Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 4. Dezember 1931.
Brief an den Weihnachtsmann.
Gießen, Anfang Dezember. Sehr geehrter Herr!
Lehnen Sie meine Zeilen bitte nicht als verfrüht ab. Ich weiß nicht, wo und wann dieser Brief Sie erreicht, denn Sie werden gerade in diesem Jahr Grund haben, Ihren Aufenthalt so lange wie möglich zu verschleiern. Auch werden Sie in diesem Jahr das Gefühl haben, besonders viele freudlose Menschen aufsuchen zu müssen, wobei ich annehme, daß die Geldknappheit auch auf Ihren Dienstbezirk U b Sn * (sie f be ü den Mitgliedern aller Parteien das gleiche Ansehen und die gleiche Beliebtheit genießen, ist nicht zu befürchten, daß Sie Ihre Gaben der gerade vorherrschenden politischen Strömung anpassen. Sehr bedauert haben wir es, daß Sie dem mittlerweile heimgeschickten Wirtschaftsbeirat nicht angehörten, denn aus Ihrer Hand hätten wir die Herabsetzung der Mieten, Zinsen und Preise sicher an jenem Tage erhalten, den Sie seit Jahrhunderten für sich in Anspruch nehmen, und der auch durch keine Notverordnung verlegt oder verschoben werden könnte. Wobei ich Sie, sehr geehrter Herr, bitte, das Wort „verschoben" nicht in dem jetzt allgemein üblichen Sinn aufzufassen. So aber werden wir mit diesen uns zugedachten Geschenken wohl noch weit über Ihren Ehrentag hinüber warten müssen.
Ich möchte mir jetzt gestatten, Ihnen für Ihren etwaigen Besuch bei mir einige besondere Wünsche zu unterbreiten:
Als Kind habe ich, wie Ihnen vielleicht noch erinnerlich sein wird, mir ein Puppenhaus mit elektrischer Beleuchtung von Ihnen gewünscht. Elektrischer Herd, sowie eine Geschirrspülmaschine sollten dabei sein.
Ich habe, wie Sie aus Ihren Geschäftsbüchern ersehen werden, dieses Haus niemals erhalten, und ich bitte Sie herzlich, es mir auch jetzt nicht mehr zu bringen, falls Ihnen aus Ihrer umfangreichen Korrespondenz von damals mein Brief in die Hände geraten sollte.
Ich glaube kaum, daß Sie beabsichtigen, mir eine Perlenkette, oder Edelsteine von besonderem Gewicht zu überreichen. Wenn ja, dann bitte ich um einen großen Markisenring für meinen linken, zwei- ten Finger (von links gezählt), damit er mir nicht immer so unangenehm friert. Notwendiger aber wäre mir ein neues Farbband für meine Schreibmaschine, sowie eine Leselampe für meinen Nachttisch. Meine jetzige Lampe hat nämlich den Schalter auf der mir abgewendeten Seite, so daß ich beim Ausschalten entweder die Lampe herumdrehen, oder mich so weit wieder aufrichten muß, daß die an- gelesene Müdigkeit wieder verfliegt, und ich dadurch dauernd wach bleibe.
Hinsichtlich des Parfüms, das Sie aus alter Gewohnheit jeder Dame übermitteln, möchte ich Sie herzlich bitten, mir Gelegenheit zu einer kurzen Aussprache zu geben. Denn man möchte ja auch einmal gern etwas anderes haben.
Meine Strumpfnummer ist 8,5. Lieblingsfarben Dunkelbeige und Rauch.
Dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie bei Ihrer wahrscheinlichen Anwesenheit in unserer Wohnung unserm Hausbesitzer eine neue Glühlampe für die Treppenbeleuchtung, sowie einen neuen Fußabstreifer für den Aufgang mit ein paar entsprechenden Worten überreichen würden.
Sie werden mir, sehr geehrter Herr, zuaeben, daß sich meine Wünsche voraussichtlich mit Ihrem Vermögensbestand und Ihren Absichten- decken, und daß sie ohne weiteres als bescheiden bezeichnet werden müssen.
