Ausgabe 
5.9.1931
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Samstag, 5. September 1931

Ur. 207 Zweites Blatt

Ser deutsche Staat und die deutsche Zutuns!. Leopold Zieglers ,Zünfundzwanzig Sähe".

Don Geheimrat Dr. Eugen Nühnemann, o. Professor der Philosophie an der Universität Äreslau-

Man kann nicht behaupten, bafe b l e ® e l ft l g e n Deutschland» dem Schicksal ihres Volke» und seine» Staate» gleichgültig gegenüberslanden. Raum ein Monat vergeht, in dem nicht einer unter ihnen ba» Wort ergreift, um sein Bekenntnis zur Not der deutschen Gegenwart zu sogen und Wege au» der Not heraus anzudeuten. Nur hat diese Zeit die geistigen Arbeiter tiefe Bescheidenheit ge­lehrt. Sie wissen es nur zu gut, daß sie nicht die stillen Führer ihre» Dolke» sind, al» die sie sich in der Vorkriegszeit gern träumten. Dämonische Kräfte, die jeder Berechtigung spotten, bestimmen da» öffentliche Geschick. Da» Wort de» Geiste» ist gar zu oft nicht mehr als eine Begleitmusik, über deren Bedeutung für bas Geschehen sehr oerschiebene An- fichten möglich sind. Auch darin spielt die unwider- tchliche Tragödie der Gegenwart sich ab, daß so viel Begabung und so viel guter und edelster Wille, die beide im Deutschland dieser Stunde im lieber- schwang vorhanden sind, imWinde verwehen.

Jetzt tritt Leopold Ziegler mit einer ganz kurzem Schrift hervor:Fünfundzwanzig Sätze vom Deutschen Staat". (Verlag Otto Reichel, Darmstadt.! Werden die Deutschen diesmal lauschen? Es spricht ein Mann, der bei der um­fassendsten und gediegensten Bildung in den Weiten der Philosophie, der Weltliteratur, der Religions­geschichte, der Geschichte und der Volkswirtschaft nicht nur ein Denker eigensten Gepräge», sondern ein Seher ist, in der ehernen Schulung de» gegenwärtigen Denken» ein Herder, der, indem er dem Dolke den Zustand seiner Seele und ihrer Not deutet, es au» tiefer Gottverbundenheit tut mit dem letzten Ziel vor Augen, die Seelen zu Gott Heim­zubringen. Diesmal aber spricht nicht allein die aus- Önet durchgebildete Geistigkeit. Es redet das en au» grober Angst um Deutschland. Den Wellenberg vom 14. September steht Ziegler, ohne die Hoffnung zu verkennen, die uns hier enblid) einmal wieder mit gläubigen Augen anschaut, doch zugleich in banger Sorge um eine Jugend, die den Beruf und die Eignung zur Staatsführung bisher in keiner Weise erbracht hat. Darum versucht er es, den deutschen Willen zum Staate in der Ver­gangenheit zu verstehen und ihm in die Zukunft hinein den rechten Weg zu weisen. Um nichts Ge­ringeres ist es ihm zu tun, als u m e i n e n e i g e n- tümlichen deutschen Staatsgedanken, der die Notwendigkeit der deutschen Zukunft ist. 3m Süden Deutschlands sind die wenigen Blätter An- Iah einer starken Bewegung geworden: ausgezeich­nete Männer, wie Wilhelm Schäfer, haben sich zu freiwilligen Dienern des Gedanken» gemacht. Die lleberzeuaung von der llnhaltbarkeit unte­rer öffentlichen Zustände verbreitet sich schnell.

