Nr. 29 Zweites Blatt Tiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Mittwoch, 4. Februar 1931
S.J.*fpor<
Handball der Universität.
Unioerfttät Gießen — Universität Marburg 6:5 (3:3).
2lm Montag trug bie Handoalunannlchaft der Universität in Marburg ein Spiel gegen die dortige Universität aus. Beide Mannschaften hatten Ersatz in ihren Reihen. Sie lieferten sich einen fairen und interessanten Kamps. Die Gegner lösten sich in Führung und Ausgleich ab. Die erste Spielhälfte sah ein vollkommen ausgeglichenes Spiel, während sich in der -weiten Hälfte der Halbzeit Gießen leich. überlegen zeigte. Gießen verlor dann durch Herausstellung einen Mann. Das Spiel Wird dadurch wieder etwas verteilter. Marburg stellt« eine körperlich kräftige Mannschaft, deren Hauptwa fe ein schneller Sturm war, dem Giehen Technik und Körper- bcherrschung und eine zuverlässige Hintermannschaft entgegen stellt«.
Handball im Lahn-Oünsberg-Gau
Io. Ullendorf — To. Dutenhofen 2:1t
Am Sonntag trafen sich die beiden Mannschaften in Allendorf, um ein Gesellschaftsspiel auszutragen. Bei einem flotten Spielverlauf wurde hart an den Grenzen des Erlaubten gekämpft. Allendorf gewann verdient und hätte bei exakterer Zusammenarbeit ein höheres Ergebnis erzielen müssen.
To. Staufenberg I — To. Ruttershausen 1 2:1 (1:0).
Beide Mannschaften lieferten sich trotz des sehr schlüpfrigen Bodens ein faires und wechselvolles schnelles Spiel, das einen knappen aber verdienten Sieg der Platzbesitzer erbrachte
To. Launsbach I — To. Erda 1 6:0 (3:0).
Sofort nach Beginn kam Launsbach zum ersten Tor, dem nach wenigen Minuten schon das zweite folgte. Mit einem weiteren Erfolg für den Platzverein wurden die Seiten gewechselt. Sofort nach der Pause lag der Platzbesitzer wieder im Angriff und vermag bis zum Schluß noch dreimal erfolgreich zu sein, während den Gästen nicht einmal das verdiente Ehrentor gelang, obwohl ihnen des öfteren dazu Gelegenheit geboten war
To. Wißmar I — To. Dorlar I 1:1 (0:1).
Der Ausgang des Spieles bedeutet im ersten Bezirk eine große Ueberraschung. Die erste Hälfte sah verteiltes Spiel und ließ den Gast zu seinem einjU gen Erfolg kommen, dem nach dem Wechsel trotz leichter Feldüberlegenheit Dorlars der Platzoerein den Ausgleich entgegensetzte.
To. Albach I — To hausen I 4:2 (3:0).
Die beiden Mannschaften führten in Albach ein schönes und schnelles Spiel vor, das in der ersten Halbzeit die Albacher in Front sah, die bis zur Pause drei Tore vorlegten. Nach dem Wechsel erwies sich der Gast als tonangebend, und erzielte zwei Erfolge, denen der Platzbesitzer nur noch einen Treffer entgegensetzen konnte.
To. Londorf Jugd. — To. Allendorf 3ugd. 4:0 (2:0).
Turnverein Londorf I — Tv. Allendorf 3:1 (3:0).
Am Sonntag standen sich diese Mannschaften in zwei wichtigen Entscheidungsspielen gegenüber, die beide der Playverein gewann. Im ersten Spiele zeigten sich die Londorser meist überlegen und gingen bis zur Halbzeit mit 2:0 in Führung. Rach Seitenwechsel kam Allendorf etwas aus, aber di« Angriffe scheiterten an der Londorser Hintermannschaft. Das Spiel endete 4:0. Das Spiel der ersten Mannschaften wurde sehr hart durchgeführt. Londorf ging durch einen unhaltbaren Schuh in Führung und legte bis zur Pause noch zwei Tore vor. Rach Halbzeit lag Londorf meist im Angriff. Mit diesem 3:1-Sieg konnte sich Londorf die Bezirksmeisterwürde erringen.