In der Hoffnung, daß diese Zeilen Sie in der Ihnen eigenen alten Frische erreichen, und daß Ihre weltbekannten roten Bäckchen durch keine Stillhalte- kommission zum Erblassen gebracht worden sind, zeichne ich, mit dem Ausdruck besonderer Verehrung als Ihre ergebene M. A.
Daten für Samstag 5. Dezember.
Sonnenaufgang 8.15 Uhr, Sonnenuntergang 16 15 Uhr. — Mondaufgang 2.37 Uhr, Monduntergang 13.46 Uhr.
1757: Sieg Friedrichs des Großen über die Oesterreicher bei Leuthen: — 1791: Wolfgang Amadeus Mozart in Wien gestorben: — 1835: der Dichter Graf August von Platen in Syrakus gestorben.
Bornotizen.
— Lageskalender für Freitag: Stadttheater Gießen, „3ft das nicht nett von Colette?", 20 bis 22.15 ilbr. - Oberhessischer Kunstverein, Oberhess. Künstlerhilfe, Turmhaus am Brcmdplah 15 bis 17 Uhr. - V3A., 20.30 Ahr, Cafe Ebel, Monats-Versammlung. — Kaufmännischer Verein, Ortsgewerbeverein, 20 Ahr, Heue Aula, Lichtbilder-Dortrag, „Gefährdete Heimat im deutschen Osten". — Hausfrauen-Veratung, Palast-Lichtspielhaus, Hauswirtschaftliche Weihnachts-Ausstellung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „O-Zug 13 hat Verspätung". — Astoria- Lichtspiele, Seltersweg: „Zwischen den Seilen", und „Der Nächste — bitte."
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns berichtet: Die Intendanz hat für Samstag und Sonntag durch die beiden Gastspiele des „Marionettentheaters Münchener Künstler" dem Spielplan der Vorweihnachtszeit ein besonderes Gepräge verliehen. Paul (Brann lehrt die populäre Kunst des Marionettentheaters mit voller Freude genießen. Samstag- und Sonntagnachmittag, jeweils von 16 bis 18 Uhr, wird die Legende von der Geburt des Heilandes als ..Krippenspiel" zur Aufführung gebracht. „Das Krippenspiel" dichtete Brann nach alten Motiven und gestaltete daraus sieben eindrucksvolle Bilder. Diese Nachmittagsvorstellungen sind an beiden Tagen zu kleinsten Preisen. Schüler erhalten außerdem auf Schüle* arten Schülerpreise. Samstag, 20 Ahr, außer Abonnement zunächst die
Groteske „Goethe im Examen" von Egon Friedel! und Alfred Polgar. Hierauf folgt die Opera buffa „La serva padrona" von Pergolese. Ende 22.15 Ahr. Sonntag 19.30 Ahr eine Wiederholung der Groteske „Goethe im Examen", sowie das Singspiel „Bastien und Bastienne" von W. A. Mozart. Ende 21.30 Ahr.
— Das Leipziger Soloquartett für Kirch en gelang (Röthig-Quartett) wird am kommenden Montag, 7. Dezember, um 20 Uhr in der Stadtkirche singen. Das Quartett ist von seinen früheren Veranstaltungen her in unserer Stadt wohlbekannt, und es ist deshalb wohl mit einem starken Besuch des Konzerts zu rechnen, zumal die Eintrittspreise sehr niedrig bemessen sind und ein etwaiger Reinertrag zum Besten der Kleinkinderkrippe verwendet wird. (Näheres in der gestrigen Anzeige.)
** Kein Verkauf geschenkter Kartoffeln! In verschiedenen Ortschaften, deren Landwirte Kartoffeln zur Versorgung der Gießener Hilfsbedürftigen kostenlos zur Verfügung gestellt haben, wird zur Zeit die Behauptung verbreitet, diese geschenkten Kartoffeln seien von der Stadt Gießen an die hilfsbedürftigen Bürger verkauft worden. Wie wir hierzu durch Anfrage an maßgebender Stelle beim Wohlfahrtsamt erfahren, ist an jenen Erzählungen kein Wort wahr. Die geschenkten Kartoffeln sind nicht verkauft worden, sondern werden entsprechend dem Willen ihrer Stifter völlig kostenlos den Hilfsbedürftigen unserer Stadt zur Verfügung gestellt.