Der Staat ist die organisierte Lebensform des Volkes^ die ihm einen einheitlichen Willen schafft. Wie Ziegler das Ganze der Staatsentwicklung in Deutschland vom Wahlkönigtum über den Lehns- ftaat und den städtischen Körperschaftsstaat des Mittelalters zum absoluten Staat der Neuzeit und der Demokratie der Gegenwart übersichtlich und überzeugend darstellt, das muh als eine Meiste» leiftuna vereinfachenden Unterrichts bezeichnet wer­ben. Aber es ist unmöglich, feine äußerst gebrängte Darlegung noch weiter zu verkürzen. Das W a hl- Königtum, auf Schollentreue gegrünbet, wirb unmöglich mit der wachsenben Ausdehnung des Staates. Der Lehns st aal, in feiner menschlichen Dichte und Wärme ein System von wechselseitigen Diensten, zu tiefst verklärt durch die Weihe der lob- bereitschast in ber Gegenwart ber Gesinnung nach al» Frontgeist wieberkehrenb, ber umsonst eine sinngemäße (Etnglieberung in bas Staatsgefüge sucht, vermag weder die Einheit und Gewalt der Herrschaftsmitte über die Glieder zu wahren, noch den berufsständischen Körverschaftsstaat der Städte in sich einzugliebern. Das Unternehmen eines absoluten Staates durch den Staufer Fried­rich II. scheitert, ba er bie Derbunbenheit mit bem Volk verliert. Erst bie koloniale Demokratie Ameri-

fas zeigt wieder Mn Versuch eines Volke», feine Staatlichkeit in Freiheit zu formen. Auf bem Boden de» angeblichen Naturrechts tritt ber einzelne bem Staate al» freier Dertragsgegner gleichberech­tigt gegenüber unb fordert von ihm bie Wahrung ferner sogenannten Menschenrechte. Die französische Revolution führt diesen Gedanken in die europa- siche Staatsentwicklung ein.

So entspringt bie moderne Demokratie. Das Volk wird in Amerika eine arithmetische Summe von Individuen im gleichen Raum, eine Volkheit" gibt es nicht. Hier ergibt sich eine Lebens- gemein,djaft nur nach vorwärts, aber nicht nach rückwärts.Ohne Vergangenheit, ohne Ueberliefe- rung, ohne Erbmasse, ohne die senkrechte Derklam- merung seiner Glieder in ber liefe ber Zeit nach Herkunst und Abstammung, ist bieses amerikanische Volk buchstäblich bas nicht-ahnenbe, ja bas nichts- ahnenbe Volk ber Erbe, welche» seine bisherige We­senheit auch biologisch in vieler Hinsicht umartet" In Wahrheit aber ist ber einzelne in der Demokra­tie gegenüber bem Staate völlig machtlos, zwischen ihn und den Staat tritt bie Partei. Die Wahlen sinb gar keine Volkswahlen, ba bie Vorwahl ber Partei bie beftimmenbe Handlung ist. Durch eine reine Fiktion heißt es bann im § 21 ber Reichsver- faffuna, übrigens fast im Wortlaut mit Bismarcks Verfassung ubereinftimmenb:Die Abgeorbneten sind Vertreter de» ganzen Volkes." Sie sind es nicht. Denn ber einzelne vertritt sein Volk immer nur in- soweit, als er bank irgendwelcher Begnabung bes Volke» schöpferischen Antrieb durch sein eigenes Tun in lebendige Formen, in geschossene Gestalten um- setzt In diesem allein statthaften Begriffe vertritt fein Volk, wer ihm den Gott beim rechten Namen ruft; wer seine Zunge löst in Lied, Sage unb Ge- bicht; wer (einem bunflen Unmaß Maße setzt unb Ziele gibt Wer seine Würde herrscherlich zum Aus- druck bringt unb ihm Geschick unb Senbung beutet; wer seine Arbeit regelt, seinen Wohlstanb mehrt unb seine Einigkeit förbert.

Es ist funbamentale Irrlehre aller Demokraten, baß bie Abgeordneten das Volk vertreten unb be­brüten, ba vielmehr bie Demokratie in notwen­digem Gegensatz zur Volkheit unb ihrem nach Goethegroßem und unwillkürlichem Dasein" steht Aber diese moderne Demokratie ist nun ein­mal der politischeStil ber bürgerlichen Geselisch oft, so wie ihr ökonomischer Stil bie kapitalistische Gelbwirtschaft, ihr technischer bie all­gemeine Anwendung von Arbeits- und Kraft- ma(chinen unb ihr geistiger die hemmungslose Der- wissenschaftlichung ist. Die Freizügigkeit von Mensch unb Gelb schafft ben modernen. Nomaben als ben Träger bes Systems. In diesen modernen Nomaden wird aus bem Volk bie Masse,geschlagen mit innerer unb äufjeer Gleichform, mit Umge- triebenfein unb Heimatlosigkeit, mit Neugier, Ehr- furchtslosigkeit unb Frechheit auch sie ahasoerisch verflucht unb nomabifiert". Der proletarische Sozia­lismus würde an dieser Massenerkrankung gar nichts ändern, da er dies ganzeUeberreich" Des demokratischen Lebensstils übernimmt Volk und organisierte Masse sind Gegensätze.

