Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Dienstag, 7. April 1931
Nr. 80 Zwetter Blatt
Ungarn undOeutschland
Don unserem v. ^--Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Budapest, April 1931.
Kaum ein Staat der Welt ist zur Zeit austen- politisch so aktiv wie Ungarn. Die letzten "Reisen de« ungarischen Ministerpräsidenten Grasen Beth- len nach Berlin und Wien und alle daran geknüpften Kombinationen sind noch genügend in aller Erinnerung. Die amtliche Dementiermaschine muhte ununterbrochen arbeiten und arbeitet heute noch, um die Bedeutung dieser Besuche nicht ins Phantastische wachsen zu lassen, aber — scmper aliquid hacret. Ungarn braucht und sucht engeren Anschluß an Deutschland-Oesterreich.
Ungarn« innerpvlitische Lage ist nicht leicht. Die wirtschaftliche Lage befc Lande« ist wie überall schlecht. DaS führt naturgemäß zu großer Unzufriedenheit unter den Wählern. Dies zeigt sich selbst bei der Regierungsmehrheit, mit der Graf Bethlen seit vier Jahren regiert. Diese Mehrheit ist im wesentlichen agrarisch orientiert, aber, obwohl seit langem bereits alle Maßnahmen der Regierung aus eine Linderung der Agrarkrise abgestellt sind, sind die Agrarier nicht zufrieden. Die Regierungs- maststahmen haben auch nicht viel helfen können. Letzten Endes nützen alle möglichen kreditpoli- nschen Maßnahmen einem Wirtschaftszweig nichts, man muß ihm Absatzgebiete schassen. Und hier liegt der Angelpunkt der ungarischen Politik gegenüber Deutschland. Ungarn braucht das deutsche Absatzgebiet für seine landwirtschastlichen Erzeugnisse Die deutsche Wirtschaftspolitik steht zweifellos im Zeichen agrarischen Schuhes Die Frage ist nun, soll Deutschland aus politischen Gründen bestimmten Ländern eine Borzugsbehandlung einräumen. Sympathien haben zunächst in der Politik keine Rolle zu spielen. Lassen wir also alle Gefühlsmomente beiseite und betrachten wir nur die politischen Interessen. Hier kommt es darauf an, Ungarns politische Bedeutung richtig zu erkennen.
3n zwei der wichtigsten Fragen marschieren Deutschland und Ungarn bereits Seite an Seite. Das ist die Frage der Revision der Frieden sverträge und die der Rüstung. Ungarns sehr aktive Politik ist vom deutschen Standpunkt nur zu begrüßen. Besonders wichtig ist darüber hinaus Ungarns Stellung allgemein in Südosteuropa. Südosteuropa ist ein ungemein günstiges Absatzgebiet für Deutschland. Die Bedeutung wird sicher bald noch stark zunehmen. Deutschland muß die Entwicklung dort sehr sorgfältig beobachten, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.
Die Bestrebungen zur Bildung eines süd- vsteuropäischen Agrarblocks sind bekannt. Leider hat sich Deutschland, wie so ost, jct’,n Einfluß auf die Entwicklung dieser Angelegenheit aus der Hand nehmen lassen. Anstatt gleich beim ersten Auftauchen dieser Bewegung sich an ihre Spitze zu stellen und aus diesem Block einen befreundeten kausmännischen Kontrahenten zu machen, mit dem man Industrieerzeugnisse gegen Agrarprodukte tauscht, hat man die Sache laufen lassen, bis sich Frankreich ihrer annahm. In Basel ist von den Franzosen die internationale Agrarbank ins Leben gerufen worden, die weiter nichts bezweckt, als die südosteuropäischen Länder finanziell zu binden und aus diesem Block ein französisches Werkzeug zu machen, daS gegen Deutschland gerichtet ist.
