Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 5. November 1931.
Rückkehr zum guten Buch.
Dieser Winter wird voraussichtlich manchen Lebensgewohnheiten einen Stoß versetzen. Da, wo Einkommensminderung oder gar Erwerbslosigkeit eingetreten ist — und wie wenige sind davon verschont geblieben! — ergibt sich ganz von selbst und zwangsläufig eine Aenderung in der bisherigen Lebensführung. Das sogenannte „Ausgehen" war bisher meist das nicht immer beneidenswerte Vorrecht der Großstädter, in kleineren Städten uihd in Dörfern und Flecken hat man ohnehin stets andere Formen der Unterhaltung gesucht und gesunden. Aber es liegt auf der Hand, daß auch bei einfachen, oder geringen Anforderungen an die schöneren Seiten des Lebens ivnd)c Einschränkung überall vorgenommen werden muß. Die Formen der Geselligkeit werden sich im wesentlich eingeschränkten Nahmen ab- spielen. Und wo auch dazu weder Lust noch Neigung bestehen, wo die Not das Haushaltsprogramm diktiert, da ergibt sich von selbst die Bescheidung auf die eigene Gesellschaft, die mancher so schlecht aushält.
Einen Ausweg gibt es, der früher sehr bekannt war. Der seine erhebliche Bedeutung hatte und für die Kultur unseres Volkes von ausschlaggebendem Wert war. Der Umgang mit dem guten Buch — der könnte für diese Zeit etwas sehr Gehaltvolles werden. Was Lesen für Ber- gnügen, was es für Nutzen schafft, darüber sind wir uns ja wohl alle klar: es soll hier nicht lange erörtert werden. Daß es aber auch willkommener Ersah für mangelnde Geselligkeit ist und das gewöhnliche Amüsement meist übertrifft, wird manchem neu und überraschend sein. Er mache einen Versuch!
Bleibt die Frage zu lösen: Woher bekommt man die Bücher, die so viel geben können? Wer von seinem Etat noch ein paar Mark abzweigen kann, gehe in die Buchhandlung: er wird erstaunt sein, was er da alles an unbekannten Schätzen heben kann. Teuer im eigentlichen Sinne sind Bücher ja nie: wer sich überlegt, wie lange sie ihm treue Freundschaft leisten, wird zu dieser Erkenntnis, zu diesem praktischen Rechenexempel rasch kommen. Muß jemand mit knappen Mitteln rechnen, so wird er immer noch auf die neuerdings sehr ausgebauten sogenannten „Volksausgaben" zurückgvifen können, die billig angeboten werden. Es ist eine große Menge Lesenswertes darunter zu finden: wer sich darum kümmert, wird staunen, wieviel er da für sich beschaffen möchte.
„Wenn du aber gar nichts hast" — nein, das oft mißbrauchte Heine-Wort stimmt hier nicht. Man braucht sich deswegen noch nicht begraben zu lassen. Wer kein Geld bat, notgedrungen über viel Zeit verfügt und diese mit Lesen ausfüllen will, der findet in der Volksbücherei, die ja heute auch die kleinste Landgemeinde besitzt, Bücher über Bücher, die alles Mögliche gewähren: Unterhaltung, Vergnügen. Ueberraschung und ganz gewiß nicht zuletzt Bildung und Belehrung. Rückkehr zum guten Buch — das ist ein Weg, den dieser Winter weist! E. W.
Llmsahsteuervorauözahlungen und ttmsatzsteuerumrechnungssätze. WTB. Die Steuerpflichtigen mit einem steuerpflichtigen Jahresumsatz von über 20 000 Mk. haben nach der Verordnung vom 25. Juni 1931 für die Umsatz st euer nicht mehr vierteljährlich, sondern monatlich Voranmeldungen obzugeben und entsprechende Vorauszahlungen zu leisten. Erstmalig ist von ihnen eine Monatsvoranmeldung über die Umsätze im Oktober bis zum 10. November abzugeben und gleichzeitig die sich danach ergebende Monatsvorauszahlung zu leisten. Der Steuersatz beträgt, wie bisher, sür die allgemeine Umsatzsteuer 8,5 pro Mille und für die erhöhte Umsatzsteuer 13,5 pro Mille.
