Mittwoch, 4. November 1951
Nr. 258 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Lugend und Hochschule.
Meyer, Diplom-Ingenieur in Dresden, erörterte sehr sachlich und klar die Möglichkeiten für die Jugend der Mittelschichten, sich gerade aus der Krise des Mittelstandes ein neues Tätigkeitsfeld aufzubauen: Oberstudiendirektor K ü h n e r (Eisenach) erwägt die psychologischen und organisatorischen Voraussetzungen einer Verbindung von allgemeiner Arbeitsdienstpslicht und Kollektiv- siedlung: Landwirt Könnemann (Ellena) prüft ebenfalls die Siedlungsmöglichkeiten an Hand von praktischen, sorgfältig auf ihre Rentabilität geprüften Beispielen und bespricht das ökonomische Verhältnis von Stadt und Land.
Diese kurze Vorschau auf das Ergebnis der Um« frage des Studentenwerks, das noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll, möge genügen, um das außerordentliche Interesse zu rechtfertigen, das heute schon weite Kreise an der Frage nach neuem Lebensraum für die Jugend und an ihrer Beantwortung nehmen. Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß aus der dankenswerten Arbeit des Studentenwerks mehr wird als ein dickleibiger Wälzer für den „Grünen Tisch" — nämlich der Beginn großzügigster Hilssakiionen für die Existenz der bedrohten Jugend und damit für das gesamte Volk.
Oie Ausbildung und das Wirkungsfeld des Oiplomkaufmanns.
Von Or Wilhelm Auler, a. o. Professor an der Universität Gießen*).
Der Stand der wissenschaftlichen Forschung und Lehre ist von maßgeblicher Bedeutung für die berufliche Ausbildung. In Deutschland erfolgt die Ausbildung der Diplomkaufleute an zwei Universitäten (Köln und Frankfurt a. M.), fünf Handelshochschulen (Berlin, Leipzig, Mannheim, Königsberg und Nürnberg) und der Technischen Hochschule München. Daneben bestehen an einer Reihe von Universitäten und Technischen Hochschulen Ordinariate und Extraordinariate für Betriebswirtschaftslehre. Im Jahre 1924 wurde in Preußen eine Reform des betriebswirtschaftlichen Studiums durchgeführt, der sich die übrigen Lä rder anschlossen. Von geringfügigen Aenderungen abgesehen, gilt diese Reuordnung heute noch. Ihre Hauptmerkmale sind: Das Triennium — also sechssemestriges Studium —, das Maturitätsprinzip und eine hinreichende Anschauung von der kaufmännischen Praxis. Eine Ausnahme vom Maturitäisprinzip besteht für Personen mit Obersekundareife. Diese müssen eine Vorprüfung, „Die Prüfung für praktische Kaufleute", bestanden haben, welche nach viersemestrigem Studium abgelegt werden kann. Sie müssen sich ferner einer Ersatzreifeprüfung unterziehen, in welcher die dem Rormalabiturienten entsprechende Allgemeinbildung nachgewiesen wird. Während von dem. Rormalabiturienten eine mindestens sechsmonatige Praxis gefordert wird, müssen die Personen mit Obersekundareife eine dreijährige Praxis nachweisen. In neuerer Zeit sind Bestrebungen bemerkbar, von dem Abiturienten den Rachweis eines Jahres praktischer Tätigkeit bei der Immatrikulation zu fordern und das Diplomzeugnis erst nach Ableistung eines weiteren praktischen Jahres auszuhändigen. Diese Anforderungen sind nur zu begrüßen. Was nun die Ausbildung der Diplomkaufleute selbst anlangt, so macht sich in. jüngster Zeit eine Verschärfung der Tendenz zu mSpeziali st en- t u m geltend. Ramhafte Vertreter auf dem Gebiete des kaufmännischen Bildungswesens treten für eine weitgehende Spezialisierung in der Ausbildung ein. Die bisherige Dreiheit der Studienfächer — Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Rechtswissenschaft — soll so umgestaltet werden, daß die Betriebswirtschaftslehre die Alleinherrschaft erlangt. Die Volkswirtschaftslehre soll dem künftigen Betriebswirt ihren Stoff so zuführen, daß er die betriebswirtschaftliche Denkweise unterstützt; dasselbe gilt von der Rechtswissenschaft. Die volkswirtschaftliche Denkweise mit ihrem philosophischen Einschlag soll vom akademischen Betriebswirt ganz ferngehalten werden, da man einem Kandidaten nur eine einzige Denkschulung vermitteln könne, die seinem Fache eigentümliche. Dadurch soll der Akademikertyp ge-
*) Verkürzte Wiedergabe eines Vortrages, gehalten auf der Tagung der staats- und wirtschaftswissenschaftlichen Fachgruppe der Deutschen Studentenschaft zu Gießen.
