M.M Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)greitag, 4. Dezember (93!
Oberheffen.
Ser Soldgulden von Kloster Arnsburg.
• Eberstadt. 2. Dez. Lieber den Fund des „Goldguldens von Kloster Arns- bur g“ (bgL Gießener Anzeiger" vom 24.November) möge hier noch etwas mitgeteilt werden. Der Goldgulden wurde nicht in der Nähe von Arnsburg, sondern dicht bei Eberstadt auf einem Acker am früheren — jetzt verschwundenen — Klosterweg gefunden. Als im Frühjahr, etwa Anfang Mai, ein junger Bursche dort eggte, nachdem er das Feld ganz tief umgepflügt hatte, sah er etwas auf dem Boden vor sich im Sonnenschein blinken. Er hob es auf und glaubte, eine alte, wertlose Spielmarke aus Messing in der Hand zu haben. Schon wollte er sie wieder wegwerfen, als er sich doch sagte, daß er sie erst einmal seinem Dater zeigen wolle. Dieser erkannte gleich an ihrem reinen Glanz und Klang, dah es sich um ein echtes Goldstück handle. Auffallend war nicht nur die seltsame Prägung, sondern auch das außerordentlich dünne Gold- schribchen (daher die „Spielmarke"!). Bald darauf wurde der Gulden einem Handelsmann aus Grüningen zur näheren Wertbestimmung nach Frankfurt mitgegeben, der ihn nach einiger Zeit wieder zurückbrachte mit der Behauptung, daß er nicht viel wert sei! Erst anfangs August bekam der Ortspfarrer das Fundstück zu sehen, das er als überaus wichtig bezeichnete und sein Aller auf mehr als 500 Jahre angab. Die Familie entschloß sich zuletzt, ihren Fund Herrn Professor Helmke, Gießen, vorzulegen und ihn dem Oberhessischen Museum zu überlassen. Möge der alte Gulden aus echtem Dukatengold mit seiner feinen Prägung dort immer die Beachtung finden, die er nach der gründlichen Beschreibung verdient. K.
Gemeinderat in Nidda.
cd Ai d da, 3. Dez. 3n der iüngsten Gemeinderatssitzung wurden folgend: Beschlüsse gefaßt: Der Gemeinderat nimu.c Kenntnis davon, Daß zwischen der Provinzialdirektion Oberhessen in Gießen und der Stadt Nidda über die Lieberweisung der „Krötenburgstratze" (Provinzialstraße Aidda—Michelnau) in die Unterhaltung der Stadt Aidda verhandelt werden soll. Der Gemeinderat steht auf dem Standpunkt, daß die „ Krötenburgstrahe" ihre Bedeutung als 8-Strahe nicht verloren hat und daß man aus diesem Grunde der Stadt Aidda die Llnterhaltung der Straße billigerweise nicht z u m u t e n kann.
Die Finanzlage der Stadt war Gegenstand einer lebhaften Aussprache. Die überaus ungünstige Wir.^chastsl-gr wirkt sich für den Ge- memdehaushalt verhängnisvoll aus, denn während auf der einen Seite die Einnahmen für Gras, Obst, Pacht, Einkommen-, Körperschaftsund Llmsahsteueranteile, Gemeindesteuern u. dgl. erhebll*'» rückgegangen sind, ist auf der anderen Seite ekn Anzeigen der Ausgaben auf dem Gebiete der Armen- und Wohlfahrtspflege festzustellen. Dazu kommt noch, dah die Danken, insbesondere die Hessische Girozentrale, den Zinsfuß für die Darlehen der Stadt in letzter Zeit erhöht haben. Der Zinsen -Mehraufwand allein beträgt rd. 7000 Mk. Aechnet man zu diesem Betrag den entstehenden Gewerbe st euer- a u s s a l l von 8000 Mk., die Weniger-Einnahme für Gras, Obst, Pacht, Steuern und Steuerüberweisungen von schätzungsweise 9000 Mk., sowie in der Hauptsache durch die Beschäftigung von Wohlfahrtserwerbs.oscn bedingte Mehr-Ausgabe auf dem Gebiete der Armen- und Wohlfahrtspflege in Hi^e von rd. 6000 M§., so beziffert sich der Fehlbetrag des Aj. 19 31 auf 30 000 M k. Diesem Fehlbetrag stehen bis jetzt nur ganz geringe Deckungsbeträge, wie z. D. 2000 Mk. Mehr-Einnahme an Bürgersteuer und etwa 3000 Mk. Zuschuß aus dem 60-Millionen- Kredit des Aeiches zur Erleichterung der Wohlfahrtslasten der Gemeinden, gegenüber. Zur Ab-
Goethe-Bund.
