Ausgabe 
6.6.1931
 
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her Verwendung von Riesenkapitalien zur Beein­flussung öffentlicher Wahlen usw. usw.

Aus diesen Forderungen kann der Europäer er­sehen, was dieses reiche Industrieland noch nicht hat und wie lastenfrei der amerikanische Unterneh­mer bis heute dasteht.

Es würde dem Gedankengang dieser Reformer entsprechen, wenn da noch stünde: Lösung der Kriegsschuld und damit der Kriegs- schuldenfrage, aber ihr Programm ist schon zu sehr belastet, solche Mehrbelastung wäre un­denkbar.

Bliebe noch ein Weg. Bei der Hooverwahl 1928 wurden die im Auslande geborenen Stimmaeber offiziös mit 14 bis 15 Millionen angegeben. Min­destens 5 Millionen davon sind deutscher Abstam­mung. Dazu verfügt die Steuben-Gesellschaft noch über ein Stimmenheer von solchen, die in Amerika geboren sind, und die Klarstellung der Kriegsschuldfrage ist eine ihrer Hauptforde­rungen. Aber es ist schweren glauben, daß in einem Lande, wo der politische Wirrwarr so groß ist, ge- rade die Deutschen zu einer geschlossenen Aktion kommen sollten. Immerhin, der Versuch wird ge­macht werden.

Sollte ober die Wahl 1932 einen Demokraten ans Ruder bringen, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß dann die Dinge für Deutschland besser liegen werden. Man sollte eines nicht vergessen: Wilson, der Demokrat, siegte 1916 unter der Parole: Er hält uns aus dem Krieg! Während sein Gegner Hughes ehrlich zugab: Wir steuern dem Krieg zu!

Es war eine schöne Geste Amerikas, als deren Senat den Vertrag von Versailles nicht annahm. Aber diese Geste war billig, sie änderte an den ma­teriellen Dingen nichts.

Als sich die Poung-Plan-Kommission in Paris die Köpfe gegenseitig heiß machte, drückte sich I. P. Morgan und fuhr mit seiner Jacht auf dem Mit­telmeer spazieren. Auch eine amerikanische Geste.

Herr Mellon, der Schatzsekretär, einer der reichsten im Lande, sagte schon vor Jahren:E i n befriedetes Europa i st für uns mehr wert, als alle unsere Kriegsforderun­gen." Auch eine schöne Geste. Ob Herr Mellon an- gesichts des Defizits in der Bundeskasse bereit wäre, die Tat folgen zu lassen, darf sehr bezweifelt werden.

Die bunte Masse Mensch aber in Amerika wird unter demokratischem Regime dieselbe fein. Und es ist fraglich, ob dies anders wäre, wenn zwei Gene­rationen hindurch, wie in Deutschland, die Klassen­kampfparole des Marxismus auf sie eingewirkt hätte. Dieses Rätselland ohne Volkstum, ohne soziales Ge­wissen und dennoch ohne Klassenkampf ist eine po­litische Fata Morgana. Eines ist sicher, der Rausch der Kriegsmilliarden ist dahin, der Katzenjammer ist da.

Amerika gewann den Krieg und wird daran nicht glücklich. England gewann den Krieg scheinbar auch, dazu aber ein stehendes Ar­beitslosenheer und wird jetzt von seinen Dominien eingekreist und mattgesetzt. Deutschland bezahlt den Krieg aus gepumptem Geld und erlebt dabei hoffentlich seine innere Wiedergeburt.

Daten für Samstag, 6. Juni.

Sonnenaufgang 4.12 Uhr, Sonnenuntergang 20.35 Uhr. Mondaufgang 0.49 Uhr, Monduntergang 9.41 Uhr.

1869: der Komponist Siegfried Wagner im Trieb- schen bei Luzern geboren; 1875: der Schriftsteller Thomas Mann in Lübeck geboren.

Taten für Sonntag, 7. Juni

Sonnenaufgang 4.12 Uhr, Sonnenuntergang 20.36 Uhr. Mondaufgang 1.03 Uhr, Monduntergang 10.54 Uhr.

1826: der Physiker Josef von Fraunhofer in Äünchen gestorben; 1840: König Friedrich Wil- chelm III. von Preußen gestorben; 1843: der Dichter Friedrich Hölderlin in Tübingen gestorben.

