3uflenbh*. tforbertid). .

Ü1.

Mittwoch, den 8. d.N

iel

te an

ibati

Nr. 156 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger sGeneral-Anzelger für Gberheffen)

Dienstag, 7. Juli 195t

Balkanwahlen.

Außenpolitische Umschau

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin.

Wichtige Wahlen fanden soeben statt. Noch W die Wirkung und Bedeutung der spanischen Wahl am 2S. Juni zu einer Rationalversamm- lung, die die neue Derfafsung beschließen soll, nicht zu erkennen. Dagegen lassen sich die Wahlen in Rumänien. Bulgarien und Ungarn über­sehen Die rumänischen Wahlen, di« schon längere Zeit zurückliegen (1. 3uni), haben den Sieg der Regierungsparteien gebracht (es siegle eigentlich mehr die Regierung eine- Mannes, des gegenwärtigen Ministerpräsidenten Sorga), die 287 Sitze erhielten einschließlich der Liberalen und der zehn deutschen Mandate und damit eine Mehrheit von 30 Stimmen. Völlig geschlagen ist di« Partei Manius, der sich deshalb auch aus dem politischen Leben zurückzieht. di« Partei der sog. Rational-Zaranisten. Die anderen Par­teien haben keine nennenswerten Mandatszahlen. So hat Rumänien eine ..Regierungskammet" und 3ot)fla kann an die Arbeit gehen, in einer sta­bilen Regierung, die Rumänien heute mehr denn j« braucht, um ein ungeheures Res arm Programm durchzuführen, das Rumänien dringlich braucht. W rd 3orga das können, wenn er parlamen­tarisch regieren will? Wird er es können, wenn er diktatorisch vorgeht?

Ein gutes Zeichen ist immerhin, daß. nachdem die Verhandlungen mit Deutschland, wie erinner­lich von Rumänien brüsk beendet worden waren, sie jetzt wieder ausgenommen wurden, und in Gens am 27. 3uni auch zum Abschluß eines deutsch.rumänischen Handelsver­trages geführt hoben, der die neuen Gesichts­punkte der Handelspolitik berücksichtigt: Verbin­dung der Präferenz (für Mais und Futtergerste) mit der Meistbegünstigung. Also ein erster prak­tischer Versuch in dem oft behandelten Sinne, dem allerdings die über die Meistbegünstigung daran beteiligten Regierungen zustimmen müssen. Der Vertrag kann deshalb voraussichtlich erst nach der Völkerbundsversammlung in Kraft treten. Don unserem außenpolitischen Gesichtspunkt aus ist er jedenfalls zu begrüßen.

Am 21. Juni wurde in Bulgarien gewählt. Das Regierungssystem des sog. .Ögoöor, des Blockes unter Lj aptschew wurde völlig ge­schlagen, in einer noch bei keiner bulgarischen Wahl erreichten Wahlbeteiligung. Die Wirt­schaftskrise und die Verelendung des Volkes wurde auf den Sgovor geschoben und die Oppo­sition alsVolksblock" errang erstaunliche Erfolge. Die bisherige Regierungsgruppe hat nur 79 Mandate, der neue Block 150 und damit die absolute Mehrheit. Sehr stark ist auch d i e äußerste Linke angewachsen. Die Kabinetts­bildung übernahm ein alter Politiker. Mali - now. Er hat nun im Innern die gleiche Aufgabe wie 3orga in Rumänien. Die alte Spannung im Land wird nicht gering sein zwischen den Mazedoniern und den anderen, zwischen den bis­her herrschenden Parteien, die mit den Maze­doniern eng zusammen gingen, und den Dauern, die die Hälfte des neuen Volksblockes in den Mandaten bilden. Diese Spannungen können sich gefährlich entladen, sie können aber durch eine geschickte Politik Malinows auch so gelöst werden, daß sie nach außen im Sinn einer Sanierung der Dalkanstaaten aneinander weiterwirken.