Nun hat sich in Deutschland das Grollen des Erd­bebens verkündet Das Volk meldet sich.Das Volk das kaum häufiger in die Erscheinung tritt als Gott", wenn auch in lärmender Parteibewegung verhüllt, ist dennoch wieder einmal zur Stelle das Volk, säender Wind, erntender Sturm, bluten­der Mutterleib, in ber Tiefe rätselhaft verschwistert mit Krieg und Tod, Liebe unb Haß. Das Volk .Krankheit und Heilung, Fieber unb Arzt zumal; Not unb Notwende, Leere unb Fülle, Erinnern unb Vergessen zumal". Die heutige Demokratie ist bie klassische Staatsform gegen bas Volk. Es gilt bas ganzeUeberreich" sorgsam abzubauen unb ben wahrhaft beutschen Volks st aat zu schaffen.

Hier entwirft Ziegler ben mobernenKörper- fd) a f t s ft a a t", aufgebaut aus den Kammern ber Berussgenossenschaften, bie aus sich bie Behörden

wählen unb in immer höherer Hinanstufung die Herrfchaftsmitte aus lauter bewahrten Mannern des allgemeinen Vertrauens bilden. Wirtschaft, Technik, Erziehung erhalten alle ihre eigenen selbst- verwaltenden Korperschaftsorganisattonen. Kammern der Volkswirtschaft, ber Technik, der Erziehung. Die Kammer der Wirtschaft besorgt die Befriedigung de» Volksbedarfs und des Arbeitsmarktes unb hat als schwierigstes Problem bie Stellung de» Geldes in der Wirtschaft zu bestimmen. Die Vormundschaft de» Kapitals über bie Technik wirb abgeschüttelt und ihre Kraft ganz in ben Dienst bes Volkes ge- stellt. Die Versachlichung bes Lebens wird in ber Wieberherstellung eine» Daseins wahrer Nächsten- liebe überwunben. Die einseitige Verwissenschaft­lichung de» Bewußtseins muß einer wahren Volks­erziehung weichen, bie im Volksleben bie irratio­nalen Kräfte zu ihrem Rechte bringt. Nicht als Der- nunftlos fonbern als vor- unb überwisscnschaftlich ist bas Volk irrational Schon regt sich in ben Iu- genbbünben bas kollektive Unterbewußtsein ber Volkheit mit der Neubelebung urtümlicher Riten unb Mythen ber Wieberentbeckung von kultischen Tänzen, von rhythmischen unb gymnastischen Reigen unb von Mysterienspielen.Das ist Heller Hahnen­schrei unb blanker Morgenstrahl aus Deutschianbs heilig alten Reichen, knapp einen Glockenschlag vor tag bas Nachtgespenst besUeberreich»" verscheu- chenb." Darum ist e» zu tun:Die fremblänbischen Trachten bes absoluten Staates, ber konstitutionellen Monarchie, ber parlamentarischen Demokratie, die uns allesamt so schlecht zu Gesicht stehen, fielen von un» ab. Tausendjähriges Ringen um eine uns selbst angemessene Staatsform wäre am Ziel--

Wir wohnten endlich im eigenen Hause, endlich im eigenen Erbe."

