Nr. 285 Zweites Blatt________________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Samstag, 5. Dezember Ms
-Amerikanische Kolonialpolitik in Ostasien.
politische Eindrücke von einer Weltreise. Von Or. Paul Rohrbach.
Manila, November 1931.
Die Amerikaner besitzen die Philippinen jetzt seit über dreißig Jahren, und doch leben nur etwa 7000 Zivilisten auf den Inseln: als Beamte, Geschäftsleute, Pflanzer usw. Schon das zeigt, daß die Philippinen, trotz ihres natürlichen Reichtums und ihrer ziemlich starken Bevölkerung — 11 Millionen Menschen auf einem Archipel von dem Areal Italiens — kein kolonialer Erfolg großen Stils geworden sind.
Als Amerika sich die Inseln 1898 von Spanien gegen Zahlung von 20 Millionen Dollars abtreten lieh, waren zwei Motive maßgebend. Erstens wollte man zeigen, was amerikanischer Idealismus an freiheitlicher Volks - erziehung bei „unseren kleinen braunen Brüdern" (so nennt der Gouverneur Taft die Philippiner) leisten könne; zweitens wollte die damalige sehr starke imperialistische Richtung in Amerika — man denke an Theodor Roosevelt — einen Stützpunkt am jenseitigen Rande des Stillen Ozeans haben. „Amerika die dominierende Macht im Pazifik" war selbstverständlich.
Inzwischen hat sich an diesen Vorstellungen manches geändert. Es ist noch nicht so lange her, da dachten Amerikaner wie Iapaner daran, daß es zu einem Waffengange zwischen ihnen kominen könnte. Heute schrecken beide Teile vor dem Gedanken zurück. Die wirtschaftlichen Gedankengänge sind auf beiden Seiten stärker geworden als die rein politischen. Wollte man an einen japanisch-amerikanischen Krieg denken, so wären bei dem jetzigen Stande der Kriegs- technik die Philipvinen zunächst gegen die Iapaner nicht zu halten. (Der endgültige Ausgang ist natürlich eine ganz andere Frage.) Die Iapaner würden sich nicht auf die formidabel befestigte Irsel Correg'dor werfen, die den Eingang in die Bucht von Manila deckt, sondern sie würden im Golf von Lingahen landen und Manila von der Lands^'te her nehmen. Auch das englische Hongkong, das vor zwanzig Iahren als uneinnehmbar galt, könnte sich übrigens gegen einen japanischen Angriff, an den im politischen Zusammenhang der Dinge natürlich niemand denkt, heute nicht mehr halten.
Die Einsicht, daß der strategisch-politische Wert der Philippinen nicht mehr derselbe ist, wie man vor dreißig Iahren dachte, macht die Zurückziehung der amerikanischen Herrschaft wohl nur zu einer Frage der Zeit. Dazu kommt, daß das Erziehungsexperi- m e n t mit den „kleinen braunen Brüdern" recht merkwürdig ausgekommen ist. Die amerikanischen Gouverneure und ihre Beamten führten unbedenklich das ganze Schul- und Erziehungswesen der Vereinigten Staaten auch auf den Phi- livvinen ein, ohne zu berücksichtigen, daß die Bevölkerung für dieses System noch keineswegs reif war. Allein auf der Hauvtinsel Luzon waren olle Liebergange vom noch beinahe nackten Wilden bis zum svanisch sprechenden, mit spanischem Blut vermischten, von Spanien in wiederholten, blutigen Aufständen die Autonomie fordernden christlichen ..Fiftvino" vorhanden. Dazu kamen auf der zweitarößten Insel Mindanao mehr als eine halbe Mi'lion Mohammedaner, und in den übriaen Teilen des Archipels — die Dhilippienen zählen über 3n00 Inseln und Eilande — barbar'sche und halb- barbarische Stämme aller möglichen Art, aller- dinas sämtl'ch Malaien.