Oie Ersparnisse im Gießener Etat für 1931.

IV.*

Das wohlfahrlsrvesen.

Von Ersparnissen kann man in dieser Abteilung des städtischen Haushalts für 1931 aus naheliegen­den Gründen nicht sprechen. Die außerordentlich un­günstigen Zeitumstände haben es vielmehr mit sich gebracht, daß die Ausgaben für das Wohlfahrts- wesen von 908 829,20 Mark im Vorjahre auf 1 356 692,50 Mark im neuen Haushaltsjahre an­gewachsen sind. Allein in diesen Ziffern kommt zum Ausdruck, welch erschütterndes Dokument der Rot diese Haushaltsrechnung ist. Immerhin hat man bei der Verwaltung und im Stadtrat sich bemüht, auch im Wohlfahrtshaushalt überall da Ersparnisse durchzuführen, wo dies an­gängig ist. Selbstverständlich konnte man sich aber auf der anderen Seite der Verpflichtung nicht ent­ziehen, in möglichst ausreichender Weise Vorsorge zu treffen für die Aufgaben, denen man sich an­gesichts der furchtbaren Rot in breiten Kreisen der Bürgerschaft einfach nicht entziehen kann und darf.

Zunächst hat man Abstriche vorgenommen an den Aufwendungen für Besoldungen, Versicherungsbei­trägen Bürobedürfnissen; an diesen drei Positionen sind rund 4000 Mark erspart worden. Dagegen hat es sich als unabweisbar notwendig herausgestellt, für die Armenfürsorge zum Zwecke von Geld- und Naturalunter st ützungen einen ganz erheblich höheren Betrag in den Vor­anschlag einzustellen. Die veranschlagte Ausgabe ist hier von 155 000 Mk. im Vorjahre auf 470 000 Mk. im neuen Haushaltsjahre erhöht worden. Davon entfallen auf Mietbeihilfe 15 000 Mark (gegen 3000 Mark im Vorjahr), auf Bargeldunterstützung an Ortsarme 380 000 Mark (im Vorjahre 122 000 Mk.), Bargeld-Mehraufwand für Pflichtarbeiter 13 000 Mark (3000 Mark), Nahrungsmittel 20 000 Mark (10 000 Mark), Kleider und Schuhe 20 000 Mark (10 000 Mark), Heizftoffe 20 000 Mark (5000 Mark), während die Beförderungskosten für Ortsfremde in Höhe von 2000 Mark dem Stande des Vorjahres entsprechen. Allein schon in dieser Steigerung der Unterstützungsbeträge kommt das furchtbare Elend unserer Zeit in erschütternder Weise zum Ausdruck. Die Aufwendungen für ärztliche Hilfe, Arzneien usw. sind für das neue Haushaltsjahr mit 11000 Mark veranschlagt worden, gegen 10 500 Mark im vorigen Jahre, während die veranschlagten Begräb­niskosten mit 1000 Mark unverändert wie im Vor­jahre erscheinen. Auf der Einnahmeseite sind an Geld- und Naturalunterstützungen als Ersatzleistun­gen durch Unterstützte und Dritte 30 000 Mark, ge­gen 25 000 Mark im Vorjahre, angesetzt. Für die Verpflegung in Kranken- und Bewahrungsanstalten sind, wie im Vorjahre, 105 500 Mark vorgesehen, denen auf der Einnahmeseite als Ersatzleistungen durch Unterstützte und Dritte ebenfalls 60 000 Mark, wie im Vorjahre, gegenüberstehen. Die Kosten der Jrrenpslege im neuen Wirtschaftsjahre sind auf 90 000 Mark veranschlagt, gegen 75 000 Mark im vorigen Jahre, auf der Einnahmeseite sind die Er­satzleistungen in Höhe von 35 000 Mark unverändert wie im Vorjahre in Rechnung gestellt. Die Fürsorge für Gebrechliche hat man auf 18 200 Mk. im neuen Jahre, gegen 19 700 Mark im Vorjahre, veranschlagt, während die Einnahmen durch Ersatzleistungen in der unveränderten Dorjahrshöhe von 8000 Mark angenommen sind. Die Kosten der Fürsorge für Wanderer und Obdachlose sind angesichts der Zeit­verhältnisse mit der stark gestiegenen Inanspruch­nahme der Herberge zur Heimat und des städtischen Hospitals auf 31 000 Mark, gegen 21500 Mark im vorigen Jahre, angenommen worden, die Einnah­men haben voranschlagsmäßig eine Erhöhung von 7900. Mark auf 10 504 Mark erfahren.