schaffen werden, den die Praxis brauche. Dieser Typus soll als Betriebswirt neben den bisherigen Diplomkaufmann treten. Damit entfernen sich die Vertreter der Reformvorschläge sehr weit von den Ideen der Begründer der Handelshochschulen. Das alte Ideal des wirklich akademisch, d. h. des universell geschulten, weitblickenden Kaufmannes wird damit zerstört. Wir sehen eine Gefahr in dieser Bewegung. Wir benötigen angesichts unserer wirtschaftlichen Strukturwandlung und kulturellen Umgestaltung mehr denn je eine Univcrsalbildung; einseitige Spezialistenzüchtung führt unseres Erachtens nicht zum Erfolge.
Die Wirtschaft bietet dem Diplomkaufmann ein weites und reiches Arbeitsfeld. In dxr Industrie, im Handel, im Dankbetriebe, auf dem Gebiete des Versicherungswesens sowie im Duchfache hat er Detätigungsmöglichkeiten; er kann ferner die Funktionen eines Organisators, Werbefachmannes, Journalisten, Treuhänders oder Wirtschaftsberaters ausüben. Im einzelnen sind die Berufsaussichten folgendermaßen gelagert:
Im Industriebetriebe muh der von der Hochschule kommende Diplomkaufmann damit rechnen, daß ihm Stellungen in Abteilungen des Rechnungswesens angeboten werden. Man unterstellt in Kreisen der Industrie, daß der Diplomkaufmann für die Betriebsabrechnung, Buchhaltung und Statistik die geeignete Persönlichkeit fei. Relativ günstig sind die Stellen im Assistenten-, Organisations-, Sekretariats- und Revisionsdienste. Oft führt der Weg zu leitenden Stellungen über diese Tätigkeitsgebiete. In neuerer Zeit sind die Aussichten, in der Ein- und Verkaufs- abteilung unt:rzukcmmen, günstiger geworden, da man die Bedeutung der Beobachtung und Erforschung des Marktes im Industriebetriebe mehr und mehr erkennt. Aehnlich günstig sind auch die Berufsaussichten in der Werbeabteilung. In der industriellen Praxis wird größter Wert auf Berufserfahrung gelegt.
Infolge der Vielheit der im Einzelhandel auftretenden Probleme kann man jedes fortschrittliche Einzelhandelsgeschäft von einiger Bedeutung als ein Betätigungsfeld für den Diplomkaufmann ansprechen. Es sei hier nur auf die Gebiete der Reklame, der Absatzforschung und der Marktanalyse, sowie auf die Fülle von rechtlichen, insbesondere steuer- und arbeitsrechtlichen Fragen hingcwiesen, die den Diplomkaufmann infolge seiner Vorbildung für den Einzelhandel als geeignet und berufen erscheinen lassen. Seine praktische Einstellung befähigt den Diplomkaufmann zur Leitung von Organisationen des Einzelhandels.