** Winters Antrittsvis ite. Nachdem in den letzten Tagen trockener Frost über dem Lande lag, hat die Witterung nunmehr einen völlig anderen Charakter angenommen. Gestern abend ging ein Graupelregen nieder, der gegen Mitternacht mit Schnee vermischt eine leichte Schneedecke schuf, die sich allerdings nicht lange behaupten konnte und bis heute morgen nahezu völlig zu Wasser wurde. Lediglich in den Außenbezirken der Stadt konnte sich der Schnee etwas länger behaupten. — Wie in den tiefer gelegenen Gegenden, ging auch Über dem hohen Vogelsberg gestern abend der Graupelregen nieder, der allmählich in einen leichten Schneefall überging und den Hoherodskopf in ein weißes Kleid hüllte. Die Schneedecke ist allerdings erst 3 bis 4 Zentimeter hoch und sehr verweht. 3n der vergangenen Nacht wurde auf dern Hoherodskopf 10 Grad unter Null, heute morgen aber nur noch 2 Grad minus gemessen. Die Wintersportler, Schnee- wie Schlittschuhläufer, die in den letzten Tagen ernsthaft einige Hoffnungen nährten, werden sich wohl noch einige Zeit gedulden müssen.
** Sitzung des Provinzialausschus- s e s. Am Samstag, 5. Dezember, 8.30 Ahr, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Handelsvertreters Karl George in Gießen gegen den Beschluß des Kreisamts Gießen vom 5. November 1931 wegen Versagung der Legitimationskarte für das Kj. 1931: 2. Klage des DeUrksfürsorge- verbandes Frankfurt a. M. gegen Den 'Beütfä- fürsorgeverband des Kreises Friedberg auf Ersatz von Pflegekosten für Paul Schellenberger: 3. Klage des Eduard Decher in Elbenrod gegen den Bescheid des Kreisamts Alsfeld vom 18. August 1931 wegen Versagung der Erlaubnis zum Betriebe einer Schankwirtschaft in Elbenrod.
** Theatervorstellung für Erwerbs- lose, lus dem Stadttheaterbureau wird uns ge- schrieben: Die ursprünglich für Samstag, 12. Dezember, von der Intendanz anyesetzte Vorstellung muß aus betriebstechnischen Gründen und infolge Erkrankung im Personal auf Samstag, 2. Januar 1932, verschoben werden. Die bereits gelösten Karten behalten ihre Gültigkeit.
** Vier- st a t t Fünfpfennigstücke. Wie WTD. erfährt, werden in absehbarer Zeit die Fünfpfennigstücke aus dem Verkehr gezogen und dafür Vierpfennigstücke geprägt werden. Maßgebend für diese Aenderung ist Die Absicht, den Pfennigverkehr und damit dem Spartrieb eine stärkere Anregung zu geben.
* Wiedereröffnung der Liebigs- höhe. Am kommenden Sonntagnachmittag wird die Liebigshöhe nach mehrwöchiger Schließung wieder eröffnet. Der neue Pächter veranstaltet aus diesem Anlaß ein Konzert der Gießener Militärkapelle bei freiem Eintritt. Man beachte die heutige Anzeige.
*• Der AllgemeineDeutscheFrauen- verein hielt - - wie man uns berichtet — feine Dezemberversammlung im Rahmen einer geselligen Veranstaltung ab. Frau Wehl, Fräulein Decker und Herr Rein erfreuten die überaus zahlreich erschienenen Zuhörerinnen durch den Vortrag von Weihnachtsmusik (Bach, Reger, Brahms), die sie mit künstlerischem Empfinden zu Gehör brachten und für die sie dankbaren Beifall fen en F auMombertspr ch sodann über ein kleines Buch aus dem 3ahre 1742, das nahezu unbekannt ist und das vom „Studiren des schönen Geschlechtes" handelt. Seine Verfasserin war eine Arzttochter aus Quedlinburg, die mit besonderer Genehmigung Friedrichs des Großen zum Doktor der Medizin in Halle promovierte und sodann in ihrer Vaterstadt ärztliche Praxis ausgeübt haben sott. Wenn auch manche Anschauungen dieses „Wohlgelahrten Frauenzimmers" heute veraltet sind, so ist die kleine Streitschrift doch mehr als nur ein Dokument der Aufklärungszeit. Aus den Seiten dieses verschollenen Buches spricht eine Frau von Hellem Verstand, von warm-m Herzen und sittlichem Ernst, und man mußte aufrichtige Freude über die kluge, kernige Ausdrucksweise empf nden. Lelh fter Be fall d nkle d r Rednerin für den interessanten, mit feinem Humor gewürzten Vortrag, der ein sehr anschauliches Zeitbild entwarf. Allen, die zum harmonischen Verlauf des Abends beigetragen hatten, dankte die Vorsitzende mit herzlichen Worten.
