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Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Samstag, 1. März I93|

Nr. 56 Zweites Blatt

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fität 5)al l e erledigten Lehrstuhls der systematischen Theologie ist ein Ruf an Professor D. Dr. Paul Tillich in Frankfurt ergangen. Professor Dr. Otto Becker in Halle hat einen Ruf auf den Lehrstuhl der mittleren und neueren Geschichte an der Universität Kiel als Nachfolger von Prof. Friedr. Wolters erhalten.

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die Abrüstungskonferenz im Jahre 1932. wenn die Seemächte der Welt (andere als die fünf genannten kommen ja nennenswert n.cht in Frage) wenigstens auf dieser Basis an die Lkskusswn des ganzen Problems Herangehen.

Noch größer ist die weltpolitische Be­deutung. Brachte jene Londoner Einigung eine englisch-amerikanische Verständigung von größtem Ausmaß, so bedeutet dieser Abschluß jetzt eine Entspannung der franzö­sisch-italienischen Beziehungen und einen Schritt in der Befriedung Curovns. aber natürlich auch, worüber wir uns klar sein müssen, in der Befestigung der durch die Pa­riser Friedensvcrträge geschaffe­nen Gesamtsituation. So sehr dieses Ab­kommen ein Erfolg Hendersons ist, so sehr ist es auch ein Erfolg Briands, der in der Kammer mit Recht ausrief, daß Frankreich noch nie so viele Alliierte gehabt habe als jetzt, und mit Genugtuung auf einen Erfolg seiner Politik Hin­weisen konnte. Und Frankreich ist dabei wahr­haftig nicht zu kurz gekommen! Rachgcgebcn hat ja Italien. Warum? Woher diese Frie­denspolitik Mussolinis und diese Eingliederung in eine englisch-französische-italienische Front? Ratürlich gibt er und gibt Italien die bekann­ten Forderungen seiner Außenpolitik nicht auf. Aber zunächst legt es diese gewissermaßen auf

niss« viel einfacher, gehen die beiden Staa­ten. worüber wir uns auch nicht täuschen sollen, in ihren Interessen und Meinungen zur Richt- alrüstung recht parallel.

Gewiß, dieses Adlommen braucht nicht von vornherein uns nächstes Jahr zu isolieren, zu gefährden und die Abrüstung lahmzulegen. Ge­wiß. dieses Abkommen kann dem europäischen Frieden dienen. Aber es kann ebenso aus­schließlich wir.cn im Dienst einer französischeir Politik, die den bisherigen Stand auf« rechterhalten will, a.so die Rüftungs- ungleichheit zuungunsten Deutschlands und die Ausschließung jeder Rcviiionsmöglichkcit für d.e Friedcnsverträgc. Wie soll bann Italien, das man bei uns schon in der Rcvisionistcnfront sah. auf diesem Wege der Verständigung mit Frank­reich und England zur Vertretung der Rcvi- sionsfvrderungcn kommen?

So werden auS diesem chöchst bedeutsamen Ab­kommen ernste Fragen an die deutsche Außen­politik gestellt. Sie stellen sich desgleichen sür die russische Außenpolitik, der gegenüber sich Frankreich und Italien schließlich auch finden können. Und sie stellen sich nicht zuletzt für die amerikanische Außenpolitik, der d.e Führung in der Welt immer mehr zugunsten Frankreichs entgleitet.

,0a liegt der Hund begrabend

Am Rordfuh des aussichtsreichen Inselsberges liegt Halbwegs zwischen Friedrichroda und Ruhla in Thüringen das als Sommerfrische gern aus­gesuchte freundliche Dorf Winterstein. Als Sehenswürdigkeit besitzt es die Ruine des Schlosses der Herren von Wangenheim. Die größte Be- rühmtheit des Ortes bildet ein seltsames Grab­mal. bas man hier vor 300 Jahren einem Hunde zum Dank für seine treuen Dienste gesetzt hat. Angeblich leitet sich von diesem auch die Redens­artDa liegt der Hund begraben" her. Wie der Denkstein, der sich heute am Abhang des einstigen Burggrabens befindet, erzählt, wurde Anno 1630 ein Hund hie her begraben das chn nicht fressen die Rawen. War sein Rame Stutzei genannt... Geschah umb seiner großen Treulichkeit die er sei­nen Hern und Frauen beweist." Darunter befin­det sich dos Bildnis eines sitzenden Hundes.