* Teil I in Nr. 102 vom 2. Mai, Teil II in Nr. 108 vom 9. Mai, Teil III in Nr. 119 vom 23. Mai.

sich auf 11000 Mk., gegen 19 000 Mk.; hier Ist der Staatszuschuß gegen das Vorjahr um 8000 Mark verringert worden. Die Wochenfürsorge steht auf der Ausgabenseite mit 7000 Mk. gegen 8000 Mk. im Vorjahre verzeichnet, die Einnahme­seite weist als Ersatzleistungen 1000 Mk. gegcnl ' 2500 Mk. im vorigen Jahre auf.

In der Jugendfürsorge sind für die Un­terbringung von Pflegekindern 50 200 Mk., ge=i gen 42 000 Mk. bisher, angesetzt, auf der Ein- nahmeseite durch Ersatzleistungen 18 000 Mk., ge­gen 16 000 Mk. im Vorjahre, eingestellt worden. Die Unterbringung von Fürsorgezöglingen hofft man mit 28 000 Ml., gegen 29 500 Mk. bisher, bestreiten zu können, die Einnahmen belaufen sich hier unverändert wie im Vorjahre auf 14 000 Mk.

1 Für die Säuglingsfürsorge sind 18 000 Mk., ge­gen 33 500 Mk. im Vorjahre, als Ausgaben ver­anschlagt, die Einnahmen aus Ersatzleistungen sind

Für die Rentnerfürsorge ist eine Ge­samtausgabe von 401 700 Mk., gegen 445 200 Mk. im vorigen Jahre, vorgesehen. (Die Kosten für Unterstützung an Rentenempfänger der Arbeiter­und Angestelltenversicherung erscheinen jetzt in Höhe von 228 000 Mk. gegen 235 000 Mk. im Vorjahre, die Unterstützungen an verarmte Ka­pitalrentner u,w. sind auf 143 500 Mk. gegen 180 000 Mk. veranschlagt, die einmaligen (Äihil- fen Reichsbeihilfen an Kapitalrentner er­scheinen unverändert wie im Vorjahre mit 30 000 Mark.) Auf der Einnahmeseite sind im neuen Haushalt nur noch 124 600 Mk., gegen 171500 Mark im Vorjahre, verzeichnet. Insbesondere fällt hier auf, daß die Ersatzleistungen des Lan­des um rund 50 000 Mk. geringer erscheinen, das Land Hessen also der Stadt einen noch größeren

Kvstenanteil zuschiebt. Für Kriegsbeschädigten- und Kriegerhinterbliebenenfürsorge find im neuen i ...............

Haushalt 37 100 Mk., gegen bisher 34 600 Mk., auf 6000 Mk., gegen 10 000 Mk. bisher ge-

an Ausgaben vorgesehen, die Einnahmen belaufen 1 schätzt. Da der Dvlkskindergarten vom 1. April ab

Verband der hessischen landwirffchaWchen Genossenschaften.

Unter starker Beteiligung der dem Verband der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften an« geschlossenen Genossenschaften und zahlreicher Ver­treter der Behörden und beruflichen Organisationen fand in Darmstadt der 6 7. Verbandstag statt. Präsident Bill ehrte die im vergangenen Jahre verstorbenen Genossenschaftler. Anerkennende Worte für die Arbeit des Verbandes fand der Vertreter der Regierung und des Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft, Ministerialdirektor Dr. Rößler.

Der Jahresbericht von Verbandsdirektor Berg zeigt ein Anwachsen der Zahl der Genossenschaften von 1070 auf 1095. Bei den Kreditgenossenschaften stand die Frage der Liquidität und der weitest­gehenden Sicherung der Außenstände im Vorder­grund. Die Geschäftsguthaben erreichten dieselbe Höhe wie in 1913, bei Reservefonds und Betriebs­rücklage wurde dieselbe überschritten. Die Waren­genossenschaften hielten sich in bezug landwirtschaft­licher Bedarfsartikel auf annähernd gleicher Höhe wie im Vorjahre. Neben dem Warenbezug muß der Absatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse für die Zu­kunft in größerem Maße ausgenommen werden.