Diese Entwicklung droht, ist noch nicht beendet; sie kann noch verhindert werden. Die Schlüsselstellung dazu hat Ungarn. Ohne Ungarn wird nichts auS dem Agrarblock. Auch für die sonstige politische Entwicklung in Südosteuropa ist Ungarns Bedeutung überragend. Durch seine
Arthur Schnitzler: „Zm Spiel derGommerlüste."
Nraufführung am Gießener Ttadtthealcr.
.....Es fließen ineinander Traum und Wachen, Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends. Wir wissen nichts von andern, nichts von unS. Wir spielen immer; wer es weiß, ist klug ..."
Schnitzler, „Paracelsus".
Als ob der Krieg und all die Zeit nachher mit ihren einschneidenden Wandlungen und um- stürzenden Veränderungen nie gewesen wäre —: so traumhaft und jenseitig, so fast verschollen und fern von uns liegt dieses Stück, spielend „am Ende des vorigen Iahrhunderts", tief verfangen in der bald sagenhaft gewordenen Welt vor 1914, verwurzelt und eingebettet ganz in der einst hochberühmten Kunst alten Ocfter- reichertums, jener eben durch Schnitzler und durch Hofmannsthal zur müßen Hochblüte entfalteten Wiener Schule.
$)ieä war eine Kunst, welche, obwohl durch den hindurchgegangen und von ihm fluchtig befruchtet, dennoch die europäischen Errungenschaften der neunziger Iahre am frühesten unb entschiedensten verneinte und überwand.
Aus der Wirklichkeit um jeden Preis aus einer Welt der unbestechlichen Wahrheit und gänzlich schleierlosen Klarheit flüchteten die Dichter der Wiener Decadence bewußt und leidenschaftlich zurück in die Welt des Unwirklichen und Spielerischen, der Illusion und des Traums, der Musik, der Romantik, der Stimmungen, der Zwischentöne und der halben Wahrheiten.
Die Worte des Paracelsus, die wir an den Anfang gestellt haben, bedeuten ebensosehr ein Evangelium und Glaubensbekenntnis jener Kunst wie die sehr berühmt gewordenen Verse des jungen Hofmannsthal aus dem rokvkohaften Vorspiel zum Schnitzlerschen „Anabol":
..... Also spielen wir Theater, Spielen unsre eignen Stücke, Frühgereift und zart und traurig, Die Komödie unser Seele.
Böser Dinge hübsche Formel, Glatte Worte, bunte Bilder, Halbes, heimliches Empfinden, Agonien, Episoden..
Das ist sehr hellsichtig und bewußt gesagt; es keimzeichnet durchaus die Kunst jener Kit ...
engen Beziehungen zu Italien ist seine Stellung sehr stark geworden. Die Einbeziehung Bulgariens und wahrscheinlich auch der Türkei und Griechenlands in den italienisch-ungarischen Block ist bekannt. Diese Schlüsselstellung Ungarns in Südosteuropa muß für die deutsche Politik maßgebend sein. Deutschland ist an Südosteuropa außerordentlich interessiert, es braucht dort einen guten Freund, der auch die deutschen Interessen vertritt, der dort auf Vorposten steht. Das kann nur Ungarn sein. Ungarn wird die deutschen Interessen aber nur vertreten, wenn seine Interessen sich mit den deutschen decken. In der Revifionsfrage, in der AbrüstungS- frage ist das bereits der Fall. Ieht handelt es sich nur noch darum, einen Weg zu finden, um Ungarn- Wünsche auf Absatz seiner Agrarprodukte in Deutschland und Deutschlands Wünsche auf Schutz der eigenen Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen.
