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181. Jahrgang
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Dnid unöDerlog: vrühl'fche Unwerstiütr-Vuch. nnö Stetnörnderet B. Lange tn Stehen. Sdfriftlettung und Geschäftsstelle: Schul^trahe 7.
Annahme von anjetgea für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für | mm höhe für Anzeigen uon 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig, für Re» klameanzeigen von 70 > rn Brette 35 Reichspfennig, Platzoorfchrift 20“ , mehr.
Chefredakteur
Dr Friedr Wilh Lange. DerantwoNlich für Politik Dr Fr Wilh Longe, für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filier, sämtlich in (Biehen
Der Reichstag bewilligt das zollfreie Gefrierfleischkontingent.
Ein schwerer Schlag gegen Schieles Agrarprogramm. - Schädigung der bäuerlichen Veredelungswirtschast durch Annahme des sozialdemokratischen Antrags mit 223 gegen 149 Stimmen.
Berlin, 3. März. (DDZ.) 3m Reichstag wurde bei den Abstimmungen zum Haushalt des Reichscrnährungsministeriums der kommunistische Miht^rauensantrag gegen den R e i ch^s ernährungsmlnister Schiele mit 311 gegen 60 kommunistische Stimmen ab» gelehnt. Eine Entschließung d^r Wirtschaftspartei, wonach verbilligte Kredite und För- derungsmahnahmen nur solchen Stellen gewährt werden sollen, die keinerlei ausländische Produkte führen, wird mit 199 gegen 153 Stimmen abgelehnt.
Es folgt die Abstimmung über den sozialdemokratischen Antrag, der das Drvtgesetz praktisch aufhebt. Ein Antrag der Landvolkpariei auf nochmalige Ausschußüberweisung wird a b g e l e h n t und der sozialdemokratische Antrag. t>er die Form eines Gesetzentwurfes hat, wird in zweiter und dritter Beratung endgültig angenommen. — Danach wird der DeimischungszwangvonRoggenzum Weizenbrot beseitigt, ebenso die Beimischungsmöglichkeit von Kartoffelmehl zum Weizengebäck und der Zwang zum Feilhalten von Roggenbrot in den Gaststätten. Die Ausmahlungsquote von Roggenmehl wird durch den Beschluß von 6 0 auf 70 Prozent erhöht. Ein kommunistischer Antrag, das aufgespeicherte Brotgetreide der ärmeren Bevölkerung zuzuführen, wird in namentlicher Abstimmung mit 318 gegen 66 Stimmen a b g e - lehnt. (Pfui-Rufe bei den Kommunisten.)
Hierauf folgt die Beratung der Ausschußberichte über die Verbilligitng von Frischfleisch für die minderbemittelte Bevölkerung und über die Einfuhr von Gefrierfleisch. Der Haushaltsaus- fchuß hat dem sozialdemokratischen Gesetzentwurf zu- geftimmt, der daszollsreie Gefrierfleisch tuntingcntöonöO OOOTonnenjährlich wiederher st eilen will. Zn einer Entschließung fordert der Ausschuß weiter die Verbilligung von Frischfleisch für die minderbemittelte Bevölkerung auf den Gefrierfleischpreis.
^eichsernährungsminister Schiele:
Die Aleischproduktion ist größer als vor dem Kriege. Der Bestand an Rindern hat den Vorkriegsstand erreicht, die Zahl der Kühe und Schweine hat ihn sogar beträchtlich überschritten. Die Preise sind ständig weiter zurückgegangen. Die Wiedereinführung eines zollfreien Gefricrfleifchkon- tingentes würde für die Landwirtschaft und namentlich für dte bäuerliche Viehwirtschaft einen schweren Schlag bedeuten. Die Reichsregierung ist durchaus bereit, durch Verbilligung von Frischfleisch der grüßten Rot der Minderbemittelten zu steuern, aber ich warne vor einer Sozialpolitik, die die sozialen Röte des einen Standes beseitigen will, indem sie einen anderen Stand, nämlich das Bauerntum, um so liefet in das Elend sozialer Rot versinken läßt. Am schwersten belastet würden durch Wiedereinführung des zollfreien Gefriersleifchkontin- genles gerade die kleinen Bauern, die gezwungen sind, ihre Rinder auch zu Spanndiensten heranzuziehen. Die gesamte Politik der Reichsregierung zielt darauf ab, alle Produktion sm ög- lichkelten im eigenen Lande auszu- schöpfen unter Verzicht auf entsprechende Einfuhren, um die deutsche Wirtschaft krifensester zu gehalten. Ich komme bei Abwägung aller Momente zu dem Gesamturteil, daß die Annahme des Antrages für die Reichsregierung eine Unmöglichkeit darstellt. Ein etwa wieder vollständiger Reichstag würde zweifellos den Befchluh wieder umwerfen Ich bitte daher auf das Dringendste, den Jnitia- tiogesehentwurs der Sozialdemokratie a b z u - lehnen.