Auch im Dankbetriebe werden die Diplomkaufleute in steigendem Maße mit verantwortlichen Aufgaben betraut. Die Zahl derjenigen, die auf Grund des erbrachten Defähigungsnach- weises in die Leitung kommen, ist im Steigen begriffen. Für das Wirtschaftsleben und einen seiner wichtigsten Faktoren, das Dankgewerbe, ist das beste geistige Rüstzeug gerade gut genug.
Zugend sucht neuen Lebensraum.
Eine Umfrage des „Deutschen Studentenwerlü".
Von Egon Larsen.
Ständig wächst die Ueberfüllung der intellektuellen Berufe. Die Gründe dafür liegen auf verschiedenen Gebieten. Die unglückselige Verschiebung im Verhältnis der menschlichen zu den maschinellen Arbeitskräften wirkt sich auf alle Derussaruppen aus, Weltkrise und Absahprobleme bedrohen nicht nur die Existenz des Handarbeiters, sondern ebenso stark auch die des geistigen Arbeiters. Die Furcht vor dem Eintritt in das praktische Leben und damit in die Röte der Berufs- und Existenzfragen treibt den jungen Menschen von heute immer höher hinauf in die Mittel- und Hochschulbildung, von der er sich größere Zukunftsmöglichkeiten verspricht. Das Ergebnis ist ein beispielloses Ueberangebot an Arbeitskräften auf allen intellektuellen Gebieten.
Die Erkenntnis, daß die gegenwärtige und zukünftige Situation der deutschen Jugend ein ungeheuer wichtiges, aber ebenso schwer zu lösendes Problem darstellt, hat das „Deutsche Studentenwerk" in Dresden, die Organisation der studentischen Selbsthilfe, zu einer Rundfrage veranlaßt, die sich an einen Großteil der deutschen Geisteswclt wendete. Ihr Thema lautete: „Wo findet d i e de u t s ch e I u g e n d n e u e n L e » bensraum?"
Das Deutsche Studentenwerk ist verantwortlich für Tausende junger begabter Akademiker, denen es nach sorgfältiger Prüfung ihrer Bewährung die Durchführung ihres Studiums ermöglicht hat. Es hat also bewußt und planmäßig neue Menschen zu den Hochschulen geführt und die Zahl der Jn- tellektuellen vergrößert. Diese Tausende sind sicher noch der widerstandsfähigste Teil der deutschen Jugend. Trotzdem erkannte das Studentenwerk die starke Verantwortung seines Handelns nicht nur dem von ihm geleiteten Teil der Jugend, sondern auch allen anderen Studierenden gegenüber, die ernst und bang auf die Zukunft ihres Lebens und ihres Berufes blicken. Diesem Verantwortungsgefühl entsprang der Wunsch, das Problem der Jugend einer großen Zahl von Führern verschiedenster Lebensgebiete des deutschen Volkes vorzulegen und sie um ihren R^k zu bitten. An 30 000 Freunde des Stuvtz»tenwerks erging die Aufforderung. sich an dieser Umfrage zu beteiligen.
Aus allen Ständen und Berufen tarnen die Antworten. Sie schwankten in ihrer Gröhe zwischen dem .Umfang eines Briefes und dem einer Doktorarbeit. Die 35 besten und originellsten Arbeiten wurden mit Preisen bedacht und werden demnächst in Buchform herausgegeben, um der gesamten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.
Eine Fülle von praktischen, teilweise bis ins einzelste durchgesührten Vorschlägen, Zustandsschilderungen von außerordentlicher Bedeutung sowie wertvollen theoretischen Analysen der großen nationalen Probleme befindet sich unter den Antworten.