Im Dreißigjähr.gcn Kriege hatte der brave Stutze! den Briefwechsel zweier Liebenden treu und pünktlich besorgt, mit den Briefen am Hals­band führte der vierfüßige Liebesbote seine Gange gewissenhaft aus. Als man chn nicht mehr zu ga­lanten Diensten brauchte, lief der Hund, solange es seine Kräfte erlaubten, täglich nach dem V/2 Stunden entfernten Woltershausen, um dort Ein­käufe zu machen. Sein Tod versetzte seine Herrin, die verwitwcre Iägermeisterin Anna von Wan­genheim die Anfangsbuchstaben der Romen des Ehepaares liest man noch auf dem Grabstein in tiefste Trauer; sie ließ den Hund in einen Sarg legen und ihn unter großer Leichenbeglei­tung auf dem Kirchhof begraben, wo man das Tier aber nicht lange duldete. Ihr ganzes Ge­sinde kleidete die Schlohfrau schwarz und er­heischte von ihm lautes Weinen und Wehklagen um den geliebten Hund. Eine Köchin, die stch nicht zu Tränen rühren lieh, bekam von ihr auch kein Trauergewand. Als aber die Magd in der Küche Zwiebeln schnitt, wurden chr die Augen feucht, und die Herrin schenkte ihr mit den Wor­ten .Richt wahr, nun weinst du doch noch um den guten Stutzen!" voller Rührung das Trauer- klett. '

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Eis. Warum? Die Rew Pork TimeS meldete denn auch gleich aus Paris, man spreche dort von einer 100-Millionen-Dollar-An- leihc für Italien! Die finanzielle Lage Italiens, insonderheit seine Belastung mit kurz­fristigen Krediten, ist sehr schwer. Also das Pro­gramm Sauerweins auch hier in Anwendung auf Italien: französisches Gv.d. französische Anleihe gegen Stabilisierung der bestehenden Verhält­nisse Europas!

Die ..Times" in London sucht uns zu beruhigen, der ..Temps" in Paris fährt uns in seiner Weise an. weil man in Deutschland die Besorg­nis hat, daß dieses Abkommen Deutschland auf der Abrüstungskonferenz iso­lieren könne. Aber sprechen denn die bisheri­gen Erfahrungen gegen die schon logische An­nahme. daß eine solche Verständigung üoer Gold und Seeschiffe von einer über die Landrüstung entweder schon begleitet ist oder begleitet sein wird? Sollen wir der englischen Presse glau­ben, die die völlige Unabhängigkeit Englands be­hauptet, nach all den Erlahru gen. die wir in dieser Beziehung erst mit Austen Chamberlain, dann mit Robert Cecil gemacht haben? Sind denn die Meinunglvcrschiedenheiten zwischen Frankreich und Italien in der Landabrüstungs­frage so sehr groß? Die Hauptschwierigkeit lag doch auf der See! Zu Lande liegen die Verhält-

Das Publikum hielt sich, was ihm niemand ver­denken kann, an die stellenweise groteske Storni! ber Szenerie. Lebhafter Beifall zuletzt. hth.

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Eine Gedenktafel für den srühverstorbenen hes­sischen Dichter Georg Büchner soll an Büch­ners Geburtshaus in Goddelau bei Darmstadt angel rächt werden. Die Anbringung wurde von einem Ausschuß vorbereitet, dem der hessische Staatspräsident Dr. Adelung. Generalintendant Prof. Ebert in Darmstadt. Prof. Mar Reinhardt in Berlin, Prof. Kippenberg vorn Inselverlag in Leipzig. Rektor Reiber. M. d. L., in Darmstadt, Apotheker Donat, M. d. L., und Bürgermeister Hartung in Goddelau angehören. Eine Samm­lung in ganz Deutschland brachte zwar manche Enttäuschung, aber doch eine Summe, von der ein schöner Ueberschuh zugunsten lebender Künst­ler verwandt werden ka..n. Die Enthüllung der von dem hessischen Künstler Beide gearbeiteten Tasel findet in Goddelau am 8. März statt. Beim Festakt wird Prof. Ebert die Gedenkrede auf Büchner halten.

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Oer Flottenpakt.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin.