Ferner werden mit Rücksicht auf die Schwankungen einiger ausländischer Devisenkurse im Einvernehmen mit den Spihenverbänden der Wirtschaft die Durchschnittssähe für die Umrechnung ausländischer Zahlungsmittel für Umsahsteuerzwecke vom 1. November ab nicht mehr vierteljährlich, sondern monatlich bekanntgegeben. Erstmalig wurden für Oktober im „Reichsanzeiger" am 2. November die Umsah- steuerumrechnungssähe für die in Berlin notierten und etwa am 10. November für die nicht in Berlin notierten ausländischen Zahlungsmittel veröffentlicht. Mit Rücksicht darauf, daß die Umrechnungssätze für die nicht in Berlin notierten Auslanddevisen auch in den späteren Monaten nicht vor dem 10. veröffentlicht werden können, und im Hinblick darauf, daß verschiedenen Pflichtigen die monatliche Ermittlung der Umsätze auch aus anderen Gründen nicht sofort am Anfang des Monats möglich ist, werden allgemein für die Steuer auf die Umsätze vom Oktober ab Zuschläge nach § 168 Abs. 2 der Reichsabgabenordnung und Verzugszuschläge nicht festgesetzt, wenn die Um- sahsteuervoranmeldung und -Vorauszahlung jeweilig bis einschließlich den 17. (bisher 15 ) des Fälligkeitsmonats, oder wenn dieser Tag ein Sonn- oder Feiertag ist, zum nächstfolgenden Werktag beim Finanzamt eingehen.
(Lietzener Wochenmarktpreise.
Gießen, 5. Rov. Heutige Wochenmarktpreise: Butter 120 bis 130 Pf. (Kochbutter von 100 Pf. an), Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140,
Wirsing 8 bis 10 (pro Zentner 4 bis 5 Mk.),
Weißkraut 6 bis 7 (pro Zentner 2 bis 2,50 Mk.), Rotkraut 8 bis 10 (pro Zentner 4 bis 5 Mk ),
gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 8 bis 10,
Spinat 15 bis 20, Römischkohl 8 bis 10, Unterkohlrabi 5 bis 6, Grünkohl 10 bis 15, Rosenkohl 20 bis 25, Feldsalat 80 bis 100, Tomaten 35 bis 4'', Meerrettich 30 bis 60, Zwiebeln 8 bis 10, Schwarzwurzeln 30 bis 35, Kartoffeln 4 (pro Zentner 3,20 bis 3,50 Mk.), Aepfel 8 bis 10 (pro Zentner 4 bis 6 Mk.), Dirnen 8 bis 10, Dörrobst 30 bis 35, Kürbis 5 bis 6, Honig 40 bis 50, Nüsse 25 bis 30, Gänse 80 bis 90, junge Hähne 90 bis 100, Suppenhühner 80 bis 100 pro Pfund: Tauben 50 bis 60, Eier 12 bis 13, Blumenkohl 20 bis 60, Salat 10 bis 15,
Salatgurken 30 bis 35, Endivien 10 bis 15, Oberkohlrabi 8 bis 10, Sellerie 10 bis 40, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15 Pf. pro Stück.
Bornotizcn.
— Tageskalender f ü r Donnerstag. DHV., 20.30 Uhr, Universitätsaula, Filmvortrag: „Die Stadt von morgen." — Deutscher Beamten- bund, 20.30 Uhr, Restaurant „Aquarium", Mitgliederversammlung. — Caf6 Leib, 16 und 20 Uhr, Vorträge mit Koch-, Brat- und Backvorführungen. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Sohn der weißen Berge". — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg: „Charlie im Varietö", „Carmen", „Charlie in der Unterwelt" und „Schande".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns gemeldet: Freitag, 6. November, 6. Vorstellung im Freitag-Abonnement. Erste Wiederholung des Lustspiels „Liebe und Film" von Croisset. Spielleitung der Intendant. 20 bis 22.30 Uhr.