Leichtathletik
Unter großer Beteiligung, nicht weniger als 60 Turner hatten sich hierzu eingefunden, hielt der Ber- bandssportwart F e u t n e r - Mörfelden am Samstag und Sonntag einen Gymnastik-Kursus in Lollar ab. Der 2. Verbands- und Gauturnwart Wagner- Lollar eröffnete den Kursus am Samstagabend. Zwei Stunden lang beschäftigten sich die Teilnehmer mit allgemeiner Gymnastik. Der Rest des Abends war mit Ausgleichs- und Spezialgymnastik für das Kugel st ohen ausgefüllt, den der Turnbruder Schneider-Rüsselsheim (international im Kugelstoßen und Diskuswerfen) leitete. Der Sonntagvormittag brachte iodann die Wiederholung der allgemeinen Gymnastik, und schließlich die Spezialgymnastik für den Weitsprung Den Abschluß des Kurses bildete die Anleitung zur Massagearbeit. Im Namen des Gaues dankte Äausportwart Win- lc r-Launsbach den Leitern des fturfes für ihre Bemühungen.
$. C Teutonia Steinberg.
JE. Teutonia wohenborn-Steinberg — Daubringen 5:2.
Am Sonntag lieferten sich di« ersten Mannschaften der beiden Vereine in einem Freundschaftsspiel, besonders in der ersten Hälfte, das erwartete hartnäckige, aber faire Spiel. Der Daubringer Sturm konnte sich aber gegen die Verteidiger der Einheimischen nicht durchsetzen. Die erzielten Ecken konnten auch nicht ausgewertet werden. Bei offenem Feldspiel bis zur Halbzeit übernahm Watzenborn-Steinberg die Führung: der Ausgleich lieh jedoch nicht auf sich warten. Rach Halbzeit liefen die Teutonen zu groher Form auf und tonnten sich mit 5:2 Toren den Sieg sichern.
Arbeiter-Turn- und Sportbund.
Rieder-Florstadt I — Raunheim I 3:1.
Der Meister des dritten Bezirkes Naunheim mußte am Sonntag in den Spielen um die Kreis- Meisterschaft in Nieder-Florstadt gegen den Meister des 6. Bezirkes antreten. Bei schlechten Platzverhältnissen lieferten sich beide Mannschaften einen scharfen Kampf. Wenige Minuten nach Spielbeginn wurde ein Elfmeter für die Gäste vom Hüter der Einheimischen gut abgewehrt und im Nachschuß gehalten. Aus beiden Seiten wurden gefährliche Angriffe voraetragen, die jedoch jeweils von den Hintermannschaften zum Stehen gebracht wurden. Gegen Ende der ersten Halbzeit kam Florstadt zum ersten Tor. Nach Seitenwechsel lag Naunheim etwas mehr im Vorteil, war jedoch vor dem Tor des Gegners wenig glücklich. Allmählich änderte sich die Lage und die Einheimischen übernahmen das Kommando. Angriff auf Angriff wurde vor das Gästetor getragen, bald fiel das zweite und dann auch das dritte Tor für Florstadt Naunheim erzielte lediglich durch einen Strafstoß das Ehrentor.
Gießen I — Friedberg 1 2:2.
Auf dem Trieb standen sich die Gegner im Freundschaftsspiel gegenüber. Gießen übernahm bald die Führung, die Gäste schufen aber zur Halbzeit den Ausgleich. In der zweiten Spielhälfte gelangten die Gießener durch einen Elfmeter abermals in Front, konnten das Unentschieden aber doch nicht verhindern.
Vorher spielten die zweiten Mannschaften beider Vereine. Hier waren die Einheimischen den Gästen weit überlegen und siegten mit 9:1 Toren.
Dicfeck Ib — Rödgen I 8:0.
In Wieseck trafen sich beide Gegner zum Rück- spiel, in dem sich Wieseck merklich überlegen zeigte und bis Halbzeit bereits fünf Tore oorlegte In der zweiten Hälfte kamen die Gäste etwas auf, konnten aber zu keinem Erfolg kommen. Die Wiesecker erzielten dagegen noch drei weitere Tore.
Vorher standen sich Wieseck zweite Jugend und Rödgen Jugend gegenüber. Auch hier konnten die technisch besseren Einheimischen mit 4:0 Sieger bleiben.