Besonders stark ist der Gedanke derSied- lungsarbeit vertreten. Diele Einsender glauben die allgemeine Zeitströmung erfaßt zu haben, indem sie die Frage der auch von Regierungskreisen eifrig betriebenen Siedlungspolitik an den Anfang aller wirtschaftlichen und sozialen Erneuerung stellen. Der Träger des ersten Preises, cand. rer. pol. Küppers - Sonnenberg in Glindow (Mark), erfaßte das Problem des Lebensramnes in außerordentlicher begrifflicher Klarheit. Er leitete den Siedlnngsgedanken aus den Rotwendigkeiten der modernen industrialisierten Gesellschaft her, nicht aus irgendeiner „Zurück"-Gesinnung. Seine Vorschläge für Kollektiv- und Primitivsiedlungen sind eingehend ausgearbeitet.
Der Träger des nächsten Preises, Geheimrat Doehmer analysierte den Gedanken
des de aumes in der Welt. Fritz
E. ung an Gundolf.
Von Aloert H. Rausch.
Wir haben den Dichter Albert H. Rausch um eine Würdigung des in Darmstadt geborenen, als Professor der Literaturgeschichte in Heidelberg verstorbenen Friedrich Gun - d o l f gebeten, mit dessen Tode die deutsche Geisteswissenschaft einen schweren Berlust erlitten hat.
Wenn in diesem Winterhalbjahr die Studenten nach Heidelberg zurückkehren, werden sie den Lehrstuhl verwaist finden, dem die alte Universität das beste Teil ihres Ruhmes während des letzten Jahrzehnts verdankt. Friedrich Gundolf, der größte Erforscher dichterischen Werkes und dichterischer Gestalt, den das zeitgenössische Deutschland besaß, ist am 12. Juli, dem Geburtstag Stefan Georges, gestorben. Viel zu früh: und doch erfüllt durch eine Leistung, die seinen Namen unvergeßlich macht. Es gibt keinen geistigen Menschen in Deutschland, der um diesen Hingang nicht trauert. Doppelt trauert in unserer schweren, mittelpunktlosen Zeit, in welcher die politischen Leidenschaften die Herzen verwirren und dem Äuge die Fähigkeit zu reiner Schau nehmen. Deutschland ist um eine Flamme ärmer welche eine bann nbe und sammelnde Macht besaß:'um einen Menschen, der ein großes Kind und ein großer Gläubiger zugleich war: der kraft seiner Unberührtheit und traft seiner Inbrunst wieder Glauben erweckte und damit zu einem Spender notwendigen Trostes wurde für viele, deren Leben licht- los verläuft ..
Es ist nicht der Sinn dieser wenigen Zeilen, die Leistung Gundolfs zu werten oder seine Erscheinung zu deuten. Dazu bedürfte es eingehendster Darlegungen. Es ist auch nicht ihr Sinn, Gundolfs Schaffen in irgendeinen vergleichenden oder gar kritischen Bezug zu setzen zu der ßiterarßiftorie unserer Epoche. Es soll hier ein weniges festgehalten werden von der Luft, die ihn umgab: es soll ein Weg gezeigt werden, der in den Mittelpunkt seines Wesens fuhrt.