— Volkshochschule. Heute, 20 Uhr, beginnen in der Universität die Donnerstagskurse: „Lebensnahe Psychologie" von Dr. S ch l i e b e und der von Frau Minna Wolff angekündigte Gesangskurs (1. Seil) mit „Atemtechnik und Tonbildung". Der Kurs „Die elektrischen Maßeinheiten" findet im Realgymnasium, Ludwigstraße, statt. Siehe heutige Anzeige.
,— Der Christlich - soziale Volks- d i e n st (Evangelische Bewegung) hält am Freitag, 6. November, 20 Uhr, in der Turnhalle am Oswaldsgarten eine Versammlung ab, in der der Reichstagsabg. Simpfendörfer (Korntal- Stuttgart) sprechen wird. (Siehe heutige Anzeige.)
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LU. Von der Landesuniversität Von der Pressestelle der Landesuniversität wird mitgeteilt: Dem Studienrat an der hiesigen Oberrealschule Dr. Heinrich Kiefer wurde durch Verfügung des Herrn Ministers für Kultus und Bildungswesen ein Lehrauftrag für deutsche Stillehre erteilt.
** Auszeichnungen f ür Verdien ste um d i e Landwirtschaft. Die Deutsche Landwirtschaftsgesellfchaft verlieh dem Präsidenten der Hessischen Landwirtschaftskammer, Oeko- nomierat Hensel, Dortelweil, und dem Generaldirektor Dr. Hamann, Darmstadt, die Goldene Cyth-Denkmünze. Dr. Pebler, Darmstadt, erhielt die gleiche Denkmünze in Silber.
** ©in Fünfundsiebzigjähriger. Oberpostsekretär i. R. Oskar Bock konnte gestern in großer geistiger und körperlicher Frische seinen 75. Geburtstag feiern. Seitdem der Zubilar nicht mehr im Postdienst tätig ist, hat er sich mit vorbildlichem Eifer der Sache des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zur Verfügung gestellt.
’* Ernennungen b e i der Gendarme- r i e. Der Gendarmeriemeister Johannes Dunkelmann zu Büdingen wurde mit Wirkung ab 1. Oktober zum Gendarmeriekommissar, und der Gendarmerie-Hauptwachtmeister Johann Walther zu Hungen mit Wirkung ab 1. November zum Gendarmeriemeister ernannt.
** Abendandacht für Studenten. Am morgigen Freitag beginnen wieder die Abendandachten für Studenten in der Kapelle auf dem Alten Friedhof. Cs sind für das Wintersemester vier solcher Andachten vorgesehen. Die erste hat Professor D. Rudolph von der theologischen Fakultät der Universität übernommen. Die Andachten sind für jedermann frei zugänglich.
*'RückständigeElektrizitätsgebüh- r e n aus dem Monat September können noch bis zum 15. November ohne Kosten gezahlt werden. Man beachte die heutige Bekanntmachung der Direktion des Elektrizitätswerks.
** Sitzung des Provinzialausschus- s e s. Am Samstag, 7. November, 8.30 Uhr, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: Beschwerde des Kaspar Ludwig König in Ober-Mörlen gegen den Beschluß des Kreisamts Friedberg vom 29. August 1931 wegen Heranziehung zu den Beiträgen der Schuhmacherzwangsinnung für die Amtsgerichtsbezirke Friedberg und Bad-Nauheim und wegen Verhängung einer Ordnungsstrafe: Einspruch der Gebr. Jung in Vilbel gegen die Heranziehung zu den Beiträgen der Zimmermeisterzwangsinnung im Kreise Friedberg: hier: Beschwerde der Gebr. Jung gegen den Beschluß des Kreisamts Friedberg vom 21. Sufi 1931; Teilregulierung der Nidda in der Gemarkung Unter-Schmitten: hier: Berufung der Gemeinde Unter-Schmit- t e n gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Büdingen vom 22. Dezember 1930.