H.Tichterabend: Hans Grimm.
Den zweiten literarischen Vortragsabend des Goethe-Bundes bestritt der durch seinen 1926 erschienenen, inzwischen weithin verbreiteten, politischen Roman „Volk ohne Raum" zunehmend bekannt gewordene Schriftsteller Hans Grimm. Er begann mit der Vorlesung einer südwestafrikanischen Begebenheit „Die Steppe brennt". Seine Stimme ist sehr klar, sehr artikuliert, sehr nüchtern, sie gibt dem Hörer wenig Hilfen und deckt sich vollkommen mit dem knappen, sachlichen Stil, der, meist in kurzen Hauptsätzen, den Faden der Erzählung ablaufen läßt und die Ereignisse übersichtlich aneinanderreiht. Die Erzählung schildert das elementare Naturereignis eines afrikanischen Steppenbrandes, den dramatisch sich steigernden Wettlauf dreier Männer mit dem vom Wind unheimlich vorgetriebenen Grasfeuer und endlich den in seiner unverschleierten Klarheit grausamen Ausklang im deutschen Farmhaus. Das ist sehr männlich und verhalten im Gefühl vorgetragen, und die starke Wirkung wurzelt mehr in der kargen Tatsächlichkeit des Berichtes als in den Mitteln der Aufzeichnung und der Wiedergabe.
Nach kurzer Pause las Grimm eine zweite Erzählung aus dem gleichen Stoffkreis unter der Ueber- schrift „Der Kamelhengst". Hier ist der Stil lockerer, bewegter und ein weniger farbiger als zuvor, und obwohl die landschaftliche Kulisse der Vorgänge — südafrikanische Steppe m" Stein, Sand, Salz, Wind, Diamanten und wenig -Jaffer — die gleiche geblieben ist, beherrscht den Eindruck diesmal ein halb grimmiger, halb niedersächsisch-trockener Humor in der Schilderung der störrischen Kamelkarawane einer deutsch-afrikanischen Handelsgesellschaft, und im abenteuerlichen Bericht von der Flucht des Leithengstes mit dem anzüglichen Namen „Dernburg", der lange Zeit hindurch den ganzen Distrikt samt der Landespolizei und den Herren im Kontor der Firma in Aufregung und Schrecken versetzt und am Ende auf eine drastische Weise wieder eingefangen und gefügig gemacht wird.
Nach der zweiten Pause beschloß Grimm feine Vorlesung mit einem kurzen autobiographischen Aufsatz: als Motto vorangestellt das Hölderlin-Wort: „Wir sind nichts, was wir suchen ist alles" und Jakobs leidenschaftliches Gebet: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn". Da Grimms Vater Gründer der Deutschen Kolonialgesellschaft war und die Neigung des Sohnes zum Beruf des Kolonialkaufmanns eifrig unterstützte, kam der Junge schon früh mit den Problemen seines heutigen literarischen
DieIagd im Dezember.
Der 3agdkalender bietet dem Weidmann im Dezember noch vielerlei Gelegenheit zur Betätigung.
3m Rotwildrevier ist der Abschuß der Hirsche beendigt, es sei denn, daß das eine oder andere Stück aus hegerischen Gründen der Kugel verfallen ist. Es wird sich vor allem darum handeln, den notwendigen Abschuß an Kahlwild durchzuführen.
Wo das Schwarzwild seine Fährte zieht und int Sommer zu Schaden ging, sehnt man den Schnee herbei, um fleißig zu kreisen und die Sauen fest^umachen. Die Rauschzeit hat begonnen, und auch der älteste Basse, der sonst am liebsten allein blieb, sucht die Rotte auf.
3n Hessen ging die Schubzeit des Rehwildes zu Ende, während weibliches Rehwild in Preußen noch bis zum 3ahresende geschossen werden darf.