In dem deutsch-polnischen Handelsvertrag hat Deutschland an Polen große Zugeständnisse bezüglich der Einiubr von Schweinen gemacht. Wenn das Deutschland gegenüber einer uns innerlich durchaus feindlich eingestellten Ration wie den Polen tun kann, dann können auch den Ungarn, die alte Freunde und Waffenbrüder der Deutschen waren, die vor allem jetzt wieder politische Bundesgenossen sind, Konzessionen gemacht werden. Die deutsch-ungarischen Handelsvertragsverhandlungen beginnen demnächst. Mit beiderseitigem guten Willen muß der Weg gefunden werden, der beiden Teilen gerecht wird und der es ermöglicht, daß Ungarn und Deutschland auch weiterhin Seite an Seite stehen. Dor allem sollte die deutsche Außenpolitik beim Abschluß von Handelsverträgen mehr als bisher beachten, daß nicht nur wirtschaftliche Gesichtspunkte dafür maßgebend sein müssen, sondern auch politische.
Oer Vater -erinneren Mission.
Zur 50. Wiederkehr des Todestages Johann Heinrich WichernS am 7. April.
Don Propst Xie Borrmann, Superintendent in Angermünde.
.Im Anfang war die Tat" läßt Goethe den Doktor Faust die ersten Worte des Johannes- Evangeliums überfeßen. Damit wird xum Ausdruck gebracht, daß die christliche Religion auf eine Liebestat Gottes an den Menschen gegründet ist und sich auf- und ausbauen muß in Taten der Liebe. Heute, wo wir überall praktisches Christentum sehen und treiben, ist uns diese Religion der Tat so lieb und vertraut, daß wir kaum mehr verstehen, daß die christliche Kirche erst vor hundert Iahren in Has Zeitalter der christlichen Rächftenliebe einzutreten begann. Um so höher steht der Rame des Mannes, der die Kirche diese „ifjre innerste Mission" lehrte nicht durch Worte, durch herrliche Taten: Iohann Heinrich W i ch e r n. Dieser „praktische Christ" kann noch beute, fünfzig Iahre nach seinem Tode, Lehrer und Führer fein, daß wir durch ihn zu der Erkenntnis kommen: Unser Volk hat nur solange Lebensberechtigung, als in ihm die Barmherzigkeit lebt.
Als das älteste Kind von sieben Geschwistern wurde I. H. Wichcrn am 21. April 1808 zu Hamburg, das damals unter der französischen Fremdherrschaft seufzte, geboren. Sein Vater stammte aus dem Arbeiterstande, arbeitete sich aber durch eisernen Fleiß, den der Sohn von ihm erbte, bis »um RotarSgehilfen und vereidigten Ueberfeßer hinauf. Der Hauses Seele war die Mutter, eines Buchhalters Wittstock Tochter, die ihren Kindern den Sonnenschein treuester Mutterliebe leuchten ließ. Dennoch gestaltete sich Heinrichs Iugend sehr hart, zuerst durch die Rot der „Franzosenzeit" (1813 trieb Davoust in bitterer Winterkälte die Einwohner Hamburgs, darunter die Familie Wichern, aus der Stadt), dann durch den Tod des Paters, so daß der kaum fünfzehnjährige Iüngling neben der eigenen Ausbildung auf dem Gymnafium noch für den Unterhalt von Mutter und sechs Geschwistern sorgen mußte. So hat ihn schon seine Iugend zu seinem RetttmgSwerk an den Aermsten der Iugend erzogen. Freilich wurde diese rastlose Tag- und Nachtarbeit — mit siebzehn Iahren gab Wichern sechzig Stunden wöchentlich in der Anstalt Poselsdorf — auch der Grund zu den qualvollen Kopfschmerzen, die ihn fein Leben lang peinigten und sein Siechtum herbeiführten.