Wer heute in Deutschland die Namen (£ ä f a r Shakespeare, Goethe, George ausspricht, spricht auch den Namen Gundolf aus, als mitlauten- ben — wenn auch äußerlich stummen — Bestandteil
dieser Namen. Sie sind die unermeßlichen Bezirke, in denen sich fein Geist am längsten gewiegt, gesonnt und durchleuchtet hat. Sie sind die geistigen Imperien, deren Deutung Sinn und Ziel seines Lebens war. Es gibt niemanden, der dies nicht wüßte, kaum einen der ihm nicht zum mindesten ein Stück auf diesen Forschungsreisen gefolgt wäre. Und wen immer unerbittliche Forderungen eigener Weitsicht und Weltwertung zur Umkehr zwangen: gehorchte diesem Befehle nicht aus eigenwilligem Sichabwenden von anderer Artung: sondern immer und unter allen Umständen mit einer dankbaren Erinnerung an ein durchaus Bedeutendes, Genialisches, welchem nahe gewesen zu sein ein Glück: zum allermindesten aber eine Bereicherung bedeutete. Wenn sich die Zunft ihm oft feindlich gegenüberstellte, so tat sie eben, was sie fast immer dem Genie gegenüber tut. Was soll denn aller Streit um fachwissenschaftliche Standpunkte gegenüber einer so zwingenden menschlichen und schöpferischen Kraft, wie sie Gundolf verkörperte? Was ist alles Hin- und Herrechten darüber, ob er hier irrte und dort übertrieb, vor der schicksalhaften Einheitlichkeit seiner Vision? Ganz visionär sind die Gebilde, welche er aus einer unheimlichen Fülle des Wissens formte: und wenn er seine Schlüsse so zog und nicht anders, so war es nicht, daß ihm die Kenntnis dieses ober jenes Dötails gefehlt hätte: fonbern baß eben bie seherische Glut Einzelheiten ineinanberroob, bie ber unseherische wissenschaftliche Facettenblick fast niemals in ihre höheren Bezüge zu rücken vermochte. Selbstverstänblich hat auch bas größte Genie nur seine, ihm gemäße Intuition, ber es alle Ergebnisse seiner exakten Forschung — ber unerläßlichen Vorarbeit — unterorbnet. Vertraut man sich ber Führung Gunbolfs an, so weiß man, baß sie zu g e s ch l o s s e n e n 'Silbern hinleitet: nicht aber burch Stosfanhäufungen unb mnorbnungen geht, aus benen ber Geführte selbst sich erst bie Gestalt zusammenfügen muß. Ob bas Enbbilb einer großen Erscheinung, wie Gunbolf es formte, sich schließlich berfe mit bem ber eignen Schau: nicht bies ent= scheibet! Es entscheibet nur, ob es bie höchste Prägungsmöglichkeit verkörpere, bie der Inkuitionstiefe seines Beschwörers entspricht. Was Gundolf gestaltet, ist immer bas Aeußerste, bas ihm möglich war. Die Verehrung unb Bewunberung, welche wir ihm zollen, entspricht ber Unerbittlichkeit ber Ansprüche, bie er an sich selbst stellte. In dieser Unerbittlichkeit liegt
seine wirkliche Größe. Denn Wirkung kann nur der erlangen, der von sich das Letzte fordert. Wirkung im letzten Sinne aber ist: lebendiger Stoff bleiben in den Lebendigen.
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Ich habe Gundolf zu jener Zeit tennengelernt, als es für ihn nur ein einziges Leben und Erleben gab: Stefan George. Ich habe ihn kennengelernt durch diesen. Ich habe ihn seit dem Ausbruch des Krieges nicht mehr gesehen, also auch nicht mehr in der letzten Zeit seines Schaffens, als er sich von George losgelöst hatte. Ich habe niemals begreifen können, warum man in ihm vor allem den äußerlich schönen Menschen erblicken wollte. Der Kopf war von außergewöhnlicher Vergeistigung: und eben dadurch schon jenseits des Maßes, in dem sich für mich damals — wie heute noch — das Schöne verkörperte. Man hatte mir von Gundolfs Hellenität gesprochen: ich suchte sie vergebens. Was ich als feine Ausstrahlung verspürte war so unhellenisch, wie nur etwas sein konnte. Man hatte mir fein Wissen um die menschliche Seele gerühmt: Ich fand ein großes, wundervolles, weit- und menschenfremdes Kind, dessen über- sichtiges Auge niemals in den Kern eines „wirklichen" Dinges traf. Das erste lange, sich in unendlichem Zickzack bewegende Gespräch, das wir auf einem spätsommerlichen Spaziergang in der Umgebung von Darmstadt führten, erwies die völlige Verschiedenheit unserer Naturen.
