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Aus der Provinzialhauptstadl.

Giehen, den 4.März 1931.

Das Schlagwort.

Schlagworte hat es schon immer gegeben. Denn auch das Schlagwort hat seinen guten Kern. Sollte ihn wenigstens haben. Das liegt zum Terl schon In dem Wort selbst ausgedrückt. Gin Schlag­wort soll nämlich mit einem Schlag eine Sach­lage erhellen, umreiben. Es soll die kürzeste Formel sein für einen Komplex von Gedanken, die gerade die breiteste Oeffentlichkeit beschäf­tigen, die Massen erregen, die gegenteiligen Mer- nungen au seinanderprallen lassen.

Aber wie so häufig liegt gewollt oder un­beabsichtigt auch in manchen ©djlagtoorten eine Kraft, die das Gegenteil von dem schafft, waS sie bezwecken sollte. Statt Su Vären, ver­wirrt sie noch mehr. Das sind jene bombastischen Schlagworte, deren Aufmachung und Vertrieb in umgefefcrtem Verhältnis zu ihrem wirklichen ®e- halt stehen, die sich schon durch die Lautheit und Geschäftigkeit verdächtig machen, mit denen sie an den Mann gebracht und mit denen sie einge- hämmert werden. Denn weshalb sollte es sich mit einem Schlagwort anders verhalten, als es sonst im Leben der Fall ist: das Gute braucht besonders in geistiger Hinsicht keine markt­schreierische Reklame. Es wirbt für sich auS sich selbst heraus durch seinen ethischen Wert.

Das doppelseitige Gesicht des Schlagwortes kann von verheerender Wirkung sein. Gerade in unserer Zeit ließen sich mühelos Tausende von Beweisstücken aneinanderreihen. Weshalb gerade in unserer Zeit, wird vielleicht mancher fragen? Unsere Zeit ist gewiß nicht besser und nicht schlechter als frühere Zeiten in ähnlichen Ver­hältnissen. Die Umtoerhmg aller Werte, mit einem gleichzeitig wachsenden Druck körperlicher imb seelischer Not, hat einen Aährboden ge­schaffen, auf dem die Schlagworte üppig ins Kraut schießen können. Hunger nach irgendwelchen Halten läßt weiteste Kreise jedes Schlagwort wie eine rettende Heilsbotschaft in sich einsaugen. Gin noch nicht abzusehendes Ende harter Ent­behrungen gibt dem blendenden Schlagwort einen Abglanz aus dem Land, in dem Milch und Honig strömen. So wird das Schlagwort zum Stroh­halm, den jeder erfassen zu müssen glaubt, den der Wellengang eines gestörten Gleichgewichts herunterzuziehen droht.

Aus diesem Grunde ist jedes Schlagwort wm mindesten ein sehr zweischneidiges Schwert. Wer sich feiner bedient, sollte sich bewußt sein, daß ein raffiniert gewähltes Schlagwort von der krittschen Urteilsfähigkeit nicht jedes einzelnen überprüft werden kann. Daß es sich also wie eine Bakterie immer weiter zu fressen vermag, einen immer größeren Wirkungskreis erhält, nach der fruchtbaren sowohl als nach der verderblichen Seite.

3m Laufe der Zeit ist der ursprüngliche Sinn des Schlagwortes zu einer Bedeutung herab- gefunten, die keine große Unterscheidungsmerk­male zwischen ihm und dem Begriff derPhrase" erkennen läßt. Es schleicht von Mund zu Mund, von Him zu Hirn, wie der Wolf im Schafspelze und sucht, wen es in seinen Dann ziehen könnte. Wen es aber einmal umnebelt hat, der kommt schwer wieder in den Wachzustand des klaren LlrteilsvermögenS zurück. K. L.

Vornotizen.

Tageskalender für Mittwoch: Blin- denkonzert der Gebr. Sandhofcr, 20 Uhr, Neue 'Aula. Deutsche Volkspartei: Iahreshauptver- fümmlung und kommunalpositischer Abend, 20.15 Uhr, imHindenburg". Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei: Oeffentliche Versammlung, Rednerin Frl. Zander, Berlin, 20,15 Uhr, Turn­halle am Oswaldsgarten. Lichtspielhaus Bahn­hofstraße:Die Faschingsfee".