Die H a s e n j a g d ist zwar im Gange, enttäuscht aber in ihrem Ergebnis überall so stark, dah man in vielen Revieren auf Treibjagden verzichtet, um den notwendigen Bestand für das kommenoe 3agdjohr zu erhalten. Wo aber gejagt werden kann und soll, kann nur dringend die Anwendung von Standtreiben angeraten werden, bei denen sich immer eine ganze Anzahl von Mümmelmännern überlaufen lassen, oder nach hinten empfehlen. Bor ausgiebiger Anwendung der Suchjagd und des Kesseltreibens kann im Interesse der Destandserhaltung nicht genug gewarnt werden.
Das Rebhuhn genießt ab 1. Dezember wieder Schonzeit. Die zerschossenen Ketten haben sich vielfach zu größeren Ketten zusammengeschlossen, um zusammen besser den Llnbilden des Winters zu trotzen.
Dagegen hat dei^ Fasan noch Schuß^eit, die man ruhig benutzen soll, um eine Anzahl Hähne abzuschießen. Es bleiben meist doch zuviele im Berhältnis zu den Hennen übrig. Den letzteren sollte man dafür allerdings völlige Schonung gewähren.
Wenn Frost einseht, ist der Anstand oder das Absuchen offener Wasserläufe oft erfolgversprechend. Denn der Entenzug kommt dann in Gang, und mancher nordische Fremdling wandert an den Galgen.
Bei Waldtreiben kann man noch mitWald- s ch n e p f e n rechnen, die überwintern wollen.
Das R a u b w i l d hat einen guten Balg, der 3agd und Fang lohnt. Die 3agd des Fuchses übt auch immer wieder ihren Reiz aus, sei es nun auf dem Anstand, beim Treiben und Drücken, oder
beim Reizen mit der Hasenklage, dem Vogelangst - ruf und anderen Lauten.
Auch Marder. 3ltis, Hermelin usw. lohnen ihre 3agd.
Reben der Frage, woher ihm int letzten Monat des 3ahres Weidmannsfreuden winken, beschäftigt es den Weidmann und Heger vor allen Dingen, wie das Wetter werden wird. Denn der Winter steht vor der Türe. Wir wissen heute, dah wir unserem Wild keinen milden Winter wünschen sollen, sondern dah ein schneereicher, nicht zu kalter Winter ihm viel zuträglicher ist. 3n Revieren, wo man nicht nur schießt, sondern auch hegt, sind alle Vorkehrungen getroffen. Zwar hat die Natur dieses 3ahr unserem Schalenwild den Tisch mit Eicheln gedeckt, dah es feist in den Winter hineingeht und auch bei Schnee und Kälte immer etwas finden wird. Cs wird deswegen auch ohne große Kosten möglich sein, Eicheln für solche Reviere zu erwerben, in denen die Eiche fehlt, oder zurücktritt. Wer aber an bestimmten Stellen füttern will, muh in der milden Zeit schon etwas schütten, damit das Wild in der Aotzeit weih, wo es etwas findet. Man vergesse vor allem die Anlage oder das Auffrischen der Salzlecken nicht. Leider scheuen viele Revierinhaber in der heutigen Geldnot alle derartigen Ausgaben und sehen sich lieber der Gefahr aus, viel größere Einbußen durch Krankheit des Wildes zu erleiden, die dann jene ersparten Ausgaben um das Vielfache übertreffen. Sollte reicher Schneefall eintreten, so empfiehlt es sich, neben der Darbietung von den bekannten Futtermitteln: Eicheln, Kastanien, Mais, Rüben, Hafergarben u. ä., auch Heidekraut, Ginster u. ä. dem Wild mit Rechen und Schneepflug freizulegen. Ebenso lege man Weichholzzweige an den Wechseln aus.
Für die Hühner und Fasanen schüttet man unter Schutzdächern, in Hecken oder unter Rcisighau^en Spreu, Heublumen. Weizen, Mais u. ä., vergesse bei Schnee auch etwas groben Sand nicht, damit die zur Verdauung der Aahrung nötigen Steinchen ausgenommen werden können. Für Fasanen wird ja meist gesorgt, weil man sonst das Verstreichen des Zigeuners befürchtet. Aber der Ausfall der Hühnerjagd ist neben günstigem Brut- und Aufzuchtwetter vor allem auch durch entsprechende Winterhege bedingt, wobei es fast mehr auf Darbietung guter Deckung, als auf Futter ankommt. Das ist heute in unseren heckenarmen „bereinigten" Gemarkungen notwendiger denn je.