* DieNeuapostolische Gemeinde, die bekanntlich in der Ederstraße eine Kapelle besitzt, führt zur Zeit ein Bauprojekt in der Hän- delstraße durch, bei dem ein Wohnhaus mit zwei Vierzimmerwohnungen und ein Versammlungssaal für die Gemeindeangehörigen im Südviertel geschaffen werden. Das Wohnhaus ist bereits im Rohbau fertiggestellt und soll im Verlaufe der Wintermonate im Innern ausgebaut werden. Der Versammlungssaal ist in einem besonderen Gebäude neben dem Wohnhaus vorgesehen, er soll für etwa 500 bis 600 Personen Raum bieten und bis zum nächsten Sommer fertiggestellt sein. Die Finanzierung des Projektes erfolgte durch freiwillige Opsergaben der Gemeindeangehörigen des ganzen Bezirks Frankfurt, zu dem Hessen und Hessen-Nassau gehören. Die Bauten werden nach den Plänen des Architekten Hamann errichtet.
** Die Generalversammlung des A ll- gemeinen Deutschen Frauenoereins (Deutscher Staatsbürgerinnenverband) wurde, wie man uns berichtet, am Montag abgehalten. Bei den satzungsgemäß stattfindenden Neuwahlen wurden die erste Vorsitzende Frau Seid, die stellvertretende Vorsitzende Frau Naumann, sowie der Gesamt- vorstand wiedergewählt. In den Vorstand wurde Frau Landtagsabgeordnete Maria Birnbaum neu aufgenommen. Die Schatzmeisterin Frl. Zimmermann verlas den Kassenbericht, Frau M o m- b e r t den Jahresbericht über die Tätigkeit der Ortsgruppe. Der Verein hat infolge der allgemeinen Notlage auch charitative Tätigkeit aufgenommen. Er beteiligt sich mit einem monatlichen Beitrag an der städtischen Frauenhilfe und hat auf Grund einer Kleidersammlung eine Nähstube eingerichtet, in der erwerbslose Frauen und Mädchen unter sachkundiger Leitung brauchbare Kleidungsstücke für sich und ihre Familien herstellen können. Ein interessantes Refe
rat brachte Frau S e i b über die Generalversammlung des Bundes deutscher Frauenvereine, die un- längst in Leipzig stattfand. Die Tagung war von 800 Frauen besucht. Erwähnenswert waren dabei besonders ein Vortrag von Frau Dr. Bäumer über die weibliche Jugend im deutschen Schicksal und ein Referat von Frau Dr. Magnus - von Hau- s e n über die politischen und militärischen Probleme her Abrüstungskonferenz. Zum Schluß bat Frau Seid die anwesenden Frauen, bei der bevorstehenden Landtagswahl ihre Wahlpflicht zu erfüllen.
*• D i e Hausfrauenberatung Gießen veranstaltete, wie man uns berichtet, dieser Tage einen Vortragsabend, der den „Fußboden und seine sachgemäße Pflege" zum Gegenstand hatte. Nach einleitenden Worten der 1. Vorsitzenden, 5rau Dr. Koeppe, hielt Frau Margarete Händel- Dresden einen lehrreichen Vortrag. Die Rednerin stellte ihre Ausführungen unter den Gesichtspunkt der hauswirtschaftlichen Warenkunde, sprach zuerst über die verschiedenen Arten des Fußbodenmaterials (Stein, Holz, Linoleum, Stragula usw.) und gab wertvolle Ratschläge zu dessen Behandlung. Natürliche und künstliche Steine, so führte die Rednerin u. a. aus, bedürften der Trockenhaltung, weiche und harte Hölzer als Fußbodenmaterial verlangten besonders sorgfältige Behandlung, Parkett dürfe nicht mit Wasser gereinigt werden, für die Reinigung des Linoleums solle man kein öllösendes Mittel gebrauchen. Soda und Salmiak seien für Linoleum besonders schädlich, von der Verwendung bleichender Seifen empfehle es sich ganz abzusehen. Bohnerwachs gebe es mehr als tausend Arten, gutes Bohnerwachs müsse fest fein, ohne allzu viel Fett zu enthalten. Die Rednerin machte außerdem auf verschiedene praktische Hilfsmittel (Einwachs-Apparat usw.) aufmerksam. Zum Schluß zeigte die Vortragende eine Reihe von Lichtbildern aus dem umfangreichen Gebiet sachgemäßer Fußbodenpflege. Mit der Veranstaltung war eine Ausstellung einschlägiger Artikel verbunden, die von den hiesigen Firmen H e h d , Hoch st älter, Kilbinger, Kreiling, Noll und W i n t e r h o f f zur Verfügung gestellt und übersichtlich aufgebaut worden waren: weiter war die Firma Thompson mit ihren Erzeugnissen vertreten. Der Abend brachte den Besucherinnen manche wertvolle Anregung.