Vorbedingung ist, daß auf dem Gebiete der Standardisierung noch ganz erhebliche Arbeit geleistet wird.

Die Erfassung der Milch durch die Molkerei­genossenschaften stieg gegenüber 1925 bei gleich­bleibender Zahl der Genossenschaften von 46,3 Mil­lionen auf 68,6 Millionen. Milch- und Butter« Prüfungen, verbunden mit technischen Betriebs­kontrollen, sorgten für Qualitätsverbesserung. Die Winzergenossenschaften hatten in bezug auf Güte und Menge eine gute Ernte zu verzeichnen. Einer anfänglich starken Absatzstockung folgte Ende des Berichtsjahres eine Belebung im Weingeschäft. Bei den Obst- und Gemüseoerwertungsgenossenschaften war, wo eine örtliche Erfassung der Erzeugnisse erfolgte und eine zu starke Kapitalinvestierung ver­mieden wurde, das Ergebnis gut. Ebenfalls gute Fortschritte haben die Eieroerwertungsgenossen- schaften gemacht. Das deutsche Frischei mit Adler­stempel hält jeden Vergleich mit der Auslandsware aus. Die Gründung von Viehverwertungsgenossen­schaften wurde mit gutem Ergebnis in Oberhessen neu aufgegriffen. Die Dreschgenossenschaften nahmen zu und arbeiteten zufriedenstellend.

In der Aussprache schnitt Bürgermeister Käm­merer-Heusenstamm das Gebiet der Bauspar­kassenbewegung, die Zinspolitik und die Mündel­sicherheit an. Abgeordneter Glaser- Nordheim forderte verstärkten Schutz für die Veredlungspro­duktion. Verbandssekretär Dr. Hillemann ver­

sicherte, daß der Verband wie seither, auch für die Zukunft im gewünschten Sinne die Interessen der Genossenschaften vertreten werde. Die Jahresrech­nung und Bilanz fand einstimmig Annahme. Dem Verbandsdirektor und dem Engeren Ausschuß wurde einstimmig Entlastung erteilt.

Hierauf referierte Reichsminister a. D. Dr. Her«' m e 5 über

Staatshilfe und Selbsthilfe".

Ausgehend von der schweren Wirtschaftskrise, unter der ganz Deutschland leidet, zeichnet er die gegen­wärtige Lage der Landwirtschaft auf. Ziel einer gesunden Agrarpolitik müsse eine Minderung der Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte sein. Die Schwierigkeiten einer solchen Politik dürften aber nicht verkannt werden. Einerseits sieht die Industrie ihren Export bedroht, anderseits kann die deutsche Landwirtschaft auf dem Binnenmarkt mit dem Aus­land noch nicht in dem erforderlichen Maße konkur­rieren. Bei aller Anerkennung industrieller Inter­essen sei daher ein umfassender Schutz der Ver­edlungswirtschaft notwendig. Der Landwirtschaft müsse die Möglichkeit gegeben werden, sich eigenes Kapital zu bilden, um damit ihre genossenschaftlichen Organisationen ausbauen zu können. Nur durch genossenschaftliche Arbeit könne die Landwirtschaft sich vom Ausland unabhängig machen. Größte Ob­jektivität und gegenseitiges Verständnis fei notwen­dig. Es müßte unter allen Umständen vermieden werden, Differenzen zwischen Stadt und Land, In­dustrie und Landwirtschaft heraufzubeschwören, aus einer verkehrten Überbewertung eigener Interessen heraus. Der Redner ging dann auf genossenschaftliche Tagesfragen ein, befaßte sich mit dem Absatzpro­blem, mit der Produktionsregelung und der Zins- politik der Genossenschaften. Weiter wies er auf die zu erstrebende

Vertiefung des genossenschaftlichen Revisionswesens

hin. Der Minister schloß mit einem Appell an die Versammlung, mit aller Kraft eine Gesundung der Lage unserer Landwirtschaft zu erstreben.