1830 bezieht Wichern die Universität Berlin und lernt dort ein noch größeres Elend kennen als in Hamburg. Aber er sieht auch tatkräftige Hilfe am Werk, so in der „freiwilligen B esch ä f t igun g sa n stal t", die der fromme Baron von Kottwitz in einer leeren Kaserne
der Alexanderstraße für die Arbeitslosen, die es schon damals in Berlin gab, eingerichtet hatte. Unter ihnen lebte Kottwiß, dieser Vater der Erwerbslosenfürsorge, als das verehrte Haupt einer großen Familie. Don ihm hat Wichern den Gedanken: allein Familienleben statt Kasernierung gestaltet den Anstaltsbetrieb segensreich, übernommen. Der greife Baron wurde das bewunderte Ideal des Iünglings: ,.O du unvergleichlicher Mann, könnte ich einmal so werden wie du!" schreibt Wichern in sein Tagebuch. Aehnlichen Einfluß übte der Philanthrop Dr. Julius auf den Studenten aus. Dieser Menschenfreund hatte das damalige Gefängniswesen in all seiner Härte studiert und hielt in Berlin Vorlesungen über Gefängniskunde, in welchen er seine Hörer das Gefängnis a l s Besserungsanstalt ansehen lehrte. Wichern hat bei feiner Gefängnisrefvrm diesen Gedanken in die Tat umgeseht: durch zweckmäßige Deschäftt- gung und Charakterbildung den Gefangenen schon im Gefängnis zu einem brauchbaren Glied der Gesellschaft. zu erziehen. Es ist für Wicherns praktischen Sinn bezeichnend, daß ihm Schleiermacher nichts geben konnte, während durch Männer wie Kottwitz und Iulius ihm die beiden großen Leitgedanken für seine spätere Anstaltstätigkeit — die der Familie und der Arbeit — auf den weiteren Lebensweg mitgegeben wurden.
Rach gut bestandenem Examen tritt der Kandidat 1832 als „Oberhelfer" in die „Sonntagsschule" des Hamburger Pastors Rautenberg ein. In dieser Tätigkeit findet Wichern als Beiter des ..Besuchsvereins", des Vorläufers der heutigen seelsorgerischen Hausbesuche, Kinder in so entsetzlicher Umgebung, daß ihn „der Menschheit ganzer Jammer packt". Kinder, die an Leib und Seele verkommen, in Pflege bei Leuten, die in „wilder Che" lebten, feine Schule und Kirche kannten, waren feine Seltenheit. Ein Junge hatte schon zweiundneunzigmal wegen Diebstahls mit der Polizei Bekanntschast gemacht, ein anderer bereits an der Kette gelegen.
„Ihn jammerte des Volkes", wie einst den Heiland, dem er an diesen elendesten der Kinder dienen wollte. Und da er überzeugt war, daß solchen Kindern aus ihrer sittlichen Rot nur durch Entfernung aus der Sumpfluft der häuslichen Verhältnisse zu helfen sei, tauchte der Gedanke eines Rettungshauses, besser eines Rettungsdorfes in ihm auf. Durch die Hamburger Senatoren Hudtwalker und Sieve - fing, die er für den Plan begeisterte, wurden ihm Mittel und Haus zur Verfügung gestellt;
1833 zog Wichern ins „Rauhe HauS" — vor den Toren Hamburgs „im Busch" gelegen und von rauben Winden umweht (daher der Ramel — mit den ersten Knaben eiir. Bald stieg der Zöglinge und damit auch der Häuser Zahl, denn Wichern hielt an seinem Prinzip fest, daß nie mehr als zwölf bis vierzehn Knaben, zu einer Familie unter einem Hausvater zusammengeschlossen. ein Haus bewohnen sollten. Rur bann könnte ihnen der Segen des Familienlebens zuteil werden. Auch seinen Grundgedanken, daß die Zöglinge die Arbeit lernen müßten, setzte Wichern mit liebevoller Strenge in die Tat um, wie denn überhaupt seine große Freundlichkeit, gepaart mit heiligem Emst für das „Rauhe Haus" bestimmend wurde.