** Keller-Einbruch. Der Polizeibericht meldet: In der vergangenen Nacht drangen Einbrecher in die Keller des Hauses Wilhelm- straße 12 ein. Den Dieben fielen Flaschenweine, Obst und ein Damenfahrrad in die Hände. Sachdienliche Mitteilungen erbittet die Kriminalpolizei.
Einweihung des evangelischen Melanchthonheims in Mainz.
h. Mainz, 4. Nov. Hier fand in dem sinnig geschmückten und voll besetzten großen Saal des evangelischen Dereinshauses die feierliche Einweihung des evangelischen Melanch- thonheimes statt, das — im danebenliegenden »Wittenberger Hof" untergebracht — 30 evangelischen Studenten des Pädagogischen Instituts in Mainz ilnterfunft bietet, während zwei große gemeinsame Räume allen evangelischen Studenten und Studentinnen auf Wunsch zur Verfügung stehen. Das soziale Werk wurde geschaffen vom Vorstand des hessischen Melanchthonvereins unter tatkräftiger Führung seines Vorsitzenden, Landeskirchenrates l). W a i h , Darmstadt, mit verständnisvoller Llnterstühung der Landeskirche.
Die Feier wurde eröffnet und geschlossen mit einem Musikvortrag dreier Lehrerstudenten (Klavier, Violine, Cello) und bereichert durch einen Gesangsvortrag (Kraushaar, Rödgen bei Gießen). Der Superintendent von Rheinhessen, Oberkirchenrat Zentgraf, Mainz, nahm im ersten Teile der Feier die kirchliche Handlung vor, die mit Gebet schloß. Sie war umrahmt von Choralgesängen. Nach Beendigung des ersten Teiles der Feier begrüßte der Vorsitzende des Melanchthonvereins alle Erschienenen, in erster Linie die Spitzen der kirchlichen, staatlichen und städtischen Behörden, erläuterte in längeren Ausführungen die Absicht und den Sinn des geschaffenen Werkes und dankte allen Mithelfern, in erster Linie der Landeskirche und den vielen Gönnern. Als erster überbrachte Prälat D. Dr. Dr. Diehl die Wünsche der Kirchenregierung. Er schloß seine Ausführungen mit den programmatischen Worten: „Die Kirche hat das Bedürfnis, mit der Schule Zusammenhalt und Gemeinschaft zu haben. Dieses auf Vertrauen beruhende Verhältnis möge bleiben und vertieft werden auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und in der Heberzeugung, daß wir zusammen dienen unserem armen, geplagten Volke." Der Vorsitzende des Landeskirchentages, Archivdirektor D. Hermann, überbrachte die Wünsche der Vertretung des evangelischen Kirchenvolkes. Ministerialrat Hofmann, Darmstadt, übermittelte die Wünsche des am Erscheinen verhinderten Staatspräsidenten Dr. Adelung und fügte warme persönliche und grundsätzliche Worte hinzu. Oberbürgermeister E r h a r d t, Mainz, begrüßte in längerer Rede das Werk und versprach ihm die Hilfe der Stadt im Rahmen des Möglichen. Der Direktor des Pädagogischen Instituts, Professor Feldmann, unterstrich alle bereits ausgesprochenen Wünsche und betonte, daß die Arbeit am Institut nicht nur eine Arbeit zur Entwickelung der WissenschcUr und Forschung allein sei, sondern „Crzieherpersönlichkeiten" schaffen wolle, die ohne menschliche und christliche Gemeinschaft nicht wachsen könnten. Der Dekanstellvertreter, Pfarrer Hofmann, grüßte im Namen der evangelischen Kirchengemeinde die Studenten, der Vorsitzende des derzeitigen Studentenausschusses, Herr Justin, dankte im Namen aller Kommilitonen. Für den Evangelischen Bund widmete Pfarrer Berger, Darmstadt, dem Heime herzliche Worte und überreichte ein Luther- bild. Oberregierungsrat H a n a ck versprach als Vorsitzender des evangelischen Vereins und als Hausbesitzer allezeit mit Rat und Tat helfen zu wollen.
