Ausgabe 
5.12.1931
 
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Ur. 285 Drittes Blatt

Tlebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Samstag, 5. Dezember Ml

Geschichten aus Italien

Don unserem römischen

Ein Alpenauge erblindet.

Dem wirtschaftlichen Titanenwerk dervölli­gen Donifizierung" Italiens, die das Land nach Möglichkeit von der ausländischen Einfuhr entlasten soll und der Nation in der Tat schon mehr als eine Kolonie im eigenen Lande ohne Schwertstreich erobert hat, steht auf der anderen Seite so manche Landschaftsverwüstung gegenüber, die buchmäßig nicht ins Gewicht sallen mag, von den Naturfreunden aber bitter be­klagt wird.

Unsere Sentimentalität wird schweigen, wo sich die Stimme der Vernunft für die Trockenlegung der Sümpfe erhebt, in denen der gelbe Tod re­giert. Mag die Wildnis der pontinischen Sümpfe ihre Reize gehabt haben für Maler und Jäger, wir heben vor dem Traktor den Arm zum römischen Gruß. Wir begreifen die Umgestaltung der römischen Campagna, wenn auch die riesige Steppe, dieses erschütternde Massengrab der Antike unmittelbarer zum geschichtlichen Gefühl sprach als der blühende Kartoffelacker. Es lehnt sich aber etwas in uns auf, wenn man zu­sehen muh, wie um eines fragwürdigen Ge­winnes wegen die V e r g s e e n, die wir nicht mit Unrecht als die Augen der Alpen bezeich­nen, geblendet werden. Sie erblinden und verschwinden.

^-Korrespondent.

Wenn eine Alpengruppe das Auge zum ewi­gen Himmel aufschlägt, was kümmert es uns? Tabak und Gemüse sind eine reale Angelegen­heit.

Was die Zeitung so bringt...

Aus einem Bericht, der dem amerikanischen Grotz- industriellenverbande vorgelegt wurde, ergibt sich, daß in den letzten sieben Jahren 35 600 000 Auto, mobile hergestellt wurden, davon allerdings nur .4 000 000 in Europa. Gesamtwert 520 Milliarden Franks, das ist das Doppelte des Gold­wert s, das es auf Erden gibt. Tagesproduktion bis zu 20 000 Wagen.

3n Basel hatte ein australischer Student Schwierig­keiten bei den Zöllnern, weil er ein mensch­liches Skelett mit sich führte. Als endlich ein­wandfrei festgestellt wurde, daß es sich um keinen Mörder handeln konnte, weil das Gerippe viele hun­dert Jahre alt war, kam erst das dicke Ende: Wie sollte die Sache verzollt und gebucht werden? Nach welchen Tarifen? Kopfzerbrechen. Schließlich die Er­leuchtung: Zollfrei, weilgebrauchte Ware".

Die Bibel ist ins Eskimesische übersetzt worden. Schilderung der ungewöhnlichen Hindernisse. Die Es­kimos haben so lange Wörter. Die Tatsache, daß es auf Erden viele verschiedene Menschenrassen gibt,

drücken sie folgendermaßen aus: Kaujijuksanvose ino- kotigskekakramat. Das kommt den Italienern komisch vor.

Die Taucher desArtiglio", des italienischen Ber­gungsschiffes, das die Goldschätze derAegypten" heben will, sind mit Dynamit an die Schatzkammern gelangt. Unterhaltung mit den Rittern der Tiefe.

Im dunkelsten Afrika ist es der einzigen weißen Frau, die dort haust, einer englischen Missionärin', geglückt, denHerrn mit dem dicken Kopfe", der die Negerdörfer heimsuchte, zu erlegen. Mangels Waffen tat sie das mit M o r p'h i u m. Miß Ethel Hall gill seither als der stärkste Medizinmann. Photographie des Löwen.

Wie derE r d b e b e n m e n s ch" die Erdbeben spürt, die nur die feinsten Seismographen ver­zeichnen.