Lieber alle diese Verschiedenheiten breitete sich das amerikanische Bildungs- und Erziebunos-
ALBERT H. RAUSCH
Unterwegs
V. Gesellschaftsreise.
Dor einigen Iahren sah ich in Paris an einem Sonntagnachmittag — es war im Iuni — folgendes:
Ich kam aus dem Haus eines Freundes an der Place du Pantheon. Wir hatten zusammen gegessen und waren dann in langen Gesprächen bis gegen fünf zusammengeblieben. Wir hatten von Paris gesprochrn. Von seiner Llnerschöpflichkeit. Von der Heimlichkeit seiner Reize. Von der Notwendigkeit, sich um diese Reize immer wieder zu bemühen.
Als ich ins Freie trat, gewahrte ich zehn große, gelbe Autocars, welche hintereinander dicht bei dem Fußsteig aufgestellt waren. Die Rückseite jedes Wagens führte die Adresse eines Reisebureaus. Sih dieses Bureaus war die größte Handelsstadt eines kleinen nordeuropäischen Staates. Bei näherem Zusehen gewahrte ich noch eine andere Aufschrift: ......ische Reisegesell
schaft. Jedem Omnibus war vorn in roter Farbe ein Buchstabe aufgemalt, von A bis K. Dem Chauffeur jeden Wagens war derselbe Buchstabe als Metallbrosche an seiner Iacke angesteckt. Die Wagen waren völlig leer. Ein paar Sonntagsspaziergänger standen um sie herum und starrten sie an. Plö' lich ertönte von der Treppe des Pantheons ein dünner Trmnpetenruf, wie aus einer Eisenbahnertute. Gleich darauf strömten aus dem Inneren des Kuppelbaus Menschen und sammelten sich um den Bläser. Die Buchstaben A bis v zur Abreise bereit, wurde gerufen. In vier Gruppen geteilt, schwärmten unbeschreiblich ^beliebige, meistens alte und häßliche Menschen auf ihre Wagen zu. Ieder dieser Menschen trug den Buchstaben des Omnibusses, zu dem er gehörte, und unter diesem Buchstaben die Nummer seines Sitzplatzes. Jeder Streit um die Plätze war auf diese Weise von vornherein unmöglich gemacht. Ein wahres Gänsegeschnatter in harten Lauten begann, sobald man sich niedergelassen batte. Ansichtskartenverkäufer drängten sich um die Wagen. Hände suchten nach Kleingeld. Einer hatte Zahnweh und hielt sein Taschentuch vor die geschwollene Backe. Seine Frau wollte ihm Kognak geben. Er wehrte untoilüg ab. Sie zog Watte aus einer kleinen Tasche und wollte sie
wesen mit Volksschulen, Mittelschulen, Colleges und Llniversität, die Lehrsprache natürlich englisch, das Ziel der Erziehung der freie Bürger der Philippinen, dem eines Tages die Regierung und Verwaltung seiner Heimat übergeben werden kann, höchstens noch mit dem amerikanischen Reservatrecht einer Flottenstation und dergleichen. Dies war die Idee. Das Resultat aber war die Heranzüchtung einer halbgebildeten, sich selbst maßlos überschätzenden Oberschicht, die elegant englisch sprechen kann, englisch geschriebene Zeitungen liest, in den beiden Häusern des philippinischen Parlaments, Repräsentantenhaus und Senat, tönende Debatten in Englisch und Spanisch führt — aber noch nicht entfernt zum abendländischen moralisch-politischen E h r - und Pflichtbegriff hindurchgedrungen ist. Lim so leidenschaftlicher wird von ihr die „volle und bedingungslose" Llnabhängigkeit gefordert, und da die Amerikaner bereits die ganze Verwaltung, die Ministerien, das Schulwesen usw. „philippinisiert" haben, so bleibt im Grunde bis zur wirklichen Autonomie nicht mehr viel übrig. Rur der Generalgouverneur und sein nächster Berater, meist Militärs, sind Amerikaner, und formell hat der Generalgouverneur ein Veto gegen die Beschlüsse des Parlaments. Auszuüben wagt er es nur selten, und man ist direkt er
staunt, zu sehen, wie resigniert sich die Amerikaner in ihre Zurückdrängung durch die Filipinos fügen. „Filipinos" im praktisch-polit- schen Sinn sind aber eigentlich nur die paar tausend „Jlustrados" von Manila, d. h. die Einheimischen, die das ganze amerikanische Schulsystem durchgemacht haben und nun auf Grund dieser erworbenen „Bildung" und ihres mit spanischen Beigaben aufgemachten „Nationalstolzes" es als ihr „Recht" beanspruchen, das Land zu regieren, möglichst wenig zu arbeiten, alle einträglichen Stellen an sich zu bringen, die Finanzen zu ruinieren und die übrige Bevölkerung auszubeuten. Man lese, was offenherzige Amerikaner, wie Catharine Mays und Roosevelt jun. in ihren Büchern über die Philippinen für Stoßseufzer über die „Jlustrados" ousgestoßen haben!