Wieherns Bedeutung ging schon zu seinen Lebzeiten über Hamburg und das „Rauhe Haus" hinaus. Man war auf ihn in weitesten Kreisen aufmerfam geworden, so daß der in den Stürmen des Rcvolutionsiahres 1848 zusammentretende erste „Kirchentag in Wittenberg" gern des „Spezialisten für christliche Licbesarbett" Rat zur Abstellung der sittlichen und sozialen Rotstände hören wollte. So hielt Wichern am 22. September 1848 in Wittenberg seine epochemachende Rede über die „Innere Missto n" als die Arbeit des „hellsersüllten Dotksteils an den heillos Gewordenen" und legte sie der Kirche als ihr wichtigstes Leden »werk auf« Gewissen, der Kirche, die nun sprechen müsse: „Die Arbett der inneren Mission ist mein, die Liebe gehört mir wie der Glackbe." — Richt weniger als 123 Rettungshäuser entstanden in den nächsten Iahren, es folgten „Herbergen zur Heimat", Brüder- an ft alten, Stadtmissionen in großer Zahl. Der „Zentra lausschuß für die Innere Mission der evangelischen Kirch e", heute ein Riesenwerk mit dem Sitz in Berlin- Dahlem. begann sofort nach dem Wittenberger Kirchentag seine Tätigkeit, und die Seele dieses Werks war Wichern. 1851 wurde ihm die Revision der Staatsgesängnisse übertragen. und was er für die Gesundheitspflege und geistige Beschäftigung der Gefangenen vor- schlug. wurde ausgeführt. Seit 1857 Oberkon- fiftorialrat im Evangelischen Oberkirchenrat. blieb er bis 1874 als „vor tragender Rat" im Ministerium deS Innern Dezernent für die Strafanstalten und daS Armenwesen, noch immer Leiter des „Rauhen Hauses". Trotzdem hatte er Zeit, in den „Brüdern vom Rauhen Hause" ein Sanitätskorps zu schaffen, das 1864. 1866 und 1870 71 Samariterabeit im Felde leistete. So ist Wichern auch der Gründer de r ,.F eld d i a ko nie" geworden.
Damit haben wir schon die Bedeutung dieses großen, am 7. April 1881 nach langem Leiden verstorbenen Mannes für die Gegenwart gestreift. Die Kirche hat fein Wort heute in die Tat umgefeßt, daß „ihr der Glaube gehört tote die Liebe". So gründet sich die Weltkonferenz für praktisches Christentum in Stockholm ebenso wie jedes Werl der Innern Mission auf Wichern. Auch unsere öffentliche Wohlfahrtspflege steht heute bewußt oder unbewußt unter seinem Einfluß. Sein Gedanke der Familienerziehung Gefährdeter ist wie fein Arbeitsprogramm: Gebt dem Gefährdeten Beschäftigung! Allgemeingut aller Wohlsahrtsarbeit geworden. Und zumal unserer Zett der Qlrbeitelofigfeit hat dieser Mann der Barmherzigkeit mit seiner Forderung der Arbeit für Arbeitslose viel zu tagen. Im Gefängniswesen haben seine Grundsätze über Einzelhaft, Beschäftigung, Bildung des Gefangenen in der Gegenwart zur vollen Anerkennung und praktischen Auswirkung deS Gefängnisses als Besserungsanstalt geführt. Dor allem ist fein Vertrauen zu den Menschen, m denen er das Ebenbild Gottes sah. vorbildlich für alle Arbeit an gefährdeten Menschen geworden. Dieser Glaube war freilich mit Klugheit gepaart, aber doch grenzenlos an das Göttliche im Menschen. So wird jeder Dolksfreund etwas von
und also auch dieses neue Stück, welches innerlich — ohne daß man die Anmerkung vom Ende des vorigen Iahrhunderts zu wißen brauchte — in ihr wurzelt und aus ihr hervorgegangen ist.
Unter dem romantischen Titel „Im Spiel der Sommerlüfte" steht nur „in drei Aufzügen" — weder „Schauspiel" noch „Lustspiel" noch „Trauerspiel", obwohl das Werk vielleicht jede dieser Gattungen ein wenig in sich schließt, ... dennoch keiner von ihnen völlig angehört; es ist überhaupt kein rechtes Drama. Höchstens eine dialogisierte Rovelle, eine Episode mit lebenden Figuren, ein Stimmungsbild, ein kleines, flüchtiges Panorama...