In der Diskussion sprachen T e x t o r - Leihgestern, Dämmet- Bischofsheim, Glaser- Nordheim und Frl. Bopp- Hanau. Die aus dem Verbandsaus­schuß ausscheidenden Mitglieder Sammel - Bi­schofsheim, Volz«Bad Wimpfen, Benz-Arheil- gen, B i l l - Ostheim, Fe n chel - Ober-Hörgern, K e i p p - Wallenrod, D e t t w e i l e r - Pfedders­heim, Schütz-Gonsenheim und Feldmann Nierstein wurden einstimmig wieder in den Ver­bandsausschuß gewählt.

Sranbung behebend

Roman von Käte Lindner.

(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthokd in Braunschweig.)

5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Sehr hat mich dieses Wiedersehen und die Beweise Ihrer alten Freundschaft gefreut, Mar­quis. Aber nicht wahr, Sie verraten mich nicht? Ich kann Mitleid schwer ertragen... es nützt uns auch nicht zu unserem Leben, darum..."

Seien Sie ganz ruhig, Graf... ich kann Sie wohl verstehen. And in den Stunden, wo Sie frei sind, rechne ich auf Ihre Gesellschaft. Kyrill Petrowitsch macht eine so gute Figur, daß unsere Freundschaft nicht auffallen wird. Aus Wieder­sehen denn und Kopf hoch."

Colomba Serra stieg leise vor sich singend die Treppe zu ihren Wohngemächern hinauf. Sie hatte Andrea, das kleine Tiroler Küchenmädchen, das sie vor vier Wochen engagiert hatte, einst­weilen in die Gaststube gesetzt. Die wenigen Gäste am frühen Vormittag konnte Andrea wohl be­sorgen, und so schaffte sich Frau Serra einige Freistunden.

Jetzt schritt sie über einen langen Korridor und öffnete eine der vielen Türen. Einen Augenblick lang blieb sie lachend auf der Schwelle stehen. Dann rief sie:

Julietta, deine Beine sind wunderschön, und lange genug habe ich sie nun bewundern können. Rächstens wirst du selber Gymnastikstunden geben können, wenn du weiter so übst. Bambina... Kleine, komm und gib der Mamina ein Küßchen."

Die so Angeredete schoß noch einen Purzel­baum in das große Zimmer hinein. Dann nahm sie lachend die Mutter bei beiden Händen und zog sie ins Zimmer.

Wie schade, Mamina, daß ich dir nicht Unter­richt geben tarnt. Aber bei deiner Rundlichkeit wirst du eben niemals die Kerze oder einen an­ständigen Handstand fertigbringen. Sieh so..."

And Julietta stand schon wieder auf dem Kops vor ihrer lachenden Mutter und legte im Scherz die schlanken Deine um deren rundliche Hüften.

Geh, du Anband..." Colomba machte sich frei und setzte sich in den bequemen Stuhl am Fenster.Meinst du, ich würde deine Allfanze- reien nachmachcn? Latz mir meine Rundlichkeiten. Dafür bist du ja die reine Zaunlatte. O Dio mio ... welch ein Mädchen. Welch ein Wildfang!"

Zärtlicher Mutterstolz war in ihrer Stimme und sie tat einen tiefen Atemzug.

Julietta schwang sich wie ein kleines Kind auf der Mutter Schoß und legte ihr blühendes Gesicht an deren Wange.

Was sollt' ich auch anfangen den ganzen Tag hier droben allein^ ohne dich, Mama mia", sagte Julietta und schüttelte das Haar aus dem er­hitzten Gesicht. Sie war ein hübsches Mädchen, kaum den Kinderschuhen entwachsen, nicht so schön versprach sie zu werden wie die Mutter, aber es war so viel Frische und Ratürlichkeit in ihrem ganzen Weisen, die ihr die Herzen gewann. Reiches blondes Haa>r umrahmte ihr frisches Ge­sicht und gab einen wundeiwollen Kontrast zu ihren schwarzen Augen. Frau Colomba war stolz tauf diese blonden Haare, waren sie doch eine große Seltenheit hier, llnb sie spann stolze Zu- kunftspläne und strich zärtlich über das blonde Haar.