Diel weniger spannend und aufregend waren di« Wahlen in Ungarn am 28. Juni Wahlen sind das ja überhaupt nicht, wenn von 245 Mandaten nicht weniger als 199 in öffentlicher Abstimmung verteilt werden, also nut bei 46 überhaupt von Wahlagitation und Wahlkampf die Rede sein kann. Diese Bezirke sind Budapest und die sieben größeren Städte. Aus dem Land wird öffentlich gewählt. So ist es kein Wunder, daß die sogen. Einheitspart ei mit 155 Mandaten wieder durchs Ziel ging, die absolute Mehrheit hat und auf die Oppositionsparteien nur etwa 20 Mandate entfallen. Die Wahlen sind nur wegen der Der-

Die Enthüllung des Stresemann-Ehrenmals In Mainz. Reichsaußenmintster Dr. Curtius hält die Gedenkrede bei der Einweihung.

schiebung in den Personen interessant. Das Ver­hältnis der Parteien verschob sich nicht, weil es sich nicht verschieben konnte. Aber innerhalb der Regierungsparteien sind viele neue Männer ge­wählt. darunter auffallend viele habsburgische Le­gitimisten. Unzweifelhaft ist der Ministerpräsi­dent. Graf Dethlen. heute wohl derdienst- älteste" aller europäischen Ministerpräsidenten zehn Jahre ist er in diesem Amt, ein sehr be­deutender Staatsmann. Auch sind Ungarns innen­politische Verhältnisse stabil. Aber wirtschaftlich ist hier die gleiche Rot wie sonst und ein eigent­liches politisches Leben ist bei einer solchen Wahl- Verfassung und Wahlpolitik nicht zu erwarten.

Für die große Politik in Europa bedeuten diese Wahlen im Osten entweder nichts oder verhältnis­mäßig sehr wenig. Eine Frage, wie die des Zu­sammenschlusses Südosteurvpas als handelspolitische Gemeinsamkeit in der gemein­samen wirtschaftlichen Rot hat bei diesen Wahlen überhaupt keine Rolle gespielt I

Aus der Provinzialhauptstadt.

Dießen, den 7. Juli 1931.

Sprich richtig!

Don Robert pallesle.

Der Deutsche tut sich etwas auf seine Bildung zugute. Und es ist wahr: wir haben, im Gegen­satz zu manchen anderen Völkern, nur verschwin­dend wenige Schriftunkundige: wir treiben auf den höheren Schulen die verschiedensten Wissenschaften, lernen auch allerlei fremde Sprachen, und der berühmte ..deutsche Schulmeister" hat nicht nur die Schlacht bei Sadowa gewonnen, sondern auch die Raturkräfte in unfern Dienst gezwungen. Aber was ist das für eine Bildung, die m alle Fernen schweift und das Nächstliegende vernachlässigt? Und das sollte uns doch die Muttersprache sein, denn mit der Sprache steht und fällt unser Volks­tum. Daß wir Deutsche sind, verdanken wir nicht so sehr der heute so diel genannten Rasse, wie der Sprache, so daß, wer im Auslande die deutsche Sprache aufgibt, aufhört ein Deutscher zu sein.

Und doch gibt es keir» Volk, das seine Sprache so geringschätzig behandelt wie wir Deutschen, und die Klagen der Hochschullehrer und der höheren Richter über die mangelhafte sprachliche Ausbil­dung des jungen Nachwuchses wollen nicht ver­stummen. Gewiß, wir Deutschen streiten uns ge­nug über sprachliche Fragen und vertreten die

eigene Ansicht mit Feuereifer, aber wir reden da­von wie Kinder, denn uns fehlt jede tiefere Kennt­nis unserer Sprachgeschichte. Aber auch die gegen­wärtige hochdeutsche Sprache beherrschen wir. trotz all den Schulaufsätzen, die wir darin geschrieben haben, nicht so vollkommen, daß wir einen sicheren Maßstab hätten für richtiges und falsches Deutsch, und über den guten * Sprachgebrauch lassen wir oft nicht so sehr di« Sprache der Meister des deutschen Stils entscheiden, wie das eigene Gut­dünken. wie ja in allen Dingen die am hartnäckig­sten für ihre Meinung zu kämpfen pflegen, die von der Sache nichts verstehen.