*• Familienabend der Lukas- gemeinde. Bei dem Familienabend, den die Lukasgemeinde am vergangenen Sonntag veranstaltete, sprach Pfarrer i. R. Groh in anschaulicher und fesselnder Weise von seinen Erlebnissen als Missionar der Basler Mission an der Goldküste in den 3ahren 1887 bis 1914. Der Redner gab zunächst ein Bild von der Reise nach Afrika, schilderte Land und Leute an der Goldküste, sprach von der Goldgewinnung, die dort getrieben wird, und teilte zum Schluß 3nteressantes aus der Anschauungswelt der Neger mit, wobei er einige dort im Volkstum entstandene Fabeln zur Verlesung brachte. Frau Nebeling, auf dem Klavier von ihrem Gatten begleitet, fang Mis- sions- und Adventslieder, die den Anwesenden seither noch nicht bekannt geworden waren und tiefen Eindruck hinterliehen.
** Der Dienenzüchterverein Gießen und Amgegend hielt am Sonntag im „Tannhäuser" eine Mitgliederversammlung ab, die einen guten Besuch aufwies. Nach Begrüßung durch den Obmann G. Dodenbender (Gießen) hielt
Gießener Winternothilfe 1931/32
Helft den Notleidenden! Zede Gabe ist willkommen!
Sachspenden an das Städt. Wohlfahrtsamt Gartenstraße 2, Zimmer 9, erbeten,- auf Wunsch erfolgt Abholung. Telephon 2858.
Geldspenden nehmen auch die Sanken und Sparkassen entgegen,- ferner sind Einzahlungen aus das Winternothilfe-Konto Dir. 3372 bei der Äezirkssparkasse Gießen möglich.
Eisenbahndirektor Hille von Ober-Arsel einen Vortrag über „Sachgemäße Honigbehandlung, ein Mittel zur Förderung der Bienenzucht". Nachdem der Redner einen Rückblick über die Methoden der Honiggewinnung gegeben hatte, befaßte er sich mit der Behandlung des Honigs nach dem Schleudern, stellte Vergleiche mit dem Obstbau an und forderte die 3mker auf, nur erstklassige Markenware, sog. Standardware, auf den Markt zu bringen, um dem Wettbewerb aus Neuseeland mit feinem Dienenhonigmonopol und aus Amerika begegnen zu können. 3n der anschließenden regen Aussprache wurde ein engeres Zusammenarbeiten mit den Obst- und Gartenbauvereinen und mit den Hausfrauenvereinen gefordert. Zur Förderung des Hochzieles, den Lebensmittelbedarf des deutschen Volkes mit Erzeugnissen des deutschen Bodens zu decken, wurde in einer Entschließung gefordert, den Deklarationszwang für Auslandware einzuführen. Mit Worten des Dankes an den Redner und nach Bekanntgabe verschiedener geschäftlicher Mitteilungen wurde die Tagung geschlossen.