Dahenborn I — Raunheim 1b 2:2.
In Watzenborn stieg trotz schlechter Bodenverhält- niste ein ansprechendes Spiel. Bis Halbzeit konnten die Gäste zweimal die Führung übernehmen. Der Ausgleich ließ aber nie lange auf sich warten Auch nach dem Seitenwechsel kamen beide Tore noch öfters in Gefahr. Zählbare Erfolge blieben jedoch beiderseits aus.
Saasen 1 — (Brünberg I 3.-0.
Die einheigmischen Saasener erwiesen sich fast im ganzen Spiele leicht überlegen und siegten verdient.
Hausen I — Cid) I 1:1.
Die Licher waren in Hausen zu Gast. Die Platz- oerhältnisse ließen viel zu wünschen übrig. Trotzdem wurde ein ansprechendes Spiel gezeigt, in dem beide Parteien nur je einmal erfolgreich sein konnten.
Lcricnwettkämpsc der (tieräteturner des 3. Bezirkes
Zum ersten Male trafen sich am vergangenen Sonntag die Geräteturner der einzelnen Bezirks- vereine in Wieseck, um die beste Vereinsmannschaft an den Geräten zu ermitteln. Jede Mannschaft bestand aus fünf Wettkämpfern, die in je einer Kürübung an den drei Hauptgeräten und in gemeinschaftlicher Gymnastik ihre Leistungen zeigen sollten. Sieben Mannschaften traten zu diesen Wettkämpfen an und zeigten den zahlreichen Zuschauern, daß auch das Geräteturnen bei vielen Vereinen eine Pflegestätte hat. Es wurden vorzügliche ßeiftunaen geboten, die den wohlverdienten, lebhaften Beifall fanden.
Die Ergebnisse der Wettkämpfe:
1. Wieseck I 559 P.. 2. Launsbach 527 P.: 3. Wei- denhausen 515 P.. 4. Staufenberg 491 P.; 5. Rod- heim 440 P. 6. Wieseck II 434 P.; 7. Fronhausen 421 P.
Die besten Einzelleistungen erzielten: 1. Karl Betin, Wieseck, 112 P., 2. Adolf Kreiling, Wieseck, 109 P.; 3. Otto Kreiling, Wieseck, 104 P.; 4. Karl Wagner, Launsbach, 103 P., 5. Ludwig Fink, Staufenberg, 103 P., 6. Rudolf Pfaff, Launsbach, 102 P.: 7. Ruppert, Weidenhausen, 101 Punkte.
Ser Mmlalibersport der Studentenschaft.
Rachbem den Winter über bisher auch fleißig ber Schießsport durch unsere Studentenschaft gepflegt worden war, beteiligte sich eine größere Zahl Schützen an einem vom Studentenausschuß für Leibesübungen der Llniversität Marburg ausgeschriebenen Postwettkampf. Der Zeitpunkt war 24. bis 30. Januar, die Bedingung, die auf dem hiesigen Stand zu schießen war, bestand im Schießen von je fünf Schuh liegend freihändig und stehend freihändig bei einer Entfernung von 50 Meter und offenem Stand. Die Wettkampfbedingungen des Reichsvcrbandes deutscher Klein- kaliberfchühcnverbände waren maßgebend. Es wurde Mannfchafts- und Einzelkampf gewertet.
Bon unserer Universität beteiligten sich hieran 6 Mannschaften und außerdem 12 Einzelschüßen.
Die Ergebnisse der besten Mannschaften waren: Korps Silvania (Jancke, Klei- böhmer, Grabenstedt, Heinrichs) 329 Ringe: Burschast Germania (Petri, Wer, Bitter, Moos) 301 Ringe: Burschenschaft Frankonia I (Dingel- dey. Weiß, Fidera, Kümmel) 249 Ringe: Korps Hassia, Etarkenburgia (Wolf. Schwieder, Schröter. Sachs) 235 Ringe.
Die Ergebnisse der besten Einzel - schützen, die zum Teil in den Mannschaften mitschosscn^toaren: Jancke (Silv.) 98; Grabenstedt (Silv.) 92; Petri (Germ.) 83; Mester (Hasso- Rhenania) 82; Bitter (Germ.) 81; Heinrichs (Silv.) 79; Sachs (Starkbg.) 79; Bernhardt (Frank.) 78, Kümmel (Frank.) 77; Moos (Germ.) 75, Weih (Frank.) 73; Reh (Wing.) 71.