Schilderung einesRobot", eines künstlichen Soldaten, mit einem Stahlherz von 70 PS, der Bajonettangriffe ausführen, Handgranaten werfen, stürmen und schießen kann, der sich, kurz gesagt,in allem wie ein zivilisierter Mensch benimmt".

Kleinkram: Sechs Monate alte, tagesfrische Blumen auf dem Grabmal Nelsons. In 27 Tagen viermal über den Ozean. Der gigantische Streit um die Gewinnlose. Millionenraub auf einem französi­schen Dampfer.

Bon 50 Grad unter Null bis zu 100 Grad Wärme. Effekte desTrockeneise s". Gemeinverständlich gehalten. Eine halbe Spalte.

In einem Kohlenbergwerk der Rocky Mountains wurden im Flöz prähistorische Eidechsen entdeckt. Schauerlich zwei lebten noch. Eine zer-

Während man in der Schweiz schon einem größeren Teich den Ehrennamen eines Seeli gibt und auch die Wasserflächen, die keinen Stern im Führer haben, wie Kleinodien pflegt, man denke nur an den Blausee im Kandertal, scheint der Italiener auch heute noch kein Gefühl für die wundersame, glitzernde Unter- brechung der grauen Felsen zu haben. Er ist stolz darauf, die Trockenlegung des mächtigen Fucino-Sees in den Abruzzen, an der sich die Alten vergeblich versuchten, zuwege gebracht zu haben und kümmert sich wenig um den Einwand, daß dieser harte Eingriff in die Natur nicht nur die Landschaft, sondern sogar das Klima zu seinem Nachteil verändert habe. Der Pflug geht über den Seegrund basta!

Nun ist nach der Vernichtung so mancher we­niger bekannter Wasserspiegel, nach der schema­tischen Kanalisierung schöner Fluhläuse der vielen Reisenden ans Herz gewachsene Vergsee von L o p p i o an der Reihe, dieses einzigartige ür- gemälde zwischen Rovereto und Riva. Die gro­tesken Felszinnen sollen sich nicht länger in dem Smaragd spiegeln, die Wolken nicht mehr baden in dem hochgehaltenen Becken weg da­mit! 630 000 qm Wasserfläche ergeben nach Abzug des für Kanüle, Straßen und Baulandes zu rech­nenden Arealverlustes von 10 Prozent eine Nutz­fläche von 56 Hektaren. Also!

Tief ist der See auch nicht, eineinhalb bis zweieinhalb Meter, er liegt erfreulich hoch, folg­lich braucht man nur das alte Ernissarium aus­zugraben und der ganze Zauber fließt in ein paar Wochen ab. Die Beschaffenheit des See­grundes ist agrartechnisch einwandfrei festgestellt, wenn man zunächst Gras oder Lupinen sät, kann man im vierten Jahr Mais Pflanzen, im zehnten vielleicht Tabak oder Gemüse. Ertragschähung im Jahresmittel 165 000 Lire, Ausgaben an­nähernd ebensoviel. Später mehr. Einfache Rechnung.

Auch der Bodensee weist auf kilometer­weite Flächen Tiefen von nur 12 Meter auf warum schüttet man ihn nicht einfach zu?

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Auch Holland im Zeichen her Wirtschaftskrise.

Die Wirtschaftskrise wirkt sich jetzt, auch in solchen Ländern aus, die wie Holland von den Schrecken des Krieges, der Revolution und der Inflation verschont geblieben waren. Holland hat besonders große Verluste durch den Sturz der englischen Währung erlitten und muß dazu ein nicht unbeträchtliches Arbeitslosenheer ernähren. In verschiedenen Städten kam es zu Streiks, die zeitweilig den Einsatz größerer Polizeiabteilungen nötig machten. Unser Bild zeigt streikende Arbeiter in der holländischen Industriestadt Enschede.

brach allerdings, als man sie in die Hand nahm, dis andere aber konnte lebend nach Ottawa geschickt werden.