** VHC. Gießen. Seine zwölfte und letzte Vereinswanderung unternahm am Sonntag der VHC. Gießen. Die schlechte Witterung der vorhergegangenen Tage war wohl die Arsache, daß sich nur 34 Teilnehmer am Start eingefunden hatten, und diese erlebten bei ihrer Wanderfahrt keine Enttäuschung. Vom Bahnhof Wetzlar führte der Weg durch die alte Reichsstadt, deren prächtige Lage stets das Entzücken der Wanderer bildet, und hierauf auf tadelloser Landstraße nach Nauborn. 3n dankenswerter Weise hat sich der dortige Ortspfarrer um die Herstellung eines Höhenwegs, des sog. Pfarrweges, bemüht, der sich von Nauborn oberhalb der Landstraße in ziemlichen Windungen herzieht und prachtvolle Blicke in das liebliche Wehbach- oder Siebenmühlental ermöglicht. Diesem Wege folgend gelangten die Wanderer nach geraumer Zeit zur Mittagsrast nach der reizvoll im Tal gelegenen Honigmühle. Abwechselnd durch Wald und Feld, auf manchmal recht schlüpfrigen Wegen ging es hierauf durch Laufdorf nach der von Wetzlar kommenden schwarzen Punktmarkierung, die bis zum Schluß das Geleite gab. Kurz vor dem Endziel Oberndorf genoß man noch beim Waldausgang einen überraschenden Blick auf das hochragende Schloß Braunfels. Nach einer zweistündigen Erholungspause erfolgte von Oberndorf aus Die Heimfahrt.
** Zwangsinnung der Sattler und Tapezierer. Ain Dienstag hielt die Zwangsinnung für das Sattler- und Tapeziererhandwerk in Stadt und Kreis Gießen eine Versammlung ab, in der als einziger Punkt der Tagesordnung die Auflösung der Zwangsinnung zur Beratung stand. Der Versammlung, zu der 99 stimmberechtigte Mitglieder erschienen waren, wohnten ein Vertreter des Kreisamtes und der Syndikus der Handwerkskammer-Nebenstelle Gießen bei. Die sehr lebhafte Aussprache über den Auflösungs- Antrag wurde mit einer Abstimmung beschlossen, in der sich 64 Mitglieder für die Auflösung und 14 Mitglieder dagegen aussprachen. Nach der Abstimmung erEIärtc der Vertreter des Kreisamtes, daß sahungsgemäß für die Auflösung die Stimmen von 74 Mitgliedern (drei Viertel der gesamten Mitgliedschaft) vorliegen müßten. Dem vorliegenden Antrag könne also von der Aufsichtsbehörde nach dem Ergebnis der Abstimmung nickt stattgegeben werden.
’* Kanada nimmt wieder deutsche Landwirte auf I Die kanadische Regierung hat, wie von der Hamburg-Amerika-Linie und der Canadian Pacific Railway Germany G. m. b. H. mitgeteilt wird, für das 3ahr 1932 die Einwan
derung von landwirtschaftlichen Familien beub scher Staatsangehörigkeit in den Seeprovinzen Kanadas, Neu-Braunschweig und Neu-SchotllanX vorgesehen. Familien, die außer dem Fahrgeld über 4000 Mk. verfügen und zur Auswanderung nach Kanada entschlossen sind, erhalten Auskunft über Abfahrten, Fahrpreise und erforderliche Einreisepapiere bei den vorgenannten Gesellschaften oder deren Vertretern.
Hessen in Berlin.
Der „Verein der Hessen in (Berlin* feierte in diesen Tagen, wie man uns berichtet, im Bankettsaal des (Berliner Lehrervereinshauses am Alexanderplah sein 5. Stlltungsfest. Der Vereinsvorstand hat es sich zum Ziele gesetzt, für die zahlreichen in Berlin ansässigen Hessen ein verbindendes Glied zu schasfen, um den Heimatgedanken in diesem Kreise wachzuhalten und zu pflegen. Mit Stolz konnte der Vorsitzende, Ministerialrat Professor Dr.Maurer, feststellen, daß es dem Verein in Verfolg dieses Zieles gelungen ist, sich in der Zeit seines Bestehens Die Anerkennung und Beachtung weiterer Kreise zu verschaffen. Das bewiesen die zahlreichen Glückwunschschreiben und Telegramme von prominenten Persönlichkeiten und von befreundeten Berliner und auswärtigen Vereinen. Besonders herzliche Worte hatte der Hessische Staatspräsident Dr. Adelung für den Verein und seine Begründer.
Von prominenten Persönlichkeiten bemerkte man Den hessischen ©efanDten Nuß, Geheimrat Heck. Den Direktor Des Berliner Zoologischen Gartens. Den Schriftsteller Robert Schneider, 'S arm* ftabt unb viele anbere. Das reichhaltige Programm, bei Dem auch Der Gesangschor Des Hessenvereins mit einigen Liedern vertreten war, fand in allen Teilen vollen Beifall.