Abg. H e p p (Lv.) dankt dem Reichsernährungs- Minister für seine Zurückweisung des sozialdemokratischen Antrags. Sehr zu bedauern sei das Fehlen der Deutschnationalen und der Rationalsozialisten bei der Entscheidung über diese wichtige Frage. Wer sich, wie diese Parteien, in diesen ernsten Stunden von der Stätte der Entscheidung fernhält, der versage damit der Landwirtschaft die notwendige Hilfe. Das Landvolk werde die Aufrechterhaltung des bestehenden Zustandes verlangen.
Abg. Ger au er (Dayr. Dp.) bekämpft den sozialdemokratischen Antrag. Durch die Annahme dieses Antrags würde das ganze Fundament der Politik zerstört werden, mit der der Landwirtschaft geholfen werden soll. Ganz besonders schwer würde durch die Wiedereinfuhr des Gefrierfleisches die süddeutsche Bauernschaft geschädigt werden, die jetzt schon kaum in der Lage sei, ihr Dieh abzusetzen.
Abg. Schneidewind (Wp.) führt aus, der Prei^turz sei nirgendswo so radikal eingetreten. wie beim Fleisch. Wir können in Köln 3hnen bestes Ochsenfett zum Preise von 30 Pf. liefern, mehr als Sie aufnehmen können. (Hört! Hört!) 3n Kaiserslautern ist erstklassige Wurst für 20 Pf7 das Pfund zu haben. Bei der riefigen Lieberproduktion an deutschem Fleisch wäre die Einfuhr von Gefrierfleisch gar nicht zu verantworten
Abg.Dr. Fehr (Bayer. Dbd.) sieht in dem Antrag einen Widerspruch zu der einheitlich vertretenen Ausfällung, daß den Kleinbauern geholfen werden müsse. Die arme Bevölkerung könne mit 50 000 Tonnen Gefrierfleisch doch nicht ernährt werden, aber mit dieser Einfuhr würde die soziale Rot der Klein- und Mittelbauern in unerhörter Weise verschärft werden. Zweckmäßiger wäre eine Raturalversorgung der Arbeitslosen mit billigem Fleisch und billigem Käse.
Abg. Bergmann (Soz.) macht dem Ministerium den Dorwurf, daß es die versprochene Belieferung der ärmeren Bevölkerung mit verbilligtem Frischfleisch noch immer nicht verwirklicht habe. Darum müsse zu dem früheren System des zollfreien Gefrierfleischkontingents zurückgekehrt werden.
Abg F r e y b e (Wp.) erklärt, die Ladenpreise der Fleischer seien von August bis Februar um
18,6 Prozent gesunken. Bei dem Gefrierfleischkontingent sollen die Genossenschaften bevorzugt werden. Mit dem Antrag wollen die sozialdemokratischen Genossenschaften sich nur die früheren Millionengewinne aus dem Kontingent wieder verschaffen (Rufe bei den Sozialdemokraten: „Das ist nicht ehrlich!")
Artikel 1 des sozialdemokratischen Entwurfs, der die zollfreie Einfuhr von 50 OOO Tonnen Gefrierfleisch vorschreibt, wird im Hammelsprung mit 218 gegen 152 Stimmen bei Stimmenthaltung des Abg Dr. He u ß(Stp.), Dr. Weber (Stp.), Dr. Bockius (Z.) undDr. Dessauer (Z.) angenommen Dafür haben auch die meisten Staatsparteiler und einige Zentrum sabgeordnete vom Gewerkschaftsflügel gestimmt. 3n der dritten Beratung wird der Gesetzentwurf in namentlicher Abstimmung mit 223 gegen 149 (Stimmen bei 4 Enthaltungen angenommen.
Mittwoch Weiterberatung des Innenetats.
Brünings Verhandlungen mit den Sozialdemokraten
Um den Wehretat. — Sozialdemok.