Von der Vision der Mutter bis zum Alpdruck. Was die Zöglinge eines Korrektionshauses erzählen. Drei schwarze Katzen. Büffel, Hunde und Schlangen. Un- gemein interessant. Zwei Spalten. Phantasiebild.

Bisons, die ins Museum wandern, unmittelbar von der Prärie weg. Photographie. Die neuesten Gasmasken. Abgebildet.

Ein fideles Gefängnis. In Winterthur becherten die Gefangenen, kegelten, gingen ins Kino. Kurz­wellen verhindern Zersetzung der Lebensmittel.

*

Das alles und noch einiges mehr ist auf einer ein­zigen Seite einer römischen Abendzeitung zu finden. Die italienische Einheitspresse ist po­litisch eintönig bis zur Unerträglich­keit, aber wie man sieht, weiß sie sich zu helfen. Man nimmt sein Leibblatt gern zur Hand, man muß sich nicht immer'über den politischen Unverstand der andern ärgern und an die Geschichte mit den mun­teren fossilen Eidechsen braucht man ja, sie kommt aus Amerika, nicht gleich zu glauben. Hauptsache: die Zeitung ist nicht langweilig. Essteht was drin".

Der Mund

der Wahrheit hat gelogen.

Was die Kinder in Rom nicht leiden können, das ist die Bocca delia Veritä, der Mund der Wahrheit. Man kann ihnen diese Abneigung auch nicht verdenken, denn wenn man zur Be­teuerung, daß man keine Lüge gesagt habe, die Hand in diesen Mund legt, dann ist sie futsch. Der Mund schnapp schließt sich einfach, beißt die Hand ab und man steht als überführter Sünder da. Scheußlich. Schon die alten Römer mutzten bei einem wichtigen Schwur vor die Bocca della Verita treten und sich auf so drastische Weise von dem Ungeheuer ihr reines Gewissen bestätigen lassen. Wan darf eben nicht lügen. Daher ha­ben die Korrespondenten der auslän­dischen Presse in Rom an die Türe $u ihrem Arbeitsraum in der Hauptpost eine Abbil­dung des Wahrheitsmundes gehängt. Seither ist bekanntlich niemehreine Falschmeldung durch die Presse gegangen. Und welchem Rom- fahrer wäre es jemals eingefallen, zu Hause über seine Reiseabenteuer mehr als die reine Wahr­heit zu sagen? Die wunderbarsten Dinge hat man unter dem blauen Himmel der ewigen Stadt er­lebt, einer feurigen Römerin die Hexameter auf den schönen Rücken geklopft, mit Mussolini zusam­men einen Decher nach dem andern geleert... Hier zum Beweis meine beiden unversehrten Hände!

Ich fürchte, ich fürchte, jetzt bricht eine neue Zeit an. Der Mund der Wahrheit in in Miß­kredit gekommen, das Wahrzeichen der Stadt am Tiber macht ganz verzweifelte Augen Schreck­liches hat sich zugetragen. O diese Archäologen! O dieser bauwütige Duce! In der Zeitung kann man lesen, datz der Wahrheitsmund gar nicht zu- beitzen kann, weil er kein zürnender Gott ist, son­dern bloß ein Verzeihung! ein Kloaken­deckel. Oh... ooh... Früher hieß der Platz, der seinen Namen trägt, Foro Boario. Da steht am Tiberufer das wundervolle Rundternpelchen mit den korinthischen Säulen, da steht der Tem­pel der Fortuna virilis oder Mater rnatuta. Viel­leicht waren beide dem Hafengott oder dem Tiber geweiht, es kommt nicht so genau darauf an, es gibt ja so viele Tempel in Rom. Der Herkules­tempel gegenüber wurde zur Kirche Santa Maria in Cosmeoin umgewandelt, in deren Vorhalle ein furchterweckendes Marmorgesicht zu sehen ist, das Gesicht eines Ungeheuers, wenn nicht des Papa

WeffenKndbinich?