Aus dem Stadttheaterbureau wi-rd uns geschrieben: Heute geschlossen. Mor­gen. Donnerstag, 5. März, als Vorstellung im Mittwoch-Abonnement einma iges Gast­spiel des Opem-Ensembles des Darmstädter Landestheaters. Aus Anlaß des 175. Geburts­tages Mozarts gelangt die komische OperDie

Hochzeit des Figaro" in der erfolgreichen Neu­inszenierung des Generalintendanten Professor Evert zur Aufführung. Generalmusikdirektor Dr. Böhm hat d:e musikalische Leitung. Be­ginn 19.15 LIhr I Freitag, 6. März, gelangt am Gießener Stadttheater zum ersten Male ein Werk des russischen Dichters Maxim Gorki zur Aufführung. Ein vieraktiges Schau­spiel, Szenen aus der TiefeNachtasyl" unter der Spielleitung von Waller Bäuerle. Beginn 19.3 0 Uhr (nicht 20 Uhr).

Vortrag im Markussaal. Im Mar- kussaal, Kirchstraße 9, wird am morgigen Donners­tag, 20 Uhr, Neichsbahnamtmann Dörr einen Vortrag halten über die Entwicklung des Verkehrs. Eine große Anzahl schöner Lichtbilder wird gezeigt, musikalische Darbietungen sind vorgesehen. (Siehe heutige Anzeige!)

Vortrag über Astrologie. Am Mon- taü, 9. März, 20 Uhr, findet im Kunstwissenschaft- liehen Institut, Ludwigstraße, ein öffentlicher Licht- bilder-Experirnentalvortrag statt. Herr E. H a m m e r spricht über Astrologie. (Siehe Anzeige.)

*

Schädlingsbekämpfung im Ob ft - b a it. Die Organisation dieser anerkennenswerten Tätigkeit ist unter Mithilfe der Stadtverwaltung

Verein für Luftfahrt in Gießen.

Unter reger Beteiligung seiner Mitglieder, insbesondere auch der 3ungflieget, hielt der Verein für Luftfahrt in Gießen am Montagabend im Saale des Restaurants .Hin­denburg" seine diesjährige Hauptversammlung ab.

Der Vorsitzende, Bankdirektor Grieß- bauer, konnte vor Beginn der Beratungen u. a. den neuen Kommandeur unseres Bataillons, Oberstleutnant Kleppke, in der Mitte der Versammlung begrüßen, der als alter Flieger den Bestrebungen des Vereins besonderes In­teresse entgegenbringt. Ansch ießend gab der Vor­sitzende einen interessanten ileberb.id über die Entwicklung des Vereins vom Zeitpunll seiner Gründung ab bis heute, wobei manche Sorge und Not um die Dereins.nteressen, aber auch mancher schöne Erfolg der gemeinsamen Arbeit vor den älteren Mitgliedern wieder lebendig wurde, den Jüngeren aber Mahnung zum Nach­eifern im Interesse der guten Sache gab. In dem anschließenden Jahresbericht für 1 930 wird il a. hervorgehoben, daß die Arbeit des Vorstandes dein inneren Ausbau der Iugendgruppe und der finanziellen Stärkung des Vereins gewidmet war. Wenn auch noch nicht alle Hoffnungen erfüllt wurden, so ist doch festzustcllen, daß im ver­flossenen Jahre eine De-he von Einrichtungen getroffen wurde, von denen man erhoffen kann, daß

der weitere Ausbau der Jugendgruppe auch nach außen sichtbare Erfolge zeitigen wird.

Dank der hingebenden Mitarbeit des Leiters der Iugendgruppe, Studienrats Röder, gelang es im verflossenen Jahre, in der früheren Zur- buchschen Fabrik in den Eichgärten eine Werk­stätte einzurichten, die es den jungen Mitarbeitern des Vereins ermöglicht, ihre technischen Arbeiten auszuführen. Dort sind auch die Möglichkeiten zur geistigen Bereicherung der Iungflieger über alle Fragen der Luftfahrt geboten. Der Redner berichtete ferner über die Bemühungen zur Ge­winnung eines günstigen Segelfluggeländes, wo­bei sich auf der Herchenhainer Höhe mancherlei Schwierigkeiten ergaben, dagegen die Höhe bei Aßlar im Kreise Wetzlar günstigere Möglich­keiten bietet; doch werde dieBeteiligung der Gießener Iungflieger an den weiteren Veran­staltungen auf der Herchenhainer Höhe stets im Auge behalten werden. Außerdem berichtete der Vorsitzende über eine Spende von 1000 Mk. von einem Gönner des Gießener Vereins für Luft­fahrt, die als Grundstock für die in späterer Zeit vielleicht mögliche Beschaffung eines kleinen Motorflugzeuges Verwendung finden wird. Allen Gönnern und Förderern der Dereinsbestrebungen, sowohl Behörden wie Pri­

vaten. wurde herzlicher Dank ausgesprochen mit der Bitte, dem Verein und seiner bedeutsamen Arbeit auch weiterhin alles Wohlwollen zuzu­wenden.