Berlin, 3. März. (ERB.) 3m Reichstag gingen heute die Derhandlungen über die feit gestern etwas zugespchte parlamentarische Lage weiter. Der Kernpunkt der Meinungsverschiedenheit zwischen Sozialdemolraten und Reichsregierung ist weiter das umstrittene Panzerschiff B. Der Reichstanzler hat heute abend erneut mit den sozialdernotratischen Führern verhandelt. Er hatte außerdem eine Aussprache mit dem preußischen Ministerpräsidenten Braun und schließlich hat auch noch eine mehr private Fühlungnahme zwischen einzelnen Persönlichkeiten des Zentrums und der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion stattgefunden. Bisher ist es noch nicht gelungen, zu einer Verständigung zu gelangen. Die Sozialdemokraten lehnen die Rate für das Panzerschiff B zwar nicht mehr unumwunden ab, da der Kanzler ihnen erklärt hat, dah er unter keinen Umständen daraus verzichten könne, weil sogar schon das Kabinen Müller vor einem Jahr beschlossen fjctve, daß die Rate in den Etat für 1931 eingesetzt werden solle. Die Stellung des Reichswehrministers würde von der Richteinlösung dieses Versprechens nicht unberührt bleiben können, und das Kabinett müsse deshalb an seinem Standpunkt sesthalken.
Die Gegenforderungen, die die Sozialdemokraten darauf gestellt haben, sehen im Augenblick aber noch so aus, daß das Kabinett außerstande ist, sie zu akzeptieren. Sie beziehen sich auf
atische Gegenforderungen.
Steuerzuschläge für die größeren Ein« kommen und Vermögen entsprechend den fozialdemokratischen Ausschußanträgen, ferner auf die Einstellung der Lohnabbaupolitik und drittens auf eine Erklärung, daß an dem gegenwärtigen Stand des Sozialoersicherungswesens — also an der Arbeitslosenversicherung — unter keinen Umftänben etwas ge - ändert wird. Solche Erklärung glaubt der Reichskanzler aber schon aus rein psychologischen Gründen, die mit der Wiederingangsetzung der Wirtschaft zusammenhängen, nicht abgeben zu können. Darüber hat der Kanzler den Sozialdemokraten offenbar keinen Zweifel gelassen.
Wie oorauszusehen war, ist es noch nicht zur Entscheidung gekommen. Die Sozialdemokraten haben ihre Sitzung vertagt. Rach einem Bericht des „Berliner Tageblatts" hat sich der preußische Ministerpräsident Braun nach der sozialdemokratischen Reichstagsfraktionssitzung zum Reichskanzler Dr. Brüning begeben. Die vermittelnde Rolle, die der preußische Ministerpräsident Braun spiele, sowie die Anwesenheit des Führers der preußischen Zentrumsfraktion, Dr Heß, im Reichstage und seine Rücksprache mit dem Führer der sozialdemokratischen Preußenfraktion, dem Abgeordneten H e i l m a n n , würden als Zeichen dafür ausgelegt, daß auf dem Wege über die preußische Koalition eine Einwirkung auf d i e Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion versucht werden soll.
Deutscher Staatsbesuch in Oesterreich.
Reichsaußenminister Or. Curtius in Wien.
Dr. C u r t i u s wird von dem ofterreichiichen Vizekanzler Dr. Schober begrüßt. Dahinter Staatssekretär Dr. P ü n d e r.
Wien, 3. März. (WTB.) Der deutsche Reichs- außenminister Dr. C u r t i u s und Staatssekretär Dr. Pünderin Vertretung des Reichskanzlers sind heute Dormittaa zu ihrem dreitägigen Besuch in Wien eingetroffen. Am Westbahnhof waren zur Begrüßung der deutschen Delegation u. a. erschienen: Vizekanzler und Außenminister Dr. Schober, im »e des Bundespräsidenten Kabinettsvizedirek' astersky. Sektionschef Dr. Horicky in
Vertretung des Bundeskanzlers und der deutsche Gesandte Graf Lerchenfeld. Reichsaußenmini» fier Dr. Curtius und Staatssekretär Dr. Pünder machten um 11.30 Uhr bei Bundeskanzler Dr. Ende r s ihren Besuch und erschienen dann bei Vizekanzler und Außenminister Dr. Schober. In einer eingehenden Aussprache, der auch die beiderseitigen Gefandten Graf Lerchenfeld und Dr. Frank beiwohnten, mürbe die allgemeine Lage erörtert unb
anschließend daran die vornehmlich Deutschland und Oesterreich interessierenden Fragen durchgesprochen.
Die Aussprache ergab v o t 1 st e Einmütigkeit der beiderseitigen Auffassungen. An dieses Thema schloß sich dann die Erörterung der w i r t- schaft 1 ichen Angelegenheiten und der Fragen, die bei der Vollversammlung des Völkerbundes im Herbst 1930 zur Diskussion standen, mit besonderer Rücksichtnahme auf die besondere Situation Deutschlands und Oesterreichs und ihrer wirtschaftlichen Beziehungen.