Wir sind so sehr in unseren inneren Sorgen verstrickt, daß wir uns kaum die Bedeutung der e n g l,i s ch - f r a n z ö s i s ch - i t a i e n i s ch c n Flottenverhandiungen ganz deut ich ma­chen. ebenso wie bei uns seiner,eit der Londoner Flottenpakt vom Frühjahr 1933 nicht genügend gewürdigt wurde. Der war, ein Torso geblieben, weil Frankreich und Italien nicht mitmachten, und lange haben direkte Verhandlungen zwischen FrSnkreich und Italien gespielt ohne Erfv.g. Da hat der englische Außenminister resolut die Initiative ergriffen, weil die Gefahr eines fran- zöfisch-italienischen Wettrüstens Eng'and um den Vorteil des Londoner Vertrages, die Begren­zungen der Rüstungen nach oben, zu bringen drohte. Diese sogenannte Sicherheitsilausel, die England gegenüber Amerika und Japan er­laubte. bei weiterem Rüsten von Frankreich und Italien entsprechend auchaufrüsten", war ja eigentlich der schwache Punkt des Londyner Paktes überhaupt, bedrohte seinen eigentlichen Wert und Erfolg. Darum ergriff Henderson die Initiative und brachte einen neuen Erfolg sür Vas Arbeiterkabinett nach Hause. Der Boden muß sehr sorgfältig vorbereitet gewesen sein, sonst hätte es ja gar nicht so Schlag auf Schlag gehen können: 24. Februar französisch-englische Einigung in Paris: 28. Februar englisch-ita- sienische Einigung in Rom: 1. März englisch- französische Schlußeinigung wieder in Paris das Dreieck war fertig und wird zum Fünfeck, wenn, woran nicht zu zweifeln ist, Amerika und 3a'an zustimmen.

Dann ist der Londoner Flottenpakt vom 2 2. April 1930 perfekt, der in kluger Weise von vornherein als ein Rahmen­vertrag für d.e fünf Milchte angelegt war. Da­mit wäre eine bedeutende Grundlage und Vor­aussetzung für die Abrüstungskonferenz im Fe­bruar des nächsten Jahres geschaffen. Driand hat nach Abschluß der Presse gesagt, daß ein Übereinkommen die Krönung eines ganzen Jah­res und fast ununterbrochener Verhandlungen seit der Londoner Konferenz gewesen sei. Das glauben wir ohne weiteres. Cs ist, wie es beim Kellogpakt war, und eine Lehre für, manche, die glauben, daß außenpolitische Erfolge über Rocht reifen: Zähigkeit und Geduld, Terrain­kenntnis und Terrainbearbeitung sind unerläß­liche Voraussetzungen eines wirklich großen außen- poi tischen Erso'ges.

Marinetechnisch bedeutet das 2lbkommen, das bis 1936 gilt (so lange wie der Londoner Pakt im ganzen), daß Italien für diese Zeit und ohne daß man lange darüber geredet hat, sei­nen Anspruch auf F l o 11 e n p a r i t ä t mit Frankreich aufgibt, Frankreich aber eine Verminderung seiner Italien überlegenen Gesamttonnage auf 150 000 Tonnen zugibt. Das entspricht ungefähr dem gegenwärtigen Unterschied zwischen beiden Flot­ten. der damit bis 1936 stabilisiert wird. Beide Mächte werden die gleiche Zahl von Kreuzern zu 10 000 Tonnen besitzen, die gleiche Höchstton­nage für Linienschis'e haben. Frankeich erhält für U-Boote 70 000 Tonnen, während England, Amerika und Japan nur je 53 000 Tonnen haben. Beide Mächte treten bann dem Lon­doner Abkommen vom 22. Aprll 1933 bei, nehmen also auch die anderen Regelungen (U-Bootkrieg il dgl.) an. England braucht dann nicht von seinem Recht Gebrauch zu machen, seine Flotte zu verstärken, wenn Frankreich oder Italien die ihrige erhöhen würden. Grob gesprochen be­deutet also das Abkommen, daß die Srcrüstung im ganzen in der Welt heute nach oben begrenzt ist, wenigstens bis 1936. Das ist noch kein Schritt zur A b r ü st u n g. Otter es ist wenigstens ein Halt, einLimit" nach oben, und es ist natürlich von Bedeutung für

Oie Suggestion.