Das Llnabhängigkeitsverlangen der Filipinos ist natürlich ein Gegenstand großen Llnbehagens bei den benachbarten europäischen Kolonialmächten. Holland fürchtet für seine Sundainseln, Frankreich für Indo- China, England für Indien. Diese drei Regierungen haben sich daher, wie es heißt, mit Amerika dahin verständigt, daß dieses die Ll n - abhängigkeit der Philippinen nicht proklamiert, ohne sich vorher mit ihnenins Benehmen gesetztzuhaben.
Vom Goldenen Vlies bis zum psundsturz.
Oie Spekulation im Wandel der Jahrtausende.
Vor uns liegt, in hoffnungsvolles grünes Seinen gebunden ein im Insel-Verlag, Leipzig, erschienenes Buch: „Wesen und Geschichte der Finanzspekulation" (Preis 8,50 RM. — 432), dessen Verfasser der Engländer R. H. M o t t r a m ist, der gleiche, der vor einigen Jahren den hervorragenden und eigenartigen englischen Kriegsroman „Der spanische Pachthof" schrieb, und der sich heute auf eine fast dreißigjährige Erfahrung im Kreditwesen beruft, um sein vierhundert Seiten starkes Spekulationswerk zu rechtfertigen. Er ist der Ansicht, daß dieses Räderwerk, das der Unterbringung des durch „Kredit" ausgedrückten Reichtums dient, verbessert und verfeinert werden kann, aber keiner erheblichen Weiterentwicklung fähig ist; dieses Instrument i st fertig, meint Mottram, die Menschheit tritt mit ihm in ein Zeitalter unbegrenzter Möglichkeiten. Wer aber glaubt, hier eine Anweisung für glückliches Börsenspiel zu finden, wird schwer enttäuscht sein — es liegt eine Geschichte der Spekulation vor, die. vor dem Pfundsturz geschrieben. dieses Ereignis nur kurz erwähnt, ohne deshalb an Aktualität zu verlieren ... was wir heute an viel zu vielen Beispielen erleben, sind schließlich nur Abwandlungen der abgedroschenen Romanphrase: „Er spekulierte und verlor alles, was er hatte!". Aber was an Hoffnungen, Illusionen, Enttäuschungen Tragödien hinter diesen Worten steckt, will dieses Buch zeigen.