Wie die Universität in diesem Winter im
Schießen im Verhältnis zu anderen Universitäten steht, wird der Postwettkampf von Marburg zeigen, da hieran 15 Universitäten teilnahmen. — Am 7. und 8. Februar wird sich noch ein» Schiehmannschast am Kamps um die südwestdeutsche Hochfchulmeisterschaft in Frankfurt a. M. beteiligen.
Sport oder Sensation?
Wettkampf zwischen Flugzeug und Auto bei den Eibseerennen.
Walter Glaß österreichischer Skimeister.
Der die Oesterrcichischen Skimeisterfchasten ab- schlichende Sprunglauf hatte am Sonntag in Schwaz eine große Zuschauermenge angelockt, di« glänzende Sprungleistungen zu sehen bekamen. Der Thüringer Walter Glaß-Klingenthal erzielte drei ausgezeichnete Sprünge von 50,5, 53,5 und 53 Meter und holte sich durch seine gute Placierung im Langlauf auch den Meistertitel von Oesterreich mit Rote 1004,02 vor dem Wiener Harald Bosio 978.88.
Hein Müller deutscher Schwergewichtsmeister.
Bei den Berufsboxkämpfen am Sonntag in • Dortmund vermochten 8000 Zuschauer die geräumige Westfalenhalle nicht ganz zu füllen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Kampf um die deutsche Schwergewichtsmcisterfchaft zwischen dem Titelverteidiger Hans Schönrath, Krefeld (180,4 Pfund), und dem Herausforderer Hein Müller, Köln (175). Der von beiden mit groher Vorsicht, aber trotzdem starker Verbissenheit ge- sührte Kampf endete nach 12 Runden mit dem Punktsieg Müllers, doch wurde das Urteil vom Publikum mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen, da man ein Unentschieden als gerechte» angesehen hätte.
Westdeutsche Zußball-Endspiele.
Der WSV.-Spielausschuß hat für die Endspiels um die westdeutsche Fußballmeisterschaft folgend« Spieltage festgesetzt: 8., 15. und 23. März, 12., 19. und 26. April und 3. Mai. Bekanntlich spielen dis Bezirksmeister in zwei Gruppen, deren Sieger in Vor- und Rückspiel den westdeutschen Meister ermitteln.
Die Heine Aicoleile.
Roman von Paul Oom
36 Fortsetzung Nachdruck verboten
Sie lächelte dankbar — nickte ihrem Begleiter am Flügel zu — es wurde still - totenstill — ein paar klingende, Helle Eingangsakkorde tönten silbern - und dann strömte Sigrid Onegins Gesang über die Menschen hin wie ein warmes, beglückendes Windrauschen, in dem die Blumen, die Bäume, die Wolken aas ihrer Stimme sprachen und die ganze zärtliche, klingende Seligkeit eines schönen Frühlings- hoffens sich leidenschastlich ergoß.
Es war ein scherzyast-wehmütiges Lied von Strauß, das von einem Mädchen handelte, das beim ersten Frühlingswind auf den Geliebten wartet, der des Weges kommen muh. Schelmerei und bange Sehnsucht und zukunftsfrohe Lust war in dem Lied, und die Sängerin ließ all das wunderbar warm und lebendig in ihrer Stimme auffiingen.
Schon nach diesem ersten Lied waren alle Zuhörer eingehüllt und gefangen von der Stimme.
Sigrid Onegin sang Lied für Lied!
Zwischendurch gab ihr Begleiter Solovorträge aus dem Flügel und erwies sich als ein Pianist von ebenbürtigem Künstlertum.
Ganz feierlich war Wördehoff zumute. So leicht und frei fühlte er sich. Er war ganz hingegeben und in seiner Seele klang leise die Sehnsucht nach Ricolette.
Run endlich wieder ein Solovortrag des Pianisten. Beifall belohnte ihn. Aber schon trat die Sängerin von neuem an die Rampe und nannte ein neues Lied — das letzte vor der Zwischenpause.