In feinem neuen BuchDie Heilung d u r ch den Gei st" (erschienen im Inselverlag zu Leipzig. -38-) läßt Stefan Zweig als erstes von drei Geistesbildnissen das seltsame Leben und wcstgrei sende Wirken des Franz Anton M e s m e r er» stehen. Er will ihn von dem Verdacht reinigen, er Winkelried der modernen Seelenheilkunde |c-. ein Nachbar des Cagliostro oder anderer Scharla­tane und Abenteurer jener Zeit. Das gelingt ihm aus überragender Geistigkeit und in überzeugender Weise. Wer kümmerte sich noch vor kurzem um Mesmer, fcftgclegt in seiner historischen Einfügung, Urbild aller Magnetopachen? Erst jetzt, in unserem vom Mechanistischen übersättigten, daher dem Secli» schen hungrig zugewandlen Denken springen ver­schüttete Quellen des Geistigen wieder auf.

Und wer nur einen Fuß in den Garten Zweig- scher Seelendeutekunst setzt, der wird selbst mit magi­schem Magnetismus in feinen weilen Gründen fest gehalten. Die Leidenschaft der Ueberzeugung feffclt und bannt, wie die gedrängte Sicherheit der Sprache zündet und erhebt. Die wahrhafte Deutung ver­gangener Ereignisse gelingt ja nicht dem, der die Fakten gesondert in der Hand hält, sondern dem Seelenmeister, dessen Einsühlen'önnen in vergange­nes Denken uns selbst zu logischem Zwang wird. Zweigs Schilderung läßt in bruchloser Folge den Film von Leben und Schaffen abrollen, in einer Gesinnung, die keine Autorität ohne sachliche Ptii- fnng anerkennt, aber ohne Libertinage, die grund­sätzlich ablehnen würde, was und weil etwas aus den Bezirken des Akademisch-Gefügten stammen würde.

Er weiß um das älteste und barbarische Ge,etz der Menschheit, ehedem im Bl"te und heute noch im Geist, jenes unerbittliche Gesetz, das zu allen Zeiten verlangte, die Erstlinge müßten geopfert werden. So bringt er uns zu gleichzeitigem Mst- erleben und nachzeitigem Mitbeareifen des in gleich­mäßigen Erschütterungen sich abspulenden Lebens.

In der sehr ausführlichen Schilderung von Mary Baker-Eddy, der Begründerin der Chri­stian Science, wird deutlich offenbar, daß bei

Heilung durch den Geist.

Ein neues Buch von Stefan Zweig: Mesmer. - Christian Science. Sigmund Freud

Besprochen von Dr. med. W. Schweisheimer, München.

Oochfcbulnadiricbfen

Der durch die Emeritierung des Prof. A. Gürber an~ber Universität Marburg erledigte Lehrstuhl der Pharmakologie ist dem a.o. Professor Dr. Max Baur in Kiel angeboten worden. Zur Wieder­besetzung des durch den Weggang von Pros. G. Mehrung in der theologischen Fakultät der llnioer-

-uit'fn tfiir

J'Wbigtte,

Gießener Stadttheaier.

Maxim (York j:Nachta ßl".

Alexej Maximowitsch Pjeschkow, geboren 1869 als Sohn eines kleinen Handwerkers zu Nishnij- Nowgorod, in der Unter-Welt des russischen Prole- tariats großgeworden und früh aus sich selber ge­stellt, Hal ein bewegtes Leben geführt als Küchen­junge, Hafenarbeiter, Gärtner, Bäcker, Hausierer, Bahnwärter und Schreiber.

Er hat das trostlose Dasein der Obdachlosen, der Bettler und Landstreicher aus eigenem Augenschein kennen gelernt und hat sich die Modelle seiner litc- rarischen Gestaltung von niemandem zu borgen brauchen. Im Jahre 1893 begann er unter dem Pseudonym Gorkij (das ist:der Bittere") zu schreiben: er hatte Glück, er wurde bekannt und bald berühmt über die russischen Grenzen hinaus... nicht nur als leidenschaftlicher Verkünder sozialisti­scher Lehren, sondern auch als Mitanreger und Bahnbrecher des europäischen Naturalismus.

Sein SchauspielIn der liefe" erschien unter dem NamenNachtasyl" 1903 zuerst in Deutschland: die Premiere bei Reinhardt war ein ganz großer Erfolg: sie hat dem russischen Dichter bei uns die Wege geebnet und ihn literarisch eingeführt. Das Stuck hat sich bis heute auf den Spielplänen gc" . halten.