Der Begriff der modernen Spekulation ist noch nicht sehr alt. Er findet sich, noch Mottram, erst im Wörterbuch von Maunder (1858), wo er mit deutlicher moralischer Verachtung definiert und m i t dem Glücksspiel verglichen wird: „oft nicht weniger verderblich als dieses". So mag die heutige Bedeutung des Wortes Spekulation etwa um 1850 entstanden sein — erstaunlich genug, denn das Alter der Sache reicht in unvordenkliche Zeiten zurück. In dem Augenblick, als die Urmenschen nicht nur für den augenblicklichen Bedarf produzierten, sondern Felle und Werkzeuge für den Handel herrichteten. begann die Spekulation. Immer, wenn sich die Spekulation besonders stark hervorwagte, hat man sie als „neumodische Idee" bezeichnet — sie ist aber uralt. Es gibt in der Ilias eine aufschlußreiche Stelle, die die Verbündeten der Trojaner
aufzählt; es find die Völker, die an den klein- asiatischen Handels st raßen wohnten. Sie mögen unter Troja zusammengekommen sein, Tauschhandel getrieben haben, und die Trojaner nahmen ihnen den Zoll ab. Alle Burgen und Städte des Altertums standen an Straßenkreuzungen und zogen von den vorüberwandernden Kaufleuten ihren Nutzen, auf den sie „spekulierten", und Troja ging zugrunde, als diese Karawanen aus einem Grunde aufhörten, ein Opfer der Spekulation. Und was ist es mit dem Goldenen Vlies, das die Argonauten entführten? In dieser wie in anderen Sagen des klassischen Altertums ist das Wort „golden" nicht nur mythologisch gemeint, die Argonauten nahmen echtes Gold oder Bernstein mit nach Hause, in dem ganzen Sagengewebe steckt ein Kern Wahrheit, und die Erinnerung an ihren Unternehmungsgeist hat sich lange erhalten; römischen Reisenden wurde ihr Anker in Phasis und in Korinth sogar der „echte" Rumpf ihres Schiffes, der „Argo" gezeigt. Jede geheiligte Stätte, die heilige Straße in Delphi ober der Tempel Salomonis, wurden der Stapelplatz für Schätze und Kostbarkeiten und rief die Anfangsgründe des Geldwechsels ins Leben, die sich vom Tauschhandel noch nicht unterscheiden lassen.
In V e n e d i g, wo Shylock sein Wesen treibt, mag das Finanzwesen sehr früh eine gewisse Vollkommenheit erreicht haben; dort wurde schon 1300 durch Gesetz ein Schriftstück bestimmt, das man heute eine Depositenquittung nennen würde, und in Genua wurde schon 1148 eine Bank gegründet, die auf staatlichen Anleihen für öffentliche Zwecke beruhte. Märchenhaft ist die Geschichte der Fugger in Augsburg, deren Ahnherr ein Weber war. Wie sich ihre Mitglieder zu einem behaglichen stillen Lebensgenuß stellten, wird durch den Ausspruch Jakob Fuggers offenbar, der in seinem hohen Alter erklärte, er wolle gewinnen, solange er könnte. ,Jn diesen Worten", sagt Mottram, „kündigt sich ein völlig neuer Geist im Wirtschaftsleben an, ein Bruch mit dem Mittelalter — ja, man kann sagen, sie muten modern, amerikanisch an, insofern, als sich in ihnen jener rastlose, unbefriedigte Hunger nach immer neuer Geldmacht unverblümt ausspricht. Als Wegbereiter für die Entwicklung unseres Gegen
ihm in die Ohren stopfen. Er wurde wild und schrie, er wolle in Ruhe gelassen sein. Eine andere Frau hatte sich Helle Handschuhe mit weich gewordener Schokolade beschmiert. Sie lutschte die Stosfinger mit der Zunge ab. Ein junger Mensch hatte einen Stadtplan entfaltet, der seinem Vordermann den Hut vom Kopf stieß. Debatte und Zank. Ein Mädchen wollte — aus leicht zu erratenden Gründen — noch einmal heraus. Sie fragte den Führer der Gruppe, wo sie verschwinden könne. Llnmöglich, erklärte dieser. Oder sie müsse eben sehen, wo sie den Wagen wieder erreiche. Solche Dinge hätten bei Zeiten — in den dazu vorgesehenen Pausen — geregelt zu werden. Dennoch stieg sie aus. Eine dicke Person erklärte, sie werde pie Gelegenheit benutzen und ebenfalls ... Der Führer fluchte ... Ich sah die Frauen gegen die rue Soufflot zu verschwinden Der Vorfall wurde von den Zurückgebliebenen kommentiert. Ein lustiger Wanst mit einem grauen Schnauzbart riß Witze über die Angelegenheit. Seine Frau, erzürnt, wehrte ab. Je mehr sie sich zierte, um so lauter lachte er.