Wir sprachen über George, über die Erfüllung des Lebens im Gedicht, über Werk als höchste Wirklichkeit, also wesentlichste Lebensäußerung seines Schöpfers. Wir waren fast in allen Enderkenntnissen einig: aber was mir aus der Erfahrung am eignen Ich zur Gewißheit geworden war, erschien mir bei ihm wie eine große, vorgefaßte Idee, die über seinem Leben stand und ihm sein Wissen um die Metaphysik des Schöpferischen eingab. Immer wieder überschlug er das Nächste, um auf das Weiteste hinzuzielen — und ich hatte am Ende dieses Gespräches fast den Eindruck, daß ein menschgewordener Gedanke neben mir herging, nicht aber ein noch jugendlicher Mann, in dem die Flamme eines Gedankens brannte.
Ich entsinne mich noch fast wörtlich des Abschlusses dieser Unterhaltung:
— Sie sind für einen so jungen Menschen in einer mir fast erschreckenden Weise den irdischen Dingen
Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tätigkeit des Diplomkaufmanns auf dem Gebiete des Versicherungswesens find ungünstiger als in den übrigen Geschäftszweigen. Der Grund liegt vor allem darin, daß der Versicherungsbetrieb in erster Linie versicherungstechnisch geschulte Fachleute erfordert. Dazu kommt noch die fühlbare Konkurrenz der Juristen und Diplomversicherungsfachverständigen. Für bestimmte Arbeiten im Versicherungswesen besitzt jedoch der Diplomkaufmann die beste Schulung. Hier ist vor allem an die Sachschädenregulierung zu denken, welche gründliche Kenntnisse betriebswirtschaftlicher Art erfordert, ferner an die Duchhaltung mit ihren Rebenabteilungen. Endlich ist die Kreditversicherung zu nennen, die besonders starke kaufmännische Einfühlung verlangt.
Im Duchfache bieten sich dem Diplomkaufmann manche Detätigungsmöglichkeiten. Duch- druckereien und -bindereien sind heute vielfach Großbetriebe mit recht komplizierter Struktur. Die Bedeutung der Kontrolle, der Kalkulation und Betriebsstatistik werden immer mehr erkannt. Die Auftragsbeschaffung (also die Marktanalyse und Eigenwerbung) ist au einer brennenden Frage geworden. Hier hat Der Diplomkaufmann ein gutes Wirkungsfeld; auch die kaufmännische Leitung buchgewerblicher Betriebe kommt für ihn in Frage. Im Buchhandel kommen für den Diplomkaufmann nur die großen Vrrlagsunterneh- mungen in Betracht. Einstweilen ist der Buchhandel für ihn noch nicht wirklich erschlossen, aber das Gefüge lockert sich bereits.
Der Beruf des Organisators erfordert neben gründlichen Kenntnissen der Probleme und Methoden der Detriebsorganisation eine dauernde Beschäftigung mit der Struktur des Betriebes und seinen Veränderungen. Der Organisator muh die Fähigkeit besitzen, sich schnell in neue Verhältnisse hineinzufinden, die Zusammenhänge klar zu erkennen; er muß psychologisch geschult fein, damit er den richtigen Weg für die Behandlung des einzelnen FaUes beschreitet. Daher erfordert der Beruf des Organisators eine ausgereifte Persönlichkeit. Für den Diplomkaufmann ist die Mitwirkung an den Aufgaben der Organisation eine dankbare und wertvolle Arbeit.
Aus dem Aufgabenkreise des Werbeberaters und Werbeleiters geht hervor, daß eine gründliche wissenschaftliche Vorbildung Voraussetzung einer ersprießlichen Tätigkeit ist. Hier seien folgende wichtigen Tätigkeitsgebiete hervorgehoben: Die Marktbeobachtung und -ana- lyse, die Konjunkturprognose, die Beachtung und Analyse der Konkurrenzwerbung; die Werbeplanung; die Werbemittelgestaltung und -kritik; die äleberwachung der Werbedurchführung u. a. m. Für diese Aufgaben eignet sich der Diplomkauf- mann auf Grund feiner Vorbildung in Betriebs», Volkswirtschafts- und Rechtslehre ganz besonders.