Aus dem Kassenbericht war ein zufrieden­stellender Stand der Dereinsfinanzen fest zustel­len, wenn auch der Verein leider über keine allzu großen Mittel verfügt.

Bei der Vorstandswahl wurde auf Vor­schlag des Ehrenvorsitzenden, Geh. Hosrats Pros. Dr. König, der seit Jahren für die Dereins- interessen in eifrigster Weise tätige Vorsitzende, Dankd.rellor Grießbauer, einstimmig wieder- gewählt. Mit der g.cichen Einstimmigkeit wurden die weiteren Dorstandsämter wie folgt besetzt: Studienrat Röder. Schriftführer und Führer der Iugendgruppe; Dankbeamter Wilhelm Schmitt, Rechner; ferner Oberstleutnant Kleppke, Deigeordneter Dr. Hamm. Prof. Dr. K l u t e . Rektor Schmidt, Gas- und Wasserwerk-Direktor S t e d i n g , Derlagsbuch- Händler Dr. Toepelmann und Prof. Dr. Cermak.

Anschließend berichteten Studienrat Roder über die Entwicklung der Iugendgruppe. stud. phil. Schm i d t über die Segelflugleistungen der Iungflieger im verf.ossenen Jahre, wobei u. a. mitgeteilt wurde, daß

eine Anzahl Iungflieger ihre B- und A-prüfungen bestanden,

Ingenieur Meininghaus über Erwägungen zur Verwendung einer Startmaschine, und Gewerberat Köhler über Bestrebungen, die daraus abzielen, einen Leichtmotor für ein Segelflugzeug des Ver­eins In Anwendung au bringen. Die Berichte lösten eine längere und sehr anregende Aussprache aus, in der von Oberstleutnant Kleppke, Gewerberat Köhler, Oberst a. D. Kock und dem Vor­sitzenden zahlreiche beachtenswerte Gedanken geltend gemacht wurden. Die Jungfliegergruppe, die ihrer Fliegerausbildung mit Eifer obliegt, wird vielleicht im Juni anläßlich der Deutschen Luftfahrt- Werbewoche zum ersten Male in breiterer Öffent­lichkeit in Erscheinung treten und dabei unter Be- weis stellen, welche Früchte ihre Arbeit bis dahin gebracht hat.

Der Zusammenschluß der akademischen Fliegergruppe an unserer Universität mit dem Verein für Luftfahrt wurde allseits begrüßt, da von dieser gemeinsamen Arbeit wertvolle Resultate für die Fliegerei in Gießen zu erwarten fein dürften.

Das Ergebnis der diesjährigen Hauptversamm­lung, das in den mehrstündigen Beratungen erzielt wurde, kann als ein bedeutsamer Aktivposten für die Weiterentwicklung des Flugwesens in unserer Stadt bezeichnet werden.

und des Instituts für Pflanzenschutz so weit gediehen, daß bereits morgen, Donnerstag, mit den Spriharbeiten begonnen werden kann. Die Zahl der Gartenbesitzer, die sich bisher zur Teil­nahme an dieser Arbeit gemeldet hat, ist auf weit über zweihundert gestiegen, ein Deweis dafür, wie sehr die Organifation ber Schädlingsbekämp­fung im Obstbau dem Wunsche vieler entspricht. Zu der vorgenannten Zahl der Gartenbesitzer kommen noch, als Heiser im Kampfe gegen die Baumschädlinge, diejenigen Gartenbesitzer hinzu, die meist größere Gärten besitzen und seither schon, teiltoeifc mit eigenem Personal, die Bekämpfung durchgeführt haben. (Siehe heuttge Anzeige.)