Müssen wir erst nach Beispielen suchen für die mangelhafte Bildung des Deutschen in Sachen der Muttersprache? Keingebildeter" Deutscher würde es sich verzeihen, zu sagen larger as oder plus grand comme, aber Millionen sprechen seelenruhig größer wie", was doch ebenso falsch ist wie jenes. Andere Verstöße gegen die Sprachrichtigkeit sind die uns überall begegnende Umstellung nachund", der falsche Fall im Beisatz (der Apposition), die falsche Beugung des Gigenfchastswvrts (n statt m), das Fehlen vonzu" nach brauchen u. a. m.; zu tadeln ist ferner der häufige Gebrauch der Leide­form statt der Tätigkeitsform, die planlose Mi­schung von Gegenwart und Vergangenheit in der Erzählung usw. Und wie unübersichtlich ist oft der Sahbau, wie verwickelt die Wortstellung, wie stö­rend die Verwechslung von Haupt- und Neben­sätzen. wie häßlich die Weitschweifigkeit und Schwerfälligkeit, die Wiederholung des Ausdrucks aus bloßer Gedankenlosigkeit, die Vermischung zweier Wendungen, und dazu der nur aus beschä­mender Gleichgültigkeit gegen unsere Mutter­sprache erklärliche Gebrauch auch der übelsten Fremdwörter, wo wir schon bei geringem Nach­denken so viel schönere deutsche Wörter fänden. Uns fehlt hier leider der Platz, um für alle solche Mängel Beispiele anzuführen: aber wer sich erst einmal gewöhnt hat, auf sprachliche Dinge zu achten, dem begegnen sie auf Schritt und Tritt.

Und daraus kommt es an: wir müssen lernen, auf die eigene Sprache und die unserer Umgebung zn achten: wir müssen gute deutsche Bücher lesen, und zwar nicht nur den Inhalt genießend, sondern auch die Sprache beachtend und prüfend, und wir sollen uns. auch wenn die Schule längst hinter uns liegt, nicht für zu gut halten, öfters einmal in deutsche Sprachführer hineinzublicken und uns dar­aus zu unterrichten über Fragen des guten Stils und der Sprachrichtigkeit. Wenn das viele tun, dann werden auch wir Deutschen zu der Einsicht

kommen, welche die Franzosen längst besitzen: daß die Sprache nicht eine Sache persönlicher Willkür ist. sondern die wichtigste Angelegenheit des gan­zen Volkes. Dann erst haben wir ein Recht, von dem Hoch stände unserer Bildung zu reden.

Talen für Dienstag, 7. Juli

Sonnenaufgang 4.17 Uhr, Sonnenuntergang 20.41 Uhr. - Mondaufgang 23.51 Uhr, Mond- Untergang 12.08 Uhr

1531: der Bildhauer Tilman Riemenfchneidee in Würzburg gestorben: 1855: der Dichlor Lud­wig Ganghvser in Kaufbeuren geboren.

Zwei Menschen.

Film nach dem Roman von Richard Dost.

Es ist erschütterndes Menschen sch icksal. das der Autor des bekannten Romans in guter dichterisch r Gestaltungskunst und in fesselnder Erzählung schil­dert: das Ringen eines jungen Menschenpaares um Liebe und Entsagen: der schwere seelische Kampf eines jungen Mannes um ein Leben in der Welt, oder um lebenslängliches Wirken im Dienste der katholischen Kirche, unerschöpfliche Mutter­liebe, die in ihrer Herzensangst durch ein feier­liches Gelübde den Lebensweg des SohneS schick­salhaft auf die Bahn des Verzichts lenkt. Mit diesem Roman hat der vielgelesene Erzähler Voß seine Lesergemeinde stark in Bann geschlagen. Was dem Roman den großen Pub.ikumserfolg gebracht hat, wird durch den gleichnamigen Film, der seit gestern im Lichtspielhaus Bahnhof* strahe läuft, aufs neue erreicht. Mit starker Spannung und mit tiefer Ergriffenheit folgt der Besucher der Handlung in diesem Film, in dem die von Doh in seinem Roman feingeu>eichneten Personen und die prächtigen Milieuschilderungen sehr eindrucksvoll zur Darstellung kommen. Der Träger der Hauptrolle des Junkers Rochus Gu­stav Fröhlich bietet sowohl in seiner Urwüch­sigkeit alS junger schneidiger ^laturbursche der Ti­roler Berge, wie auch In seinem schweren Ringen zwischen Liebe und Erfüllung deS mütterlichen Gelübdes, daß er Geistlicher werden soll, und in der Rolle des Paters, der auf die Iugendgeliebte und die Welt ge­zwungenermaßen Verzicht leistet, eine starke lünst- lerische Leistung. Ihm gleichwertig in künstleri­scher Gestaltungskraft ist Charlotte Susa alS Judith Platter, die junge tiroler Hofbesitzerin mit außerordentlich sympathischen menschlichen Wesenszügen, die unter der Schwere des seelischen Konflikts desIugcndgespielen undJuien^geliebten Erlösung im Tod sucht und findet. Eine sehr gute Leistung bietet auch Herrn i ne Steller als Gräfin Enna. Fein dargeftellt wird der Graf Enna durch Fritz Alberti. Eindrucksvoll ge­staltet Friedrich Kahhler den Kardinal, köstlich sind Luch Englisch als Iungmagd Josepha und Harry Restor als Iungknecht Martin. Die übrigen kleinen Rollen werden von ihren Trägern zufriedenstellend durchgeführt. Prächtige Landschaftsbilder aus Tirol und fein gestimmte Aufnahmen aus den vatikanischen Kir­chen in Rom geben der Handlung einen würdigen Rahmen und verhelfen in Gemeinschaft mit der künstlerisch hervorragenden Lösung der darstelle­rischen Aufgabe dem Film zu starker Wirkung. Aus der musikalischen Umrahmung des Films sind besonders die Chorgesänge hervorzuheben.