Bist du auch heute schon fleißig gewesen, Dambina? Hast deinen Aufsatz gemacht für den Maestro und Französisch geübt und Klavier? Du weißt, er ist nie sehr zufrieden mit dir und klagt wie immer, du feiest nicht aufmerksam in den Stunden und könntest wohl, aber du wolltest nicht lernen und hättest nur immer den Kopf voller Allotria. Ich aber will doch eine feine Dame machen aus meiner Julietta. Warum arbeite ich bis tief in die Rächt hinein und spare und scherze mit den Gästen?... Doch nur um dich, Julietta."

Das Mädchen zog die Augenbrauen hoch und lachte. Dann kützte sie die Mutter auf den Mund und sagte:

Ach, meine wunderschöne Mamina kann ja gar nicht anders, als lachen und froh sein und scherzen mit den Gästen. Aber sie weiß doch gar zu gut, wie sie den Männern damit den Kopf verdreht, und ich wette, ehe ich zu der feinen Dame geworden bin, die du aus mir durchaus machen willst, hat das AlbergoZu den tausend Freuden" einen neuen Patrone und die Mamina einen neuen Mann."

Julietta..." Frau Colomba legte dem Mäd­chen erschrocken die Hand auf den losen Mund, als sie so ihre tiefsten Sehnsüchte verraten sah. ilnb sie sah auf einmal, daß das Mädchen auf ihrem Schoh kein Kind mehr war.Welch' un­gehörige Reden, spricht ein Kind so zu seiner Mutter?"

Der Russo hat das gesagt, Mama... Du weißt doch, er mag es nicht leiden, daß ich zu dem Maestro in die teueren Stunden gehe und daß du mich niemals hinunterläßt in Sie Gast­stuben. Der Russo..."

Ah, geh... was hat sich der dumme Dauer in meine Angelegenheiten zu mischen", sagte jetzt Frau Colomba unwillig, und ihre schwarzen Augen flammten in ehrlichem Zorn.Was hast du überhaupt zu reden mit dem Russo", sagte sie in plötzlich erwachender Angst zu der jungen Tochter.Er paßt nicht zu dir, Julietta, er ist kein seiner Mann und sagt seine Reden daher wie ein rechter Dauer, der er ja auch ist."

Da lachte das Mädchen laut auf und schlang ihre Arme wieder um der Mutter Hals.

Ja, denke dir, Mamina, der Russo hat auch noch gesagt, einen Zieraffen wolltest du aus mir machen, und dafür wäre ich doch viel zu schalde. And niemals sollte ich den neuen Mann, den du doch über kurz oder lang in unser Albergo hin- einsetzen würdest, niemals sollte ich den Vater nennen. Denn mein Vater, das wäre nur der Philippe Serra gewesen, und kein anderer tonnte es sein und..

Jetzt war es aber Frau Colomba zu arg ge­worden. Unfanft stand sie auf und lieh die Tochter von ihren Knien gleiten.

Solch ein Flegel, dieser Russo... und du, Julietta, du läßt dich von solch einem Dauer aufhehen gegen deine Mutter? O Dio mio... was muß man erleben, was muß eine Mutter erleben an ihren Kindern!"

And laut auf weinend ließ sich Frau Colomba auf den Divan fallen, nicht ohne daß sie die Wirkung ihrer plötzlich ausbrechenden Tränen durch die vorgehaltenen Finger beobachtet hätte. And sie konnte zufrieden fein.

Julietta beugte sich jetzt tief erschrocken nieder zu der weinenden Mutter, streichelte und küßte sie und gab ihr allerhand Schmeichelnamen.

Da richtete sich das weinende Täubchen wieder auf, strich sich über das Haar, ob es wohl auch nicht bei dem plötzlichen Schmerzensausbruch in Anordnung geraten fein könnte und zog die Tochter an ihre Seite.

Versprich mir, Dambina, meine Kleine, ver­sprich, daß du nie mehr auf diese losen Reden des dummen Dauern hören willst. Hörst du, Julietta? Wer meint es besser mit dir, der Russo oder deine Mutter? And habe ich dich nur deshalb so fein erzogen, daß jetzt ein dummer Dauer daherkommt und dir den Kopf verdreht und sagt: Das darfst du nicht und das und das... O Dio mio... mein Herz, meine alten Schmerzen kehren zurück." Sie preßte ihre Hand auf die Stelle, wo sie ihr Herz vermutete.Versprich mir, Julietta..."