In der kleinen Schrift von Leopold Ziegler al» In einem wahren Sturmzeichen ballen sich die Strafte, die ein neues Deutschland verlangen. Mit seltener Eindringlichkeit klärt sie unsere innerste Not. Was sie will, ist der wahrhaftige deutsche Volksstaal Sie stellt da» Ziel, das jeder Deutsche wollen muß. Aber sie spricht den immer wachsenden Kreisen bester Deutschen ihre innerste Ueberzeugung aus, wenn sie erklärt, daß die moderne parlamen- torische Demokratie, eine geistlose Nachahmung west- kicher Staatszustände, uns den Volksstaat, den wir alle wollen, nicht gebracht. Sie vermochte nicht, die deutsche Not zu überwinden, sie hat sie bi» zur Ver­zweiflung gesteigert. Diese Demokratie bedeutet für Deutschland ben ärgften Fall ber lieber- frembung. Aus ber Versachlichung unb Ver­massung müssen wir zurück zu beutschem Leben. Wir

brauchen eine Staatsfornvbie bem Demagogen unb dem Klüngel mit ihrer Verhetzung, Geldgier und Bestechlichkeit ba» Handwerk legt Wir brauchen bie Sachlichkeit ber erprobten Kräfte. Wir brauchen al» Seele de» Staate» da» In sach­licher Berufsarbeit entwickelte Verantwort» lichkeitsbewußtsein freier Bürger.

Au» Verbänden in gegenseitigen Verantwortlich­keiten, nicht aus Stimmen wurzelloser Nomaden baut der wahre Staat sich auf. Soll er die Lebens­form der deutschen Volkheit sein, so gilt e», dieser Volkheit die Lcbensnwgiichkeit in freier Menschen­würde zu schaffen. Man löse sie au» dem Alpdruck der langst abgelebten internationalen Phrasen au» bem 18. Jahrhundert und gebe sie dem freien Schaf­fen aus den Phantasietiefen de» deutschen Volks­tum» zurück, deren Sprache und Stimme alle großen bcutfdjtn Geister von der beutschen Mystik über Goethe zu Hegel unb bis heute gewesen sinb. E» gilt, bie unheilvollen Dämonen der Mechanisierung des Daseins zu bezwinaen, es aiU, ein neue» Auf- blühen des reichsten Persönlichkeitsleben» in ber Gemeinschaft mit allen guten Geistern ber Deutsch- beit. Wir wollen bas ganze Volk sammeln im freu- bigen Bekenntnis zum Recht bes Deutschtum» und zu einer neuen Kraft seiner Selbstbehauptung. Hier liegt ber Zusammenhang zwischen ber Neufchopsung bes deutschen Staates und einer neuen deutschen Geistesblüte. Sollte diese Zelt dennoch den Ge­burtstag des deutschen Volke» bedeuten? Da» Leiden mußte al» die Weihe über uns kommen, die uns zu bem nie gelungenen Werk befähigt: dem deutschen Volke die Einheit de» lebendigen Staats- willens zu schaffen.

Wir schließen mit Worten Ziegler»: Leicht zu sagen ist, wer das neue Deutschland nicht schassen wird. »Heiner nämlich, der heute mit einer Parole statt des Willens nur des Widerwil­lens vor das Volk tritt Keiner, der heute auf bie Straße geht, um dort lärmend sein Gesetzlein zu verkünden: Nieder mit dem Marxismus! Rache an ben Nooemberverbrechem! Vernichtung be» Sreußischen Staate»! Schwernot unb Pestilenz ben üben, ben Freimaurern, ben Jesuiten! Wer so tut, der gleicht einer Schwangeren, die Gift einnimmt unb bamit die Frucht ihres Schoßes kurz vor ber gesegneten Gntbinbung tötet. Der Deutsche dieser Stunde, so voller Bedrängnis, Leid, Unsicherheit Not unb Sehnsucht, sollte er wirklich nicht be­lehrt sein, baß Haß noch niemals eine Schöpfung ins Leben rief, sondern von Ewigkeit zu Ewigkeit nurbie höchste Weis­heit unb bie erfte Siebe"?

Wie der Arbeitstag eines Heichsniinisters aussieht.

Was die engsten Mitarbeiter Brünings

(Rachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Wie sieht der Arbeitstag eineS deutschen Mi­nisters im Jahre 1931 aus? Linser Berliner H. B.-Mita^eitcr nahm Gelegenheit, diejenigen, die cs wissen müssen, nämlich die persönlichen Referenten des Reichskanzlers und des ReichS- sinanzministers hierüber zu befragen. 2fljm wur­den dabei folgend« interefsanten Schilderungen gemacht.