Deutscher Abend im VOA.

Am Samstagabend vereinigte die Gießener Ortsgruppe des Vereins für dasDeutsch- tum im Ausland, in Verbindung mit dem Deutschen Ostbund, Ortsgruppe Gießen, zahlreiche Freunde der Vd^.-Sache zu einem Deutschen Abend im Caf6 Leib. Insbesondere di« Jugend war sehr stark vertreten und nahm leb­haften Anteil an den Ansprachen und an den ver­schiedenen Darbietungen des Abends.

Ein Marsch, schneidig gespielt vom SchÜler- orch«fter der Oberrealschul«, unter der Leitung von Studienrat Dr. Hillenbrand, leitete den Abend «in. Ein Gedichtvortrag,Ost­markgedanken", gab den Grundgedanken wieder, in dessen Zeichen der Abend stehen sollte. So­dann hielt der geschäftsführende Vorsitzende der

Freude an einem kleinen Gatten.

Don Paul Eipper.

(Nachdruck verboten.)

Mein Garten ist 14 Meter lang und noch nicht 5 Meter breit. Zwei Kiefernbäume stehen auf seinem Grund: eine Dirke habe ich im April dazugepflanzt.

Man sieht, viel ist es nicht. Aber links und rechts von mir sind gleichartige Gartenstreifen, und auch sie gehören meinem Auge, spiegeln mir Weite vor nach beiden Seiten. Inseits der Gartenfront liegt unbebauter Wald, der echte, vielgeschmähte Grünewald mit seinen nackten Dournfäulen und den dunkelgrünen Schirm­wipfeln.

Obwohl die üppigen Laubwälder meiner süd­deutschen Heimat zum Vergleich natürlich nicht herangezogen werden dürfen, ist dieser untcr- holzlofe Kiefernwald keineswegs ein kümmer­licher Ersatz. Ich habe durch ihn einen viel- gestuften Landschaftsprospekt: denn der Blick dringt tief in die Ferne zwischen den auf­ragenden Stämmen, ein Wechselspiel von Licht und Schatten in perspektivischer Verkürzung, scheinbar bis in die Unendlichkeit. Jede Stund« des Tages hat eigenes Gepräge: das goldene Leuchten der Morgenfrühe: das Wispern und Raunen, die Beweglichkeit der Wipfel, sobald ein Wind sich regt: die schwermütige Stille des erstarrten Grau bei Regen und Nebel: das glut­rote Oluf flammen der gelblichbraunen Rinde, wenn die Sonne hinuntersteigt. Am schönsten aber dünkt mich der Kontrast des blau leuchtenden Himmels und der fast schwarzen Schirmkronen ober ist ihre zackig geballte Silhouette nicht noch schöner vor dem gestirnten Firmament der Nacht?