Der Feier schloß sich eine Besichtigung an, wobei der verdiente Mitarbeiter am Werke, Rektor H e b e r e r, Mainz, die Führung übernahm. Das Heim präsentierte sich als eine vornehm und gemütlich ausgestattete Stätte.
Emetterles dezirlsschöffengerichl Gießen.
* Gießen, 4. Nov. Heute wurde gegen die Frauen verhandelt, die sich von dem kürzlich am Schwurgericht wegen gewerbsmäßiger Abtreibung verurteilten Manne verbotene Eingriffe hatten machen lassen. Mitangeklagt waren die Personen, die angestiftet oder Beihülfe geleistet hatten. Alle Angeklagte waren in vollem Umfang geständig. Daß sie sich alle in Not befunden hatten und nicht leichtfertig zu ihren Verfehlungen gekommen waren, wurde mildernd berücksichtigt. Die Strafen lauteten wegen Abtreibung und Anstiftung dazu auf sechs Wochen Gefängnis, wegen Beihülfe auf vier Wochen, und, soweit Jugendliche verurteilt wurden, auf drei Wochen Gefängnis.
Zwei raffinierte Hoteldiebe gefaßt.
WSN. Frankfurt a.M., 4. Nov. Den Bemühungen der Polizei ist es gelungen, zwei internationale Hoteldiebe und Hotelbetrüger zu fassen, die in Hotels und Gasthäusern auftauchten, Diebereien verübten, die Gastgeber durch Hinterlassung der Zechschuld prellten und größere Geldbeträge zu stehlen suchten. In Bad Reichenhall wurden sie nunmehr festgenommen. Der eine Täter ist der Schlosser Alfred Darr aus Siebleben-Gotha, sein Komplice der Kaufmann August Steinig aus Kostenblut (Schlesien). Auf ihrer Gauner- reife weilten die Verbrecher zuletzt in Bad- Nauheim, dann in Bad Dürkheim und in Jngenheim bei Landau. Von der Pfalz aus flüchteten die Verbrecher nach Schönmünzach und Dühl. In Stuttgart machten sie sich das Pfandhaus zunutze. Auch in Ulm wurde im Pfand- haus das Diebesgut zu Geld gemacht.
Buntes Allerlei.
Oer Mann der zeitlebens Glück hatte.