Heinrich Brüning.

Bon Oberregicrungsrat P u k a S, persönlichem Referenten deS Reichskanzlers.

Für den Reichskanzler hat eS in diesem 3ahre noch keine Ferien, keinen Ruhetag gege­ben. Selbst nach den anstrengenden Reisen von ChequerS und Paris, London und Rom hat Dr. Brüning, wenn er auf der Rückreife im Zuge noch die Rächt hindurch Konferenzen hatte, am Morgen punkt 9 Uhr wieder an seinem Schreib­tisch im Reubau der Reichskanzlei gesessen. Der Kanzler hat ja eine eiserne Konstitu­tion, die es ihm erlaubt, mit seinen Kräften fast möchte ich fagen Raubbau zu treiben.

und Dietrichs davon zu erzählen wissen.

3n den kritischen Tagen ist eS mehrere Male In der Woche vorgekommen, daß Konferenzen, in denen es um Sein oder Richtsein ging, die ganze Rächt hindurch dauerten. Rach Schluß der Beratung zog sich der Reichskanzler dann vielleicht für eine Stunde in seine Privat- raume zurück, nahm ein Bad, und erschien pünktlich um 9 LIhr wieder In seinem Arbeitszimmer, um frisch, konzentriert und anscheinend ausacruht die Referenten zu hören. Brüning legt besonderen Wert darauf, alle fach­liche Kritik bis zum letzten Wort zu hören. Oft die Kritik unsachlich, so wird sie mit seinem Humor entgegengenommen.

DaS ist eS, wa« nach meinen Beobachtungen an Dr. Brüning immer wieder sasziniert: die un­geheure Ruhe und Gelassenheit, die er auch in schwierigsten, nervenauspeitschenden Situationen bewahrt. Gr scheint von seinem Kör­per völlig unabhängig zu sein, auSgeruht oder unausgeruht, niemals gehen die Rer- ven mit ihm durch, immer ist er bereit, sich auf die Arbeit zu stürzen. Sin oder zweimal in der Wochr empfängt Der Reichskanzler auslän­dische Wirtschaftsführer, Preffeleute oder Poli­tiker, die ihn, ganz inoffiziell, sprechen und mit

Aus der Jugendzeit."

EincdeutichcHciniatfibelsürLtadtundLand

Sv nennt sich eine neue Fibel, die in diesen Tagen im Verlag von Smil Roth, Gießen, erschienen ist. Herausgeber ist Schulrat Die­terich, in Lehrcrkreisen bekannt durch seine Co> meniuSfibel. Der Verfasser geht von dem allge­mein anerkannten Grundsätze auS, daß im ersten Schuljahr der Gesamtunterricht ganz besonders zu pflegen ist. daß Sach- und Sprachunterricht sich gegenseitig fördern und befruchten sollen. Der Inhalt dieses Gesamtunterrichtes muh im höchsten Maße kindesgemäß sein. Gr muß der seelischen Einstellung von sechsjährigen Kindern gerecht werden und in Wort und Bild in kindes- aemäher Weise zum Ausdruck kommen. Diese Anforderungen an eine gute Fibel sind in der neuen in recht glücklicher Form in die Tat um» gesetzt Welche Freude leuchtet hier dem kleinen, lernbegierigen ABE-Schützen auS seinem ersten Buche entgegen. WaS gibt eS da alles zu sehen, zu fragen, zu malen und zu schreiben und zu lesen. Da kommen auf den ersten Seiten einige prachtvolle Bilder: Die Mutter, die ihrem Jungen auf dem Schulwege nachwinkt: es wird gegen­übergestellt, was daS Land gibt und was die Stadt nimmt. Rotkäppchen und der Wolf und die sieben Geißlein dürfen natürlich nicht fehlen. Dann stellen sich die Helden des Buches mit ihren Spielkameraden vor: HänSchen und fein Bär, Oda und Rudi mit der Mieze und dem Männe. Lind schließlich erscheinen auch die zu lernenden Unbekannten. Jeder wächst aus einem feinen Bilde hervor. Wir sehen unsere Helden zu Hause, auf Dem Schulweg, im Garten und im Wald, bei Spiel und Arbeit, zu allen Tages- und Jahres­zeiten. Das Stadtkind wird auf oas Land geführt, das Landkind in die Stadt. Bewußt ist die Fibel für Stadt und Land herausgegeben, sie ist trotz­dem eine rechte Heimatfibel.