Dies schrieb ich am Morgen, als das Wetter noch dunstig war. Ueber Mittag kam Sonne durch die Wolken: ich bin lange Zeit im Garten ge­sessen. körperlich fühlbar drang die Wärme des Himmelslichts in meine Poren: Käser und kleine Fliegen machten mir ihren Besuch, und durch die nur halb geöffneten Ader sah ich schräg hinaus über die kleine Rasenfläche, die von mir angclät worden ist vor wenigen Wochen. Man merkte zunächst dem Boden keine Verände­rung an; grau, gelb und braun, fahl also, blieb das Gemisch von Sand, Torf und Dung Aber bann regnete es 2 Tage, und als am folgenden

Morgen die Sonne schien, stand «in schüchternes gelbes Flimmern über dem Erdreich. 24 Stunden später sah man auch die Form des Farbigen: feine grünlichgelbe Spitzen wie durchsichtige Sän­ger. Jetzt breitet sich di« Grasnarbe wie ein grüner Teppich aus bis zu den unbehauenen Steinbrocken, die aus der Schräge der Böschung ein bescheidenes Alpinum machen.

In diesem Steingarten zeigt sich die Manmg- falt der Farben Gottes. Stiefmütterchen prangen gelb und rötlichbraun: winzige violette Blüten leuchten vor dem Moospolster, und irgendwo grüßen Vergißmeinnicht, zarte blaue Sterne, mild wie die Augen von Engelskindern. Manchmal hängt in einer kleinen Blattmulde vom Nachttau her ein Tropfen Wasser, und über seinem kristalli­schen Glanz, über seinem weißen Lichtfeuer ver­blaßt mir alle Buntheit, weil ja auch der Dia­mant das Glühen des Rubins überfunkelt, das Strahlen von Smaragd und Amethyst.

Mein liebster Freund aber im Garten ist die Dirke, mein Wunschkind, zart noch und anfällig, obwohl sein Wipfel fast drei Meter über den Boden ragt Der Seidenbast der Rinde schält sich gerade, und schimmerndweiß wird jetzt der gertenschlanke Stamm. In der jungen Krone aber wirkt die Kraft der Sonne: grüne Blättchen kommen aus dem Gezweig. Diese Birke, auch vom Schreibtisch im Obergeschoß zu sehen, ist mir Symbol« der Schönheit des Lebendigen.

Am Stamm der einen Kiefer haben wir in Augenhöhe ein winziges Holzhaus aufgehängt. Futterplah für die Vögel des Waldes. Sobald jemand von uns am frühen Morgen zur Türe kommt, sieht er die Schar der ungeduldig warten­den Kostgänger, wird vorwurfsvoll zwitschernd von ihnen begrüßt. Eie sitzen auf jedem Zweig der umstehenden Bäume, sitzen auf dem Grenz­zaun. besonders gern in der anmutigen Hänge­birke. die mein Nachbar zur Linken neben meine Balkontür pflanzte, als hätte er im voraus ge­wußt. wie mich_ dieses goldene Geriesel beglückt.

Meine Kostgänger sind hauptsächlich Meisen. Manchmal erscheint zwar auch ein Fink, ein Sperling, flötet ein« dunkle Amsel: aber in Mengen besuchen uns die olivgrünen Gold­hähnchen. die Grasmeisen und Haubenmeisen. Sie umfliegen ohne Unterlaß die Futterstätte, zeigen, daß der Kampf ums tägliche Brot auch in der Vogelwelt unerbittlich ist. zwitschern, locken und zanken. Es gibt da die unterschiedlich­sten Temperamente: verträgliche Familien, die

immer noch enger zusammenrücken, so daß acht oder neun gleichzeitig Körner picken fönnen. Hastige und Genießerische, auch Neidlinge, die keinem andern einen Bissen gönnen, sich rück­sichtslos dazwischendrängen und nicht daran denken zu fressen, ehe sie nicht all« übcigey ver­jagt haben. Ein dicker Meisenhahn ist mir be­sonders unliebsam ausgefallen: er springt mit gesträubtem Kopfgefieder jeden Detter an, hetzt ihn hinaus, und wenn er nicht geht, stürzt sich Der Zankbald über ihn, hackt und kämpft fliegend, wobei beide Vogel gewissermaßen in der Luft stehenbleiben, sich zeternd duellieren. Ihre Flügel flattern und schwirren, daß man an exotisch große, giftige Insekten glauben könnt«.

Ueber meine Meisen wird noch viel zu sagen sein. Sie sind temperamentvollstes Leben: aber sie verschwinden scheu, sobald mit weitem Schwin­genslug. stark und bös, die dunkle Nebelkrähe hoch oben durch die Kiesemwipfel streicht.

Billardspiel.

Don Peter Bauer.