Der Winter steht vor der Tür, und mehr denn je gilt der Spruch: „Kein Heger — kein 3äger!“
Hubertus.
Wendung einer Finanzkrise muh deshalb, soweit die Ausgaben nicht in ständig wiederkehrenden Leistungen bestehen, äußerste Sparsamkeit geübt und die Ausführung aller Arbeiten und Lieferungen zurückgestellt werden, soweit sie nicht int Einzelfalle als außerordentlich dringlich anzusehen sind. Dies gilt natürlich auch von den Wohlfahrtsarbeiten. Alle Gesuche um Gewährung öffentlicher Fürsorge einschließlich der Beschäftigung mit Wohlfahrtsarbeiten werden durch eine Kommission einer Nachprüfung unterzogen. Die S ch u 11 0 st e n, insbesondere diejenigen für die Realschule, können auf die Dauer nur aufgebracht werden, wenn die Stadt in ihrem Bestreben, die Schulen zu erhalten, tatkräftig unterstützt wird. Hinsichtlich der kurzfristigen Schulden der Stadt soll bei der Limschuldungsstelle beim Reichs- finanzministerium Antrag auf Li inschuI - d u n g gestellt werden. Unabhängig von der beabsichtigten anderweitigen Kapitalbeschaffung lehnte der Gemeinderat die Zahlung der von der Hessischen Girozentrale geforderten Zinsen von 12 Prozent pro 3ahr ab, da die Mittel für den Mehraufwand gegenüber dem im Voranschlag vorgesehenen Satz von 81/2 Prozent nicht zur Verfügung stehen.
Schaffens in Berührung. Grimm schilderte in großen Zügen die wechselnden Stationen seines Lebens und seiner Entwicklung, vor allem während der entscheidenden Reisejahre in England und dann in Südafrika, wo er als Farmer zur Zeit des Burenkrieges und der Hereroaufstände zu Anfang dieses Jahrhunderts den Blick schärfste für die großen politischen Probleme, mit denen er nach dem Kriege sich aus- einandersetzte. Erst spät und auf Umwegen gelangte er, unter liebevoller Förderung der verstorbenen Mutter, zum Schriftstellerberuf, zum staatswissen- schaftlichen Studium und bescheidenen journalistischen und literarischen Erstlingserfolgen; die wachsende Produktion fand in den letzten Jahren ihre Krönung mit dem aroßangelegten Roman „Volk ohne Raum", der ihm freilich, nach eigener Aussage, trotz großem persönlichen Erfolg eine politische Enttäuschung bedeutete.
Mit einem höchst persönlichen politischen Bekenntnis schloß Grimm die gutbesuchte Vorlesung. Die Hörerschaft dankte mit starkem Beifall. —y—
Schwäbisches Weihnachisbackwerk.
Von Julie Ehrhart-Berner.
Nirgends wird so viel zu Weihnachten gebacken, wie in Württemberg, und nirgends gibt es auch fo gutes Backwerk wie bei uns. Man ist aber auch schon wochenlang vor dem Fest damit beschäftigt und nimmt das Backen richtig ernst.
Als erstes kommen Anfang Dezember die Honig- lebkuchen, damit sie vor dem Fest noch lagern und weich werden können. Jede Familie hat davon ungefähr ein eigenes Rezept, auf das sie schwört. Ich schwöre natürlich auf das meiner Mutter und halte es für allen anderen überlegen. Es ist aber auch ein richtiges altes Rezept, in dem alles wichtig genommen wird. Der Honig muß beispielsweise so heiß fein, „daß man den Finger darin leiden kann". Dann kommt ein Gewürz hinein, das Kardamom heißt, dessen Verwendungsfeld sich lediglich auf Honiglebkuchen zu beschränken scheint — denn ich habe es sonst nirgends getroffen. „Cordowomme" heißt es auf Schwäbisch, und ich glaube, meine Mutter hätte eher Weihnachten ohne Baum gefeiert, als Lebkuchen ohne Kardamom gemacht. Es war auch jedesmal ganz aufregend, ob sie gerieten. Und wenn sie einmal mißlangen, dann wurde sofort der Honigbauer verdächtigt, daß er den Honig gefälscht, ober der Bäcker, dessen Ofen zu warm ober zu kalt gewesen war. Selbst war man ein für alle Mal
Siadtvorstand in Alsfeld.