Die Bilder sollen der mündlichen Sprachpflege dienen, der ja auf allen Stufen entscheidende Bedeutung für die Rechtschreibung zukommt. Gleichzeitig bilden sie die Grundlage des ersten heimatkundlichen Llnterrichtes. Sie sind nach In­halt und Farbwirkung mit besonderer Sorgfalt gewählt und ersehen teilweise das große An- schauungsbild. Wohl hat dieses unterrichllich nach verschiedenen Seiten hin seine Vorzüge, aber dem

stehen bei unseren großen Klassen auch manche Rachteile gegenüber. An dem vor ihm liegenden Fibelbilde kann jedes Kind die Einzelheiten, das Persönliche erkennen. Vor allem aber geben die Bilder dem Buche ein recht freundliches Gesicht, und mancher Erwachsene wird sich mit seinen Kindern darüber freuen.

Kleine Zeichnungen unter den Bildern bieten Anregung zur Betätigung der Hand mit Griffel, Blei und Farbstift. 3m Gegensatz zur Comenius- sibel ist in der neuen Fibel nach Raum und Größe die Steinschrift bevorzugt behandelt. Be­sondere Fußleisten ermöglichen es jedoch auch, mit der Gütterlinschrist zu beginnen. Der Ver­fasser weiß, daß die Meinungen über die Zweck­mäßigkeit der Steinschrift als Ausgangsfchrift auseinandergehen, und er gibt deshalb am Schlüsse des Buches in ausführlicher Weise einen Hinweis auf die vers-iedenen Gebrauchsmöglich­keiten der Fibel. Gerade in der Grundschule muh sich der Lehrer restlos seiner Persönlichkeit ent­sprechend entfalten, und es ist deshalb verständ­lich, wenn der eine oder andere zu der Fibel seine besonderen Wünsche vorzubringen hat. Aber darüber werden sich alle einig sein, daß mit dieser Heimatfibel dem Kinde ein Buch in die Hand gegeben wird, aus dem außerordentlich viel geschöpft werden kann. Aus dieser Fibel spricht Der erprobte Schulmann mit seiner langjährigen Erfahrung, aber auch seine Liebe zum Kinde und zur Schule, und es trifft für sie das Wort zu: .Das Beste ist für unsere Kinder gerade gut genug.

Die Bilder von Lia Doering, welche den Text der Fibel begleiten und finnfälilg machen, erscheinen teils in Mehrfarbendruck, teils schwad- weiß, teils soweit in den Text oder die Buch- stabenreihen eingegliederte Zeichenvorlagen in Betracht kommen in einfacher Strichmanier und Umrihlinien. Sie sind insgesamt in einer drucktechnisch einwandfreien Form wiedergegeben und kommen dem besonderen pädagogischen Zweck innerhalb des Lesebuches glücklich entgegen, da sie allenthalben dem kindlichen Dorstellungskreis entnommen oder angepaßt sind; sie behandeln einfache, dem alltäglichen Leben des Kindes in den Grundfchuljahren entsprechende Motive, die ihm vertraut sind oder leicht und in sinnfälliger Form vertraut gemacht werden, etwa wo es sich um eine Schilderung des Landlebens für

Stadtkinder handelt und umgekehrt. Märchen­buch, Tagesablauf im Kinderzimmer, Spiel und Arbeit, Tiere, Feld und Wald geben den ein­fachen Stoff für die Bilder, welche für Kinder und für den ersten Unterricht insofern um so mehr geeignet erscheinen, als sie ausgesprochen auf Schilderung bedacht sind, sich an die Wirk­lichkeit der kindlichen Umwelt halten was für dieses Lebensalter wesentlich erscheint und außerdem eine Fülle von Einzelheiten im Gesamt­bilde aufweisen, so daß die Kleinen wirklich zu eingehender Beschäftigung mit den Illustrationen und zu lehrreichen Entdeckungsreisen angeregt werden, was wiederum dem Grundprinzip der Fibel durchaus entsprechen dürfte. Zum Schluß darf darauf hingewiesen werden, daß es sich bei ber Reuerscheinung nicht nur um ein Schulbuch handelt, sondern auch um ein wertvolles Weih­nachtsgeschenk für jede Familie, um eine an­regende und willkommene Gabe für die Mütter im Zusammenleben und der Beschäftigung mit ihren Kindern. .