Es wird empfohlen, in Berlin ansässige Verwandte oder Freunde auf das Bestehen Des Berliner Hessenvereins aufmerksam zu machen, oDer Deren Adresse dem 1. Schriftführer, Ministerial- amtmann Karl Kriegbaum in Berlin-Halensee, 3ohann-Georgstrahe 12, mitzuteilen.
Sensationelle Gistdiebstähle in Frankfurt.
WSN. Frankfurt a.M., 3. Dez. Dor einigen Tagen wurde der 17jährige Schlosserlehrling Friedrich R. und Der 19jährige Schlossergeselle Wolfgang Sch. nach einem Einbruch in ein Sprechapparategeschäft verhaftet. 3m Laufe Der polizeilichen Vernehmung hat sich nun her- ausgestellt, daß Die bejDen Burschen Einbrüche in großem Umfa’ng begangen haben: bisher finD ihnen schon 18 Einbrüche nachgewiesen. Man fanD bei ihnen zahlreiches Diebesgut, wie Grammophone, Photoapparate, Kleiber unb Schuhe. Die beiben verübten bie Diebstähle, um Die Sachen an Dirnen weiterzuf ^schenken.
Viel bebenklicher aber ist, bah bie Polizei bei ihren Durchsuchungen auch zahlreiche Flaschen unb Phiolen mit schwersten Giftstoffen bei ihnen auffanb, so Luminal, Verona!, Pikrin- unb Phosphorsäure, Strychnin, Kokain unb vieles andere. Diese Gifte stammen auS Den Chemiesälen Der Schulen, aber auch aus dem Pharmazeutischen 3 n ft i t u t Derilniberfität wurden die Gifte gestohlen. Bei einem Diebstahlversuch im Kaiser-Friedrich- Gymnasium wurden die beiden von Dem Verwalter gestört. Sie hielten ihn jedoch mit ihren gelaßenen Schußwaffen, die sie stets bei sich trugen, in Schach und konnten flüchten.
Sehr bedenklich ist, daß im Pharmazeutischen 3nftitut Der Universität Der Abgang Der schweren Giftstoffe überhaupt nicht bemerkt würbe. Man sollte eigentlich annehmen, bah in solchen 3nftituten Gifte berart gesichert werben, bah Diebstähle erschwert finb; wenn jeboch Wochen nach bem Diebstahl ber Abgang gar nicht bemerkt worben ist, so ist hier schärfste Kritik am Platze. Cs steht noch nicht fest, was bie gefährlichen Burschen mit bem Gift beginnen wollten. 3Hre Erklärung, sie hätten sich schon seit ihrem 12. Lebensjahr mit chemischen Versuchen beschäftigt, braucht nicht ernst genommen zu werden.
Auch ein schwerer Einbruch in ein Waffengeschäft kommt auf das Konto dieser beiden Schlosser, bei denen man eine prachtvolle Ausstattung von Einbrecherwerkzeugen fand. Die Ermittlungen in der Angelegenheit gehen weiter.
Rundfunkprogramm.
Samstag, 5. Dezember.
7.20: Frühkonzert. 10.20 bis 10.50: Schulfunk: „3agdverpachtung in Klein-Wiesenbach". Eine Gemeinderatssitzung. 12.05: Schallplattenkonzert. 15:15: Stunde der 3ugenö. 16.00: Unterhaltungskonzert. 16.50: Historische Märsche und Marschmusik. 17.30: Aus einem Stuttgarter Privathause: Hausmusiken. VI. Abend. 18.40: „Bevölkerungsbewegung zwischen Stadt und Land", Vortrag von Stadtrat Ernst Kahn. 19.05: Spanischer Sprachuntervicht. 19.35: Kleiner Wegweiser durch Weihnachtsbücher. 19.45: Aus der Werkstatt von Käte Kruse. Mikrophonbericht. 20.15: Soeben erschienen. Ein (Bunter Abend. 22.40: Tanzmusik. 23.00 bis 0.30: Aus den Universum-Lichtspielen: Nacht-Kabarett zugunsten der Winterhilfe.
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