Ein neues Signal ertönte: A bis D abfahren. 3m Nu ging es los. Die Motoren ratterten, daß einem Hören und Sehen verging. Die rue Soufflot hinunter. Einer Frau flog ein dünner Seidenschal fort ... Sie wagte nicht einmal, den Wagen zum Stehen zu bringen. Ein Chauffeur der noch wartenden Omnibusse hob ihn auf. Die beiden Frauen kamen zurück. Ihre Wagen waren fort. Geschrei. Man müsse sie mitnehmen. Sie hätten bezahlt. Sie würden klagen. Jawohl. Sie würden klagen. Die Reisenden seien nicht für die Reisegesellschaft da, sondern umgekehrt. Die Chauffeure erklärten, der Fall gehe sie nichts an. Sie seien nur Angestellte. So was könne jedem vorkommen, schrie die Dicke. Der Mensch sei keine Maschine. Sie werde klagen. Sie werde jetzt einfach in den Wagen E einsteigen — und sie wolle einmal sehen, ob es jemand wagen werde, sie da heraus zu bringen. Aber die Tür des Wagens E war verschlossen. Der Chauffeur stand davor und rauchte. Er solle offnen. Er habe keinen Schlüssel und auch keine Befugnis. Neues Signal: Die Gruppen E, F und G steigen ein. Die Wagentüren werden von den jeweiligen Führern geöffnet. Die Dicke stürzt auf den Wagen F. Sie haben ja Buchstaben C, sagt der Führer. Die Wagen find alle beseht. Ich kann Sie nicht mitnehmen. Sie können mich was anderes, brüllt die Wütendgewordene, stößt ihn zurück und schnauft in den Wagen hinein. Die F-Leute kommen. Ein Dürrer mit einer Hornbrille und einem Schlapphut findet seinen Platz von der Dicken aus Gruppe C besetzt. Er pro
testiert. Der ganze Wagen protestiert. Ein Grobian schreit der Dicken zu: Sie haben hier nichts zu suchen. Ein Spottvogel ruft: Nehmen Sie den Herrn, den Sie verdrängt haben, doch auf ihren Schoß! Platz genug haben Sie ja! Der ganze Wagen bricht in Gelächter aus. Der Führer ermahnt die Eindringlin noch einmal, sofort den Platz freizugeben, oder ... Aber die so Ermahnte rührt sich nicht. Der Dürre steht hilflos. Signal: die Wagen E—G abfahren. Ein Ruck: der Dürre fliegt um. Fliegt der Dicken, welche aufschreit, auf den Schoß ... Die Zuschauermenge johlt vor Freude ... Der Dürre hat sich wieder erhoben ... Wie eine Bohnenstange ragt er in die Höhe, hält sich krampfhaft an der Schuhscheibe, was ihm sofort untersagt wird... Eine scharse Biegung... Flan! ist er wieder um» gefallen. Neues Johlen der Zuschauer... Fort ist der Wagen F. Signal: Einsteigen in die Wagen H-K...
Das zurückgebliebene Mädchen weint. Der Chauffeur des Wagens H bietet ihr ein Eckchen seines Sitzes an. Er ist ein hübscher junger Kerl.
— A quelque chosc malhcur est bon! ruft ein Bürger vom Fußsteig dem Mädchen zu ... Allez-y, Mademoiselle, allez-y tout bonnement!
Frauen als Erfinderinnen.
Vor kurzem ist in Neuyork eine Ausstellung eröffnet worden, in der nur von amerikanischen Frauen gemachte technische Erfindungen gezeigt werden. Die Ausstellung macht mit der überraschenden Tatsache bekannt, daß die Frau auch auf der Domäne der Technik, die man gemeinhin dem systematischeren Geiste des Mannes Vorbehalten glaubt, Ansehnliches zu leisten vermag. Allerdings handelt es sich in keinem Falle um Erfindungen, die geeignet wären, ganze Gebiete der Technik umzuwälzen, sondern zumeist um solche, die schon vorhandene Erfindungen auf neue, praktische Anwendungsgebiete übertragen. Mehr als 15 000 weibliche Erfindungen sind in der Ausstellung vereinigt, im Katalog erfährt man, daß das Patentamt der Vereinigten Staaten ihrer jährlich mehr als 1200 zu prüfen hat.