Vornan von $r. Lehne.

(Urheberschutz durch C. Ackcrmann, Romanzentrale Stuttgart.)

21. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Welche Ausdrücke!" mißbilligte die Gräfin. ..Willst du die Herrschaften brüskieren? Ich wünsche, daß du hier bleibst!"

Ihr Besuch gilt ja dir, Mama! Ich gehe zu Maria Feldner und bummle ein wenig mit ihr

Nein, Inga, ich erlaube dir nicht, daß du ausgchst!"

Ich gehe doch, Mama!"

Willst du, daß ich Papa bitte, dir das Aus­gehen zu verbieten?"

Spare dir diese Mühe, Mama; denn ich würde doch gehen!"

Die Gräfin verlor ihre bis dahin bewahrte Ruhe.Inga, du bist ein ganz abscheuliches Ge­schöpf!" .Möglich, Mama! Aber wenigstens ehrlich! Egbert Brandeck soll merken, daß ich mir gar nichts aus ihm mache! Er ist aber so eingebildet, daß ich es chm nicht deutlich genug zeigen kann!"

Papa und ich, wir wünschen aber deine Der- bindung mit ihm."

Wie oft soll ich euch noch erflären, bah ich, die Hauptperson, davon absehe

Warum aber nur? Wenn du mir wenigstens einen triftigen Grund anführen könntest! Er ist ein hübscher, eleganter Mensch, die Familie sehr vermögend"

Mich langweilt er"

Lächerlich! Ich r a6e selten einen so unterhal­tenden, amüsanten Plauderer gefunden als Eg­bert Drandeck und wie elegant er tanzt

Hältst du mich für so leicht und oberflächlich, Mama, daß mir das für eine Ehe genügen könnte? Nein, ich verlange mehr von einem Manne, als daß er ein unterhaltender, amü­santer Plauderer, ein eleganter Tänzer ist." Ernst und groß sah sie dabei die Mutter an, über deren Gesicht ein feines Rot liefwärest du damit bei Papa zufrieden gewesen?"

Wenn man klug ist, Inga, kann man sich feinen Mann ziehen, wie man ihn haben will!" aber wo keine Tiefe, kein Gemüt, kein Charakter ist ? Nein, Mama, es wäre jede Liebesmühe umsonst! Neben einem solchen Men­schen würde ich frieren! Ich muh zu meinem Manne emporsehen können

Ueberspannte Mädchenideenl"

Ach, Mama, du willst mit diesen Worten alles abtun und denkst im Grunde ja doch wie ich! Die Ehe, wie du sie mit Papa führst, ist mir

vorbildlich ihr ergänzt euch auf das glück­lichste warum soll ich es nicht auch so haben dürfen? Egbert Drandeck ist so fade und süßlich überhaupt, wenn ein Mann immer nur von Toiletten und den neuesten Modetänzen und den modernsten Krawatten färben und von Bühnen- klatsch spricht bis hierher hab' ich's manchmal Inga machte eine bezeichnende Bewegung nach ihrem Halse,Mama, willst du mich durchaus unglücklich wissen?"

Ma che Menschen wollen ihr Glück nicht sehen, darum mutz man sie dazu zwingen!"

Ich bedauve, Mama, datz du einen solchen Standpunkt vertrittst. Nie kann ich mich zu ihm bekehren: darum ist es besser, wir brechen dieses Thema ab!"

Die Gräfin war außer sich über den Starr­sinn der Tochter.Inga, wenn du nicht Ver­nunft annimmst, schicke ich dich nach Reinshagen zurück."

Soll das als Strafe zu betrachten fein? Inga lächelte,du weiht, wie gern ich dort bin und wie ungern ich es verlassen habe!"

Inga, willst du mich zum Aeußersten zwin­gen?"

Gewiß nicht, Mama, wie auch ich mich nicht zum Aeußersten zwingen lasse"

Was verstehst du darunter?"