Milieu heißt das Stichwort für die neue Errun­genschaft der Naturalisten ... auch auf der Bühne. Zustande werden ausgemalt: breit, ausführlich, deut­lich und antlägerifd). Akte lang: Worte, nichts als Worte. Bewegungslosigkeit, Stagnation, Unörama-- tik. Die Naturalisten entwickeln nicht sie schildern. Es gibt zwar im Dunkel dieses Schauspielsaus der Tiefe" theatralisch gesehen, einige lichte Mo­mente; etliche dramatische Akzente im epischen Ge­mälde. Einer wird sogar erschlagen: zuletzt hat sich jemand erhängt. Aber zuallerletzt ist doch im Grunde als ob nichts geschehen wäre die Situation, kaum verändert, wie ganz zu Anfang. Alles ver­läuft im Sande. Nitschewo.

Ucbrig bleibt: ein trübes Gebrodel trüber Ge­fühle, Instinkte und Leidenschaften. Die handelnden Personen (sofern sie handelnd genannt werden dür­fen im dramatischen Sinne) sind ein zusammenge­würfelter Haufen von armen und elenden Menschen im Elendsquartier: Tagdiebe, Verbrecher, Land­streicher, verkommene Intelligenz, verlotterte Aristo­kratie; Schiffbrüchige, Außenseiter, Nihilisten. Zwi­lchen ihnen, mit mitten und tröstlichen Worten das

der reich und unabhängig die Kranken ohne Hono­rar behandeln kann, der gute Musiier und Erfinder der Glasharmonika, der Freund des jungen Mozart, auf Betreiben der Wiener Fakultät schließlich aus­gewiesen. Um so größer wird sein Ansehen in dem oorrcüolut.onärcn Paris. Fünf ausgedehnte Ver­suche, bei allen Fakultäten der Welt, die von Be­deutung sind, eine Anerkennung oder wenigstens aufmerlfame Ucberprüfung seines Systems zu er­zwingen, scheitern. So wendet Mesmer sich an die Lcsfentlichkeit, an alle Gebildeten und Interessierten. Auch Aerzte Außenseiter, aber an wichtigen Stel­len hängen seiner Methode der suggestiven Be­handlung von Nervenleiden an. Aus allen Erdteilen strömen Kranke zu ihm. Vorübergehend muß er Paris verlaßen. Aber feine Anhänger erzwingen gegen die Regierung, gegen den König, gegen das medizinische Kollegium, gegen die Akademie seine Rückkehr, es wird ihm die Möglichkest gegeben, eine eigene Akademie gegen die königliche zu eröffnen. Vor Robespierre flüchtet er 1792 aus Paris nach Wien, nach Konstanz, in die Schweiz in die Ver­gessenheit.

Die französische Akademie hat seine Arbeiten in einem höchst überheblichen Gutachten abgelehnt, wie sie Franklins Blitzableiter und Jenners Pocken­impfung verworfen, Fultons Dampfboot eine Utopie genannt hat, ein Jahrhundert durste in ihrem Bereich van dem Problem des Mesmerismus nicht mehr gesprochen werden, bis genau hundert Jahre später es der französische Neurologe C h a r c o t durchsetzte, daß die Akademie von der Hypnose offi­ziell Kenntnis nahm. Nicht als ob alle Mitglieder der Akademie mit der Verurteilung einverstanden gewesen wären: der Botaniker Iussieu erhob Ein­wendungen gegen die Untersuchungsart. Vierzig Jahre später wird von der Berliner Akademie der Magnet smus überprüft, sie hört zu ihrem Erstau- neu, daß Mesmer noch lebt, Professor Wolfart wird als Abgesandter zu ihm geschickt, um Näheres zu hören, Mesmer, der selbst zu alt ist, um in den Streit zurückzukehren, gibt ihm alle Aufzeichnungen und Erfahrungen mit. 1814 stirbt Mesmer, achtzig Jahre alt. Auf ihn gehen letzten Endes alle psycho­therapeutischen Methoden von heute zurück.

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Oer Magnetismus.

Irn Sommer 1774 reift ein vornehmer Ausländer mit feiner Frau durch Wien. Die Frau wird von einem plötzlichen Magenkrampf befallen. Sie bittet den Jejuitenpater und Astronomen Maximilian Hell, er möge ihr zu Heilzwecken einen M a - g n e t e n in handlicher Form anfertigen, den sie sich auf den Magen legen könnte.