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Es geschieht auch nicht viel; und was sich, im dramatischen Sinne, ereignet, geschieht verdeckt, hinter der Szene, indirekt, angedeutet, in Umrissen und Schattierungen... „halbes, heimliches Empfinden": das ist das Sttchwvrt für eine Relativitätstheorie, welche die Wiener vor Einstein erfunden und zu einer Weltanschauung, zu einem ästhetischen Grundprinzip erhoben haben.
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Weil aber alles in diesem empfindlichen Stück nur von schwebenden Stimmungen, schillernden Halbtönen und zaghaft verschleiernden Andeutungen lebt: ist es ungeheuer schwer, etwa mit groben nüchternen Worten einen „Gang der Handlung" zu erzählen, von dem ernstlich faum gesprochen werden kann. Man kann allenfalls versuchen, einiges von dem, was. zwischen den Zeilen und hinter den Worten, die Substanz der Szenen- solge ausmacht, dem hellen Bewußtsein des Beschauers näher zu bringen,... die vielfach verschlungenen Fäden menschlicher Beziehungen und psychologischer Verbindungen ein wenig zu entwirren.
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Der Schauplatz ist, gleichbleibend durch die drei Auszüge, der Eommersitz des Bildhauers Professor Friedlein im niederösterreichischen Dors Kirchau nahe bei Wien; zur Familie gehören Frau Iosesa; Eduard, der Sohn; Iosefas Richte Gusti, eine junge Schauspielerin. Von den übrigen Personen, die hier zwanglos vorübergehen oder zu Besuch kommen, sind bemerkenswert ein Arzt Dr. 5aber, der Kaplan Holl, väterlicher Freund und Lehrer des jungen Eduard, und Leutnant Holl, der Zwillingsbruder des Kaplans.
Zwischen den Genannten, die hier ein halber Zufall zusommenführt und durcheinanderwirbelt, begibt sich in flüchtigen, hintergründigen, angesponnenen und wieder abgebrochenen Wechselbeziehungen jenes spätsommerliche Intermezzo,
I das in wunderlicher Mischung Ehe-Spiel, LiebeS- | Spiel, Geschwister-Spiel in einem ist...
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Iosesa, die Frau am Scheideweg, in der Mitte zwischen dreißig und vierzig, zwischen Resignatton und Lebenshunger, lebt in steter, stiller, eifersüchtiger Angst um den 14 Jahre älteren Gatten, den Beruf und Berühmtheit oft von ihr fern- halten...
Gusti, junge Schauspielerin mit der Aussicht auf ein erstes Engagement, läßt sich von Eduard die Stichwörter zur Shakespeareschen Julia bringen, die sie hier draußen auf dem Lande, in den Ferien studiert. Die kleine Szene (mit den berühmten Versen im Morgengrauen — „es ist die Rachtigall und nicht die Lerche") erscheint un- gemein charakteristisch sowohl für das ganze Stück mit feiner steten, spielerischen Vertauschung von echtem Leben und Illusion,... als auch für die Gestalt der Gustt, die von allen geliebt wird, mit ihnen ihr verliebtes Spiel treibt und es doch im Grunde nicht aufrichtig meint...
Der junge Doktor, mit dem sie schon verlobt scheint und der unreife Bub, der im Ernst ihr Romeo sein möchte, sind nicht ohne Grund aufeinander eifersüchtig; aber sie gibt beiden ihre Liebe halb, läßt sie stehen, läuft ihnen davon und liebäugelt mit dem zufällig vorüberkommenden Dritten, den sie kaum kennt.