Zeitschriften.

3m Septemberheft der .Zeitwende (Verlag C. H. Beck in München) spricht sich H. Hauck über Marxismus, Liberalismus und .preußischen" Sozialismus lebendig und an­schaulich, aber doch unparteiisch-sachlich auS. Er schließt seinen Aufsatz über.Soziale Bewegungen der Gegenwart" mit einem Blick auf die soziale Bedeutung der evangelischen Kirche. 3n der so­zialen Gesetzgebung Bismarcks, den Bestrebungen Damaschkes und Stöckers, aber auch im Ratio­nalsozialismus sieht Hauck den Geist des .Preu­ßentums" im Sinne Spenglers am Werke, dessen jüngste Schrift .Der Mensch und die Technik" von 3ohannes Echattenmann im gleichen Heft kritisch gewürdigt wird. W. von Bartels fordert in feinem Beitrag .Konservativer Gedanke und Reue Musik" einen kulturschöpferischen Konservatismus, der das Feld der Kunst nicht als .nebensächlich dem Kulturbolschewismus überläßt. Aus den .Randbemerkungen" seien besonders hervorgeho­ben Otto Bruders Gedächtnisworte für Wilhelm Raabe .Lächeln durch Tränen", sowie Oskar Langs Hinweis auf Wolfgang Huber, einen erst wenig bekannten 3eitgenoffen Albrecht Dürers, dessen Landschaften wie die beiden OMb beilagen zeigen merkwürdig modern anmuten.

Das Grammophon.

Grien hat ein Grammophon.

Das Grammophon stammt aus dem achtzehnten Iahrhunberi. Der Blechtrichter ist zwei Meter lang.

Die Mcmdrannabel ist angewachsen. (Gelegentlich nimmt sie Grien zur Maniküre.)

Wenn bas Grammophon spielt, muß man schie­ben helfen.

So ein Grammophon hat Grien.

Grien hat eine Platte.

Grien hat bie Platte schon zehn Jahre. Das Titelschilb ist zerkratzt. Kein Mensch weiß baher. wie bie Platte heißt.

Grien behauptet, eS wäre Tannhäuser. Aber beschwören kann er es nicht.

Grien läßt bie Platte jeben Abend laufen.

Ieben Tag biefelbe Platte. Immer wieder. Von acht bis zehn.

Bis es Busse zu dumm wird.

Busse wohnt nebenan. Busse kannte die Platte schon auswendig, wo sie noch neu war. Also oor zehn Jahren. Zehn Jahre hat er sich bas mit an- gehört. Jetzt geht sie ihm auf bie Nerven.

»Hören Sie mal, Grien", klopft er bei feinem Nachbar,ich zahle Ihnen zwanzig Mark, wenn Sie Ihr Grammophon verkaufen."

Für zwanzig Mark gebe ich bas gute Grammo­phon nicht her."

3d) will es ja auch nicht haben. Sie können es verkaufen, wie teuer Sie wollen unb an wen Sie wollen. Ich zahle 3hnen außerbem zwanzig Mark, wenn bas Ding in vier Wochen verkauft ist."

Das leuchtet Grien ein.

,Hch werbe es mir überlegen", sagt er. »

Grien überlegt es sich nicht lange. Schon am nächsten Abenb kam er zu Busse.

Ich habe mein Grammophon verkauft."

Wirklich?"

Tatsache."

Buffe freut sich mächtig.

»Hier sinb Ihre zwanzig Mark. An wen haben Sie es benn verkauft?"

Da sagt Grien:

An meinen Zimmerherrn, ber neben Ihnen wohnt." ' J. H. R.