* Akademische Kurse für Kauf­leute und Gewerbetreibende. Der letzte Vortrag von Privatdozent Dr. D o 11 i ch e r im KursusArbeitsrecht" findet am morgigen Donnerstag statt. Der VortragDas deutsche Märchen" wird auf Donnerstag, 12. März, ver­schoben. (Siehe heutige Anzeige.)

** Oeffentliche Dücherhalle. 3m Februar wurden 1479 Bande ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 1013, Zeit­schriften 110, 3ugendschriften 84, Literaturge­schichte 4, Gedichte und Dramen 6, Länder- und Völkerkunde 108, Kulturgeschichte 2, Geschichte

und Biographien 94. Kunstgeschichte 18. Natur­wissenschaft und Technologie 17, Haus- und Land­wirtschaft 2. Religion und Philosophie 9. Staats- Wissenschaft 10, Fremdsprachliches 2 Bände.

Kirche und Schute.

z Rödgen, 3. M'rz. Zu einer Weihestunde gestaltete sich das Kirchenkonzert, das der Verein für christliche Musik in Gießen unter Leitung seines Dirigenten Ni« berg all am Sonntagnachmittag in unserer Kirche gab. Der Diäserchor leitete seine Darbietungen mit einer Fantasie über ein geistliches Lied ein und schloß daran weich und rein w>rgetragene ernste Stücke von Decius. Haydn und Prof. v. Meier. Fräulein von der Heyd aus Dießen fang mit warmer, voller Stimme zwei Lieder von Frank und eine Arie aus 3. S. Dachs ..Gottes

Wenn Ihre

Empfehlungsanzeige

in der Freitags- oder in der Samstag*» nummer des Gießener Anzeigers durch sorgfältige, wirksame Satzausstattunfl

werben soll

dann geben Sie sie bitte spätestens Im Laufe des Mittwochs beziehungsweise Donnerstags In der Geschäftsstelle auf

Zeit". Pfarrer Dönnin g stellte in einer An­sprache das Leid, das über 3esus ging, in Paral­lele zu dem Leid, das oft die Menschen erfüllt

Sneflasten öer Redaktion

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

B. I. in 3- 1. Es empfiehlt sich, daß Ihre Be­kannte die alten Dormundschaftsaktcn cinsieht, aus denen die Verwendung der Einnahmen des einst­maligen Mündels heroorgehen muß. Mündelgeld darf nur mit Genehmigung des Vormundschafts­gerichts von einer Kaffe abgehoben werden. Aus den Akten geht auch hervor, ob die Betrestende bei ihrer Volljährigkeit dem Vormund Entlastung erteilt hat 2. Teilen Sie den Fall wegen den verlangten Aus- kunstskosten dem zuständigen Kreisaml mit.

Miete. 1. Da sich Ihr Schuldner zur Zeit in einer Irrenanstalt befindet, wird er einen Vormund, oder zur Besorgung seiner Vermögensangelegenheiten einen Pfleger haben. Erkundigen Sie sich dieserhalb bei dem Amtsgericht 2. Sie müssen den Verkauf des Pfandes dem Vertreter des Schuldners schriftlich androhen und dabei den Geldbetrag Ihrer Forde­rung angeben. Der Verkauf darf nicht vor dem Ablauf eines Monats nach der Androhung erfolgen. Wenden Sie sich alsdann an einen Gerichtsvollzieher, da öffentliche Versteigerung des Pfandes vorgeschrie­ben ist Sie können es nicht ohne weiteres ver­kaufen. 3. Wenden Sie sich an das Wohlfahrtsamt ob es eine Zahlungspflicht anerkennt. In erster Linie haben die Eltern für den Unterhalt ihres Sohnes aufzukommen. In dieser Beziehung bedarf die Sai> läge noch der Aufklärung.

Gemeinschaftliches Testament Ein solches kann nur von Ehegatten errichtet werden. Es muß von einem derselben unter Angabe des Ortes und Tages vollkommen eigenhändig geschrieben und unterschrieben fein. Hiernach muß der andere Ehegatte ebenfalls eigenhändig und unter Angabe von Ort und Zeit die Erklärung zufügen, daß das Testament auch als (ein Testament gelten solle. Bei Testamentserrichtungen ist stets größte Vor­sicht geboten. Es ist dringend geboten, das Gericht, ober den Notar, ober einen anberen Rechtskunbigen, zuzuziehen. Bei der Wichtigkeit des Aktes sind die Kosten oft ganz nebensächlich.

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