Es hieb ..Das vergessene Königreich." Sie sprach noch ein paar Worte dazu, die Wördehoff nicht verstehen konnte, ebenso wie er auch den , Titel auf seinem entfernten Platz nicht gehört hatte. Aber ihm war mit einemmal, als schlüge sein Herz ganz langsam, als wehe ein kühler Wind um ihn, und es war doch so heih im Saal. Als rücke alles um ihn herum ab. die Menschen, die Wände, die Pfeiler, das Podium. und er sähe da in einer groben Leere
Das Vorspiel setzte ein. Leise, romantisch, tote Spinettklänge aus einer verstaubten Zeit. Ganz still war es im Saal.
ilnb dann löste sich anklingend eine Melodie daraus hervor, zaghaft — verschwommen, ver
klang wieder, um nun der schönen Frauenstimme die Führung zu überlassen.
Wördehoff sah wie bezaubert da.
Herrgott, die Melodie, die Melodie — wo hatte er sie in ihrem Anfang schon einmal gehört? Wo nur? - Blätterrauschen war darin
Burgromantik! - ilnb wo kamen diese Worte her? — Herrgott! - Herrgott!
Märchen - Märchen! War es denn möglich? Er hörte seine eigenen Worte? Die er einst Ricolette in den Schob legte!
„ßin jeder hat sein eigen Schloß
Voll heimlich-stiller Räume, And zieht auf einem weihen Roh Durch blumenbunte Träume.
Ein jeder hat sein Königreich, Das ihm sein Gott einst schenkte In einer Stunde, blütenreich.
Die sich vom Himmel senkte.
Lind doch zieht jeder wie ein Kind,
Wie Tristan in die Weite, Daß er sich Glück und Glanz geschwind Mit Schwert und Spieß erstreite.
Lind ahnt doch niemand, wo und wann Er Schloß und Roh versäumte.
Lind wo voll Müdigkeit er dann Ein Königreich verträumte.
Lind erst wenn er dem Rarren gleich Steht vor den letzten Toren, Weih er, daß er sein Königreich Vergessen und verloren — —“
Das Lied war zu Ende.
Wieder klang die Begleitung mit seinen Spi- nettönen aus.
Wördehoff blickte um sich. Sah, wie die Menschen Ratschten - wie sie sich erhoben, um nach dem Foyer zu drängen.
Also hatte - Kinna sein Lied vertont? Ja - wann denn? Er sollte doch nicht —
Da faltete er das Programm auseinander. Hatte schon gesunden, was er suchte.
„Das vergessene Königreich. Tert von Hubert Wördehoff. — Letzte, nachgelassene Vertonung von Professor Gottsried Kinna t“
Ihm war, als wurde plötzlich alles dunkel vor seinen Augen. Kinna — tot?! Er biß die Zähne in die Lippen.
Lind - er wußte nichts davon? 3a. tote war denn das möglich? Das — konnte doch nicht sein! „Ricolette!" stich er hervor.
Schob das Programm in die Tasche. Sprang auf. Rannte hinaus. Stand plötzlich auf der
Straße. Er wußte selbst kaum, wie er hinausgekommen war. Grell blitzten die Lampen über dem Asphalt. Autos raffelten hupenheulend vorbei. Schienen flirrten. Wie leblos stand er da.
„Kinna tot? Lind — ich weih es nicht?"
Die Frage dröhnte immer wieder durch sein Hirn. Er ging mit langsamen Schritten davon. Wie schlafwandelnd.
„Ricolette — Ricolette — — und ich weiß von nichts? Das ist — doch nicht — wahr?"
Da entspannte sich sein Gesicht. Ricolette — mußte geschrieben haben! Aber der Brief — —
Ihm fiel eine Szene ein — beim Anwalt. Er und Rorma. Eine Frage Rormas an ihn — so über die Schulter:
„Du erhältst doch Briese — von Fräulein Kinna?"
Er verneinte.
Rorma lächelte. Ein — wissendes Lächeln. Es war ihm ausgefallen. Sine Viertelstunde später hatte er's vergessen.
Hatte Ricolette doch geschrieben? An — seine alte Adresse am Karlsgarten? Zur Zeit, da er schon allein wohnte? Lind Rorma hatte den Bries — behalten?!