Ein leiseS, zweimaliges Knacken verrät die ge­glückte Karambolage: ein« der elfenbeinernen Äu­geln hat die beiden anderen sanft berührt. Die Kugeln haben sich geküßt und verharren jetzt kaum fingerbreit vorreinander entfernt. Sie glän­zen wie glattschalige, pralle Früchte im nieber- flutenben Licht der rings abgeblendeten Lampe, die mitten über dem grünbetuchten, in den mäch­tigen Tafeltisch eingetieften Spielfeld wie Voll­mond über einer Rasenfläche leuchtet.

Die Stille ist spürbar mit Spannung geladen. Ein Queue und der linke Arm eines Mannes schieben sich weit in die Mitte der Cpielbahn bis unmittelbar vor die Kugeln, di« in einem Dreieck liegen: die rote als Spitz« über den beiden weihen. Daumen, Zeige- und Mittelfinger des Spielers krümmen sich wie ein Ring um bie Spitze des Queues, während die beiben anderen Finger sich gespreizt gegen die grüne Fläche an­stemmen, um dem Stab, der plötzlich zum Stoß vorschnellt, unabirrbar sein Ziel zu sichern. Dann nimmt der Angreifer den Stab zurück und setzt ihn wie ein Gewehr bei Fuh an die Seite gleich den übrigen Spielern. Alic verfolgen die vom harten Zusammenprall heftig auseinander ge­schleuderten Kugeln, die, von den elastischen Wän­den des Spielfeldes gepufft und geboxt, wie ge­

hetzte Tiere in einem Käfig Herumrasen. Soll doch die eine der beiden Kugeln die noch unbe­teiligte dritte treffen. Mehreremal hat sie bereits die Dahn durchrast, hart an der Ruhenden vor­bei. Wird sie im langsam sich erschöpfenden Aus­lauf mehr Glück haben? Die Dlicke des Spielers jagen sie wie die Meute ein Wild. Sie stießen sie am liebsten wie «in Queue noch um einen Heinen Schub vor. Aber die Gesichter der Mitspieler werfen ihr allen Widerstand entgegen, den sie in ihre Züge legen können. Die Kugel macht mit Anstrengung noch eine Drehung, bann reicht es mir mehr zu einer halben. Sie versagt eine win­zige Spanne vor dem sicheren Zusammenstoß und steht. Der enttäuschte Spieler stößt sein Queue verärgert auf den Boden. Die andern sagen ein paar knappe, höfliche Worte: Der Treffer hätte unbedingt kommen müssen.' Der Versager sei bei fo ausgezeichnetem Spiel ganz unverständlich: und ähnliche Phrasen. Inzwischen hat der Rächst« sein« Queuespitze tüchtig mit Kreide gerieben und zum Angriff angelegt.

Oft erfordern di« Stöße äußerste Geschicklichkeit, wenn die Kugeln den gewünschten Weg rollen sol­len. Es gehört Gelenkigkeit, manchmal geradezu gijmnaftifdje Fertigkeit dazu, das Queue richtig zu führen. Wenn etwa die Kugel möglichst von oben getroffen werden muß, so daß das Queue eine fast senkrecht« Haltung einnimmt. Der gute Spieler verrät sich rasch vor dem jungen Heißsporn, der meist schlecht berechnend und ungestüm losknallt wie vor dem zaudernden Pedanten, der um das Spielfeld herumläuft und unschlüssig auf die Rat­schläge der Mitspieler wartet, ehe er schließlich doch noch nach eigenem Kopf das Falsche tut Er wahrt in jeber Stellung, selbst in der schwie­rigsten, die Eleganz, biegt den Oberkörper mit der gleichen Leichtigkeit nach den Seiten ober gar rücklings über das hohle Kreuz auf das Spiel­feld und stoßt nach kurzem Fixieren bestimmt und treffsicher.

Frauen und Mädchen sah ich noch nicht beim Dillardspiel. Aber ich denke mir, daß sie es eben­so meisterhaft erlernen konnten wie das Tennis. Sie haben die Beschwingtheit, die Biegsamkeit und bi« Grazie. Das Queue ist kein Eisen stab und die Kugeln rollen auch, wenn zarte Hände ihnen den Stoß versetzen.

Und noch immer ist das auf einer rollenden! Kugel dargeftellt« Glück eine Göttin, eine grau gewesen...