Ohne weiteres nimmt man natürlich an, die meisten weiblichen Erfindungen bezögen sich auf praktische Neuerungen im Haushalt. Die Ausstellung beweist, daß dies nicht der Fall ist. Lediglich 20 Prozent der ausgestellten Objekte stellen technische Verbesserungen im Hausba'te vor. und die Hälfte d'eser Erfinderinnen s'nd Dienstmädchen. Wie ja auch die Leiterin der Ausstellung. Mrs. Olivier Harriman, in ihrer Eröffnungsrede öar-
ftanbes müssen wir die Fugger stets bewundern.- Man kann unmöglich den ungemein weiten und reichhaltigen Gesichtskreis dieses Buches auch nur anbeuten, man muß sich aus einige interessante Einzelheiten aus ber Geschichte ber Spekulation beschränken. Das ist etwa her hollänbische Tulpenschwinbel, ber ewig zu ben Unbegreiflichkeiten ber Spekulation gehören wirb. Zur Zeih als Deutschland unter bem Dreißigjährigen Kriege litt, würbe in Holland bie Tulpe zu einem Spekula« tionsobjett, Häuser unb ßanbgüter würben deswegen verkauft, vor allem, als man erfahren haben wollte daß auch das Auland von diesem Fieber ergriffen worden sei. 1637 wurden 120 Tulpenzwiebeln für 90 000 Gulden verkauft. — Plötzlich, wie sie entstanden, brach diese Krankheit ab und hinterließ Vertragsbrüche, Konkurse, allgemeine Vermögensumschichtungen.
Kredit ist schlummerndes Mißtrauen — heißt ein Kapitel dieses Buches, das wesentlich vom mittelalterlichen England und Frankreich handelt. Außer Schenke und Kirche war damals ein neuer Versamm- lungsplatz entstanden: das Kaffeehaus, das vom romantischen Zauber Indiens umweht mar; Sammelplatz der Makler und Jobber, die aus Italien eingewandert waren. Atmosphäre des Empor- fömmlingstums: in ihr gedeihen solche Erscheinungen wie John L a w, dessen fabelhaftes Schicksal nach dem 13. Juli d. I. wieder einmal hervorgesucht wurde, der aber weder mit Bestechung noch mit falschen Bilanzen arbeitete. Die Effektenmaklerei war damals etwas ganz Neues, sie wickelte sich in Paris in der Rue Quinquempoix ab, die hierauf keineswegs vorbereitet war, so daß sich aus dieser Spekulation eine andere entwickelte: man vermietete jedes Zimmer, jedes Fenster zu Wucherpreisen, und ein Schuhflicker, der seinen Stand unter dem Torbogen des Herrn Bankiers Tourton hatte, fand eine bessere Nutznießung, er vermietete ihn an Damen, die sich den Betrieb ansehen wollten. Ein Bild aus jener Zeit bietet der Bucklige, der seine Verunstaltung, wo es nötig war, als Schreibpult vermietete und damit viele Tausende verdienen konnte.
Aus diesen unbekannteren Anfängen tritt die Darstellung Mottrams ins hellere Licht des Bekannten, er behandelt, kritisch und amüsant, alle Gestalten, die jemals in der Geschichte der Spekulation hervortraten. —' Es ist nicht uninteressant, gerade heute einige Einzelheiten aus den deutschen Gründerjahren zu nennen. Von 1870 bis 1873 wurden in Deutschland 985 Aktiengesellschaften mit einem Kapital von 3 600 000 000 Mark gegründet. 1870 war ein Gesetz durchgepeitscht worden, das den Konzessionszwang für Aktiengesell- schäften aufhob und nur allgemeine Normen vor- fchrieb, ohne daß Aktionäre und Gläubiger wären gesichert worden, und der Prospektzwang wurde erst durch das Börsengesetz von 1896 eingeführt. Dann wurden die Kurse der jungen Aktien durch bedenkliche Kniffe getrieben, die Gründer beeilten sich, ihre Aktien zu verkaufen und zu verschwinden; unvermeidbar war der große Krach „Dieser Gründerrausch", meint Mottram, „ber Wirtschaftsgeschichte an sich nichts Neues, mußte gerade in dem Deutschland jener Jahre mit seinem strengen Beamtentum und der biedermeierisch-soliden Geschäftsauffassung abstoßend wirken und der kühlen Haltung mancher Kreise der Gebildeten gegenüber der Wirtschaft Recht geben."