A1 s f e 1 d, 3. Dez. 3n der jüngsten Sitzung des Stadtvorstandes kam die Abrechnung über den Prämienmarkt 1931 zur Vorlage. Die Einnahme beträgt insgesamt, einschl. der Verlosung und der reitersportlichen Veranstaltung, 11 287 Mark, die Ausgabe beläuft sich auf insgesamt 9714 Mark. Ohne den von der Stadt geleisteten Zuschuß in Höhe von 1620 Mk. würde auch diesmal wieder die Marktveranstal- tung mit einem Fehlbetrag abschließen, der auf die ständig zurückgehenden Einnahmen aus der mit dem Markte verbundenen Verlosung zurückzufüh- ren ist.
Hinsichtlich desE'gentumsan d'nOrts- durchfahrten innerhalb der Stadt hatte die Provinzialdirektion das Ersuchen gestellt, die noch im Eigentum der Stadt stehenden Ortsdurchfahrten auf Grund des Gesetzes vom 15.3uli 1926 über das Straßenwesen in Hessen auf die Provinz zu übertragen. Der Antrag wurde abgelehnt. Da die Lieberschreibung weder Vorteile nwch Nachteile bietet, soll der seitherige Rechtszustand bestehen bleiben.
Die neu erbaute Kläranlage für die all
unschuldig, denn nach diesem Rezept hatten doch schon Generationen in unserer Familie Lebkuchen gemacht ...
Am wichtigsten und für uns Kinder am lustigsten war aber bas Backen ber „Springerle" — eines marzipanartig aussehenben Gebäcks aus Zucker, Mehl unb Eiern. Es war jebes Jahr ein Fest, wenn sie gebacken mürben. Eine große Rolle spielten babei die Springerlesmobei, jene holzgeschnitzten Formen, in die ber ausgewalkte Teig gepreßt wirb. Wir hatten unenblich viele, aber sie gehörten nicht uns allein, sonbern ber gesamten Familie. Sie wurden so wichtig genommen, daß man sie nicht verteilte, wenn ein Haushalt aufgelöst wurde, jonbern sie blieben zusammen unb gingen bann an Weihnachten unter ben Verwanbten reihum. Daß auf einem dieser Model die Jahreszahl 1765 stand, hatte für uns Kinder einen besonderen Reiz. Er war auch ausnehmend schön mit barocken Tieren: einem Hund, einem Hirsch, einem Schäfchen unb einem Löwen. Heute noch, wenn ich mein Weihnachtspaket bekomme, freue ich mich ganz besonbers über die Barock-Springerle. Unb babei mag meine Mutter gerabe diese Form gar nicht. Die Tiere sind ziemlich groß, ber Hirsch sicher 20 Zentimeter breit, unb meiner sparsamen Mutter ging es immer vom Herzen, ein fo großes Stück Teig für ein einziges Springerle zu opfern. Als Äinber bürsten wir kleine Springerle für die Puppenküche machen. Oh, wie oft brückten wir mit kleinen heißen Hänben ben Teig in bie Form, rissen ihn wieber heraus, probierten aufs neue. Unb obgleich unsere Hänbe zuvor immer grünblid) auf Reinlichkeit untersucht worben waren, sahen die Kinder-Spriugerle immer einen Grab dunkler aus als die anderen. Auch mein Vater mußte sich beteiligen unb Spaßes halber ein paar Springerle ausbrücken. Daß bie Brüber mithalfen, war selbstverstänblich. Ich hgbe immer noch bas Bilb vor mir, wie meine Mutter eifrig ben Teig auswalkte unb alles baftanb, um .sein Stück zum Ausbrücken zu bekommen.