Hell kommt diesem Wunsch nach. Gleichzeitig be­richtet er seinem Freund, dem gelehrten Arzt Doktor Mesmer, von dem ungewöhnlichen Fall. Mes­mer ist aufs äußerste erftaui.t, daß die Magen­krämpfe nach Auflegung des Magneten tatsächlich aushören. Er macht auch bei anoeren Patenten Versuche, legt ihnen den hufeisenförmigen bestriche­nen Stahl aus den Hals, auss Herz, auf den tränten Körperteil. Zur e.gcnen Ueberraschung treten in einigen Fällen unerwartete Heilungserfolge auf. Mesmer hat seinerzeit den Doktorhut mit einer Arbeit über den Einfluß der Planeten auf den Menschen erworben. Ist hier die magnetische Kraft entdeckt, deren Anziehung der Mensch ebenso gehorcht wie die Sterne des Weltalls?

Er glaubt es zunächst und baut die Methode aus. Zwei Magnete werden verwendet, der kraftspendende Strom auch auf andere Gegenstände übertragen. Wasser wird magnetisiert, die Kranken trinken es und babfli darin, Kleider, Belten, Spiegel werden magnetisch bestrichen, um die Kraft weiterzustrahlen. Ein Gesundheitszuber wird konstruiert, in dem zwei Reihen von Flaschen, mit magnetisiertem Wasser gefüllt, konvergent zu einem Stahlstab laufen, von dem der Patient bewegliche Ueberleitungsfpigen an feinen Schmerzpunkt hinführt.

Aber von selbst kommt Mesmer auf eine grund­legend andere Auffassung. Nicht das Magneteßen in feiner Hand wirkt, sondern die Hand selb st, nicht der Magnetstein, sondern der Magnetiseur. Persönlichkeit i ft alles. Sie wirkt gefunb» heitsfördernd, weckt den seelischen Heilung-Willen in geeigneten Fällen. Mesmers Sturen wirken suggestiv und hypnotisch, ohne daß ein solches Wort damals schon gefallen märe.

Der Zulauf nach den ersten Heilungen ist unge­heuer. Aus Wien zwar wird der dort beliebte Arzt, menschliche Evangelium des russischen Dichters ver­kündend, der Pilger Luka, einNarr in Christo" und Vorbild mancher ähnlichen Gestalten einer spa­teren Literatur.

Das Stück wirkt naturgemäß heute sehr anders auf den Beschauer als bei feinem Erscheinen vor bald dreißig Jahren; es hat, literarisch, ferne Sen» fationen eingebüfjt und, soziologisch, seine Bedeu­tung als Aufruf ober Programm. Die Regle Walter Bäuerle hat dies erkannt. Man kann freilich bas Schauspiel im Grunbe heute nicht an- bers spielen als bamals; man kann für bie In- zenierung keinen neuen Stil finben, ohne einen Anachronismus ztr begehen. Aber man kann bas nationalrussische Milieu betonen, bas öittengcmalbe herausarbeiten, bie laftenbe Trübseligkeit unb dumpfe Hoffnungslosigkeit mit einem gewißen (der Bitterkeit freilich nicht ganz entbehrenden) Humor etwa aus Tschechows Bezirken aufhellen und ent­spannen.

Neben dem finster-realist'.schen Bühnenbild von Löffler ist bie wirkungsvoll abgeftufte Besetzung zu rühmen Aus dem vielköpfigen Personal nur die wichtigsten Namen: Hub etwa, der den Kneipen­wirt vielleicht um eine Nuance zu harmlos und zu ironisch behändeste; Maria Koch, anfangs ein wen g fremd in dieser Spelunkenwest, steigerte ihre Waßilißa zu einem russischen Weibsteufel; eine in­teressante Studie, von diskretem Humor belebt, bot Bäuerle als der verkommene Baron; gleichmäßig gut- Bruck als gescheiterter Komödiant, Hauer in der von Stanislawskij kreierten Rolle des Satin; Linkmann als Schlößer Kletfchtsch.

gaffott sprach bie oft merlroürbig westlich unb banal klingenden Pilgerweisheiten bes alten Luka; eine abgezirkelte Charge gab Zingel als Bubnow. Wefener (Pepel), Leutholf (Naffta), Wie­land e r (Natascha) von den übrigen.

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