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Das ist ein junger Offizier; er kam eines Duells wegen nach Wien. Der Kaplan erfährt viel za spät, daß die Begegnung mit dem Bruder eigentlich ein Abschied fein sollte mit Beichte und Absolutton ... aber die Sorge war umsonst: der Bruder kommt heil aus der Affäre heraus.
Der Geistliche sucht seiner Aengste und seiner Zweifel im menschlichen Gespräch mit der scheinbar- so ruhigen und reifen Frau Josefa Herr zu werden, die ihrerseits wiederum instinktiv bei dem Priester Rat, Hilfe und Ausweg zu finben hofft, ... denn „keine Mutter hat ihren Sohn, und keine Frau hat ihren Mann, so wie sie ihn haben möchte. Wenn es gerade ruft und lockt von irgendwoher, so laufen sie ins Wetter, in die Rächt und ins Leben hinaus — und man bleibt allein ..
Dies kann nur Beispiel und Andeutung sein für den verdeckten und nuancierten Stil, für die schillernde, zweideutige, ungewisse Atmosphäre, für die schwebende, dünne und dufttge Sttmmung deS Stückes ...
Dis Aufgabe der Regie — Inszenierung von I Walter Bäuerle — darf sich nicht darauf be- I schränken, ein fo empfindliches und gebrechliches
Wort- und Szenengefüge nach Möglichkeit zu kürzen, zusammenzufassen und zu konzentrieren; das ist geschehen und ist zu billigen.
Darüber hinaus verstand die Spielleitung, das Ganze so theatralisch und lebendig zu machen, wie es eben sein kann; es abMiftufen, Pausen einzulegen, Steigerungen zu schaffen und abflingen zu lassen, Beziehungen durchsichtig zu machen, Stimmungen fühlbar werden zu lassen und musikalisch zu akzentuieren, die sehr bewußt eingeführte Raturshmbolik — hochsommerliche Schwüle, Wetterleuchten, erste Herbstahnung — feinsinnig und wirksam mit der Szenenfolge in Einklang zu bringen. So darf die Bühnengestal- tung des schwierigen und eigentlich sehr bühnen- femen Werkes als wohlgelungen betrachtet werden.
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Wenn im Gesamteindruck die lustspielmäßigen Elemente überwogen, so lag dies daran, daß von den jugendlichen Figuren des Stückes, rein theatralisch gesehen, die Szene auf eine lebendig- ungezwungene und überwiegend heitere Weise bewegt wird.
Beatrice Doering traf als Gusti den leicht- fertig-flattrigen, unernsten und unwirrschen Ton dieses Wiener Mädels mit sicherer Witterung.
Um sie herum: der frische, unfertige, trotzige Bub in der ersten Ahnung erwachender Männ- lichleit: Scheich er; der stille kleine Mediziner, dessen echtes Gefühl für so ein Abenteuer viel zu schade ist: Bruck; endlich der hübsche und fesche Offizier: W e s e n e r.
Als Josefa sah man Maria Koch: eine überlegene Leistung mit feinem Empfinden für die Uebetgänge, Zwischentöne und Hintergründe der Rolle. t
Die Figur des Professors Friedlem ist im Buch ein wenig obenhin, mit ziemlich lockeren Konturen gezeichnet; Bäuerle spielt sie ohne schwere Betonungen, aber sichtlich bestrebt, sie vom Menschlichen her ein wenig aufzufüllen und abzurunden.
Eine ausgezeichnete Leistung sah man von Hauer, dellen österreichischer Eigenart die Gestalt des Kaplans besonders zu liegen schien; die große Szene (mit der Koch) im zweiten Akt war darstellerisch der beste Teil der Aufführung,
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Das freundlich-ländliche Bühnenbild von Löfs« ler bildete den stilgerechten Rahmen der sommerlichen Episode.
Die Premiere fanb, bei verhältnismäßig gutem Besuch, eine sehr freundliche Aufnahme. Anhaltendem Beifall nach dem letzten Aki, hth.