Ja, ja, ich verspreche dir alles, Mamina, nur höre auf zu Weinern So bös meint es doch der Russo gar nicht, und ein dummer Dauer ist er auch nicht und... aber ich verspreche dir, jetzt wieder fleißig zu lernen bei dem Maestro und nicht aüf den Russo zu Horen, wenn er sagt, das sei nicht nötig für eine Gastwirtstochter. Du mutzt es doch besser wissen als er, meine süße Mamina...

Aber Colomba war ehrlich erschrocken. Was nützte ihr nun, dah sie Julietta nicht bedienen lieh drunten in der Osteria, daß sie Julietta fernhielt von allem, was nicht für ihre jungen Ohren bestimmt war. Da kam einer und redete daher von dem, was er nicht verstand und machte ihr das Kind abwendig. Wieder rollten ihr

Tränen über die Wangen, aber Julietta trocknete sie ab und zog die Mutter vom Divan hoch.

Komm, Mamina, süße. Was weinst du um des dummen Russo willen? Ist doch alles gar nicht so schlimm, was er sagt. Komm, drüben auf deinem Blumentisch ist die Kalla heute auf geblüht. Die hast du doch noch nicht gesehen."

Sie gingen Arm in Arm durch die stillen Stuben, die mit gut bürgerlicher Behaglichkeit aus- gestattet waren. Philippe Serra hatte von feinen abenteuerlichen Fahrten manches mit heimge­bracht, was hier droben feinen Platz gefunden. Als er feinem Täubchen das Rest bereitet hatte, war er schon ein alter Mann gewesen, der es zu Geld und Würden gebracht. So hatte er ihr Zimmer mit besonderer Liebe und Schönheits­sinn ausgestattet. Helle Tapeten bedeckten die Wände, schöne Bilder mit Motiven aus ihrer sizilianischen Heimat, glühend in Farben, liebe­voll ausgeführt. Denn für diese Bilder hatte Philippe gar manchem Künstler Herberge und Aufenthalt gewährt, solange es ihm gefallen hatte. Ein echter Kelim deckte den Fußboden, Blumen in verschwenderischer Fülle standen um­her. Julietta war in die Fuß tapsen des Vaters getreten und sorgte dafür, daß Colomba hier in den stillen Stuben nach des Tages Last und Mühe Schönheit fand und Behagen.

Als sie vor dem Blumentisch standen und (Signora Serra ihres Herzens Gleichgewicht wie­der gefunden hatte, trat plötzlich die kleine An­drea atemlos in das Zimmer, ohne anzuklopfen, mit der Meldung, die Signora solle gleich hin­unterkommen, ein fremder Gast wäre eingekehrt, der sie zu sprechen wünsche.

Als Colomba durch die Weinlaube nach der Geststube schritt, sah sie Liskow an einem der Tische sitzen, den Rücken ihr zugekehrt.

Ein kokettes Lächeln irrte um den Mund der hübschen Frau. Da... da war er ja wieder. And heute war er gekommen zu einer Zeit, wo er Störungen durch andere nicht zu fürchten brauchte. Run, es war gut so. Dem Mario war niemals zu trauen, händelsüchtig war er und brutal. Hätte ihr Wohl gar den feinen Gast verscheucht mit seinen rohen Manieren. War es ihr neulich nicht Angst geworden vor seinen finsteren Augen, mit denen er den feinen Gast gemustert hatte? Angst hatte sie gehabt und wußte doch selber nicht, warum. War dem Herrn doch nur deshalb nach- gelaufen und hatte ihm den rechten Weg gesagt. Den Weg, den der Mario nicht zu gehen pflegte. And mit all ihren Listen hatte sie dann drinn in der Stube den Halbtrunkenen zurückgehalten, daß der andere einen Vorsprung haben solle. Dem Mario war nicht zu trauen.

Guten Tag, Signore , sagte sie jetzt mit ihrem holdseligsten Lächeln.Es freut mich sehr, datz der Herr den Weg zu meinem bescheidenen Hause wiedergefunden hat." (Fortsetzung folgt.)