Ah — so konnte es fein! Rorma war auch dazu fähig:
„Hallo —!“
Er rief ein Auto an. Rorma spielte im Theater. Allabcirdlich. Er mußte hin — sofort!
„Reues Theater! Aber schnell, schnell!"
Seine Rerven zuckten!
Ah — wenn es wirklich so war, daß Rorma Briefe unterschlagen hatte! Lind Ricolette — in ihrer Verzweiflung allein — in ihrem Glauben an ihn erschüttert!
Er ballte die Fäuste.
Wußte nicht, wie er ins Theater tarn — hinter die D-hne — hörte plötzlich Dr. Römers Stimme:
„Ranu? Herr Wördehoff? Ist die Kulissenluft doch stärker?"
Da faßte er sich.
„Wo ist Rorma Relson?"
„Aus der Buhne. Aber sie muß bald abtreten."
„Ich will sie sprechen."
Dr. Römer zog die Augenbrauen hoch. Wörde- hofss Erregung entging ihm nicht.
„Was ist denn?"
„Ah — nur eine Kleinigkeit. Lassen Sie —"
„Hm — —"
Römer hielt es für geraten, zu bleiben. Gleich daraus hörte man Klattchen — vom Zuhörerraum her — B..hnenarbeiter tauchten auf — der Inspizient lieh sich sehen. Der Vorhang hatte sich gesenkt. Die Arbeiter bekamen Arbeit für den nächsten Akt.
Rorma tauchte aus den Kulissen auf. Dio Lippen hellrot gefärbt. Etwas erhitzt. Lebhaft.
Wördehoff trat ihr in den Weg. <
„Wo hast du die Briefe gelassen, die —« Fräulein Kinna mir geschrieben hat?"
Sein Gesicht war drohend.
Lind Rorma war auf diese unerwartete Frag« nicht gefaßt.
So verriet sie sich.
„Dir nachgeschickt", sagte sie kühl.
Wer konnte ihr das Gegenteil beweisen?
Wördehoff lachte rauh auf.
„Also — vernichtet, wie? Ich danke dir! Das war deine letzte Grausamkeit." Er wußte genug.
Ricolette hatte also geschrieben. Wann — wie oft — er würde es jetzt nicht erfahren, das wußte er. Brüsk wandte er sich um und ging ohne Gruß davon.
Rorma zuckte die Achseln. Warum füllten Briefe nicht verlorengehen? Was war schon daran. Er würde schon noch erfahren, was darin stand.
3a — Ricolette hatte zweimal geschrieben. 51 nb der letzte Bries vor zwek Wochen wcrr — bie Todesnachricht gewesen. Rorma hatte ihn gelesen. Aber Ricolettes Rus an Wördehoff: „Komme, Hubert, komme zu mir — das Schloß ist so öde —" hatte sie wenig gerührt. Ebensowenig wie der Dries des Dr. Windthorst, bec Wördehoff bat, umgehend auf dem Schloß nach dem Rechten zu sehen, da er infolge eines alten Leidens sofort nach Italien reifen müsse. Er hätte die Praxis einem Vertreter überlassen. Dazu einige Zeilen über K.nnas Tod. Während einer vorübergehenden Bciierung hätte er Wörde- Hoffs Gedicht vom Königreich komponiert, ganz heimlich, bann sei es schnell bergab mit ihm gegangen.
Das war Rormas letzte, sinnlos-törichte Rache.
Wördehoff fuhr nach Hause. Gepeinigt von quälenden Gedanken, die Ricolette galten. Rur schnell fort von hier — fort — zu ihr hin. Er schlug im Kursbuch nach.
Gott sei Dank — ein Rachtzug ging noch^ Allerdings nicht bis zu der kleinen Bahnstation des Städtchens, er mußte von der letzten Station ein gut Stück zu Fuß wandern. QCber er kam immer noch frütjer an Ort und Stelle, als wenn er bis zum rSßormittag auf den durchgehenden Zug warten Ibürbe. Lind er hätte es nicht ausgehalten, bie Rächt über tatenlos hier zu ver- grübcln. —
In aller Hast packte er bas Rottvendiciste ein und fuhr zum Bahnhof. —
(Schluß folgt.)