Auf einem Abendessen beim Bundeskanzler Dr. Ender zu Ehren des deutschen Besuches hielt
Außenminister ör. Schober eine Ansprache, in der er die Freude der österreichischen Regierung uni) des ganzen Volkes über den Besuch von Staatsmännern des großen Deutschen Reiches aussprach. Er hoffe, auch heute, wo man vor tiefsten in das Schicksal des deutschen Volkes eingreifenden Problemen, vor allem wirtschaftlicher Ratur, stehe, auf eine befriedigende Lösung, die allerdings nur mit der Zusammenfassung und Einstellung aller Kräfte des deutschen Volkstums zu erreichen sei und die allein die Linderung und Meisterung der Wirtschaftsnot herbeiführen könne. Mit der heute wichtigsten Ausgabe der Regelung derwirtschaftlichen Beziehungen Oesterreichs und Deutschlands müsse man auch unentwegt der Frage der in der Ratur der Dinge gelegenen Angleichung der gesetzlichen Einrichtungen beider Länder auf dem Gebiete des Handels, des Rechts, der Kultur und der Kunst die größte Aufmerksamkeit schenken. Schließlich sei es die Aufgabe der Staatsmänner beider Länder, in brüderlicher Eintracht und im innigen gegenseitigen Verstehen an der Lösung der weltumsassenden Probleme mitzuarbeiten, die dem gesamten deutschen Volk den ihm gebührenden Platz im Leben der Völker sichern und der gesamten Welt den von ihm heiß ersehnten wahren Frieden bringen solle. Der Vizebundeskanzler trank dann auf den allverehrten Herrn Reichspräsidenten, auf Reichsminister Dr. Curtius und auf die Wohlfahrt und das Gedeihen des deutschen Volkes.
Reichsaußenminister Dr. Curtius dankte von Herzen für die Begrüßungsworte Er fei Dolmetscher aller Deutschen im Reiche, wenn er erwidere, daß die Deutschen sich stammeseins mit den Oesterreichern fühlten, seit den Zeiten der großen deutschen Rot stärker als je zuvor, daß die deutschen Empfindungen innerer Verbundenheit mit den Österreich.scheu Brüdern unzerreißbar verwurzelt, fest und herzlich seien und daß Deutschland den festen Willen habe, die Gemeinschaft immer weiter zu vertiefen. Dte Gemeimamkeit der Geschichte und des Schicksals, der Grundkräfte und 3deale beider Völker, die Gemeinsamkeit der Ziele und Wege der Staatsmänner drängten immer stärker zur Gestaltung. Die Ang.etchung unserer Einrichtungen, der Austausch und Ausgleich auf den Gebieten von Recht und Kultur, Handel und Verkehr machten erfreuliche Fortschritte. Die Staatsmänner würden auch weiterhin unablässig an der Fortführung dieser gemeinsamen Ausgaben zusammenwirken. Darüber hinaus wisse sich die Reichsregierung einig mit der politischen Grund- einstellung der österreichischen Regierung in der entschlossenen Verfolgung einer Politik des Friedens auf der Grundlage der Gerechtigkeit und der Gleichberechtigung. Dr. Curtius erhob zum Schluß sein Glas auf das Wohl des Bundespräsidenten und das Gedeihen Oesterreichs. — An das Abendessen schloß sich ein Empfpng, an dem die Mitglieder des Wiener diplomatischen Korps, hervorragende Vertreter der politischen. wissenschaftlichen und toirt,d)a tlichen Kreise, der Zivil- und Militärbehörden sowie der Repräsentanten der Presse und des KunstlebenS teilnahmen.
Reue Gteueranträge der Linken.
Minister Dietrich warnt vor neuer Be-» unruhigung der Wirtschaft
Berlin, 3. März. (DDZ.) Im Reichstagsaus- schuß für (Steuerfragen wurden verschiedene sozialdemokratische und kommunistische Anträge behandelt, die u. a. die Besteuerung der Vermögen, Dividenden, Aufsichtsratstantiemen und Einkommen über 50 000 Mark und die Aenderung des Einkommensteuergesetzes verlangen.
Reichsfinanzminister Dietrich führte aus: Die Annahme der Anträge würde den Kredit in bedenklichster Weite untergraben. Die geringe Besserung, die in der letzten Zeit an der Börse zu beobachten gewesen, würde sofort zum Stillstand kommen oder gar wieder verschwinden, wenn die Anträge angenommen würden Man dürfe chm nicht mit dem Einwand kommen, daß er eine Schonung der Lei- I stungsfähigen im Auge habe. Ihm komme es lediglich auf die Interessen der Gesamtwirtschaft an. Wenn der einzelne Leistungsfähige durch weitere steuerliche Belastung