Der Journalist kann nicht künstlich gezüchtet werden; er wird geboren. Vorbedingungen für qualitative Leistungen im Joumalistenberuf sind schnelle Auffassungsgabe, älnterscheidung des Wesentlichkn vom Unwichtigen, Vorausahnung der Probleme, plastische Gestaltungsgabe und dergleichen mehr. Dem Diplomkaufmann bietet sich in der Handelsjournalistik ein interessantes und weites Betätigungsfeld. Fragen der Dilanzkritik, der Organisation, Kalkulation und Besteuerung spielen in öffentlichen Erörterungen eine immer größere Rolle.
Im Revisions- und Treuhandgewerbe ergeben sich für den Diplomkaufmann gute Llnterkunfts- und Fortkommensmöglichkeiten. Weiter erfordert der Duchprüfungsdienst betriebswirtschaftlich vorgebildete Kräfte als Buchprüfer. Auch bei den genossenschaftlichen Revisionsver- bänden werden Diplomkaufleute als Revisoren beschäftigt. Die geplanten Reformen, wie die Der- sicherungsaufsicht, bei welcher eine obligatorische Prüfung durch eine Treuhandgesellschaft vorgesehen ist, ferner die Einführung der Pflichtrevision für die öffentlichen und privaten Unternehmungen der Gas-, Wasser- und Elektrowirtschaft, die Bestellung von Treuhändern für die
verhaftet, sagte Gundolf. Ich habe das schon in Ihren Strofen gespürt (er kannte das einzige Ders- buch, das es damals von mir gab) und mich gefragt, ob sich Ihr Leben denn gar nicht an irgendeinem großen Vorbild orientiert.
— Nein. Mein Leben orientiert sich an nichts anderem als an feiner eignen Regung, das heißt in meinem Fall an seinem schöpferischen Gesetz ..
— Zugegeben .. aber haben Sie denn zum Beispiel nicht die Fähigkeit oder das Bedürfnis, sich für Erscheinungen wie Alexander, Cäsar ober Rapoleon zu begeistern?
— Nein. Meine Bewunderung für das Täterische war immer sehr bedingt. Ich habe mich schon auf der Schule heftig gegen feine übertriebene Bewertung gewehrt.
— Wenn ich dächte wie Sie, hätte das Leben für mich kaum einen Sinn.
— Und wenn ich einen solchen Satz ausspräche, wie Sie es eben getan haben, würde ich das meine für erloschen halten müssen ..
— Ja, mein Gott — aber worauf kommt es Ihnen denn schließlich an? Was ist Ihnen denn schließlich wesentlich?
— Sie sind kein Menschenkenner, bog ich die Frage ab. Selbst wenn ich es Ihnen im Einzelnen aus« einandersetzte,- würden Sie es nicht fassen und blut- mäßig nicht bewerten können. Das Leben schlechthin ist mir wesentlich: nicht nur ein besonderer Grad, eine besondere Spannung seines 'Ausdrucks. Sie deuten aus einem Vorgeftellten, nicht aus einem Seienden heraus. Sie stellen, ohne daß Sie es wissen, fortwährend heimliche Forderungen auf — und sehen nicht, daß der Mensch, an den sich Ihre Rede wendet, ganz andere Forderungen vor sich selbst erfüllen muß.
— Können Sie sich unterordnen? fragte er plötzlich, ohne mich anzusehen.
— Nur meinem eignen Gott, erwiderte ich, und diesem immer und ganz. Sonst nichts und niemandem ..
Da war, schon bei dieser ersten Begegnung, das entscheidende Wort gefallen. Da war die Grenze gezogen, die in der Zeit unseres Bekanntseins niemals überschritten werden konnte.
Es gab für Gundolf — damals — auch menschlich nur eine einzige Norm: George. Er verlangte,