Nicht ganz so wichtig wie Springerle unb Honig- lebkuchen würbe bas übrige Backwerk genommen. Da gab es noch eine Reihe anberer Lebkuchen mit unb ohne Honig, es gab Honigherzen, bie sehr hübsch aussahen mit einer Manbel in ber Mitte, es gab die sog. „Ausstecherle" aus einer Butterteigmaffe, unb bie ausgezeichneten „S". Hübsche Namen hatten bie einzelnen „Gutle" — wie man im Schwäbischen bas Backwerk nennt: es gab Spitzbuben unb Schweizerbatzen unb Kronprinzenlebkuchen, Bärentatzen, Prülätle unb Päpstle. Natürlich gab es auch Makro nen unb Zimtsterne — boch bas sind keine typisch schwäbischen Sachen. Wichtig war auch bas Huzel-
gemeine Kanalisation, die demnächst in Betrieb genommen wird, muß noch mit einer Ein- friedigung versehen werden. Die dafür erforderlichen Mittel wurden bewilligt.
Eine Neuregelung der 3agdpachtcn ist notwendig geworden. Die 3agdpächter der vier Bezirke haben bei dem Sonderpachteinigungsamt eine Herabsetzung der 3 agdpacht beantragt. Das Pachteinigungsamt hat für zwei 3agd- bezirke bereits eine Entscheidung getroffen, dah der vertragliche Pachtpreis für die 3ahre 1931 und 1932 um 25 v. H. gesenkt wird. 3m Hinblick auf diese Rechtslage hat die Bürgermcisterei mit den Pächtern der beiden anderen Bezirke einen Vergleich auf derselben Grundlage mit einem Nach, laß vom 25 v. H. abgeschlossen. Dem Vergleich wurde zugestimmt.
50 Zahre VHC. in Alsfeld.
X Alsfeld, 2. Dez. Am Samstagabend beging der Zweigverein Alsfeld des D H C. im großen Saale des „Deutschen Hauses" unter guter Beteiligung die Feier seines 5 0- jährigen Bestehens. Unter den zahlreichen Gästen war auch der benachbarte Knüllgebirgsverein Neukirchen mit fast 60 Teilnehmern erschienen. Der Gesamtvorstand des VHC. war durch Dr. Druchhänser (Lllrichstein), L i n ck und Hitz (Schotten) vertreten. 3n feiner Festansprache gab der Vorsitzende des Vereins, Bürgermeister Dr. V 51 s i n g, einen Lieberblick über die 50jährige Geschichte des Zweigvereins, auf die man mit Stolz und Befriedigung zurückblicken dürfe. Er schloß mit einem wirkungsvollen Hinweis auf die Ziele und Aufgaben ber deutschen Wandervereine, welche die Menschen zur Natur, Heimat und Volksgemeinschaft führen wollen, und richtete in diesem Sinne einen besonderen Appell an die 3ugend. Anschließend wurden Ehrenurkunden an die vier noch lebenden Gründer aus dem 3ahre 1881, sowie an eine Anzahl von Mitgliedern für 25jährige und längere Mitgliedschaft verliehen. Die Glückwünsche des Gesamtvorstandes überbrachte Dr.Druchhänser (Lllrichstein) in anerkennenden Worten, für die Zeitschrift „Frischauf", der Leiter Carl Linck (Schotten). Namens der Gäste übermittelte der Vorsitzende des Knüllgebirgsvereins Neukirchen, Amtsgerichtsrat Steinmetz, in trefflichen Worten die Glückwünsche zum 3ubiläum. Die unterhaltenden Darbietungen des Aoends bewegten sich den Zeitverhältnissen entsprechend, im einfachen, aber würdigen Rahmen. Die Leistungen der Gesanasabteilung und der neugegründeten Musikabteilung des Vereins fanden volle Anerkennung, ebenso die zur Ausführung gebrachten Bilder aus dem Wanderleben. Das Singspiel „Das Versprechen Hinterm Herd", das von Mitgliedern des Vereins in vortrefflicher Weise aut Ausführung gebracht wurde, übte auch hier wieder feine bewährte Anziehungskraft aus und fand verdienten stürmischen Beifall. Anläßlich des 50. 3ubiläums wurde dem Verein ein von zwei jungen Damen angefertigter, geschmackvoll aus- geführter Wimpel gestiftet, ben ber Vorsitzenbe mit einer Ansprache weihte. Der übliche Tanz beschloß die Veranstaltung.