So läuft das Buch mitten in der Gegenwart aus: „Stehen wir nun am Ende dieser Betrachtung, so ist das nicht wie ein Rüstblick auf eine endgültig abgeschlossene Entwicklung: vielmehr verweilen wir an der Schwelle eines neuen Ze it- alters. Ueberaü werden, im Politischen wie im Wirtschaftlichen, die nationalen Schranken niedergebrochen und überrannt. Es ist d i e N o t, die den Bölkern ihre Schicksalsverbundenheit in einer Schärfe zum Ausdruck bringt, wie es das Glück niemals vermocht hätte." lieber den Vertrag von Versailles findet endlich Mottram dies Urteil: „Das deutlichste Merkmal für die hoffnungslose geistige Unzulänglichkeit der Männer von Ver-
auf hinwies, daß die amerikanische Frau, zumal die gebildete, im allgemeinen von Dingen des Haushaltes nicht das geringste versteht. Die Hauptgebiete, auf denen die amer kan scheu Frauen Erfindungen gemacht haben, sind Verkehr, Landwirtschaft und — wer erwartete etwas anderes? — kosmetische Industrie. Au vierter Stelle reiht sich das Automobil an. Die numerisch am stärksten vertretenen weiblichen Erfindungen zielen auf Verbesserungen und Erhöhung der Bequemlichkeiten in den Speise- und Schlafwagen der Eisenbahnen hin.
Oer Affe mit der blauen Brille.
Der Londoner Zoo besitzt eine besondere Seltenheit in dem Albino-Affen Blanco, dessen fahles und fast gespenstisches Aussehen allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Solche Albino- sormen sind unter den Tieren nicht selten- So besitzt der Londoner Zoo einen weißen Fasanen, der ein Albino ist, und ebenso einen cremefarbenen Dachs, der diesen Mangel an Pigmentierung aufweist. Das fahle Winterkleid mancher Tiere hat freilich mit dem Albinismus nicht das geringste zu tun, sondern wird durch eine gesteigerte Tätigkeit der Schilddrüse während des kalten Wetters hervorgerufen. Der seltenste und kostbarste Albino, der jemals im Londoner Zoo zu sehen war, war der weiße Elefant aus Birma, für den man ein eigenes Haus gebaut hatte, und der kurz nach seiner Tournee durch die amerikanischen Zoos dann in der Heimat starb. Das Albino-Aeffchen Blanco fiel auch dadurch auf. daß es die Gewohnheit hatte, seine Augen mit einer Pfote zu beschatten. Wie bei den meisten Albinos ist bei dem Affen die Lichtempfindlich- keit außerordentlich groß. Das grelle Sonnenlicht stört ihn, und so suchte er, sich mit seiner Pfote zu schützen. Da man bei Menschenkindern, deren geistige Entwicklung von der Blancos nicht sehr verschieden ist. erfolgreich Brillen verwendet hat, so dachte man daran, Blancos Augen mit einer blauen Brille zu versehen, und die Ophthal- mologin des Londoner Zoo nahm ihm dazu Maß. Eine aus unzerbrechlichem blauen Glas her- gestellte und mit Leder eingefaßte Brille wurde dem Tierchen nach heftigem Kampf und unter Anwendung von Chloroform so aufgesetzt, daß sie fest saß. Aber der Affe war beim Erwachen aus dem Betäubungsschlaf über die Veränderung der Llmwelt durch die blaue Färbung und wohl auch durch die Llnbequemlichkeft der seltsamen Vorrichtung so wütend und aufgeregt, daß es ihm gelang, die Brille abzureißen und in hohem Schwung in eine Ecke zu schleudern.