In Sankt Charles im Staate Illinois ist vor kurzer Zeit ein Mann gestorben, ein Kaufmann James Kruck, der sein 69. Lebensjahr erreicht hat. Das ist an sich noch nicht so auffällig, daß die gesamte amerikanische Presse davon Notiz nimmt. Was Kruck eine gewisse Berühmtheit gegeoen hat, das ist die Tatsache, daß er immer in seinem Leben Glück hatte. Ein Kreis von Legenden rankt sich um den Verstorbenen, der gewiß ein ereignisreiches Leben hinter sich hat. Einmal fuhr er in jungen Jahren mit dem Schnellzug durch die Landschaft. Ein Eisenbahnunglück ereignet sich, der ganze Zug ist ein einziger Trümmerhaufen, dessen Holzteile noch dazu Feuer gefangen haben. Aus dem Chaos klettert ein einziger Insasse des Zuges heraus, Charles Kruck! Damit fing seine Glückssträhne an. Mehrmals wurde er von Autos überfahren — er kam jedesmal ohne sonderliche Beschädigung davon. A.is dem dritten Stock seines Wohnhauses stürzte Kruck einmal durchs Fenster; aber der Zufall wollte, daß auf dem Hofe ein riesiger Baumwollballenhaufen lag, auf dem er weich landete. Kruck war bekannt als starker Raucher, der zudem auch dem Alkohol zusprach, er aß rohes Obst und trank Wasser dazu; alles das vermochte ihn in seiner Gesundheit nicht zu schädigen. Die Katastrophe des Dampfers „Titanic", der mit einem Eisberg zu- sammenstieß, überlebte er gesund und munter. Es erscheint beinahe unglaubwürdig: aber als die „Lusitania" im Kriege sank, war Kruck auch an Bord — und wurde gerettet. Eigentümlich war nur sein Ende. Kruck machte eines Sonntags einen Ausflug. Der Weg führte an ein kleines Flüßchen, und Kruck bekam Lust, darin zu waten. In dem flachen Wasserlauf wurde der 69jährige ohnmächtig, fiel um — und ertrank.
Ein Wahrtraum.
Ein Vorfall bei den letzten englischen Wahlen, der großes Aufsehen erregte, zeigt wieder einmal, daß Träume nicht immer Schäume sind, sondern sehr wahr fein können. Die Gattin eines konservativen Kandidaten, Sir Cooper Rawson, der dann in Brighton mit sehr großer Mehrheit gewählt wurde, träumte in der Nacht vor der Wahl, daß ihr Gatte eine Schachtel mit Schokolade bekommen habe; er habe daraus ein Stück genommen und sei wie vom Blitz getroffen zusammengebrochen. Am nächsten Morgen fand der Kandidat tatsächlich unter seiner Post ein Kästchen mit Erfrischungen, deren Absender nicht angegeben war, sondern das nur eine Karte enthielt mit den Worten: „Gut für die Kehle." Natürlich ließ Lady Rawson vicht zu, daß ihr Mann auch nur das Geringste aus der Kiste nahm, sondern diese wurde in ein Laboratorium geschickt, wo man tatsächlich feststellte, daß der Inhalt vergiftet war....
Rundfunkprogramm.
Freitag, 6. November.
7.15 Mr: Frühkonzert auf Scha'.lplatten. 12.05: Schallplattenkonzert. 17.05: Aus Greiners Großgaststätten, Hindenburgbau: Konzert. 18.40: „Heber nassauische Sagen", Vortrag von Dolf Sternberger. 19.05: Aerztevortrag. 19.45: Deutsche Humoristen: Gustav Mehrink. 20.05: Aus dem Festsaal der Liederhalle Stuttgart: Symphonie- konzert des Philharmonischen Orchesters Stuttgart. 22: Musik des Orients, Vortrag mit Schall- plattenbcispielen von Ludwig Koch. 23 bis 24: Tanzmusik der Funkkapelle Haas.
Kirchliche Nachrichten.
Evangelische Gemeinden.
Freitag, den 6. November 1931.
Kapelle auf dem Allen Friedhof. 8 Uhr pünktlich Abendandacht für Studenten. Prof. D. Rudolph.
Israelitische Gemeinden.
Israelitische Religionsgemeinde. Gottesdienst in der Synagoge (Südanlage). Samstag, den 7. No- vember. Vorabend: 4.45 Uhr; morgens 9 Uhr Predigt. Abends: 5.05 und 5.45 Uhr.
Israelitische Retigionsgesellschaft. Sabbatfeier, den 7. November. Freitagabend 4.30 Uhr, Samstagvor- mittag 8.30 Uhr Predigt; nachmittags 5.05 Uhr, Sabbatausgang 5.45 Uyr. — Wochengottesdienftr morgens 6.45 Uhr, abends 4.30 Uhr.
Trucker II/ej«e2akne-.