Landkreis Gießen.
M W i e s e ck, 4. Dez. Gestern abend fand eine Sitzung des Gemeinderats statt, in der über die Erhöhung ber Bier st euer und bie Einführung ber Getränke st euer beraten würbe. Die Erhöhung ber Diersteuer und bie Einführung berOeträntefteuer würben abgelehnt, ba der Gemeinderat es nicht vertreten kann, daß die einheimischen Wirte, bie schwer um ihre Existenz ringen, vollkommen vernichtet werben. Auch verspricht sich der Gemeinderat keine größeren Einnahmen bei der Einführung der Getränkesteuer, zumal eine genaue Kontrolle nicht gegeben ist. — Ein Gesuch einiger Mieter um Wohnungsz schuß zu den Mieten wurde dem Fürsorgeausschu.j überwiesen. Ferner tourbje das Gesuch ber jübischen Pfadfinder zwecks Lleberlassung eines Schulsaales dem Schulvorstand zugeleitet. — Die am bergange
brot, bas aber beileibe seinem Namen — denn Huzeln finb gebörrte Birnschnitze — keine Ehre machen burfte. Es war ein richtiges Früchtebrot, bas neben ben Huzeln ebensoviel Feigen unb Mandeln unb Zitronat unb Nüsse enthielt. Zu allerletzt kam das Hefenbackwerk — ber Guglhopf! Weihnachtsstollen macht man natürlich audj, aber ber Guglhovf — ber Topfkuchen — war doch die Haupt fache. Und aus dem gleichen Teig ber Hefenkranz, ber an jebem Weihnachtsmorgen auf unserem Frühstückstisch stehen mußte.
Am Thomas-Tag (21. Dezember) mußte alles fertig sein, unb bann ging bas Austeilen an. Der Großteil bes Gebäcks war ja nicht für uns allein bestimmt, sonbern würbe verschenkt. Jebem Weihnachtspaket lag Backwerk bei, jeber bekam davon ab: bie Verwanbten, bie Lehrerinnen, bann jeber, ber in irgendeinem Dienstverhältnis zum Haus stand, also bie Schneiberin, bie Wäscherin, bie Putzfrau ... bann noch ein paar arme Familien, bic auch fo mit zum Haus gehörten. Es ging nicht sehr parteilos zu beim Austeilen. Je feiner bie Leute, befto feiner bas Backwerk. Oh, wie wenig Makronen hat boch bie Waschfrau bekommen unb wieviel Guglhopf. Unb genau so verfuhr boch ihr ganzer Kunoen- kreis. Ich habe mir immer vorgestellt, baß sie ungefähr bis Ostern zum Vertilgen all bes Geschenkten braucht unb sicher dann wieder eine rechte Freude an Schwarzbrot hat.
Alle Pakete, die in ber Stabt verteilt wurden, bekamen bann wir Kinder zum Austragen. Man kam sich recht wichtig vor, bei dieser Beschäftigung. Es war auch viel Freude damit verbunden. Bei den Verwandten bekam man immer die eigenen Ge schenke ausgehändigt, unb überall, wo man hinkam, herrschte schon biefe erwartungsvolle Dorfreube, bic vielleicht bas Schönste vom ganzen Weihnachtsfest ist.
Als dann endlich das Fest kam, hatte man von all den guten Sachen schon fast zuviel gegessen und war unerhört schieckig geworden, knabberte mal eine Makrone, mal einen Zimtstern, am liebsten noch bic Honigsebkuchen, weil sie nicht so süß waren. Sogar unser Dackel hatte sich einmal vor Weihnachten an Teig und Backwerk so überfressen, baß er mit ein gezogenem Schwanz bavonlief, wenn man ihm eine Bäckerei anbot. Erst wenn die Feiertage vorbei sind und die Vorräte allmählich einschrumpfen, gewinnen sie wieder Interesse. Fast wehmütig verzehrt man bann bas letzte Springerle, den letzten Lebkuchen, sicher, daß man bis zum nächsten Weihnachtsfest warten muß bis man wieder welche bekommt, denn außer der Zeit werden Lebkuchen unb Springerle nie gebacken.