Inga zuckte die Achseln.

Es kommt ganz auf die Umstände an.

Alles prallte an Inga ab, was auch die Gräfin sagte. Sie war tief erregt, auf ihren Wangen brannten zwei rote Flecke.

Wenn ich aber nun schon bindende Verspre­chungen gemacht habe, daß Weihnachten die Ver­lobung

Da fuhr Inga aufMama, ich bin doch kein unmündiges K nd es ist unerhört von dir" mühsam zwang sie sich zu ihrer früheren Ruhe zurückdiese Voreiligkeit deinerseits, Mama, würde ich sehr bedauern: denn sie könnte mich trotzdem nicht anderen Sinnes machen!"

Mit bebender Stimme bemerkte die Gräfin ich würde niemals gewagt haben, mit meinen Eltern in einer derartigen Weise zu sprechen"

Jedenfalls haben deine Eltern dir auch erlaubt, nach deinem Herzen zu wählen"

Willst du damit sagen, daß dein Herz schon gewähll hat?"

Ein leises Rot färbte Ingas Wangennein, Mama, das will ich damit nicht sagen! Ich will nur sagen, daß ich mir einen Lebensgefährten nicht gegen meines Herzens Sprache aufzwingen lassen will!"

Unerhört, von welcher Seite du dich jetzt zeigst! Solche Ansichten sind aber sicher das Ergebnis deiner Freundschaft mit Ebba Lenz, in der ich mich jahrelang so getäuscht habe!"

Ditte, Mama, schmähe mir meine Ebba nicht!"

rief Inga erregt,jedes Wort wäre auch eine Anklage gegen deinen Sohn!"

Nimmst du jenes leichtfertige Geschöpf noch tn Schutz?

Leichtfertig, Ebba leichtfertig?" Inga lachte em wenig,mit dem gleichen Rechte könntest du diese Dezeichnung auch auf mich anwenden! Ebba ist noch immer meine liebe Freundin, und du darfst sie nicht verurteilen!

Nenne sie nicht mehr.' Ich bebaute, daß ich jenes Geschöpf in unser Haus gezogen und bei­nahe wie ein Kind gehalten habe! Das ist nun der Dank! Wer weiß, von welch obskurer Geburt, wessen Kind sie ist! Ein schwerer Fehler von uns war es, diesem Findelkinde den Verkehr mit dir zu gestatten!"

Ja, Mama, vielleicht war es ein schwerer Fehler denn so hatte Hanno die beste Ge­legenheit, die unerfahrene Ebba zu betören", entgegnete Inga ruhig.

Mißbilligend sah die Gräfin die Tochter an.

Wenn sie ihm nicht entgegengekommen wäre und mit ihm kokettiert hätte

Nun, Mama, so hat wohl Ebba gar den un­schuldigen, harmlosen Hanno betört; beinahe klingt es so"

Ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt, Inga!

..Ich auch nicht, Mama! Und wenn du gerecht fein willst, darfst du nicht behaupten, daß Ebba kokett ist, dazu hat sie kein Talent. Um so mehr Talent aber hat Hanno, einem Mädchen den Kopf zu verdrehen? Und er hat es gründlich bei Ebba besorgt! Glaubst du, Mama, daß die so scheue und zurückhaltende Ebba ihm auch nur die ge­ringste Vertraulichkeit gestattet hätte, wenn sie nicht gedacht, sie sei seine heimliche Braut? Unter Tränen hat mir Ebba alles gesagt ich habe es euch ja erzählt. Jener anonyme Wisch ist eine große Gemeinheit! Und sagt gar nichts weiter? Ich an deiner Stelle hätte ihn gänzlich ignoriert und Hanno dafür ins Gebet genommen! Wenn er während der Feiertage hier ist, werde ich es besorgen! Mir tut Ebba zu leid! Du warst sehr kränkend und verletzend, Mama! Ich sehe sie noch im Zimmer totenblaß und zitternd vor dir stehen Sorge trage ich um sie! Wie wer­den ihre Eltern und ihr Bruder ihre vlöhliche Heimkehr aufgefaßt haben! Du durftest Ebba nicht so unvermittelt fortschicken."

Das Findelkind ?"

Mama!" rief Inga empört und sah die Mutter mit einem Blick an, vor dem sie ein wenig be­schämt die Augen senken mußte. Die Gräfin fühlte selbst, daß sie sich eine Bloße gegeben doch sie war durch Ingas Verhalten schwer ge­ärgert und hatte ihrem Unmut auf irgendeine Weise Ausdruck geben müssen unvornehm war sie sonst nie gewesen.

ach, Mama, wer weih, ob nicht ebenso

edles Blut wie das unsere durch Ebbas Adern rollt hast ja oft selbst gesagt, daß sie wie ein kleines Prinzehchen aussieht.

Du scheinst dir in allerlei romantischen Ein­fällen zu gefallen, Inga! Genug, für mich ist diese Ebba Lenz erledigt: Reinshagen darf sic nicht wieder betreten! Und deine Freundschaft mit ifjr muh nun ein Ende haben!"

Nein, Mama, das muß sie nicht! Meine Sympathien und meine Antipathien lasse ich mir von niemandem korrigieren! Ebba Gen^ bleibt meine liebe Freundin! Was seit der Kinderzeit, seit wir geboren, mochte ich beinahe sagen, besteht, kann nicht durch ein bloßes Verbot zum Aus- Horen gebracht werden. Ich fühle mich mit Ebba verbunden, als sei sie eine geliebte Schwester! Und darf sie nicht mehr aufs Schloß kommen, fo werde ich sie im Lehrerhaufe aufsuchen!"

Inga hatte eine ganz eigene, bestimmte Art, zu sprechen und zu handeln, die weit über ihre Jahre ging. Bei Meinungsverschiedenheiten gab es oft einen erbitterten Kampf zwischen ihr und der Mutter, bei dem sie fast stets als Sieger hervorging. So auch heute. Höflich verabschiedete sie sichMama, ich erwecke und nähre nicht Hoffnungen, die zu erfüllen ich nicht gewillt bin! Du hast mich nicht vorher gefragt, als du die Beziehungen knüpftest, siehe nun zu, wie du sie mit Diplomatie lösest. Ich heirate Egbert Drandeck nicht, und wenn ich alte Jungfer wer­den soll!"--

Inga kam erst kurz vor dem Abendessen zu­rück, um ganz sicher zu fein, den Besuch nicht mehr anzutreffen. Die Gräfin war sehr verstimmt.

Deinetwegen, Inga, hatte ich einen Moment peinlichster Verlegenheit wie sollte ich deine Rücksichtslosigkeit glaubhaft entschuldigen!"

Inga lächelte ironisch.O Mama, im gesell­schaftlichen Leben ist man um Ausreden doch nie verlegen meisterhafte Jongleure kann man da beobachten! llnb in meinem Fall: hoffentlich ha­ben die Herrschaften nun gemerkt, daß es nicht mein Ehrgeiz ist, dieses eleganten Tänzers Part­nerin auf Lebenszeit zu werden! Ah die Post ist gekommen?"

Inga griff nach einer Karte, die, in die Qlugcn fallend, auf dem Tische lag.Eine Karte an Ebba?" sagte sie verwundert,hast du sie ge­lesen, Mama?"

Nein, es interessiert mich nicht, wer an sie schreibt! Schicke du sie ihr nach!"

Inga kannte die sehr kleine, aber klare, deut­liche Schrift es war die Christels!

Ihr Bruder schreibt, Mama! Ebba ist doch langst zu Hause! Weiß er es nicht? Ist er ver­teilt? Wie kommt er sonst dazu, noch nach hier zu schreiben?"

Hastig, überflog sie die Zeilen.

(Fortsetzung folgt)